X. Jupiter und Alkmene.

[287] Merkur und Helios.


MERKUR. Helios, du sollst heute nicht ausfahren, sagt Jupiter, auch morgen und übermorgen nicht. Dieser ganze Zeitraum soll nur eine einzige lange Nacht sein. Die Horen können also deine Pferde nur wieder ausspannen,[287] und du lösche deine Fackel wieder und ruhe diese Zeit über aus.

HELIOS. Das ist ein ganz neuer und seltsamer Befehl, den du mir da bringst. Glaubt er etwa, daß ich meinen Lauf nicht richtig vollbracht habe oder meine Pferde aus dem Wege austreten lassen, und ist er deswegen so ungehalten auf mich, daß er die Nacht künftig dreimal so lang als den Tag machen will?

MERKUR. Das ist die Ursache nicht; es soll auch nicht immer dabei bleiben; er hat nur für diesmal zu einem gewissen Geschäfte eine etwas lange Nacht vonnöten.

HELIOS. Wo ist er denn jetzt? Woher schickt er dich mit diesem Auftrag an mich ab?

MERKUR. Aus Böotien, von der Gemahlin Amphitryons, bei der er zum Besuch ist.

HELIOS. Das heißt, in die er verliebt ist. Aber hat er dazu an einer Nacht nicht genug?

MERKUR. Auf keine Weise. Es soll bei dieser Gelegenheit an einem sehr großen und kampflustigen Gotte gearbeitet werden, und den in einer einzigen Nacht zustande zu bringen, ist unmöglich.

HELIOS. Viel Glück also zur Ausführung eines so großen Werkes! Aber – weil wir doch hier unter vier Augen sind, Merkur – zu Saturns Zeiten geschahen doch solche Dinge nicht. Er schied sich nicht von Rheas Bette und stahl sich nie vom Himmel weg, um die Nacht zu Theben zu passieren: sondern Tag war Tag, und eine Nacht dauerte keine Minute länger, als es die Jahrszeiten mit sich brachten. Jetzt hingegen muß sich um eines einzigen heillosen Weibes willen die ganze Natur auf den Kopf stellen lassen; meine Pferde müssen durch die zu lange Ruhe steif und der Weg, weil er drei Tage lang unbefahren bleibt, schlechter werden; die armen Menschen müssen indessen elendiglich im Dunkeln leben und, Dank sei dem verliebten Temperament des Götterkönigs! dasitzen und warten, bis der große Athlet, den du uns ankündigst, in dieser langen Finsternis fertig wird.[288]

MERKUR. Stille, Helios! Deine freie Zunge möchte dir leicht übel bekommen. Lebe wohl! Ich eile zu Lunen und zum Schlafe, um ihnen ebenfalls Jupiters Befehle zu überbringen: jener, daß sie langsamer als gewöhnlich gehe, und diesem, daß er die Sterblichen lange genug gebunden halte, um nichts davon zu merken, daß diese Nacht so lang geworden ist.

Quelle:
Lukian: Werke in drei Bänden. Berlin, Weimar 21981, Band 1, S. 287-289.
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