Siebender Auftritt


[275] Saladin und Nathan.


SALADIN.

(So ist das Feld hier rein!) – Ich komm' dir doch

Nicht zu geschwind zurück? Du bist zu Rande

Mit deiner Überlegung. – Nun so rede!

Es hört uns keine Seele.

NATHAN.

Möcht auch doch

Die ganze Welt uns hören.

SALADIN.

So gewiß

Ist Nathan seiner Sache? Ha! das nenn'

Ich einen Weisen! Nie die Wahrheit zu[275]

Verhehlen! für sie alles auf das Spiel

Zu setzen! Leib und Leben! Gut und Blut!

NATHAN.

Ja! ja! wanns nötig ist und nutzt.

SALADIN.

Von nun

An darf ich hoffen, einen meiner Titel,

Verbesserer der Welt und des Gesetzes,

Mit Recht zu führen.

NATHAN.

Traun, ein schöner Titel!

Doch, Sultan, eh ich mich dir ganz vertraue,

Erlaubst du wohl, dir ein Geschichtchen zu

Erzählen?

SALADIN.

Warum das nicht? Ich bin stets

Ein Freund gewesen von Geschichtchen, gut

Erzählt.

NATHAN.

Ja, gut erzählen, das ist nun

Wohl eben meine Sache nicht.

SALADIN.

Schon wieder

So stolz bescheiden? – Mach! erzähl', erzähle!

NATHAN.

Vor grauen Jahren lebt' ein Mann in Osten,

Der einen Ring von unschätzbarem Wert'

Aus lieber Hand besaß. Der Stein war ein

Opal, der hundert schöne Farben spielte,

Und hatte die geheime Kraft, vor Gott

Und Menschen angenehm zu machen, wer

In dieser Zuversicht ihn trug. Was Wunder,

Daß ihn der Mann in Osten darum nie

Vom Finger ließ; und die Verfügung traf,

Auf ewig ihn bei seinem Hause zu

Erhalten? Nämlich so. Er ließ den Ring

Von seinen Söhnen dem geliebtesten;

Und setzte fest, daß dieser wiederum

Den Ring von seinen Söhnen dem vermache,

Der ihm der liebste sei; und stets der liebste,

Ohn' Ansehn der Geburt, in Kraft allein

Des Rings, das Haupt, der Fürst des Hauses werde. –

Versteh mich, Sultan.

SALADIN.

Ich versteh dich. Weiter!

NATHAN.

So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn,[276]

Auf einen Vater endlich von drei Söhnen;

Die alle drei ihm gleich gehorsam waren,

Die alle drei er folglich gleich zu lieben

Sich nicht entbrechen konnte. Nur von Zeit

Zu Zeit schien ihm bald der, bald dieser, bald

Der dritte, – so wie jeder sich mit ihm

Allein befand, und sein ergießend Herz

Die andern zwei nicht teilten, – würdiger

Des Ringes; den er denn auch einem jeden

Die fromme Schwachheit hatte, zu versprechen.

Das ging nun so, so lang es ging. – Allein

Es kam zum Sterben, und der gute Vater

Kömmt in Verlegenheit. Es schmerzt ihn, zwei

Von seinen Söhnen, die sich auf sein Wort

Verlassen, so zu kränken. – Was zu tun? –

Er sendet in geheim zu einem Künstler,

Bei dem er, nach dem Muster seines Ringes,

Zwei andere bestellt, und weder Kosten

Noch Mühe sparen heißt, sie jenem gleich,

Vollkommen gleich zu machen. Das gelingt

Dem Künstler. Da er ihm die Ringe bringt,

Kann selbst der Vater seinen Musterring

Nicht unterscheiden. Froh und freudig ruft

Er seine Söhne, jeden ins besondre;

Gibt jedem ins besondre seinen Segen, –

Und seinen Ring, – und stirbt. – Du hörst doch, Sultan?

SALADIN der sich betroffen von ihm gewandt.

Ich hör, ich höre! – Komm mit deinem Märchen

Nur bald zu Ende. – Wirds?

NATHAN.

Ich bin zu Ende.

Denn was noch folgt, versteht sich ja von selbst. –

Kaum war der Vater tot, so kömmt ein jeder

Mit seinem Ring', und jeder will der Fürst

Des Hauses sein. Man untersucht, man zankt,

Man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht

Erweislich; –


Nach einer Pause, in welcher er des Sultans Antwort erwartet.[277]


Fast so unerweislich, als

Uns itzt – der rechte Glaube.

SALADIN.

Wie? das soll

Die Antwort sein auf meine Frage? ...

NATHAN.

Soll

Mich bloß entschuldigen, wenn ich die Ringe,

Mir nicht getrau zu unterscheiden, die

Der Vater in der Absicht machen ließ,

Damit sie nicht zu unterscheiden wären.

SALADIN.

Die Ringe! – Spiele nicht mit mir! – Ich dächte,

Daß die Religionen, die ich dir

Genannt, doch wohl zu unterscheiden wären.

Bis auf die Kleidung; bis auf Speis und Trank!

NATHAN.

Und nur von Seiten ihrer Gründe nicht. –

Denn gründen alle sich nicht auf Geschichte?

Geschrieben oder überliefert! – Und

Geschichte muß doch wohl allein auf Treu

Und Glauben angenommen werden? – Nicht? –

Nun wessen Treu und Glauben zieht man denn

Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen?

Doch deren Blut wir sind? doch deren, die

Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe

Gegeben? die uns nie getäuscht, als wo

Getäuscht zu werden uns heilsamer war? –

Wie kann ich meinen Vätern weniger,

Als du den deinen glauben? Oder umgekehrt. –

Kann ich von dir verlangen, daß du deine

Vorfahren Lügen strafst, um meinen nicht

Zu widersprechen? Oder umgekehrt.

Das nämliche gilt von den Christen. Nicht? –

SALADIN.

(Bei dem Lebendigen! Der Mann hat Recht.

Ich muß verstummen.)

NATHAN.

Laß auf unsre Ring'

Uns wieder kommen. Wie gesagt: die Söhne

Verklagten sich; und jeder schwur dem Richter,

Unmittelbar aus seines Vaters Hand

Den Ring zu haben. – Wie auch wahr! – Nachdem

Er von ihm lange das Versprechen schon[278]

Gehabt, des Ringes Vorrecht einmal zu

Genießen. – Wie nicht minder wahr! – Der Vater,

Beteu'rte jeder, könne gegen ihn

Nicht falsch gewesen sein; und eh' er dieses

Von ihm, von einem solchen lieben Vater,

Argwohnen laß': eh' müß' er seine Brüder,

So gern er sonst von ihnen nur das Beste

Bereit zu glauben sei, des falschen Spiels

Bezeihen; und er wolle die Verräter

Schon auszufinden wissen; sich schon rächen.

SALADIN.

Und nun, der Richter? – Mich verlangt zu hören,

Was du den Richter sagen lässest. Sprich!

NATHAN.

Der Richter sprach: wenn ihr mir nun den Vater

Nicht bald zur Stelle schafft, so weis' ich euch

Von meinem Stuhle. Denkt ihr, daß ich Rätsel

Zu lösen da bin? Oder harret ihr,

Bis daß der rechte Ring den Mund eröffne? –

Doch halt! Ich höre ja, der rechte Ring

Besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen;

Vor Gott und Menschen angenehm. Das muß

Entscheiden! Denn die falschen Ringe werden

Doch das nicht können! – Nun; wen lieben zwei

Von euch am meisten? – Macht, sagt an! Ihr schweigt?

Die Ringe wirken nur zurück? und nicht

Nach außen? Jeder liebt sich selber nur

Am meisten? – O so seid ihr alle drei

Betrogene Betrieger! Eure Ringe

Sind alle drei nicht echt. Der echte Ring

Vermutlich ging verloren. Den Verlust

Zu bergen, zu ersetzen, ließ der Vater

Die drei für einen machen.

SALADIN.

Herrlich! herrlich!

NATHAN.

Und also; fuhr der Richter fort, wenn ihr

Nicht meinen Rat, statt meines Spruches, wollt:

Geht nur! – Mein Rat ist aber der: ihr nehmt

Die Sache völlig wie sie liegt. Hat von

Euch jeder seinen Ring von seinem Vater:[279]

So glaube jeder sicher seinen Ring

Den echten. – Möglich; daß der Vater nun

Die Tyrannei des Einen Rings nicht länger

In seinem Hause dulden wollen! – Und gewiß;

Daß er euch alle drei geliebt, und gleich

Geliebt: indem er zwei nicht drücken mögen,

Um einen zu begünstigen. – Wohlan!

Es eifre jeder seiner unbestochnen

Von Vorurteilen freien Liebe nach!

Es strebe von euch jeder um die Wette,

Die Kraft des Steins in seinem Ring' an Tag

Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,

Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,

Mit innigster Ergebenheit in Gott,

Zu Hülf'! Und wenn sich dann der Steine Kräfte

Bei euern Kindes-Kindeskindern äußern:

So lad' ich über tausend tausend Jahre,

Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird

Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen,

Als ich; und sprechen. Geht! – So sagte der

Bescheidne Richter.

SALADIN.

Gott! Gott!

NATHAN.

Saladin,

Wenn du dich fühlest, dieser weisere

Versprochne Mann zu sein: ...

SALADIN der auf ihn zustürzt, und seine Hand ergreift, die er bis zu Ende nicht wieder fahren läßt.

Ich Staub? Ich Nichts?

O Gott!

NATHAN.

Was ist dir, Sultan?

SALADIN.

Nathan, lieber Nathan! –

Die tausend tausend Jahre deines Richters

Sind noch nicht um. – Sein Richterstuhl ist nicht

Der meine. – Geh! – Geh! – Aber sei mein Freund.

NATHAN.

Und weiter hätte Saladin mir nichts

Zu sagen?

SALADIN.

Nichts.

NATHAN.

Nichts?[280]

SALADIN.

Gar nichts. – Und warum?

NATHAN.

Ich hätte noch Gelegenheit gewünscht,

Dir eine Bitte vorzutragen.

SALADIN.

Brauchts

Gelegenheit zu einer Bitte? – Rede!

NATHAN.

Ich komm' von einer weiten Reis', auf welcher

Ich Schulden eingetrieben. – Fast hab' ich

Des baren Gelds zu viel. – Die Zeit beginnt

Bedenklich wiederum zu werden; – und

Ich weiß nicht recht, wo sicher damit hin. –

Da dacht ich, ob nicht du vielleicht, – weil doch

Ein naher Krieg des Geldes immer mehr

Erfodert, – etwas brauchen könntest.

SALADIN ihm steif in die Augen sehend.

Nathan! –

Ich will nicht fragen, ob Al-Hafi schon

Bei dir gewesen; – will nicht untersuchen,

Ob dich nicht sonst ein Argwohn treibt, mir dieses

Erbieten freier Dings zu tun: ...

NATHAN.

Ein Argwohn?

SALADIN.

Ich bin ihn wert. – Verzeih mir! – denn was hilfts?

Ich muß dir nur gestehen, – daß ich im

Begriffe war –

NATHAN.

Doch nicht, das nämliche

An mich zu suchen?

SALADIN.

Allerdings.

NATHAN.

So wär'

Uns beiden ja geholfen! – Daß ich aber

Dir alle meine Barschaft nicht kann schicken,

Das macht der junge Tempelherr. – Du kennst

Ihn ja. – Ihm hab' ich eine große Post

Vorher noch zu bezahlen.

SALADIN.

Tempelherr?

Du wirst doch meine schlimmsten Feinde nicht

Mit deinem Geld' auch unterstützen wollen?

NATHAN.

Ich spreche von dem einen nur, dem du

Das Leben spartest ...

SALADIN.

Ah! woran erinnerst[281]

Du mich! – Hab' ich doch diesen Jüngling ganz

Vergessen! – Kennst du ihn? – Wo ist er?

NATHAN.

Wie?

So weißt du nicht, wie viel von deiner Gnade

Für ihn, durch ihn auf mich geflossen? Er,

Er mit Gefahr des neu erhaltnen Lebens,

Hat meine Tochter aus dem Feu'r gerettet.

SALADIN.

Er? Hat er das? – Ha! darnach sah er aus.

Das hätte traun mein Bruder auch getan,

Dem er so ähnelt! – Ist er denn noch hier?

So bring ihn her! – Ich habe meiner Schwester

Von diesem ihren Bruder, den sie nicht

Gekannt, so viel erzählet, daß ich sie

Sein Ebenbild doch auch muß sehen lassen! –

Geh, hol ihn! – Wie aus Einer guten Tat,

Gebar sie auch schon bloße Leidenschaft,

Doch so viel andre gute Taten fließen!

Geh, hol ihn!

NATHAN indem er Saladins Hand fahren läßt.

Augenblicks! Und bei dem andern

Bleibt es doch auch?


Ab.


SALADIN.

Ah! daß ich meine Schwester

Nicht horchen lassen! – Zu ihr! zu ihr! – Denn

Wie soll ich alles das ihr nun erzählen?


Ab von der andern Seite.


Quelle:
Gotthold Ephraim Lessing: Werke. Band 2, München 1970 ff., S. 275-282.
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