Erster Auftritt.

[9] Hochfeld. Faustin.


HOCHFELD geht sich vergnügt die Hände reibend auf und nieder. Es geht alles ganz scharmant – das Fest, womit meine Frau mich heute – am Vorabende meines Geburtsfestes, überraschen will, wird eines der glänzendsten, welches je in dieser Stadt gefeiert wurde.

FAUSTIN geht mit frecher Nonchalance, beide Hände auf den Rücken gelegt, neben seinem Herrn, in seinem ganzen Wesen spricht sich eine gewisse Vertraulichkeit mit demselben aus. Was, die gnädige Frau überrascht Sie mit dem Fest? Hahaha – und Sie selbst arbeiten schon drei Wochen lang dran, haben selbst alles angegeben und angeordnet, und erst vorhin hab' ich's mit meinen zwei eignen Augen gesehen, wie Sie Ihr großes Porträt drüben im Saal mit Girlanden dekoriert haben – hahaha!

HOCHFELD etwas verstimmt. Du hast mich gesehen? Hm! Es war – ich tat es nur – damit –

FAUSTIN höhnisch lachend. Na, damit Sie am Abend, wenns Fest losgeht, mehr überrascht sind – hahaha!

HOCHFELD ärgerlich. Du verstehst das nicht – es ist wohl wahr, das ganze Fest wird eigentlich von mir selbst für mich veranstaltet, aber die Welt braucht das nicht zu wissen – es klingt schöner, wenn es heißt, meine Gattin habe in zärtlicher Liebe zu mir mein Geburtsfest so brillant gefeiert –

FAUSTIN. Na ja – ich weiß schon – vor der Welt muß alles ein anders G'sicht haben – Sie freuen sich überhaupt[9] auch nur vor der Welt über Ihre Geburt – was Sie selber betrifft, so magerlt Ihnen [ärgert Sie] grad' Ihre Geburt mehr, als alles, was Ihnen in Ihrem Leben Unangenehmes passiert ist!

HOCHFELD drohend. Faustin!

FAUSTIN ungehindert fortfahrend. Für einen Mann von Ihrem Charakter muß das aber auch was Schreckliches sein, wenn man so von gar keiner Geburt ist – wenn man jede Adresse, auf der steht: »Wohlgeboren« als ein unverdientes Kompliment betrachten muß.

HOCHFELD. Faustin! – Ich beschwöre dich, halte das Maul –

FAUSTIN. Ach – wir sind ja unter vier Augen.

HOCHFELD. Aber die Wände haben Ohren, und du weißt es, daß ich über diesen Punkt nichts gesprochen wissen will – du weißt es, daß ich dich nur deshalb in meine Dienste nahm, weil du unglücklicherweise aus einem und demselben Orte stammst, weil du meinen Vater kanntest –

FAUSTIN. Und sein blutiges Gewerbe –

HOCHFELD. Still – still – Er sieht sich furchtsam um. habe doch Erbarmen, lieber Faustin! – Du weißt, welches Ansehen ich hier in der Stadt genieße, wie sich die nobelsten Familien in mein Haus drängen –

FAUSTIN. Auch noble Familien essen gern gut, und wo Speck hängt, da laufen d' Mäus zu –

HOCHFELD. Es hieße meinen Neidern und Feinden das Messer in die Hand geben – es hieße einen Abgrund zwischen mir und der Hautevolee graben, wenn es bekannt würde, aus welcher Familie ich stamme.

FAUSTIN. Na, sorgens Ihnen nicht [beruhigen Sie sich nur], ich verrat's nicht, ich bin einmal in Ihrem Dienst, und unsereins hat auch seine pointe d'honneur, ich möchte mich aber vor meinen Standeskollegen auch nicht gern drüber frozeln [verspotten] lassen, daß ich bei einer Herrschaft dien', auf deren Ahnen so viele Mörde lasten – so lange ich also Ursach' hab' mit Ihnen zufrieden zu sein –

HOCHFELD im bittenden Ton. Aber schweige doch einmal von diesem odiosen Gegenstand, lieber Faustin – Absichtlich ablenkend. – Sage mir – du möchtest dir wohl auch gern[10] mal einen guten Tag machen, nicht wahr? – Na sieh – ich bin gewiß ein gütiger Herr – nimm – Er gibt ihm Geld.

FAUSTIN für sich. Aha – hab's richtig wieder dahin gebracht, wohin ich's wollte. Er steckt das Geld ein. Ich küß d' Hand Euer Gnaden – ich werd' auf Ihre Gesundheit mein möglichstes tun.

HOCHFELD. Aber gib nur acht, daß dir nicht etwa in der Begeisterung ein Wort zu viel aus dem Munde fährt, man sagt: im Weine ist Wahrheit –

FAUSTIN. Ja, im Wein wär' schon Wahrheit, wenn die Wirt' nicht so viel falsches hineingebeten. Daher kommt's auch, daß ich gar nie mehr lüg' und aufschneid', als wann ich mir die Zunge ordentlich begossen hab' – hahaha! Stellens Ihnen [Sie sich nur] vor, letzthin war beim goldenen Fassel drüben, wo wir von der Livree eine g'schlossene Koterie haben, auch von unsre Herrschaften d' Red' –

HOCHFELD gespannt. Von euren Herrschaften?

FAUSTIN. Na ja, wir haben grad' nichts G'scheiteres gewußt, und da ist auch auf Ihnen d' Red' kommen, und da – hahaha – da hab' ich gesagt, Sie stammeten eigentlich aus einer uralten Ritterfamilie.

HOCHFELD vergnügt. Hast du gesagt?

FAUSTIN. Die sich schon in ältesten Zeiten im blutigen Kampf gegen die Podolier ausgezeichnet haben –

HOCHFELD. Nicht übel erfunden!

FAUSTIN. Erfunden? Nein, das ist ja eben der G'spaß, daß 's sogar wahr ist –

HOCHFELD. Wahr? Wie meinst du das?

FAUSTIN. Na, wie viele hundert podolische Ochsen haben nicht Ihre Vorfahren erlegt, die alle, bis zu Ihrem seligen Herrn Vater – Fleischhacker waren! Er läuft ab.

HOCHFELD als ob er einen Stich bekommen hätte, zusammenfahrend. Fleisch – Fleischhacker – entsetzliches Wort, das mich noch unter die Erde bringen wird – jedesmal fühle ich einen Stich, wenn ich es nur nennen höre – verdammter Kerl! – Aber – Er sieht sich sorgfältig um. dem Himmel sei Dank! Niemand hat es gehört!

EULALIA UND REGINE beide sehr auffallend geputzt, kommen durch die Mitteltür.


Quelle:
Friedrich Kaiser: Stadt und Land oder Der Viehhändler aus Oberösterreich. Leipzig [1905], S. 9-11.
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