10. Auftritt

[78] Vorige. Josephine.


JOSEPHINE durch die Mitte. Sie entschuldigen, kann ich das Vergnügen haben, Herrn Klappproth zu sprechen?

IDA. Der Onkel ist augenblicklich nicht da.

ULRIKE. Aber bitte, nehmen Sie einstweilen Platz, er kommt gewiß gleich zurück.[78]

JOSEPHINE. Ich bin so frei. Gestatten Sie mir, mich vorzustellen. Josephine Krüger –

ULRIKE. Frau Sprosser – meine Tochter Ida. Setzen sich.

JOSEPHINE. Ich freue mich außerordentlich, Sie persönlich kennen zu lernen, nachdem ich schon so viel Schönes von Ihnen gehört habe.

ULRIKE. Sie sind zu gütig.

JOSEPHINE. Sie entschuldigen, gnädige Frau, eine vielleicht unbescheidene Frage, die mich jedoch sehr interessiert: Sind Sie auch Portugiesin?

ULRIKE verblüfft. Portugiesin? Ich?

IDA erstaunt. Portugiesin?

JOSEPHINE. Nun ja, ich meine, ob Sie zufällig auch in Portugal geboren sind?

ULRIKE etwas pikiert. Bedaure nein. Beiseite. Merkwürdige Idee!

JOSEPHINE für sich. Meine direkte Frage scheint ihr unangenehm zu sein! – Interessante Familie!

ULRIKE bemüht, ein anderes Thema anzuschlagen. Sie haben meinen Bruder wohl in Berlin kennen gelernt?

JOSEPHINE. Ganz richtig. Es gewährte mir ein großes Vergnügen, in ihm einen Mann kennen zu lernen, der eine an merkwürdigen und romantischen Vorgängen und Ereignissen so reiche Vergangenheit hinter sich hat.[79]

ULRIKE UND IDA. Mein Bruder? – Der Onkel?

ULRIKE. Ich bitte Sie, was soll den mein Bruder besonders erlebt haben?

JOSEPHINE. Freilich, im Vergleich zu Ihnen, hochverehrte gnädige Frau, ist ja sein Leben ein friedliches, geradezu idyllisches zu nennen.

ULRIKE. Nun ja, schon dadurch, daß ich verheiratet war, meinen Mann früh verlor, Witwe wurde, und –

JOSEPHINE. Das war Ihr erster Mann, den Sie so früh verloren?

ULRIKE. Mein erster Mann?

IDA erschrocken. Mama!

ULRIKE. Wie kommen Sie denn darauf?

JOSEPHINE. Nun ja, Sie heißen doch jetzt Sprosser, während Sie, wie mir Ihr Herr Bruder erzählte, zuerst mit einem russischen Gutsbesitzer, dessen Namen ich wieder vergessen habe vermählt waren.

IDA. Wie?

ULRIKE. Das hat Ihnen mein Bruder erzählt?

JOSEPHINE. Und zwar mit allen Details. Urteilen Sie selbst, ich habe mir alles genau aufgezeichnet, und werde es Ihnen vorlesen. Blättert in ihrem Notizbuch. Ulrike und Ida sehen sich starr an. Aha, da ist es. – Als Ihr Bruder[80] Sie nach langen Irrfahrten endlich gefunden und Sie als seine Schwester erkannt hatte, waren Sie bereits an einen Russen Ivan Ivanowitsch verheiratet.

IDA. Mit einem Russen?

ULRIKE. Ivan Ivanowitsch? Verheiratet?

JOSEPHINE. Dieser hatte Sie mit Gefahr seines eigenen Lebens aus dem Harem eines türkischen Würdenträgers befreit, an den Sie auf Veranlassung Ihrer mächtigen Verwandten, die Sie mit ihrem unerbittlichen Haß verfolgten, als Sklavin verkauft worden waren. Triumphierend. Sie sehen, ich weiß alles.

IDA sich ängstlich an Ulrike schmiegend. Als Sklavin verkauft?


Quelle:
Carl Laufs: Pension Schöller. Berlin 11[o.J.], S. 78-81.
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