Achter Auftritt.


[63] Stein unruhig herein; dann Bastian, später der Pastor.


STEIN. Ob der Möller vergessen hat, den Robert suchen zu lassen? Oder ob der Junge – der Zwist mit dem Andres! Bastian!


Bastian in der Thür.
[63]

STEIN. Wo ist der Buchhalter?

BASTIAN. Gegen Abend noch nach dem Hochofen gegangen.

STEIN. War mein Robert nicht wieder zu Hause seit heut mittag?

BASTIAN. Der Herr Robert haben sich reisefertig gemacht und sind dann mit Kastellans Kathrine weggegangen.


Stein winkt. Bastian geht.


STEIN. Und der Pastor – könnte nun auch längst zurück sein –

BASTIAN in der Thür. Der Herr Pastor –

STEIN. Wie gerufen.


Pastor tritt auf.


STEIN gibt ihm die Hand. Endlich! Endlich! Bringen Sie gute Nachricht?

PASTOR achselzuckend. Sie könnte besser sein.

STEIN. Sind Sie dem Hitzkopf, dem Robert, begegnet?

PASTOR. Nein.

STEIN. Ich hofft' es schon – weil Sie so lange blieben, Sie würden ihn mitbringen.

PASTOR. Ein Kranker, zu dem man mich von meinem Weg hierher abrief, hat mich bis jetzt aufgehalten.

STEIN. So denken Sie nur, Sie kommen vom Kranken zum Kränkeren. Wenn Ungeduld, Unzufriedenheit mit sich selbst, schlimme Befürchtungen Krankheiten wären, so wär' ich ein gefährlicher Patient. – Aber die Antwort. – Ich lasse Sie auch nicht einmal zu Atem kommen. Deutet ihm an, Platz zu nehmen; setzt sich, steht gleich wieder auf. Wenn ich nur wenigstens sitzen könnte. Sechsmal schon hatt' ich den Hut mechanisch in der Hand; so reißt mich die alte Gewohnheit des Zusammenlebens mit dem Förster in Händen und Füßen, schlimmer als das Podagra. Unterdes hatt' ich einen Gedanken – aber erst: wie ist's mit dem alten Eigensinn?

PASTOR. Ich kam eben nicht zum besten bei ihm an mit Ihrem Anerbieten. Und doch, wer weiß, ob er sich nicht noch[64] dazu verstanden hätte, wenn nicht unglücklicherweise die Geschichte mit dem Andres –

STEIN. Mit dem Andres? welche Geschichte? Springt auf. Er ist doch nicht mit dem Robert zusammengerannt?

PASTOR. Dasmal nur mit dem Buchjäger –

STEIN setzt sich wieder. Sie sehn, ich zittre vor Ungeduld –

PASTOR. Der Buchjäger, betrunken wie gewöhnlich, hat ihn wie einen Holzdieb behandelt, ihn schlagen lassen – Stein springt wieder auf. Da war's denn kein Wunder, daß der Alte auf nichts mehr hörte und jeden, der außer Ihnen mit dem Gewehre in den Forst kommt, als einen Wilddieb behandeln lassen will.

STEIN der Schritte gemacht. Bastian! Bastian in der Thür. So wie Möller kommt – die Kanaille wieder abgesetzt – eingesperrt soll die Bestie werden – hörst du?

BASTIAN. Der Buchhalter?

STEIN. Der Buchjäger – und der Möller mit, wenn er – Kommen Sie, Pastor! Nimmt Hut und Stock.


Bastian ab.


PASTOR. Sie wollen –

STEIN. Sie fragen? – Hin zum Alten! Die Grillen wegwerfen, allen Wilkens und Möllers zum Trotz!

PASTOR. Recht so! Ich bin dabei. Er steht auf.

STEIN bleibt stehn. Warten Sie noch, Pastor. Soll ich vergebens den guten Gedanken gehabt haben? Hören Sie, was mir vorhin einfiel – wie vom Himmel herunter. Pastor! Wenn ich dem Robert heut noch Düsterwalde abträte? als selbständiges Eigentum? Er könnt' ihn mit allen Ehren wieder einsetzen, den Alten, und niemand wär' blamiert. Augenblicklich setz ich die Zession auf. Sie schnell ins Jägerhaus, Pastor –

PASTOR. Mit dieser Botschaft –

STEIN. Eh' der Alte oder die hitzigen Jungen oder alle drei einen Streich machen, der – Er macht sich zum Schreiben fertig.

PASTOR. Und morgen –

STEIN. Als wär' kein Heute gewesen –[65]

PASTOR. Kommt Herr Stein wie gewöhnlich um die Jägerhausecke und pocht ans Fenster, und der weiße Schnauzbart drin schnarcht sein »Gleich« –

STEIN. Und wenn Sie den Robert treffen –

PASTOR. Bin ich der erste, der dem neuen Gutsherrn von Düsterwalde gratuliert –

STEIN. Und heute bringen Sie alle mit, den Alten, die Jungen, die Mutter und die Braut, dann Kommt zum Pastor nach der Thüre. brechen wir zum Vorfest meinem ältesten Johannisberger den Hals. – Was ist aber da draußen? Wer stürmt da die Treppe herauf? In der Thüre. Was ist passiert?


Quelle:
Otto Ludwig: Werke. Leipzig und Wien [1898], S. 63-66.
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