[Aus »Sudelbuch« B]

Wenn er seinen Verstand gebrauchen sollte, so war es ihm als wenn jemand, der beständig seine rechte Hand gebraucht hat, etwas mit der linken tun soll.

[B 1]


Er hatte zu nichts Appetit und aß doch von allem.

[B 3]


Der Pöbel wünscht sich Gold und Chargen und würde sich betrogen finden wenn er sie hätte. Unter den Großen ist es nun auch Mode geworden, die Quelle und den Strohsack dem Bauern zu beneiden, mancher würde sich auch in diesem Zustand betrogen finden. Der Dichter versteht aber ein Ideal wird man sagen, wer weiß aber ob nicht der Bauer sich den Zustand des Großen auch idealisiert.

[B 6]
[47]

Mich dünkt immer die ganz schlechten Schriftsteller sollte man immer in den gelehrten Zeitungen ungeahndet lassen, die gelehrten Zeitungsschreiber verfallen in den Fehler der Indianer die den Orang Outang für ihres gleichen, und seine natürliche Stummheit für einen Eigensinn halten, von welchem sie ihn durch häufige Prügel vergeblich abzubringen suchen.

[B 12]


Es gibt eine gewisse Art von Büchern, und wir haben in Deutschland eine große Menge, die nicht vom Lesen abschrecken, nicht plötzlich einschläfern, oder mürrisch machen, aber in Zeit von einer Stunde den Geist in eine gewisse Mattigkeit versetzen, die zu allen Zeiten einige Ähnlichkeit mit derjenigen hat, die man einige Stunden vor einem Gewitter verspürt. Legt man das Buch weg, so fühlt man sich zu nichts aufgelegt, fängt man an zu schreiben, so schreibt man eben so, selbst gute Schriften scheinen diese laue Geschmacklosigkeit anzunehmen, wenn man sie zu lesen anfängt. Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß gegen diesen traurigen Zustand nichts geschwinder hilft als eine Tasse Kaffee mit einer Pfeife Varinas.

[B 15]
[49]

Beobachtungen zur Erläuterung der Geschichte des Geists dieses Jahrhunderts. Die Geschichte eines Jahrhunderts ist aus den Geschichten der einzelnen Jahre zusammengesetzt. Den Geist eines Jahrhunderts zu schildern kann man nicht die Geister der hundert einzelnen Jahre zusammenflicken, unterdessen ist es dem der ihn entwerfen will allemal nützlich auch die letzteren zu kennen, sie können ihm immer neue Punkte darbieten seine steten Linien dadurch zu ziehen.

[B 18]
[51]

Unsere neuen Kritiker preisen uns im Stil die edle und ungekünstelte Einfalt an, ohne uns durch ihr Beispiel auf diese edle Einfalt zu führen, alles was sie zu sagen wissen ist daß sie uns auf die Alten verweisen. In der Tat eine Art zu verfahren die nicht anders als gefährlich sein kann. Nicht jeder der edel einfältig schreiben soll kann die Alten lesen, dieses wäre in der Tat zu viel verlangt, von dem aber der eine solche Forderung tut kann man mit Recht mehr verlangen. Er muß sich erklären. Der meiste Teil der Menschen deren Stil getadelt worden ist, als nicht simpel genug, hat wenn er schrieb immer eine gewisse Spannung bei sich verspürt, eine gewisse Aufmerksamkeit nichts zudringen zu lassen, was schlecht wäre, nun wollen sie ganz edel und schlechtweg schreiben, lassen von dieser Spannung nach und nun dringt alles Gemeine zu. Simpel und edel simpel schreiben erfordert vielleicht die größte Spannung der Kräfte, weil in einer allgemeinen Bestrebung unserer Seelenkräfte, gefallen zu wollen, sich nichts so leicht einschleicht als das Gesuchte, es wird außerdem eine ganz eigene Art dazu erfordert die Dinge in der Welt zu betrachten, die eher das Werk eines nicht sehr belesenen schönen Geistes als eines Studiums des Altertums ist. Wenigstens glaube ich, soll man nie die Einfalt aus anderen Schriften zuerst kennen lernen wollen. Wer so viel Latein versteht, daß er den Horaz ohne Anstand lesen kann, und er gefällt ihm würklich nicht bloß in einigen Sentenzen, sondern auch weiter, und spürt, daß trotz einer oft überraschenden Schönheit dennoch sein Gefühl immer mit dem Horazischen gleich geht, der kann hernach den Horaz zu seinem Unterricht lesen, er wird was in ihm Schönes liegt alsdann noch mehr entwickeln. Wer aber gehört hat Horaz sei schön, liest ihn ohne ihn würklich seiner[52] Empfindung harmonisch zu finden, merkt sich einige Züge und ahmt ihn nach, der muß entweder ein sehr feiner Betrüger sein, oder es wird allemal unglücklich ausfallen. Ein solcher Schriftsteller wird allemal glauben er habe ihn übertroffen, so oft er eine Zeile niederschreibt, und dieses zwar deswegen, weil er die Schönheiten des Horaz als absolut für sich bestehend ansieht und nicht bedenkt, daß sie in einer gewissen Verhältnis mit der menschlichen Natur stehen die er nicht kennt, also nicht weiß wo der Punkt ist, unter welchem keine Schönheit, und über welchem keine Simplizität mehr stattfindet.

[B 20]


Der Pöbel ruiniert sich durch das Fleisch das wider den Geist, und der Gelehrte durch den Geist dem zu sehr wider den Leib gelüstet.

[B 21]


Ich habe das Glück gehabt 6 Jahre in einer Stadt in Deutschland zu leben, wo vielleicht die meisten deutschen Original-Genies beisammen leben, wenigstens mit dem Raum verglichen auf dem sie sich beisammen befinden, ich habe die meisten gnau gekannt, oder wenigstens allezeit Gelegenheit genug gehabt was ich aus Mangel eines genugsamen Umgangs verlor durch andere Züge zu ersetzen, die außer der Stadt, worin der Gelehrte lebt, selten bekannt werden, und in derselben einer mäßigen Neugierde auch nicht entwischen. Ich habe auch unglückliche Schriftsteller gekannt, eingebildete junge Leute, die sehr fleißig waren. Ich will hieher setzen was ich bei beiden bemerkt habe. Das große Genie urteilt in Gesellschaften nicht allein oft in Dingen die nicht in sein Feld gehören, sondern auch in den seinigen nicht allzeit gut, es seien denn Dinge, die es sehr häufig überdacht hat, oder worüber eine bloße Belesenheit entscheidet. Sich selbst allein gelassen besitzt es eine gewisse Aufmerksamkeit auf alltägliche Dinge, in welchem ein Hauptunterscheidungszeichen des großen Geistes zu liegen scheint, sich nicht durch Lokal-Denkungsart hinreißen zu lassen, alle Begebenheiten als individua anzusehen und nicht durch einen dem schwachen Menschen sehr natürlichen Kunstgriff sie in dem Genere summo alltäglicher Dinge alle gleich unbemerkt vorbeistreichen zu lassen. So ist niemand der Welt, hauptsächlich der gelehrten, unnützer, als derjenige Fromme1 der alle Dinge nur in dem Genere summo des Irdisch-Vergänglichen, oder[53] seine Empfindungen in unsern Worten ausgedrückt, des Nichtswürdigen übersieht und der Untersuchung unwürdig schätzt. Der Philosoph muß hierin einigermaßen seinem Schöpfer nachahmen, und, wenigstens in einem engen Bezirk, nur individua sehen. Diese Art die Dinge zu betrachten ist ein Hauptkennzeichen des Genies, es betrachtet freilich nicht alles so, es würde sonst Gott selbst sein müssen. Diese Art die Dinge anzusehen gibt dem Genie eine gewisse Kenntnis der Dinge um sich die nichts weniger als immer systematisch ist, die aber hinlänglich ist das Wahre vom Falschen wo nicht völlig gnau abzusondern, doch die erste grobe Trennung durchaus zu machen. Da wo man keine Bücher hat ist ohnstreitig diese Art von Erkenntnis häufiger, wo Bücher sind können Sprünge getan werden, und eine solche Kenntnis löst sich so zu reden nicht in der Seele auf, vereinigt sich nie völlig mit ihr, sondern wird nur im Fall der Not aus einem Ort hervorgeholt, wo sie noch getrennt von dem System der Gesinnungen liegt. Wie oft wird da falsch gegriffen. Die Alten waren häufig mit einer solchen Erkenntnis versehen. Alles was sie wußten machte ein Ganzes aus, und weil es der Lauf der Natur war was dieses Ganze nach und nach in ihnen zusammensetzte, so sprachen sie allemal natürlich wenn sie sprachen, ihre Ausdrücke waren simpel, denn es war die Natur die aus ihnen sprach. Man glaube nur nicht daß der fleißige Leser der Alten sich jetzt die Simplizität eigen machen werde; er kann sich gewöhnen sie in allen ähnlichen Werken wieder zu erkennen, sie wird aber nicht Fleisch und Blut bei ihm, sie kann sich bei ihm nicht unter neuen Gestalten zeigen. Alles was ich hier sage und was jeder Leser nun im Stande sein wird sich zu erläutern, habe ich an vielen Gelehrten bemerkt, ohngeachtet es zuweilen durch zu viel plötzlich durch Lesen aufgeschossene Gelehrsamkeit von einer andern Seite wieder vorstellt, weil sie so zu sagen den modernen Menschen mit ihrem übrigen großen Teil, dem Griechischen vermischten. Der unglückliche Schriftsteller, oder der modern Gelehrte liest ganz allein, seine gelehrte Gesinnungen sind nicht in seinem Selbst enthalten, sondern außer ihm, die kleine Seele geschmückt mit dem Apparatus einer größeren weiß sich nicht darein zu schicken, daher die unzähligen Gestalten unter denen der schlechte Schriftsteller erscheint, daher Schwulst, Ungleichheit mit sich selbst, (Hauptzug der schlechten Schriftsteller:) Affektation. (Siehe die Fortsetzung unter p [B 25])

[B 22]
[54]

Wir haben heutzutage eine ganze Menge sogenannter feiner Köpfe (nicht großer Geister). Es sind aber dieses nicht sowohl Leute, die groß in der ganzen Anlage ihres Geistes und zwar ursprünglich sind, sondern bei den meisten ist die Feinheit eine Schwächlichkeit, Hypochondrie, eine kränkliche Empfindlichkeit. Ein solcher Gelehrter ist zu feinen Bemerkungen aufgelegter als andere Menschen, stiftet aber [in] dem Reich der Gelehrsamkeit selten so viel Nutzen, glaubt viel ausrichten zu können, wenn er nur erst wollte, will aber[55] niemals. Diese Leute bilden sich leicht nach allem wenn sie lauter Gutes lesen, so schreiben sie ziemlich gut, sie sind aber allzeit weit entfernt von der sicheren Richtigkeit der Alten, deren Genie der gesunden und festen Reife einer Frucht und nicht der welken wurmstichigen, wiewohl oft schönfarbigen einiger Neueren gleicht.

[B 25]


In den Romanen gibt es tödliche Krankheiten, die im gemeinen Leben nichts weniger als tödlich sind, und umgekehrt im gemeinen Leben tödliche, die es in Romanen nicht sind.

[B 29]


Der Deutsche liegt im Charakter so zwischen dem Franzosen und Engelländer in der Mitte, daß unsere Romanen-Schreiber leicht einen von diesen beiden schildern, wenn sie einen Deutschen nur mit etwas starken Farben malen wollen.

[B 30]


Im Zuschauer wird gesagt: The whole man must move together, alles muß einen einzigen Endzweck im Menschen haben.

[B 31]


Er war was man in allen Ländern zwischen dem Rhein und der Donau eine gute Haut nennt.

[B 32]


In der Erinnerung an unser vergangenes Vergnügen lassen wir unsern sinnlichen Körper im gegenwärtigen und stellen uns ganz in abstracto, als ein gutes arkadische Ding ohne Schulden, ohne Sorgen, ohne notleidende Verwandten, zurück in die damalige Zeit, denn[56] wir sind nicht im Stand uns die vereinte Würkung verschiedener Eindrücke so gut zu vergegenwärtigen als eines einzigen.

[B 33]


Der eigentliche Mensch sieht wie eine Zwiebel mit vielen tausend Wurzeln aus, die Nerven empfinden allein in ihm, das andere dient diese Wurzeln zu halten, und bequemer fortzuschaffen, was wir sehen ist also nur der Topf, in welchen der Mensch (die Nerven) gepflanzt ist.

[B 35]


Es sind sehr wenige Dinge von denen wir uns durch alle 5 Sinne Begriffe erwerben können.

[B 37]
[57]

Jedermann sollte wenigstens so viel Philosophie und schöne Wissenschaften studieren als nötig ist um sich die Wollust angenehmer zu machen. Merkten sich dieses unsere Landjunker, Hof-Kavalier, Grafen und andere, sie würden oft über die Würkung eines Buchs erstaunen. Sie würden kaum glauben wie sehr Wieland den Champagner erhöhet, seine häufige Rosenfarbe, sein Silberflor, seine leinenen Nebel würden ihnen selbst den Genuß eines guten elastischen Dorf-Mädgens mehr sublimieren.

[B 41]
[58]

Quittungen: so könnte man ein Buch nennen, worin man sowohl der Natur als seinen Freunden Scheine ausstellte über das was man von ihnen empfangen hätte. Wenn es im Namen anderer getan würde, so könnte es eine satyrische Wendung bekommen.

[B 52]


Es ist würklich möglich daß, wenn Teile im Gehirn, die symmetrisch sein sollen, es nicht sind, dieses zum Vorteil des Verstandes dienen könne, wir können mit einem Auge genug haben, so auch mit einer Seite des Gehirns, die andere kann durch zufällige Umstände eher verhärten oder sonst Veränderungen leiden, die denn das Resultat der ganzen Stellung des Gehirns bei einer Idee verändern. Ausgewachsene Personen sollen öfters sehr scharfsinnig sein, die verwachsene Seite verhärtet mehr und vielleicht folgt eine ähnliche einseitige Veränderung im Gehirne, die dem Genie, das ohnehin schon jemand für einen kränklichen Zustand erklärt hat, eher vorteilhaft als schädlich ist. Ich habe bemerkt, daß Personen, in deren Gesichtern ein gewisser Mangel von Symmetrie war, oft die feinsten Köpfe waren. Wenn einem gewissen Bildnis zu trauen war, das ich von Herrn von Voltaire gesehen habe, und von dem man mir versicherte, daß es ein Abguß wäre von einer Form die man in Mannheim über sein Gesicht gegossen habe, so ist die eine Seite des Gesichts viel kürzer als die andere, auch die Nase, wiewohl kaum merklich, schief. K ...r von der einen Seite betrachtet sieht viel[61] jünger aus, als von der andern. Diesen beiden merkwürdigen Gesichtern gibt eben dieses wiewohl nicht anstößige Irreguläre einen gewissen Schwung, aus welchem alles das Salz und die Bitterkeit hervorblickt, die ihre Schriften so charakteristisch gemacht haben. Ein Mensch dessen eines Auge ein Perspektiv das andere ein Mikroskop wäre, wird unter gewöhnlichen Menschen eine sonderbare Figur spielen.

[B 54]
[62]

Er pflegte seine obern [und] untern Seelenkräfte das Ober- und Unterhaus zu nennen, und sehr oft ließ das erstere eine Bill passieren, die das letztere verwarf.

[B 67]


Ein schlechtes Mitglied der Deutschen und der menschlichen Gesellschaft – Herr M. (der menschlichen Gesellschaft außerordentliches Mitglied)

[B 68]


Wir können gar nichts von der Seele sehen wenn sie nicht in den Mienen sitzt, die Gesichter einer großen Versammlung von Menschen könnte man eine Geschichte der menschlichen Seele nennen mit einer Art von chinesischen Zeichen geschrieben. Die Seele legt, so wie der Magnet den Feilstaub, so das Gesicht um sich herum und die Verschiedenheit der Lage dieser Teile bestimmt die Verschiedenheit dessen, das sie ihnen gegeben hat. Je länger man Gesichter beobachtet, desto mehr wird man an den sogenannten nichtsbedeutenden Gesichtern Dinge wahrnehmen, die sie individuell machen.

[B 69]


Empedokles, Doktor Faust und Roger Baco sind wegen ihrer Geschicklichkeit teils für Wundertäter, teils für Hexenmeister ausgeschrien worden.

[B 70]
[65]

Wohin mich mein Schicksal und mein Wagen führt.

[B 75]


Ich beneide sehr wenige Menschen, etwa Wielanden, Sternen, den Horaz, Kästnern und wenn ich etwas Wein getrunken habe den Herrn Gleim. Ja wenn ich Wein getrunken habe, da sehe ich schon in der Zeit, da ich dem Bedienten das Geld für die Bouteille gab, wie der Seligen einer in dieses Jammertal zurück. Wenn uns Sterne doch die Naturgeschichte des Rausches, so wie ihn der Dichter, der Philosoph und der Liebhaber betrachtet, beschrieben hätte! Es sind wenig Dinge in der Welt, die eines Philosophen so würdig sind, als die Flasche, die cum spe divite durch die Gurgel eines Liebhabers[66] oder eines Dichters fließt. Spes dives, der Theolog trinkt und ein Thema zur Predigt wird nun zur Pfründe, er umarmt das Mädgen, das nur noch eine Seele zu seiner künftigen Besoldung auf die Empfängnis des Körpers wartet, der Jurist zieht sein Burgunder ein und Hasser werden nun zu Brod, Fähigkeiten und Titular-Geschicklichkeiten zu würklichen Ambassaden. O jenseit der Bouteille wie viel ist nicht da. Gebraucht es, Menschen, als Philosophen und lernt erkennen was Wein ist. Wie sich verhält tierischer Genuß zum platonischen – – – Genuß, so der Rausch des Fuhrmanns und des Tambours zu einer Verfassung, die vor dem unplatonischen Rausch vorhergeht, als die feine Liebe vor dem noch zweifelhaften Genuß, und für welche ich nun kein Wort wagen will.

[B 77]


Jeder Mensch hat auch seine moralische backside, die er nicht ohne Not zeigt, und die er so lange als möglich mit den Hosen des guten Anstandes zudeckt.

[B 78]


In dem Hause, wo ich wohnte, hatte ich den Klang und die Stimmung jeder Stufe einer alten hölzernen Treppe gelernt, und zugleich den Takt, in welchem sie jeder meiner Freunde, der zu mir wollte, schlug, und, ich muß gestehen, ich bebte allemal, wenn sie von einem Paar Füßen in einem mir unbekannten Ton heraufgespielt wurden.

[B 79]


Charakter einer mir bekannten Person.

Ihr Körper ist so beschaffen, daß ihn auch ein schlechter Zeichner im Dunkeln besser zeichnen würde, und stünde es in ihrem Vermögen, ihn zu ändern, so würde sie manchen Teilen weniger Relief geben. Mit seiner Gesundheit ist dieser Mensch, ohnerachtet sie nicht die beste ist, doch noch immer so ziemlich zufrieden gewesen, er hat die Gabe, sich gesunde Tage zu Nutze zu machen, in einem hohen Grade. Seine Einbildungskraft, seine treuste Gefährtin verläßt ihn alsdann nie, er steht hinter dem Fenster den Kopf zwischen die zwo Hände gestützt, und wenn der Vorbeigehende nichts als den melancholischen Kopfhenker sieht, so tut er sich oft das stille Bekenntnis,[67] daß er im Vergnügen wieder ausgeschweift hat. Er hat nur wenige Freunde, eigentlich ist sein Herz nur immer für einen Gegenwärtigen, aber für mehrere Abwesende offen, seine Gefälligkeit macht daß viele glauben er sei ihr Freund, er dient ihnen auch aus Ehrgeiz, Menschenliebe, aber nicht aus dem Trieb der ihn zum Dienst seiner eigentlichen Freunde treibt. Geliebt hat er nur ein oder zweimal, das einemal nicht unglücklich, das anderemal aber glücklich, er gewann bloß durch Munterkeit und Leichtsinn ein gutes Herz, worüber er nun oft beide vergißt, wird aber Munterkeit und Leichtsinn beständig als Eigenschaften seiner Seele verehren, die ihm die vergnügtesten Stunden seines Lebens verschafft haben, und könnte er sich noch ein Leben und noch eine Seele wählen, so wüßte ich nicht ob er andere wählen würde, wenn er die seinigen noch einmal wieder haben könnte. Von der Religion hat er als Knabe schon sehr frei gedacht, nie aber eine Ehre darin gesucht ein Freigeist zu sein, aber auch keine darin, alles ohne Ausnahme zu glauben. Er kann mit Inbrunst beten und hat nie den 90. Psalm ohne ein erhabenes, unbeschreibliches Gefühl lesen können. Ehe denn die Berge worden pp ist für ihn unendlich mehr als: Sing unsterbliche Seele pp. Er weiß nicht was er mehr haßt, junge Offiziers oder junge Prediger, mit keinen von beiden könnte er lange leben. Für Assembleen sind sein Körper und seine Kleider selten gut, und seine Gesinnungen selten .... genug gewesen. Höher als drei Gerichte des Mittags und zwei des Abends mit etwas Wein, und niedriger als täglich Kartuffeln, Äpfel, Brod und auch etwas Wein, hofft er nie zu kommen, in beiden Fällen würde er unglücklich sein, er ist noch allzeit krank geworden, wenn er einige Tage außer diesen Grenzen gelebt hat. Lesen und Schreiben ist für ihn so nötig als Essen und Trinken, er hofft es wird ihm nie an Büchern fehlen. An den Tod denkt er sehr oft und nie mit Abscheu, er wünscht daß er an alles mit so vieler Gelassenheit denken könnte, und hofft sein Schöpfer wird dereinst sanft ein Leben von ihm abfordern, von dem er zwar kein allzu ökonomischer, aber doch kein ruchloser Besitzer war.

[B 81]
[68]

Der Mann zu sein, der so absolut in Deutschland herrschen könnte wie ich auf meinem Schreibtische, wünsche ich mir nie, ich würde gewiß nur Dintenfässer umwerfen, und durch Aufräumen die Sachen nur noch mehr verwirren.

[B 85]


Da wo einen die Leute nicht mehr können denken hören, da muß man sprechen, sobald man dahin kommt wo man nun wieder Gedanken voraussetzen kann, die mit unsern einerlei sind, da muß man aufhören zu sprechen. Ein solches Buch ist Sterne's Reise, aber die meisten Bücher enthalten zwischen zweien merkwürdigen Punkten nichts als den allergemeinsten Menschen-Verstand, eine stark ausgezogene Linie, wo eine punktierte zugereicht hätte. Alsdann ist es erlaubt das Gedachte auszudrücken, wenn es auf eine besondere Art ausgedrückt wird, doch dieses ist schon mit unter der ersten Anmerkung begriffen.

[B 86]
[70]

Die alten Schriftsteller sind nun durch so viele Jahrhunderte durchgesichtet worden, wie viele unserer großen Autoren wird schon 18.. mit dem Wirrstroh wegwerfen.

[B 94]


Es gibt etwas in uns, das beinah so schwer abzulegen ist als der alte Adam, das uns immer zum Künstlichen und dem dem Künstlichen so nahe verwandten Schlechten treibt, und was ist das? Antwort wir werden nicht angehalten individua im Denken zu werden. Wir lesen zu früh, gesetzt es seien auch die alten Schriftsteller, wie soll man ein Kind verhindern, daß es nicht bloß lernt, wie Herder sagt, denken was die Alten dachten, sondern so denken wie sie dachten. Liberty and property, darauf müssen wir halten. Der Mensch schreibt absolute immer gut wenn er sich schreibt, aber der Perüquenmacher der wie Gellert schreiben will, ..., der den Winckelmann im Stil affektiert, und in die Chrie zu gehen kommt, schreibt schlecht. Warum ergötzt der niedersächsische Bauer durch seine plattdeutschen Naivetäten so oft den Kenner des Schönen, und der junge Theolog nicht der uns mit wehmütiger Stimme durch lautre sichtbare Finsternis nach Golgatha hinleuchten, und uns den Gekreuzigten anstaunen lassen will.

[B 95]
[72]

Ich verstehe von Musik wenig, spiele gar kein Instrument, außer daß ich gut pfeifen kann. Hiervon habe ich schon mehr Nutzen gezogen, als viele andere von ihren Arien auf der Flöte und auf dem Clavecin. Ich würde es vergeblich versuchen mit Worten auszudrücken, was ich empfinde wenn ich an einem stillen Abend In allen meinen Taten recht gut pfeife und mir den Text dazu denke, ich singe nicht gerne alleine. Wenn ich an die Zeile komme hast du es denn beschlossen pp, was fühle ich da oft für Mut, neues Feuer in Menge, was für Vertrauen auf Gott, ich wollte mich in die See stürzen und mit meinem Glauben nicht ertrinken, mit dem Bewußtsein einer einzigen Guttat eine Welt nicht fürchten. Spüre ich einen Hang zum Scherzhaften, so pfeife ich: Sollt auch ich durch Gram und Leid, oder When you meet a tender creature pp.

[B 97]


Er hatte einige Definitionen hergesagt ohne zu stocken und wenn er ein Wort ausließ, so wußte er es gleich nachzuholen, seine Zunge mehr als sein Verstand lehrte ihn daß etwas fehlte, denn er hatte alles auswendig gelernt.

[B 98]


In der Komödie suchte er bei jedem ihm lächerlich scheinenden Zug immer mit den Augen jemanden, der mit ihm lachen mögte, wenn ich dieses gewahr wurde, so kam ich ihm nie zu Hülfe, sondern sahe unverwandt auf die Seite zu.

[B 99]
[73]

Er war so witzig, daß jedes Ding ihm gut genug war zu einem Mittelbegriff jedes Paar andere Dinge mit einander zu vergleichen.

[B 101]
[74]

Es ist lächerlich zu behaupten, daß man zuweilen zu gar nichts recht aufgelegt sei, ich glaube der Augenblick da man sich stark genug fühlt einen Haupttrieb, nämlich den Trieb zur Wirksamkeit und zum Handeln zu unterdrücken, dieses ist der Augenblick da man vielleicht geschickt wäre, die seltsamsten und größesten Dinge zu unternehmen. Es ist dieses eine Art von Entgeisterung worin die Seele eben so viel ungewöhnlich Kleines sieht, als in jenen Begeisterungen ungewöhnlich Großes, und wie diese letztere Art Zustand mit jenen verwegenen Aussichten der Astronomen verglichen werden kann, so läßt sich hingegen die erstere mit den Bemühungen eines Leeuwenhoek zusammenhalten.

[B 106]


Der Mensch kommt unter allen Tieren in der Welt dem Affen am nächsten.

[B 107]
[75]

Das Ding von dessen Augen und Ohren wir nichts und von dessen Nase und Kopfe wir nur sehr wenig sehen, kurz unser Körper.

[B 109]


Der Vignettenstecher muß sich allzeit doch nach großen und erhabenen Mustern bilden, denn das Nachlässige muß das Ausruhen einer mächtigen Hand, und nicht die mühsame Nachlässigkeit einer ungeübten sein.

[B 111]


Er hatte seine Bibliothek verwachsen, so wie man eine Weste verwächst. Bibliotheken können überhaupt der Seele zu enge und zu weit werden.

[B 112]
[76]

Die kleinen Pfennings-Vorurteile, (Tugenden) (Wahrheiten).

[B 116]


Von der so genannten großen Tour wie es die Engelländer nennen hatte er das Stück von Manheim nach Francfort etlichemal zu Fuß gemacht.

[B 117]
[77]

Der Stolz des Menschen ist ein seltsames Ding, es läßt sich nicht sogleich unterdrücken, und guckt, wenn man das Loch A zugestopft hat, ehe man sichs versieht zu einem andern Loch B wieder heraus und hält man da zu, so steht er hinter dem Loch C usw.

[B 123]
[79]

Es gibt zwei Wege das Leben zu verlängern, erstlich daß man die beiden Punkte geboren und gestorben weiter von einander bringt und also den Weg länger macht, diesen Weg länger zu machen hat man so viele Maschinen und Dinge erfunden, daß man wenn man sie allein sähe unmöglich glauben könnte, daß sie dazu dienen könnten einen Weg länger zu machen, in diesem Fache haben einige unter den Ärzten sehr viel geleistet. Die andere Art ist, daß man langsamer geht und die beiden Punkte stehen läßt, wo Gott will, und dieses gehört für die Philosophen, diese haben nun gefunden, daß es am besten ist daß man zugleich botanisieren geht, zickzack, hier versucht über einen Graben zu springen und dann wieder herüber, wo es rein ist, und es niemand sieht, einen Purzelbaum wagt und so fort.

[B 129]


Einteilung. Ich teile mir das Publikum so ein, Leute die gar keine Besoldung und auch keine fixe Einnahmen haben, arme Teufel, Leute die unter 5 hundert Taler Besoldung oder bestimmte Einnahmen haben, Leute die über 5 hundert Taler haben, Leute die in die Tausende kommen, oder von Consequence sind. Dieses sind die 4 Klassen in der natürlichen Ordnung, wo die 4. die größte ist. Ich deklariere also feierlichst im Angesicht dieser Messe, daß ich nie etwas in meinen Schriften gegen die 4. Klasse, ja nicht einmal gegen die 3. geredet oder gedacht habe, sondern daß ich auch niemals etwas weder reden noch denken werde was dieser ehrwürdigen Klasse entgegenlaufen könne. Die 2. Klasse versichere ich meiner Freundschaft als Mitgenossen, allein die erste Klasse! Sehet da das Feld für einen deutschen Satyrenschreiber, unübersehbar; arme Teufel gibt es überall, und wird vermutlich welche geben so lange die Welt stehen wird.

[B 137]
[83]

Bei dem Frauenzimmer fällt der Sitz des Point d'honneurs mit dem Schwerpunkt zusammen, bei den Mannspersonen liegt er etwas höher in der Brust um das Zwerchfell herum. Daher bei Mannspersonen die elastische Fülle in jener Gegend bei Unternehmung prächtiger Taten, und eben daher das schlappe Leere daselbst bei der Unternehmung kleiner.

[B 139]


den 3. Mai 1769.

Alle Leute, welche Sachen von uns kaufen, die wir nicht mehr brauchen, und eben aus dieser einzigen Ursache weggeben, stehen nicht in dem besten Kredit bei der Welt, die Antiquarii, die geringen Juden, alle Trödler, die Dungkärrner, die ihre Grade haben und endlich sich gar in das Unehrliche verlieren.

[B 142]
[84]

Ich gehe zuweilen in 8 Tagen nicht aus dem Hause und lebe sehr vergnügt, ein eben so langer Hausarrest auf Befehl würde mich in eine Krankheit werfen. Wo Freiheit zu denken ist, da bewegt man sich mit einer Leichtigkeit in seinem Zirkel, wo Gedanken-Zwang ist, da kommen auch die erlaubten mit einer scheuen Miene hervor.

[B 143]


Der beständige Umgang den Kunkel mit Büchern von allerlei Art hatte, die Titel die er las und über welche er sprechen hörte und sich befragte, hatten in seinem Kopf eine Art von allgemeiner Enzyklopädie erzeugt, welche gedruckt zu sehen vielleicht des größten Betrachtungen-Sammlers nicht unwürdig wäre. Weil ich mich öfters mit ihm über mathematische Bücher besprochen habe, so kenne ich ihn von dieser Seite etwas gnauer. Seine Begriffe formierten sich ohngefähr so. Er sah Kästners Ruhm und Besoldung, 1. Schluß also durch Mathematik kann man zu Ruhm und Brod kommen. Er sah eine Sprache in den mathematischen Büchern die sich von allen andern christlichen und heidnischen Sprachen unterschied, 2. Schluß die Mathematik ist erschrecklich schwer. Einige Bücher gingen ihm beständig ab, andere blieben ihm stehen und beinah ewig stehen, 3. Schluß einige Teile der Mathematik müssen also wohl Brod eintragen, allein sie wird doch nicht so recht getrieben. Er sah die Finsternisse voraussagen, und zwar daß wie er selbst sagte die Kalendermacher selten sich um ein paar Vaterunsers lang irrten, 4. Schluß das ist etwas Außerordentliches um die Mathematik. Zusammengenommen sah seine Definition ohngefähr so aus: Die Mathematik ist eine Profession, wobei ein ehrlicher Mann alle seine 5 Sinne nötig hat, die Ehre und auch Brod einbringt, aber nicht viel getrieben wird, einige Teile davon müssen fast so brauchbar sein als die Pandekten; sie lehrt künftige Dinge vorhersagen und das auf eine erlaubte Art, die Mathematiker wissen vermutlich wenn unsereiner stirbt, aber sie tun wohl, daß sie es uns vorenthalten, und Gott gebe, daß die Landsobrigkeit es ihnen niemals erlaubt etwas davon auszuplaudern.[85] So viel ich hören und schließen konnte, so war seine Tafel der menschlichen Erkenntnis so geteilt


Wissenschaften bringen


Brod und Ehre – Jurisprudentia

– Medicina

– Theologie

– Analysis infinitorum

kein Brod und keine Ehre – Metaphysica

– Logica

– Critica

Ehre und kein Brod – Poesia

– belles lettres

– Philosophia

– Mathesis

Brod und keine Ehre – Advocatia

– Oeconomia

– Anatomia

– Rechnen und Schreiben


[B 145]


Er wußte wenigstens 10 000 Wörter im Deutschen und konnte sie alle, in so fern es anging, deklinieren und konjugieren, aber wenigstens 8 000 davon hatten sich in seinem Gehirn so von den eigentlichen Begriffen, die sie bezeichnen sollten, weggeschoben, daß sie öfters auf ganz andere zu liegen kamen oder daß sie doch über die Hälfte drüber oder drunter weg lagen, daher kamen die sonderbaren Vorstellungen von den Wissenschaften, wovon er doch täglich die Bücher unter Händen hatte. Manche Wörter waren bei ihm von einem abscheulichen Umfang daß sie nicht allein zwei drei Geschlechter, sondern jede Gattung und jedes Individuum besonders bezeichneten, so werden wir eine besondere Bedeutung von dem Wort belles lettres bei ihm finden. Das Wort Beruf druckte bei ihm die Begriffe Hang Neigung und Leidenschaft aus. Kurz in einem Kopf, wo die Wörter nicht recht liegen, da ist eine ganz andere Denkungs-Art, ein anderes Jus naturae, andere Belleslettres, die ganze Haushaltung muß sich ändern, man wird Fremdling in seinem eigenen Vaterland und in der Welt. Also wollte ich allen jungen Leuten raten, alle neue Wörter fein zu ordnen und so wie die Mineralien in ihre Klassen zu bringen, damit man sie finden kann, wenn man darnach fragt oder sie selbst gebrauchen will. Dieses heißt Wörter-Ökonomie, und ist dem Verstand eben so einträglich, als die Geld-Ökonomie dem Beutel.

[B 146]
[86]

Die Gruppierung der Qualitäten und der Taten, guter sowohl als böser, unter einander ist eine der schwersten Künste, und welche viele große Leute notwendig verstehen mußten, um bei der Nachwelt nicht allen Kredit zu verlieren. Eine hervorstechende Tugend und ein hervorstechendes Laster zusammen nimmt sich in einiger Entfernung so ziemlich aus. Schleichende, modeste Laster mit hervorspringenden Tugenden verträgt das Auge noch näher, hingegen stille Tugenden mit sehr schreienden Lastern geben einen häßlichen Anblick. Dieses war der Fall von unserm K.

[B 151]
[87]

Trinken, wenn es nicht vor dem fünf und dreißigsten Jahre geschieht, ist nicht so sehr zu tadlen, als sich viele von meinen Lesern vorstellen werden. Dieses ist ohngefähr die Zeit, da der Mensch aus den Irrgängen seines Lebens heraus auf die Ebene tritt in welcher er seine künftige Bahn von nun an offen vor sich hinlaufen sieht. Es ist betrübt, wenn er alsdann erst sieht daß es die rechte nicht ist, eine andre zu suchen, wenn er nicht sehr gut zu Fuß ist, ist gemeiniglich zu spät. Ist diese Entdeckung mit einer Unruhe verknüpft, so hat man durch die Erfahrung befunden, daß der Wein zuweilen Wunder tut, fünf bis sechs Gläser oder bis an die Spes dives des Horaz getrunken, gibt nun dem Menschen die Lage die er verfehlt hat, das Gesinnungen-System findet alles Äußere mit seinem angenehmsten Stande harmonisch, wo Prospekte verbaut sind, da reißt die Seele ein, und überall schafft sie sich die schönsten Perspektive, von dem reinsten rosenfarbenen Licht erhellt, oder dem erquickendsten Grün das nur ein Auge zur Stärkung und eine Seele zur angenehmsten Füllung verlangen kann.

[B 159]
[89]

Einen einzigen Abend in einer Laube im Genuß seiner eigenen Empfindung, wie es Wieland nennt, zuzubringen, war für ihn das Beste und Höchste, darnach schätzte er die Größe und das Glück der Menschen, damit wog er Taten auf wovon das Gerücht durch Jahrtausende durchhallt.

[B 160]


Er hatte schon längst den stillen Vorsatz bei sich gefaßt etwas zu tun, das entweder in die gelehrte oder in die politische Zeitung kommen müßte.

[B 161]


Er und sein Bedienter waren so einig, einer dependierte so vom andern daß man sie ein 4füßigtes Tier nennen konnte. Der verheiratete 4füßigte Mensch.

[B 165]
[90]

Wir wundern uns zuweilen über die indianische Völker, die sich Briefe in Knoten schicken, unsere Buchstaben sind nichts als Knoten von Linien, welche, wie man aus der Schattierung erkennt, gewisse Bänder machen.

[B 173]
[92]

Er mußte etwas zu spielen haben, hätte ich ihn keine Vögel halten lassen, so hätte er Maitressen gehalten.

[B 175]
[93]

Man soll sehr gut schießen, wenn man etwas getrunken, sehet da die Verwandtschaft zwischen Schützenkunst und Poesie.

[B 183]
[95]

Was haben Sie hier? Ein Kompaß um durch die Welt zu reisen. Wie, in einem Beutel? Ja es sind 50 Louisd'or bar und Wechsels auf ein paar tausend andere.

[B 186]
[97]

Man pflegte ihn den Halbköpfigten zu nennen, nicht wegen einer besondern Einrichtung und Form seines Kopfes, als vielmehr desjenigen unsichtbaren Wesens, das nach der meisten Menschen Urteil im Kopf sitzt.

[B 192]


Ein gewisser Mensch bleibt allezeit in den Augen des Weltweisen einerlei, er mag Perüquenmacher oder Minister sein, so wie der Marmor derselbe bleibt, die Statue mag einen Kapuziner oder den Apollo vorstellen, Bronze oder Sandstein wird er aber nicht.

[B 194]
[98]

Er trug die Livree des Hungers und des Elendes.

[B 199]


Rede eines Selbstmörders kurz vor der Tat aufgesetzt.

Freunde! Ich stehe jetzo vor der Decke im Begriff sie aufzuziehen, um zu sehen ob es hinter derselben ruhiger sein wird als hier. Es ist dieses keine Anwandlung einer tollen Verzweiflung, ich kenne die Kette meiner Tage aus den wenigen Gliedern die ich gelebt habe zu wohl. Ich bin müde weiter zu gehen, hier will ich ganz ersterben oder doch wenigstens über Nacht bleiben. Hier nimm meinen Stoff wieder, Natur, knete ihn in die Masse der Wesen wieder ein, mache einen Busch, eine Wolke, alles was du willst aus mir, auch einen Menschen, aber mich nicht mehr. Dank sei es der Philosophie, daß mich jetzo keine fromme Possen in dem Zug meiner Gedanken stören. Genug ich denke, ich fürchte nichts, gut, also weg mit dem Vorhang! – –

[B 209]
[104]

Ihr Unterrock war rot und blau sehr breit gestreift und sah aus, als wenn er aus einem Theater-Vorhang gemacht wäre. Ich hätte für den ersten Platz viel gegeben, aber es wurde nicht gespielt.

[B 216]


Weil er seinem Vater nun einmal bei der Zeugung mißlungen war, so getraute sich kein Kupferstecher nachher noch einmal sein Heil mit ihm in Kupfer zu versuchen.

[B 217]


Wenn Sie nur so viel Witz hätten als ein Senfkorn, so würden Sie dieses haben sagen müssen.

[B 218]
[105]

Taten, die zum Schaden der Täter, allein zum Vorteil anderer eben deswegen gereichten, hat man weil sie ihrer Natur nach keine bare Bezahlung zuließen mit Lob zu bezahlen gesucht, und Ehrengedächtnisse sind Wechsel, die man auf die Nachwelt stellen muß, weil sie oft die lebende Welt mit Protest würde zurückgehen lassen.

[B 220]


Leute werden oft Gelehrte so wie manche Soldaten werden, bloß weil sie zu keinem andern Stand taugen, ihre rechte Hand muß ihnen Brod schaffen, sie legen sich, kann man sagen, wie die Bären im Winter hin und saugen aus der Tatze.

[B 223]


Die Barbarei ist eine Sündflut über die Wissenschaften gewesen welche der witzelnde Frevel einiger römischen beaux esprits über dieselben gebracht hat, sie ist in beinah 2 000 Jahren noch nicht ganz vertrocknet, selbst in Deutschland stehen hier und da noch starke Pfützen, wie Seen, wo gewiß keine Taube ein Ölblatt finden würde.

[B 224]
[106]

Beleidigungen des Verstandes und Witzes.

[B 226]


To be or not to be – Toby or not Toby, that is the question?

[B 229]
[107]

Das Trinken hat wie die Malerei seinen mechanischen und dichterischen Teil, so wie auch die Liebe. Dieses gehört mit zur Pinik.

[B 236]


Wer ist da? Nur ich. O das ist überflüssig genug.

[B 240]
[108]

Wenn uns ein Engel einmal aus seiner Philosophie erzählte, ich glaube es müßten wohl manche Sätze so klingen als wie 2 mal 2 ist 13.

[B 242]


Er konnte nicht begreifen warum zuweilen unwiderstehliche Neigungen in ihm entstunden, wozu ihm doch alle Befriedigung abgeschnitten war. Er richtete diese Zweifel oft als eine Preisfrage an den Himmel und eine befriedigende Beantwortung versprach er mit einer völligen Verleugnung seiner selbst und einer gelassenen Unterwerfung zu erwidern.

[B 243]


Und mit dem Wein, der nun nicht mehr in den Bouteillen, sondern im Kopf war, gingen sie auf die Straße.

[B 245]


Nimm dich in acht, daß meine Gedult nicht über deiner Langsamkeit ablauft. Auf meine Ehre, ich ziehe sie deinetwegen nicht noch einmal auf.

[B 249]
[109]

Es ist zum Erstaunen wie sehr unsere Eitelkeit mit jedem Bettel schachert, was der Arme nicht mehr nützen kann wirft er auf den ersten den besten Weg hin umsonst. Wir, die wir uns mehr dünken als Bettel-Leute, geben unsere abgenutzte Kleider zuweilen dem ersten dem besten Armen gegen Erlegung [von] etwas weit Wichtigerm, als es uns zu stehen kam, gegen Dank und Verbindlichkeit.

[B 252]
[110]

Wenn ich einmal sein Leben herausgebe, so suchen Sie gleich im Index die Wörter Bouteille und Selbst-Genuß auf, sie enthalten das Wichtigste von ihm.

[B 255]
[112]

Er bewegte sich so langsam als wie ein Stunden-Zeiger unter einem Haufen von Sekunden-Zeigern.

[B 258]
[113]

Es wäre nicht gut, wenn die Selbstmörder oft mit der eigentlichen Sprache ihre Gründe erzählen könnten, so aber reduziert sie sich jeder Hörer auf seine eigene Sprache und entkräftet sie nicht sowohl dadurch, als macht ganz andere Dinge daraus. Einen Menschen recht zu verstehen müßte man zuweilen der nämliche Mensch sein, den man verstehen will. Wer versteht, was Gedanken-System ist, wird mir Beifall geben. Öfters allein zu sein, und über sich selbst zu denken, und seine Welt aus sich zu machen kann uns großes Vergnügen gewähren, aber wir arbeiten auf diese Art unvermerkt an einer Philosophie, nach welcher der Selbst-Mord billig und erlaubt ist, es ist daher gut sich durch ein Mädgen oder einen Freund wieder an die Welt anzuhaken, um nicht ganz abzufallen.

[B 262]
[114]

Bei unsrem frühzeitigen und oft gar zu häufigen Lesen, wodurch wir so viele Materialien erhalten ohne sie zu verbauen, wodurch unser Gedächtnis gewöhnt wird die Haushaltung für Empfindung und Geschmack zu führen, da bedarf es oft einer tiefen Philosophie unserm Gefühl den ersten Stand der Unschuld wiederzugeben, sich aus dem Schutt fremder Dinge herauszufinden, selbst anfangen zu fühlen, und selbst zu sprechen und ich mögte fast sagen auch einmal selbst zu existieren.

[B 264]


Wie hat es Ihnen in dieser Gesellschaft gefallen? Antwort Sehr wohl, beinah so sehr als auf meiner Kammer.

[B 266]


Ich weiß nicht, der Mensch hatte würklich die Miene, die man ein In-sich-kehren der Augen des Geistes nennen könnte, und allezeit ein Zeichen des Genies ist.

[B 267]
[115]

Kein Schriftsteller muß je glauben, daß das, was einer gemischten Gesellschaft gefällt, deswegen der Welt gefalle. Die kleine Gesellschaft hat alle erforderliche Mittel einen Gedanken in allen seinen Relationen zu betrachten, sie kann aus der Gelegenheit und Umständen die Zeit messen, die der Urheber brauchte ihn hervorzubringen, die Vergleichung der Zeit oder anderer Umstände mit dem inneren Gewicht des Gedankens könnte man sein Moment nennen, und man sieht, daß ein schlechter Gedanke zuweilen ein großes Moment bekommen, wenn er unerwartet kommt, dabei nicht viel Zeit kann gekostet haben. Die Welt schätzt bloß das Werk nach dem Gewicht, nicht nach der Zeit, worin es ist zu Stande gebracht worden. Wüßte der Leser die Umstände gnau, so würde der Gedanke nichts verlieren, es ist aber höchst ungereimt zu glauben, daß dasjenige, was ich einer Gesellschaft sage die ich kenne, eben die Wirkung auf ein ganzes Publikum haben soll das ich doch nicht kenne.

[B 271]
[117]

Vernunft und Einbildungskraft haben bei ihm in einer sehr unglücklichen Ehe gelebt.

[B 275]


Er hatte als eine Grund-Regel seines Tun und Lassens den Anti-Shaftesburyschen Satz angenommen, sich nie mit sich selbst zu gemein zu machen, weil er wohl voraussah, daß die Folge eine Verachtung seiner selbst sein müsse.

[B 277]
[118]

Die Hypothesen einiger Neuern laufen noch nicht gegen die Erfahrung, aber ich fürchte die Erfahrungen werden einmal gegen sie laufen.

[B 281]
[119]

Etwas in Prose oder in Versen arbeiten zu können, ist zu gewissen Zeiten eben so bequem, als sich selbst rasieren und frisieren zu können.

[B 288]
[121]

Ich habe eine Menge kleiner Gedanken und Entwürfe zusammengeschrieben, sie erwarten aber nicht sowohl noch die letzte Hand, als vielmehr noch einige Sonnenblicke, die sie zum Aufgehen bringen.

[B 295]


Auf ein schönes Mädgen, das in der Kirche sehr andächtig war

Andächtiger und schöner als Lucinden

Wird man nicht leicht ein Mädgen beten sehn;

In jedem Zug lag Reue für die Sünden

Und jeder reizte zum Begehn.

[B 299]
[125]

Es ist eine Frage, welches schwerer ist, zu denken oder nicht zu denken. Der Mensch denkt aus Trieb, und wer weiß nicht wie schwer es ist einen Trieb zu unterdrücken. Die kleinen Geister verdienen also würklich die Verachtung nicht, mit der man [ihnen] nun in allen Landen zu begegnen anfängt.

[B 308]


Es ist ein Fehler, den der bloß witzige Schriftsteller mit dem ganz schlechten gemein hat, daß er gemeiniglich seinen Gegenstand eigentlich nicht erleuchtet, sondern ihn nur dazu braucht sich selbst[126] zu zeigen. Man lernt den Schriftsteller kennen und sonst nichts. So hart es auch zuweilen widergehen sollte eine witzige Periode wegzulassen, so muß es doch geschehen, wenn sie nicht notwendig aus der Sache fließt. Diese Kreuzigung gewöhnt allmählig den Witz an die Zügel die ihm die Vernunft anlegen muß, wenn sie beide zusammen mit Ehren auskommen sollen.

[B 310]


Um zu machen, daß man sich in einer einmal angefangenen Ironie erhält, ist es gleich von Anfang gut dem Ganzen eine Hauptwendung zu geben, das Ganze kann eine Verteidigung eines an sich schlechten Dinges, eine Lobrede auf einen an sich schlechten Mann sein, dieses muß nicht einen Augenblick aus dem Gesicht verloren werden sobald man es einmal darein gefaßt hat, alles muß eine entfernte Beziehung wenigstens auf diese Absicht haben. Spott wird erhalten, wenn man ganz an sich bekannte, allgemein zugegebene Dinge mit Umständen beweist bloß um Gelegenheit zu haben neue lächerliche Seiten von dem Dinge anzugeben, und umgekehrt wenn man Dinge als bekannt annimmt die allgemein widersprochen werden. Das Ganze muß ein angenommener Ernst sein, und den nichtswürdigsten Kleinigkeiten muß ein Ansehen von Wichtigkeit gegeben werden, als wenn der Wert der ganzen Sache und Glück und Seligkeit davon abhingen.

[B 311]


Er hatte etwas an sich, was die Herrnhuter gemeiniglich gesalbtes Wesen, der stubensitzende Lehrer der Theologie Frömmigkeit, der vernünftige Mann der die Welt kennt Einfalt und Unverstand nennt.

[B 314]
[127]

Wieland ist ein großer Schriftsteller, er hat verwegene Blicke in eine Seele getan, in die seinige oder eines andern, mitten in dem Genuß seiner Empfindungen greift er nach Worten und trifft, wie durch einen Trieb, unter Tausenden von Ausdrücken oft den, der augenblicklich Gedanken wieder zu Empfindungen macht. Dieses hat er mit dem Shakespear gemein, ich meine hiermit nicht, daß er ihn nachahmt. Sternen hat er vielleicht nachgeahmt, das ist er hat in Dingen Sternen gefolgt, in welchen ein weit geringerer Geist, als Wieland ihm auch hätte folgen können, da wo er Sternische Bemerkungen über die Dinge macht, da wollte ich nicht gerne sagen, daß er ihm nachgeahmt habe, dieses zu tun muß allemal einige Übereinstimmung in den ersten Grundkräften beider Seelen, oder, wenn man lieber will, in den entferntesten Modifikationen derselben sein. Wieland ist aber weit über alles was ich kenne in den Schilderungen der sinnlichen Wollust, so wie sie sich einer schönen Einbildungskraft entkörpert, und sie in den geistigen Genuß unendlicher Wonne versenkt, in welcher eine durch alle Sinne einströmende Wollust wie ein Tropfen verschwindet; durch die der Adept Könige und Kurfürsten hinter sich läßt, sich gegen eine Welt gewogen stolz den Ausschlag gibt und Taten aufwiegt, wovon der Ruf durch Jahrtausende durchhallt. Sein Rosenfarb und Silber, sein Quell des Lichts, sein Klang der Sphären haben für den Kenner im stillen zu seiner Zeit eben den Wert den seine verschobene Halstücher, seine leinenen Nebel und seine zweideutigen Schatten zu einer andern Zeit für einen andern Leser haben.

[B 322]


Hätte die Natur nicht gewollt daß der Kopf den Forderungen des Unterleibes Gehör geben sollte, was hätte sie nötig gehabt den Kopf an einen Unterleib anzuschließen. Dieser hätte sich ohne eigentlich[131] dasjenige zu tun was man Sünde nennt satt essen und sich satt paaren und jener ohne diesen Systeme schmieden, abstrahieren und ohne Wein und Liebe von platonischen Räuschen und platonischen Entzückungen reden und singen und schwatzen können. Küsse vergiften ist noch weit ärger von der Natur gehandelt, als das Vergiften der Pfeile der Feinde im Krieg.

[B 323]


Ich wünschte mir bloß ein König zu sein um mit meinen geringen Talenten L der Große [zu] heißen.

[B 326]
[132]

Die ganz gemeinen Leute brauchen dasjenige was ihnen Gott zum Gebrauch in die Hände gegeben hat gewiß zweckmäßiger als wir vornehmen Leute. Ich meine nicht das bißgen Vermögen das ihnen der liebe Gott darbietet, das ihnen die großen Herren mit ihren langen Händen wegnehmen ehe sie es recht brauchen können, sondern was ich meine ist eigentlich Leib und Seele. Der Gelehrte sollte so in seiner Haushaltung denken, wie der gemeine Mann in der seinigen, er denkt ohne zu wissen, daß er etwas tut, was die Gelehrten als ein sicheres Specificum gegen Fehler und Irrtümer anraten, wofür aber die meisten als für einem bitteren Tränkgen Abscheu tragen. Die Studierten machen ein Gewerbe aus einem Ding das eine Pflicht ist und bilden sich ein, wenn sie über das denken, was sie tun, sie hätten einen Lohn im Himmel verdient, da es doch nicht um ein Haar mehr verdienstlich ist als bei seiner Frau zu schlafen.

[B 332]


Man gibt oft Regeln über Dinge, wo sie unstreitig mehr Schaden als Nutzen bringen. Was ich hier meine will ich mit einem Artikel aus einer Feuer-Ordnung erläutern. Anwendung wird sich jeder in seinen Wissenschaften zu machen wissen: Wenn ein Haus brennt, so muß man vor allen Dingen die rechte Wand des zur Linken stehenden Hauses und hingegen die linke Wand des zur Rechten stehenden Hauses zu decken suchen. Die Ursache ist leicht einzusehen, denn wenn man zum Exempel die linke Wand des zur Linken stehenden Hauses decken wollte, so liegt ja die rechte Wand des Hauses der linken Wand zur Rechten und folglich, weil das Feuer auch dieser Wand und der rechten Wand zur Rechten liegt, (denn wir haben ja angenommen, daß das Haus dem Feuer zur Linken liege), so liegt die rechte Wand dem Feuer näher als die linke, das ist die rechte Wand des Hauses könnte wegbrennen wenn sie nicht gedeckt würde, ehe die linke die man deckt wegbrennte, folglich könnte etwas wegbrennen das man nicht deckt und zwar eher ehe etwas anderes wegbrennen würde auch wenn man es nicht deckte, folglich muß man dieses lassen und jenes decken. Um sich die Sache zu imprimieren darf man nur bemerken, wenn das Haus dem Feuer zur Rechten liegt, so ist es die linke Wand, und liegt das Haus zur Linken, die rechte Wand.

[B 333]


Die Scheidewand zwischen Vergnügen und Sünde ist dünne, daß sie der Strom des langsamsten Blutes im Siebenzigsten in Stücken[133] drückt. Was? Will denn die Natur was sie nicht will? Oder denkt die Vernunft was sie nicht denken kann? Du Narr! Weg mit dieser verfluchten Demokratie wo alles das Wort führen will. Wenn ich will, soll eine uneinheimische, eingeführte nichtswürdige Sentenz aufsteigen und Fleisch und Blut Trotz bieten? Eine Sentenz Herr von diesem festen stäten Hang eines ganzen Systems zur Wollust? Ja werfe einem hungrigen Volk einen Zwieback zu und befriedige es oder halte die Flut mit einem Fächer auf. Sünde, was Sünde – dreitausend Stimmen gegen eine, es ist nichts. Eine Schuldistinktion oder Priester-Betrug. So – hier steh ich fest, und dieses bin ich. Seid was ihr wollt, wohlan.

[B 334]
[134]

Ich fand ihn in seiner Stube, die Hose bis an die Knie herunterhängend und mit einem Messer in der Rechten, jedermann, der ihn so gefunden haben würde, würde geglaubt haben er wolle sich kastrieren, er hatte eben die Hosen die ihm geplatzt waren mit einem langen Bindfaden zugebunden, den er beschäftigt war abzuschneiden.

[B 340]


Unter den heiligsten Zeilen des Shakespear wünschte ich daß diejenigen einmal mit Rot erscheinen mögten, die wir einem zur glücklichen Stunde getrunkenen Glas Wein zu danken haben.

[B 342]


Montags den 10. Dec. 1770 setzte ich meinen Wahlspruch Whim fest. Denn ist es nicht Whim in dieser Welt einmal sein wollen was wir sein wollen, was wir sein sollen. Wir sind immer etwas anderes das von Gebräuchen der Vor- und Mitwelt abhängt, ein leidiges accidens eines Dings das keine Substanz ist. Ist denn die menschliche Natur ein Ding das seinen Kopf im Paradies und seinen Schwanz am andern Ende der Ewigkeit hat und dessen Glieder Homöomerien des Ganzen sind?

[B 343]


Ein gewisser Freund den ich kannte pflegte seinen Leib in drei Etagen zu teilen, den Kopf, die Brust und den Unterleib, und er[135] wünschte öfters, daß sich die Hausleute der obersten und der untersten Etage besser vertragen könnten.

[B 344]


Lieber Freund, du kleidest deine Gedanken so sonderbar, daß sie nicht mehr aussehen wie Gedanken.

Sage mir ob dieser nicht seltsam gekleidet ist und du sollst alle die meinigen nackend sehen ehe sie noch meine Sinnen mit ihrer Livree bedecken. Es ist eine Schande, die meisten unserer Wörter sind mißbrauchte Werkzeuge, die oft noch nach dem Schmutz riechen, in dem sie die vorigen Besitzer entweihten. Ich will mit neuen arbeiten, oder ohne so viel Luft dazu zu brauchen, als ein Sommervogel aussumst, nur mit mir selbst in alle Ewigkeit sprechen.

[B 346]
[136]

Wenn es so viel Kreuzigung kostet, so ist es leichter gegen eine Brèche zu marschieren als auf den Himmel zu.

[B 350]


Wie abgeschmackt ist alles ohne dich, die Welt sieht mir aus wie eine kalte leere Stube, und die neuesten Dinge als wenn ich sie schon 3 mal gesehen hätte.

[B 351]


Selbst dadurch daß wir uns vergnügen auch noch einer geliebten Person außerdem ein großes Vergnügen machen, ist das Reizendste was sich der empfindliche Mensch denken kann, daher hat auch die gütige Natur dieses Prämium demjenigen versprochen, der sich die Mühe nehmen würde andere seines gleichen zu machen.

[B 352]


Unser fetter Bacchus, der seine dicken Schenkel über ein Faß geschlagen in der Rechten sein Baßglas hält, muß wieder zu jenem sanften Gott der Alten zurückgebracht werden.

[B 353]
[137]

protokollieren, prodekollieren.

[B 356]


Polizei, Polzei, Plotzei, Platzei, Platzerei, Plackei, Plackerei.

[B 357]


Apostel, Apostille, Postille.

[B 358]


Der liebe Gott muß uns doch recht lieb haben, daß er immer in so schlechtem Wetter zu uns kommt.

[B 359]


Bei einem kleinen Fieber glaubte ich einmal deutlich einzusehen, daß man eine Bouteille Wasser in eine Bouteille Wein verwandeln könne durch die nämliche Methode wie man eine Figur in einen Triangel verwandelt.

[B 360]


Sie glauben oft um ein schöner Geist zu sein müsse man etwas liederlich leben, und gleichsam das Genie mit verdorbenen Sitten fett machen.

[B 361]
[138]

Was hilft das Lesen der Alten, sobald ein Mensch den Stand der Unschuld einmal verloren hat, und wo er hinsieht überall sein System wieder erblickt, daher urteilt der mittelmäßige Kopf es sei leicht wie Horaz zu schreiben, weil [er] es für leicht hält besser zu schreiben, und weil dieses besser zum Unglück schlechter ist. Je älter man wird (vorausgesetzt, daß man mit dem Alter weiser werde), desto mehr verliert man die Hoffnung besser zu schreiben als die Alten, am Ende sieht man, daß das Eichmaß alles Schönen und Richtigen die Natur ist, daß wir dieses Maß alle in uns tragen, aber so überrostet von Vorurteilen, von Wörtern wozu die Begriffe fehlen, von falschen Begriffen, daß sich nichts mehr damit messen läßt.

[B 365]
[140]

Ist es denn so unrecht daß der Mensch wieder durch die nämliche Pforte zur Welt hinausgeht durch die er hineingekommen ist?

[B 369]
[141]

Alle Äpfel-Mädchen von der Eva bis auf sie.

[B 372]
[142]

Es kann nicht alles ganz richtig sein in der Welt weil die Menschen noch mit Betrügereien regiert werden müssen.

[B 387]


Es tun mir viele Sachen weh, die andern nur leid tun.

[B 389]
[145]

Ich warf allerlei Gedanken im Kopf herum bis endlich folgender obenhin zu liegen kam.

[B 394]


Er erschien an diesem Tag ganz neu gekleidet und ziemlich heiter, die Leute wunderten sich, wo er es her hatte; allein es ist wahrscheinlich, daß er in seinen guten Umständen ein Kapital im Himmel gesammelt hatte, wovon zuweilen ganz unerwartet die Interessen einkamen.

[B 395]


Fein war er eigentlich nicht, allein er verstund doch die Kunst, wenn er es bedurfte, zuweilen auf seinen Nebenmenschen zu reiten.

[B 396]


Er hatte so wenig Macht über sich selbst, daß er es nicht einmal über sich bringen konnte seinen Stock in eine gewisse Ecke seiner Stube zu stellen, wie er sich doch vorgenommen, sondern wenn er nach Hause kam, so ging er an der Ecke vorbei und es war ihm gemeiniglich zu unbequem ihn aus der Hand zu lassen bis er an ein anderes Ende der Stube gekommen war.

[B 397]
[146]

Karl der 12. verteidigt sich mit einigen seiner Bedienten bei Bender gegen etliche tausend Janitscharen. Ein Chineser kastriert sich in seinem 30. Jahr um sich zum Sklaven zu verkaufen wie Bell von Antermony erzählt. Ein englischer Matrose im Jahr 1771 schneidet sich mit einem Brod-Messer das Fleisch vom Arm gleich über dem Gelenk rings herum ab, bricht den Knochen auf dem Knie entzwei[150] und wirft die Hand ins Meer, bloß weil ihn wie er sagt seine Hand ärgerte. Welches von diesen 3en würden Sie am liebsten getan haben?

[B 412]


Von allen Mordtaten sind nur diejenigen ausgekommen, von denen man etwas weiß.

[B 413]


In saufbrüderlicher und kaffeeschwesterlicher Eintracht.

[B 415]


Ihr, die ihr dieses entweder als Päckgen oder als Packpapier von eurem Buchhändler erhalten werdet.

[B 416]
[151]

Quelle:
Georg Christoph Lichtenberg: Schriften und Briefe. Band 1, München 1967 ff., S. 41-42,47-59,61-63,65-101,104-128,131-143,145-147,150-152.
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