V. Eine Nereide erzählt ihrer Schwester, was bei der Hochzeit der Thetis vorgefallen.

[327] Panope und Galene.


PANOPE. Sahest du gestern, Galene, was Eris bei dem hochzeitlichen Gastmahl in Thessalien für einen Spuk machte, weil sie nicht auch dazu gebeten worden war?

GALENE. Ich war nicht dabei, Panope; Neptun hatte mir aufgetragen, das Meer indessen ruhig zu halten. Aber was konnte denn Eris tun, da sie nicht zugegen war?[327]

PANOPE. Thetis und Peleus waren eben von Amphitriten und Neptun in das Brautgemach geführt worden, und die Gäste überließen sich indessen der Fröhlichkeit; die einen tranken, die andern tanzten, noch andere hörten Apollos Zitherspiel oder dem Gesang der Musen zu. Es war also nichts leichter, als daß Eris ihre Rache bewerkstelligen konnte, ohne von jemand bemerkt zu werden. Sie warf einen wunderschönen ganz goldenen Apfel unter die Gäste, der die Aufschrift hatte: »Die Schönste soll ihn haben«; und der Apfel rollte so lange fort, bis er, wie absichtlich, an die Stelle kam, wo Juno, Venus und Minerva Platz genommen hatten. Da ihn nun Merkur aufgehoben und die Aufschrift laut abgelesen hatte, hielten wir Nereiden uns mäuschenstill; denn was hätten wir machen sollen, da jene zugegen waren? Sie hingegen maßten sich alle drei des Apfels an, und wenn Jupiter nicht dazwischen getreten wäre, würde es gewiß zu Tätlichkeiten gekommen sein. Die Göttinnen drangen in ihn, daß er Richter sein sollte: aber er wollte nichts damit zu tun haben. Geht auf den Ida, sagte er, zum Sohn des Priamus, der wird die Schönste am besten herauszufinden wissen; er ist ein Liebhaber und Kenner des Schönen, und ihr könnt euch auf sein Urteil verlassen.

GALENE. Was taten da die Göttinnen, Panope?

PANOPE. Heute, denke ich, gehen sie nach dem Ida ab, und wir werden bald Nachricht bekommen, wer gesiegt hat.

GALENE. Weil Venus dabei ist, gewiß keine andere als sie, oder der Richter müßte sehr schlechte Augen haben.

Quelle:
Lukian: Werke in drei Bänden. Berlin, Weimar 21981, Band 1, S. 327-328.
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