Neunter Auftritt

[70] Die Vorigen. Ein Geselle.


GESELLE. Ein Diener vom Rat brachte dies Schreiben.


Er überreicht es und geht ab, woher er kam.
[70]

STADINGER. Her damit! – Was will denn der hohe Rat von mir? Zu Brenner. Da, lies einmal.

GEORG zu Brenner und dem Grafen. Nun kommt der Hauptwitz.

BRENNER liest. »Es ist ein Aufstand zu befürchten. Wir bitten und widrigenfalls befehlen wir Euch, zur Aufrechterhaltung der Ruhe unserer lieben Stadt, den Gesellen Konrad sogleich zu verheiraten.«

MARIE freudig. Dank, lieber hoher Rat!

BRENNER leise zum Grafen. Das wird wirken!

STADINGER. Stahl und Funken – freilich, wenn sich nun gar der hochweise Rat in die Sache mengt – so heiratet euch in Kuckucks Namen!

MARIE UND GRAF fliegen sich in die Arme. Dank, bester Vater!

IRMENTRAUT umarmt gleichzeitig vor Freude Georg. Dank, lieber Meister!

GEORG abwehrend. Nein, Jungfer, so ist die Sache nicht gemeint!

STADINGER. Und nun eilt zur Hintertür hinaus; die Kapelle ist nicht weit.

GRAF. Komm, Marie, bald mein trautes Weib.

BEIDE zur Seite ab.

IRMENTRAUT ihnen nach. Ich gehe mit als Brautjungfer.

STADINGER zu Brenner. Du hast ein gutes Mundwerk, geh dem Grafen entgegen und bewege ihn zum Rückzug.

BRENNER. Ich bringe die Sache in Ordnung. Verlaß dich darauf! Er geht ab.

GEORG. Und ich, Meister, gehe nun auch meiner Wege, aber wir sehen uns wieder.

STADINGER. Das denk ich.

GEORG. Ich will nur ein anderes Wams anziehen – es ist wegen des jungen Paares.

STADINGER. Tu das.

GEORG. Ob Ihr mich wohl darin wiedererkennen werdet?

STADINGER. In deinem andern Wams? Warum denn nicht?[71]

GEORG. Ich meine nur so – aber es mag sein, wie es will – Er schüttelt ihm die Hand wir bleiben gute Freunde.

STADINGER. Kerl, was führst du denn für sonderbare Redensarten?

GEORG das Lachen unterdrückend. Wir bleiben gute Freunde. Ihr seid zwar zuweilen grob, aber das abgerechnet – doch eine gute, ehrliche Haut.

STADINGER. Bursche, was unterstehst du dich!

GEORG. Nicht böse werden, Meister; nur eine Frage: Ihr kennt doch die Geschichte von dem Absalom, der mit seinem Zopf am Baume hängen blieb?

STADINGER. Was soll's damit?

GEORG immer mit unterdrücktem Lachen. Dieser Biedermann hatte einen langen Zopf, der aber, den sie Euch gedreht haben, hahaha – der ist noch viel länger – hahaha – auf Wiedersehn, Meister. Er geht lachend ab.

STADINGER allein. Was schwatzte der Bursche da vom Zopf? Das habe ich nicht verstanden. Wird wohl so eine Schnurre sein wie gewöhnlich. Es ist und bleibt doch ein aufgeweckter Kerl, der Georg, und wenn ich ihn ansehe, so gedenk ich stets meiner eigenen Jugendzeit. Nur verliebter war ich als er, und das ist doch – wenn man jung ist – mit die Hauptsache.

Nr. 13. Lied

1


Auch ich war ein Jüngling mit lockigem Haar,

an Mut wie an Hoffnungen reich;

beim Amboß von jeher ein Meister, fürwahr,

im Fleiße kam keiner mir gleich.

Ich liebte den Frohsinn, den Tanz, den Gesang,

ich küßte manch Dirnlein mit rosiger Wang' –

ihr Herz hat mir manche geweiht!

Das war eine köstliche Zeit!

[72] 2


Vor älteren Zeiten sich vieles begab,

was heut noch uns würde erfreun;

es regnete Manna vom Himmel herab,

und unverfälscht trank man den Wein.

Zu Kanaan füllten im Hochzeitssaal

die Krüge von selber sich allzumal,

für durstige Kehlen bereit.

Das war eine köstliche Zeit!


3


Wenn ehedem irgendein Ritter gewagt,

das Volk gar so hart zu bedrohn,

da wurde nicht lang prozessiert und geklagt,

man sprach aus 'nem anderen Ton.

Denn wurden der Kummer und Jammer zu laut,

so wehrte man sich mit dem Schwert seiner Haut,

es wurde barbarisch gebleut!

Das war eine köstliche Zeit!


4


Wenn jeder erglühte für Wahrheit und Recht,

wenn Hader und Zwietracht nicht wär,

wenn treu alle Frauen, der Wein immer echt,

wenn Herzen und Beutel nie leer,

wenn jeder bereit wär, mit tapferer Hand

zu fechten in Not für das Vaterland,

in Sachen des Glaubens kein Streit –

das wär eine köstliche Zeit!


5


Einst waren die Mädchen so treu wie das Gold,

und zog ihr Geliebter ins Feld,

so schwuren sie ihm, wenn sterben er sollt,

zu sterben gewiß unvermählt.

Sie dachten noch nicht, wenn gestorben der,

wo nehmen wir gleich einen anderen her?

Sie waren noch nicht so gescheit;

das war eine köstliche Zeit!


[73] 6


Einst gab es noch Schätze, von Geistern bewacht,

und manchem verwegenen Fant,

der mutig hinausging in finsterer Nacht,

kam Reichtum und Glück in die Hand.

Da hatten die Geister noch Geld im Haus

und liehen es ohne Prozente aus,

der Geist war nicht arm, so wie heut;

das war eine köstliche Zeit!


7


Einst galt das Versprechen mit Handschlag und Mund,

da hatte die Feder noch Ruh'.

Schloß damals ein Pärchen den eh'lichen Bund,

so brauchte man wenig dazu.

Man schrieb im Kontrakt bei der Liebe Schwur

statt Namen und Titel ein Kreuzlein nur,

das Kreuz kam nicht nach, so wie heut;

das war eine köstliche Zeit!


8


Wenn's wieder so würde, wie einstens es war,

wo das Schwert nur für Recht sich erhob,

wo, geschlagen im Kampfe, die sündige Schar

wie Spreu vor dem Winde zerstob;

wenn Rechtlichkeit käme als Waffenschmied

und schüf auf dem Amboß, von Glut umsprüht,

ein Schwert, nur dem Guten geweiht –

das wär eine köstliche Zeit!


Er geht ab.


Verwandlung

Großer Hof vor Stadingers Hause mit einer Mauer und einem großen Tore in der Mitte. Die Fenster der Nachbarhäuser sind mit Schaulustigen angefüllt. Volk drängt sich zum Tore herein und sammelt sich auf der Mauer, den Zug erwartend.
[74]


Quelle:
Albert Lortzing: Der Waffenschmied. Stuttgart 1963, S. 70-75.
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Der Waffenschmied
Der Waffenschmied: Wir armen, armen Mädchen. Sopran und Klavier. (Edition Schott Einzelausgabe)
Der Waffenschmied: Auch ich war ein Jüngling. Bass und Klavier. (Edition Schott Einzelausgabe)
Der Waffenschmied: Original
Der Waffenschmied: Ouvertüre. Klavier. (Edition Schott Einzelausgabe)

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