Der Bürgermeister Kommerell

[102] Nächst der Oberamtei wohnte auch ein alter Bürgermeister, Namens Kommerell. Es war ein Mann noch dicker als mein Vater, er trug gewöhnlich eine gepuderte Perücke, hinten mit einem breiten Haarbeutel mit großen schwarzen Maschen, und auf den Seiten über die Ohren hatte die Perücke Bouclen von Horn. Kam er vom Rathaus zurück, so legte er die Perücke ab. Haarbeutel und Bouclen wurden abgeschnallt, und letztere dienten mir oft zum Spiele; ja, ich lernte sogar nach und nach Töne wie aus einer Pfeife aus ihnen hervorbringen. Ob er gleich ein gestrenger Herr und gegen Bürger und Bauern sehr grob war, so mußte er doch meinem Vater untergeben sein, und so durfte auch ich bisweilen auf seinen Sammethosen reiten, und oft trug er mich noch auf den Armen, wenn er schon den roten Rock und die weiße seidene Pattenweste anhatte, um auf das Rathaus zur versammelten Bürgerschaft zu gehen. Zu diesem Gange drückte er gemeiniglich ein kleines dreieckiges Hütchen, in welchem auch ich manchmal herumstolzierte, während ich auf seinem spanischen Rohre mit goldenem Knopfe ritt, tief in die Stirne herein. Am lebendigsten steht er mir noch vor Augen, wenn er, auf der großen steinernen Treppe des Rathauses stehend, bei Huldigungen oder sonstigen festlichen Anlässen eine Rede an die Bürger hielt, und an dem Schlusse derselben mit dem Rufe: »Vivat unser allerdurchlauchtigster Herzog und Herr!« das Hütchen dreimal in die Luft warf und dreimal wieder geschickt mit den Händen auffing. Das war ein Jubel für uns Kinder, und des Bürgermeister Kommerells Hütchen steht gewiß noch im Gedächtnis manches Ludwigsburgers von meinem Alter.

Als General Dumouriez mit dem nachherigen König [103] Philipp im Gasthofe zur Kanne in Ludwigsburg angekommen war, warf sich der Bürgermeister Kommerell auch in seinen Amtsstaat, dem vornehmen Herrn die Aufwartung zu machen, aber als sie ihn ansprachen, verstand er nicht zu antworten. Da schrie er zum Fenster der Kanne hinaus mit brüllender Amtsstimme nach dem Stadtpatrouillanten Eberle, er solle sogleich seine Tochter holen, die Rike, die Französisch verstehe. Diese zog der Vater an den Haaren herbei. Der Herr Bürgermeister befahl ihr Französisch zu sprechen, sie brachte aber nichts heraus als: Oui, Monsieur General, je suis été – – welche Worte der Bürgermeister nachsprach, womit er lange gefoppt wurde.

Quelle:
Justinus Kerner: Bilderbuch aus meiner Knabenzeit. Frankfurt a. M. 1978, S. 102-104.
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