Das Theater des Herrn Diderot

Vorrede des Übersetzers

[1760]

Dieses Theater des Herrn Diderot, eines von den vornehmsten Verfassern der berufenen Enzyklopädie, bestehet aus zwei Stücken, die er als Beispiele einer neuen Gattung ausgearbeitet, und mit seinen Gedanken sowohl über diese neue Gattung, als über andere wichtige Punkte der dramatischen Poesie, und aller ihr untergeordneten Künste, der Deklamation, der Pantomime, des Tanzes begleitet hat.

Kenner werden in jenen weder Genie noch Geschmack vermissen; und in diesen überall den denkenden Kopf spüren, der die alten Wege weiter bahnet, und neue Pfade durch unbekannte Gegenden zeichnet.

Ich möchte wohl sagen, daß sich, nach dem Aristoteles, kein philosophischerer Geist mit dem Theater abgegeben hat, als er.

Daher sieht er auch die Bühne seiner Nation bei weitem auf der Stufe der Vollkommenheit nicht, auf welcher sie unter uns die schalen Köpfe erblicken, an deren Spitze der Prof. Gottsched ist. Er gestehet, daß ihre Dichter und Schauspieler noch weit von der Natur und Wahrheit entfernet sind; daß beider ihre Talente, guten Teils, auf kleine Anständigkeiten, auf handwerksmäßigen Zwang, auf kalte Etiquette hinauslaufen etc.

Selten genesen wir eher von der verächtlichen Nachahmung gewisser französischen Muster, als bis der Franzose selbst diese Muster zu verwerfen anfängt. Aber oft auch dann noch nicht.

Es wird also darauf ankommen, ob der Mann, dem nichts angelegener ist, als das Genie in seine alte Rechte wieder einzusetzen, aus welchen es die mißverstandene Kunst verdränget; ob der Mann, der es zugestehet, daß das Theater weit[148] stärkerer Eindrücke fähig ist, als man von den berühmtesten Meisterstücken eines Corneille und Racine rühmen kann; ob dieser Mann bei uns mehr Gehör findet, als er bei seinen Landsleuten gefunden hat.

Wenigstens muß es geschehen, wenn auch wir einst zu den gesitteten Völkern gehören wollen, deren jedes seine Bühne hatte.

Und ich will nicht bergen, daß ich mich einzig in solcher Hoffnung der Übersetzung dieses Werks unterzogen habe.

Vorrede des Übersetzers,

zu dieser zweiten Ausgabe

[1781]

Ich bin ersucht worden, dieser Übersetzung öffentlich meinen Namen zu geben.

Da es nun vorlängst unbekannt zu sein aufgehöret hat, daß ich wirklich der Verfasser derselben bin; da ich mich des Fleißes, den ich darauf gewandt habe, und des Nutzens, den ich daraus gezogen, noch immer mit Vergnügen erinnere: so sehe ich nicht, warum ich mich einer Anfoderung weigern sollte, die mir Gelegenheit gibt, meine Dankbarkeit einem Manne zu bezeugen, der an der Bildung meines Geschmacks so großen Anteil hat.

Denn es mag mit diesem auch beschaffen sein, wie es will: so bin ich mir doch zuwohl bewußt, daß er, ohne Diderots Muster und Lehren, eine ganz andere Richtung würde bekommen haben. Vielleicht eine eigenere: aber doch schwerlich eine, mit der am Ende mein Verstand zufriedener gewesen wäre.

Diderot scheint überhaupt auf das deutsche Theater weit mehr Einfluß gehabt zu haben, als auf das Theater seines eigenen Volks. Auch war die Veränderung, die er auf diesem hervorbringen wollte, in der Tat weit schwerer zu bewirken, als das Gute, welches er jenem nebenher verschaffte. Die Französischen Stücke, welche auf unserm Theater gespielt wurden, stellten doch nur lauter fremde Sitten vor: und[149] fremde Sitten, in welchen wir weder die allgemeine menschliche Natur, noch unsere besondere Volksnatur erkennen, sind bald verdrängt. Aber je mehr die Franzosen in ihren Stücken wirklich finden, was wir uns nur zu finden einbilden: desto hartnäckiger muß der Widerstand sein, den ihre alten Eindrücke jeder, wie sie dafür halten, unnötigen Bemühung, sie zu verwischen oder zu überstempeln, entgegensetzen.

Wir hingegen hatten es längst satt, nichts als einen alten Laffen im kurzen Mantel, und einen jungen Geck in bebänderten Hosen, unter ein Halbdutzend alltäglichen Personen, auf der Bühne herumtoben zu sehen; wir sehnten uns längst nach etwas bessern, ohne zu wissen, wo dieses Bessere herkommen sollte: als der »Hausvater« erschien. In ihm erkannte sogleich der rechtschaffne Mann, was ihm das Theater noch eins so teuer machen müsse. Sei immerhin wahr, daß es seitdem von dem Geräusche eines nichts bedeutenden Gelächters weniger ertönte! Das wahre Lächerliche ist nicht, was am lautesten lachen macht; und Ungereimtheiten sollen nicht bloß unsere Lunge in Bewegung setzen.

Selbst unsere Schauspieler fingen an dem »Hausvater« zuerst an, sich selbst zu übertreffen. Denn der Hausvater war weder Französisch, noch deutsch: er war bloß menschlich. Er hatte nichts auszudrücken, als was jeder ausdrücken konnte, der es verstand und fühlte.

Und daß jeder seine Rolle verstand und fühlte, dafür hatte nun freilich Diderot vornehmlich gesorgt. Wenn ich aber doch gleichwohl auch meiner Übersetzung ein kleines Verdienst in diesem Punkte zuschreibe: so habe ich, wenigstens bis itzt, von den Kunstrichtern noch keinen besondern Widerspruch zu erfahren gehabt.

Nicht als ob ich meine Übersetzung frei von allen Mängeln halten wollte; nicht als ob ich mir schmeichelte, überall, auch da den wahren Sinn des Verfassers getroffen zu haben, wo er selbst in seiner Sprache sich nicht bestimmt genug ausgedrückt hat! Ein Freund zeigt mir nur erst izt eine dergleichen Stelle; und ich betaure, daß ich in dem Texte von diesem Winke nicht Gebrauch machen können. Sie ist in[150] dem »Natürlichen Sohne« in dem dritten Auftritte des ersten Aufzuges, wo Theresia ihrer Sorgfalt um Rosaliens Erziehung gedenkt. »Ich ließ mir es angelegen sein, sagt sie, den Geist und besonders den Charakter dieses Kindes zu bilden, von welchem einst das Schicksal meines Bruders abhangen sollte. Es war unbesonnen, ich machte es bedächtig. Es war heftig, ich suchte dem Sanften seiner Natur aufzuhelfen.« Das es ist in allen vier Stellen im Französischen durch il ausgedruckt, welches eben sowohl auf das vorhergehende enfant, auf Rosalien, als auf den Bruder gehen kann. Ich habe es jedesmal auf Rosalien gezogen: aber es kann leicht sein, daß es die beiden erstenmale auf den Bruder gehen, und sonach heißen soll: »Er war unbesonnen, ich machte sie bedächtig. Er war heftig, ich suchte dem Sanften ihrer Natur aufzuhelfen.« Ja dieser Sinn ist unstreitig der feinere.

Es kann jemand keinen einzigen solchen Fehler sich zu Schulden kommen lassen, und doch noch eine sehr mittelmäßige Übersetzung gemacht haben!

Fußnoten

1 Man sehe in diesen vermischten Schriften S. 146.


2 Man sehe diese vermischten Schriften, Seite 280 u. folg.


3 Lucanus.


4 Eginhartus in vita Caroli M. cap. 33. Similiter et de libris – statuit, ut ab his, qui eos habere vellent, justo pretio redimerentur, pretiumque in pauperes erogaretur.


5 Georg. Hickesins in Grammatica Franco-Theodisca c. I. O utinam jam extaret augusta Caroli M. Bibliotheca, in qua delicias has suas reposuit Imperator! O quam lubens, quam jucundus ad extremos Caroli imperii fines proficiscerer, ad legenda antiqua illa, aut barbara carmina!


6 Andreas Vellejus und Petrus Septimus.


7 Sinngedicht 257 und 398.


8 Sinngedicht 257.


Die Musen wirkten zwar, durch kluge Dichtersinnen,

Daß Deutschland sollte Deutsch, und artlich reden können,

Mars aber schafft es ab, und hat es so geschickt,

Daß Deutschland ist blut arm, drum geht es so geflickt.


9 Sinngedicht 1594.


Wer nicht Französisch kann,

Ist kein gerühmter Mann etc.


10 In der Überschrift des 488ten Sinngedichtes.


11 In der Vorrede zu dem ersten Tausend seiner Sinngedichte, wo er sagt, daß er sich bei prosaischem Gebrauche der unbestimmten einsylbichten Wörter, nach dem Beilaute, so wie dieser im Reden und Lesen jedesmal falle, gerichtet habe. Desgleichen Sinngedicht 1526.


Deutscher Reimkunst meistes Werk, steht im Beylaut, oder Schalle;

Ob der Sylben Ausspruch kurz, lang, und wo er hin verfalle.


12 Sinngedicht 2363.


Cynthia will ihren Mann, wenn sie stirbt, der Chloris geben;

Chloris will die Erbschaft nicht weiter und zuvor erheben,

Bis ein Fundregister da, (Seht mir an den klugen Rath!)

Bis zuvor sie sey gewiß, was für Kraft die Erbschaft hat.


Mehrere glücklich übersetzte Kunstwörter wird man in dem Wörterbuche selbst antreffen.


13 Sinngedicht 1747.


14 (IV. 51)


15 (VI. 36)


16 (IV. 4)


17 Sinngedicht 91.


18 Sinngedicht 157.


19 (XI. 24)


20 Sinngedicht 1259.


21 (X. 8)


22 Sinnged.


23 Erste Zugabe, Sinngedicht 201.


24 (III. 31)


25 (IV. 48)


26 (IV. 80)


27 (VI. 36)


28 Sinngedicht 1041.


29 Sinngedicht 1317.


30 Sinngedicht 779.


31 Sinngedicht 1586.


32 Sinngedicht 2470.


33 Sinngedicht 403.


34 Sinngedicht 1725.


35 Sinngedicht 1727 und 2148.


36 (II. 78)


37 (IV. 101)


38 (III. 50)


39 (XI. 130)


Quelle:
Gotthold Ephraim Lessing: Werke. Band 4, München 1970 ff..
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Vorreden
Gotthold Ephraim Lessings Sämmtliche Schriften: Teil 8. Gesammelte Vorreden. Beiträge zur Kenntniss der deutschen Sprache. Vom Alter der Ölmalerei aus dem Theophilus Presbyter

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