[98] Es ist sehr unterhaltend für den feinen Beobachter, zu sehn, welchen Tauschhandel von Schmeicheley die Menschen unaufhörlich unter einander treiben und wie fast alle ihre Verbindungen auf diese Waaren-Speculation berechnet sind. Solche Verbindungen erweitern und verengen sich, werden gestiftet und getrennt, je nachdem die Theilnehmer ihr Conto dabey finden, das heißt: je nachdem sie sich dabey eine beträchtliche oder zu geringe Einnahme von äußerer Ehre, Schmeicheley und Blindheit gegen ihre Fehler und Untugenden, versprechen dürfen. Fast die ganze Kunst der feinen Lebensart beruht weniger auf zweckmäßigen, wahren, gegenseitigen Gefälligkeiten, als auf einem stillschweigenden Vertrage, sich einander Gesinnungen[98] und Empfindungen zu heucheln, wovon nicht eine Spur im Herzen und Kopfe ist. Die mehrsten Menschen schätzen und achten uns nach Verhältniß der Huldigung und feinen Schmeicheley, die wir ihnen darbringen. Der verächtlichste Kerl erscheint ihnen in vortheilhaftem Lichte, wenn er ihre Thorheiten billigt, ihr Steckenpferd mit besteigt, oder wenn sie erfahren, daß er sie gegen Andre gelobt hat. Eine einzige gutgemeinte, vielleicht bittre Wahrheit hingegen, die wir aus guter Meinung sagen, kann uns auf immer um die Gunst, besonders der eiteln Schooßkinder des Glücks bringen. Auf diese Erfahrungen stüzt dann auch der eigennützige, schlaue Schmeichler die Plane, wodurch er sich emporschwingt, und wir sehen unzählige sehr unwürdige Menschen mit Reichthum, äußerer Ehre und andern Vorzügen dieser Art überhäuft, die ihre Erhebung nur allein der Schmeicheley verdanken. Es[99] giebt Leute, die diese Kunst so überaus fein studiert haben, daß selbst kluge Männer (die denn doch auch nicht immer ganz von Eitelkeit und Eigenliebe frey sind) in ihre Schlingen fallen. Vorzüglich geschickt aber pflegt das weibliche Geschlecht zu seyn, auf diesem Wege seine Zwecke zu erlangen und unmöglich scheinende Dinge durchzusetzen.
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Ueber Eigennutz und Undank
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