Neunte Szene


[352] Graf – Amalie.


GRAF halb für sich. Die Augen! Freilich hat er ein paar schöne Augen; die hat der Taugenichts von der Mutter geerbt, und nun gebraucht er sie, um den Vater zu prellen.[352] Aber diesmal soll es ihm nicht gelingen. Laut. Madame! Verzeihen Sie dem jungen Sausewind!

AMALIE. Wirklich, Herr Graf, ich habe ihm nichts zu verzeihen.

GRAF. Im Vertrauen: er ist noch nicht sein eigner Herr. Ich gebe ihm zwar, was er braucht, aber ich halte ihn doch ein wenig kurz; – verstehen Sie mich? Großen Aufwand kann er nicht machen. Er hat vielleicht geprahlt, was er alles für Sie tun könne, aber das sind lauter Fanfaronaden.

AMALIE. Er hat mich bloß von den wohltätigen Gesinnungen seines Vaters unterrichtet. Er hat mir gesagt, daß ich auf Ihre Veranstaltung nach der Stadt gebracht worden, und daß es Ihr väterlicher Wunsch sei, mein Schicksal zu erleichtern.

GRAF. Mein Wunsch? Allerdings! Väterlich? Daran erkenne ich den Schalk. Das Beiwort ist hier nicht zum besten gewählt.

AMALIE erstaunt. Wie, Herr Graf?

GRAF. Liebes Kind! Lassen Sie uns aufrichtig miteinander reden! Sie gefallen mir, und ich wünsche Ihr Freund zu werden. Ich bin reich, nicht allzu jung, aber immer guten Humors. Ich habe ein Attachement für Sie, aus dem mit der Zeit wohl gar eine Passion entstehen könnte.

AMALIE. Was ist das?

GRAF. Es soll Ihnen an nichts fehlen. Ich habe nur eine Grille – auch die Freundschaft ist eifersüchtig –

AMALIE. Mein Herr!

GRAF. Ich weiß, daß Sie sich nach einem gewissen Lieutenant erkundigt haben. Vermutlich eine Liaison von ehedem? – Die muß aufhören.

AMALIE. Gott! wie tief bin ich gesunken?

GRAF. Nicht doch, mein Kind! Ich mache Ihnen ja keine Vorwürfe darüber; ich ignoriere alles, was vor unserer Bekanntschaft geschehen ist; nur wegen der Zukunft –

AMALIE. Halt, Herr Graf! Ist etwas in meinem Gesichte, was einen so niederträchtigen Antrag rechtfertigt? Wenn das ist; – Gott weiß es! so lügt mein Gesicht. War es die gewöhnliche Sittenlosigkeit großer Städte, – mein Herr, ich verstehe diese Sprache nicht; war es Leichtsinn, so bedaure ich Sie alten Mann. Sind Sie ein Verführer mit grauen Haaren, so verachte ich Sie. Sie sprachen von Ihrem Reichtum, o! Sie sind arm. Der Lieutenant, dessen Sie erwähnen, ist[353] weit reicher als Sie. – Meinen Mangel wollen Sie benutzen, – das war unedel! Schande wollten Sie mir geben für Armut, – das war schlecht! – Ich könnte Sie schamrot machen, wenn ich Ihnen meinen wahren Namen nennte, aber der Name tut hier nichts zur Sache. In der Gräfin, wie in der Bettlerin, sollte weibliche Unschuld Ihnen heilig sein. Gehen Sie, und kommen Sie mir nie wieder vor die Augen! Ab ins Kabinett.


Quelle:
August von Kotzebue: Schauspiele. Frankfurt a.M. 1972, S. 352-354.
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