Fünfter Auftritt.


[76] Vorige ohne Wilhelm.

Försterin und Marie vorn an der Lampe arbeitend. Der Förster bald hinten sitzend, bald am Tische vorbei Schritte machend ans Fenster.


FÖRSTERIN nachdem sie gewartet, bis Wilhelm hinaus ist. Wenn du sähest, Marie, was der Robert schreibt.

MARIE. Ich soll's öffnen, Mutter?

FÖRSTERIN. Vielleicht läßt sich noch alles gutmachen, und der Robert schreibt uns wie. Wenn du's nicht öffnen willst, gib' mir's. Wenn ich's thu', brauchst du dir nichts vorzuwerfen. Sie[76] öffnet. Wenn ich lesen könnte bei Licht! Wenn ich die Brille nähm', müßt' er's merken. Lies mir's vor, Marie.

MARIE. Ich soll's lesen, Mutter?

FÖRSTERIN. Wenn ich dir's heiße, kannst du's wohl. Da leg's neben die Bibel. Und wenn er näher kommt oder wenn er aufmerksam wird, so lies'st du aus der Bibel.

MARIE. Aber was?

FÖRSTERIN. Was dir zuerst in die Augen fällt. Wenn ich huste, liesest du aus der Bibel. Zuerst das Briefchen.

MARIE liest. »Liebe Marie. Ich hab' dir so viel –«

FÖRSTERIN. Er steht schon wieder auf von seinem Stuhl; lies aus der Bibel, bis er am Fenster ist.

MARIE. »Um Schade, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Wie er einen Menschen hat verletzet, so soll man ihm wieder thun.«


Förster trommelt am Fenster.


FÖRSTERIN ihn immer beobachtend. Nun den Brief, Marie; bis ich huste.

MARIE. »Ich hab' dir so viel zu sagen. Komm den Abend oder die Nacht in den Heimlichen Grund an den Quell unter den Weiden; da will ich dich erwarten. Komm, Marie. Morgen früh geh' ich in die Welt, dir und mir ein Glück zu erwerben. Kommst du nicht, so weiß ich, wie du's meinst, und du siehst nie wieder –«

FÖRSTERIN. Er will fort? in die Welt? Für immer, wenn du nicht gehst? Dann wär' alles verloren!

MARIE. »Du siehst nie wieder deinen Robert.«

FÖRSTERIN hustet, da der Förster sich eben vom Fenster wendet. Aus der Bibel, Marie.

MARIE. »Wie er einen Menschen verletzet hat, so soll man ihm wieder thun. Es soll einerlei Recht unter euch sein, den Fremden und den Einheimischen, denn ich bin der Herr, euer Gott.«

FÖRSTER ist aufmerksam geworden, bleibt stehn. Was ist das da vom Recht?[77]

MARIE. »Es soll einerlei Recht unter euch sein –«

FÖRSTER. Es soll einerlei – Wo steht das da?

MARIE. Hier, Vater; da links oben.

FÖRSTER. Leg' was darauf, wo das anfängt, was du da gelesen hast vom Recht. – Seht ihr nun, daß ich recht hab'? Wenn schon ich Unrecht behalten muß. Daß das alte Herz dadrin kein Lügner ist? » Es soll einerlei Recht unter euch sein.« Nicht eins für Staatsdiener apart. – Damals war das Recht noch gesund, da wohnt' es noch nicht in den staubigen dunstigen Stuben. Unter den Toren, im Freien wurd' es gehalten, wie man da liest. Wenn ich zu sagen hätte, müßten die Gerichte im Walde sein; im Walde bleibt dem Menschen das Herz gesund; da weiß man, was recht ist und was unrecht ist ohne Wenn und Aber. Mit ihrem heimlichen Karten haben sie's verabert und verwennt, in ihren dumpfen staubigen Stuben, da ist's krank und stumpf geworden und ist's welk geworden, so daß sie's kneten können, wie sie wollen; und nun muß besiegelt werden und muß verbrieft werden, was recht ist, sonst soll's nicht recht sein; nun haben sie dem Manneswort die Geltung genommen und einen Spitzbuben daraus gemacht, seitdem man nur das zu halten braucht, was man beschworen hat und besiegelt hat und verbrieft, und haben aus dem alten guten Recht einen Achselträger gemacht, daß ein alter Mann, der nicht das Federchen an seiner Ehre gelitten hat, als ein Schurke dastehn muß vor den Menschen – weil die in ihren Stuben zwei Rechte haben statt eins. Er setzt sich und trinkt.

FÖRSTERIN. Es wird immer dunkler, und der Andres kommt nicht. Und bei solchen Reden wird einem erst recht angst. Wenn du zum Robert gingest –

MARIE. Zum Robert? Aber was denkst du denn, Mutter?

FÖRSTERIN. Daß das ein Gottesfinger ist – das da mit dem Robert seinem Brief.

MARIE. Ich soll zum Robert? Jetzt? Nach dem Heimlichen Grund?

FÖRSTERIN. Und was wär's? Fürchten thust du dich nicht.[78]

MARIE. Fürchten auch! Stolz. Ulrichs Mädchen!

FÖRSTERIN. Wie oft bist du tiefer in der Nacht draußen gewesen!

MARIE. Aber der Vater wußt's auch. Wenn's der Vater will und du, weiß ich, steht hinter jedem Baum ein Engel. – Und der Vater sagte: »Wenn ich die Marie nicht kenn' –«

FÖRSTERIN. Ich kann nicht so gut fort wie du, ohne daß er's merkt. – Es konnte alles noch gut werden – aber – es sollte nicht sein. Und dein Traum? Dir wurde so leicht, der Himmel wurde so blau – Siehst du, im Heimlichen Grunde, am Quell unter den Weiden, da soll dein und unser aller Gram aufhören.

MARIE den Kopf schüttelnd. Meinst du, Mutter?

FÖRSTERIN. Wenn du gingst. Wir könnten dann beim Vater bleiben, der Robert redete nochmal mit seinem Vater, der Ohm Wilkens gäb' auch nach, und der Brautkranz sollte dir zum zweitenmal noch schöner stehn.

MARIE. Ich soll den Vater betrügen, Mutter? Dann glaubt' ich, mir könnt's nie wieder gut gehn auf der Welt.

FÖRSTERIN. Gingst du doch für ihn. Vielleicht wenn er morgen hinaus muß ins Elend oder wenn sie ihn einsetzen in den Turm oder noch was Schlimmeres geschieht –

MARIE. Dem Vater? –

FÖRSTERIN. Ja. Dann wirst du vielleicht zu spät denken: Wär' ich doch gegangen!

MARIE. Aber, Mutter, wenn ich nun im Walde wär' und der Vater begegnete mir? Oder träf' uns beisammen?

FÖRSTERIN. Wir müssen ihn fragen, ob er heim bleibt.

MARIE. Ich kann ihn nicht ansehn, ohne daß mir das Herz zerspringen will.

FÖRSTERIN. Frag' ihn wegen der Suppe.

MARIE. Ich will ihn gleich fragen. Sie nähert sich dem Förster ängstlich, steht neben ihm, ohne daß er sie bemerkt.

FÖRSTERIN aufmunternd. Sei kein Kind![79]

MARIE leise. Vater. Sie beugt sich über ihn; außer sich vor Mitleid. Vater, armer Vater! Sie will ihn umschlingen.

FÖRSTER sieht sich um; rauh. Was gibt's? Ohne Lamentieren!

FÖRSTERIN da Marie ohne Fassung steht. Die Marie –

MARIE bezwingt sich. Gehst du heut noch in den Wald?

FÖRSTER. Warum?

MARIE. Weil –

FÖRSTERIN fällt ein aus Furcht, Marie möchte die Wahrheit sagen. Der Suppe wegen; ob sie die wärmen soll?

FÖRSTER. Nein. Und was willst du noch, dummes Ding? Wendet sich ab. Da Marie zögert, rauh. Hörst du?

MARIE zur Försterin zurück. Mutter, er hat geweint! Ich sah eine Träne an seiner Wimper hängen, Mutter! und ich will ihn betrügen.

FÖRSTERIN. Er weint, daß er in seinem Alter noch ins Elend soll. – Und du – mußt ja nicht gehn.

MARIE. Wenn du so sprichst, Mutter! – Ich gehe ja.

FÖRSTERIN. So sag' gute Nacht; Zeit ist's nunmehr. Ich helfe dir dann aus dem Fenster steigen. Jetzt wartet der Robert schon. Du kannst bald zurück sein.

MARIE. Ja, Mutter, ich will gehn. Aber nicht um den Robert, Mutter, und um mich; nur für den Vater. Ich will's ihm sagen. »Robert«, will ich ihm sagen, »du findest noch ein Mädchen, schöner und besser als mich, aber mein Vater findet kein Kind mehr, wenn ich ihn lasse.« Ich will's ihm sagen; »Robert«, will ich ihm sagen, »ich will dich vergessen; Gott wird mir's geben, daß ich dich vergessen kann. Bleib' fern von mir, daß ich dich nicht wiederseh'.« Er wird's, nicht, Mutter? er wird's; ich hab' ihn ja so sehr geliebt.

FÖRSTERIN. Geh' nur; sag' gute Nacht und laß dir nichts merken.


Marie steht beim Förster.


FÖRSTERIN. Die Marie will dir gute Nacht sagen.

FÖRSTER. Kannst's nicht selbst, dummes Ding?

MARIE sich beherrschend. Gute Nacht, Vater.[80]

FÖRSTER. Gute Nacht. – Ihr braucht nicht auf mich zu warten morgen, wenn ihr zum Ohm geht. Ich bin vielleicht schon aus. Ich hab' einen Gang; weiß nicht, ob ich wiederkomme – morgen. Und nehmt den Nero mit – und was sonst noch da ist, nehmt alles mit. Ich brauche nichts mehr – als mein Handwerkszeug, meinen Stutz und Pulver und Blei. Die andern Flinten könnt ihr verkaufen. Geh' zum Wilkens du, armes Ding, der Wilkens verschafft dir vielleicht den Robert noch – wenn ich nur erst fort bin; wenn die Leute nur erst vergessen haben, daß dein Vater ein abgesetzter Mann war.

MARIE. Gute Nacht. Außer sich. Gute Nacht, Vater!

FÖRSTER. Mädel, das ist ja eine gute Nacht wie auf ewig. – Hast recht, Marie. So ein Flecken muß weg, wie ich einer bin auf euerm guten Namen. Geh, Marie. Hörst du, Marie?

MARIE. Du sollst bleiben, Vater, und gehst du, geh' ich mit dir.

FÖRSTER. Was ich für einen Weg hab', den geht man allein. Geh, Marie.

FÖRSTERIN. Leg' dich, Marie.

FÖRSTER. Gute Nacht; und nun ist's gut; du weißt, ich kann das Lamentieren nicht leiden.

MARIE. Du gehst nicht ohne mich, Vater, du kannst nicht leben ohne mich, Vater; Vater, das fühl ich jetzt an mir.

FÖRSTER abwehrend. Ja doch. Was so 'n Gelbschnabel nicht fühlt.

MARIE. Du wendst dich ab, Vater, damit ich nicht sehn soll, daß du weinst; Vater, stell dich wild, wie du willst –

FÖRSTER will sich losmachen. Dummes Ding da.

MARIE. Ich geh' mit dir. Du hältst auf dein Recht und ich auf meins, und das ist, daß ich dich nicht lassen darf. Vater, ich fühl's nur jetzt erst so, daß ich niemand auf der Welt so liebhab als dich. Morgen gehn wir zusammen – wenn du gehen mußt. Ich zieh vom Wilhelm Kleider an. Es gibt ja noch grünen Wald auf der Welt. Und lamentieren hören sollst du[81] mich gewiß nicht; deshalb fürchte dich nicht. Ich kann ja die Nächte weinen, wo du's nicht siehst. Aber dann siehst du mir's am Tage an den Augen an. Ich muß ja gar nicht weinen. Nur lachen will ich und vor dir herhüpfen und singen; die schönen Jägerlieder. – Siehst du, Vater, das ist die letzte Träne um den Robert; und die ist schon trocken, siehst du? Wir wollen schon noch ein Glück finden auf der Welt – wenn du fort mußt, Vater. Und wenn's nicht sein soll, so wollen wir Gott danken und bitten, wenn er uns nur brav sein läßt. Dann wollen wir denken: es ist zuviel verlangt, wenn wir auch noch glücklich sein wollen. Hab' ich nicht dich? Hast du nicht dein gutes Recht und deine Marie? Was brauchen wir mehr? An seinem Hals.

FÖRSTER der sie immer abgewehrt hat, fast wild, weil er sich der Weichheit kaum mehr erwehren kann. Freilich! Freilich! Dummes Ding. Ruhiger. Und ein Tischchen deck dich, ein Goldeselein schlag aus, und das Märchen ist fertig. Nun leg' dich, Marie. Rauh. Hörst du?

FÖRSTERIN. Komm, Marie.

MARIE an der Kammertür sieht sie sich um, sie eilt nochmals zu ihm; ihn außer sich umschlingend. Gute Nacht! Gute Nacht!


Sie eilt in ihre Kammer. Die Försterin folgt.


FÖRSTER ihr nachsehend. Mein Mädel, mein armes Mädel. Hier darf's nicht sein, wenn ich mir ein Ende mach! – Element, schäm dich, alter –


Quelle:
Otto Ludwig: Werke. Leipzig und Wien [1898], S. 76-82.
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