Das Lied


[556] Saal im königlichen Palaste.

Der König, die Königin und die Großen des Reiches sitzen an der Hochzeitstafel. Allgemeines Vivatrufen und Anklingen mit den Pokalen.


DER MINISTERGÜNSTLING sich von seinem Stuhl erhebend.

Auf einen Wink von Euren Majestäten

Soll in den Saal sogleich ein Sänger treten,[556]

Den ich aus fernem Lande herbeschied,

Zu feiern dieses Fest mit seinem Lied.

DER KÖNIG

Daß Ihr zum Fest den Sänger uns geladen,

Befestigt Euch in unsern höchsten Gnaden.

DIE KÖNIGIN.

Ihr setzet meinen Dank in Eure Schuld;

Nehmt diesen Ring als Zeichen meiner Huld.

MEPHISTOPHELES.

Das Lied wird gut, ich steh dafür;

Ihr klopftet an die rechte Tür.


Während der Minister den Ring auf seinen Knien empfängt, tritt Faust mit einer Gitarre ein.


FAUST singt zur Gitarre.

Griff die Leier hin und her,

Was ein Lied das beste wär,

Nirgends doch die grobe Hand

Feines Schmeichelverslein fand;

Pflücke nun vom nächsten Ast

Euch ein Sprüchlein, brings zu Gast:

Siecher Mann! hast keinen Leib,

Keine Seel, du blödes Weib!

Drum, du hocherlauchtes Paar,

Paßt zur Hochzeit auf ein Haar

Dir das Sprüchlein: Mann und Weib

Eine Seele und Ein Leib!


Alle erheben sich unwillig und drohend von der Tafel, Faust und Mephistopheles fahren zum Fenster hinaus; der Minister ist vor Wut und Schreck wahnsinnig geworden und heult, herumspringend und die Hände ringend, fort und fort:


Mann und Weib

Eine Seele und Ein Leib! –[557]

Quelle:
Nikolaus Lenau: Sämtliche Werke und Briefe. Band 1, Leipzig und Frankfurt a.M. 1970, S. 556-558.
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