[Aus »Sudelbuch« K]

Durch die Ermordung Ludwigs XVI. wurden Leute gegen die Grundsätze jener fränkischen Vandalen empfindlich, die es vorher nicht waren. Jene Tat war die Sprache, wodurch sie ihnen verständlich wurden; und sie zu rächen, tut jetzt mancher, was er sonst nicht würde getan haben. So werden die größten Dinge verrichtet, und eben so ist es bei tausend Menschen mit der Liebe gegen den König. Der Untertan tut oft für einen guten König, was er für die eherne Bildsäule des Gesetzes nicht würde getan haben. Ein guter Regent ist die Kraft des Gesetzes, die freilich meistens nur zum Strafen gebraucht wird, aber wenig zum Belohnen. Der Mensch unterläßt viel leichter aus Furcht vor dem Haß des Regenten, als er aus Liebe für ihn tut. Was für eine große Kunst wäre es den Menschen Dinge tun zu machen, ohne daß er es weiß, so wie der die Jagd liebt seinem Körper eine gesunde Bewegung macht, oder der den Hunger stillt für die Nahrung seines Leibes sorgt, oder sein Geschlecht fortpflanzt indem er eigentlich bloß für sein Vergnügen sorgt. Der Himmel hat so wenig auf unsern Verstand ankommen lassen, und wir wollen alles damit treiben. Das Gesetz ist ein gar kalter Körper. Was könnten nicht Regenten ausrichten zumal in kleinen Staaten, wenn sie sich ihren Untertanen öfters zeigten, predigten usw. Sie würden so die Seele des Gesetzes, dessen Körper für sich wenig Reiz hat.

[K 1]


Die besten Gesetze kann man bloß respektieren und fürchten, aber nicht lieben. Gute Regenten respektiert man, fürchtet man und liebt man. Was für mächtige Quellen von Glück für ein Volk!

[K 3]
[839]

Er schickte mir ein sehr schlecht gedrucktes und geschriebenes Trostgedicht, grade als wenn man Tränen mit Löschpapier trocknen könnte.

[K 7]


Je größer und weitaussehender der Plan ist in den eine Revolution[840] hinein gehört, desto mehr Leiden verursacht sie denen die darin begriffen sind, indem es nicht jedermanns Sache ist selbst wenn er es übersieht, sich durch den Verstand mit Gedult zu stärken, und dieses um so weniger, je ungewisser es ist, ob er noch die Früchte davon genießen werde. Aber eben dieselbe Kurzsichtigkeit, die den Menschen unfähig macht die großen Plane der Vorsehung zu überschauen, verstattet auch den weisesten Regierungen nicht auf dem sanften Wege, den sie mit Recht einschlagen, große Zwecke zu erreichen, ja da es natürliche Pflicht ist immer nur das zu wählen was uns gut dünkt, so ist es unmöglich zum Vorteil der Welt [einen] Weg einzuschlagen der Millionen fürs Gegenwärtige unglücklich macht. Der Mensch ist nur da die Oberfläche der Erde zu bauen, den Bau und die Reparaturen, die mehr in die Tiefe gehen, behält sich die Natur selbst vor. Dieser Bau ist ihm nicht anvertraut. Erdbeben die Städte umkehren kann er nicht machen und wenn er sie machen könnte würde er sie gewiß am unrechten Ort anbringen. Ich bin sehr geneigt zu glauben daß es mit unsern – – archien und kratien eben so geht. Was der Pflug und die Axt tun kann, das Können und Müssen ist für uns, aber nicht was den Erdbeben, den Überschwemmungen und den Orkanen zugehört, und vermutlich, ja gewiß eben so nützlich und so nötig ist. Wenn am Ende das Glück des ganzen Geschlechts in einer ... kratie besteht, wovon wir das erste Wort der Zusammensetzung gar nicht kennen, und das man nach Gebrauch der Mathematiker etwa durch x° kratie bezeichnen könnte, wer will dieses x bestimmen? Ein Freund las Christokratie, und aus dem Innersten meiner Seele gesprochen, ich habe gegen diesen Wert von x nichts einzuwenden, wenn man nur erst über die Bedeutung des Worts Christus recht eins wäre, oder die so deutliche Bedeutung nicht mutwillig verkennen wollte. Es ist aber zu fürchten, daß auch dieses Verständnis nur durch Reformationsrevolutionen und dreißigjährige Kriege wird bewirkt werden können.

[K 16]
[841]

Wenn uns einmal ein höheres Wesen sagte wie die Welt entstanden sei, so möchte ich wohl wissen ob wir im Stande wären es zu verstehen. Ich glaube nicht. Von Entstehung würde schwerlich etwas vorkommen, denn das ist bloßer Anthropomorphismus. Es könnte gar wohl sein, daß es außer unserm Geist gar nichts gibt was unserem Begriff von Entstehung korrespondiert, sobald er nicht auf Relationen von Dingen gegen Dinge, sondern auf Gegenstände an sich angewendet wird.

[K 18]


Man schreibt sehr viel jetzt über Nomenklatur und richtige Benennungen, es ist auch ganz recht, es muß alles bearbeitet und auf das Beste gebracht werden. Nur glaube ich, daß man sich zu viel davon verspricht, und zu ängstlich ist den Dingen Namen zu geben die ihre Beschaffenheit ausdrücken. Der unermeßliche Vorteil den die Sprache dem Denken bringt besteht dünkt mich mehr darin, daß sie überhaupt Zeichen für die Sache, als daß sie Definitionen sind. Ja ich glaube daß grade dadurch der Nutzen den die Sprachen haben wieder zum Teil aufgehoben wird. Was die Dinge sind, dieses auszumachen ist das Werk der Philosophie. Das Wort soll keine Definition sein, sondern ein bloßes Zeichen für die Definition, die immer das veränderliche Resultat des gesamten Fleißes der Forscher ist, und es in so unzählichen Gegenständen unsres Denkens ewig bleiben wird, daß der Denker daher gewöhnt wird sich um das Zeichen, als Definition gar nicht mehr zu bekümmern, und diese Unbedeutlichkeit auch endlich unvermerkt auf solche Zeichen überträgt die richtige Definitionen sind. Und das ist auch dünkt mich sehr recht. Denn da einmal nun die Zeichen der Begriffe keine Definitionen sein können, so ist fast besser gar keines derselben eine Definition sein zu lassen, als auf das Ansehen einiger Zeichen hin, die richtige Definitionen sind, so vielen andern die es nicht sind einen falschen Kredit zu verschaffen. Das würde eine Herrschaft der Sprache über die Meinungen bewirken die alle den Vorteil wieder raubte den uns die Zeichen verstatten. Es ist aber nicht zu befürchten, die sich selbst überlassene Vernunft wird immer die Worte für das nehmen was sie sind. – Es ist unglaublich wenig was ein solches definierendes Wort leistet. Das Wort kann doch nicht alles enthalten und also muß ich doch die Sache noch besonders kennen lernen. Das beste Wort ist das das jedermann gleich versteht. Also sei man ja behutsam mit der[842] Wegwerfung allgemein verstandener Wörter, und man werfe sie nicht deswegen weg weil sie einen falschen Begriff von der Sache gäben! Denn einmal ist es nicht wahr, daß es mir einen falschen Begriff gibt, weil ich ja weiß und voraussetze, daß das Wort diene die Sache zu unterscheiden, und für das andere, so will ich aus dem Wort das Wesen der Sache nicht kennen lernen. Wer hat beim Metall-Kalch je an Kalch gedacht? Was kann es schaden die Kometen Kometen das ist Haar-Sterne zu nennen, und was würde es nutzen sie Brand- oder Dampf-Sterne zu nennen? (Sternschnuppe.) Es läßt sich selten viel in die Namen eintragen, so daß man doch erst die Sache kennen muß. Parabel, Hyperbel, Ellipse sind Namen dergleichen sich die Chymie weniger rühmen kann, denn [sie] drücken Eigenschaften dieser Linien aus, aus denen sich alle die übrigen herleiten lassen, welches freilich mehr reiner Natur der Wissenschaft wohin diese Betrachtungen gehören als einem besonderen Witz der Erfinder dieser Namen zuzuschreiben ist. Aber was hilft eben diese Weisheit, man braucht sie wie den Namen Zirkel und Kreis oder Muschel-Linie, die keine Definition sind. Der Dispüt hat würklich etwas Ähnliches mit den puristischen Bemühungen der Sprachmelioristen, und Orthographen. Man hofft zu viel von guten und fürchtet zuviel von schlechten Wörtern. Die Richtigkeit des Ausdrucks ist es nicht allein sondern die Bekanntheit und der Wert eines Worts steht also gewissermaßen in der zusammengesetzten Verhältnis aus der jedesmalen Richtigkeit und der Bekanntheit. Freilich Regeln für die Wörterfertigung festzusetzen ist immer sehr gut, denn es kann ein Fall kommen, wo man sie gebraucht. Es ist würklich gut den Dingen griechische zu geben. Hätte man für die ganze Chemie hebräische Namen oder arabische wie Alkali pp, so würde man am besten dabei fahren je weniger man von dem Namen versteht.

[K 19]


Nomenklatur. Auch hier ist die eingeschränkte Monarchie der Aristokratie vorzuziehen. Wenn man bloß vernünftig gewählte Ausdrücke gelten machen will, so gibts eine Aristokratie, und dann welche sind dann die vernünftigsten und wer soll darüber entscheiden? Es können ja viele gleich gut und gleich vernünftig gewählt sein. Ich halte auch hier einen geschnitzten Monarchen für den besten; geschnitzte Heiligen richten mehr aus als die beseelten. Am[843] Umschaffen eingeführter Namen hat immer mehr Eitelkeit als Nützlichkeit Anteil, denn gewöhnlich werden sie alsdann erst nützlich wenn man sie so nimmt wie die alten, nämlich nicht mehr denkt was die Dinge ihrem Wesen nach sind, die sie bezeichnen, sondern bloß an die Dinge. Hypothesen sind Gutachten, Nomenklaturen sind Mandate.

[K 20]


Nomenklatur. Ich glaube immer es ist am besten gar nicht zu reformieren. Es erweckt Erbitterung und Neid und Verachtung, auch wird zuviel über Namen geschrieben, das doch eigentlich nichts ist. Das Unsinnige verliert sich von selbst, und das was gleichsam die Natur abstößt, wächst nicht wieder.

[K 21]
[844]

Ich habe die Hypochondrie studiert, mich so recht darauf gelegt.

[K 22]


Meine Hypochondrie ist eigentlich eine Fertigkeit aus jedem Vorfalle des Lebens, er mag Namen haben wie er will, die größtmögliche Quantität Gift zu eigenem Gebrauch auszusaugen.

[K 23]


Ich merkte zuerst mein eintretendes Alter an der Abnahme des Gedächtnisses, die ich bald mit dem Mangel an Übung desselben entschuldigte, bald als Folgen des eintretenden Alters beklagte. Solche Wellen von Furcht und Hoffnung habe ich all mein Lebenlang verspürt.

[K 24]


Ein großer Fehler bei meinem Studieren in der Jugend war, daß ich den Plan zum Gebäude zu groß anlegte. Die Folge war, daß ich die obere Etage nicht ausbauen konnte, ja ich konnte nicht einmal das Dach zubringen. Am Ende sah ich mich genötigt, mich mit ein paar Dachstübchen zu begnügen, die ich so ziemlich ausbaute, aber verhindern konnte ich doch nicht, daß es mir bei schlimmem Wetter nicht hinein regnete. So geht es gar manchen!

[K 25]


Der Procrastinateur: der Aufschieber, ein Thema zu einem Lustspiel, das wäre etwas für mich zu bearbeiten. Aufschieben war mein größter Fehler von jeher!

[K 26]


Ich lese die Psalmen Davids sehr gern: ich sehe daraus, daß es einem solchen Manne zuweilen eben so ums Herz war wie mir, und wenn ich sehe, daß er nach seinem großen Leiden wieder für Errettung dankt; so denke ich, vielleicht kommt die Zeit, daß auch du für Errettung danken kannst. Es ist gewiß ein Trost, zu sehen, daß es einem großen Manne in einer höhern Lage nicht besser zu Mute war, als einem selbst, und daß man doch nach Tausenden von Jahren von ihm spricht und sich an ihm tröstet.

[K 27]


Ich hatte in meinen Universitätsjahren viel zu viel Freiheit, und leider etwas überspannte Begriffe von meinen Fähigkeiten, und[401] schob daher immer auf, und das war mein Verderben. In den Jahren 1763 bis 1765 hätte ich müssen angehalten werden, täglich wenigstens sechs Stunden, die schwersten und ernsthaftesten Dinge zu treiben (höhere Geometrie, Mechanik und Integralrechnung), so hätte ich es weit bringen können. Auf einen Schriftsteller habe ich nie studiert, sondern bloß gelesen, was mir gefiel, und behalten, was sich meinem Gedächtnis, gleichsam ohne mein Zutun, wenigstens ohne eine bestimmte Absicht, eingedrückt hat. Weil ich aber dennoch eine gewisse Selbstbeobachtung über mich ausgeübt habe, so kann ich vielleicht in der kurzen Zeit, die ich noch zu leben habe, dadurch nützlich werden, daß ich lebhaft und mit Kraft andern sage, was sie nicht tun müssen.

[K 28]


O! ich erinnere mich noch sehr wohl, wie ich beim Aufgange der Sonne empfinden sollte und wollte, und nichts empfand, aber mit dem Kopfe bald gegen diese bald gegen die andre Schulter gesenkt und mit blinzenden Augen zuweilen vieles von Empfindung sprach, und damit nicht bloß andere, sondern sogar mich selbst betrog. Aber jene Empfindung kam erst in spätern Jahren und vorzüglich stark von 1790 an, da ich die Sonne öfter aufgehen sah. Vorzüglich waren verstorbene Freunde, zumal die letztverstorbenen, und meine Frau und Kinder der Gegenstand, den mein Herz jetzt umfaßte. Ich habe oft Tränen geweint, und bin niedergekniet. Könnte ich doch meinen Entschlüssen mehr Dauer geben! Allein es ist gewiß körperliche Schwäche daran Schuld, Leichtsinn gewiß nicht, ob es mich gleich sehr schmerzt, daß die Welt vermutlich das einer Wankelmütigkeit im Charakter zuschreibt, was doch bloß Kränklichkeit ist.

[K 29]


Wenn ich doch Kanäle in meinem Kopfe ziehen könnte, um den inländischen Handel zwischen meinem Gedankenvorrate zu befördern! Aber da liegen sie zu Hunderten, ohne einander zu nützen.

[K 30]


Meine beständige Vergleichung der Jahre eines Schriftstellers, dessen Leben ich lese, mit den meinigen, die ich schon in meiner Jugend machte, ist ganz menschliche Natur.

[K 31]
[402]

Ich bin außerordentlich empfindlich gegen alles Getöse, allein es verliert ganz seinen widrigen Eindruck, sobald es mit einem vernünftigen Zwecke verbunden ist.

[K 32]


Wenn ich ehedem in meinem Kopfe nach Gedanken oder Einfällen fischte, so fing ich immer etwas; jetzt kommen die Fische nicht mehr so. Sie fangen an sich auf dem Grunde zu versteinern, und ich muß sie heraushauen. Zuweilen bekomme ich sie auch nur stückweise heraus, wie die Versteinerungen vom Monte Bolca, und flicke daraus etwas zusammen.

[K 33]


Man klagt so sehr bei jedem Schmerz und freut sich so selten, wenn man keine fühlt. Unter die letzte Klasse von Menschen gehöre ich nicht. Wenn ich so ganz keinen Schmerz fühle, was zuweilen der Fall ist, wenn ich mich zu Bette lege, da habe ich diese Glückseligkeit so ganz empfunden, daß ich Freudentränen geweint habe, und dieser stille Dank gegen meinen gütigen Schöpfer machte mich noch ruhiger. O! wer so sterben könnte!

[K 34]


Ich verspreche dem Publikum ihm künftig nichts mehr zu versprechen (sehr wahr und richtig nach meiner körperlichen und vielleicht auch geistigen Anlage).

[K 35]


Es war eine drollige Idee von – –, sich einen so dicken Kerl zu denken, der mit der einen Seite unter dem Pol und mit der andern unter dem Äquator wäre. Ein trauriges Leben! Aber ich habe doch wirklich bei eiskalten Füßen zuweilen oben geschwitzt.

[K 36]


Ich bin mehrmal wegen begangener Fehler getadelt worden, die mein Tadler nicht Kraft oder Witz genug hatte, zu begehen.

[K 37]


Ehemals zeichnete mein Kopf (mein Gehirn) alles auf, was ich hörte und sah, jetzt schreibt er nicht mehr auf, sondern überläßt es Mir. Wer ist dieser Ich? bin ich und der Schreiber nicht einerlei?

[K 38]


Ich habe oft mit Bemerkungen gegeizt, ich meine, immer aufs Künftige damit gespart, ohne sie jemals gern auszugeben. Es könnte sein, daß manche auf diese Weise gar nicht ans Licht kämen.

[K 39]
[403]

L. war im Herzen gut, nur hat er sich nicht immer die Mühe genommen, es zu scheinen. Mein größter Fehler, der Grund von allem meinen Verdruß.

[K 40]


Die Erinnerung an meine Mutter und ihre Tugend ist bei mir gleichsam zum Cordial geworden, das ich immer mit dem besten Erfolg nehme, wenn ich irgend zum Bösen wankend werde.

[K 41]


Ich konnte mich ehemals so sehr auf eine Nachtleiche freuen, daß ich den Tag über das wenige Geld, was ich hatte, aus Vergnügen in Zuckerware vertat.

[K 42]


Ich habe, seit meiner Krankheit 1789, die erbarmenswürdige Fertigkeit erlangt, aus allem, was ich sehe und höre, Gift für mich selbst, nicht für andere zu saugen. Es ist als ob das Drüsensystem meines moralischen Wesens, wodurch bei glücklich organisierten Menschen Ruhe, Nutzen und Vergnügen aus allem gezogen wird, ganz die entgegengesetzte Form angenommen hätte, so wie wenn bei Windmühlen der Wind plötzlich von hinten kommt, und alles zerstört. Wie ist da zu helfen? Wie kann man sich gewöhnen, in allem nur das Beste zu sehen, aus allem etwas Gutes zu vermuten, immer zu hoffen und selten zu fürchten, freilich versteht sichs, auch immer so zu handeln, daß man Ursache hat, mehr zu hoffen, als zu fürchten?

[K 43]


Wenn ich zuweilen in einem meiner alten Gedankenbücher einen guten Gedanken von mir lese, so wundere ich mich, wie er mir und meinem System so fremd hat werden können, und freue mich nun so darüber, wie über einen Gedanken eines meiner Vorfahren.

[K 44]


Euler sagt in seinen Briefen über verschiedene Gegenstände aus der Naturlehre (2. Band, S. 228.), es würde eben so gut donnern und blitzen, wenn auch kein Mensch vorhanden wäre, den der Blitz erschlagen könnte. Es ist ein gar gewöhnlicher Ausdruck, ich muß aber gestehen, daß es mir nie leicht gewesen ist, ihn ganz zu fassen. Mir kommt es immer vor, als wenn der Begriff sein etwas von unserm Denken Erborgtes wäre, und wenn es keine empfindenden[404] und denkenden Geschöpfe mehr gibt, so ist auch nichts mehr. So einfältig dieses klingt, und so sehr ich verlacht werden würde, wenn ich so etwas öffentlich sagte, so halte ich doch so etwas mutmaßen zu können für einen der größten Vorzüge, eigentlich für eine der sonderbarsten Einrichtungen des menschlichen Geistes. Dieses hängt wieder mit meiner Seelenwanderung zusammen. Ich denke, oder eigentlich, ich empfinde hierbei sehr viel, das ich nicht auszudrücken im Stande bin, weil es nicht gewöhnlich menschlich ist, und daher unsere Sprache nicht dafür gemacht ist. Gott gebe, daß es mich nicht einmal verrückt macht. So viel merke ich, wenn ich darüber schreiben wollte, so würde mich die Welt für einen Narren halten, und deswegen schweige ich. Es ist auch nicht zum Sprechen, so wenig als die Flecken auf meinem Tisch zum Abspielen auf der Geige.

[K 45]


Nichts schmerzt mich mehr, bei allem meinem Tun und Lassen, als daß ich die Welt so ansehen muß, wie der gemeine Mann, da ich doch szientifisch weiß, daß er sie falsch ansieht.

[K 46]


Wo Vorsorge unnütz war, da hatte ich sie; wo sie aber hätte nützlich sein können, trat der Leichtsinn ein: kommt Zeit, kommt Rat, dachte ich, und tat nichts – ein Charakter, der sehr viel gemeiner ist, als man glaubt.

[K 47]


Am 10. Oktober 1793 schickte ich meiner lieben Frau aus dem Garten eine künstliche Blume aus abgefallenen bunten Herbstblättern. Es sollte mich in meinem jetzigen Zustande darstellen; ich ließ es aber nicht dabei sagen.

[K 48]


Wenn auch meine Philosophie nicht hinreicht, etwas Neues auszufinden, so hat sie doch Herz genug, das längst Geglaubte für unausgemacht zu halten.

[K 49]


Ach! das waren noch gute Zeiten, da ich noch alles glaubte, was ich hörte.

[K 50]


O wie oft habe ich der Nacht gebeichtet, in der Hoffnung, daß sie mich absolvieren würde, und sie hat mich nicht absolviert!

[K 51]
[405]

Ich habe offenbar bei dem gröbern Druck meines Hogarths gefühlt (wiewohl dunkel), daß das bißchen Geist nicht im Stande ist, so vieler Masse Leben zu geben, man sage was man wolle; es ist wahr. Man sollte die Bücher immer desto kleiner drucken lassen, je weniger Geist sie enthalten.

[K 52]


Ich bin schon deswegen zu einem Zensor ungeschickt, weil für mich jede Handschrift, etwa meine eigene ausgenommen, eine Art von Übersetzung in eine Sprache ist, der ich wenigstens nicht bis zur Leichtigkeit mächtig bin; und so etwas zerstreut immer.

[K 53]


Ich kann den Gedanken nicht los werden, daß ich gestorben war, ehe ich geboren wurde, und durch den Tod wieder in jenen Zustand zurückkehre. Es ist ein Glück in mancher Rücksicht, daß diese Vorstellung nicht zur Deutlichkeit gebracht werden kann. Wenn auch der Mensch jenes Geheimnis der Natur erraten kann, so wäre es doch sehr gegen ihr Interesse, wenn er es beweisen könnte. Sterben und wieder lebendig werden mit Erinnerung seiner vorigen Existenz, nennen wir ohnmächtig gewesen sein; wieder erwachen mit andern Organen, die erst wieder gebildet werden müssen, heißt geboren werden.

[K 54]


Nichts macht schneller alt, als der immer vorschwebende Gedanke, daß man älter wird. Ich verspüre dieses recht an mir; es gehört mit zum Giftsaugen.

[K 55]


Wenn es ein Werk von etwa zehn Folianten gäbe, worin in nicht allzu großen Kapiteln jedes etwas Neues, zumal von der spekulativen Art, enthielte; wovon jedes etwas zu denken gäbe, und immer neue Aufschlüsse und Erweiterungen darböte: so glaube ich, könnte ich nach einem solchen Werke auf den Knien nach Hamburg rutschen, wenn ich überzeugt wäre, daß mir nachher Gesundheit und Leben genug übrig bliebe, es mit Muße durchzulesen.

[K 56]


Es geht mir mit meiner Gesundheit wie den Müllern zuweilen mit dem Wasser: ich muß immer, wenigstens zwei Tage in der Woche, im Freien sammeln, um die übrigen fünfe mahlen zu können.

[K 57]
[406]

Ich muß zuweilen, wie ein Talglicht geputzt werden, sonst fange ich an dunkel zu brennen.

[K 58]


Was bei anderen Ehen im Ernst geschieht, das ahmen wir (ich und meine Frau) aus Scherz nach. Wir zanken uns förmlich im Scherz, wo dann jeder so viel Witz zeigt, als er auftreiben kann. Dieses tun wir, um der Ehe ihr Recht zu lassen. Wir feuern blind, um, wenn einer von uns sich je wieder verheiraten sollte, nicht aus der Übung zu kommen.

[K 59]


Es ist mir in meinem Leben so viel unverdiente Ehre angetan worden, daß ich mir wohl einmal etwas unverdiente Blame kann gefallen lassen.

[K 60]


Das größte Glück in der Welt, um welches ich den Himmel täglich anflehe, ist: daß nur verständige und tugendhafte Menschen mir an Kräften und Kenntnissen überlegen sein mögen.

[K 61]


»Ich glaube« – so sollte man alles anfangen, was man durch eignes Nachdenken herausbringt, und was nicht ein Gegenstand der Rechnung ist. Ich glaube, daß mancher Kopf mehr tun könnte, als er tut, weil er sich einmal darein ergeben hat, daß es ihm an Fähigkeiten fehlt. Andere, die viel Neues gesehen haben, haben vielleicht nicht mehr Fähigkeiten, aber mehr Industrie. Daher kann man einem jeden Philosophen den Spruch nicht genug empfehlen: »Seid munter und wachet!«

[K 62]


Es ist zum Erstaunen, was für mannichfaltige Stufen von Belehrung uns unsere Einrichtung gewährt, von der unerklärlichsten Ahnung bis zu den deutlichsten Einsichten des Verstandes. Es ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen, sie zu analysieren. Fast jeder Überlegung geht ein gewisses bestimmendes Gefühl vorher, das bei glücklichen Gemütsbeschaffenheiten selten trügt, und das der Verstand nachher nur gleichsam ratifiziert. Die Tiere werden vielleicht bloß durch solche Ahnungen geleitet.

[K 63]


Vielleicht könnte man sich die Sache so vorstellen: Wir besitzen ein Vermögen, Eindrücke zu empfangen, das ist unsere Sinnlichkeit.[407] Durch diese werden wir uns der Veränderungen bewußt, die in uns vorgehen; die Ursachen dieser Veränderungen nennen wir Gegenstände. Diese Gegenstände sind wir selbst nicht allein. Wir bemerken Veränderungen, Eindrücke in uns, wovon wir auch den Grund in uns selbst suchen, weil wir uns bewußt sind, daß sie von uns abhängen, oder in uns sind. So sind wir uns des jedesmaligen Zustandes unserer Seele bewußt. Dieses Vermögen ist der innere Sinn. Wo ich also sage, das geht in mir vor, so erfahre ich dieses durch den innern Sinn. Gefühl der Aufmerksamkeit, Spontaneität. Hier sind wir selbst Gegenstand und Beobachter, Objekt und Subjekt.

Allein nun gibt es auch Eindrücke, wovon wir mit nicht zu überwältigender Überzeugung empfinden, daß wir bloß empfangendes Subjekt, aber nichts weniger als Objekt sind. Vielleicht wäre es genug, hier zu sagen, jene Gegenstände wären praeter nos, etwas von uns Verschiedenes – das, sollte man denken, wäre das einzige, was wir empfinden könnten. Daß sich aber dieses praeter nos in ein extra nos verwandelt, daß wir damit Entfernung von uns im Raume verbinden, und damit verbinden müssen, das scheint das notwendige Erfordernis unserer Natur zu sein. Da diese Vorstellung Notwendigkeit mit sich führt, so kann sie nicht von der Erfahrung herrühren, denn kein Erfahrungssatz impliziert Notwendigkeit. Ja, wir müssen uns sogar den Raum unendlich denken. Wie können wir so etwas erfahren? Das ist unmöglich. Ich glaube also, daß, wenn irgend ein Satz von aller Erfahrung unabhängig ist, so ist es der von der Ausdehnung der Körper.

Hier entsteht denn aber doch die Frage (und ich kann nicht sagen, ob man darauf geantwortet hat): wenn den Körpern objektive Realität verstattet wird, und ihnen Eigenschaften zukommen, so wäre doch unter unzähligen Fällen auch der möglich, daß sie diejenigen hätten, die wir ihnen unserer Natur nach beilegen müssen, nicht weil sie sie haben, sondern weil unter den unzähligen möglichen Formen der Anschauung doch auch diese Übereinstimmung möglich wäre. Dieses wäre auch eine harmonia praestabilita. Allein hier ist wieder eine Frage, ob eine solche Frage zu tun verstattet ist? ob ein Objekt das sein kann, was es einem andern zu sein scheint? Diese ganze Frage ist schon wieder Anthropomorphismus. Denn wie empfindende und denkende Wesen von Objekten außer ihnen affiziert werden können, wissen wir ja nicht, und können es nicht[408] wissen. In dieser Lage der Dinge ist es das Klügste, was wir tun können, bei uns stehen zu bleiben, unsere Modifikationen zu betrachten, und uns um die Beschaffenheit der Dinge an sich gar nicht zu bekümmern.

So wie es nun mit dem Raume für die so genannten äußern Gegenstände ist, so ist es mit der Zeit für die Gegenstände des innern Sinnes. Veränderungen in uns selbst schauen wir an unter der Form von Dauer, Folge, Gleichzeitigkeit usw.

[K 64]


Was das Studium einer tiefen Philosophie so sehr erschwert, ist, daß man im gemeinen Leben eine Menge von Dingen für so natürlich und leicht hält, daß man glaubt, es wäre gar nicht möglich, daß es anders sein könnte; und doch muß man wissen, daß man solcher vermeintlichen Kleinigkeiten größte Wichtigkeit erst einsehen muß, um das eigentlich so genannte Schwere zu erklären. Wenn ich sage: dieser Stein ist hart – also erst den Begriff Stein, der mehreren Dingen zukommt, diesem Individuo beilege; alsdann von Härte rede, und nun gar das Hartsein mit dem Stein verbinde – so ist dieses ein solches Wunder von Operation, daß es eine Frage ist, ob bei Verfertigung manches Buches so viel angewandt wird. »Aber sind das nicht Subtilitäten? braucht man das zu wissen?« – Was das erste anbetrifft, so sind es keine Subtilitäten, denn gerade an diesen simpeln Fällen müssen wir die Operationen des Verstandes kennen lernen. Wollen wir dieses erst bei dem Zusammengesetzten tun, so ist alle Mühe vergebens. Diese leichten Dinge schwer zu finden, verrät keine geringen Fortschritte in der Philosophie. – Was aber das andere anbetrifft, so antworte ich: Nein! man braucht es nicht zu wissen; aber man braucht auch kein Philosoph zu sein.

[K 65]


Die wenigsten Menschen haben wohl recht über den Wert des Nichtseins gehörig nachgedacht. Unter Nichtsein nach dem Tode stelle ich mir den Zustand vor, in dem ich mich befand, ehe ich geboren ward. Es ist eigentlich nicht Apathie, denn die kann noch gefühlt werden, sondern es ist gar nichts. Gerate ich in diesen Zustand – wiewohl hier die Wörter ich und Zustand gar nicht mehr passen; es ist, glaube ich, etwas, das dem ewigen Leben völlig das Gleichgewicht hält. Sein und Nichtsein stehen einander, wenn von empfindenden Wesen die Rede ist, nicht entgegen, sondern Nichtsein[409] und höchste Glückseligkeit. Ich glaube, man befindet sich gleich wohl, in welchem von beiden Zuständen man ist. Sein und abwarten, seiner Vernunft gemäß handeln, ist unsere Pflicht, da wir das Ganze nicht übersehen.

[K 66]


Was sehr seltsam ist, bleibt selten lange unerklärt. Das Unerklärliche ist gewöhnlich nicht mehr seltsam, und ist es vielleicht nie gewesen.

[K 67]


Verstand faßt Theorie sehr gut; Judicium entscheidet über die Anwendung. Daran fehlt es sehr vielen Menschen, und öfters den größten Gelehrten und Theoretikern am meisten.

[K 68]


Schon vor vielen Jahren habe ich gedacht, daß unsere Welt das Werk eines untergeordneten Wesens sein könne, und noch kann ich von dem Gedanken nicht zurückkommen. Es ist eine Torheit zu glauben, es wäre keine Welt möglich, worin keine Krankheit, kein Schmerz und kein Tod wäre. Denkt man sich ja doch den Himmel so. Von Prüfungszeit, von allmähliger Ausbildung zu reden, heißt sehr menschlich von Gott denken und ist bloßes Geschwätz. Warum sollte es nicht Stufen von Geistern bis zu Gott hinauf geben, und unsere Welt das Werk von einem sein können, der die Sache noch nicht recht verstand, ein Versuch? ich meine unser Sonnensystem, oder unser ganzer Nebelstern, der mit der Milchstraße aufhört. Vielleicht sind die Nebelsterne, die Herschel gesehen hat, nichts als eingelieferte Probestücke, oder solche, an denen noch gearbeitet wird. Wenn ich Krieg, Hunger, Armut und Pestilenz betrachte, so kann ich unmöglich glauben, daß alles das Werk eines höchst weisen Wesens sei; oder es muß einen von ihm unabhängigen Stoff gefunden haben, von welchem es einigermaßen beschränkt wurde; so daß dieses nur respektive die beste Welt wäre, wie auch schon häufig gelehrt worden ist.

[K 69]


Wenn man die Natur als Lehrerin, und die armen Menschen als Zuhörer betrachtet, so ist man geneigt, einer ganz sonderbaren Idee vom menschlichen Geschlechte Raum zu geben. Wir sitzen allesamt in einem Collegio, haben die Prinzipien, die nötig sind, es zu verstehen und zu fassen, horchen aber immer mehr auf die[410] Plaudereien unserer Mitschüler, als auf den Vortrag der Lehrerin. Oder wenn ja einer neben uns etwas nachschreibt, so spicken wir von ihm, stehlen, was er selbst vielleicht undeutlich hörte, und vermehren es mit unsern eigenen orthographischen und Meinungsfehlern.

[K 70]


Es gibt für jeden Grad des Wissens gangbare Sätze, von denen man nicht merkt, daß sie über dem Unbegreiflichen, ohne weitere Unterstützung, auf bloßem Glauben schweben. Man hat sie, ohne zu wissen, woher die Sicherheit kommt, mit der man ihnen traut. Der Philosoph hat dergleichen so gut, wie der Mann, der da glaubt, das Wasser fließe deswegen immer bergab, weil es unmöglich wäre, daß es bergauf fließen könne.

[K 71]


Mit den Prärogativen der Schönheit und der Glückseligkeit hat es eine ganz verschiedene Bewandtnis. Um die Vorteile der Schönheit in der Welt zu genießen, müssen andere Leute glauben, daß man schön sei; bei der Glückseligkeit aber ist das gar nicht nötig; es ist vollkommen hinreichend, daß man es selbst glaubt.

[K 72]


Sollte es nicht eine fallacia causae sein, oder wenigstens viel davon mit unterlaufen, wenn man von dem Nutzen der christlichen Religion mit so vielem Enthusiasmus spricht? Sollten es nicht die guten Menschen sein, die die Religion verehren; anstatt daß die Religion die guten Menschen macht? Sie werden Anhänger und Verteidiger der Religion, weil sie ihre Grundsätze predigt. So viel ist wohl gewiß, daß nicht leicht ein schlechter Mensch sich viel um Religion bekümmern wird.

[K 73]


Eine der größten Stützen für die Kantische Philosophie ist die gewiß wahre Betrachtung, daß wir ja auch so gut etwas sind, als die Gegenstände außer uns. Wenn also etwas auf uns wirkt, so hängt die Wirkung nicht allein von dem wirkenden Dinge, sondern auch von dem ab, auf welches gewirkt wird. Beide sind, wie bei dem Stoß, tätig und leidend zugleich; denn es ist unmöglich, daß ein Wesen die Einwirkungen eines andern empfangen kann, ohne daß die Hauptwirkung gemischt erscheine. Ich sollte denken, eine bloße tabula rasa ist in dem Sinne unmöglich, denn durch jede Einwirkung[411] wird das einwirkende Ding modifiziert, und das, was ihm abgeht, geht dem andern zu, und umgekehrt.

[K 74]


Mit dem Nutritionsgeschäft der Seele sieht es sehr betrübt aus: da gibt es Öffnungen genug, Nahrung einzunehmen, aber es fehlt an Gefäßen, das Gute abzusondern, und hauptsächlich an primis viis, den unnützen Unrat dem großen Ganzen der Bücherwelt wieder zuzuführen, und in den Kreislauf zu bringen.

[K 75]


Wir werden uns gewisser Vorstellungen bewußt, die nicht von uns abhängen; andere glauben, wir wenigstens hingen von uns ab; wo ist die Grenze? Wir kennen nur allein die Existenz unserer Empfindungen, Vorstellungen und Gedanken. Es denkt, sollte man sagen, so wie man sagt: es blitzt. Zu sagen cogito, ist schon zu viel, so bald man es durch Ich denke übersetzt. Das Ich anzunehmen, zu postulieren, ist praktisches Bedürfnis.

[K 76]


Was heißt mit Kantischem Geist denken? Ich glaube, es heißt, die Verhältnisse unsers Wesens, es sei nun was es wolle, gegen die Dinge, die wir außer uns nennen, ausfindig machen; das heißt, die Verhältnisse des Subjektiven gegen das Objektive bestimmen. Dieses ist freilich immer der Zweck aller gründlichen Naturforscher gewesen, allein die Frage ist, ob sie es je so wahrhaft philosophisch angefangen haben, als Herr Kant. Man hat das, was doch schon subjektiv ist und sein muß, für objektiv gehalten.

[K 77]


Ich entschuldige immer das Theorisieren, es ist ein Trieb der Seele, der nützen kann, sobald wir einmal hinreichende Erfahrung haben. So könnten alle unsere jetzigen theorisierenden Torheiten Triebe sein, die erst künftig ihre Anwendung finden.

[K 78]


In der Vernunft ist der Mensch, in den Leidenschaften Gott. Ich glaube, Pope hat schon so etwas gesagt.

[K 79]


Ist es nicht sonderbar, daß der Glaube stärker werden kann als die Vernunft? Und ist es nicht die Frage, welches von beiden mehr Recht auf die Leitung unserer Handlungen hat, da sie dieselben gleich stark leiten, wo sie zu herrschen anfangen?

[K 80]
[412]

Mit dem Fortschreiten der Menschheit zu größerer Vollkommenheit sieht es traurig aus, wenn man die Analogie alles dessen, was lebt, zu Rate zieht.

[K 81]


In ältern Jahren nichts mehr lernen können, hängt mit dem in ältern Jahren sich nicht mehr befehlen lassen wollen zusammen, und zwar sehr genau.

[K 82]


Es ist gar nicht abzusehen, wie weit sich Anthropomorphismus erstrecken kann, das Wort in seinem größten Umfange genommen. Es rächen sich Leute an einem Toden; Gebeine werden ausgegraben und verunehrt; man hat Mitleiden mit leblosen Dingen – so beklagte jemand eine Hausuhr, wenn sie einmal in der Kälte stehen blieb. Dieses Übertragen unserer Empfindungen auf andere herrscht überall, unter so mannichfaltiger Gestalt, daß es nicht immer leicht ist, es zu unterscheiden. Vielleicht ist das ganze Pronomen der andere solchen Ursprungs.

[K 83]


Worin mag der Grund der sonderbaren Erscheinung liegen, die ich so oft bemerkt habe, daß man mit jemanden im Traume von einem Dritten spricht, und wenn man erwacht, findet, daß der vermeinte Dritte gerade der Mann war, mit dem man auch gesprochen hat? Ist es vielleicht bloße Form des Erwachens, oder worin liegt der Grund?

[K 84]


Da man im Traume so oft seine eigenen Einwürfe für die eines andern hält, z.B. wenn man mit jemanden disputiert, so wunderts mich nur, daß dieses nicht öfters im Wachen geschieht. Der Zustand des Wachens scheint also hauptsächlich darin zu liegen, daß man das in uns und außer uns scharf und konventionsmäßig unterscheidet.

[K 85]


Warum kann man sich den Schlaf nicht abgewöhnen? Man sollte denken, da die wichtigsten Verrichtungen des Lebens ununterbrochen fortgehen, und die Werkzeuge, wodurch sie geschehen, nie ruhen und schlafen, wie das Herz, die Eingeweide, die lymphatischen Gefäße; so wäre es auch nicht nötig, daß man überhaupt schlafe. Also die Werkzeuge, welche die Seele als solche am meisten[413] zu ihren Verrichtungen nötig hat, werden in ihrer Tätigkeit unterbrochen. Ich möchte wohl wissen, ob der Schlaf je in dieser Rücksicht betrachtet worden ist. Warum schläft der Mensch? Der Schlaf scheint mir mehr ein Ausruhen der Gedankenwerkzeuge zu sein. Wenn ein Mensch sich körperlich gar nicht angriffe, sondern nur nach seiner größten Gemächlichkeit seinen Geschäften folgte, so würde er doch am Ende schläfrig werden. Dieses ist wenigstens ein offenbares Zeichen, daß beim Wachen mehr ausgegeben, als eingenommen wird; und dieser Überschuß läßt sich, wie alle Erfahrung lehrt, im Wachen nicht ersetzen. Was ist das? Was ist der Mensch im Schlaf? Er ist eine bloße Pflanze; und also muß das Meisterstück der Schöpfung zuweilen eine Pflanze werden, um einige Stunden am Tage das Meisterstück der Schöpfung repräsentieren zu können. Hat wohl jemand den Schlaf als einen Zustand betrachtet, der uns mit den Pflanzen verbindet? Die Geschichte enthält nur Erzählungen von wachenden Menschen; sollten die von schlafenden minder wichtig sein? Der Mensch tut freilich alsdann wenig, aber gerade da hätte der wachende Psychologe am meisten zu tun.

Die Nerven spitzen sich gegen das Ende zu, und machen das aus, was wir sinnliche Werkzeuge nennen. Es sind die Enden, die nach außen stehen, und die Eindrücke der Welt empfangen. Diese sind vermutlich ohne unser Wissen beschäftigt, und beständig wach. Es gibt also bei dem Menschen, von der Spitze der Nervenfasern an nach innen zu gerechnet, eine Schicht, die beständig in Arbeit ist, und vermutlich, während sie in Arbeit ist, der Seele Begriffe zuzuführen, nicht auch in Arbeit sein kann, sich selbst zu erhalten und das Verlorne zu ersetzen. Diese Teile ruhen also in dem Zeitraume des Ersatzes. Wir scheinen nur zu fühlen, wenn wir wirken, nicht wenn wir für die Wirkung sammeln. Was wir dann empfinden, ist vielleicht bloß Empfinden des Wohlbefindens. Es wird nicht zu Gedanken, es ist bloß Gefühl von Stärke, oder doch Gemächlichkeit.

Unsere ganze Geschichte ist bloß Geschichte des wachenden Menschen; an die Geschichte des schlafenden hat noch niemand gedacht. Die Gedankenwerkzeuge scheinen am leichtesten zu ermüden zu sein; es sind die feinsten Spitzen. Daher denkt der Mensch im gesunden Schlaf gar nicht. Ich wiederhole es noch einmal: Gebrauch und Ersatz scheinen einander in den feinsten Spitzen entgegen[414] zu wirken; wo Ersatz der Nerven bereitet wird, findet keine Empfindung Statt. Diejenigen Teile, die mehr nach innen liegen, sind bloß zur Erhaltung, nicht zum Empfangen und zur Gegenwirkung. So ließe sich die Notwendigkeit eines Schlafes a priori demonstrieren. Feine Teile, die durch gröbere ersetzt werden müssen, können ihren Dienst nicht leisten, während sie in Ausbesserung begriffen sind.

[K 86]


Die sichere Überzeugung, daß man könnte, wenn man wollte, ist Ursache an manches guten Kopfes Untätigkeit, und das nicht ohne Grund.

[K 87]


Mangel an Kraft sich zu verteidigen geht bei dem Schwachen in Klage über. Man kann dieses an den Kindern sehen, wenn sie von größeren Kindern unrecht behandelt werden, aber der stille Trotzkopf ist allemal der Beste.

[K 88]


Man kann nicht sicherer zeigen, daß ein gewisser Charakter der wahre von einem sei, als wenn man zeigt, daß das Gegenteil jedermann lachen machen würde.

[K 89]


Um vergnügt oder vielmehr lustig in der Welt zu sein, wird nur erfordert, daß man alles nur flüchtig ansieht; so wie man nachdenkender wird, wird man auch ernsthafter.

[K 90]


Daß man manchen außerordentlichen Mann, von dem man gehört hat, geringer zu finden glaubt, wenn man ihn sieht, rührt gemeiniglich, oder gewiß allemal daher, daß man jetzt sieht, daß er das gewöhnliche Gesicht eines Menschen hat.

[K 91]


Wer recht nachahmen könnte, ahmt nicht leicht nach.

[K 92]


Jedes Dorf hat seine Pyramide, den Kirchturm. Aus allen Dorfpyramiden in Deutschland sollten sich wohl die ägyptischen bauen lassen. Warum baut man so in die Höhe? Der Glocken wegen allein gewiß nicht. Es ist immer Eitelkeit, mit Religion, vielleicht Aberglauben vermischt, was diese Pyramiden schuf so gut wie die ägyptischen.

[K 93]
[415]

Selbst die Ungewißheit, worin wir uns über gewisse Gegenstände befinden, ist zuweilen nützlich. Die Hoffnung bekommt dadurch einen größern Spielraum, und man hält immer dasjenige für wahr, was unserm Zustande am angemessensten ist.

[K 94]


Ich habe einen Müllerknecht gekannt, der niemals die Mütze vor mir abnahm, wenn er nicht einen Esel neben sich gehen hatte. Ich konnte mir das lange nicht erklären. Endlich fand ich, daß er sich diese Gesellschaft für eine Demütigung ansah und um Barmherzigkeit bat; er schien damit der geringsten Vergleichung zwischen ihm und seinem Gefährten ausweichen zu wollen.

[K 95]


Ich bin überzeugt, daß es Brillen für die Seelenkräfte gibt so gut wie für die Augen. Es wäre sonderbar, wenn so etwas nicht sollte möglich sein. Wenn der Witz mit dem Alter schwach wird, so kann oft das Lesen von Wortregistern Vergleichungen bewirken, die ohne dieses unmöglich wären.

[K 96]


Ich kann bis diese Stunde nicht recht begreifen, warum die kleinen Kinder nicht eben so beständig lachen, als sie beständig weinen.

[K 97]


Es ist gewiß besser, eine Sache gar nicht studiert zu haben, als oberflächlich. Denn der bloße gesunde Menschenverstand, wenn er eine Sache beurteilen will, schießt nicht so sehr fehl als die halbe Gelehrsamkeit.

[K 98]


Ich bin völlig überzeugt, daß der Mensch alle die Kenntnisse besitzt, die nötig sind, ihn glücklich zu machen. Aber es ist mir auch wahrscheinlich, daß diese menschliche Glückseligkeit, als solche, wenig zum Wohlsein des Ganzen beiträgt. Was der Mensch zum Wohlsein des Ganzen beiträgt, ist schwerlich seiner Willkür unterworfen. Was übersieht er davon? Nützt er, selbst mit Ausübungen seiner Willkür, so ist selbst seine Willkür eine Maschine, und man streitet über Worte. Wer willkürlich zum Vorteil des Ganzen wirkt, muß das Ganze übersehen. Dieses kann der Mensch nicht, also ist hier in Absicht des Ganzen an Freiheit nicht zu gedenken. Unumschränkte Freiheit ist hier ein Widerspruch. Hat er bloß Freiheit erhalten[416] für einen gewissen Gesichtskreis, so ist auch dieses wieder Maschinerie, und es ist immer die Freiheit eines Menschen, der das Rad eines Krans tritt. Ich glaube, da wo der Mensch sich an die große Kette anschließt, ist er nicht frei; er weiß wohl gar nicht einmal, daß er wirkt.

[K 99]


Je größer der Mann ist, desto strafbarer ist er, wenn er Fehler anderer ausplaudert, die er erkennt. Wenn Gott die Heimlichkeiten der Menschen bekannt machte, so könnte die Welt nicht bestehen. Es wäre, als wenn man die Gedanken anderer sehen könnte. Wohl dem Menschen, der keinen Ausplauderer hat, der ihm an Kenntnissen überlegen ist!

[K 100]


Es gibt eine Menge kleiner moralischer Falschheiten, die man übt, ohne zu glauben, daß es schädlich sei; so wie man etwa aus ähnlicher Gleichgültigkeit gegen seine Gesundheit Tabak raucht.

[K 101]


Der Stolz, eine edle Leidenschaft, ist nicht blind gegen eigene Fehler, aber der Hochmut ist es.

[K 102]


Viele, die über Ablaßkrämerei in der katholischen Kirche lachen, üben sie doch täglich selbst. Wie mancher Mann von schlechtem Herzen glaubt sich mit dem Himmel ausgesöhnt, wenn er Almosen gibt! Ich habe selbst die boshaftesten Menschen, die frevelhaftesten Unterdrücker des Verdienstes und der Unschuld [sich] damit rechtfertigen hören: sie täten den Armen Gutes. Aber das war nicht vitae tenor, das war nur Flickwerk. Ein Paar Spiegelscheiben machen noch keinen Palast. Es hat auch etwas Ähnliches mit den Bekehrungen unter dem Galgen.

[K 103]


Wenn doch nur der zehnte Teil der Religion und Moral, die in Büchern steht, in den Herzen stände! Aber so geht es fast durchaus: der größte Teil von menschlicher Weisheit wird bald nach seiner Erzeugung auf den Repositorien zur Ruhe gebracht. Daher einmal jemand dieses Wort nicht vom lateinischen reponere, sondern unmittelbar vom französischen repos herleiten wollte.

[K 104]


Ein Gelübde zu tun ist eine größere Sünde, als es zu brechen.

[K 105]
[417]

Ehe man tadelt, sollte man immer erst versuchen, ob man nicht entschuldigen kann.

[K 106]


Der Mensch liebt die Gesellschaft, und sollte es auch nur die von einem brennenden Rauchkerzchen sein.

[K 107]


Wer sagt, er hasse alle Arten von Schmeicheleien, und es im Ernst sagt, der hat gewiß noch nicht alle Arten kennen gelernt, teils der Materie, teils der Form nach.

Leute von Verstand hassen allerdings die gewöhnliche Schmeichelei, weil sie sich notwendig durch die Leichtgläubigkeit erniedrigt finden müssen, die ihnen der schmeichelnde Tropf zutraut. Sie hassen also die gewöhnliche Schmeichelei bloß deswegen, weil sie für sie keine ist. Ich glaube nach meiner Erfahrung schlechterdings an keinen großen Unterschied unter den Menschen. Es ist alles bloß Übersetzung. Ein jeder hat seine eigene Münze, mit der er bezahlt sein will. Man erinnere sich an die eisernen Nägel in Otaheite; unsere Schönen müßten rasend sein, wenn sie die eisernen Nägel in solchem Werte halten wollten. Wir haben andere Nägel. Es ist ebenfalls bloß menschliche Erfindung, zu glauben, daß die Menschen so sehr unterschieden sind; es ist der Stolz, der diese Unterscheidung unterstützt. Seelenadel ist gerade so ein Ding wie der Geburtsadel. – (Etwas gemildert muß dieses alles werden.)

[K 108]


Die Menschen nutzen wahrhaftig ihr Leben zu wenig; es ist also kein Wunder, daß es noch so einfältig in der Welt aussieht. Womit bringt man sein Alter hin? Mit Verteidigung von Meinungen; nicht weil man glaubt, daß sie wahr sind, sondern weil man einmal öffentlich gesagt hat, daß man sie für wahr halte. Mein Gott, wenn die Alten ihre Zeit doch lieber auf Warnung verwenden wollten! Freilich, die Menschen werden alt, aber das Geschlecht ist noch jung. Es ist wirklich ein Beweis, daß die Welt noch nicht alt ist, daß man hierin noch so zurück ist. Wenn doch die Alten mehr sagen wollten, was man vermeiden muß, und was sie hätten tun müssen, um noch größer zu werden, als sie geworden sind!

[K 109]


Ich habe sehr häufig gefunden, daß gemeine Leute, die nicht rauchten, an Orten, wo das Rauchen gewöhnlich ist, immer sehr[418] gute und tätige Menschen waren. Bei dem gemeinen Mann ist es leicht zu erklären; es verrät bei dieser Klasse vorzüglich schon etwas Gutes, sich von einer solchen Mode nicht hinreißen zu lassen, oder überhaupt etwas zu unterlassen, was wenigstens von Anfang nicht behagt. Auch muß ich gestehen, daß von allen den Gelehrten, die ich in meinem Leben habe kennen gelernt, und die ich eigentlich Genies nennen möchte, kein einziger geraucht hat. – Hat wohl Lessing geraucht?

[K 110]


Es ist für die Vervollkommnung unseres Geistes gefährlich, Beifall durch Werke zu erhalten, die nicht unsere ganze Kraft erfordern. Man steht alsdann gewöhnlich stille. Rochefoucauld glaubt daher, es habe noch nie ein Mensch alles das getan, was er habe tun können; ich halte dafür, daß dieses größtenteils wahr ist. Jede menschliche Seele hat eine Portion Indolenz, wodurch sie geneigt wird, das vorzüglich zu tun, was ihr leicht wird.

[K 111]


Einer der größten und zugleich gemeinsten Fehler der Menschen ist, daß sie glauben, andere Menschen kennten ihre Schwächen nicht, weil sie nicht davon plaudern hören, oder nichts davon gedruckt lesen. Ich glaube aber, daß die meisten Menschen besser von andern gekannt werden, als sie sich selbst kennen. Ich weiß, daß berühmte Schriftsteller, die aber im Grunde seichte Köpfe waren (was sich in Deutschland leicht beisammen findet), bei allem ihrem Eigendünkel von den besten Köpfen, die ich befragen konnte, für seichte Köpfe gehalten worden sind.

[K 112]


Wenn man selbst anfängt alt zu werden, so hält man andere von gleichem Alter für jünger, als man in frühern Jahren Leute von eben dem Alter hielt. So halte ich z.B. den Goldschmied K.., den ich schon vor 30 Jahren gekannt habe, für einen jungen Mann, ob er gleich gewiß schon einige Jahre älter ist, als sein Vater war, da ich ihn zum erstenmal sah, den ich damals gewiß für keinen jungen Mann mehr hielt. Mit andern Worten: wir halten uns selbst und andere noch in denen Jahren für jung, in welchen wir, als wir noch jünger waren, andere schon für alt hielten.

[K 113]


Es gibt Leute, die zu keinem Entschluß kommen können, sie müssen sich denn erst über die Sache beschlafen haben. Das ist ganz[419] gut, nur kann es Fälle geben, wo man riskiert, mitsamt der Bettlade gefangen zu werden.

[K 114]


Wird man wohl vor Scham rot im Dunkeln? Daß man vor Schrecken im Dunkeln bleich wird, glaube ich, aber das erstere nicht. Denn bleich wird man seiner selbst, rot seiner selbst und anderer wegen. – Die Frage, ob Frauenzimmer im Dunkeln rot werden, ist eine sehr schwere Frage; wenigstens eine, die sich nicht bei Licht ausmachen läßt.

[K 115]


Es gibt nicht leicht eine größere Schwachheit, als die großen oder wenigstens glänzenden Taten mancher Menschen aus gewissen Engelsanlagen und einer Größe der Seele zu erklären. Es mag wohl einmal unter Tausenden wahr sein; wer aber den Menschen etwas studiert hat, wird die Ursachen solcher Taten gemeiniglich ganz in der Nähe finden. Es heißt schriftstellerisch vornehm tun, wenn man alles so tief sucht.

[K 116]


Ich glaube nicht, daß die so genannten wahrhaft frommen Leute gut sind, weil sie fromm sind, sondern fromm, weil sie gut sind. Es gibt gewisse Charaktere, denen es Natur ist, sich in alle häuslichen und bürgerlichen Verhältnisse zu finden, und sich das gefallen zu lassen, wovon sie teils den Nutzen, teils die Unmöglichkeit einsehen, es besser zu haben. Also das der Religion zuzuschreiben, könnte gar wohl eine fallacia causae sein.

[K 117]


Ich habe durch mein ganzes Leben gefunden, daß sich der Charakter eines Menschen aus nichts so sicher erkennen läßt, wenn alle Mittel fehlen, als aus einem Scherz, den er übel nimmt.

[K 118]


Wer ist unter uns allen, der nicht Einmal im Jahre närrisch ist, das ist, wenn er sich allein befindet, sich eine andere Welt, andere Glücksumstände denkt, als die wirklichen? Die Vernunft besteht nur darin, sich sogleich wieder zu finden, sobald die Szene vorüber ist, und aus der Komödie nach Hause zu gehen.

[K 119]


Er war einer von denen, die alles besser machen wollen, als man es verlangt. Dieses ist eine abscheuliche Eigenschaft in einem Bedienten.

[K 120]
[420]

Zu überzeugen ist der Pöbel nicht, oder sehr selten. Durch listige Lenkung seines Aberglaubens kann er doch noch zuweilen zu guten Handlungen gebracht werden. Wir schrecken ja die Kinder, die wir nicht überzeugen können, auch mit dem schwarzen Manne und mit Schornsteinfegern. Der heilige Januarius zu Neapel ist nichts weiter. Hier ist wieder die Reihe, deren äußerste Glieder gar nicht mehr zusammen zu gehören scheinen.

[K 121]


In der Gabe, alle Vorfälle des Lebens zu seinem und seiner Wissenschaft Vorteil zu nützen, darin besteht ein großer Teil des Genies.

[K 122]


Kultur verschlingt die Gastfreundschaft.

[K 123]


Wer recht sehen will, was der Mensch tun könnte, wenn er wollte, darf nur an die Personen gedenken, die sich aus Gefängnissen gerettet haben oder haben retten wollen. Sie haben mit einem einzelnen Nagel so viel getan, wie mit einem Mauerbrecher.

[K 124]


Die Leute, die niemals Zeit haben, tun am wenigsten.

[K 125]


Man wird grämlich, wenn man alt wird, oder wenn Liebe, oder auch oft, wenn Freundschaft alt wird. Es können Dinge bei einem alt werden, obgleich man selbst jung bleibt. Manche Leute glauben, Sommer und Winter schieden sich immer mit einem Donnerwetter.

[K 126]


Wenn man manchen großen Taten und Gedanken bis zu ihrer Quelle nachspüren könnte, so würde man finden, daß sie öfters gar nicht in der Welt sein würden, wenn die Bouteille verkorkt geblieben wäre, aus der sie geholt wurden. Man glaubt nicht, wie viel aus jener Öffnung hervorkommt. Manche Köpfe tragen keine Früchte, wenn sie nicht wie Hyazinthenzwiebeln über Bouteillenhälsen stehen. Der Feige holt da seinen Mut, der Schüchterne Vertrauen auf eigne Kraft und der Elende Trost hervor.

[K 127]


Die Vorgriffe des Genies sind kühn und groß, gehen auch oft tief, aber die Kraft dazu erstirbt früh. Die geschlossene Vernunft greift[421] nicht so verwegen vor, aber hält länger aus. Man ist selten nach 60 Jahren noch ein triebmäßiger Vorgreifer, aber man kann immer noch ein sehr guter regelmäßiger und erfindender Denker sein. Man zeugt selten in jenen Jahren Kinder, aber man wird desto geschickter, die erzeugten zu erziehen, und Erziehung ist Zeugung einer andern Art.

[K 128]


Die sogenannten Mathematiker von Profession haben sich, auf die Unmündigkeit der übrigen Menschen gestützt, einen Kredit von Tiefsinn erworben, der viele Ähnlichkeit mit dem von Heiligkeit hat, den die Theologen für sich haben.

[K 129]


Der berühmte witzige Kopf Chamfort pflegte zu sagen: Ich habe drei Klassen von Freunden: Freunde, die mich lieben, Freunde, die sich nicht um mich bekümmern, und Freunde, die mich verabscheuen. Sehr wahr!

[K 130]


Eine der ärgerlichsten Situationen ist die, wenn man, aus übertriebener Sorgfalt, einem Unfalle vorzubeugen, gerade unternimmt, was ihn einem auf den Hals zieht, da man ohne alle Vorsicht ganz gewiß sicher gewesen wäre. Denn außer dem Unangenehmen, das die Sache schon für sich allein hatte, wird sie noch dadurch bitterer, daß man sich selbst Vorwürfe und bei andern lächerlich macht. Ich habe jemanden ein kostbares Gefäß dadurch zerbrechen sehen, daß er es von einer Stelle wegtragen wollte, an der es wenigstens ein halbes Jahr ruhig gestanden hatte, bloß weil er fürchtete, es möchte einmal von ungefähr heruntergestoßen werden.

[K 131]


Der Mensch kann sich alles geben, sogar Mut, wenn er es recht anfängt, aber es ist freilich besser, wenn man ihn schon mit auf die Welt bringt.

[K 132]


Ich habe mich öfters des Lächelns nicht erwehren können, wenn ich auf meinem Garten die Reisenden vorbeifahren sah. Die morgens um 5 Uhr passierten, waren die, welche um 3 Uhr reisen wollten, um 6 Uhr kamen die um 4 die Pferde bestellt hatten, und dann endlich um 7 oder 8 Uhr, die den Weg noch in der angenehmen Kühle machen wollten.

[K 133]
[422]

Einige Leute beratschlagen sich aus Scherz, was sie anfangen sollten, wenn sie das große Los gewönnen. Zwei darunter haben ein Los in Compagnie. Sie fallen auf allerlei Arten von Handel, den sie anfangen wollten, es wird von anderen mit Gründen eingesprochen, warum dieser Handel nicht ginge, endlich vergißt man, daß das Ganze eine Voraussetzung ist. Es wird gestritten, als ob die Sache wirklich wäre, und mit einem solchen Eifer, daß es darüber zu Schlägen kommt. Die Schläge abgerechnet, habe ich so etwas einigemal erlebt, nicht ohne Vergnügen und herzliches Lachen der Gesellschaft, indessen hatten sich doch einige so weit dabei erhitzt, daß sie nicht mitlachten, welches das Vergnügen der andern nicht wenig erhöhete.

[K 134]


Was für ein Unterschied zwischen den Jahren, wo man die Vorsehung überall, und denen, wo man Beurteiler sieht!

[K 135]


Erst müssen wir glauben, und dann glauben wir.

[K 136]


Die gemeinen Leute sind herrlich zu gebrauchen, manche Bemerkungen zu machen, wenn man ihre Mienen beobachtet. Man kann sie benutzen wie die Hunde, die abgerichtet sind, Hühner und Trüffeln zu finden, welche man selbst nicht riechen kann.

[K 137]


Es gibt wenig Menschen, die ein gescheutes Gesicht machen können, wenn sie nach der Sonne sehen.

[K 138]


Wenn das Ungefähr nicht mit seiner geschickten Hand in unser Erziehungswesen hineinarbeitete, was würde aus unserer Welt geworden sein?

[K 139]


Das Einreißen bei gewöhnlichen Anstalten ist ein großes Verderben, vorzüglich in der Politik, Ökonomie und Religion. Das Neue ist dem Projektmacher so angenehm, aber denen, die es betrifft, gemeiniglich sehr unangenehm. Der erste bedenkt dabei nicht, daß er es mit Menschen zu tun hat, die mit Güte unvermerkt geleitet sein wollen, und daß man dadurch sehr viel mehr ausrichtet, als mit einer Umschaffung, deren Wert denn doch erst durch die Erfahrung entschieden werden muß. Wenn man doch nur das[423] letztere bedenken wollte! Man schneide die Glieder nicht ab, die man noch heilen kann, wenn sie auch gleich etwas verstümmelt bleiben; der Mensch könnte über der Operation sterben. Und man reiße nicht gleich ein Gebäude ein, das etwas unbequem ist, und stecke sich dadurch in größere Unbequemlichkeiten. Man mache kleine Verbesserungen.

[K 140]


Man wird, wenn man acht geben will, bei dem Deutschen die Nachahmung überall finden, freilich bald mehr, bald weniger versteckt. Selbst unser Fechten für Bezahlung ist Nachahmung der Verteidigung des Vaterlandes. Eigentlich kann wahre Verteidigung seines eigenen Herdes, seines Weibes und seiner Kinder mit dem Dienste der Soldaten nicht verglichen werden; und doch geschieht es sehr häufig. Es sind Dinge ganz verschiedener Art, und so unterschieden, wie wahre Freundschaft halten von schmarotzen.

[K 141]


Weissagungen finden sich in sehr alten Büchern auch schon deswegen, weil einem die Begebenheiten, die die Veranlassung dazu waren, nicht immer einfallen. Denn wer hat, wenn er auch Geschichte weiß, alles so synchronistisch gegenwärtig, daß er wissen kann, was damals die Tischdiskurse der Gesellschaft waren? Begebenheiten der Zeit verleiten zu einem Traum; ähnliche Begebenheiten ereignen sich wieder, und der Traum trifft ein. So habe ich selbst den Tod Ludwigs XVI. lange vorher geweissagt, und gewiß mehrere Menschen haben dasselbe gedacht. Was die französische Revolution für Folgen haben wird, läßt sich auch dunkel voraussehen. Johann Hus wurde verbrannt, Luther nicht; es entstand ein dreißigjähriger Krieg, und nun steht die Reformation da.

[K 142]


Bei der jetzigen Anarchie in Frankreich und der Uneinigkeit im Nationalkonvent sollte man immer fragen: wie viel gehört wohl davon den Emigranten zu? und wie viel dem Einfluß fremder Höfe? Gewiß wird nicht bloß mit Armeen von letzteren gefochten.

[K 143]


In keiner Streitigkeit, deren ich mich erinnere, sind je, glaube ich, die Begriffe so verstellt worden, als in der gegenwärtigen über Freiheit und Gleichheit. Seht, ruft die eine Partei, hin nach Paris, da seht[424] ihr die Früchtchen der Gleichheit! Und es ist betrübt, zu sehen, daß sogar berühmte Schriftsteller in diesen Ton mit einstimmen. Eben so könnte ich rufen: ihr, die ihr ein so großes Glück im Umgange mit dem andern Geschlecht und in der Liebe findet, seht dort die Hospitäler der Nasenlosen! oder ihr, die ihr von dem Labsal sprecht, das euch beim Genuß der Freundschaft der Wein gewährt, seht dort die Trunkenbolde in den Klauen der Schwindsucht im Kreise verhungernder Kinder langsam dahin sterben! Ihr Toren, möchte ich sagen, so lernt uns doch verstehen! O ich glaube auch, ihr versteht uns nur allzu wohl, ihr deraisonniert nur deswegen so, weil ihr fürchtet, die Welt möchte uns verstehen. Die Gleichheit, die wir verlangen, ist der erträglichste Grad von Ungleichheit. So vielerlei Arten von Gleichheit es gibt, worunter es fürchterliche gibt, eben so gibt es verschiedene Grade der Ungleichheit, und darunter welche die eben so fürchterlich sind. Von beiden Seiten ist Verderben. Ich bin daher überzeugt, daß die Vernünftigen beider Parteien nicht so weit von einander liegen, als man glaubt; und daß die Gleichheit der einen Partei, und die Ungleichheit der andern wohl gar am Ende dieselbigen Dinge mit verschiedenen Namen sein könnten. Allein was hilft da alles Philosophieren? Dieses Mittel muß erkämpft werden, und wird die Übermacht von einer Partei zu groß, zumal wenn der Mutwille der andern unbändig war, so kann es auch sehr viel schlimmer werden. Es ist aber nur zu befürchten, daß jene mittlere Gleichheit oder Ungleichheit (wie man will) von beiden Parteien gleich stark verabscheut wird. Sie muß also wohl mit Gewalt eingeführt werden; und da ist es denn dem Einführenden nicht zu verdenken, wenn er sich einen etwas starken Ausschlag gibt. Hierin liegt überhaupt ein allgemeiner Grund von der Seltenheit guter Mittelzustände.

[K 144]


Wenn der goldene Mittelzustand durch den Streit der Verteidiger beider Extreme erfochten werden soll, so ist es eine gar mißliche Sache. Nichts als völlige Entkräftung beider Teile wird sie geneigt dazu machen, und in diesem Falle bemächtigt sich leicht ein Dritter beider Parteien.

[K 145]


Sieyès ist seit 1788 wahrscheinlicher Weise die Triebfeder aller großer Begebenheiten in Frankreich. (Im Jahr 1793 geschrieben.)

[K 146]
[425]

Es sind immer gefährliche Zeiten, wo der Mensch sehr lebhaft erkennt, wie wichtig er ist, und was er vermag. Es ist immer gut, wenn er in Rücksicht auf seine politischen Rechte, Kräfte und Anlagen ein bißchen schläft, so wie die Pferde nicht bei jeder Gelegenheit Gebrauch von ihren Kräften machen dürfen.

[K 147]


Wenn Freiheit, wie man sagt, dem Menschen natürlich ist, ist es ihm denn minder natürlich, sich dem Schutze eines andern zu unterwerfen, wenn er nicht Stärke oder nicht Tätigkeit genug hat? Da man sich über Könige weggesetzt hat, wird es nicht immer Menschen geben, die sich über Gesetze wegsetzen? Tugend in allen Ständen ist die Hauptsache; wo die nicht ist, da ist alles nichts, und Wechsel wird stets Statt finden. Alles, wofür ein Staat zu sorgen hat, ist, richtige Begriffe von Gott und der Natur in Umlauf zu bringen. Man hat sich über Könige weggesetzt, nicht weil sie Tyrannen waren; sondern man nannte sie so, weil man sich über sie wegsetzen wollte. Und wie, wenn es nun nie an Ehrgeizigen fehlen wird, die die Gesetze für Tyrannen halten?

[K 148]


Es scheint fast, als wenn es mit der Erkenntnis gewisser Wahrheiten und ihrer Anwendung im Leben ginge, wie mit Pflanzen: wenn sie einen gewissen Grad von Höhe erreicht haben, so werden sie abgeschnitten, um wieder von vorne anzufangen. Der höchste Grad von politischer Freiheit liegt unmittelbar am Despotismus an. Wie schön ist es nicht bei der englischen Constitution, daß sie republikanische Freiheit mit der Monarchie schon vorläufig gemischt hat, um den völligen Umschlag aus einer Demokratie in reine Monarchie oder Despotismus zu verhindern!

[K 149]


Das Traurigste, was die französische Revolution für uns bewirkt hat, ist unstreitig das, daß man jede vernünftige und von Gott und Rechts wegen zu verlangende Forderung, als einen Keim von Empörung an sehen wird.

[K 150]


Es kommt nicht darauf an, ob die Sonne in eines Monarchen Staaten nicht untergeht, wie sich Spanien ehedem rühmte; sondern was sie während ihres Laufes in diesen Staaten zu sehen bekommt.

[K 151]
[426]

Man spricht viel von guten Königen, die doch im Grunde nichts weniger waren, als gute Könige, aber gute Leute. Es ist dieses eine höchst ungereimte Verwirrung der Begriffe. Man kann ein sehr guter Mann und doch kein guter König sein, so gut als man ein ehrlicher Mann und dabei kein guter Bereiter sein kann. Dies ist wahrhaftig der Fall mit Ludwig XVI. Was halfen seine guten Gesinnungen? Dadurch konnte sein Volk unmöglich glücklich werden. Man sagt nicht, daß er nicht vergleichungsweise gut gewesen sei. Er war gewiß sehr viel besser, als manche seiner Vorgänger.

[K 152]


Eine Gleichheit und Freiheit festsetzen, so wie sie sich jetzt viele Menschen gedenken, das hieße ein eilftes Gebot geben, wodurch die übrigen zehn aufgehoben würden.

[K 153]


Wenn der größte Lehrer des Menschengeschlechts käme und eine Schule anlegte, vollkommene Menschen zu bilden, und alle Schulmeister rottierten sich zusammen, aus Furcht ihre Kunden zu verlieren, schrieben gegen ihn, suchten seine Kinder zu verführen, schickten ihm mit Fleiß verworfene Geschöpfe zu, ja mitunter verkleidete Mädchen mit venerischen Krankheiten, ließen ihnen Branntwein und wohlschmeckende Gifte zuschicken usw. – wie würde ein solches Institut bestehen können? Wenn nun alles darin wirklich darunter und darüber ginge, was für Recht hätten nun die neidischen Schulmeister, in die Welt zu schreiben: quid dignum tanto tulit hic promissor hiatu? – Sein Plan hatte nicht Schuld, sondern sie, die Schulmeister, mit ihren Gegenarbeiten.

[K 154]


Sonst sucht man bei Bekehrungen die Meinung wegzuschaffen, ohne den Kopf anzutasten; in Frankreich verfährt man jetzt kürzer: man nimmt die Meinung mitsamt dem Kopf weg.

[K 155]


Was die Großen jetzt zu bedenken haben, ist, daß sie ihre Untertanen gewiß nicht leicht ärger drücken können, als sie in Frankreich gedrückt wurden; und diese doch ihrem Könige den Kopf abgeschlagen haben.

[K 156]


Es sind jetzt Deutsche, Engländer, Franzosen, Piemonteser, Spanier, Portugiesen, Neapolitaner und Holländer, die das heilige[427] Grab der französischen Monarchie zu erobern trachten; ob es ihnen wohl gelingen wird?

[K 157]


Es ist eine große Frage, wodurch in der Welt mehr ist ausgerichtet worden: durch das gründlich Gesagte, oder durch das bloß schön Gesagte. Etwas zugleich sehr gründlich und sehr schön zu sagen, ist schwer; wenigstens wird in dem Augenblick, da die Schönheit empfunden wird, die Gründlichkeit nicht ganz erkannt. Man tadelt das seichte Geschwätz, das jetzt in Frankreich in politischen Dingen gedruckt wird. Ich glaube, dieser Tadel ist selbst etwas seicht, und zeigt, daß bloß das System, aber nicht die Kenntnis menschlicher Natur die Feder geführt hat. Denn diese Bücher werden ja nicht für das Menschengeschlecht und die abstrakte Vernunft geschrieben, sondern für konkrete Menschen von einer gewissen Partei; und erreichen gewiß ihren Zweck sicherer, als alle Werke, die für den abstrakten Menschen berechnet sind, den es noch nicht gegeben hat, und nie geben wird.

[K 158]


Ich sehe darin nichts so sehr Arges, daß man in Frankreich der christlichen Religion entsagt hat. Das sind ja alles nur kleine Winkelzüge. Wie wenn das Volk nun ohne allen äußern Zwang in ihren Schoß zurückkehrt, weil ohne sie kein Glück wäre? Welches Beispiel für die Nachwelt, und welches kostbare Experiment, das man wahrlich nicht alle Tage anstellt! Ja, vielleicht war es nötig, sie einmal ganz aufzuheben, um sie gereinigt wieder einzuführen.

[K 159]


Es ist, glaube ich, keine Frage, daß, bei aller Ungleichheit der Stände, die Menschen alle gleich glücklich sein können; man suche nur jeden so glücklich als möglich zu machen.

[K 160]


Wenn Heiraten Frieden stiften können, so sollte man den Großen die Vielweiberei erlauben.

[K 161]


So lange das Gedächtnis dauert, arbeiten eine Menge Menschen in Einem vereint zusammen, der zwanzigjährige, der dreißigjährige usw. Sobald aber dieses fehlt, so fängt man immer mehr und mehr an, allein zu stehen, und die ganze Generation von Ichs zieht sich zurück und lächelt über den alten Hülflosen. Dieses spürte ich sehr stark im August 1795.

[K 162]
[428]

Ich fing erst gegen das Ende meines Lebens an zu arbeiten, und mein bißchen Witz aufs Profitchen zu stecken.

[K 163]


Sein Leben aufs Profitchen stecken: wie ich jetzt im Jahre 1795. Ich hätte aber, was ich jetzt tue und tun will und gerne täte, ehemals viel besser tun können, da hatte ich aber keine Zeit!!

[K 164]


Ich stecke jetzt meine ganze Tätigkeit aufs Profitchen. Kohlen sind noch da, aber keine Flamme.

[K 165]


Die an den Untertanen meistern wollen, wollen die Fixsterne um die Erde drehen, bloß damit die Erde ruhe.

[K 166]


Eine Republik zu bauen aus den Materialien einer niedergerissenen Monarchie, ist freilich ein schweres Problem. Es geht nicht, ohne bis erst jeder Stein anders gehauen ist, und dazu gehört Zeit.

[K 167]


Ich glaube, daß einige der größten Geister, die je gelebt haben, nicht halb so viel gelesen hatten, und bei weitem nicht so viel wußten, als manche unserer mittelmäßigen Gelehrten. Und mancher unserer sehr mittelmäßigen Gelehrten hätte ein größerer Mann werden können, wenn er nicht so viel gelesen hätte.

[K 168]


Was dem Ruhm und der Unsterblichkeit manches Schriftstellers ein größeres Hindernis in den Weg legt, als der Neid und die Bosheit aller kritischen Journale und Zeitungen zusammengenommen, ist der fatale Umstand, daß sie ihre Werke auf einen Stoff müssen drucken lassen, der zugleich auch zu Gewürzduten gebraucht werden kann.

[K 169]


Was mir an der Art, Geschichte zu behandeln, nicht gefällt, ist, daß man in allen Handlungen Absichten sieht, und alle Vorfälle aus Absichten herleitet. Das ist aber wahrlich ganz falsch. Die größten Begebenheiten ereignen sich ohne alle Absicht; der Zufall macht Fehler gut, und erweitert das klügst angelegte Unternehmen. Die großen Begebenheiten in der Welt werden nicht gemacht, sondern finden sich.

[K 170]


[429] Leben von Johnson durch Boswell. – Johnson ist mir ein höchst unangenehmer, ungeschliffener Patron. Aber das sind gerade die Menschen, aus denen man die Menschen kennen lernen muß – Krystallisation, die sich durch kein Abschleifen verkennen läßt. Was helfen mir die geschliffenen Steine?

[K 171]


Eine seltsamere Ware, als Bücher, gibt es wohl schwerlich in der Welt. Von Leuten gedruckt, die sie nicht verstehen; von Leuten verkauft, die sie nicht verstehen; gebunden, rezensiert und gelesen von Leuten, die sie nicht verstehen; und nun gar geschrieben von Leuten, die sie nicht verstehen.

[K 172]


Viele Priester der Minerva haben, außer mancher Ähnlichkeit mit der Göttin selbst, auch die mit dem berühmten Vogel derselben, daß sie zwar im Dunkeln Mäuse fangen, aber am Tageslicht den Kirchturm nicht eher sehen, als bis sie sich die Köpfe daran entzwei stoßen.

[K 173]


Wer mit einemmal übersehen will, wie die Menschen Geschichte schreiben, der muß sich mit der Geschichte der Religionsstifter bekannt machen, weil das der Fall ist, wo man die Sache am deutlichsten sieht. In der Naturlehre ist es eine sehr bekannte Regel, daß man die günstigsten Umstände abpassen muß. Die eine Partei glaubt gewöhnlich sehr viel mehr, und die andere sehr viel weniger, als wahr ist. Was hier im höchsten Grade erscheint, zeigt sich minder merklich in andern Relationen; ist aber immer da.

[K 174]


Ich glaube, daß man selbst bei abnehmendem Gedächtnis und sinkender Geisteskraft überhaupt noch immer gut schreiben kann, wenn man nur nicht zu viel auf den Augenblick ankommen läßt, sondern bei seiner Lektüre oder seinen Meditationen immer niederschreibt, zu künftigem Gebrauch. Auch der abgelebteste Mann hat Augenblicke, wo er, durch Umstände so gut wie durch Wein angespornt, sieht, was kein anderer gesehen. Dieses muß gehörig aufgesammelt werden. Denn das, was der Augenblick der Ausarbeitung zu geben vermag, gibt er doch. So sind gewiß alle großen Schriftsteller verfahren.

[K 175]
[430]

Sollte es nicht sehr viel besser um das menschliche Geschlecht stehen, wenn wir gar keine Geschichte, wenigstens keine politische mehr hätten? Der Mensch würde mehr nach den jedesmaligen Kräften handeln, die er hat; da jetzt hier und da das Exempel, gegen einen, den es bessert, Tausend schlimmer macht. – Alles dieses für den proprium locum.

[K 176]


Es gibt eine bleibende menschliche Natur, Regungen des Herzens, die sich jetzt noch bei eben den Veranlassungen einstellen, auf die sie ehemals in Athen, Rom und Jerusalem gefolgt sind. Schriftsteller, die diesen Menschen in ihren Werken schildern, geben zugleich den Kommentar dazu, und werden gelesen werden, so lange Menschen sind, zumal wenn sie durch Abwechselung zu unterhalten wissen; denn Vergnügen an Veränderung ist dem Menschen bleibend eigen. Allein diese Anlagen verhindern nicht, daß der Mensch nicht selbst in gewissen Grenzen sollte sehr veränderlich sein können. Der Stolz zeigt sich unter tausendfacher Form, so gut wie die Neigung zum Putz. Der Mond bewegt sich in einer Ellipse um die Erde, aber es finden sich viele Anomalien. Monden gehen und kommen wieder. Auch diese Menschen kann man schildern; es ist menschliche Natur, modifiziert durch Umstände, die dem Wechsel unterworfen sind. Diesen Menschen hat sich vorzüglich Hogarth gewählt; aber solche Werke verlieren viel mit der Zeit. –

[K 177]


Es gibt kein größeres Hindernis des Fortgangs in den Wissenschaften, als das Verlangen, den Erfolg davon zu früh verspüren zu wollen. Dieses ist munteren Charakteren sehr eigen; darum leisten sie auch selten viel; denn sie lassen nach und werden niedergeschlagen, sobald sie merken, daß sie nicht fortrücken. Sie würden aber fortgerückt sein, wenn sie geringe Kraft mit vieler Zeit gebraucht hätten.

[K 178]


Unter allen Kapiteln, die uns der angenehme Schwätzer Montaigne hinterlassen hat, hat mir immer das vom Tode, der vielen vortrefflichen Gedanken ungeachtet, am wenigsten gefallen. Es ist das 19te im ersten Buche. Man sieht durch alles hindurch, daß sich der wackere Philosoph sehr vor dem Tode gefürchtet, und[431] durch die gewaltsame Ängstlichkeit, womit er den Gedanken wendet, und selbst zu Wortspielen dreht, ein sehr übeles Beispiel gegeben hat. Wer sich vor dem Tode wirklich nicht fürchtet, wird schwerlich davon mit so vielen kleinlichen Trostgründen gegen ihn zu reden wissen, als hier Montaigne beibringt.

[K 179]


Eine traurige Betrachtung für die alte Geschichte liefert uns die neue französische. Wie viel ist nicht darüber geschrieben worden! Wer dünkt sich gleichwohl jetzt weise genug, etwas darüber zu schreiben, was nur einigermaßen der Wahrheit nahe kommt? Nun ist freilich bei den Alten nicht so viel geschrieben, und folglich gelesen worden; aber gewiß geschehen ist wohl eben so viel; ja was das Schlimmste ist, so mußte man sich dort mehr auf Erzählung und Tradition verlassen.

[K 180]


Es schadet bei manchen Untersuchungen nicht, sie erst bei einem Räuschchen durchzudenken und dabei aufzuschreiben; hernach aber alles bei kaltem Blute und ruhiger Überlegung zu vollenden. Eine kleine Erhebung durch Wein ist den Sprüngen der Erfindung und dem Ausdruck günstig; der Ordnung und Planmäßigkeit aber bloß die ruhige Vernunft.

[K 181]


Die Deutschen mögen auch sagen, was sie wollen, so kann nicht geleugnet werden, daß unsere Gelehrsamkeit mehr darin besteht, recht gut inne zu haben, was zu einer Wissenschaft gehört, und zumal deutlich angeben zu können, was dieser und jener darin getan hat, als selbst auf Erweiterung zu denken. Selbst unter unsern größten Schriftstellern gibt es welche, die eigentlich nur das, was man schon wußte, gut geordnet wieder drucken lassen, hier und da mit einer Erläuterung, die sie entweder wieder an einem andern Ort aufgefangen haben, oder die sich sonst leicht machen läßt. Wie viele Kante, Euler, Klaprothe haben wir denn? Die Engländer bekümmern sich wenig darum, was andere mögen gewußt haben, und suchen immer weiter zu gehen, als das allgemein Bekannte reicht, und stehen sich dabei recht gut, und, möchte ich fast hinzusetzen, wir uns auch – nämlich bei den Erfindungen der Engländer.

[K 182]


Ich glaube, daß es mit dem Studieren gerade so geht, wie in der Gärtnerei: es hilft weder der da pflanzt, noch der da begeußt etwas,[432] sondern Gott, der das Gedeihen gibt. Ich will mich erklären. Wir tun sicherlich eine Menge von Dingen, von denen wir glauben, daß wir sie mit Wissen täten, und die wir doch tun, ohne es zu wissen. Es ist so was in unserm Gemüte wie Sonnenschein und Witterung, das nicht von uns abhängt. Wenn ich über etwas schreibe, so kommt mir das Beste immer so zu, daß ich nicht sagen kann, woher. Merkwürdige Beobachtungen, wie viel man tut, ohne es zu wissen, enthält Montaigne im 3.T.S. 105 ff.

[K 183]


Der einzige Fehler, den die recht guten Schriften haben, ist der, daß sie gewöhnlich die Ursache von sehr vielen schlechten oder mittelmäßigen sind.

[K 184]


Die Mathematik ist eine gar herrliche Wissenschaft, aber die Mathematiker taugen oft den Henker nicht. Es ist fast mit der Mathematik, wie mit der Theologie. So wie die der letztern Beflissenen, zumal wenn sie in Ämtern stehen, Anspruch auf einen besondern Kredit von Heiligkeit und eine nähere Verwandtschaft mit Gott machen, obgleich sehr viele darunter wahre Taugenichtse sind, so verlangt sehr oft der so genannte Mathematiker für einen tiefen Denker gehalten zu werden, ob es gleich darunter die größten Plunderköpfe gibt, die man nur finden kann, untauglich zu irgend einem Geschäft, das Nachdenken erfordert, wenn es nicht unmittelbar durch jene leichte Verbindung von Zeichen geschehen kann, die mehr das Werk der Routine, als des Denkens sind.

[K 185]


Es ist traurig, daß die meisten Bücher von Leuten geschrieben werden, die sich zu dem Geschäft erheben, anstatt daß sie sich dazu herablassen sollten. Hätte z.B. Lessing ein Vademecum für lustige Leute herausgeben wollen, ich glaube, man hätte es in alle Sprachen der Welt übersetzt. Aber so schreibt jedermann gern über Dinge, worin er sich noch selbst gefällt, und man gefällt sich selten in Dingen, die man so inne hat und übersieht, wie etwa das Einmaleins. Wer, wenn er schreibt, um sich Genüge zu tun, alles sagt, was er weiß, schreibt gewiß schlecht. Hingegen wer anhalten muß, um nicht zu viel zu sagen, kann sich eher Beifall versprechen.

[K 186]


..., Prediger zu ..., ist der artige Mann, der das Klatschmagazin über Schulen und Universitäten anlegen will. Ein Prediger sollte[433] sich schämen, so etwas anzukündigen. Er will auch Listen liefern von studiosis non studentibus, wenn anders, wie er sagt, auf dem Papier sich Raum dazu findet, und, hätte er hinzusetzen können, auf seinem Buckel Raum für die gerechten Züchtigungen, die er deswegen erhalten wird.

[K 187]


Ich glaube, man treibt in unsern Tagen die Geschichte der Wissenschaften zu minutiös, zum großen Nachteil der Wissenschaft selbst. Man liest es gerne, aber wahrlich es läßt den Kopf zwar nicht leer, aber ohne eigentliche Kraft; eben weil es ihn so voll macht. Wer je den Trieb in sich gefühlt hat, seinen Kopf nicht anzufüllen, sondern zu stärken, die Kräfte und Anlagen zu entwickeln, sich auszubreiten, der wird gefunden haben, daß es nichts Kraftloseres gibt, als die Unterredung mit einem so genannten Literator in der Wissenschaft, in der er nicht selbst gedacht hat, aber tausend historischliterärische Umständchen weiß. Es ist fast als wie Vorlesung aus einem Kochbuch, wenn man hungert. Ich glaube auch, daß unter denkenden, ihren eigenen und der eigentlichen Wissenschaft Wert fühlenden Menschen die so genannte Literärgeschichte nie ihr Glück machen wird. Diese Menschen räsonieren mehr, als sie sich darum bekümmern, zu wissen, wie andere Menschen räsoniert haben. Was das Traurigste bei der Sache ist, so findet man, daß, so wie die Neigung an literärischen Untersuchungen in einer Wissenschaft wächst, die Kraft zur Erweiterung der Wissenschaft selbst abnimmt, allein der Stolz auf den Besitz der Wissenschaft zunimmt. Solche Leute glauben sich mehr im Besitz der Wissenschaft selbst zu sein, als die eigentlichen Besitzer. Es ist gewiß eine sehr gegründete Bemerkung, daß wahre Wissenschaft ihren Besitzer nie stolz macht, sondern bloß die von Stolz sich aufblähen läßt, die aus Unfähigkeit, die Wissenschaft selbst zu erweitern, sich mit Aufklärung ihrer dunkeln Geschichte abgeben, oder alles herzuerzählen wissen, was andere getan haben, weil sie diese größtenteils mechanische Beschäftigung für Übung der Wissenschaft selbst halten. Ich könnte dieses mit Exempeln belegen, aber das sind odiöse Dinge.

[K 188]


Es müßte eine ganz entsetzlich elende Übersetzung sein, die ein gutes Buch für einen Mann von Geist, der ins Große liest und nicht über Ausdrücken und Sentenzen hängt, verderben könnte. Ein Buch,[434] das nicht einen solchen Charakter hat, den selbst der schlechteste Übersetzer kaum für den Mann von Geist verderben kann, ist gewiß nicht für die Nachwelt geschrieben.

[K 189]


Es ist gewiß sehr schwer, ein Werk zu schreiben, das den Beifall derer erhält, die bei Genie die Materie, worein die Sache einschlägt, zum Studio ihres ganzen Lebens gemacht haben. Ich habe gefunden, daß, wenn ich eine gewisse Materie in der Physik, von nicht sehr großem Umfange, 8 bis 14 Tage lang zum Hauptgegenstand meiner Untersuchungen machte, mir alle Schriftsteller, die darüber geschrieben hatten, seicht vorgekommen sind.

[K 190]


Die Leichenpredigten auf Bücher unterscheiden sich gar sehr von denen auf Menschen. Die letzteren werden gewöhnlich über Verdienst gelobt und die ersteren ausgeschimpft.

[K 191]


Viele sogenannte berühmte Schriftsteller, in Deutschland wenigstens, sind sehr wenig bedeutende Menschen in Gesellschaft. Es sind bloß ihre Bücher, die Achtung verdienen, nicht sie selbst. Denn sie sind meistens sehr wenig wirklich. Sie müssen sich immer erst durch Nachschlagen zu etwas machen, und dann ist es immer wieder das Papier, das sie geschrieben haben. Sie sind elende Ratgeber und seichte Lehrer dem, der sie befragt.

[K 192]


Ich möchte wohl wissen, wie es um unsere deutsche Literatur in manchen Fächern stehen würde, wenn wir keine Engländer und Franzosen gehabt hätten. Denn selbst zum bessern Verständnis der Alten sind wir durch sie angeführt worden. Selbst die Frivolität mancher unter ihnen hat manchen die Augen für den Wert der Alten geöffnet.

[K 193]


Es hält nicht schwer, eine Sache zu Papier zu bringen, wenn man sie einmal in der Feder hat.

[K 194]


Es war vor einiger Zeit Mode, und ist es vielleicht noch, auf die Titel der Romane zu setzen: eine wahre Geschichte. Das ist nun eine kleine unschuldige Betrügerei, aber daß man auf manchen neueren Geschichtsbüchern die Worte: ein Roman, wegläßt, das ist keine so unschuldige.

[K 195]
[435]

Vielleicht leistet manches schlechte Buch, das jetzt verachtet wird, dereinst einem guten eben den Dienst, den die elenden Schauspiele den Shakespearischen geleistet haben, mit dessen Werken sie gleichzeitig waren. So kommt auch dem schlechten Schriftsteller der Trost zu statten, daß die Nachwelt dereinst sein Verdienst erkennen wird.

[K 196]


Um über gewisse Gegenstände mit Dreistigkeit zu schreiben, ist fast notwendig, daß man nicht viel davon versteht. Auch geht es gut an, wo der Gegenstand noch wenig bekannt ist. Unstreitig hat man sehr viel mehr vom Vielfraß zu erzählen gewußt, da er noch wenig gekannt war, als jetzt, da man ihn kennt.

[K 197]


B. besitzt großes Dichtertalent; aber es ist bei ihm in eine fremde Materie gefaßt, so wie bei den Bleistiften das Reißblei in Holz; wenn er sich zu spitzen vergißt, so glaubt er zuweilen, er schriebe, wenn er bloß mit dem Holze kritzelt.

[K 198]


Um gut versifizieren zu können, scheint es unumgänglich nötig, daß man das Metrum und den Numerus in demselben leise hört, ohne noch die Worte zu vernehmen, die es füllen sollen. Die Form des Gedankens muß dem Dichter schon vorschweben, ehe der Gedanke selbst erscheint.

[K 199]


Eine gute Bemerkung über das sehr Bekannte ist es eigentlich, was den wahren Witz ausmacht. Eine Bemerkung über das weniger Bekannte, wenn sie auch sehr gut ist, frappiert bei weitem nicht so, teils weil die Sache selbst nicht jedermann geläufig ist, und teils weil es leichter ist, über eine Sache etwas Gutes zu sagen, worüber noch nicht viel gesagt ist. Man bezeichnet auch daher diese Art von Einfällen im gemeinen Leben durch die Ausdrücke: gesucht und weit hergeholt.

[K 200]


Mich wundert, daß noch niemand eine Bibliogenie geschrieben hat, ein Lehrgedicht, worin die Entstehung nicht sowohl der Bücher, als des Buchs beschrieben würde – vom Leinsamen an, bis es endlich auf dem Repositorio ruht. Es könnte gewiß dabei viel Unterhaltendes und zugleich Lehrreiches gesagt werden. Von Entstehung[436] der Lumpen; Verfertigung des Papiers; Entstehung des Makulaturs; mitunter die Druckerei; wie ein Buchstabe heute hier, morgen dort dient. Alsdann wie die Bücher geschrieben werden. Hier könnte viel Satyre angebracht werden. Der Buchbinder; hauptsächlich die Büchertitel und zuletzt die Pfefferduten. Jede Verrichtung könnte einen Gesang ausmachen, und bei jedem könnte der Geist eines Mannes angerufen werden.

[K 201]


Ich glaube, daß ein Gedicht auf den leeren Raum einer großen Erhabenheit fähig wäre. Ich glaube wenigstens so, nach allem, was ich bisher gelesen habe; vielleicht trägt aber auch meine eigene Disposition etwas dazu bei.

[K 202]


Wenn man Rape of the Lock durch »Lockenraub« übersetzt, so ist schon die Hälfte des Witzes verloren. Was mag nicht erst im Gedichte selbst verloren gegangen sein!

[K 203]


In allen Werken Hogarths findet sich kein Esel angebracht, womit sonst die satyrischen Künstler so sehr freigebig sind.

[K 204]


Gespräch zwischen mir und dem französischen Sprachmeister L ..., der ein versteinertes Gehirn gefunden haben wollte

Der Sprachm. Hier, Herr Professor, habe ich ein versteinertes Menschengehirn auf dem Hainberge gefunden; das ist wirklich eine große Seltenheit.

Ich. Ja, so wie überhaupt Versteinerungen von Dingen, die leicht faulen; allein die Menschen, die dergleichen gefunden haben wollen, sind gar keine Seltenheit. Ich habe sogar jemanden gekannt, der einen versteinerten Butterweck gefunden haben wollte.

Der Sprachm. Wollen Sie mir dieses rare Stück nicht abkaufen? Vous l'aurez pour un ducat.

Ich. Mein lieber Herr L ..., folgen Sie meinem Rate, und werfen Sie den Stein weg, es ist ein gemeiner, im Wasser abgerundeter Stein.

Der Sprachm. O Sie sind schon so oft so gütig gegen mich gewesen – Vous l'aurez pour un écu. Je n'ai pas un sou.

[437] Ich. Hier haben Sie einen halben Gulden, den schenke ich Ihnen, aber nehmen Sie den Stein mit.

Der Sprachm. O Sie kennen ja den Herrn Hofrat H ... gut, empfehlen Sie mich doch, vielleicht wird dieses pretiöse Stück für das Cabinet gekauft.

(Hier ging mir die Geduld aus).

Ich (heftig). Hören Sie, lassen Sie mich mit Frieden; wenn Sie aber sagen wollen, das, was Sie hier in der Hand halten, sei Ihr eigenes Gehirn, so will ich sehen, was ich für Sie tun kann, denn so klingt doch die Sache noch plausibel. (Hier machte ich die Tür auf).

[K 205]


Hochzeiten gehören unter die Fleischspeisen, da sie in den Fasten verboten sind.

[K 206]


Die metallischen Alter der Welt sind jetzt verkalcht.

[K 207]


Geheimer Ausrufer – eine neue Hofcharge – nämlich, der heimlich verbreitet, was man gern verbreitet hätte, und doch nicht laut verbreiten darf.

[K 208]


Wenn die Menschen nicht nach den Uhren gehen, so fangen endlich die Uhren an nach den Menschen zu gehen.

[K 209]


Man macht jetzt so junge Doktoren, daß Doktor und Magister fast zur Würde der Taufnamen gediehen sind. Auch bekommen die, denen diese Würden erteilt werden, sie oft wie die Taufnamen, ohne zu wissen wie.

[K 210]


Man sollte, wenn man die Titel ansieht, wie sie ihren Wert verlieren, fast glauben, es wäre mehr Ehre in die Welt gekommen; so wie der Wert des Geldes fällt, wenn des Goldes zu viel wird.

[K 211]


Warum sollte das herrliche Sprüchwort nicht so gut vom geistlichen als vom leiblichen Vermögen gelten: Mit Vielem hält man Haus, mit Wenigem kommt man auch aus?

[K 212]


Ja, der Herr Leibarzt war ein vortrefflicher Mann, er besuchte jedermann, er mochte vornehm oder gering sein, und wenn es um[438] Mitternacht gewesen wäre. Man konnte mit Recht von ihm sagen, was Horaz von des Kaiser Augusts Leibarzt sagt: aequo pulsat pede pauperum tabernas regumque turres.

[K 213]


Während man über geheime Sünden öffentlich schreibt, habe ich mir vorgenommen, über öffentliche Sünden heimlich zu schreiben.

[K 214]


Wenn es gegründet ist, was ein vortrefflicher Kopf, der Abbé Lechevalier, mutmaßte, daß der König Ludwig XVI. durch den Einfluß der Royalisten hingerichtet sei, weil man dies für das sicherste Mittel gehalten hätte, wieder einen König zu bekommen; so könnte man nicht unschicklich sagen, der König sei in usum Delphini hingerichtet worden.

[K 215]


Ich schätze Leute glücklich, die einen Vornamen mit einem M haben, weil sie gleichsam natürliche Magistri sind.

[K 216]


Der herrschende Geschmack an Halbromanen zeigt sich sogar jetzt in unseren politischen Zeitungen.

[K 217]


Guter Rat.

A. Sagen Sie mir, soll ich heiraten oder nicht?


B. Ich dächte, Sie machten es wie Ihre Frau Mutter, und heirateten in Ihrem Leben nicht.

[K 218]


Vergleichung zwischen einem Prediger und einem Schlosser.

Der erste sagt: du sollst nicht stehlen wollen; und der andere: du sollst nicht stehlen können.

[K 219]


Er kann die Dinte nicht halten, und wenn es ihm ankommt, jemand zu besudeln, so besudelt er sich gemeiniglich am meisten.

[K 220]


So wie es Tiere gibt, die mit dem Schwanze greifen, so gibt es auch welche, die mit der Hand schwänzeln.

[K 221]


So wie man anderen Leuten Pistolen und Degen wegtun muß, wenn sie betrunken sind, so mußte man ihm den Geldbeutel wegnehmen, damit er nicht zu viel Gutes tat.

[K 222]
[439]

Das Buch bedarf noch des Kalfaterns, die Risse auszustopfen.

[K 223]


Wir fressen einander nicht, wir schlachten uns bloß.

[K 224]


Es gibt eigentlich zwei Arten, eine Sache zu untersuchen, eine kaltblütige und eine warmblütige.

[K 225]


Der Korrektor verbessert Druckfehler noch zu rechter Zeit; der Kritiker gedruckte Fehler, wenn es leider zu spät ist.

[K 226]


Es wäre freilich gut, wenn es keine Selbstmorde gäbe. Aber man richte nicht zu voreilig. Wie in aller Welt wollte man z.B. in Trauerspielen die unnützen Personen wegschaffen? Sie durch andere ermorden zu lassen ist gefährlich. Alles ist weislich geordnet.

[K 227]


Man kann sich nicht leicht eine schlauere Hexe denken. Die Schlange hatte wie den Vater, so auch seine beiden Söhne bestrickt. Wahrlich eine wahre Gruppe des Laokoon.

[K 228]


So gehts an der Leine, an der Elbe und am Rhein, und wird wohl am Jordan eben so gegangen sein.

[K 229]


Er war nicht sowohl Eigentümer als Pächter der Wissenschaften, die er vortrug. Denn es gehörte ihm nicht ein Fleckchen davon.

[K 230]


Es gibt heutzutage so viele Genies, daß man recht froh sein soll, wenn einem einmal der Himmel ein Kind beschert, das keines ist.

[K 231]


Man hatte ihm sein Buch zu Schanden rezensiert, und er sagte selbst, wenn er es auf dem Schranke stehen sähe, so verarge es in ihm das Gefühl, wie der Anblick des verschlossenen Ladens eines Kaufmannes, der bankerott geworden ist.

[K 232]


Gespräch.

A. Ja, die hat ihr Köpfchen.


B. Und ich habe mein Prügelchen.

[K 233]
[440]

Mit der christlichen Religion läßt sich Staat machen, aber wahrlich mit den Christen sehr wenig.

[K 234]


Man wäscht am Gründonnerstag 12 Männern oder Weibern die Füße, und dafür das ganze Jahr hindurch allen übrigen Untertanen die Köpfe.

[K 235]


Jetzt sucht man überall Weisheit auszubreiten, wer weiß, ob es nicht in ein paar hundert Jahren Universitäten gibt, die alte Unwissenheit wieder herzustellen.

[K 236]


Wäre es nicht gut, die Theologie etwa mit dem Jahre 1800 für geschlossen anzunehmen und den Theologen zu verbieten, fernere Entdeckungen zu machen?

[K 237]


Um an etwas zu zweifeln, ist freilich oft bloß nötig, daß man es nicht versteht. Diesen Satz wollten einige Herren gar zu gern umkehren, indem sie behaupten, man verstehe ihren Satz nicht, wenn man ihn bezweifelt.

[K 238]


Ein einschläfriger Kirchstuhl.

[K 239]


Wir von Gottes Ungnaden Taglöhner, Leibeigen[e], Neger, Fronknechte etc.

[K 240]


Die Frauenzimmer mit Paradiesvögeln verglichen, weil sie keine Beine haben.

[K 241]


Die geschärfte Sokratische Methode – ich meine die Tortur.

[K 242]


Eine Schraube ohne Anfang; so könnte man wohl eine lahme nennen.

[K 243]


Augen wie ein Stilet.

[K 244]


Er stand so erbärmlich da, wie ein ausgebranntes Räucherkerzchen.

[K 245]
[441]

Er handelte mit anderer Leute Meinungen. Er war Professor der Philosophie.

[K 246]


Der Hunger und das Elend liegen da gleichsam in Garnison.

[K 247]


Er war damals die Spadille der Gesellschaft.

[K 248]


Das Musenbrot ist an manchen Orten noch schwärzer als das Kommißbrot.

[K 249]


Er glich gewissen Blumenblättern, die man nie gerade biegen kann, sie bleiben immer nach der einen oder der andern Seite hohl.

[K 250]


Ein Mädchen, kaum zwölf Moden alt.

[K 251]


Wo die gemeinen Leute Vergnügen an Wortspielen finden, und häufig selbst welche machen, da kann man immer darauf rechnen, daß die Nation auf einer sehr hohen Staffel von Kultur steht. Die Calenberger Bauern machen keine.

[K 252]


Ängstlich zu sinnen und zu denken, was man hätte tun können, ist das Übelste, was man tun kann.

[K 253]


Ach, ich habe so oft selbst erfahren, wie viel die Regel gilt: Vermeidet den Schein des Bösen sogar! Denn wenn man auch noch so gut handelt, so gibt man doch irgend einmal jemanden Gelegenheit, uns eine Schuld aufzubürden, wobei sein Mund nicht einmal zu lügen Ursache hätte, so sehr auch sein Herz ihn der Falschheit ziehe.

[K 254]


Särge von Korbwerk könnten wohlfeil und doch schön gemacht werden; man könnte sie schwarz und weiß anstreichen. Sie hätten den Vorteil, daß sie leicht verfaulten.

[K 255]


Man könnte die menschliche Gesellschaft in drei Klassen teilen, in die:

1. neque ora neque labora,[442]

2. ora et non labora, und

3. ora et labora.

[K 256]


Was man von dem Vorteile und Schaden der Aufklärung sagt, ließe sich gewiß gut in einer Fabel vom Feuer darstellen. Es ist die Seele der unorganischen Natur, sein mäßiger Gebrauch macht uns das Leben angenehm, es erwärmt unsere Winter und erleuchtet unsere Nächte. Aber das müssen Lichter und Fackeln sein, die Straßenerleuchtung durch angezündete Häuser ist eine sehr böse Erleuchtung. Auch muß man Kinder nicht damit spielen lassen.

[K 257]


Es ließe sich vielleicht ein ganz guter Aufsatz über die Namen von Hunden schreiben. Mélac nennt man Hunde, nach dem bekannten privilegierten Mordbrenner. Vielleicht gibt es nach der französischen Staatsumwälzung auch Namenumwälzung unter den Hunden. Custine wäre ein herrlicher Name für einen, der viel bellt und nicht beißt, wenigstens nicht wo er soll. Kotzebue müßte notwendig einer heißen. Ehrliche Leute, die noch so heißen, kann es so wenig verdrießen, wie den türkischen Kaiser, daß so viele Hunde Sultan heißen.

[K 258]


In jeder Fakultät sollte wenigstens Ein recht tüchtiger Mann sein. Wenn die Charniere von gutem Metall sind, so kann das übrige von Holz sein.

[K 259]


Einmal die sogenannten natürlichen Dinge aufzuzählen: natürliche Kinder, natürliche Religion, natürliche Tugend. Es steckt in diesen Äußerungen der natürlichen Philosophie sehr vieles, was sich die unnatürliche nicht immer träumen läßt.

[K 260]


Daraus, daß die Kinder ihren Eltern zuweilen so sehr gleichen, sieht man offenbar, daß es ein gewisses Naturgesetz ist, daß Kinder ihren Eltern gleichen sollen. Allein wie viele Fälle gibt es dessenungeachtet nicht, wo sie ihnen nicht gleichen? Vermutlich sind daran gewisse Kollisionen Schuld, ebenfalls wie bei den Physiognomien.

[K 261]


Wenn man einmal Nachrichten von Patienten gäbe, denen gewisse Bäder und Gesundheitbrunnen nicht geholfen haben, und zwar,[443] mit eben der Sorgfalt, womit man das Gegenteil tut, es würde niemand mehr hingehen, wenigstens kein Kranker.

[K 262]


Wenn jemand etwas schlecht macht, das man gut erwartet, so sagt man: nun ja, so kann ichs auch. Es gibt wenige Redensarten, die so viel Bescheidenheit verraten.

[K 263]


Sich durch plötzliche Umänderung ohne Erklärung gegen die, die es eigentlich angeht, ein gewisses Air von Wichtigkeit zu geben, ist ein sehr gemeines Verfahren im Ehestande. Jammer und Elend, wo es in Regierungen Statt findet!

[K 264]


Gewissen Menschen ist ein Mann von Kopf ein fataleres Geschöpf, als der deklarierteste Schurke.

[K 265]


Ich habe mir die Zeitungen vom vorigen Jahre binden lassen, es ist unbeschreiblich, was für eine Lektüre dieses ist: 50 Teile falsche Hoffnung, 47 Teile falsche Prophezeiung und 3 Teile Wahrheit. Diese Lektüre hat bei mir die Zeitungen von diesem Jahre sehr herabgesetzt, denn ich denke: was diese sind, das waren jene auch.

[K 266]


Wenn die Fische stumm sind, so sind dafür ihre Verkäuferinnen desto beredter.

[K 267]


Wir leben in einer Welt, worin ein Narr viele Narren, aber ein weiser Mann nur wenige Weise macht.

[K 268]


Pantheon der Deutschen

Ich habe auch vor Newtons Grabmal in Westminsterabtei gestanden; ich habe Shakespears Denkmal, vermischt mit denen von großen Helden angesehen; allein ich muß bekennen, vielleicht zu meiner Schande, daß der Eindruck sehr gemischt und eigen war. Ich konnte mich unmöglich überzeugen, daß Newton und Shakespear dadurch geehrt würden, sondern, wenn ich mich in der Erklärung meines Gesichts nicht irre, so war es mir, als ständen diese Denkmäler da, die übrigen zu ehren, und dem Platz Ehre zu verschaffen. Es war mir unmöglich, mich von diesem Gefühl los zu machen. – Was könnte es helfen, jetzt Luthern in einem deutschen Pantheon[444] aufzustellen? Soll das zur Ehre Luthers sein? Unmöglich, es ist zur Ehre des Pantheons. Wenn ja eine solche Anstalt nützen soll, so müssen Männer aufgestellt werden, deren Taten ohne Glanz groß waren; Männer, die sich bloß durch Handeln um Vaterland und Nebenmenschen verdient gemacht haben – kein Schriftsteller, als solcher. Ein Schriftsteller, der zu seiner Verewigung eine Bildsäule nötig hat, ist auch dieser nicht wert.

[K 269]


Wenn der Mensch die Nägel nicht abschnitte, so würden sie unstreitig sehr lang wachsen, und er dadurch zu allerlei Verrichtungen ungeschickt werden, die ihm jetzt Ehre machen. Diese Verstümmelung ist also unstreitig von großem Nutzen gewesen. Ich habe daher immer das Nägelabkauen als einen Instinkt betrachtet, sich auszubilden. Daher kaut man an den Nägeln bei einer epinösen Frage oder überhaupt bei einem schweren Problem. Wenn schon dadurch nicht viel ausgerichtet wird, so wird doch Perfektibilitätstrieb geübt; nun wirft sich die gesammelte Kraft, wenn sie sich an einem Ende zu schwach fühlt, auf einen andern Teil.

[K 270]


Der Gehalt, das spezifische Gewicht des Geistes und der Talente eines Menschen ist dessen absoluter Wert, multipliziert mit der mittlern Wahrscheinlichkeit seiner Lebensdauer oder seiner Entfernung vom gewöhnlichen Stillstand der Fortschritte. – Sehr verständlich, für mich wenigstens.

[K 271]


In England ward vorgeschlagen, die Diebe zu kastrieren. Der Vorschlag ist nicht übel: die Strafe ist sehr hart, sie macht die Leute verächtlich, und doch noch zu Geschäften fähig; und wenn Stehlen erblich ist, so erbt es nicht fort. Auch legt der Mut sich, und da der Geschlechtstrieb so häufig zu Diebereien verleitet, so fällt auch diese Veranlassung weg. Mutwillig bloß ist die Bemerkung, daß die Weiber ihre Männer desto eifriger vom Stehlen abhalten würden; denn so wie die Sachen jetzt stehen, riskieren sie ja, sie ganz zu verlieren.

[K 272]


Die Jahre der zweiten Minorennität, das sind böse Zeiten, wenn sie ankommen. Bei Schriftstellern übernimmt das Publikum alsdann gemeiniglich die Vormundschaft. Abnahme des Gedächtnisses,[445] graue Haare, Wegschleichen der Zähne, und Lob der Zeiten, wo das Fleisch noch weicher gekocht wurde, sind die sicheren Kennzeichen, daß sie eingetreten sind. Wohl dem alsdann, der auf guten Grund gebaut hat.

[K 273]


Cartesius sagt in einem Briefe an Balzac (European Magazine Febr. 1795 p. 85.), daß man die Einsamkeit in großen Städten suchen müsse, und er lobt sich dazu Amsterdam, von wo der Brief datiert ist. Ich sehe auch wirklich nicht ein, warum nicht Börsengesumse eben so angenehm sein soll, als das Rauschen des Eichenwaldes; zumal für einen Philosophen, der keine Handelsgeschäfte macht, und zwischen Kaufleuten wandeln kann, wie zwischen Eichbäumen, da die Kaufleute ihrerseits bei ihren Gängen und Geschäften sich so wenig um den müßigen Wandler bekümmern, als die Eichbäume um den Dichter.

[K 274]


Seit der Erfindung der Schreibekunst haben die Bitten viel von ihrer Kraft verloren, die Befehle hingegen gewonnen. Das ist eine böse Bilanz. Geschriebene Bitten sind leichter abgeschlagen, und geschriebene Befehle leichter gegeben, als mündliche. Zu beiden ist ein Herz erforderlich, das oft fehlt, wenn der Mund der Sprecher sein soll.

[K 275]


Es ist doch so ganz modern, einen Aschenkrug oben über ein Grab zu setzen, während der Körper unten in einem Kasten fault. Und dieser Aschenkrug ist wieder ein bloßes Zeichen eines Aschenkruges; es ist bloß der Leichenstein eines Aschenkruges.

[K 276]


Wenn der Mensch, nachdem er 100 Jahre alt geworden, wieder umgewendet werden könnte, wie eine Sanduhr, und so wieder jünger würde, immer mit der gewöhnlichen Gefahr, zu sterben; wie würde es da in der Welt aussehen?

[K 277]


Wie viele Menschen mag wohl die Bibel ernährt haben, Kommentatoren, Buchdrucker und Buchbinder?

[K 278]


In den Roman muß notwendig ein Mensch hinein gebracht werden, der immer nur von einer Sache spricht, und die an sich[446] selbst sehr geringfügig ist. Z.E. von der Prosodie der Lateiner. (Grammatica marchica zu brauchen.)

[K 279]


Im Roman ja einen Gefälligen aufzuführen, der sich durch sein Komplimentemachen in 1000 Verlegenheiten bringt. Er muß es nicht ernstlich meinen, sondern nur so sprechen. Chenius ist ein sehr gutes Subjekt dazu, auch Lion, der in geschwätziger Gefälligkeit sich zu Dingen versteht, die er gleich darauf bereut, und daher, wenn er Wort hält, wenigstens die Sache nicht so unternimmt, als seine Bereitwilligkeit erwarten ließ.

[K 280]


In dem Roman könnte ein großer Verehrer des Königs von Preußen vorgestellt werden, der noch immer den 24sten Januar feiert, als des Königs Geburtstag, und da wird der 7jährige Krieg auf der Tafel vorgestellt mit Fressen und Saufen, das Lager der Sachsen bei Pirna eine Pastete, die Artillerie durch Wein etc.

[K 281]


Zwei in die Insel Otaheiti und deren Sitten verliebte junge Leute vertauschen ihre Namen, dadurch entsteht bei den Eltern durch die Nachricht von ihnen allerlei Verwirrung, denn in den Briefen an ihre Eltern behalten sie ihre wahren Namen bei.

[K 282]


In dem Lande des doppelten Prinzen sagt man nicht, er hat die und die Nation bekriegt, sondern er hat seine Bauernkerle hinter die Nation gehetzt. Es ist eigentlich eine Völkerhetze, der Krieg. Man sollte die Sachen ausdrücken, so wie sie sind.

[K 283]


Er verlangte immer angeredet zu werden: Zweieiniger, Höchstdero Zweieinigkeit.

[K 284]


Nur eine Amme. Dadurch wird fast immer Streit oder Friede.

[K 285]


Die Statue nach dem Tode nicht zu vergessen.

[K 286]


Doppelter Prinz. Die ungarische Mißgeburt ist eigentlich 1701 in dem Dorfe Szony, in der Komorner Gespannschaft geboren. Eine authentische Nachricht davon findet sich in des Herrn von Windischen Geographie S. 40. (Nicolai Reisen, B. XII Zusätze S. 76.)

[K 287]
[447]

Ich habe Heydenreichs Briefe über den Atheismus gelesen, und ich muß bekennen, daß mir, seiner Absicht zuwider, die Briefe des Atheisten sehr viel gründlicher geschrieben zu sein scheinen, als die des Gläubigen. Ich kann mich von einigen Behauptungen des letztern schlechterdings nicht überzeugen, und doch bin ich mit Anstrengungen der Vernunft nicht so ganz unbekannt, und an gutem Willen fehlt es mir auch nicht. Es wird zu viel auf die Ausbreitung des moralischen Bewußtseins gerechnet, und ich möchte fast sagen, sich hinter diesen Satz versteckt, um einem glauben zu machen, man sei moralisch krank, wenn man die Behauptung nicht versteht. Hätten die Erfinder dieser wohlgemeinten Sätze anerkannte Infallibilität, so könnte man sich gewöhnen, ihre Sätze wahr zu finden, und sie könnten von ihrer Seite sprechen: dein Glaube hat dir geholfen. – Aber was ist für den Menschen ein solcher Beweis für die Existenz Gottes und der Unsterblichkeit, den zu verstehen, oder eigentlich zu fühlen, unter Tausenden kaum Einer fähig ist? Soll der Glaube an Gott und Unsterblichkeit wirklich in einer Welt wie diese nützen, so muß er wohlfeiler werden, oder er ist so viel wie gar keiner.

[K 288]


Gestern regnete es den ganzen Tag und heute schien die Sonne den ganzen Tag. Wie viele Begebenheiten meines Lebens würden eine andere Richtung genommen haben, wenn es heute geregnet und gestern die Sonne geschienen hätte? Der Winter von 1794 auf 1795 war fürchterlich streng, der von 1795 auf 96 sehr gelinde. Was für Weltbegebenheiten würden eine andere Richtung genommen haben, wenn die Ordnung umgekehrt gewesen wäre? Sicherlich hätten die Franzosen Holland nicht erobert. Dergleichen Betrachtungen können sehr weit führen.

[K 289]


Milton, der zwar nicht unter die Königsmörder selbst gehört, die Carl I. auf das Schafott brachten, aber sie doch nachher bekanntlich verteidigte, lehrte: a popular government was the most frugal; for the troppings of a monarchy would set up an ordinary common wealth. Dieses ist ein zu unserer Zeit sehr gewöhnliches Räsonnement. Wir müssen, sagen sie, so viel bezahlen, bloß um den Hofstaat zu unterhalten; diesen brauchen wir nicht. – Diese Art zu schließen ist aber, so vielen Schein sie auch für sich hat, nichts desto[448] weniger sehr grundlos. Erstlich setzt es voraus, daß, um glücklich zu leben, man nichts weiter nötig hat, als Geld: Ruhe und innerer Friede kommt dabei nicht in Betracht. Die Leute glauben, das bißchen Geld, das sie mehr haben, würden sie alsdann eben so ruhig verzehren können, als in der Monarchie; aber das ist Verblendung. Wir ertragen es ganz wohl, daß uns eine Familie beherrscht, die wir über uns erhaben glauben. Aber wenn sich ein Bösewicht, der dem Range nach nicht mehr ist, als ich, durch Geld und List bei den Wahlen emporschwingt; ein Mann, dem ich mich an reellem Verdienst überlegen fühle – das kränkt. Auch wenn ich nicht gewählt werde, und die Frau sagt: »aber, lieber Mann, warum wählen sie denn dich nicht? wenn wir doch nur ein einzigesmal das Glück hätten! unsere Kinder werden gar nicht so angesehen, als wie der Frau N ... ihre« – das schneidet sehr tief und verbittert das Leben, und verleitet selbst manchen Mann, der in einer Monarchie ehrlich geblieben wäre, zu Kabalen. Bei einer solchen Hintansetzung verliert alles seinen Wert. Schon der schönste Landsitz in England wird seinem Besitzer zur Wüste, wenn er bei einer Parlamentswahl ausgefallen ist. Hingegen in einer Monarchie vernachlässigt zu werden, das schreibt man mehr dem Schicksale zu, und dünkt sich wohl noch gar in dem Leiden groß, und wird auch mehr beklagt. Jeder mir benachbarte Bauer, der seine Stimme wider mich gegeben hat, sieht sich als meinen Herrn an, und rühmt sich in der Schenke, mich gedemütigt zu haben. –

Zweitens, ist denn das Geld, das dem Hofe gezahlt wird, weggeworfen? oder wird es in eiserne Kisten vergraben? Kommt es nicht vielmehr schneller in Umlauf, als jedes andere Geld? Fragt einmal die Hoflieferanten, oder den Schuster und Schneider, der für den Hof des Hoflieferanten arbeitet; diese werden anders urteilen. Der Hof hat seine Höfe unter sich, die wieder die ihrigen haben, und so erstreckt es sich mit unzähligen Ramifikationen bis zur untersten Klasse.

Drittens untersuche man einmal unparteiisch, was eigentlich der Grundtrieb des Republikanismus ist. Bei den meisten wenigstens ein Haß gegen die Großen. Denn man ist gewöhnlich immer desto weniger republikanisch gesinnt, je höher der Rang ist, den man selbst in der Welt bekleidet. Auch ist es schon hundertmal gesagt worden, daß die Verteidiger der Gleichheit eigentlich nichts wünschen,[449] als alles höher zu ihrem Horizont hinauf, aber nicht sich selbst zu einem tiefern herab gebracht zu sehen. Die berühmte Mrs. Macaulay, eine große Gleichmacherin, konnte es dem Dr. Johnson nie vergessen, daß er sie nach einem solchen Dispüt, als man sich zu Tisch setzte, fragte, ob sie nicht ihren Kammerdiener mitessen lassen wollte.

Viertens wird man häufig finden, daß die Verteidiger der Freiheit nicht selten die größten Tyrannen in ihrem Hause sind. In England erzählt man, daß der Herzog von Richmond, der ehemalige große Verteidiger der amerikanischen Freiheit nicht selten seine Verwalter durchprügeln soll. Ja Milton, der große Freiheitsredner, hatte drei Weiber nach einander und drei Töchter, aber solche erniedrigende Begriffe vom weiblichen Geschlechte, daß er glaubte, sie wären bloß zum Gehorchen da. Dieses ging bei ihm so weit, daß er sogar seine eigenen Töchter nicht schreiben lernen ließ. Ich glaube, es müßte eine sehr unterhaltende Lektüre sein, die Reden eines solchen Freiheitsritters mit der Geschichte des kleinen monarchischen Staates verglichen zu sehen, an dessen Spitze er selbst steht.

[K 290]


Es wäre vortrefflich, wenn sich ein Katechismus, oder eigentlich ein Studienplan erfinden ließe, wodurch die Menschen vom dritten Stande in eine Art von Biber verwandelt werden könnten. Ich kenne kein besseres Tier auf Gottes Erdboden: es beißt nur, wenn es gefangen wird, ist arbeitsam, äußerst matrimonial, kunstreich und hat ein vortreffliches Fell.

[K 291]


Ich möchte was darum geben, genau zu wissen, für wen eigentlich die Taten getan worden sind, von denen man öffentlich sagt, sie wären für das Vaterland getan worden.

[K 292]


Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird wenn es anders wird; aber so viel kann ich sagen, es muß anders werden, wenn es gut werden soll.

[K 293]


Es gibt Länder, wo es nichts Ungewöhnliches ist, daß man Offiziere, die im Kriege treu gedient haben, beim Frieden reduziert. Wäre es nicht gut, bei gewissen Departements der Staatsverwaltung die Einrichtung zu treffen, daß die dazu gehörigen Bedienten,[450] oder einige von ihnen, reduziert würden, sobald es Krieg wird? Es wäre auch schon genug, wenn sie auf halbe Besoldung gesetzt würden.

[K 294]


Wer hat denn die Franzosen genötigt, ihr Heil auf Umwegen zu suchen? Die jetzige Verfassung (1796) ist so wenig der Zweck, als Robespierre's Tyrannei war. Auf diesem Wege, glaube ich, muß die Sache gefunden werden. Kommen sie am Ende zu einer monarchischen Regierung zurück, gut, so ist es ein neuer und zwar sehr kräftiger Beweis, daß große Staaten nicht anders beherrscht werden können.

[K 295]


Wenn die Gleichheit der Stände, über die man jetzt so viel schreibt und spricht, etwas Wünschenwertes ist, so muß sie notwendig etwas jener Gleichheit Analoges haben, die man nach Aufhebung des Rechts des Stärkern durch weise Gesetze eingeführt hat. Es ist daher ein gar sonderbares Argument, das man zur Verteidigung der Ungleichheit beibringt, wenn man sagt, die Menschen würden mit ungleichen Kräften geboren. Denn hierauf kann man antworten: eben deswegen, weil die Menschen mit ungleichen Kräften geboren werden, und der Stärkere den Schwächern verschlingen würde, hat man sich in Gesellschaften vereinigt, und durch Gesetze eine größere Gleichheit eingeführt. Ist das so genannte Gleichgewicht von Europa etwas anderes? Überhaupt wäre es wohl besser, zu sagen: Gleichgewicht der Stände, als: Gleichheit.

[K 296]


Physikalische und Philosophische Bemerkungen

[451] Man sollte sich nicht schlafen legen, ohne sagen zu können, daß man an dem Tage etwas gelernt hätte. Ich verstehe darunter nicht etwa ein Wort, das man vorher noch nicht gewußt hat; so etwas ist nichts; will es jemand tun, ich habe nichts dagegen; allenfalls kurz vor dem Lichtauslöschen. Nein, was ich unter dem Lernen verstehe, ist Fortrücken der Grenzen unserer wissenschaftlichen oder sonst nützlichen Erkenntnis; Verbesserung eines Irrtums, in dem wir uns lange befunden haben; Gewißheit in manchen Dingen, worüber wir lange ungewiß waren; deutliche Begriffe von dem, was uns undeutlich war; Erkenntnis von Wahrheiten, die sich sehr weit erstrecken usw. Was dieses Bestreben nützlich macht, ist, daß man die Sache nicht flüchtig vor dem Lichtausblasen abtun kann, sondern daß die Beschäftigungen des ganzen Tages dahin abzwecken müssen. Selbst das Wollen ist bei dergleichen Entschließungen wichtig, ich meine hier das beständige Bestreben der Vorschrift Gnüge zu leisten.

[K 297]


Unternimm nie etwas, wozu du nicht das Herz hast, dir den Segen des Himmels zu erbitten!

[K 298]


Rat am Ende des Lebens: Man hüte sich, wo möglich, vor allen Schriften der Kompilatoren und der allzu literärischen Schriftsteller! Sie sind nicht ein Mensch, sondern viele Menschen, die man nie unter einen Kopf bringen kann, ohne sich zu verwirren; und es geht oft viele Zeit verloren, eine solche musivische Arbeit unter einen guten Gesichtspunkt zu bringen. Ein Mann, der alles zusammen gedacht hat, für sich, verdient allein gelesen zu werden, weil ein Geist nur einen Geist fassen kann.

[K 299]


Immer sich zu fragen: sollte hier nicht ein Betrug statt finden? und welches ist der natürlichste, in den der Mensch unvermerkt verfallen, oder den er am leichtesten erfinden kann?

[K 300]


Bei großen Dingen frage man: was ist das im Kleinen? und bei kleinen: was ist das im Großen? wo zeigt sich so etwas im Großen,[452] oder im Kleinen? – Es ist auch gut, alles so allgemein, als möglich, zu machen, und immer die ganze Reihe nach oben und nach unten aufzusuchen, von der etwas ein Glied ausmacht. Jedes Ding gehört in eine solche Reihe, deren äußerste Glieder gar nicht mehr zusammen zu gehören scheinen.

[K 301]


Nicht eher an die Ausarbeitung zu gehen, als bis man mit der ganzen Anlage zufrieden ist, das gibt Mut und erleichtert die Arbeit.

[K 302]


Zweifle an allem wenigstens Einmal, und wäre es auch der Satz: zweimal 2 ist 4.

[K 303]


Man muß sich hüten, manche Dinge nicht bekannt zu nennen, weil man gerade zuweilen daraus sieht, daß sie einem unbekannt waren.

[K 304]


Keine Untersuchung muß für zu schwer gehalten werden, und keine Sache für zu sehr ausgemacht.

[K 305]


Wir sind auf dem Wege zur Untersuchung der Natur in ein so tiefes Geleise hinein geraten, daß wir immer andern nachfahren. Wir müssen suchen herauszukommen.

[K 306]


Eine historiam inertiae s[ive] vis inertiae zu schreiben, wäre wohl der Mühe wert.

[K 307]


Wie viel Ideen schweben nicht zerstreut in meinem Kopf, wovon manches Paar, wenn sie zusammen kämen, die größte Entdeckung bewirken könnte. Aber sie liegen so getrennt, wie der Goslarische Schwefel vom Ostindischen Salpeter und dem Staube in den Kohlenmeilern auf dem Eichsfelde, welche zusammen Schießpulver machen würden. Wie lange haben nicht die Ingredienzen des Schießpulvers existiert vor dem Schießpulver! Ein natürliches aqua regis gibt es nicht. Wenn wir beim Nachdenken uns den natürlichen Fügungen der Verstandesformen und der Vernunft überlassen, so kleben die Begriffe oft zu sehr an andern, daß sie sich[453] nicht mit denen vereinigen können, denen sie eigentlich zugehören. Wenn es doch da etwas gäbe, wie in der Chemie Auflösung, wo die einzelnen Teile leicht suspendiert schwimmen und daher jedem Zuge folgen können. Da aber dieses nicht angeht, so muß man die Dinge vorsätzlich zusammen bringen. Man muß mit Ideen experimentieren.

Ein bequemes Mittel mit Gedanken zu experimentieren ist, über einzelne Dinge Fragen aufzusetzen: z.B. Fragen über Trinkgläser, ihre Verbesserung, Nutzung zu andern Dingen etc., und so über die größten Kleinigkeiten.

[K 308]


Das beste Mittel neue Gedanken z.B. in der Naturlehre zu finden, wenigstens unerwartete Anwendungen zu machen, ist, sich einige Tage ja Wochen lang hindurch in eine gewisse Materie recht einzustudieren, und hernach die ganze Naturlehre nach einem gewissen Plan geschwind zu durchlaufen. Es entstehen da gewiß unverhoffte Kombinationen.

[K 309]


Fragen über Gegenstände aufzusetzen: Fragen über Nachtwächter – und ja jedes Kapitel der Physik mit Fragen über dasselbe zu beschließen.

[K 310]


In unsern physikalischen Lehrbüchern trennen wir mit Recht, was in der Natur ungetrennt vorkommt. Wir sollten auch suchen zu vereinigen. So trennen wir z.B. beim Lichte Reflexion, Refraktion und Inflexion, und alle diese obendrein noch von chemischer Bindung. Aber es ist mir unmöglich zu glauben, daß nicht alle diese drei und mehr Relationen in jedem gegebenen Falle beisammen sein sollten. (S. Brougham's Experiments and Observat. on the Inflection etc. in den Philos. Transact. for 1796. P.I.) Das Traurige bei diesen Trennungen ist nur, daß wir alsdann zu unsern Versuchen nur die Körper aussuchen, in welchen sich Eins von dem vielen vorzüglich zeigt. Dieses ist zwar einer guten Methode sehr gemäß, wenigstens nach unsrer Eingeschränktheit. Aber sobald wir zur Anwendung kommen, muß alles zusammengenommen werden. – Was würde nicht z.B. aus unsrer Dioptrik geworden sein, wenn die verdoppelnden durchsichtigen Körper die gemeinsten, und das Glas selten wäre?

[K 311]
[454]

Ich glaube unter allen heuristischen Hebezeugen ist keins fruchtbarer, als das, was ich Paradigmata genannt habe. Ich sehe nämlich nicht ein, warum man nicht bei der Lehre vom Verkalchen der Metalle sich Newtons Optik zum Muster nehmen könne. Denn man muß notwendig heut zu Tage anfangen, auch bei den ausgemachtesten Dingen, oder denen wenigstens, die es zu sein scheinen, ganz neue Wege zu versuchen. Die Gleise oder vielmehr die gebahnten Wege sind etwas sehr Gutes, – aber wenn niemand nebenher spazieren gehen wollte, so würden wir wenig von der Welt kennen. Die Leute, die in der Gegend wohnen, das ist, die, die sich in der Welt nur einem kleinen Fach widmen, müssen alles versuchen. Der Reisende bleibt auf der Heerstraße, der Gutsbesitzer muß alle Stellen untersuchen.

[K 312]


Ich glaube, daß man durch ein aus der Physik gewähltes Paradigma, auf Kantische Philosophie hätte kommen können.

[K 313]


Diese Erfindungsregel durch Paradigmata hilft freilich dem Dummkopfe nicht; denn dieser taugt gar nicht zum Erfinden, eben weil er ein Dummkopf ist. Allein selbst der gute Kopf will angestoßen sein, um etwas Neues zu sehen; zumal etwas Neues auf neuen Wegen kann fast nur allein durch solche Mittel gefunden werden. Wenn, wie einmal Kästner mutmaßete, Newton durch seine Licht-Geschichte auf das Gesetz der Schwere kam, so ist dieses ein Paradigma. Man kann bei diesem Hülfsmittel nicht genug bedenken, daß der gute Kopf doch immer dabei noch seine natürliche Freiheit behält, und also die andern Wege durch dieses Hülfsmittel nicht verstopft werden.

[K 314]


So oft etwas Neues bemerkt wird, zu untersuchen, ob dieses nicht ein Glied einer versteckten Kette sei, einer ganzen Familie von Wahrheiten, so wie der Versuch mit dem Flintenlauf und Wasserdampf.

[K 315]


Mikroskope überall zu erfinden, und wo dieses nicht angeht, die Versuche im Großen anzustellen, das ist der einzige Weg directe zum Neuen zu gelangen.

[K 316]
[455]

Quelle:
Georg Christoph Lichtenberg: Schriften und Briefe. Band 2, München 1967 ff., S. 401-456.
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