[55] Die Vorigen. Georg, von mehreren Gesellen gehalten.
EIN GESELLE. Hier, Meister, bringen wir einen Widerspenstigen, er wollte durchaus nicht mit.
GEORG. Nehmt's nicht übel, Meister, aber es war mir so übel zumute.
STADINGER. Deine Krankheit kenne ich, soll ich dir etwa ein Rezept verschreiben? – Frisch, sing uns ein Lied, da wird dir besser werden.
GEORG. Mir wär's ums Singen.
STADINGER. Georg, mach mich nicht bös. Ja so. Hast du meine Tochter mit der Alten nicht gesehen?
GEORG. Mit keinem Auge.
STADINGER. Sie müßten doch zum Kuckuck längst hier sein! – Na, werden wieder viel anzuputzen haben. Jetzt, Georg, mach keine Umstände, sing uns was, es muß dir aber nicht unange –
GEORG. Meister![55]
STADINGER ärgerlich. Daß dich – Er geht nach dem Hintergrunde.
GEORG für sich. Ich will singen, damit niemand den Berg verläßt, denn jetzt wird der Spaß unten losgehen.
Nr. 9. Lied mit Chor
GEORG.
War einst ein junger Springinsfeld,
der wollt auf Reisen gehn,
erwerben Ehre, Gut und Geld
und sich die Welt besehn.
»Leb wohl, fein Liebchen, weine nicht.
Bald kehr ich heim.« Sie aber spricht:
»O geh nicht in die Welt hinaus,
bleib lieber doch bei mir zu Haus,
es schadet oft, wenn man auf Reisen geht!«
CHOR.
»O geh nicht in die Welt hinaus,
bleib lieber doch bei mir zu Haus,
es schadet oft, wenn man auf Reisen geht!«
GEORG.
Er ging zur See. Nach Mexiko
wollt er fürs erste hin,
denn dorten gibt es Gold wie Stroh,
dacht er in seinem Sinn.
Doch ein Korsarenschiff erscheint,
das es mit ihm gar übel meint;
da ruft er in Verzweiflung aus:
»Ach, warum blieb ich nicht zu Haus?
Das kommt davon, wenn man auf Reisen geht!«
CHOR.
Da ruft er in Verzweiflung aus:
»Ach, warum blieb ich nicht zu Haus?
Das kommt davon, wenn man auf Reisen geht!«
GEORG.
Zuletzt befreit ein Zufall ihn
von seinem Mißgeschick;
er kehrt mit bittersüßer Mien'
ins Vaterland zurück.
Er eilt zum Liebchen froh und keck,
doch trifft ihn bald der Schlag vor Schreck.
Sie stellt ihm ihren Bräut'gam vor
und flüstert ihm dabei ins Ohr:
»Das kommt davon, wenn man auf Reisen geht!''[56]
CHOR.
Sie stellt ihm ihren Bräut'gam vor
und flüstert ihm dabei ins Ohr:
»Das kommt davon, wenn man auf Reisen geht!«
STADINGER. Nun möcht ich aber doch ernstlich wissen, wo mein Mädel bleibt. Ja – weil ich gerade von ihr rede, ihr Freunde, da muß ich euch einen Spaß erzählen. Heut kommt ein närrischer Kauz, ein schwäbischer Ritter in mein Haus und will mit Gewalt meine Tochter verheiraten. Erst wollte er ihr den Konrad geben, dann sollte Georg sie haben, und ich stehe doch nicht dafür, daß, ehe es Abend wird –
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»Fanni war noch jung und unschuldigen Herzens. Ich glaubte daher, sie würde an Gamiani nur mit Entsetzen und Abscheu zurückdenken. Ich überhäufte sie mit Liebe und Zärtlichkeit und erwies ihr verschwenderisch die süßesten und berauschendsten Liebkosungen. Zuweilen tötete ich sie fast in wollüstigen Entzückungen, in der Hoffnung, sie würde fortan von keiner anderen Leidenschaft mehr wissen wollen, als von jener natürlichen, die die beiden Geschlechter in den Wonnen der Sinne und der Seele vereint. Aber ach! ich täuschte mich. Fannis Phantasie war geweckt worden – und zur Höhe dieser Phantasie vermochten alle unsere Liebesfreuden sich nicht zu erheben. Nichts kam in Fannis Augen den Verzückungen ihrer Freundin gleich. Unsere glorreichsten Liebestaten schienen ihr kalte Liebkosungen im Vergleich mit den wilden Rasereien, die sie in jener verhängnisvollen Nacht kennen gelernt hatte.«
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