4. Die Vorrede zu der Sammlung der Begräbnislieder 1542.

Dem Christlichen Leser

D. Mart. Luther

[477] S. Paulus schreibt denen zu Thessalonich, Das sie uber den Todten sich nicht sollen betrüben, wie die andern, so keine Hoffnung haben, Sondern sich trösten durch Gottes wort, als die gewisse Hoffnung haben des Lebens und der Todten aufferstehung.

Denn das die sich betrüben, so keine Hoffnung haben, ist nicht wunder, sinds auch nicht zuverdencken, nach dem sie ausser dem Glauben Christi sind, entweder allein dis zeitlich Leben achten und lieb haben müssen, und dasselb ungern verlieren, Oder sich nach diesem Leben, des ewigen Tods und Zorn Gottes, in der Helle, versehen müssen, und daselbs ungern hinfaren.

Wir Christen aber, so von dem allen durch das theure Blut des Sons Gottes erlöset sind, sollen uns uben und gewehnen im Glauben, Den Tod zuuerachten, und als einen tieffen, starcken, süssen Schlaff anzusehen. Den Sarck nicht anders denn als unsers HERRN Christi Schos oder Paradis, Das Grab nicht anders, denn als ein sanfft Faul oder Rugebette zuhalten. Wie es denn fur Gott in der warheit also ist, wie er spricht Joh. xi. Lazarus unser Freund schleffet. Matth. 9. Das Meidlin ist nicht tod, sondern es schleffet.

Also thut auch S. Paulus j. Corinth. 15. Setzt aus den Augen alle hessliche Anblick des Todes in unserm sterbenden Leibe, und zeucht erfur eitel holdselige und fröliche Anblick des Lebens, da er spricht. Es wirt geseet verweslich, und wird aufferstehen unverweslich. Es wird geseet in unehre (das ist heslicher schendlicher gestalt) und wird aufferstehen in herrligkeit. Es wird geseet in schwacheit, und wird aufferstehen in krafft. Es wird geseet ein natürlicher Leib, und wird aufferstehen ein geistlicher Leib.

Dem nach haben wir in unsern Kirchen die Bepstlichen Grewel, als Vigilien, Seelmessen, Begengnis, Fegfewr und alles ander Gauckelwerck, fur die Todten getrieben, abgethan und rein ausgefegt. Und wollen unser Kirchen nicht mehr lassen Klagheuser oder Leidestete sein, sondern, wie es die alten Veter auch genennet, Koemiteria, das ist, fur Schlaffheuser und Rugestete halten.

Singen auch kein Trawrlied noch Leidegesang bey unsern Todten und Grebern, sondern tröstliche Lieder von vergebung der sunden, von Ruge, Schlaff,[478] Leben und Aufferstehung der verstorbenen Christen, Damit unser Glaub gesterckt und die Leute zu rechter an dacht gereitzt werden.

Denn es auch billich und recht ist, das man die Begrebnis ehrlich halte und volbringe, Zu lob und ehre dem frölichen Artickel unsers Glaubens, nemlich von der aufferstehung der Todten, Und zu trotz dem schrecklichen Feinde, dem Tode, der uns so schendlich dahin frisset, on unterlas mit allerley scheuslicher gestalt und weise.

Also haben (wie wir lesen) die heiligen Patriarchen, Abraham, Isaac, Jacob, Joseph, etc. jre Begrebnis herrlich gehalten, und mit grossem vleis befohlen. Hernach die Könige Juda gros geprenge getrieben uber den Leichen, mit köstlichem Reuchwerg allerley guter edler Gewürtz. Alles darumb, den stinckenden schendlichen Tod zu dempffen, und die aufferstehung der Todten zu preisen und bekennen, Damit die Schwachgleubigen und Traurigen zu trösten.

Dahin auch gehört, was die Christen bisher und noch thun, an den Leichen und Grebern, Das man sie herrlich tregt, schmückt, besinget und mit Grabzeichen zieret. Es ist alles zuthun umb diesen Artickel von der aufferstehung, das er feste in uns gegründet werde, Denn er ist unser endlicher, seliger, ewiger trost und freude wider den Tod, Helle, Teuffel und alle traurigkeit.

Zu dem haben wir auch, zum guten Exempel, die schönen Musica oder Gesenge, so im Bapstum, in Vigilien, Seelmessen und Begrebnis gebraucht sind, genomen, der etliche in dis Büchlin drücken lassen, und wollen mit der zeit derselben mehr nemen, Oder wer es besser vermag denn wir, Doch andere Text drunter gesetzt, damit unsern Artickel der Aufferstehung zu schmücken, Nicht das Fegfewr mit seiner Pein und gnugthuung, dafur jre Verstorbene nicht schlaffen noch rugen können. Der Gesang und die Noten sind köstlich, Schade were es, das sie solten untergehen, Aber unchristlich und ungereimpt sind die Text oder wort, die solten untergehen.

Gleich wie auch in allen andern stücken, thun sie es uns weit zuuor, Haben die schönsten Gottesdienst, schone herrliche Stiffte und Klöster. Aber das predigen und leren, das sie drinnen uben, dienet das mehrer teil dem Teuffel und lestert Gott. Denn er ist der Welt Fürst und Gott, darumb mus er auch das niedlichste, beste und schönste haben.

Auch haben sie köstliche güldene, silberne Monstrantzen und Bilder, mit Kleinoten und Edelsteinen gezieret. Aber inwendig sind Todten bein, so schier vom Schindeleich als anders woher. Item, sie haben köstliche Kirchenkleider, Caseln, Mantel, Röck, Hüte, Infulen. Aber wer ist drunter, oder da mit gekleidet? Faule Beuche, böse Wölffe, gottlose Sewe, die Gottes wort verfolgen und lestern.[479]

Also haben sie auch warlich viel treffliche schöne Musica oder Gesang, sonderlich in den Stifften und Pfarrhen, Aber viel unfletiger abgöttischer Text da mit geziert. Darumb wir solche abgöttische todte und tolle Text entkleidet, und jnen die schöne Musica abgestreifft, und dem lebendigen heiligen Gottes wort angezogen, dasselb damit zu singen, zu loben und zu ehren. Das also solcher schöner schmuck der Musica in rechtem Brauch jrem lieben Schepffer und seinen Christen diene, Das er gelobt und geehret, wir aber durch sein heiliges wort, mit süssem Gesang jns Hertz getrieben, gebessert und gesterckt werden im glauben. Das helffe uns Gott der Vater mit Son und heiliger Geist, Amen.

Doch ist nicht dis unser meinung, das diese Noten so eben müsten in allen Kirchen gesungen werden. Ein igliche Kirche halte jre Noten nach jrem Buch und Brauch. Denn ichs selbs auch nicht gerne höre, wo in einem Responsorio oder Gesang die Noten verruckt, anders gesungen werden bey uns, weder ich der in meiner Jugent gewonet bin. Es ist umb verenderung des Textes und nicht der Noten zuthun.

Wenn man auch sonst die Greber wolt ehren, were es fein, an die Wende, wo sie da sind, gute Epitaphia oder Sprüche aus der Schrifft drüber zu malen oder zu schreiben, das sie fur augen weren denen, so zur Leiche oder auff den Kirchoff giengen, nemlich also, oder dergleichen.

Er ist entschlaffen mit seinen Vettern, Und zu seinem Volck versamlet.

Ich weis, Das mein Erlöser lebet, und er wird mich aus der Erden auffwecken. Und werde mit meiner Haut umbgeben werden, und werde in meinem Fleisch Gott sehen, etc. Hiob 19.

Ich lige und schlaffe und erwache, Denn der HERR hellt mich. Psalm 3.

Ich lige und schlaffe gantz mit frieden. Psalm 4.

Ich wil schawen dein Andlitz in gerechtigkeit, Ich wil sat werden, wenn ich erwache nach deinem Bilde. Psalm 17.

Gott wird meine Seele erlösen aus der Hellen gewalt, Denn er hat mich angenommen. Psalm 46.

Der Tod seiner Heiligen ist werd gehalten fur dem Herrn. Psalm 116.

Der HERR wird auff diesem Berge das Hullen wegnemen, da mit alle Völcker verhullet sind, und die Decke da mit alle Heiden zugedeckt sind, Denn er wird den Tod verschlingen ewiglich, etc. Jesa. 25.

Deine Todten werden leben, und mit dem Leichnam aufferstehen. Wachet auff und rhümet, die jr ligt unter der Erden, Denn dein Taw ist ein Taw des grünen Feldes. Jesa. 26.[480]

Gehe hin, mein Volck, in eine Kamer, und schleus die Thür nach dir zu, Verbirge dich ein klein augenblick, Bis der Zorn furuber gehe etc. Jesa. 26.

Die Gerechten werden weggerafft fur dem unglück, Und die richtig fur sich gewandelt haben, komen zum Friede, und rugen in jren Kamern, Jesa. 56.

So spricht der Herr, Sihe, Ich wil ewre Greber auffthun und wil euch, mein Volck, aus den selben heraus holen, etc. Ezech. 37.

Viele so unter der Erden schlaffen ligen, werden aufferwachen, Etliche zum ewigen Leben, Etliche zu ewiger Schmach und Schande, Daniel 12.

Ich wil sie erlösen aus der Hellen, und vom Tod erretten. Tod, Ich wil dir ein Gifft sein, Helle, Ich wil dir eine Pestilentz sein, Hosea 13.

Ich bin der Gott Abraham, und der Gott Isaac, und der Gott Jacob. Gott aber ist nicht ein Gott der Todten, sondern der Lebendigen, Exod. 3. Matth. 22.

Das ist der wille des Vaters, der mich gesand hat, Das ich nichts verliere von allem, das er mir gegeben hat, Sondern das ichs aufferwecke am Jüngsten tage, Joh. 6.

Keiner lebt jm selber, und keiner stirbet jm selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn, Sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darumb wir leben oder sterben, so sind wir des HERRN. Denn dazu ist Christus auch gestorben und aufferstanden, und wider lebendig worden, Das er uber Todten vnd Lebendige HERR sey.

Hoffen wir allein in diesem Leben auff Christum, So sind wir die elendesten Menschen unter allen. j. Cor. 15.

Wie sie in Adam alle sterben, Also werden sie in Christo alle lebendig gemacht werden. j. Cor. 15.

Der Tod ist verschlungen in dem Sieg, Tod wo ist deine Stachel? Helle wo ist dein Sieg? Aber der Stachel des Tods ist die Sunde. Die Krafft aber der sunde ist das Gesetz. Gott aber sey danck, der uns den Sieg gegeben hat, Durch unsern HERRN Jhesum Christum, Amen.

Christus ist mein Leben, Und sterben ist mein Gewin, Phil. j.

So wir gleuben, das Jhesus gestorben und aufferstanden ist, Also wird Gott auch, die da entschlaffen sind durch Jhesum, mit jm füren, j. Thes. 4.

Sölche Sprüche und Grabeschrifft zierten die Kirchoff besser, denn sonst andere Weltliche zeichen, Schild, Helm etc.

Wo aber jemand tüchtig und lustig were solche Sprüche jn gute feine Reyme zu stellen, Das were da zu gut, das sie deste leichter behalten und deste lieber gelesen würden. Denn Reyme oder Vers machen gute Sentenz oder Sprichwort, die man lieber braucht, denn sonst schlechte rede.


[481] Luce 2.


Im fried bin ich da hin gefarn,

Denn mein Augen gesehen haben

Dein Heiland, HERR, von dir bereit

Zum Liecht der gantzen Christenheit.

Indes rug ich in dieser Grufft

Bis auff meins Herren widerkunfft.


Luce ij.


Mit fried und freud in guter Rw,

Frölich thet ich mein augen zu

Und legt mich schlaffen in mein Grab,

Weil ich dein Heiland gsehen hab,

Den du fur uns all hast bereit

Zum Heil der gantzen Christenheit.

Das er das ewig Lieht solt sein

Den Heiden zum seligen schein.

Und das auch Israel darob

Hab herlickeit und ewigs lob.


Joh. 11.


Christ ist die warheit und das leben,

Die Aufferstehung wil er geben.

Wer an in gleubt, das Leben wirbt,

Ob er gleich hie auch leiblich stirbt.

Wer lebt und gleubt, thut ihm die ehr,

Wird gwislich sterben nimermehr.


Hiob 19.


In meim Elend war diss mein Trost,

Ich sprach, Er lebt, der mich erlost,

Auff den ich in der Not vortrawt,

Wird mich wider mit meiner hawt

Umbgeben, das ich auss der erd

Vom Tod wider erwecket werd.

In meinem Fleisch werd ich Got sehen,

Ist gewislich war, und wird geschehen.[482]


Die deudschen Gesenge

Mit fried vnd freud,

Wir gleuben all an einen,

Nu bitten wir den heiligen.

Nu last vns den leib, etc.


Mag man eins umbs ander singen, wenn man vom begrebnis heim gehen wil. Also mag mans auch mit den latinischen Gesengen halten


Jam moesta quiesce,

Si enim credimus,

Corpora Sanctorum,

In pace sumus, etc.

Quelle:
Martin Luther: Werke. 120 Bände, Band 35, Weimar 1888 ff., S. 477-483.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Wette, Adelheid

Hänsel und Gretel. Märchenspiel in drei Bildern

Hänsel und Gretel. Märchenspiel in drei Bildern

1858 in Siegburg geboren, schreibt Adelheit Wette 1890 zum Vergnügen das Märchenspiel »Hänsel und Gretel«. Daraus entsteht die Idee, ihr Bruder, der Komponist Engelbert Humperdinck, könne einige Textstellen zu einem Singspiel für Wettes Töchter vertonen. Stattdessen entsteht eine ganze Oper, die am 23. Dezember 1893 am Weimarer Hoftheater uraufgeführt wird.

40 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon