Vierter Auftritt


[548] Lisidor. Theophan. Adrast.


LISIDOR. Ihr seid mir feine Leute! Soll ich denn beständig mit dem fremden Vetter allein sein?

THEOPHAN. Wir waren gleich im Begriff zu Ihnen zu kommen.[548]

LISIDOR. Was habt ihr nun wieder zusammen gemacht? gestritten? Glaubt mir doch nur, aus dem Streiten kömmt nichts heraus. Ihr habt alle beide, alle beide habt ihr Recht. – – Zum Exempel: Zum Theophan. Der spricht, die Vernunft ist schwach; und der Zum Adrast. spricht, die Vernunft ist stark. Jener beweiset mit starken Gründen, daß die Vernunft schwach ist; und dieser mit schwachen Gründen, daß sie stark ist. Kömmt das nun nicht auf eins heraus? schwach und stark, oder, stark und schwach: was ist denn da für ein Unterscheid?

THEOPHAN. Erlauben Sie, wir haben jetzt weder von der Stärke, noch von der Schwäche der Vernunft gesprochen – –

LISIDOR. Nun! so war es von etwas anderm, das eben so wenig zu bedeuten hat. – Von der Freiheit etwa: Ob ein hungriger Esel, der zwischen zwei Bündeln Heu steht, die einander vollkommen gleich sind, das Vermögen hat, von dem ersten von dem besten zu fressen, oder, ob der Esel so ein Esel sein muß, daß er lieber verhungert? – –

ADRAST. Auch daran ist nicht gedacht worden. Wir beschäftigten uns mit einer Sache, bei der das Vornehmste nunmehr auf Sie ankömmt.

LISIDOR. Auf mich?

THEOPHAN. Auf Sie, der Sie unser ganzes Glück in Händen haben.

LISIDOR. O! ihr werdet mir einen Gefallen tun, wenn ihr es so geschwind, als möglich, in eure eignen Hände nehmt. – Ihr meint doch wohl das Glück in Fischbeinröcken? Schon lange habe ich es selber nicht mehr gern behalten wollen. Denn der Mensch ist ein Mensch, und eine Jungfer eine Jungfer; und Glück und Glas wie bald bricht das!

THEOPHAN. Wir werden Zeit Lebens nicht dankbar genug sein können, daß Sie uns einer so nahen Verbindung gewürdiget haben. Allein es stößt sich noch an eine sehr große Schwierigkeit.

LISIDOR. Was?

ADRAST. An eine Schwierigkeit, die unmöglich voraus zu sehen war.

LISIDOR. Nu?[549]

THEOPHAN UND ADRAST. Wir müssen Ihnen gestehen – –

LISIDOR. Alle beide zugleich? Was wird das sein? Ich muß euch ordentlich vernehmen. – – Was gestehen Sie, Theophan? – –

THEOPHAN. Ich muß Ihnen gestehen, – daß ich Julianen nicht liebe.

LISIDOR. Nicht liebe? habe ich recht gehört? – Und was ist denn Ihr Geständnis, Adrast? – –

ADRAST. Ich muß Ihnen gestehen, – – daß ich Henrietten nicht liebe.

LISIDOR. Nicht liebe? – Sie nicht lieben, und Sie nicht lieben; das kann unmöglich sein! Ihr Streitköpfe, die ihr noch nie einig gewesen seid, solltet jetzo zum erstenmale einig sein, da es darauf ankömmt, mir den Stuhl vor die Türe zu setzen? – – Ach! ihr scherzt, nun merke ichs erst.

ADRAST. Wir? scherzen?

LISIDOR. Oder ihr müßt nicht klug im Kopfe sein. Ihr meine Töchter nicht lieben? die Mädel weinen sich die Augen aus dem Kopfe. – – Aber warum denn nicht? wenn ich fragen darf. Was fehlt denn Julianen, daß Sie sie nicht lieben können?

THEOPHAN. Ihnen die Wahrheit zu gestehen, ich glaube, daß ihr Herz selbst für einen andern eingenommen ist.

ADRAST. Und eben dieses vermute ich mit Grunde auch von Henrietten.

LISIDOR. Ho! ho! dahinter muß ich kommen. – – Lisette! he! Lisette! – – Ihr seid also wohl gar eifersüchtig, und wollt nur drohen?

THEOPHAN. Drohen? da wir Ihrer Güte jetzt am nötigsten haben?

LISIDOR. He da! Lisette!


Quelle:
Gotthold Ephraim Lessing: Werke. Band 1, München 1970 ff., S. 548-550.
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