Zweiter Auftritt

[490] Ein Geist steigt aus dem Boden, mit langem Barte, in einen Mantel gehüllet.


GEIST. Wer beunruhiget mich? Wo bin ich? Ist das nicht Licht, was ich empfinde?

FAUST erschrickt, fasset sich aber, und redet den Geist an. Wer bist du? Woher kömmst du? Auf wessen Befehl erscheinest du?

GEIST. Ich lag und schlummerte und träumte, mir war nicht wohl nicht übel; da rauschte, so träumte ich, von weitem eine Stimme daher; sie kam näher und näher; Bahall! Bahall! hörte ich, und mit dem dritten Bahall, stehe ich hier!

FAUST. Aber, wer bist du?

GEIST. Wer ich bin? Laß mich besinnen! Ich bin – ich bin nur erst kürzlich was ich bin. Dieses Körpers, dieser Glieder, war ich mir dunkel bewußt; itzt etc.

FAUST. Aber wer warst du?

GEIST. Warst du?

FAUST. Ja; wer warst du sonst, ehedem?

GEIST. Sonst? ehedem?

FAUST. Erinnerst du dich keiner Vorstellungen, die diesem gegenwärtigen, und jenem deinem hinbrütenden Stande vorhergegangen? –[490]

GEIST. Was sagst du mir? Ja, nun schießt es mir ein – Ich habe schon einmal ähnliche Vorstellungen gehabt. Warte, warte, ob ich den Faden zurückfinden kann.

FAUST. Ich will dir zu helfen suchen. Wie hießest du?

GEIST. Ich hieß – Aristoteles. Ja, so hieß ich. Wie ist mir?


Er tut als ob er sich nun völlig erinnerte und antwortet dem Faust auf seine spitzigsten Fragen. Dieser Geist ist der Teufel selbst, der den Faust zu verführen unternommen.


Doch, Sagt er endlich. ich bin es müde, meinen Verstand in die vorigen Schranken zurück zu zwingen. Von allem, was du mich fragest, mag ich nicht länger reden, als ein Mensch, und kann nicht mit dir reden als ein Geist. Entlaß mich; ich fühl es, daß ich wieder entschlummre etc.


Quelle:
Gotthold Ephraim Lessing: Werke. Band 2, München 1970 ff., S. 490-491.
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