Zweite Szene.

[63] Vorige. Christoph.


CHRISTOPH eilt herein. Euer Gnaden, Euer Gnaden, was ist denn das? – Im Saale sind schon alle Gäste zur Verlobung versammelt – und das Fräulein Braut –

ROBERT. Nun – was ist's mit ihr?

CHRISTOPH. Im Augenblick ist sie, ihr Papa und der Advokat aus dem Schlosse gefahren.

ROBERT. Fort? – Fort? –

CHRISTOPH. Fort! – Ich bitt, Euer Gnaden, was tun wir jetzt – wo nehmen wir in der Geschwindigkeit eine Braut her?

ROBERT. Vetter! Entschuldigt mich bei den Gästen!

HELFER. Wie aber – unter welchem Vorwande?

CHRISTOPH. Das ist leicht; wir kündigen an: Wegen plötzlicher Heiserkeit der Braut kann die Vorstellung nicht stattfinden.

ROBERT. Erwähnt ihrer nicht; – sagt, ich sei plötzlich unwohl geworden. – Es ist auch die Wahrheit – ich fühl's, ich bin krank; – laßt deshalb auch niemanden zu mir, ich will allein bleiben.

HELFER. Nein, nein! In dieser Stimmung lasse ich dich nicht allein.

CHRISTOPH zu Helfer. Sie haben recht, allein darf man ihn nicht lassen; aus seinen Augen schaut ja beinahe ein ganzes Sortiment von Selbstmordgedanken! Aber gehen Sie nur indes hinüber und sehen Sie, daß Sie die Gäste auf eine gute Art fortbringen. – Ich bleibe da.[64]

HELFER. Nun wohl – suchen Sie ihn aufzuheitern – ich bin sogleich wieder hier. Ab.

ROBERT ist aufgestanden und geht mit verschränkten Armen auf und nieder.

CHRISTOPH für sich. Ich soll ihn aufheitern! – Das ist leicht gesagt, – aber wie? Wenn mir nur was einfallen möchte! – Ich brauchte jetzt ein paar gute Gedanken so notwendig wie einen Bissen Brot; – ich werd's probieren. Geht ihm nach. Euer Gnaden! – Für sich. Er hört mich nicht! Etwas lauter. Euer Gnaden! Für sich. Mir scheint, das Herzübel hat sich auf seine Ohren schlagen. Zieht ihn am Rockschoß. Euer Gnaden! –

ROBERT auffahrend. Was willst du denn? – Was machst du überhaupt noch hier? – Ich will allein sein! – Geh!

CHRISTOPH. Euer Gnaden! Wenn Euer Gnaden jetzt allein bleiben, so sind Sie ja in der schlechtesten Gesellschaft!

ROBERT drohend. Christoph!

CHRISTOPH. No ja, mit so ein'm närrischen Ding da – allein im Zimmer auf- und abrennen – das ist ein schlechter Spaß!

ROBERT. Mach' mich nicht böse, Bursche!

CHRISTOPH. Recht so; machen Sie mich aus – zanken Sie recht mit mir – heißen Sie mich meinetwegen was – ich halt' an – ich geb' mich zum Blitzableiter Ihrer üblen Laune her. – Mir ist's lieber, Sie wüten gegen mich als gegen sich selbst; gehen Euer Gnaden, sein Sie recht grob mit mir!

ROBERT. Du bist ein Narr!

CHRISTOPH. Bravo – nur zu so – ich bitt' noch was –[65]

ROBERT geht wieder schweigend auf und nieder.

CHRISTOPH für sich. 's ist noch nicht vorbei; und solange es nicht gedonnert und geblitzt hat, ist kein heiterer Himmel zu hoffen.

ROBERT. Laß mein Pferd satteln, ich will ausreiten.

CHRISTOPH. Aber, Euer Gnaden – was ist das für ein Einfall? – Bei den Gästen lassen Sie sich krank melden und dann wollen Sie spazierenreiten; – sollen denn die Leute glauben, daß Sie eine Roßkur brauchen?

ROBERT. Du hast recht – ich kann nun nicht aus – und doch – doch ist mir hier die Luft so drückend – die Mauern so enge – ich kann mich hier der empörenden Gedanken nicht erwehren.

CHRISTOPH plötzlich einen Gedanken fassend. Euer Gnaden – ich hab's!

ROBERT. Was?

CHRISTOPH. Ich hab's! Einen prächtigen Gedanken, das beste Mittel, Sie zu zerstreuen; – wir stellen eine Maskerade an.

ROBERT. Eine Maskerade?

CHRISTOPH. Ja, Maskerade! Schauen Euer Gnaden, im Grunde ist die Welt nichts als eine Redoute; jeder sucht anders zu erscheinen, als er wirklich ist! Einer neckt den andern und der Kluge könnte jeden mit dem beliebten Maskenwitz ansprechen: O du, ich kenn' dich! Und darum wär' mein Rat, Euer Gnaden sollten einmal die allgemeine Mode mitmachen.

ROBERT. Wie meinst du das?

CHRISTOPH. Ich will Euer Gnaden so zurichten, daß Sie, wenn Sie sich im Spiegel sehen, sich[66] selbst mit »Herr von« anreden und dann – dann ehen Euer Gnaden mitten unter Ihre Freunde – unter Ihre Beamten – unter die Leute im Ort; hören Sie, wie man über Sie spricht – schimpfen Sie mitunter ein bißchen über sich selbst und sehen Sie, ob nicht einer oder der andere aufsitzt. – Oh – es kann einen Hauptspaß geben!

ROBERT den Gedanken aufgreifend. Der Gedanke ist gut!

CHRISTOPH. Nun ja, mitunter findet ja auch eine blinde Henne ein Körndl. – Also, wollen Euer Gnaden von diesem Erzeugnisse meines Gehirns Gebrauch machen?

ROBERT. Ja, ich will.

CHRISTOPH in die Höhe springend und in die Hände klatschend. Bravo! Bravo! Jetzt kann's angehen! Aber nicht wahr, Euer Gnaden, ich, ich darf auch verkleidet mitgehen? – Dazu hab' ich ein außerordentliches Talent, schon von frühester Jugend her; – schon als zwölfjähriger Bube habe ich, als auf unserem Stadttheater: »Der Diamant des Geisterkönigs« gegeben wurde, einen ehrenvollen Ruf erhalten, einen der im Stücke vorkommenden Pudel darzustellen, und ich konnte von meiner Leistung als solcher stolz sagen: »Jeder Zoll ein Pudel!« O geben Euer Gnaden nur acht, diese Maskerade soll uns Stoff zum Lachen auf ein paar Jahre geben.

ROBERT. Ich will dem Geschicke danken, wenn mir diese Verkleidung nur zum Lachen Stoff gibt.

CHRISTOPH. Nun wozu denn, doch nicht zum Weinen? Das wäre lächerlich!

ROBERT. Das Mißtrauen hat sich in mein Herz eingeschlichen; ich hielt die Welt bisher für[67] gut, weil ich sie für gut hielt, denn in ihr erkannte ich meine Welt. Blickt wieder trübe vor sich hin.

CHRISTOPH. Aber, wer wird denn in einem Frauenzimmer seine Welt finden; da ist doch gar keine Ähnlichkeit! Bedenken Euer Gnaden nur, wie viele tausend Jahre besteht die Welt schon, und bleibt sich doch immer gleich und beständig und hängt durch ewige Zeiten treu an ihrer Sonne; das soll einmal ein Frauenzimmer probieren! Wenn uns're Welt da – die Erde, wie ein Frauenzimmer wär', so hielte sie's schon lange nicht mehr in diesem angewiesenen Gange um die Sonne aus, – sondern wär' schon der Neuheit wegen, dem nächsten besten Kometen nachgerennt. Nein, Euer Gnaden! – Statt in einer Geliebten seine Welt zu erkennen, ist es besser, die ganze Welt als seine Geliebte zu betrachten.


Beide ab.


Verwandlung.

Wohnung der Frau von Brigge, ein ziemlich elegant eingerichtetes Zimmer – aber im Charakter einer Landwohnung – im Hintergrund ein Fenster, welches gegen die Straße führt.


Quelle:
Friedrich Kaiser: Ausgewählte Werke. Band 1, Wien, Teschen, Leipzig [1913], S. 63-68.
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