29.

[459] Ein kinder lied auff die Weinacht Christi.


Martinus Luther.


Vom himel hoch da kom ich her,

ich bring euch gute newe mehr,

der guten mehr bring ich so viel,

dauon ich singen und sagen wil.[459]


Euch ist ein kindlin heut geborn,

Von einer jungfraw auserkorn,

Ein kindelein so zart und fein,

Das sol ewr freud und wonne sein.


Es ist der Herr Christ unser Gott,

der wil euch fürn aus aller not,

Er wil ewr Heiland selber sein,

Von allen sunden machen rein.


Er bringt euch alle seligkeit,

die Gott der Vater hat bereit,

Das jr mit uns jm himel Reich

Solt leben nu und ewiglich.


So mercket nu das zeichen recht,

Die krippen windelin so schlecht,

da findet jr das kind gelegt,

Das alle welt erhelt und tregt.


Des lasst uns alle frölich sein

Und mit den hirten gehn hinein,

Zu sehn was Gott uns hat beschert,

Mit seinem lieben Son verehrt.


Merck auff mein hertz und sich dort hin,

Was ligt doch inn dem krippelin,

Wes ist das schöne kindelin?

Es ist das liebe Jhesulin.


Bis willekom du Edler gast,

Den sunder nicht verschmehet hast,

Und kompst jns elend her zu mir,

Wie sol ich jmer dancken dir?


Ach Herr du Schöpffer aller ding,

Wie bistu worden so gering,

Das du da ligst auff dürrem gras,

Dauon ein rint und esel ass.[460]


Und wer die welt viel mal so weit,

Von eddelstein und gold bereit,

So wer sie doch dir viel zu klein

zu sein ein enges wigelein.


Der sammet und die seiden dein,

Das ist grob hew und windelein,

Darauff du König so gros und reich

Her prangst als wers dein himel Reich.


Das hat also gefallen dir

Die warheit anzuzeigen mir,

Wie aller welt macht, ehr und gut

für dir nichts gilt, nichts hilfft noch thut.


Ach mein hertzliebes Jhesulin

Mach dir ein rein sanfft bettelin,

zu rugen jnn meins hertzen schrein,

Das ich nimmer vergesse dein.


Davon ich alzeit frölich sey

zu springen, singen jmer frey

Das rechte Susaninne schon,

Mit hertzen lust den süssen thon.


Lob, ehr sey Gott jm höchsten thron,

Der uns schenckt seinen eingen Son,

Des frewen sich der Engel schar

und singen uns solch newes jar.

Quelle:
Martin Luther: Werke. 120 Bände, Band 35, Weimar 1888 ff., S. 459-461.
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