3

[31] Hildegard hatte durch das Adreßbuch die Wohnung von Frau von Werdern erfahren. Dorthin lenkte sie jetzt ihre Schritte. Die Dame wohnte in der Charlottenstraße; bald war ihr Haus erreicht. Mit Herzklopfen klingelte die junge Frau an einer Thür des zweiten Stockwerks und gab ihre Karte dem öffnenden Mädchen. Gleich darauf wurde sie in einen Salon geführt, in dem ihr eine ältere Dame entgegentrat.

Was ihr die Ehre verschaffe? Sie wies leicht auf einen der herumstehenden Sessel und ließ sich selbst nieder. Hildegard stotterte zuerst einige Phrasen, dann sagte sie:

»Es ist eigentlich kühn von mir, Sie, gnädige Frau, zu belästigen. Ich bin fremd hier, kenne keinen Menschen, und wollte Sie bitten, mir gütigst die Adresse von Frau Blatt mitzuteilen.«

»Ah«, Frau von Werdern zuckte bedauernd die Schultern, »das thut mir leid. Meine Freundin ist heute Morgen abgereist.«[31]

Hildegard erblaßte. »Abgereist? Nach Frankfurt?«

»Ja, nach Frankfurt. Sind Sie bekannt mit ihr?«

»Wir schrieben einander ab und zu. Sie war so liebenswürdig, mir ihre Schriften zuzuschicken, nachdem ich ihr einmal mitgeteilt hatte, wie sehr ich mich für sie und die Richtung ihrer Thätigkeit interessiere.«

»Das freut mich sehr. Je mehr Freunde wir uns gewinnen, um so sicherer wird die Aussicht, unsere große Aufgabe zum Sieg zu führen. Es wäre an der Zeit.«

»Ja, es wäre an der Zeit« bestätigte Hildegard. »Das Verhältnis, das die Frau gezwungener Weise zur Gegenwart, zu all den neuen herrlichen Fortschritten einnimmt, ist ein geradezu unerhörtes.«

Frau von Werdern nickte zustimmend. Ihre grauen Augen blickten mit erwachendem Interesse auf Hildegard.

»Sie sprechen wohl aus – Erfahrung.«

Die junge Frau errötete leicht.

»Gewiß gnädige Frau. Ich habe ein Leben der Bequemlichkeit, der Sorglosigkeit hinter mir gelassen, um mich ganz in den Dienst der großen Aufgabe zu stellen, die uns Frauen zugefallen ist.«

»Ja es ist eine große Aufgabe, und wir werden siegen. Sie sind verheiratet?«

»Ich war es.«

»Hm, ich verstehe. Lebt Ihr Mann?«

»Oja, er ist kaum älter als ich.«[32]

Frau von Werdern wollte offenbar nicht als neugierig erscheinen und lenkte das Gespräch auf anderes. Was Frau Wallner eigentlich von Eugenie Blatt gewünscht habe. Ob es nur ein Besuch sein sollte.

»O, viel mehr« antwortete Hildegard. »Ich wollte Frau Blatt bitten – ich habe, wie gesagt, alles hingegeben um der Sache willen – ich wollte sie bitten, mir irgend eine Beschäftigung zu nennen, durch die ich mir die notwendigsten Mittel zum Leben erwerben könnte. Ich möchte nämlich nicht gerne die Unterstützung meines Mannes in Anspruch nehmen. Ich selbst bin vermögenslos.«

»Was ist Ihr Mann?«

»Maler.«

»Ah, Künstler. Und über welche Kenntnisse verfügen Sie, wenn ich so fragen darf?«

»Ich spreche englisch und französisch, zeichne ein wenig –«

»Hm, hm!« Frau von Werdern nickte gedankenvoll mit dem Kopfe. »Es ist ein so starker Andrang; wir können kaum noch jemand beschäftigen. Damen aus den ersten Kreisen stellen sich uns kostenlos zur Verfügung. Sie wohnen im Hotel?«

»Nein, ich habe mir ein Zimmer für einen Monat gemietet. Aber ich würde es sofort aufgeben – –«

»Nein, nein, das hätte ja keinen Zweck« meinte[33] Frau von Werdern. »Bleiben Sie nur ruhig dort wohnen, bis Sie ein sicheres Unterkommen gefunden haben. Und ganz in Stellung möchten Sie nicht, ich meine etwa als Gesellschafterin, Hausrepräsentantin oder Ähnliches?«

»Nein, nein, das möchte ich nicht.« Hildegards Stimme zitterte leicht. »Eine solche Unterordnung unter fremden Willen wäre mir unmöglich. Ich bin an Freiheit gewöhnt. Ich that immer, was ich wollte.«

Frau von Werdern lächelte ein wenig.

»Was haben Sie sich eigentlich vorgestellt, als Sie hierher kamen?«

»Vorgestellt? O gnädige Frau, nur das Schönste. Ich hoffte, ich würde eine Stellung finden, die – ich habe übrigens über diesen Punkt wenig nachgegrübelt« setzte sie in leichter Verlegenheit hinzu. »Eines Tages, als es mir zu unerträglich zu Hause wurde, sagte ich einfach meinem Manne: ›Nun möchte ich fort‹, und er antwortete: ›Thue, was Du nicht lassen kannst‹«.

»Er gehört wohl zu den Murgerschen Künstlergestalten?«

Hildegard lachte.

»Im Gegenteil. Er ist ein sehr ernster Mensch, Pedant sogar. Was mich – aber ich weiß nicht, ob es Sie interessiert, die Schicksale einer Ihnen fremden Frau –«

»O bitte sehr« wandte Frau von Werdern ein,[34] »mich interessieren die Schicksale eines jeden Menschen, und die natürlich ganz besonders, die Eine der Unseren betreffen.«

Hildegard verneigte sich leicht.

»Auch habe ich zufällig noch eine Viertelstunde frei«, die Vorsteherin warf einen Blick auf ihr Uhrarmband, »und wenn Sie mich Ihres Vertrauens –«

»Nun, es ist nichts Spannendes, gnädige Frau, das ich Ihnen erzählen will. Es ist ein, wie ich glaube, uralter Zwist. Künstler, insbesondere Maler, dürften nie heiraten. Mein Mann beschäftigte sich viel mit Aktstudien und war stunden- und tagelang mit seinen Modellen zusammen. Die erste Zeit schwieg ich und duldete stumm. Dann ertrug ich es nicht länger. Ich machte ihm Vorstellungen. Er lachte mich aus. Das gehöre zu seinem Beruf und so weiter. Was es mit unserer Liebe zu thun hätte? Aber ich konnte nicht darüber hinwegkommen. Je reifer ich wurde, desto verabscheuungswürdiger erschien mir diese Seite seiner künstlerischen Thätigkeit. Ich verbot ihm einfach, Modelle zu empfangen. Er bewies mir, daß dies ein unmögliches Verlangen wäre, erinnerte mich an den guten Namen, den er sich bereits mit seinen Bildern erworben hätte, und ob ich durch meine Launen seine ganze Zukunft vernichten wolle. Ich verschloß mir die Ohren vor seinen Argumenten, ich wußte, was mir als Gattin[35] zukam. Und nun« – Hildegard hielt inne, und errötete stark, »nun kommt das Ärgste. Wissen Sie, was er mir eines Tages sagte? ›Gut‹, sagte er, ›wenn ich die Anderen abschaffen soll, dann sei Du mir Modell‹. Ich wollte damals in meiner begreiflichen Entrüstung sofort das Haus verlassen; nur den Anstrengungen meiner Freunde gelang es, mich zurückzuhalten. Aber von diesem Tage an war eine große Kälte über mein Herz gekommen. Ein Mann der so etwas von seiner Frau fordern kann, ist kein anständiger Mensch, sagte ich mir. Nachdem meine Empörung ihm genugsam die Augen über die Frivolität seiner Forderung geöffnet hatte, redete er kein Wort mehr von dieser Sache. Er verreiste für einige Zeit ins Hochgebirge. Als er wieder zurückkam, kündigte er das Atelier, unsere hübsche, große Wohnung, und mietete eine viel kleinere. Auf meine erstaunte Frage, was dies zu bedeuten habe, sagte er mir kurz, er brauche kein Atelier mehr, er hätte die Malerei aufgegeben. ›Und was wirst Du thun?‹ fragte ich entrüstet – denn da wir nicht wohlhabend sind, war es sein Verdienst, der unsere Lebensbedürfnisse deckte. Wenn er ihn aufgab?

›Ich werde Theetassen für eine Porzellanfabrik malen‹ beruhigte er mich in einem Ton, von dem ich nicht wußte, war er bitter oder höhnisch. Und richtig: er begann auf Porzellan zu malen und fertigte Stoffmuster[36] an, die eine Kattunfabrik bei ihm bestellte. Wir zogen in die kleine Wohnung. Es begann ein ödes Leben. Ich befand mich in den engen Verhältnissen gar nicht wohl und verschonte Einhart nicht mit Vorwürfen. Was meinen Sie, was er mir entgegnete? Nichts. Er schwieg. Kann es eine empörendere Antwort geben? Zuletzt schwieg auch ich, und wir sprachen fast gar nicht mehr miteinander.

In dieser Zeit kamen mir zufällig Bücher, die die Frauenfrage behandelten, in die Hände.

Ich verschlang sie. Ja, das wars.

Die Frau muß den Launen des Mannes gegenüber sichergestellt werden. Es müssen ihm darüber die Augen geöffnet werden, daß sie das Recht hat, von ihm eine Behandlung zu fordern, wie er sie Seinesgleichen zuteil werden läßt. Ich hatte meinen Boden gefunden. Ich schrieb an Eugenie Blatt, an Karoline Weigel, und an viele andere, die an der Spitze dieser herrlichen Bewegung stehen. Auch Ihren Namen, gnädige Frau, verfolgte ich mit Bewunderung. Eines Tages bemerkte ich meinem Mann ruhig, daß ich mich nach neuen Verhältnissen sehne, und daß ich nach Berlin reisen wolle, um dort an dem großen Werke der Frauenbefreiung mitzuthun! Er schwieg lange; dann meinte er, ich möge thun, was ich für gut hielte; nur eins solle ich ihm gestatten: mich die ersten Monate hindurch mit[37] dem notwendigsten Geld zu versehen. Anfänglich war ich geärgert über diese merkwürdige Zumutung – unsere Scheidung ist noch nicht eingeleitet, wird es aber bald – dann erklärte ich mich bereit, für die erste Zeit seine Unterstützung anzunehmen.

Und so bin ich hier.«

»Hm, hm.« Frau von Werdern sah mit unverhohlenem Interesse in das schöne vom Sprechen gerötete Gesicht der jungen Frau.

»Unverstanden! Das ist eben die Tragik des Weibes!«

»Sie haben das rechte Wort gefunden« rief Hildegard.

Dann schwiegen beide.

Frau von Werdern blickte auf ihre Uhr und erhob sich.

»Entschuldigen Sie mich, ich muß fortgehen. Die feste Aussicht auf eine Stellung kann ich Ihnen nicht geben, liebe Frau Wallner, aber was ich thun kann, werde ich für Sie thun, des seien Sie versichert. Vor der Hand bleiben Sie ruhig in der Wohnung, die Sie haben, verzagen Sie nicht, und lassen Sie ohne Gewissensbisse Ihren Gatten Ihre Rechnungen bezahlen. Man muß die Schwäche ausnützen, da man sie nicht bewundern kann, und Ihr Mann ist schwach, wie mir aus allem hervorzugehen scheint. Haben Sie einen Erwerb[38] gefunden, der Ihnen Geld einbringt, gut, dann können Sie Herrn Wallner ja alles zurückerstatten. Sonnabend Nachmittag empfange ich. Es wird mich freuen, Sie meinen bekannten Damen vorstellen zu können.«

Hildegard drückte ihr die Hand. »Vielen Dank, und wenn ich bitten darf, meine Grüße an Frau Blatt.«

»Gerne.«

Die beiden Frauen nickten einander zu, dann entfernte sich Hildegard.

Sie lächelte froh, als sie die Treppen hinabstieg.

Die Hoffnung, die sie zu verlassen gedroht hatte, faßte wieder festere Wurzeln in ihr. Peinlich war's ja, noch Geld von Einhart annehmen zu sollen, aber wenns nicht anders ging? Das einzig Tröstliche dabei war die komische Seite, die seine Güte besaß. Er unterstützte sie im Krieg gegen die Männer, also gegen sich selbst. Er gab ihr die Mittel an die Hand, sich von ihm zu befreien. Wie einfältig ist doch ein Mann, dachte sie; niemals würde sich eine Frau so mißbrauchen lassen. Und sie lächelte vor sich hin, trat in eine Restauration, und bestellte sich ein Mittagessen. Plötzlich mitten in ihrem sonnigen Behagen fiel ihr ihr Zimmer unter den Linden ein. Das schreckliche Zimmer! Ob alles nur ein Traum war? O wenn sie doch mehr Geld besessen hätte! Sofort würde sie ausziehen.[39]

Quelle:
Maria Janitschek: Die Amazonenschlacht, Leipzig 1897, S. 31-40.
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