III.

Auf der Kirchweihe

[77] Wieder war es Sonntag Morgens, aber zu einer früheren Stunde als vor acht Tagen; da ließ sich auf der Leinefelder Straße lauter Marschschritt hören.

»Einunddreißig, zweiunddreißig – einunddreißig, zweiunddreißig – Leberwurst und Sauerkraut, – links, rechts – links, rechts – Leberwurst und Sauerkraut – einunddreißig, zweiunddreißig – Brust heraus, Bauch hinein – Donnerwetter, was macht Ihr für Puppengesichter, Ihr Hallunken! Finster, immer finsterer, noch finsterer, daß die Leinefelder Respekt bekommen! So ists recht! – – Da ist das Nest. Achtung! Augen rrrrechts! Augen grrrrad aus! Tambour, fang an! Einunddreißig, zweiunddreißig – einunddreißig – rrrrumdidum di rrrrumdidum! Uebers G'werrrr!«

So raisonnirte und kommandirte der alte zwickelbärtige Feldwebel, welcher eine halbe Kompagnie blauröckiger Grenadiere nach dem Dorfe führte. Eigentlich hatte er nicht die mindeste Veranlassung zu einem Raisonnement, denn es war der kleinen Truppe sehr deutlich anzusehen, daß sie ganz ausgezeichnet gedrillt sei. Ein Zopf war auf die Linie so lang wie der andere, ein Riemen lag wie der andere, ein Auge blickte wie das andere, eine Gamasche saß wie die andere, und der Marschschritt klang so kurz, voll und exakt, daß es gar nicht nöthig war, mit dem damals beliebten »Einunddreißig, zweiunddreißig – Leberwurst und Sauerkraut – links, rechts – links, rechts« den Takt zu markiren.

So viele Dorfbewohner aus den Federn waren, so viele kamen auch heraus auf die Gasse, und wer von dem Trommelschlage erwachte, der beeilte sich hinabzukommen, um die Veranlassung zu dem ungewöhnlichen Lärme zu erfahren.[77]

Der Feldwebel ließ seine Truppe bis vor die Fronte eines großen, hart an der Dorfstraße liegenden Gutes marschiren.

»Bataillon, halt! – Frrrront! – Schultert das G'werrrr! – Beim Fuß das G'werrrr! – Augen rrrrechts, rrrrichtet Euch! – Augen grrrrad aus!« klang das Kommando; dann wandte sich der Webel an eine schläfrige Magd, welche sich an dem Thorpfeiler reckte und dehnte.

»Gehört Sie hier zum Gute?«

»Ja.«

»Das Gut ist herrschaftlich?«

»Ja.«

»Wo ist der Amtmann?«

»Im Bette.«

»Wecke Sie ihn!«

»Ich darf nicht.«

»Waas? Wenn ich Ihr etwas befehle, so darf Sie nicht?«

»Ich darf nicht. Wer den Herrn Amtmann weckt, wird fortgejagt.«

»I der Tausend. Hier stellt Sie sich an den Pfeiler; so! Soldat Hiller, vortreten!«

Der Genannte trat drei Schritte aus der Fronte heraus.

»Schulterts G'werrrr! – Hahn auf! – Leg annnn!«

Hiller stand mit angelegtem Gewehre da, bereit, auf das Kommando »Feuer« auf die Magd abzudrücken, zu der sich der Feldwebel wieder wandte.

»Will Sie den Amtmann wecken, he?«

»Ja, Herr Hauptmann!«

»Schön, mein Schatz. Aber spute Sie sich, sonst mache ich Ihr Füße! Soldat Hiller, leg ab! – rrrrechtsumkehrrrrt, marrrrsch! – Frrrront! – Beim Fuß das G'werrrr!«

Kaum waren zwei Minuten vergangen, so erschien unter dem Thore eine blos mit Hose, Jacke und Zipfelmütze bekleidete Gestalt. Die schmale, niedrige und zurückgebogene Stirn, die weit auseinanderstehenden, kleinen, stechenden Augen, die scharfgeschnittene Habichtsnase, die dünnen, bartlosen Lippen und das kaum bemerkbare, spitze Kinn, in welches dieses Gesicht verlief, gaben demselben etwas ganz entschieden Raubvogelähnliches. Dieser Mann war sicher ebenso listig wie hart und gewaltthätig und vollständig unfähig, mit seiner Physiognomie Vertrauen zu erwecken.

»Seid Ihr der Herr Amtmann?«

»Ja. Was solls denn sein?«

»Ein Befehl der Kriegskanzlei, abzugeben an Euch!«

»Gebt her!«

»Donnerwetter! Glaubt Ihr etwa, daß ein alter, diensterfahrener Feldwebel Euch hier am Thore eine Meldung machen oder gar einem Manne in Schlafmütze und Nachthosen eine Ordre übergeben wird, die aus der Kriegskanzlei kommt und von dem Feldmarschall Durchlaucht Excellenz eigenhändig unterzeichnet wurde? Macht Euch schnell hinein und fahrt in einen andern Gottfried, sonst mache ich Euch Beine wie Eurer Milchchristel, die Euch nicht wecken wollte.«

»Oho! Ihr wißt wohl gar nicht, mit wem Ihr sprecht?«

»Nun, mit wem denn, he?«

»Ich bin der Amtmann Grunert, wie ich Euch schon einmal sagte.«

»Davon sehe ich noch nichts. Für jetzt steht nur eine Schlafmütze und Nachthaube hier. Also steckt den Amtmann heraus; ich habe keine Zeit und muß bald weiter!«

Grunert entfernte sich. Der Feldwebel folgte ihm nach einigen Minuten und fand ihn in der Stube am Schreibepulte seiner harrend.

»Seid Ihr der Herr Amtmann?«

»Zum Teufel, ich habe Euch doch bereits zweimal – – –«

»Rrrruhe, nicht gemuxt!« donnerte da der alte Soldat mit wahrer Löwenstimme. »Was versteht Ihr vom Dienste! Ich habe Euch zu fragen und Ihr habt zu antworten, damit basta! Seid Ihr der Herr Amtmann?«

»Ja.«

»Eine Ordre aus der Kriegskanzlei!«

Er übergab das Schreiben. Grunert öffnete und las es. Sein Gesicht zeigte, wenn nicht Bestürzung, so doch einige Verlegenheit.

»Das ist unmöglich!«

Der Feldwebel schwieg.

»Reinweg unmöglich!«

Der Feldwebel antwortete nicht.

»Habt auch Ihr irgend welche Ordre?«

»Allerdings.«

»Welche?«

»Wenn Ihr nicht binnen einer Stunde schafft, was da drin verlangt wird, so werde ich mir es zu holen wissen. Leinefeld hat fünfundzwanzig Mann zu liefern, und sollte ich diese Zahl mit dem Herrn Amtmann selber voll machen müssen!«

»Eine Stunde ist zu wenig!«

»Für mich nicht. Könnt Ihr oder nicht? Dann habe ich die Fünfundzwanzig in zehn Minuten.«

»Ich muß mit dem Gemeinderathe sprechen.«

»Mir ganz egal. Könnt Ihr?«

»Ja.«

»Schön. Wir haben scharf geladen. Ich lasse das Dorf umzingeln, daß Keiner echappirt. Zehn Minuten haben wir bereits verhandelt; in punkt fünfzig Minuten bin ich hier, um die Rekruten mit einer Namensliste in Empfang zu nehmen!«

Er ging hinaus.

»Bataillon in zwei Zügen abmarschirt. Korporal Fritsche vor!«

Der Korporal trat vor die Fronte und kommandirte:

»Erster Zug, G'werrrr auf! – Rrrrechts um! – Uebers G'werrrr! – Vorwärts marrrrsch!«

»Gefreiter Lange vor!« befahl der Feldwebel.

Dieser folgte dem Rufe und kommandirte:

»Zweiter Zug, G'werrrr auf! – Rrrrechts um! – Uebers G'werrrr! – Zweimal links abgeschwenkt, vorwärts marrrrsch!«[78]

Der erste Zug marschirte nach dem niedern, der zweite nach dem obern Dorfe, um den Kordon zu schließen. Der Feldwebel aber bog in einen schmalen Seitenweg ein, welcher zwischen zwei Gütern hindurchführte, ging eine Strecke hinter den Gärten fort und stieg dann über ein niederes Staket, welches ein kleines Gärtchen umschloß, das zu einem niedlichen und außerordentlich sauber blickenden Häuschen gehörte. Durch die hintere Thür desselben tretend gelangte er in eine Küche, wo er Niemand fand, und von da in die Wohnstube, in welcher zwei Personen bei der Suppe am Tische saßen.

Es war der Feldwebel Franke und seine Frau. Beim Anblicke des Feldwebels erhob sich der Erstere überrascht.

»Durchlaucht!«

»Halte Er den Schnabel, Er Sakermenter! Es braucht Niemand zu wissen, wer ich bin; für jetzt bin ich Feldwebel, punktum. Habt Ihr noch einen Löffel? Ich habe Appetit!«

Die über diesen vornehmen und plötzlichen Besuch erschrockene Hausfrau erhob sich, um das Verlangte zu holen. Sie machte Miene, sich in Entschuldigungen zu ergehen, die ihr aber sofort abgeschnitten wurden.

»Still! Jetzt wird gegessen und nicht gesprochen!«

Die Löffel erklangen, und es wurde der Suppe zugesprochen, bis kein Tropfen mehr in der Schüssel war. Erst jetzt begann der Fürst:

»Ihr habt heut Kirmeß?«

»Ja.«

»Ich lade mich zu Gaste, doch darf jetzt noch kein Mensch 'was davon wissen. Es hat mich Niemand zu Euch gehen sehen. Bin gekommen, um dem Grunert in den Topf zu gucken. Habe fünfundzwanzig Rekruten von ihm verlangt, und wehe ihm, wenn er parteiisch handelt! – Habe Euch auch eine Freude gemacht!«

»Allerdings ist es uns die größte Freude, Ew. Durchlaucht bei uns zu sehen!«

»Nicht geflunkert! Meine eine andere Freude. Habe Eurem Jungen, dem Korporal, Urlaub gegeben, daß er zur Kirmeß gehen und seine Anna einmal beim Kopfe nehmen kann. Hast Du nichts wieder von den Schwarzkitteln gehört?«

»O ja. Die Anna war gestern Abend hier und erzählte, daß heut in dem Gartenhause heimliches Abendessen sei.«

»Wann?«

»Um acht Uhr.«

»Wie viele Gedecke?«

»Achtzehn.«

»Sehr gut. Werde gesegnete Mahlzeit wünschen. Macht mir ein Bett zurecht; werde vielleicht heut Nacht hier schlafen. Jetzt adieu! Hört Ihr den Lärm und das Lamentiren draußen? Der Amtmann läßt die Rekruten zusammenschleppen.«

Er ging denselben Weg wieder zurück, den er gekommen war. Beim herrschaftlichen Hofe angelangt, fand er wirklich fünfundzwanzig Bursche vor, welche mit Paketen auf dem Rücken Abschied von ihren weinenden und jammernden Angehörigen nahmen, und zugleich ertönte der lautschallende Schritt der wieder herbeikommenden Soldaten.

»Nun mags gut sein mit dem Heulen, Ihr Jungens! Ihr bekommt des Fürsten Rock angezogen, und wer sich darein fügt und gut gehorcht, aus dem kann mal was Ordentliches werden, vielleicht gar so ein Feldwebel wie ich. Angetreten und eingerückt! So! Wer zu entfliehen sucht, wird niedergeschossen! – Kompagnie rrrechts um! – Adieu, Herr Amtmann; viel Vergnügen zur Kirmeß! Kann leider nicht hier bleiben, sondern muß weiter, um noch einige fünfzig Jungens zu holen. Uebers G'werrrr! Vorwärts marsch!«

Die gepreßten Rekruten in der Mitte, marschirte die Truppe das Dorf hinab, begleitet von den jammernden Verwandten.

»Einunddreißig, zweiunddreißig, Leberwurst und Sauerkraut, links, rechts, links rechts, Tambour, fang an! Einunddreißig, zweiunddreißig, einunddreißig, zweiunddreißig, rrrrumdidum di rrrrumdidum!«

Draußen vor dem Dorfe ließ er halten, um die störende Begleitung zurückzuweisen; dann ging der Marsch fort bis in den Wald, wo er in einen Holzweg einbiegen ließ, der in einen schmalen Pfad verlief und dann auf eine verborgene Lichtung mündete.

Hier lagerte sich, nachdem die nöthigen Posten ausgestellt waren, die Truppe. Er zog das Namensverzeichniß, welches er von dem Amtmanne erhalten hatte, hervor, um zu verlesen. Es befand sich unter den Burschen kein einziger von denen, welche ihm Franke in Dessau aufnotirt hatte.

»Jammert nicht, Jungens! Ich gebe Euch mein Wort: wenn Ihr Euch ruhig verhaltet und keine Dummheiten macht, so seid Ihr heut Abend alle wieder frei. Ich bin der Leopold von Dessau und will nur Eurem sauberen Amtmann einmal auf die Finger klopfen!«

Diese Rede brachte allerdings nicht geringe Freude hervor. Der Fürst aber trat zu einem Baume, unter welchem zwei Männer standen, die einige Pakete hielten. Es war der Oberlieutenant von Hellbach und der Korporal Franke, beide einander an Gestalt und Größe vollständig gleich.

Er wandte sich an den Ersteren.

»Er kennt also einige von denen, die ihn verfolgen, persönlich?«

»Ja.«

»Vielleicht hat er das Vergnügen, sie heut Abend zu sehen.

Korporal, er kann nach Hause gehen. Ich werde ihn schon finden, wenn ich ihn brauche. Jetzt, Helldorf, komme er zwischen die Büsche. Ich bin neugierig, wen er aus mir machen wird!«

Nach Verlauf einer halben Stunde hinkte eine lange, tief vornübergebeugte Gestalt dem Dorfe zu. Auf dem Kopfe saß ein Filz, der weder Form noch Farbe hatte, über das rechte Auge zog sich eine breite, schwarze Binde; ein eisgrauer Schnurrbart senkte seine müden Spitzen zu beiden Seiten des Kinnes herab; eine alte, abgeschabte Uniform bedeckte den Körper, und an den Füßen schlappten ein paar Schuhe, die man beinahe als Kähne benützen konnte.

Sich hinter das Dorf wendend, stand er eben im Begriffe, zwischen Zäunen und Feldern umzubiegen, als ihm aus derselben Richtung ein Mädchen entgegenkam, bei deren Anblicke er unwillkürlich stehen blieb.

»Gott zum Gruß, Jungfer,« hüstelte er.

»Schönen Dank. Will er zur Kirmeß?«

»Ja.«

»Zu Verwandten?«

»Nein. Ich habe hier Niemanden; aber zu einem solchen Feste gibt wohl Jedermann einem alten armen Teufel ein Stückchen Brod.«

»Sicher. Hier hat Er etwas!« Sie griff in die Tasche und reichte ihm einige Kupfermünzen. »Komm Er nachher zu mir; da soll Er haben, was Er nur essen kann.«

»Ja, wer ist denn die Jungfer?«

»Ich gehöre zum herrschaftlichen Hofe und bin des Amtmanns Nichte. Frage Er nur nach mir, man wird ihn schon zurechtweisen.«

Sie ging. Er blickte ihr nach, so lange er sie zu sehen vermochte.

»Himmelbataillon, das also war die Anna! Hm, wegen der ließe ich mir am Ende auch 'mal Urlaub geben von der Anneliese. Der Franke soll sie haben, so wahr ich Leopold heiße!«

Er humpelte weiter.

Hinter dem gutsherrlichen Garten angekommen, blickte er über den Zaun hinüber und gewahrte eine Reihe von Pflaumenbäumen, welche voll der größten, schönsten Früchte hingen.

»Sapperlot, sind das Zwetschgen, so reif und süß, daß sie den Boden bedecken! Die Suppe beim Franke war ganz verteufelt gesalzen und hat mir Durst gemacht. Vorwärts, hinüber; ich muß Pflaumen haben!«

Er schwang sich über den Zaun, setzte sich gleich in das thaufrische Gras und begann zu schnabuliren. Die Früchte waren wirklich so gut, wie er sie noch selten gegessen hatte; er aß und aß und merkte nicht, daß Jemand leise herbeigeschlichen kam. Da legte sich eine Hand auf seine Schulter und eine zornige Stimme schnaubte ihn an:

»Was thut Er hier?«

Er wandte langsam den Kopf.

»Das sieht Er ja; ich esse.«

»Das sehe ich allerdings. Aber was ißt Er denn?«

»Hm, Zwetschgen.«

»Ja, aber meine Zwetschgen, meine!«

»Seine? Wie will Er das beweisen?«

»Beweisen? Ist Er verrückt?«

»Fällt mir gar nicht ein! Sieht Er nicht, daß ich hier aus der Tasche esse? Wer sagt Ihm denn, daß ich grad Seine Zwetschgen drin habe?«

»Was sollen es denn für welche sein?«[84]

»Mir egal!«

»Und sieht Er, jetzt langt er sich eine vom Boden auf und beißt hinein!«

»Das war blos eine Verwechslung. Ich will Ihm dafür eine andere aus meiner Tasche herlegen.«

»Aber was hat er denn hier im Garten zu suchen?«

»Hm, was sucht denn Er?«

»Ich bin der Amtmann!«

»Ach so, das gibt der Sache allerdings eine andere Wendung.«

Er erhob sich. »Ich bin ein armer Teufel und muß vorsprechen gehen; da sah ich hier die Pflaumen liegen und habe mir ein Paar davon geholt. Das wird nicht schlimm sein, denn was am Boden liegt,[85] das gehört den Bettlern und Handwerksburschen, das ist ein alter Brauch.«

»Aber bei mir nicht. Komme Er mit herein!«

»Wozu?«

»Nur vorwärts und nicht geweigert; Er ist mein Arrestant!«

»Da muß ich allerdings gehorchen.«

Er folgte dem Amtmanne durch die Wohnstube in einen Nebenraum, wo derselbe seine Expedition zu haben schien. Dort nahm dieser einen Bogen Papier und die Feder zur Hand.

»Ich werde Ihn verhören, und Er hat mir durchaus nur die Wahrheit zu sagen!«

»Werde es thun!«

»Herr Amtmann, hat Er hinzuzufügen! Wie heißt Er?«

»Werde es später sagen.«

»Herr Amtmann, heißt es! Warum nicht jetzt?«

»Habe meine Gründe.«

»Herr Amtmann! merke Er es sich doch einmal. Wo ist Er her?«

»Aus Dessau.«

»Herr Amtmann, soll Er hinzufügen, sage ich!«

»Donnerwetter, wenn Er so genau weiß, wer und was Er ist, warum soll ich es Ihm denn dann bei jedem Worte sagen?«

»Aha, Er ist ein renitenter Kerl, der nicht gestehen will, wie Er heißt! Da wollen wir kurzen Prozeß machen, und ich kann die Schreiberei sparen. Er ist in meinen Garten gestiegen?«

»Ja.«

»Und hat von meinen Pflaumen gegessen?«

»Ja.«

»Gesteht Er zu, daß dies gestohlen ist?«

»Meinetwegen; mir Alles egal!«

»So! Also weder Reue, noch Aussicht zur Besserung! Für seinen Einbruch in meinen Garten bekommt Er vier Tage Gefängniß im Orte, und zwar sofort und auf der Stelle. Darnach wird sich finden, wer Er ist, ich werde Ihn weiterliefern.«

»Ich habe höchstens ein halbes Schock Pflaumen gegessen, ich werde sie bezahlen.«

»Ah, Er hat Geld?«

»Ja.«

»Ich habe Ihm Alles abzunehmen, was Er bei sich führt. Zeige Er her!«

»Fällt mir nicht ein! Ich gebe Ihm einen Gulden für die Pflaumen.«

»Er hat keinen Gulden!«

»Weiß er das so genau? Da schaue Er her!«

Er zog eine wohlgefüllte Börse hervor und ließ ihren Inhalt klingen.

Die Augen des Amtmannes leuchteten auf.

»Woher hat Er das viele Geld?«

»Gestohlen nicht!«

»Das muß Er erst beweisen! Ein Landstreicher trägt keine solche Summe bei sich. Ich muß Ihn als dringend verdächtig festhalten. Zahlt Er zehn Gulden für Pflaumen, Arretur und Verhör, so kann Er gehen, wohin Er will!«

»Höre Er, Er ist doch ein ganz verdammter Hallunke! Von mir erhält er keinen rothen Heller. Stecke Er mich in Gottes Namen ein!«

»Dann vorwärts! Der Büttel ist nach der Stadt; ich werde Ihn selbst einsperren; das mit den zehn Gulden war natürlich blos ein juristischer Kniff, um zu sehen, woran ich mit Ihm bin. Er wird nicht eher wieder frei, als bis Er vollständig ausgewiesen ist.«

»Hat Er denn ein Gefängniß im Orte?«

»Ein eigentliches Gefängniß nicht. Er kommt bis zu seiner Abführung in das Spritzenhaus.«

Der vermeintliche Landstreicher schritt ohne Widerstreben voran, der Amtmann folgte, mit einem riesigen Schlüssel in der Hand, den er von der Wand genommen hatte.

Der Vormittagsgottesdienst, den heut Alles besuchte, was Zeit hatte, war bereits angegangen, darum fanden sie die Straße vollständig leer und gelangten an das im unteren Theile des Dorfes gelegene Spritzenhaus, ohne daß ihnen Jemand begegnet wäre. Der Amtmann hielt seinen Arrestanten für einen schwachen Greis und ahnte nicht das Mindeste von der Gefahr, in welche er sich begeben hatte. Er steckte den Schlüssel in das Schloß und öffnete.

»Hier; trete Er ein!«

»Er ist Amtmann; Er hat den Vortritt!« meinte der Andere. Sich hoch aufrichtend, faßte er ihn bei den Hüften und schleuderte ihn in den dunklen Raum hinein, der zur großen Hälfte von dem darin befindlichen Spritzkasten ausgefüllt wurde. Im Nu hatte er die Thüre in das Schloß geworfen, drehte den Schlüssel zweimal herum, zog ihn ab und steckte ihn ein.

»Werde Er nicht auch renitent, Herr Amtmann!« klang es unter lustigem Gelächter; dann schritt er davon.

Im Oberdorfe lag der Gasthof. Dorthin begab er sich.

Trotz des Gottesdienstes befanden sich einige Gäste hier, besonders Fremde, von denen das Ereigniß des heutigen Morgens eingehend besprochen wurde. Das ganze Dorf befand sich in Aufregung darüber, daß kein einziger der reicheren Bauerssöhne mit abgeführt worden war, und es wurden sogar die Summen genannt, welche der Amtmann für diese Ungerechtigkeit eingenommen hatte.

Im Laufe des Gesprächs kam Vieles zum Vorschein, was ein düsteres Licht über diesen Mann verbreitete, und als endlich erwähnt wurde, daß der Fürst benachrichtigt worden sei, sprachen Alle die Ueberzeugung aus, daß dieser ganz sicher wie ein Wetter dazwischen fahren und der Sache ein Ende machen werde. Leopold konnte so in aller Gemüthlichkeit vernehmen, wie beliebt er trotz seiner vielen Härten im Lande war.

So verging die Zeit, und der Gottesdienst war beendet. Da kam Einer und erzählte, daß der Amtmann im Spritzenhause eingeschlossen sei. Einige vorübergehende Kirchgänger hatten sein Rufen gehört und nach dem Schmiede geschickt, um das Schloß zu öffnen.

Jetzt war es Zeit für Leopold, den Ort zu verlassen. Als er das Freie erreichte, warf er den alten Hut von sich, strich sich die Farbe aus dem Barte und schritt in seiner gewöhnlichen energischen Haltung dem Walde zu, um zu den Seinigen zu gelangen.

Da kam ein Mann langsam ihm entgegen die Höhe herabgestiegen. Er kam ihm bekannt vor, und darum blickte er schärfer hin.

»Alle Teufel, der Seifensieder. Warte, dem werde ich gleich einmal nach dem Pulse fühlen!«

Er ging ihm entgegen. Der Mann erkannte auch ihn und blieb halten.

»Das ist ja der Werber von voriger Woche! Woher des Weges?«

»Hat Ihm kein Kerl begegnet, ungefähr in derselben Bekleidung wie die meine?«

»Nein. Warum?«

»Weil er mir einen ganz verteufelten Streich gespielt hat. Will ich da ins Dorf, um einen alten Bekannten zu besuchen, den ich wohl an die zehn Jahre nicht gesehen habe, und setze mich, dieweil es mir zu heiß wird, ein wenig in das Gras. Aus Unvorsichtigkeit ziehe ich auch meinen Rock aus und schlafe am Ende ein. Als ich erwache, ist mein Dreispitz weg sammt dem Rocke, und statt ihrer liegt hier dieser Gottfried dort. Der's gethan hat, muß ein Bettler oder Vagabund gewesen sein. Ins Dorf hinein ist er jedenfalls nicht; darum bin ich heraus, um seine Spur zu finden.«

»Es ist mir Niemand dergleichen begegnet. Aber da wir uns so zufälliger Weise begegnen, so könnte Er mir wohl sagen, ob Er vielleicht etwas von dem Hellbach gemerkt hat.«

»Hm!«

»Ja?«

»Hm!«

»So rede Er doch!«

»Und derweile geht mir mein Spitzbube verloren! Adieu!«

Er that, als ob er fort wolle; der Andere aber ergriff ihn am Arme.

»So bleibe Er doch! Sein Rock wird wohl noch zu ersetzen sein!«

»Wer soll ihn mir ersetzen? Doch, wohl Er nicht?«

»Warum nicht? Wenn Er mir gute Botschaft gibt, kommt es mir auf zehn Gulden nicht an.«

»Hat Er das Geld bei sich?«

»Ja.«

»Dann her mit den zehn Gulden!«

»Erst Sein Bericht!«

»Und dann kein Geld; das kennen wir! Adieu!«

»Halt! Hat Er ihn gesehen?«

»Erst das Geld!«

»Hier ist es. Aber nun will ich auch etwas hören!«

Der Fürst steckte die zehn Gulden schmunzelnd ein.

»Ich habe ihn gesehen.«

»Ists wahr?«

»Ja.«

»Und gesprochen?«

»Hm!«

»Na, heraus damit!«

»Hm!«

»Was will Er denn mit Seinem Hm?«[86]

»Daß ich ihn gesehen habe, macht zehn Gulden. Mehr Werth noch hätte es für Ihn, wenn ich ihn sogar gesprochen hätte?«

»Er ist ein Gauner und Erzschelm!«

»Kostet nun erst recht zehn Gulden, und wenn Er fortschimpft, macht es gar zwanzig!«

»Hier sind noch zehn. Nun ists aber ab!«

»Ich habe mit ihm gesprochen, und zwar öfters.«

»Was denn?«

»Ja, nun ists aber ab!«

»Ich soll doch nicht etwa noch zehn Gulden zahlen, um zu erfahren, was Er mit ihm geredet hat?«

»Das überlasse ich Ihm!«

»Er ist wirklich ein Spitzbube!«

»Soll ich Ihm sagen, für was ich Ihn halte?«

»Gut, Er soll Seinen Willen haben. Hier sind noch zehn Gulden; aber weiter bekommt Er auf keinen Fall etwas! Also, was hat Er mit ihm gesprochen? Was hat Ihm der Hellbach mitgetheilt?«

»Alles! Reinweg Alles!«

»Weiter!«

»Ja, weiter sage ich auf keinen Fall etwas!«

Es machte Leopold innerlich Spaß, den Mann gegen so gute Bezahlung förmlich auf die Folter zu spannen; dieser hingegen konnte nur mit Mühe seinen Aerger und die Begierde, etwas zu erfahren, verbergen.

»Er ist ein schlechter Mensch, ein Galgenstrick, den – – –«

»Schön; ich kann gehen; dann mag Er sehen, von wem Er etwas erfährt. Der Hellbach ist nur heut noch zu haben, und zwar auf die leichteste Weise, die es nur geben kann.«

»Ist das wahr?«

»Ich will zehntausend Jahre in der Hölle braten, wenn ich es nicht fertig bringe, ihn Euch heut noch zu verschaffen!«

»Jetzt glaube ich Euch! Ihr seid unser Mann! Ihr verdient Euch gern etwas und werdet ein gutes Geschäft machen. Der Hellbach muß verschwinden, versteht Er? Verschwinden auf immer und spurlos. Was will Er haben, wenn Er ihn uns heut bringt?«

»Was gibt Er?«

»Hundert Gulden!«

»Papperlapapp!«

»Ist das zu wenig?«

»Wie viel erbt die jüngere Linie oder Sein Orden, wenn er verschwindet?«

»Wer hat Ihm das gesagt?«

»Da sieht Er wenigstens, daß ich den Hellbach im Sacke und nach Allem ausgeforscht habe!«

»Ich gebe zweihundert.«

»Dafür bekommt Er wohl seinen Rock oder seine Stiefel, nicht aber seine Person. Die ist Millionen werth.«

»Er ist wirklich ein ganz hartgesottener Sünder!«

»Dankt Gott, daß ich das bin, denn sonst könntet Ihr kein Geschäft mit mir machen! Uebrigens brauche ich diese Reden nicht zu leiden. Lebe Er wohl!«

»Halt! Sage Er mir kurz und bündig, wie viel Er haben will!«

»Tausend Gulden. Jetzt die Hälfte und heut Abend die Hälfte, wenn ich ihn bringe.«

»Das geht nicht!«

»Warum nicht?«

»Es ist zu viel!«

»So sind wir fertig. Adieu!«

»Auch habe ich das Geld nicht bei mir.«

»So hole er es sich.«

»Ja, wo denn?«

»Das ist Seine Sache. Ich warte grad eine halbe Stunde.«

»Sechshundert gebe ich.«

»Tausend!«

»Siebenhundert.«

»Tausend!«

»Achthundert.«

»Tausend! Komme Er mir nicht noch mit neunhundert, sonst ist's ab!«

»Er geht also nicht herunter?«

»Keinen Heller!«

»Er ist ein Filz; doch soll Er das Geld haben! Ich kann Ihn gleich bezahlen; da sieht Er, daß Er um die andere Hälfte nicht besorgt zu sein braucht!«

»Werde sie mir schon holen!« lachte der Fürst, grimmig vergnügt.

»Hier hat Er! Sehe Er nach; es sind zehn Fünfzigguldenscheine!«

»Danke!«

»Nun hält Er aber auch Wort!«

»Der Teufel soll mich holen, wenn ich Euch den Hellbach nicht bringe!«

»Schön! Aber Er weiß ja noch gar nicht wohin!«

»Werde es wohl erfahren!«

»Kennt Er das Dorf hier?«

»Leidlich.«

»Es liegt ein herrschaftliches Gut darin.«

»Habe davon gehört.«

»Dorthin soll – – –«

»Halt, das ist mir zu gefährlich.«

»Warum?«

»Was Ihr vorhabt und was in dem Gute geschehen soll, brauche ich nicht zu wissen; aber ich will nicht dort gesehen sein, damit man mich nicht mit Euren Angelegenheiten in Verbindung bringt.«

Diesen Einwand hielt Leopold nöthig, um kein Mißtrauen zu erwecken.

»Wo soll ich ihn denn bekommen?«

»Punkt acht Uhr hier an diesem Orte.«

»Wird er auch mit mir gehen?«

»Sicher; Er ist ein guter Freund von mir, der ihm zur Flucht behülflich sein will.«

»Das geht.«

»Aber bringe Er die andern Fünfhundert mit.«

»Habe Er keine Bange; aber denke Er auch nicht, mich zu betrügen; ich kenne nämlich den Hellbach sehr genau.«

»Wenn ich spiele, so ist mein Spiel stets ein ehrliches. Abgemacht. Und säume Er nicht, denn ich bin nicht gewohnt, zu warten!«

Sie gingen aus einander. –

Am Nachmittage strich der Korporal einmal längs des herrschaftlichen Gartens hin. Anna hatte bereits von seiner Unwesenheit gehört, und da sie sich früher bei ähnlichen Veranlassungen im Garten gesehen hatten, so war sie herausgegangen, um ihn vielleicht zu treffen. Er erblickte sie und sprang zu ihr herüber.

»Anna, meine liebe, liebe Anna!«

»Komm hinter den Hollunder, damit uns Niemand sieht!«

Aber den ersten Kuß erhielt er doch noch vor dem Hollunder. Hinter demselben angekommen nahm sie der Korporal in seine Arme und frug:

»Kommst Du heut zum Tanz?«

»Am Nachmittage nicht, sondern nur zum Abend.«

»Warum?«

»Ich habe für den Abend viel vorzubereiten, denn wir bekommen das Gartenhaus voll Gäste.«

»Ah! Mußt Du da nicht bedienen?«

»Nein.«

»Das übernimmt wohl Dein Oheim?«

»Auch nicht. Ich weiß nicht, was es für Leute sind; aber er hat mir große Heimlichkeit anbefohlen. Es muß etwas Ungutes dabei sein, denn er überläßt sie sich selbst und geht mit unsern übrigen Gästen nach dem Saale. Erst später will er zu ihnen, wenn Alles schläft.«

»Darf ich dann mit Dir tanzen, wenn der Oheim dabei ist?«

»Thue es immer. Ich lasse mich nicht zwingen.«

»So will ich jetzt wieder gehen, da Du so nothwendig hast.«

»Ja, geh! Der Oheim hat so schlimme Laune, weil er heut von einem Strolche eingesperrt worden ist. Ich glaube, ich bin demselben auch begegnet; er sah gar nicht so bös aus, und doch hat er nach seiner Flucht einen Hut und einen Rock gestohlen, wie der Oheim erfahren hat.«

Der Korporal sprang wieder über den Zaun und schritt dem Walde zu; er hielt es für nohwendig, dem Fürsten zu melden, daß der Amtmann auf dem Saale zu treffen sein werde. –

Es war bereits dunkel, als es vom Thurme die achte Stunde schlug, und Niemand konnte die beiden Männer sehen, welche vom Walde her dem Dorfe zuschritten.

»Getraut Er sich also wirklich, allein mit dem Kerl zu gehen?« frug der Fürst.

»Warum nicht, Durchlaucht?« antwortete Hellbach. »Ich kann mich auf mich verlassen und weiß doch auch Ew. Hoheit in der Nähe.«

»Werde Ihn auch nicht massakriren lassen!«

Als sie die Stelle erreichten, wo Leopold die Unterredung mit dem angeblichen Seifensieder gehabt hatte, fanden sie denselben bereits ihrer harrend.

»Da ist Er ja. Sehe Er sich diesen Herrn einmal näher an!«

Trotz der Dunkelheit erkannte der Seifensieder den Gesuchten,[87] doch dieser auch ihn, freilich ohne es sich merken zu lassen.

»Der Herr Lieutenant von Hellbach!«

Jetzt nahm dieser das Wort.

»Er kennt meine Verhältnisse?«

»Ja.«

»Dieser Mann hier, der sich bisher freundlich meiner angenommen hat, hat Ihn als Führer empfohlen. Er wird von meinen Absichten unterrichtet sein und wir können also die Worte sparen. Vorwärts und adieu!«

Er reichte dem Fürsten die Hand.

»Adieu und viel Glück!«

Leopold hielt bereits die zweiten fünfhundert Gulden, welche ihm der Seifensieder zugesteckt hatte, zwischen den Fingern.

»Kein übles Geschäft! Soll mich verlangen, ob die Schufte noch mehr solches Papier haben. Kann es gut gebrauchen!«

Er wartete, bis die Schritte der Beiden verklungen waren und folgte ihnen dann vorsichtig. Als er nach einigen Minuten in den gutsherrlichen Garten kam, fand er das Gartenhäuschen bereits von seinen Soldaten besetzt. Die Thür war von innen verschlossen doch vernahm er deutlich die Stimme Hellbachs, obgleich er die einzelnen Worte nicht verstehen konnte. Er befahl zwei Mann herbei, um auf seinen Befehl den Eingang mit dem Kolben zu erzwingen.

Die Verhandlung dauerte über eine Viertelstunde; da erscholl drin ein vielstimmiger Schrei und gleich darauf von Hellbachs Stimme der donnernde Ruf:

»Herein!«

»Auf mit der Bude!« befahl der Fürst.

Zwei Kolbenstöße genügten, die leicht gearbeitete Thür zu sprengen. Leopold trat ein.

Der Raum war hell erleuchtet; die geschlossenen Läden ließen das Licht nicht nach Außen dringen. An mehreren Tischen hatten achtzehn Männer gesessen, die unter einer Ueberraschung aufgesprungen zu sein schienen und ihre Augen jetzt auf den Eintretenden richteten. Hellbach hatte in einer Ecke Schutz gesucht und hielt in der Linken einen Pack Papiere, während seine Rechte den Griff eines Messers umschloß.

»Keine Furcht, Ihr Brüder in domine,« rief der Seifensieder. »Dieser Mann ist der Werber, der ihn mir ausgeliefert hat.« Und sich auf Hellbach werfend, gebot er: »Also her mit den Dokumenten!«

»Halt!« donnerte da der Fürst. »Will Er Hallunke wohl Seine Hand von diesem Manne lassen? Habe ich Ihm nicht im ›wilden Manne‹ gesagt, daß Er sich eine Lauge einrühren werde, in der Er sich die Finger verbrennt? Hellbach, sage Er diesen Schurken, wer ich bin!«

»Durchlaucht, Fürst Leopold von Anhalt-Dessau!«

Sämmtliche Anwesenden erbleichten. Keiner wagte, ein Wort zu sagen.

»Was hat Er da für Papiere?«

»Jedenfalls die Beweise meiner Legitimität. Sie glaubten mich in der Falle und hatten den Hohn, sie mir zu zeigen. Dieses Gartenhaus scheint der Hauptversammlungsort der frommen Brüder zu sein, und dort der Schrank enthält das Archiv. Dieser Meister Seifensieder wurde Pater Provinzial genannt.«

»Ah, ich werde ihn bepatern, daß ihm sämmtliche Provinzen des deutschen Reichs blau auf den Rücken laufen!«

Er wandte sich zurück.

»Herein mit Euch!«

Im Nu füllte sich der noch freie Raum mit den Soldaten.

»Korporal Fritsche, die Stricke her! Jungens, bindet mir diese achtzehn Schufte, aber fest, und wenn die Haut platzt.«

»Durchlaucht, ich muß gegen ein solches Verfahren apelliren!« meinte jetzt der angebliche Seifensieder. »Wir sind nicht Unterthanen Ew. Hoheit, sondern – – –«

»Rrrruhe, Er Hallunk! Fritsche, wenn dieser Kerl oder ein Anderer noch einmal wagt, das Maul aufzuthun, so stößt Er es ihm mit dem Kolben zu! Ich wollte solchem Ungeziefer auch rathen, sich meine Unterthanen zu nennen! Lieutenant von Hellbach, wessen klagt Er sie an?«

»Der Fälschung und des Mordversuchs. In fünf Minuten hätte ich nicht mehr gelebt!«

»Schön, schön, ausgezeichnet! Das liefert sie mir an das Messer, denn dieser Versuch wurde innerhalb meines Landes gemacht, und ich bin ja selber Zeuge. Wurde auch gut bezahlt dafür. Die Brüder in domine haben sich doch einmal verrechnet und werden hängen Alle mit einander. Werde die Sache genau untersuchen. Ihr bleibt da, Jungens, bis ich wiederkomme. Vorwärts, Hellbach; wir haben noch ein Nest auszunehmen!« –

Unterdessen ging es im Saale des Wirthshauses recht lebhaft zu. Das Jungvolk drehte sich wacker im Kreise, und die Alten saßen im Nebenzimmer beim Biere, um zu politisiren und ganz besonders die Ereignisse des heutigen Tages zu besprechen.

Der Amtmann, welcher sich mit seinen Kirchweihgästen unter ihnen befand, war sehr kleinlaut. Er mußte auf manchem Gesichte eine schwere Anklage wegen seiner ungerechten Rekrutenaushebung lesen, und noch mehr als dies ärgerte ihn die Blamage, welche ihm heut der Bettler zugezogen hatte. Er suchte nach einem Gegenstande, an welchem er seinen Grimm auslassen könnte. Da fiel sein Blick durch die geöffnete Thür in den Saal, und sofort erhob er sich. Er hatte den Korporal Franke gesehen, welcher mit Anna tanzte. Auf das Paar zueilend faßte er seine Nichte und riß sie aus den Armen ihres Tänzers.

»Hast Du vergessen, was ich Dir befohlen habe? Fort nach Hause!«

Sofort schwieg die Musik, und die drehenden Paare standen still. Franke ergriff Anna von Neuem.

»Was fällt Ihm ein, Amtmann, mir meine Tänzerin zu nehmen! So lange ich mit ihr tanze, geht sie Ihm nichts an. Er wäre mir der Rechte, einen wohlgedienten Korporal seiner fürstlichen Durchlaucht öffentlich zu beschimpfen!«

»Ich werde Ihm beweisen, daß ich doch der Rechte bin, Er Grünschnabel! Ich werde ihm – – –«

Er hielt mitten in der Rede inne. Sein Blick war zufälliger Weise auf den Eingang gefallen und hatte dort den Bettler von heute morgen bemerkt. Dieser lehnte sich behaglich an den Pfeiler, ganz unbekümmert darum, daß sich der Dorfbüttel ganz in seiner Nähe befand.

»Halt, heda! Wer ist denn das?« frug der Amtmann ganz erstaunt darüber, daß der Mensch es wagte, hier zu erscheinen. »Das ist der Kerl, der mir heut entflohen ist, der Spitzbube, der Pflaumendieb! Polizei, bringe ihn doch einmal her!«

»Diesen da?« frug der Büttel auf den Fürsten deutend.

»Ja.«

»Dann vorwärts, Alter!«

Leopold ließ sich willig bis in die Mitte des Saales führen, wo der Amtmann stand.

»Wie kann Er es wagen, wiederzukommen, nachdem Er heut solche Schlechtigkeit verübt hat? Ich werde Ihm Seine Strafe verdoppeln. Er ist mir in den Garten gebrochen, hat mir die Pflaumen gestohlen, sich gar an mir vergriffen und ist dann entflohen. Auch den Schlüssel zum Gefängnisse hat Er gestohlen; ich werde Ihm vier Wochen diktiren!«

»Herr Amtmann, ich bin kein Dieb,« meinte Leopold kleinlaut.

»Nicht? Er gesteht nicht ein; das macht die Sache schlimmer!«

»Ich habe die Pflaumen von ihm zu bekommen!«

»Er? Von mir? Er hat wohl ein Rad zu viel im Kopfe?«

»Hat Er mir außer dem Pachte nicht jährlich einen halben Scheffel von jeder Obstsorte zu liefern? Die paar Pflaumen habe ich mir auf Abschlag genommen.«

Immer noch klang seine Stimme kleinlaut und demüthig. Der Amtmann blickte ihn erstaunt an.

»Er hält sich wohl gar für den Fürsten, he?«

»Nein,« donnerte da der Gefragte, indem er sich hoch aufrichtete und den alten Rock öffnete, unter welchem eine besternte Uniform sichtbar wurde; »ich halte mich nicht für ihn, sondern ich bin es wirklich, Er Erzschelm und Hallunke!«

Die Ueberraschung der Anwesenden und der Schreck des Amtmannes war unbeschreiblich. Leopold achtete gar nicht darauf, sondern fuhr fort:

»Er wollte mich heut zwingen, Ihn ›Herr Amtmann‹ zu tituliren. Schön, es soll geschehen! Ich habe meine ausgemergelten Felder gesehen; es ist aus mit Ihm, Herr Amtmann! Im Walde steht kein gescheidter Baum mehr; es ist aus mit Ihm, Herr Amtmann! Ich habe die Schwarzkittel in Seinem Gartenhause arretirt; es ist aus mit Ihm, Herr Amtmann! Ich werde seine Amtsführung und die Gemeinderechnungen prüfen; es ist aus mit Ihm, Herr Amtmannn! Er steckt die Armen ins Militär und läßt die Reichen frei; es ist aus mit Ihm, Herr Amtmann! Gefreiter Lange!«

Auf diesen Ruf marschirte der Genannte, hinter ihm seine Leute, zur Thür herein. Sie hatten still auf der Treppe und im Hause gestanden.

»Zu Befehl, Durchlaucht!«

»Dieser Mensch ist Sein Gefangener. Stecke Er ihn in das Spritzenhaus – hier ist der Schlüssel dazu – und stelle Er zwei Posten davor! Ab, vorwärts marsch!«

Der Amtmann war so niedergeschmettert, daß er keinen Laut von sich gab. Er sah sich verloren und wankte mit niedergesenktemHaupte zur Thür hinaus, welche die Soldaten hinter ihm streng besetzten.

»Korporal Franke!«

»Zu Befehl, Durchlaucht!«

»Er sieht, ich brauche einen neuen Amtmann! Will Er es sein?«

»Durchlaucht, ich weiß nicht, ob – – –«

»Maul halten! Er ist ein tüchtiger Kerl, und wo Er nicht durchkommt, wird Ihm Sein Vater mit Rath und That beistehen, abgemacht, basta! Hole Er mir einmal Seine Frau Amtmännin her!«

Der von diesem ungewohnten Glücke beinahe verblüffte Korporal brachte die erröthende Anna herbei.

»Will Sie ihn nehmen, Sie Blitzhexe, he?«

»Ja!« antwortete sie beherzt.

»Korporal, so gebe Er ihr auf der Stelle einen Schmatz! Eins, zwei, drei! So wars gut! Ich werde heut bei Seinem Vater bleiben, da können wir das Nöthige besprechen, vor der Hand aber lade ich mich zur Hochzeit ein; versteht Er mich? Ich bin Sein Pathe, und wenn ich so für Ihn sorge, darf Er mich nicht übergehen!«

Jetzt drehte er sich nach der Thür um.

»Herein mit den Rekruten!«

Die heut gepreßten Bursche traten ein.

»Ihr seid frei. Geht zu Euren Mädels!«

Unter beifälligem Jubel der ganzen Versammlung hatten sie sich im Nu zerstreut. Jetzt zog der Fürst den Zettel hervor, auf welchen Feldwebel Franke in Dessau seine Notizen gemacht hatte.

»Aufgepaßt! Die ich jetzt vorlese, haben vorzutreten!«

Alle Einundzwanzig waren anwesend und standen bald vor ihm.

»So! Also das sind die Himmelhunde, für welche die Söhne armer Leute büßen sollten? Euch soll ein hageldickes Donnerwetter reiten! Ich will Euch heut den Spaß nicht verderben; aber nächsten Sonnabend habt Ihr Euch in Halle zu melden, verstanden? Und wenn mir Einer fehlt, so stecke ich seinen Alten in die Montour oder den ersten besten männlichen Verwandten, der mir in die Hände kommt. Das thue ich, so wahr ich Leopold heiße! Jetzt aber, Kinder, macht wieder Musik und singt mir einmal dazu unsers Herrgotts Dragonermarsch!«

Dieser Befehl wurde mit unendlichem Beifalle entgegengenommen; die Musikanten setzten die Instrumente an, und nun erscholl ein brausendes »So leben wir, so leben wir,« allen voran die Stimme des Fürsten, der dann, gefolgt von Franke, Anna und den Soldaten, nach dem Takte der Melodie zur Thür hinausmarschirte.[90]

[Fußnoten]

1 Der ganze Vorgang ist geschichtlich wahr.


2 Auch dieser Vorgang beruht auf geschichtlicher Thatsache, obgleich es unmöglich ist, ihn vollständig wahrheitsgetreu zu erzählen.

Quelle:
Der Pflaumendieb. Humoristische Episode aus dem Leben des alten Dessauers von Karl Hohenthal. In: All-Deutschland! 4. Jg. Heft 1–3. Stuttgart (1879).Nr. 6, S. 91.
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