Siebente Szene.

[95] Helfer. Christoph.


HELFER. Er ist verloren – keine der schönen Hoffnungen, die ich von ihm hegte, wird erfüllt! – Wenn's aber zum Äußersten kommt – dann – o Himmel! Ich zitt're selbst vor dem Gedanken; – aber ich fürchte, ich fürchte, es bleibt nur der eine Ausweg über! – Herr Christoph – sagen Sie mir – wenn ich nicht irre, war die Sprache von einer Vermählung? – Hörte ich recht?

CHRISTOPH welcher sich nachlässig in den Diwan geworfen und sich auch eine Zigarre angebrannt hat. Oui! Sie[95] dürfen mit Ihren Gehörswerkzeugen vollkommen zufrieden sein!

HELFER. Mit wem? Mit wem?

CHRISTOPH. Wissen Sie das noch nicht, wovon schon die ganze Stadt voll ist? – Wir heiraten die Frau von Goldheim –

HELFER. Wie? – Was? Diese Frau – die als übermütig, stolz und hartherzig bekannt ist? Diese Heirat wäre der Schlußstein seines Verderbens. Indem er diese Ehe schließt, versperrt er sich selbst den Weg zur Rückkehr – nein – nein, er darf nicht!

CHRISTOPH. Hahaha! Das kostet mich eine Portion Hohngelächter. – Er darf nicht! 's ist nur schade, daß er Sie wahrscheinlich nicht um Erlaubnis bitten wird.

HELFER mit Bestimmtheit. Ich sage Ihnen, diese Ehe wird nicht geschlossen! Noch einmal will ich mit ihm sprechen.

CHRISTOPH. Wird ihm ein außerordentliches Vergnügen sein.

HELFER. Noch einmal – und hört er mich nicht, will er seinem Verderben entgegen eilen, dann reiße ich ihn mit Gewalt zurück; es kostet mich ein Wort – ein einziges Wort, und so wahr ich einst ruhig sterben will, ich spreche dieses Wort aus! Eilt ab.

CHRISTOPH nachdem Helfer abgegangen. Der wächst sich ganz auf den Solon hinaus, der gegen einen gewissen Krösus auch so impertinent diskuriert hat. – Mein Gott! Was sich die Leute immer nach Beispielen aus der Geschichte richten wollen! Da sind s' übel daran; denn es gibt eine Menge Ereignisse, die zwar historisch wahr, aber doch heutzutage nicht anwendbar sind.
[96]

Couplet.


1.

So mancher hat's Ehrenwort immer im Mund,

Borgt Geld, schwört auf Ehre er zahlt es zur Stund';

So oft er ein'm Mädel macht schwindelnd die Cour,

Verspricht er: »Auf Ehre!« die heirat' ich nur;

Sogar im Kaffeehaus, wann's Geld schon ist hin,

Spielt er noch um d'Ehre die letzten Partien.

Wenn man da an Regulus denkt in der G'schicht'

Der nur mit sein'm Wort seine Rückkehr verspricht,

Der weiß, daß die Feind' ihm den Martertod geb'n,

Und doch lieber stirbt, als so wortbrüchig z'leb'n: –

Das ist gewiß historisch wahr,

Doch heutzutage nicht anwendbar!


2.

Wir leben im Zeitalter der Industrie,

's Maschinenrad rädert jetzt die Poesie,

»Nur praktisch!« das ist jetzt der Wahlspruch im Leb'n,

Und will schönern Träumen sich einer ergeb'n –

Und widmet der Dichtkunst er sich ganz und gar,

So sagen die g'scheiten Leut': »Das ist ein Narr!«

Wenn man so an Sophokles denkt in der G'schicht'!

Als wahnsinnig sollt' ihn erklär'n das Gericht,

Da schrieb er ein Trauerspiel und drauf, wie bekannt,

Beugt' sich selbst der Richter vor seinem Verstand:

Das ist gewiß historisch wahr,

Doch heutzutage nicht anwendbar!


3.

Es dient einer in einer Herrschaftskanzlei,

Der macht alle Wochen drei Tag' g'wiß sich frei,

Und ist er da, läßt er die Arbeit hübsch lieg'n

Und liest höchstens Zeitungen zu sein'm Vergnüg'n;[97]

Und doch avanciert er noch außer der Tour,

Denn der Chef ist sein Vetter – das schützet ihn nur! –

Wenn man da an Brutus denkt in der G'schicht',

Der schonte die eigenen Söhne selbst nicht,

Und weil sie gefrevelt am Feldherrngebot,

Verurteilt' s' der eigene Vater zum Tod:

Das ist gewiß historisch wahr,

Doch heutzutage nicht anwendbar!


4.

Sieht man manche Frau jetzt, die hat einen Mann,

Der tut all's, was er nur im Aug' ihr sieht an,

Und doch, wann er oft auf ein Stündchen geht aus,

So paßt schon der Hausfreund und schleicht sich ins Haus.

Sogar in Gesellschaft tut sie sich drin g'fall'n,

Recht auffallend mit den Eroberungen z'prahl'n!

Denkt man an Lukretia da in der G'schicht',

Die einst, nur gezwungen, verletzt' ihre Pflicht

Und die drauf, empöret vor Scham und vor Schmerz,

Sich selber den Dolch hat gestoßen ins Herz:

Das ist gewiß historisch wahr,

Doch heutzutage nicht anwendbar!


5.

Es gibt manchen Dichter, der seine Gedicht',

So nach der Patron' für Geburtsfeste richt't,

Und dann bei den Gönnern lang antichambriert

Und mit Katzenbuckeln sein Lied offeriert

Und neuen Begeisterungsquell sauget ein,

Wenn man ihm in d'Hand druckt ein Fünfguldenschein!

Denkt man an Diogenes da in der G'schicht',

Zu dem Alexander, der mächtige, spricht:[98]

»Nenn' mir einen Wunsch und erfüllt ist er schon,«

Und der darauf sagt: »Geh mir aus der Sonn'!«

Das ist gewiß historisch wahr,

Doch heutzutage nicht anwendbar!


6.

Sieht man auf'm Theater so manchen Akteur,

Der bleibt immer vorn stehn, gleich beim Souffleur,

Und blicket stets sehnsuchtsvoll nur nach ihm hin,

Trifft von seiner Rolle nicht einmal den Sinn,

Und hat er zu sagen was im Hintergrund,

Verspricht er sich zehnmal g'wiß jede Viertelstund'!

Denkt man an die Griechen da in der G'schicht',

Da kannte die Mod' des Soufflierens man nicht,

Es spielt' ein jeder auswendig die Roll'

Und spielte, ohne stecken zu bleiben, begeisterungsvoll:

Das ist gewiß historisch wahr,

Doch heutzutage nicht anwendbar!


Ab.


Verwandlung.

Ein Pavillon; in der Hinterwand desselben eine Bogenwölbung, durch welche man die Aussicht in den Park hat, welcher die ganze Tiefe des Theaters einnimmt. Der Pavillon ist mit Lustern und Kandelabern, die Gänge des Parks mit farbigen Rampen reich beleuchtet. Eine Menge Gäste bewegen sich gruppenweise im Park; – von der Seite her hört man eine rauschende Ballmusik.


Quelle:
Friedrich Kaiser: Ausgewählte Werke. Band 1, Wien, Teschen, Leipzig [1913], S. 95-99.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Gryphius, Andreas

Cardenio und Celinde

Cardenio und Celinde

Die keusche Olympia wendet sich ab von dem allzu ungestümen jungen Spanier Cardenio, der wiederum tröstet sich mit der leichter zu habenden Celinde, nachdem er ihren Liebhaber aus dem Wege räumt. Doch erträgt er nicht, dass Olympia auf Lysanders Werben eingeht und beschließt, sich an ihm zu rächen. Verhängnisvoll und leidenschaftlich kommt alles ganz anders. Ungewöhnlich für die Zeit läßt Gryphius Figuren niederen Standes auftreten und bedient sich einer eher volkstümlichen Sprache. »Cardenio und Celinde« sind in diesem Sinne Vorläufer des »bürgerlichen Trauerspiels«.

68 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon