I.

Der Krautpopel

[7] Wenn man zu Anfange des vorigen Jahrhunderts auf der Straße von Oschersleben nach Halberstadt ging, hatte man einen ausgedehnten Wald zu durchwandern, in welchem man wohl allen möglichen Arten von Wild, selten aber einem Menschen[7] begegnete. Diese Forstung war sogar ein wenig verrufen, wohl meist der zahlreichen Wilddiebe wegen, und es wurde in der Umgegend als ein Beweis von Muth angesehen, wenn ein einzelner Mann sich entschloß, die Straße allein und ohne Begleitung zu durchwandern.

Heut gab es bereits am frühen Morgen drei solche muthige Personen, welche sich im Walde befanden; doch waren sie durch größere Entfernungen so von einander getrennt, daß Keiner von den beiden Andern etwas wußte und Jeder von ihnen glaubte allein zu sein.

Am Straßenrande saß ein junger Mann, der vielleicht in den ersten zwanziger Jahren stehen mochte. Er hatte seine riesigen, aber sehr wohl proportionirten Glieder bequem in das duftende Gras ausgestreckt und kaute behaglich an einem Stücke trockenen Brodes, zu welchem er hie und da einen Schnitt harten Bauernkäse zwischen die blanken Zähne schob. Seiner Kleidung nach mußte man ihn für den Sohn nicht ganz armer Bürgersleute halten; sie war sehr sauber und aus einem Tuche gefertigt, dessen Preis von einem Armen nicht bezahlt werden konnte. Seine Vertrauen erweckenden offenen Züge waren schön zu nennen; der klare muthige Blick seines tiefblauen Auges harmonirte sehr gut mit dem kraftvollen Körperbaue, und ein schelmischer, unternehmender, ja beinahe listiger Zug um die mit einem gut gepflegten Schnurrbärtchen geschmückten Lippen gab dem jugendlich frischen Gesichte einen Ausdruck, den eine Salondame vielleicht als pikant bezeichnet hätte.

Nicht auf der Straße, sondern tiefer im Walde schritt eine zweite Person zwischen den Bäumen dahin. Der Mann mochte am Ende der Zwanziger stehen. Er hatte zwar nicht ganz den riesigen Gliederbau wie der Vorige, doch hätte sein Kopf wohl immer noch um ein Beträchtliches über tausend Andere hervorgeragt. Die breitschulterige sehnige Gestalt stak in einem ziemlich abgetragenen grauen Tuchwammse, in eben solchen Hosen und in Stiefeln, deren Schäfte bis weit über die Kniee heraufgezogen waren. Das Gesicht war von der Sonne braun gebrannt und erhielt durch den scharfen strengen Blick der tiefschwarzen Augen und einen gewaltigen Zwickelbart einen höchst martialischen Ausdruck. Dieser Mann trug über der Schulter eine Büchse, an welcher ein Rehbock von seltener Größe hing.

Die dritte Person war eine ziemliche Strecke auf der Straße zurück. Es war ein Jüngling von vielleicht achtzehn Jahren, dessen Gestalt sich recht gut neben derjenigen der beiden Andern zeigen konnte. Er trug einen Knotenstock in der Hand und auf dem Rücken ein altes Ränzel, welches ihn nebst seinem ganzen Habitus als einen jungen Handwerksgesellen kennzeichnete, der sich auf der Wanderschaft befand.

Der Jäger mitten im Walde hielt mit rüstigen Schritten auf die Straße zu, welche er dann in der Richtung nach Halberstadt verfolgte. Er schien seine Gedanken mit irgend einem fesselnden Gegenstande zu beschäftigen, denn er bemerkte den seitwärts im Grase Liegenden nicht eher, als bis er ihn vollständig erreicht hatte. Da blieb er halten und musterte ihn mit einem Blicke, in welchem man zunächst einige Ueberraschung und dann ein sichtliches Wohlgefallen bemerken konnte.

»Guten Morgen, Freund,« grüßte er dann. »Was treibt man denn so früh da hier im Walde?«

Der Andere hatte den scharfen Blick lächelnd ausgehalten.

»Guten Morgen,« antwortete er. »Was ich treibe, das ist sehr leicht zu sehen.«

»Nun?«

»Ich ruhe mich aus und esse.«

»Donnerwetter, das sehe ich allerdings! Aber wer ist man denn?«

»Einer, der nicht ganz so neugierig zu sein scheint wie Er.«

Ueber das Gesicht des Fragers zuckte ein eigenthümliches Lächeln.

»Meint Er? – Meinetwegen! Aber der Mensch hat seinen Schnabel nicht blos für Brod und Käse, sondern auch zum Sprechen erhalten und dazu gehört bekanntlich, daß Rede und Antwort richtig zusammenklappen. Sieht Er das ein?«

»Ja.«

»Na, so antworte Er auch, wenn Er gefragt wird! Also, wer ist Er?«

»Hm! Wenn ich Ihm wirklich antworten soll, so muß Er etwas gescheidter fragen!«

»Alle Teufel! – Inwiefern denn, Er Grobian?«

»Was soll ich denn auf die Frage ›Wer?‹ antworten, he? Das Wort ist mir zu unbestimmt.«

»Ach so! Na, ganz Unrecht hat Er freilich nicht, und da will ich Ihm die Schlackwurst deutlicher vorkauen. Wo ist Er her?«

»Aus Oschersleben.«

»Was treibt Er für ein Metier?«

»Ich bin Lohgerber.«

»Mache Er mir nichts weiß, Er Himmelhund!«

Der Gerber konnte ein befriedigtes Lächeln nicht verbergen. Es zuckte beinahe schalkhaft über seine Züge, als er antwortete:

»Etwas weiß machen? Pah! Er scheint mir nicht der Kerl zu sein, wegen dem man sich die Mühe geben sollte, eine Lüge an den Mann zu bringen.«[8]

»Hoho! Sehe ich denn gar so vagabundisch aus?«

»Na und ob!«

»Himmelheiliges Bomben – man merkt es, daß Er es mit Kälber-, Schaf- und Ochsenschwarten zu thun hat! Er ist ja ein Grobsack der allerobersten Sorte!«

»Meinetwegen! Wie es in den Wald schallt, so schallt es wieder heraus.«

»Ach so! Bin ich etwa grob gegen Ihn gewesen?«

»Saugrob geradezu!«

»Kerl, sage Er mir das noch einmal, so schlage ich Ihm den Rehbock hier um die Ohren, daß Er Seinen Lohgerber für den Rammelsberg halten soll! Erkläre Er sich über meine Grobheit doch einmal deutlicher!«

»Ist es etwa fein und manierlich, wenn Er mich einen Lügner nennt?«

»Hat ein Lohgerber etwa solche feine weiße Hände wie Er da?«

»Ich bin Meister und lasse nur meine Gesellen und Lehrbuben arbeiten.«

»Alle Wetter, da ist Er ja ein verteufelt junger Meister und scheint sich nicht ganz schlecht zu stehen!«

Der Andere lachte wohlgefällig.

»Ja; wir haben was wir brauchen, und vielleicht auch noch ein Bischen mehr.«

»Darf man denn auch Seinen Namen wissen?«

»Warum nicht? Ich heiße Heinrich Silberling.«

»Hm, vertrakter Name! Habe ihn noch nicht gehört, als nur einmal in Bernburg, wo es auch einen Silberling geben soll.«

»Das ist mein Vater,« meinte der Gerber mit einem leichten Zucken seiner Bartspitzen.

»Sein Vater? Sapperlot! – So wäre Er ja ein Anhalter Kind?«

»Das bin ich auch. Ich bin erst vor einem halben Jahre nach Oschersleben gezogen.«

»Da schlagen doch gleich fünfunddreißigtausend Wetter in diese hundsföttische Geschichte. Das ist ja eine Nachlässigkeit, die ihres Gleichen gar nicht finden kann. Na, wartet nur, Ihr Hallunken, ich werde Euch schon lehren, die Augen besser aufzusperren!«

»Was denn? Auf wen raisonnirt Er denn eigentlich?«

»Auf meine We – – na, das braucht Er nicht zu wissen. Wohin will Er denn eigentlich jetzt? Vielleicht nach Halberstadt?«

»Nein, sondern nach Quedlinburg.«

»Da muß Er doch über Halberstadt.«

»Fällt mir gar nicht ein!«

»Warum?«

»Wenn Er mich ansieht, so kann Er es sich denken.«

»Werde mir Seinetwegen den Kopf nicht zerbrechen. Also, heraus damit!«

»In Halberstadt sitzt der Dessauer mit seinem Musterregimente.«

»Und was hat dies mit Ihm zu schaffen?«

»Sehr viel. Oder weiß Er nicht, daß dieser Spitzbube keine größere Freude hat, als wenn es ihm gelingt, einen Mann von meiner Größe für sein Regiment wegzuschnappen?«

»Wer? Wie sagt Er? Dieser Spitzbube? Mensch, sagt Er das noch einmal, so werde ich Ihn bespitzbuben, daß – aber, das geht mich ja gar nichts an; das ist mir ganz und gar egal. Aber lasse Er es nur keinen Andern hören, sonst könnte Er gewaltig in die Käse fliegen. Also nach Halberstadt will Er nicht?«

»Nein. Ich lasse es links liegen.«

»Und was hat Er in Quedlinburg zu suchen?«

»Ich muß zu einem alten Pathen, der auf dem Sterben liegt und mich noch einmal sehen will. Er hat keine Verwandte und wird mich wohl im Testamente bedenken wollen.«

»Gratulire! Er ist glücklicher als andere Leute. Mir zu Liebe holt der Teufel keinen alten Pathen, der auf den löblichen Gedanken kommt, mir seinen Geldsack aufzuzwingen.«

»Glaube es Ihm. Nach großen Geldsäcken sieht Er allerdings nicht aus!«

»Nach was denn, he, wenn ich fragen darf?«

»Hm, Er ist doch wohl nichts Anderes, als ein armer Dorfspitz, der sich hinter dem Rücken des gnädigen Herrn einen Braten gemaust hat. Nicht?«

»Ein Dorfspitz, also ein Büttel? Braten gemaust? Heiliger Ladestock, ich möchte Ihm den Spitz – aber ein gutes Auge hat Er, das muß man sagen. Will Er mir wohl einen Gefallen thun?«

»Warum nicht?«

»Kehrt Er vielleicht in dem Kruge ein, der da vorn an der Straße liegt?«

»Möglich.«

»So sei Er so gut und verrathe Er mich dort nicht. Er braucht mich ja gar nicht in das Maul zu nehmen. Wenn es herauskäme, daß ich mir den Bock geholt habe, so käme ich um mein Amt und müßte ein paar Jährchen brummen. Und dazu habe ich ebensowenig Lust, wie Er zu den Soldaten.«

»Werde von Ihm gar nicht reden. Aber, weiß Er nicht vielleicht, ob der Dessauer gerade jetzt in Halberstadt anwesend ist?«

»Warum?«

»Darum! Meines Geschäftes wegen.«

»Wie so?«

»Weil man jetzt so gar nicht weiß, woran man ist. Der[9] schwedische Karl ist in Sachsen eingefallen, hat den dortigen Kurfürsten besiegt und ihn im Altranstädter Frieden gezwungen, die polnische Königskrone herzugeben. Der König von Preußen hat Alles in Kriegsbereitschaft gesetzt, und der Dessauer –«

»Der Spitzbube, wie Er ihn vorhin nannte, Er Schwerenöther,« fiel ihm der Dorfbüttel in die Rede.

»Thut nichts. Er ist ja auch ein Spitzbube, denn er maust im Lande wie ein Rabe nach groß gewachsenen Leuten herum. Also, der Dessauer steht in Halberstadt auf dem Sprunge nach Sachsen hinüber, und dennoch spricht man davon, daß Karl der Zwölfte und unser König eine geheime Friedensunterhandlung im Sinne führten. Das gibt natürlich eine Ungewißheit, unter welcher alle Geschäfte leiden. Und darum frug ich Ihn nach dem Dessauer. Ist er bei seinem Regimente in Halberstadt, so deutet dies auf Krieg; befindet er sich aber in seiner Residenz zu Dessau, so gibt dies Hoffnung auf Frieden.«

»Er ist ja ein ganz außerordentlicher Diplomat, und ich bekomme einen ganz heillosen Respekt vor Ihm. Der Spitzbube ist in Halberstadt; das kann ich Ihm ganz genau sagen, denn ich selbst habe ihn noch gestern Abend dort gesehen. Nehme Er sich nur in Acht, daß er Ihn nicht am Ende auch wegfischt und unter seine Buntröcke steckt. Das Maß hat Er ja wohl, nicht? Ich glaube, daß der Dessauer noch niemals einen Flügelmann von Seiner Größe gehabt oder auch nur gesehen hat. Stelle Er sich doch einmal in die Höhe!«

Der Andere folgte bereitwillig dieser Aufforderung, und der Büttel rief ganz erstaunt:

»Tausend Schock Element. Er ist ja noch größer, als ich vorhin dachte. Er muß ja seine sieben Fuß haben. Himmel Kreuz Bataillon, wenn Ihn der Dessauer zu sehen bekommt, so ist Er geliefert. Nehme Er sich in Acht!«

»Wird mir nicht viel anhaben, Euer General Schockschwerenöther.«

»Oho! Inwiefern?«

»Wer mich packen wollte, den würde ich zu Mehl zerreiben.«

»Nur sachte, sachte, sachte. Sein Maul ist ja noch fünf mal größer als Er selber. Er thut wahrhaftig, als ob Er der lange Seeström in eigener Person wäre!«

»Der lange Seeström? Wer ist das?«

»Der größte, stärkste und brävste Offizier, den es gibt. Er dient bei dem schwedischen Karl, der große Stücke auf ihn hält. Also, ich bitte Ihn, mich dort in dem Kruge nicht zu verrathen. Hat Er es kapirt?«

»Ja.«

»Gut. So sind wir fertig. Lebe Er wohl!«

»Guten Appetit zu dem Bocke, den Er geschossen hat!«

Diese Worte waren mit einer Betonung gesprochen, die den Büttel veranlaßte, sich noch einmal umzudrehen.

»Was für einen Bock hat Er da gemeint?«

»Hat Er denn noch einen andern als diesen geschossen?«

»Hm! Seine Rede klang mir beinahe etwas anzüglich, und das hätte ich mir allerdings sehr streng verbitten müssen.«

»War gut gemeint. Nun aber mache Er, daß Er fortkommt, sonst wird Er trotz meiner Verschwiegenheit erwischt und als Wilddieb eingesperrt!«

»Hopp, hopp! Habe meine Arme und Beine nicht umsonst in den Leib gesteckt bekommen.«

Damit verschwand der Mann mit dem Bocke zwischen den Bäumen des Waldes. Der Lohgerber legte sich behaglich wieder nieder.

»Ich thue also, als ob ich der lange Seeström sei, hahahaha! Und der da ist ein Dorfspitz, der sich einen Bock gestohlen hat! Man müßte dieses Gesicht und diesen Zwickelbart nicht kennen! Und verrathen soll ich ihn nicht dort in dem Kruge. Ich wette meinen Goldfuchs gegen ein Heupferd, daß er jetzt im Gegentheile geradewegs nach dem Kruge läuft, um seinen Rekrutenfängern zu sagen, daß sie mich packen sollen. Danke für Knoblauch im Quarke!«

Wirklich hielt sich der Büttel nicht allzulange im Walde, er trat nach einiger Zeit wieder auf die Straße heraus, welche er mit raschen Schritten verfolgte, bis er an ein Häuschen gelangte, über dessen Thür ein Tannenzweig andeutete, daß man hier einkehren könne. Er trat in die niedrige, halb dunkle Gaststube. Es waren nur zwei Tische vorhanden. Der eine stand leer, und an dem andern saßen vier Männer, welche würfelten. Der Wirth hockte in der Ecke auf einem niedrigen Schemel.

Der Eingetretene warf den Bock zur Erde, lehnte die Büchse an die Wand und setzte sich an den leeren Tisch.

»Hollah Wirthshaus! Schläfst Du etwa?«

»Geht Dich wohl nicht viel an, Bursche!«

»Meinst Du? Na, friß mich nur nicht! Hast Du ein Bier hier in Deiner alten Bude?«

»Ja.«

»Aber was es taugen wird!«

»Es ist mehr als gut genug für Dich und Deinesgleichen.«

»Bist wahrhaftig nicht auf das Maul gefallen, Alter! Ist es Broihahn?«

»Ja.«

»So schaffe einen Krug, aber ohne Zucker und Zitrone!«

Der Wirth brachte das Verlangte. Indem er es auf den Tisch setzte, frug er:

»Woher des Weges?«

»Das siehst Du ja: aus dem Walde.«

»Bist wohl Forstknecht?«

»Fällt mir nicht ein!«

»Ah! Du hast also die Büchse zum Vergnügen?«

»So ähnlich.«

»Und wagst Dich hierher in den Krug?«

»Warum nicht? Oder gibt es hier Menschenfresser?«

»Nicht ganz, aber ziemlich. Siehe Dir einmal hier diese Leute an!«

Er zeigte nach den Vieren am andern Tische. Der Büttel blickte gleichgiltig zu ihnen hinüber. Er verzog keine Miene, als sich zwei von ihnen erhoben und zu ihm traten.

»Warum?« frug er.

»Es sind Freunde von Rehböcken und solchen Kerlen wie Du bist. Mußt einen allerliebsten Grenadier abgeben, Bursche!«

»Meinst Du? Bin zu alt dazu?«

»Noch nicht. Versuche es einmal!«

»Hätte längst versuchen können, habe aber keine Lust dazu.«

»Papperlapapp, keine Lust!« meinte einer der Nahegetretenen. »Hat man den Rock an, so kommt die Lust ganz von selber. Höre, sieh einmal her, was ich Dir zeige! Es ist ein hübsches Sümmchen, aber es ist Dein, wenn Du Dir einen Dreispitz aufsetzen läßt!«

»Pech und Schwefel! So seid Ihr also Werber! Für wen arbeitet Ihr?«

»Für den Dessauer.«

»Der wird seine helle Freude an Euch haben!«

»Wie so?«

»Weil Ihr wahre Wunder von Gescheidtheit seid. Wäre ich der Dessauer, so ließ ich Euch durchfuchteln, daß Euch die Wolle platzte. Ist das eine Manier, einem Fremden gleich im ersten Augenblicke zu sagen, wer man ist und was man will! Gibt Euch der Dessauer nicht genug Moos, daß Ihr so einem Vogel erst zutrinken könnt, bis er Euch von selbst in die Arme fällt? Wo ist Korporal Waldow, der diese Station kommandirt?«

Sie machten größere Augen als vorher, und Einer antwortete:

»Draußen im Stalle.«

»Herein mit ihm!«

Das klang so gebieterisch, so unwiderstehlich, daß der Genannte unwillkürlich gerufen wurde. Er trat ein. Kaum hatte er den Büttel erblickt, so warf er sich in jene stramme unbewegliche Haltung, welche die militärische Disziplin einem hohen Vorgesetzten gegenüber vorschreibt. Die andern Vier folgten sofort und erschrocken seinem Beispiele.

»Korporal Waldow, weiß Er, was Er ist?«

»Zu Befehl, Durchlaucht Excellenz!«

»Nun was denn?«

»Korporal der ersten Kompagnie von Ew. Durchlaucht Regiment Anhalt-Dessau.«

»Das ist seine Charge; Er selbst aber ist etwas ganz Anderes, nämlich ein ganz gewaltiger Esel, ein Ochse, wie er gar nicht dümmer vorkommen kann!«

Der Korporal antwortete nicht. Er war bleich geworden, blickte aber dem Fürsten fest in das Auge, wie es Vorschrift war.

»Nun rede Er!«

»Excellenz, ich kann nicht.«

»Wie? Was? Ich übergebe Ihm eine Werbestation, und Er behauptet, nicht reden zu können! Warum kann Er nicht reden, he?«

»Ein Esel schreit, und ein Ochse brummt, Durchlaucht Excellenz; reden aber können Beide nicht!«

»Heiliges Sternhagel-Kreuz-Millionen-Schloßen- und Bombenwetter! So wagt Er Hallunke mir zu kommen! Ich trete Ihn mit Seinen eigenen Beinen in die Wolken, Er Hundsfötter, Er! Wie kann Er es wagen, in dieser Weise zu reden, he!«[10]

»Excellenz haben mich bei Namur gesehen, dann bei Kaiserswerth, Venloo, Stephanswerth und Roermonde, nachher bei Höchstädt, am Oglio, bei Cassano und Turin, bei Novara, Mailand, Pizzighettano und so weiter. Da haben der Herr General niemals zu mir gesagt, daß ich ein Esel oder Ochse sei!«

Die finstere Stirn des Fürsten klärte sich wieder auf.

»Hm, ja! Er ist ein Dessauer Kind, hat mich auf allen meinenFeldzügen begleitet und stets seine Pflicht gethan. Aber warum nimmt Er diese Schafsköpfe nicht besser in die Schule!«

»Sie sind von den neuen, aus Brandenburg gesandten Leuten, Excellenz. Für ihre Köpfe kann ich nicht. Lieutenant von Hallau hat sie mir gegeben, weil ich hier nur Leute gebrauchen kann, die der Bevölkerung der Umgegend noch nicht als Soldaten bekannt sind.«

»So hat Er ja den Ladestock. Das ist das beste Mittel, ein zusammengedorrtes Gehirn aufzuweichen. Mit ihm macht man einen Brandenburger Ochsen in vierzehn Tagen zum Professor der[25] Weltweisheit. Merke Er sich das, sonst probire ich dieses Experiment an Ihm selber. Doch, jetzt höre Er: In einigen Minuten wird ein Kerl vorüberkommen, den ich haben muß. Er ist gewachsen wie eine Eiche und gibt einen Flügelmann, der sich gewaschen hat. Kehrt er ein, so nehmt Ihr ihn hier, will er aber vorüber, so faßt Ihr ihn draußen. Er spricht, daß er ein Lohgerber aus Oschersleben sei und nach Quedlinburg wolle. Ich glaube es ihm aber nicht. Vielleicht gibt er sich bei Euch für etwas noch Anderes aus. Verstanden?«

»Zu Befehl, Durchlaucht.«

»Wenn Er ihn fest hat, so bringt Er ihn mir selbst nach Halberstadt, und hier den Bock dazu, den ich geschossen habe. Der Kerl ist stark genug; er mag ihn tragen. Fangt Ihr mir den, so will ich ein Auge zudrücken über die Dummheit von vorhin. Damit Gott befohlen!«

Er trank sein Bier aus, warf dem Wirthe ein Geldstück hin und verließ den Krug. –

Der zurückgebliebene Lohgerber erhob sich um dieselbe Zeit aus dem Grase; aber statt seinen Weg auf der Straße fortzusetzen, trat er in den Wald und schlug die Richtung quer durch denselben nach Quedlinburg ein.

Unterdessen war der junge Handwerksbursche näher gekommen. Er erreichte den Krug, ohne Jemanden begegnet zu sein. Er war vielleicht von einem langen Wege ermüdet, denn er trat ein und ließ sich auf demselben Stuhle nieder, auf welchem kurz zuvor Fürst Leopold gesessen hatte. Außer dem Wirthe befand sich nur der Korporal jetzt in der Stube; er schien von dem Eingetretenen nicht die mindeste Notiz zu nehmen. Dieser öffnete seinen Ranzen und zog eine mächtige Blutwurst hervor, welche er ohne Brod zum Munde brachte, dessen Zähne einer solchen Arbeit wohl gewachsen zu sein schienen. Dazu ließ er sich ein Glas Bier geben.

»Schmeckts?« frug der Wirth.

Der Gefragte nickte. Er hatte von der Wurst ein solches Stück abgebissen, daß er unmöglich antworten konnte.

»Woher des Weges? Wohl von Oschersleben?«

Der Esser nickte zum zweiten Male.

»Und wohin des Weges? Gewiß nach Halberstadt!«

Ein drittes Nicken erfolgte.

»Was ist man denn?«

Da erfolgte die erste hörbare Antwort:

»Sieht Er das nicht, Er Rhinozeros? Ein Handwerksbursche!«

»Hm, Er scheint unter dem wilden Viehzeuge sehr bewandert zu sein! Was hat Er denn für ein Metier gelernt, he?«

»Bürstenbinder.«

»Glaube es! Grob genug ist Er dazu, und das Saufen hat Er auch gelernt. Schlingt dieser Kerl einen solchen Doppelkrug voll Braunbier in einem einzigen Zuge hinunter! Wo ist man denn geboren, he?«

»Im Bette!«

»Alle Wetter, ich will es glauben, daß es nicht auf der Kirchthurmspitze geschehen ist. Aber ich möchte doch gern wissen, für was für einen Landsmann man Ihn zu halten hat!«

»Ich bin ein Lappländer.«

»Das sieht man an den Wurststücken, die Er losreißt und hinunterlappt! Er hat ein Gefälle wie eine Bulldogge.«

»Wenn Er sich so gern um mein Gefälle kümmert, so sehe Er zu, daß der Krug nicht in alle Ewigkeit leer stehen bleibt, sonst fahre ich Ihm mit meinem Knotenstocke zwischen die Beine, daß sie in Bewegung kommen!«

»Hm, Er ist noch ein junger Kerl, aber man kann von Ihm viel lernen. Zum Balletmeister hat Er kein Talent!«

Er brachte das Bier und ließ sich neben dem angeblichen Bürstenbinder nieder.

»Ist Er nicht vor ganz kurzer Zeit bereits einmal Lohgerber gewesen?«

»Lohgerber? Nein. Aber ich kann es gleich werden.«

»Wie so?«

»Wenn Er mir noch einmal mit einer solchen albernen Frage in die Quere kommt, so gerbe ich Ihm das Fell, daß das Pergament in Fetzen davonfliegen soll!«

»Auch nicht übel! Er hätte ganz bedeutende Anlagen.«

»Wozu?«

»Zum Adjutanten bei Fürst Leopold oder zum Beichtvater bei dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm.«

»So? Hm! Warum?«

»Weil dies die beiden gröbsten Kerle sind, die es gibt.«

»Sage Er ihnen dies einmal selber, Er Lausewenzel, Er!«

»Mag von dieser Ehre gar nichts wissen! Na, na, nehme Er sich nur Zeit. Weiß Gott, der Doppelkrug ist schon wieder leer!«

»Mache Er ihn voll!«

»Das wollte ich wohl, aber hat Er denn auch Geld?«

»Will Er wohl auf der Stelle einschenken, oder soll ich nachhelfen?«

Bei diesen Worten griff er zum Knotenstocke.

»Dummheit! Lege Er seinen Knüppel weg! Hier zu Lande gibt es schon noch Leute, die sich von einem Lappländer oder einem Lappisten nicht zu fürchten brauchen. Wenn Er Geld hat, werde ich Ihm einschenken, sonst nicht. Zeige Er Seinen Beutel her!«

»Erst den Stock, dann das Bier, und zulegt den Beutel!«

Mit diesen Worten holte er aus, und zog dem Wirthe den Stock mit einem kräftigen Jagdhiebe über den Rücken. Der Getroffene sprang auf und wollte ihn fassen, merkte aber sofort, daß er seinen Meister gefunden hatte, denn der blutjunge Mensch packte ihn bei den Hüften, hob ihn empor und schleuderte ihn zur Erde, daß Alles krachte.

»Waldow, zu Hilfe!« rief der Wirth.

»Schon da!« antwortete der Korporal.

»Zurück!« gebot der Handwerksbursche und hielt den Knotenstock zum Schlage bereit.

»Gibt es nicht bei mir, mein Junge. Wirst wohl folgen müssen.«

Der ebenso gewandte wie starke und in so vielen Schlachten gestählte Korporal griff zu, erhielt zwar einen Hieb, den er nicht zu pariren vermochte, hatte aber im nächsten Augenblicke seine Arme so um den Jüngling geschlungen, daß dieser trotz aller Anstrengung sich kaum zu regen vermochte.

»Herein, Leute!« rief er dabei.

Die Nebenthür öffnete sich, und die vier Werber traten ein.

»Wir haben ihn. Gebt ihm den Hut auf den Kopf und das Aufgeld in die Tasche!«

Sie setzten dem Handwerksburschen den Dreispitz auf und steckten ihm einige Münzen zu. Jetzt ließ ihn der Korporal los, entriß ihm aber vorher den Stock.

»So, mein Bürschchen; weißt Du nun, wie viel es geschlagen hat?«

Der Gefragte zeigte nicht die mindeste Ueberraschung. Er antwortete sehr ruhig:

»Zwölfe.«

»Richtig zwölfe hat es geschlagen. Wir sind Werber im Dienste Seiner Durchlaucht, des Herrn Generals der Infanterie Fürst Leopold von Anhalt-Dessau. Du bist jetzt unser, Dein Stock ist mein, und er kommt nur dann erst in Anwendung, wenn Dir beikommen sollte mir Widerstand zu leisten.«

»Kerl, hast Du Arme. Die sind ja von Eisen!«

»O, mit so einem Jüngelchen wird man schon fertig. Aber merke Dir: Mit dem Du ist es nichts. Ich bin der Herr Korporal Waldow und werde Er genannt!«

»Schön, Herr Korporal; ich werde Ihn genügend respektiren.«

»Na, Er scheint ganz gute Anlagen zur Subordination zu besitzen und sich in sein Schicksal ergeben zu wollen.«

»Das thue ich auch. Es ist ja nicht mehr zu ändern.«

»Bravo! Es gibt keinen bessern Rock, als den des Königs. Wenn Er die Kleinigkeit von zwölf bis fünfzehn Jahren abgedient und seinen Dienst absolvirt hat, kann Er gar einmal Korporal werden, so wie ich. Er sieht, daß ich seine Willigkeit anerkenne, denn ich nenne Ihn jetzt noch Er, was allerdings anders wird, sobald Er eingekleidet ist. Er wird jetzt auf der Stelle nach Halberstadt transportirt. Entscheide Er, ob Er mir gutwillig und ohne Fluchtversuch folgen will, oder ob ich Ihn binden soll?«

»Ich gehe freiwillig mit.«

»Freut mich. Aber gedenke Er ja nicht mich anzuschmieren. Diese vier Männer werden uns begleiten, und ein Entkommen ist also unmöglich. Sobald Er versucht uns durchzubrennen, wird Er geschlossen und als Deserteur betrachtet, welcher Spießruthen laufen muß. Ich meine es gut mit Ihm, also bedenke Er sein Wohl.«

»Werde gehorsam sein, Herr Korporal. Aber sagt mir, an welchen Offizier ich abgeliefert werde.«

»Ich habe Ihn an Durchlaucht selbst abzugeben. Aber fürchte Er sich nicht. Der Fürst ist ein Kerl wie ein Kind. Er kann mit ihm reden wie mit einer gebackenen Aepfelfrau. Jetzt aber müssen wir einmal sehen, was Er in seinem Tornister hat.«

»Da wird der Herr Korporal nicht viel finden, was er brauchen kann.«

»Das versteht sich ganz von selber. Wir sind ehrliche Werber, aber keine Straßenräuber. Was Seine ist, das bleibt auch Seine. An seinem Eigenthum vergreifen wir uns nicht, und wenn Er tausend Thaler im Felleisen hätte, was Ihm aber nicht einfallen wird.«[26]

Der Rekrut lächelte. Der Korporal untersuchte das Ränzel. Er brachte zunächst ein mächtiges Stück Schinken und dann eine Brieftasche und einen Beutel zum Vorschein. Er beroch den Schinken und nickte.

»Vorzüglich! Aecht aus Westfalen! Da könnte Er mir ein Stück losschneiden!«

»Der Herr Korporal kann ihn ganz behalten!«

»Danke! Man sieht schon jetzt, daß Er ein tüchtiger Grenadier wird, mit dem seine Herren Vorgesetzten zufrieden sein werden. Aber, alle Wetter, ist der Beutel schwer! Was ist darin, he?«

»Sehe Er nur immer hinein!«

Der Korporal öffnete.

»Donnerwetter! Was ist denn das? Gold, reines pures Gold, lauter Goldstücke! Kerl, wo hat Er sie her?«

»Von meinem Vater als Reisegeld.«

»Schnikschnak! Ein Bürstenbinder kriegt nicht so viel als Reisegeld mit. Wie viel ist es denn?«

»Grad tausend Thaler.«

»Tausend Thaler? Himmel Heiland! Kerl, Er hat das Geld doch nicht etwa gar gestohlen?«

»Warum nicht gar!«

»Hm! Er sieht mir allerdings auch nicht wie ein Spitzbube aus. Und was ist in der Brieftasche?«

»Sehe Er hinein!«

Der Korporal zog zunächst einige Papiere hervor.

»Was sind das für Wische? Das ist ja eine fremde Sprache!«

»Es ist Latein und Französisch.«

»Versteht Er das?«

»Ja.«

»Sapperlot, dann ist Er ja ein verdammt gescheidter Bürstenbinder! Na, ich sehe schon, daß Er Karrière machen wird. Vielleicht bringt Er es bereits in zehn Jahren zum Korporal. Nun weiter, hier! Das ist doch, hol mich der Teufel, schon wieder Geld, Papiergeld die schwere Menge! Wie viel ist das, he?«

»Neuntausend Thaler.«

»Neun – tau – – send – – – Tha – – – – ler!« rief der Korporal, die Hände zusammenschlagend. »Ein Bürstenbinder, ein Handwerksbursche, und zehntausend baare Thaler im Ranzen? Verdammter Kerl, Er ist ein Räuberhauptmann!«

»Meinetwegen! Uebergebt das Gelb dem Fürsten. Er mag untersuchen, ob ich ein Räuber bin.«

»Ja, das werde ich. Der Ranzen wird mit zehn Siegeln versiegelt. Er hat wohl auch in der Tasche Geld?«

»Ein wenig.«

»Zeige Er es her!«

Der Rekrut zog einen langen, zweizugigen Beutel hervor und gab ihn hin. Der Korporal schüttete den Inhalt auf den Tisch und zählte ihn.

»Gold und Silber! Dreihundert und vierundsechzig Thaler, neunzehn Groschen und elf Pfennige zusammen! Mensch, wo hat Er das Geld her? Gestehe Er es!«

»Von meinem Vater!«

»Na, dieser Vater wird wohl noch herauszubekommen sein! Ich werde Ihn doch noch binden müssen.«

»Ist nicht nothwendig.«

»Ist sehr nothwendig. Solche gefährliche Subjekter läßt man nicht frei in der Welt herumlaufen. Uebrigens hat Er hier den Rehbock zu tragen.«

»Ich? Fällt mir gar nicht ein!«

»Fällt Ihm recht sehr ein, merke Er sich das! Wenn Er sich weigert, setzt es fürchterliche Keile. Mit Ihm wird kein Federlesens gemacht!«

Der Beutel wurde mit in den Tornister gethan und dieser wirklich versiegelt. Der Rekrute erhielt ihn auf den Rücken geschnallt, seine Hände wurden gefesselt, und nachdem man ihm den Rehbock über die Schulter gehängt hatte, setzte sich der Zug in Bewegung.

Unterdessen war Fürst Leopold in seinem Quartiere zu Halberstadt eingetroffen. Er fand im Vorzimmer mehrere Offiziere, welche sich zum Rapporte eingefunden hatten, und auf seinem Schreibtische einige Briefe, welche er sofort öffnete, um sie zu lesen. Der eine war mit dem königlichen Privatsiegel versehen. Leopold hob ihn bis zuletzt auf und hatte dann außerordentliche Mühe, die sehr unleserliche Schrift zu entziffern. Schreiben und Lesen gehörten für ihn zu den größten und verhaßtesten Anstrengungen. Hier war diese Anstrengung eine doppelte, und nur mit Hilfe einiger hundert Kernflüche brachte er es endlich fertig, den Brief zu lesen. Er lautete mit Auslassung des Datum:


»An Unßern Liebwerten, treyen und besunderbahrlich geehrten General Leopold, Fürsten und Herren von Anhalt-Dessau etc. zu Halwerstatt.

Ew. Lübden diene vürdersammst zur Nachriecht, das Wier in Hult Ewer gedenken, zumahlen die politischen Konstellazionen sich dermaaßen präsentuiren, das Wier Unß Ewrer Hülfe zu getrößten gedenken.

Maaßen wir Unß veranlaßt sehen, Unßern vielliewen Son, den Kronprinßen Friedrich Wilhelmus Euch nag Halwerstatt zu senden, damiet Ew. Lübden des Näheren von Ihme selpst müntlich in Erfarung bringen sol. Wolen auch Ew. Lübden sich so fort auff Seyne Ankunft forbereidten, da Er nuhr kurtze Zeidt nach Dießem bei Euch eintreffen wirdt.

Indeme Wier Unß des Beßten von Euch versehen, hofen wier daß beßte Gelingen und versiechern Euch Unßerer ganz besonderbaren, gnädigen Freundschaft und Neigung, um zu seyn

Ewer Bruder und König Friedrich.«


Die Lektüre dieses sonderbar orthographisirten Schreibens brachte eine sehr schnelle Wirkung hervor. Er eilte an die Thür und öffnete sie. Die Herren da draußen waren in einer halblauten Unterhaltung begriffen.

»Ruhe!« donnerte er. »Seine Königliche Hoheit, der Kronprinz Friedrich Wilhelm treffen heut zum Besuch hier ein. Das Regiment exerzierbereit und paradefertig halten, sonst soll Euch alle der Teufel holen. Jetzt eintreten zum Rapport. Aber kurz machen. Habe keine Zeit, mich mit Lappalien abzugeben!«

Was noch niemals geschehen und bei seiner militärischen Strenge ein wirkliches Ereigniß war, er hatte die Uniform anzulegen vergessen und nahm den Rapport in demselben Habite entgegen, welches er draußen im Walde getragen hatte. Noch aber waren kaum zehn Minuten vergangen, so wurden die Herren durch den Diensthabenden gestört, welcher einzutreten wagte, obgleich dies nur bei außerordentlichen Veranlassungen gestattet war.

»Was will Er?« fuhr ihn Leopold, erzürnt über die Störung an.

»Excellenz verzeihen! Der Korporal Waldow ist draußen und sagt – –«

Sofort fiel ihm der Fürst in die Rede.

»Der Waldow? Ist er allein?«

»Nein. Er hat vier Mann Begleitung bei sich, um Ew. Durchlaucht einen soeben erworbenen Rekruten vorzustellen.«

»Mag eintreten. Der Rekrute aber wartet draußen, bis ich ihn befehle!«

Während der Wachthabende abtrat, wandte sich Leopold an die Offiziere:

»Bin neugierig! Werden einen Kerl sehen, wie wir noch keinen gesehen haben.« Er rieb sich in der seltensten guten Laune die Hände und fuhr dann fort: »Sieben Schuh hoch, ein Riese unter den Riesen, und proportionirt gebaut! Ein wahrer Simson, ein Kolos zu Rodach, oder wie das Nest geheißen hat, ein Mensch, grad wie der lange Seeström, für den ich zwanzigtausend Thaler geben würde, wenn ich ihn bekommen könnte.«

Der Korporal trat ein.

»Nun, Waldow?«

»Gehorsamst zu melden, wir haben ihn!«

»Wollte es Euch auch gerathen haben! Hat er viel Sperenzien gemacht?«

»Gar keine.«

»Wundert mich. Wäre der Kerl dazu, Euch alle Fünf in Grund und Boden zu stampfen. Scheint kein kouragirter Kerl zu sein, werden ihm aber schon den gehörigen Muth einbläuen.«

»Gehorsamst zu vermelden, Durchlaucht, Muth hat der Kerl, und grob war er auch wie – wie der Teufel. Er fing gleich von Anfang Skandal mit dem Wirthe an, hieb ihm Eins mit dem Knotenstocke über und warf ihn zu Boden wie ein Kind. Nachher bekam ich auch einen Rettig über den Arm, daß ich lange daran pfiepen werde; aber als wir ihm das Handgeld und den Hut gaben, war er wie umgewandelt und fügte sich sofort. Muß gern Soldat sein der Kerl, das war ihm anzusehen.«

»Desto besser. Schicke ihn herein!«

»Bitte unterthänigst noch um eine Bemerkung, Excellenz!«

»Nun?«

»Der Mensch ist entweder ein Spitzbube oder ein Räuberhauptmann.«

»Wa – wa – wa – was! Bist Du verrückt!«

»Nein, Durchlaucht. Er ist ein Bürstenbinder und – –«

»Ein Lohgerber!«[27]

»Zu mir sagte er ein Bürstenbinder, und hatte in seinem Tornister – –«

»Tornister? Er hatte ja gar keinen!«

»Permettiren Durchlaucht gnädigst! Er hatte einen, er hat ihn sogar mit.«

»So habe ich ihn nicht gesehen, oder er hatte ihn versteckt.«

»Das Letztere wird es wohl sein, denn er hatte in dem Ranzen eintausend Thaler in Gold und neuntausend Thaler in Papier. Und außerdem befanden sich in seinem Beutel über mehrere hundert Thaler in Gold und Silber. Dieses Geld hat er zusammengeraubt.«

»Alle Teufel! Hat er das gestanden?«

»Nein. Er sagte, er habe es von seinem Vater.«

»Immer möglich. Werde ihn examiniren und ihm den Satan auf den Hals bringen, wenn er die Wahrheit verschweigt. Wo ist der Ranzen?«

»Er hat ihn noch auf dem Rücken. Ich habe ihn zehnfach versiegelt.«

»Gut! Wie steht es mit meinem Bocke?«

»Er hat ihn hierher getragen, wie Ew. Durchlaucht befahlen.«

»Hast Du ihn in der Küche abgegeben?«

»Nein; er hat ihn noch überhängen.«

»So mag er ihn mit hereinbringen. Es ist ein Kapitalbock, den die Herren sehen müssen. Also herein mit ihm!«

Der Korporal trat ab und brachte nach einigen Augenblicken seinen Rekruten hereingeführt. Dieser war noch immer gefesselt und schleppte seinen Tornister und den Rehbock auf dem Rücken. Trotz dieser Bürde schritt er leicht und rüstig vor, stellte sich in Positur und salutirte.

»Durchlaucht, eingetroffen als Rekrut!«

»Himmel-Kreuz-Bataillon-Schock-Schwe – – –!«

Der Fürst war einige Schritte zurückgewichen, hatte vor Schreck die Arme hoch erhoben und den Mund aufgerissen, als ob ihm Jemand bis in den Magen hinuntersehen solle. Der Fluch blieb ihm trotz dieser Oeffnung im Munde stecken. Auch die Gesichter der meisten Offiziere zeigten einen Ausdruck, der mehr eine Folge der Bestürzung als der Ueberraschung zu sein schien.

Der Rekrut drehte sich zu dem Korporal um:

»Korporal Waldow, Er hat Recht: Mit dem Fürsten von Anhalt-Dessau kann man reden wie mit einer gebackenen Apfelfrau. Er sperrt das Maul auf, als hätte er die Apfeldorre im Bauche!«

Jetzt bekam Leopold die Sprache wieder:

»Hol mich der Teufel; es ist wirklich wahr! Königliche Hoheit! Alle guten Geister loben ihren Meister! Königliche Hoheit als Rekrut, mit meinem Bo – mit – hahahaha – mit mei – hahahahi – mit meinem – hahihi hahihihi – mit meinem Bock auf – hihihihi – auf dem – hihihi – auf dem Buckel – hihihi hihihihiiiiii – – –!«

Er hatte sich bei den ersten Worten alle Mühe gegeben, das Lachen zu unterdrücken; aber dies war ihm unmöglich. Aus dem anfänglichen Lachen auf A wurde nach und nach ein riesiges, fast wieherndes Gelächter auf Ihhhiii, welches schon mehr dem schrillen Trompetiren eines Elephanten glich und fast in einen Lachkrampf ausartete. Er mußte sich auf einen Stuhl werfen, schob den Kopf über die Lehne, streckte die Füße weit von sich, legte die Hände auf den Bauch und brüllte nun ein solches Klarinettengelächter hin aus, daß die Wände des Zimmers zu wackeln schienen.

Die Mehrzahl der Offiziere hatte den Kronprinzen Friedrich Wilhelm erkannt. Sie strengten sich beinahe übermenschlich an, sich von dem Lachen des Fürsten nicht anstecken zu lassen, aber auch sie wurden von dem Verhängnisse ergriffen; denn als der Kronprinz selbst, von der Situation hingerissen, sich mit schallender Stimme hören ließ:

»Himmel-Donnerwetter, Durchlaucht, nur um Gotteswillen nicht zerplatzen, hihihihiiiiihhh!«

Da konnte sich keiner von ihnen mehr halten, und nun brach ein Lachchor los, dessen Brausen und Wiehern einem entfesselten Orkane glich, und der nicht eher endete, als bis die Thür aufgerissen wurde und eine weibliche Gestalt eintrat.

»Was ist denn um Gottes Willen hier los, Leopold? Man hört das ja über die ganze Stadt hinweg!«

»Hahahahihihi – was hier – hahihihi – hier los ist, hiiiih? Anneliese, hahihihihahaha – komme einmal her, und – hihihahaha, und siehe Dir den Kerl hier an – hohohohohuuuh!«

Die Fürstin trat näher, blickte dem Rekruten in das Gesicht und schlug die Hände zusammen.

»Königliche Hoheit! Herrgott, als Handwerksbursche und mit diesem Thiere da! Wie geht das zu?«[28]

Auch der Kronprinz lachte noch aus vollem Halse.

»Hahahaha – Durchlaucht entschuldigen – hihihohohoh – aber ich kann mich nicht halten: der Kukuk hole das verdammte Lachen; ich glaube – hohohohoho – meine Haut langt nicht mehr zu. Aber diesen Bock – hahahihihohoho – habe ich für Eure Küche herschleppen müssen – hohohohohooooh.«

»Für – meine Küche? Wie geht das zu?«

»Fragt Den da, Durchlaucht! Der hat – hahahihoho – es mir – es mir befohlen – hohohoho!«

»Ists möglich!«

»Jahahahaha!«

Dies gab dem Fürsten auf einmal seinen vollen Ernst wieder. Er erhob sich und trat mit drohender Miene hart an den Korporal heran.

»Kerl, Schlingel, Taugenichts, Hallunke, ich lasse Ihn fuchteln, bis es keinen Ladestock im Regimente und keinen Haselzweig mehr im ganzen deutschen Reiche gibt! Wie hat Er Himmelhund denn diesen hirnverbrannten Streich zuwege gebracht?«

Der arme Teufel hatte dieses Gewitter längst erwartet, und darum war ihm vor lauter Herzensangst nicht das allermindeste Lächeln angekommen. Er wußte, daß der Kronprinz von Preußen, der nachmals als König Friedrich Wilhelm der Erste eine solche Strenge und Rücksichtslosigkeit entwickelte, daß er sogar seinen eigenen Sohn, den späteren Friedrich den Großen, erschießen lassen wollte, der barscheste Offizier des ganzen Heeres sei und sich gewöhnt hatte, trotz seiner achtzehn Jahre mit den ältesten und verdientesten Militärs nach Gutdünken umzuspringen. Er hatte diesen Prinzen einen Spitzbuben und Räuberhauptmann genannt; er hatte ihn zum Rekruten gepreßt und ihn sogar gefesselt; er hatte ihn gezwungen, den Rehbock eine so weite Strecke und durch ganz Halberstadt zu tragen. Es war ihm, als sei der jüngste Tag gekommen und er stehe mitten unter den Böcken, die dahin müssen, wo Heulen und Zähneklappern ist. Trotz dieser entsetzlichen Angst versuchte er sich zu fassen und eine ruhige Antwort zu geben:

»Durchlaucht pardonniren allergnädigst! Ich habe handeln müssen wie mir befohlen war.«

»Befohlen? Heiliges Hagelwetter! Habe ich Ihm befohlen, Seine königliche Hoheit, den Kronprinzen von Preußen zu arretiren und ihm diesen vermaledeiten Rehbock an den Hals zu hängen, he?«

»Durchlaucht haben mir befohlen, den Kerl, welcher jetzt gleich kommen werde, zum Rekruten zu machen und ihn den Bock nach hier tragen zu lassen.«

»Nicht raisoniren, Er Himmelsakermenter, sonst wird Er krumm geschlossen wie ein Igel! Ich habe Ihm allerdings befohlen, daß Er den Kerl festnehmen soll, aber sind Seine königliche Hoheit ein Kerl? Sind Seine königliche Hoheit der Kerl, den ich meinte?«

»Ich habe nicht die Ehre, Seine Königliche Hoheit zu kennen, und da allerhöchst Dieselben zuerst kamen und sich für einen Handwerker ausgaben, so mußte ich meine Pflicht erfüllen.«

»Der Kerl ist weiß Gott unverbesserlich. Er will seine Schuld nicht einsehen! Hoheit, ich gebe ihn in Eure Hände. Laßt ihn schlachten; laßt ihn in die Bockhaut nähen und auf einem Ambos hämmern; schneidet ihm die Nase oder sonst 'was ab, laßt ihn in der Esse räuchern; thut überhaupt mit ihm, was Euch gefällt. Er gehört Euch!«

Friedrich Wilhelm, der jetzt seine spätere Härte noch nicht besaß und sich durch das gehabte Vergnügen zur Milde gestimmt fühlte, lächelte. Er meinte:

»Uebergebt Ihr ihn mir wirklich, Durchlaucht?«

»Mit Leib und Leben!«

»Dann habe ich also auch das Recht, ihn wieder zu verschenken?«

»Natürlich!«

»Nun gut, so werde ich von alledem nichts mit ihm thun. Ich übergebe ihn Euch, liebe Fürstin. Bestraft oder begnadigt ihn, ganz wie es Euch gefällt!«

»Himmelsapperlot, das ist falsch, Hoheit! Die würde ihn begnadigen, und wenn er Euch gefressen hätte. Die Anneliese hat ein Herz wie Butter. Wenn es warm wird, läufts in die Kasserole.«

»Ich danke, Königliche Hoheit!« meinte dagegen die Fürstin. »Ich werde nicht entscheiden, ohne vorher gehört zu haben. Erzähle, Leopold!«

»Ich? Erzählen? Etwa ein Verhör anstellen zwischen mir und diesem Schwerenöther? Hm, na meinetwegen, weil Du es bist, Anneliese. Also da draußen im Walde liegt ein Mensch, wenn den der Herrgott gesehen hätte, so hätte er ihn hinauf in den Himmel geschleppt, und ihn zum Flügelmanne in seiner Leibgarde zu machen, ein Mensch, sage ich Euch, der beinahe einen Kopf länger noch ist als ich selber, um ein paar Schultern hat wie der Ablaß, oder der Atlas oder wie der arme Teufel geheißen hat, der früher die Erde auf seinen Achseln getragen hat, ein Mensch wie gemalt, ein Mensch wie aus Erz gegossen ober in Marmor gehauen. Ich renne also nach der Station und befehle diesem Hallunken hier, ihn abzufangen, wenn er kommt. Und was thut die Rotte Korah, Dathan und Abraham? Sie fängt mir statt den Kapitalburschen hier die Königliche Hoheit weg. Ist das nicht geradezu zum Verrücktwerden! he?« –

»Hast Du den Mann näher bezeichnet?«

»Natürlich! Er sagte mir, daß er in dem Kruge einkehren werde, und so gab ich den Befehl, den Ersten, welcher komme, zu arretiren.«

»Und wer ist der Erste gewesen, Korporal?«

»Seine Königliche Hoheit.«

»Still, Dummkopf! Hättest Du in Deinem Strohkopfe nur einen Funken von Verstand, so wäre Dir eingefallen, daß ein Kronprinz dieser Erste ja gar nicht sein darf.«[40]

»Leopold, der Korporal ist unschuldig!«

»Unschuldig? Was? Wie? Warum?«

»Er hat sich ganz genau nach Deinen Worten gerichtet!«

»So! Und ist ihm das etwa erlaubt, wenn da Dummheiten entstehen? Dann hat er sich gar nicht nach mir zu richten, dann bin ich eine reine Null, dann hat er eben nur den Richtigen zu fangen. Himmel-Donnerwetter, ich werde ihm schon noch lehren, was Subordnung heißt. Das heißt nämlich, Alles so sub zu machen, daß Alles in Ordnung ist. Versteht Er mich, Er Himmelelementer, he? Nun sage Er einmal, hat Er wirklich sub gemacht? Nein, denn sonst wäre die Sache in Ordnung?«

Er hatte sich wieder in die volle Wuth hineinraisonirt. Die Fürstin versuchte ihn abzuleiten.

»Aber Leopold, wo ist denn nun der Richtige geblieben?«

»Der Richtige? Himmel-heiliges Pech, das ist ja wahr! Wo ist er geblieben, Korporal?«

»Halten zu Gnaden, Excellenz, ich weiß es nicht.«

»Wie – wo – was? Er weiß es nicht? Nein, nun ist es aber aus, reineweg aus! Der Hund weiß nicht, wo der Richtige ist. Hinaus mit Dir, hinaus, Tagdieb, und wenn Du mir den Richtigen nicht bringst, so karbatsche ich Dich mit eigener Hand, daß Du die Cherubim und Seraphim im Himmel pfeifen und trommeln hörst!«

Nichts konnte dem Korporal so willkommen sein, als dieser Befehl. An den Nachsatz, der für ihn höchst gefährlich war, dachte er noch gar nicht. Er machte sich schleunigst aus dem Staube.

»War der Mensch denn wirklich so excellent?« frug der Kronprinz. Er war wo möglich ein noch größerer Liebhaber großer Soldaten, und es ist bekannt, daß er als König trotz seiner oftmals übermäßigen Sparsamkeit bisweilen fünfzehntausend Thaler für einen solchen Mann bezahlte.

»Excellent? Geht mir mit diesem Excellent! Es sagt noch viel zu wenig. Ein Simson ist er, und wenn ich ein Regiment solcher Kerls hätte, so schlüge ich mit ihm ganz allein an die fünfmalhunderttausend Philister todt.«

»So müssen wir ihn haben!«

»Ja, wir müssen ihn haben, und wenn er in die Mongolei gelaufen wäre!«

»Aber wie?«

»Hm! Kreuzschokschwerenoth, ist das ein Elend! Wenn man nur wüßte, wo der Kerl steckt! Im Walde ist er längst nicht mehr.«

»Wo kam er denn her?«

»Aus Oschersleben; aber er stammt aus Bernburg. Sein Vater heißt Silberling. Es gibt blos einen einzigen Silberling dort.«

Da trat einer der anwesenden Offiziere vor.

»Pardon, Königliche Hoheit! Pardon, Durchlaucht! Der Kerl hat eine Lüge gesagt. Ich kenne den Silberling in Bernburg, denn ich habe bei ihm in Quartier gelegen. Er hat gar keine Kinder, und einen zweiten Silberling gibt es nicht.«

»Ist das wahr, Hauptmann?«

»Ich bürge dafür.«

»Donnerwetter, so hat mich der Mensch geleimt! Wehe ihm, wenn ich ihn bekomme! Dann ist er wohl auch gar nicht aus Oschersleben, und wer weiß, wer und woher er eigentlich ist. Ein solcher Kerl kann gar nicht vom Civil sein, denn den hätten die Werber längst weggeschnappt. Es wird doch nicht etwa ein Emisär des Kurfürsten von Sachsen oder des Schwedenkönigs sein!«

»Möglich!« meinte der Kronprinz. »Oberst Ravenau, der beim Könige in geheimen Geschäften ist, hat mir geschrieben, daß der lange Seeström auf Urlaub ist. Ich erkundigte mich nach ihm, weil ich ihn gern haben möchte.«

»Alle neunundneunzigtausend Teufel, am Ende ist er es gar gewesen. Ich habe hier die eisernen Ladestöcke, den Gleichschritt und das neue Exerzitium eingeführt, und ich halte es für sehr möglich, daß der Schwede auf den Gedanken kommt, mir diese vortheilhaften Neuerungen ablauschen zu lassen!«

»Wo wollte der Fremde hin?« frug der Kronprinz.

»Nach Quedlinburg aber um Halberstadt herum.«

»Es ist möglich, daß er Euch auch hier belogen hat.«

»Das soll ihm schlecht bekommen, denn ich werde ihn dennoch fangen. Ich lasse die ganze Gegend besetzen und nach ihm absuchen, ich lasse jedes Haus in der Stadt und auf den Dörfern umwenden, und es müßte mit dem Satan zugehen, wenn er mir entkäme.«

»Das müßte aber gleich geschehen.«

»Natürlich! Aber Königliche Hoheit, Ihr müßt entschuldigen, wenn – –«

Der Kronprinz war für eine solche Rekrutenhetze selbst so passionirt, daß er ihm schleunigst in die Rede fiel:

»Macht Euch keine Sorge, Durchlaucht! Ihr wißt, daß ich überflüssige Schnirkeleien nicht leiden mag. Der Kerl muß gefangen werden, und ich werde selbst mithelfen. Das wird mir keinen Schaden, sondern nur Vergnügen machen. Meine Kleider und andern Sachen sind noch unterwegs, ich kann mich also nicht umziehen, und so brauche ich keine Bange zu tragen, daß ich erkannt werde, wenn ich ein wenig mit spioniren gehe. Wenn Ihr Streifpatrouillen in die Gegend von Quedlinburg, Aschersleben und Thale aussendet und die Stadt mit ihrer Umgebung gut absuchen laßt, so werden wir den Urian bekommen, und dann könnt Ihr ja den Preis sagen, für welchen ich ihn erhalten kann.«

»Schön, Hoheit! Werde auch selbst mit suchen und brauche mich also auch nicht in Gala zu werfen. Annaliese, schaffe etwas zum Schlucken und Beißen und laß hier den Bock abholen, er braucht sich nicht jetzt und in alle Ewigkeit hier herumzusielen!«

»Und meinen Ranzen,« fügte der Kronprinz bei, »übergebe ich Euch, Durchlaucht. Den Inhalt werden wir vielleicht gut brauchen können. Habt Ihr die Zuschrift meines gestrengen Vaters erhalten?«

»Gleich vorhin erst.«

»Ich weiß nicht, wie viel er schreibt. Darf ich den Brief einmal sehen?«

»Hier ist er! Hat mir viel Mühe gemacht. Will lieber auf eine Festung Sturm laufen als solchen Krimskrams enträthseln.«

Der Kronprinz las das Schreiben und meinte dann:

»Steht gar nichts drin. Werde Euch alles ausführlich expliziren müssen. Doch das hat noch Zeit. Gebt also Eure Instruktionen, daß die Hetze losgehen kann!« –

Der Gegenstand dieser Unterredung, der angebliche Lohgerber nämlich, war unter dem Schutze des Waldes bis in die Entfernung von drei Viertelstunden an die Stadt herangekommen. Am Saume des Forstes blieb er halten, um die Gegend zu rekognosziren. Vor ihm lag ein niedrig gehügeltes Terrain, aus fruchtbaren Feldern und Wiesen bestehend, welche hier und da durch ein dünnes durchsichtiges Buschwerk getrennt wurden.

»Hm,« meinte er wie zu sich selbst, »fatale Affaire! Ich muß den Klas Baldauf unbedingt sprechen; ich muß also auf alle Fälle in die Stadt, und doch bin ich in Gefahr, wenn man mich sieht. Der Büttel war kein Anderer als der Dessauer selbst. Er wird das Blaue vom Himmel herunter wettern, wenn er hört, daß sie mich nicht ergriffen haben, und ich setze meinen Kopf zum Pfande, daß er dann die ganze Gegend nach mir absuchen läßt. Gehe ich durch eines der Thore in die Stadt, so bemerkt man mich, denn meine Größe fällt auf, und springe ich irgendwo über die Mauer, so ist das erst recht gefährlich. Was thun? Es bleibt mir nichts anderes übrig, als mich bis möglichst nahe heran zu pürschen und dann zu sehen, was zu thun ist.«

Er schritt in der Richtung nach Halberstadt weiter, indem er jede Begegnung sorgfältig zu vermeiden und sich durch die Büsche zu decken versuchte. Hätte er gewußt, daß man gerade damals sehr fleißig an einem neuen, jenseits der Holzemme gelegenen Stadttheile baute, so wäre er nicht so sehr besorgt gewesen in die Stadt zu kommen.

Das Terrain brachte es mit sich, daß er nicht in gerader Richtung gehen, sondern einen Bogen um die Stadt schlagen mußte. Da erblickte er die vor der Mauer gelegenen, theils neuen theils noch unvollendeten Gebäude, an denen zahlreiche Arbeiter beschäftigt waren. Ein befriedigtes Lächeln glitt über sein Gesicht, und nun wandte er sich geradewegs auf einige Zimmerleute zu, welche nicht weit von ihm mit dem Behauen von Balken beschäftigt waren. Er grüßte sie und frug:

»Könnt Ihr mir nicht sagen, wo in der Stadt ein Gastwirth Namens Hilarius Wolf zu finden ist?«

»Der Hilarius?« antwortete Einer. »Der wohnt gar nicht mehr da drüben. Der wird doch nicht dumm sein und sich dort hinübersetzen, wo es hier hüben Batzens zu verdienen gibt. Sehe Er sich das Haus dort an, das ist der Gasthof ›zum Leopold.‹ Da wohnt der Hilarius Wolf.«

»Lebt seine Frau noch?«

»Die lange Margarethe? Die lebt noch; die stirbt nimmermehr.«

»Haben sie Kinder?«

»Fällt ihnen gar nicht ein. Sie sind ganz allein und haben nur den schwarzen Klas bei sich, den alten Eulenspiegel. Er will wohl zu dem Hilarius?«

»Ja.«

»Wo kommt Er denn her?«

»Von Brandenburg. Habe einen Auftrag an ihn.«

Mit diesen Worten setzte er sich gegen das bezeichnete Haus in[42] Bewegung. Es war noch neu, und über seiner Thür prangte ein riesiger Schild mit einem Reiter. Das Pferd sah eher wie ein Ziegenbock aus, und wen der Mann vorstellen sollte, konnte man nur aus der Unterschrift errathen. Sie lautete »Gasthof zum Leopold,« war aber sammt Pferd und Reiter vom Regen bereits wieder verwischt und verwaschen.

Eben als er eintreten wollte, wollte ein Anderer heraustreten. Sie fuhren zusammen, machten erst erzürnte, dann aber überraschte Gesichter und hatten sich sofort bei der Hand.

»Klas!« rief der Fremde.

»Junker Erich! Um Gotteswillen, wenn man Euch sieht!«

»Kannst Du mich verstecken?«

»Ja; es paßt gerade, daß Niemand auf der Treppe ist. Kommt herauf, ich will es riskiren.«

Er führte ihn die Treppe empor in ein kleines zweifenstriges Stübchen, dessen einfache Möbel dahin deuteten, daß es seine Wohnung sei. Ein Tisch, zwei Stühle, ein Bett und ein Uhrkasten bildeten das sämmtliche Inventarium. Der Uhrkasten war jedenfalls ein Erbstück aus längst vergangenen Zeiten her. Aus starkem Eichenholze gefertigt, hatte er eine Breite von fast drei und eine Höhe von sicher sieben bis acht Fuß. Die Uhr fehlte; vielleicht war sie unten in der Gaststube aufgehängt worden.

»Hier herein, Herr Lieutenant. Hier seid Ihr sicher.«

»Wer wohnt hier?«

»Ich.«

»Kommt Niemand herein?«

»Niemand außer des Abends einige Speziale, die wir aber jetzt nicht zu erwarten haben. Also Ihr in Halberstadt! Wer hätte das gedacht! Aber erlaubt, daß ich erst noch einmal hinuntergehe, um zu sehen ob wir sicher sind!«

»Bringe mir ein Bier und etwas zu Essen mit!«

Es dauerte lange, ehe Klas wieder kam. Man hatte ihn wider seinen Willen aufgehalten. Er stellte Essen und Trinken vor den Lieutenant hin und beguckte ihn dabei mit ein paar Augen, aus denen die innigste Liebe und Anhänglichkeit glänzte.

»Aber sagt, wie kommt Ihr nur nach Halberstadt, gnädiger Junker!«

»Ich war in Stralsund und Stettin.«

»Ah, ich denke, Ihr geht bei dem Könige in Sachsen!«

»Allerdings. Du weißt, daß wir den Sachsen klein gemacht haben. Der König will nun auch an den Preußen. Der ahnt dies und hat ihm den Obersten Ravenau geschickt, um einen Vertrag vorzubereiten. Während dessen aber rüsten Beide. Kommt der Vertrag je noch zu Stande, so gibt es nur eine Galgenfrist; der König bricht doch noch los. Daher mußte ich nach Stettin und Stralsund und komme auf dem Rückwege zu Dir. Wie steht es mit Deiner Aufgabe?«

»Sehr gut. Ich bin fertig.«

»Kennst also das neue Exerzitium?«

»Ja.«

»Das Reglement?«

»Ja. Habe es hier im Tischkasten.«

»Wie kamst Du dazu?«

»Sehr leicht. Mit den Papieren, die Ihr mir aushändigtet, fand ich in Halberstadt sofort die Erlaubniß bleiben zu dürfen. Ich wählte mir einen passenden Dienst und wurde Hausknecht hier beim Hilarius. Zu ihm kommen sehr viele Soldaten, ich trollte sehr oft mit hinaus auf den Exerzierplatz und habe mir die neue Geschichte recht wohl zu Kopfe genommen.«

»Aber das Reglement?«

»Habe ich von einem guten Freunde, der mich oft besucht und hier oben ein Gläschen mit mir trinkt.«

»Wer ist es?«

»Korporal Waldow. Er hat die Werbestation da im Oscherslebener Wald.«

»Ah! Hätte mich heut beinahe in die Hände gekriegt!«

»Nicht möglich! Wie so?«

»Ich traf den Dessauer – –«

»Donnerwetter! Doch nicht!«

»Ja. Eben da draußen im Walde.«

»Nanu! Er geht immer hinaus um zu schießen.«

»Er hatte einen Rehbock und fing ein Gespräch mit mir an. Ich gab mich für einen Oscherslebener Lohgerber aus, und er suchte mich zu veranlassen, in dem Kruge, welcher im Walde liegt, einzukehren.«

»Da hätte Euch der Teufel geholt.«

»Glaube es; bin also nicht auf den Leim gegangen. Hast Du einen Plan von Halberstadt?«[43]

»Ja. Ist schon längst fertig.«

»Wird aus dem Vertrage nichts, so schlägt der König los. Der nächste und schlimmste Feind ist der Dessauer. Daher beabsichtigt der König, Halberstadt zu überrumpeln und den Fürsten mit seinem ganzen Regimente aufzuheben. Deshalb bist Du hierhergeschickt worden, und deshalb auch steigt der Wachtmeister Roller zwischen hier und Merseburg herum, um sich den Weg zu besehen. Es ist jetzt die Zeit der frühzeitigen Kirchweihen. Er benutzt dies und geht bald als Leiermann, bald als Vogelhändler oder so etwas, und kundschaftet dabei Dinge aus, die mancher Offizier nicht herausbringen würde.«

»Aber wenn man ihn ertappt, so ist er geliefert!«

»Ich und Du auch. Diese Art von Vergnügen wird nun einmal Spionage genannt und mit dem Strange bezahlt. Habe übrigens verdammt wenig Lust, dergleichen Affären auch fernerhin mitzumachen. Schickt sich nicht für einen ehrlichen Offizier. Weiß gar nicht, warum der König allemal mich auswählt, da ich doch wegen meiner Gestalt in größerer Gefahr bin als jeder andere.«

»Er weiß, daß er sich auf Euch verlassen kann.«

»Pah, das weniger! Ich habe so meine eigenen Gedanken, die ich beinahe einen Verdacht nennen möchte.«

»Doch nicht!«

»Ja. Ich habe nämlich eine Geliebte – –«

»Ihr? Eine Geliebte? Wollt Ihr mich konfus machen?«

»Ich sage die Wahrheit.«

»Eine Geliebte! Endlich, endlich hat Er einmal angebissen!«

»Allerdings. Es ist viel geangelt worden, ohne daß ich es auch nur beachtet habe, hier aber habe ich sofort zugeschnappt.«

»Wer ist es?«

»Hm! Eine sehr reiche Erbin.«

»Von Adel?«

»Natürlich.«

»Jung?«

»Achtzehn. So lang und stark wie ich beinahe.«

»Alle Teufel!«

»Ja, ein Weibsen wie Kernseife. Aber dabei ein Gemüth wie Wachs, ein Gesicht wie Milch und Blut und einen kühnen entschlossenen Sinn.«

»Wo wohnt sie?«

»Bei Merseburg. Sie ist eine Waise, und der Herzog von Sachsen-Merseburg ist ihr Vormund. Hole ihn der Teufel!«

»Warum der Teufel?«

»Weil er sie verschachern will.«

»An wen?«

»An unsern Obristen Börjessen.«

»Ah, an den Liebling des Königs?«

»Der König ist auch für den Plan eingenommen. Was kann ich als armer kleiner Lieutenant dagegen thun?«

»Ist sie es werth, daß man etwas dagegen thut?«

»Versteht sich. Ihretwegen reite ich ein ganzes Regiment über den Haufen.«

»Hm, so thut man eben etwas. Aber was?«

»Der Obrist hat erfahren, daß Anna mich kennt, und dem Könige einen Floh in das Ohr gesetzt. Nun werde ich zu Missionen benutzt, die eine lange Abwesenheit mit sich bringen, die man wohl benutzen wird. Vielleicht tritt gar der Fall ein, daß ich irgendwo abgefangen werde, und dann hat der Obirst freie Hand. Wenn sie es mir zu toll machen, werde ich ihnen die Rechnung durchstreichen. Wo hast Du den Plan und das Reglement?«

»Hier!«

Der Hausknecht zog den Tischkasten auf und nahm die Papiere aus demselben. Noch aber hatte Seeström sie nicht geöffnet, als sich unten im Flur eine Stimme hören ließ:

»Wird oben in seiner Stube sein.«

»Gut; steige ich hinauf!«

»Sakerment! Herr Lieutenant, da kommt dieser verdammte Korporal Waldow!« meinte Klas erschrocken.

»Schließ zu!«

»Geht nicht. Müßte hinaus und den Drücker abziehen, und das sieht er ja.«

»Donnerwetter! Wenn man sich nur verstecken könnte!«

»Rasch hinein in den Uhrkasten!«

»Hm, geht an! Mach schnell!«

Sie zogen den Kasten von der Wand zurück, und Klas schob ihn, nachdem der Lieutenant dahintergeschlüpft war, wieder an dieselbe an. Kaum war er damit fertig, so trat der Korporal ein. Dieser warf sich nach einem außerordentlich mürrischen Gruße auf einen Stuhl und schlug mit der Faust auf den Tisch.

»Klas!«

»Waldow!«

»Ich erschieße mich!«

»Weshalb?«

»Ja, ich erschieße mich, wenn Du mir keinen guten Rath gibst.«

»Weshalb?«

»Ei Du dreimal – – na, ich will nicht fluchen, denn ich habe mich auf meine letzte Stunde vorzubereiten, weil ich mich ganz sicher erschieße.«

»So sage doch nur, weshalb Du Dich partout massakriren willst?«

»Weil ich einen Bock geschossen habe, größer als der größeste Elephant.«

»Und da mußt Du Dich auch erschießen.«

»Ja, denn sonst läßt mich der Fürst bei lebendigem Leibe abziehen und braten.«

»Was ist es denn für ein Bock, den Du geschossen hast?«

»Ein jämmerlicher, ein horribler, ein ganz und gar entsetzlicher. Denke Dir, Klas, ich habe seine königliche Hoheit, den Kronprinzen arretirt!«

»Was!«

»Ich habe ihn einen Spitzbuben und Räuberhauptmann geschimpft!«

»Was!«[56]

»Ich habe ihn gefesselt, mit Stricken gebunden!«

»Wa – a – as!«

»Und ich habe ihn gezwungen, einen Rehbock von der Station bis zum Fürsten auf dem Buckel zu schleppen!«

»Wa – wa – was!«

»Ja, so ist es. Und darum muß ich mich erschießen!«

»Mensch Du sagst niemals eine Lüge, und daher muß ich Dir es glauben, obgleich es ganz unmöglich klingt. Aber wir stehen am Anfange der Hundstage, und – –«

»Ich bin nicht toll! Es ist ganz genau so, wie ich sage.«

»Aber bei allen Teufeln, wie kommst Du dazu, den Kronprinzen zu arretiren!«

»Ja, das ist es ja eben! Eigentlich bin ich nicht schuld, aber schuld bin ich doch!«

»Das reime sich zusammen wer es mag, ich nicht!«

»Ich werde Dir es erklären, und Du gibst mir dann einen guten Rath!«

»Gern, wenn es möglich ist.«

»Also es war so: Der Fürst geht sehr früh in den Wald und schießt sich einen Bock. Da sieht er einen Kerl, der ein wahrer Goliath ist und der bei uns in dem Kruge einkehren will. Er kommt sofort zu mir und sagt mir, daß ich diesen Kerl abfangen soll, er werde gleich kommen. Dann legt er mir den Bock hin, den der Kerl nach Halberstadt tragen soll, und macht sich davon. Gleich darauf kommt auch Einer, der die richtige Grenadiergröße hat. Ich denke es ist der Richtige, und nehme ihn bei der Parabel. Ich finde über zehntausend Thaler in Gold und Papieren in seinem Ranzen, trotzdem er sich für einen Handwerksburschen ausgibt, halte ihn deshalb für einen Spitzbuben und schließe ihn. Auch den Bock hänge ich ihm über den Rücken, wie es der Fürst befohlen hat. So bringe ich ihn nach Halberstadt.«

»Ja wo bleibt denn da der Fehler, den Du begangen haben willst?«

»Der kommt ja gleich; denn denke Dir nur, als ich den Kerl dem Fürsten vorführe, wer ist es? Kein anderer als der Kronprinz Friedrich Wilhelm, königliche Hoheit, der sich den Spaß gemacht hat, inkognito nach Halberstadt zu gehen.«

»Himmelheiliges Pech!«

»Ja! Ich denke, mich rührt ein dreißigfacher Schlag. Ich war ganz perplex und hatte nachher kaum so viel Verstand, mich leidlich zu vertheidigen. Es lief auch ziemlich gut ab, denn die Herren lachten alle fürchterlich, sogar der Kronprinz mit, und dann kam die Annaliese und nahm mich in Schutz, weil ich doch blos gethan hatte, was mir befohlen worden war. Aber da jagte mich der Fürst zur Thür hinaus und befahl mir den Richtigen zu bringen, sonst geht es mir über den Kopf. Als ich in das Vorzimmer komme, sind meine vier Leute, die den Skandal gehört haben, ausgerissen. Ich weiß meiner Angst kein Ende und komme zu Dir. Rathe mir, wo ich den Richtigen hernehmen soll.«

»Das ist ja eine ganz verdammte Geschichte! Sollst Du denn allein nach ihm suchen, oder haben auch noch Andere dabei zu thun?«

»Ich habe nur wenig davon gehört, aber ich denke, daß man die ganze Gegend mit Streifpatrouillen belegen und auch in der Stadt nachsuchen lassen wird.«

»So kannst Du Dich trösten, denn vielleicht wird man ihn finden. Kommst Du direkt vom Fürsten?«

»Nicht ganz. Ich habe erst eine halbe Stunde nach meinen Leuten herumgesucht. Die sind jedenfalls hinaus nach der Station und ich bin – – Donnerwetter, da ist Lieutenant Kummer! Er weiß, daß ich hier verkehre, wenn ich in der Stadt bin, und wird mich doch nicht etwa suchen?«

Unten wurde die Stubenthür geöffnet und man hörte eine Stimme fragen:

»Korporal Waldow heut hier gewesen?«

»Ja,« lautete die Antwort. »Er ging vorhin hinauf zum Hausknechte.«

»Wo ist dieser?«

»Werde es Euch zeigen, Herr Lieutenant.«

Der Korporal gerieth in die größte Angst. Er fuhr in der Stube herum wie eine Maus, welche ihr Loch nicht finden kann.

»Kreuz-Bataillon, wo verstecke ich mich!«

»Ist nicht nothwendig. Er mag Dich immer treffen!«

»Nein. Er soll mich zum Fürsten schleppen.«

»Fahr unter das Bette!«

»Da sieht er mich. Ich stelle mich hinter den Uhrkasten. Schiebe ihn schnell wieder an die Wand zurück!«

Er faßte den Kasten und zog ihn ab, um in höchster Eile dahinter zu schlüpfen, blieb aber erstarrt stehen, denn an der Wand lehnte ein Mensch, der einen ganzen Fuß länger war als er selbst. Wie ein Blitz durchzuckte ihn der Gedanke: das ist der Kerl, den wir suchen; das ist der Richtige!

In diesem Augenblicke trat der Lieutenant ein; der Wirth war, nachdem er diesem die Thür gezeigt hatte, wieder zurückgegangen. Der Offizier erblickte den Hausknecht und den Korporal, den schwedischen Lieutenant aber nicht, weil zwischen ihm und diesem sich der halb verschobene Kasten befand.

»Korporal Waldow, wo treibt Er sich denn herum?«

»Ich bin von Seiner Excellenz entlassen, Herr Lieutenant!«

»Ja, aus dem Audienzzimmer, aber im Vorzimmer hatte Er zu bleiben. Hätte ich nicht gewußt, daß Er immer hier zu finden ist, so hätte ich nach Ihm laufen können bis an der Welt Ende! Er kennt den Oscherslebener Wald?«

»Ganz und gar.«

»So komme Er! Er soll einer Streife durch den Forst als Wegweiser dienen.«

»Um den – den Richtigen zu fangen?«

»Ja.«

»Das ist nicht nothwendig, Herr Lieutenant. Ich habe ihn bereits.«

»Donnerwetter, ist es wahr? Wo hat Er ihn denn?«

»Hier.«

Er deutete hinter den Kasten. Der Lieutenant trat näher, und zu gleicher Zeit trat auch Seeström hervor. Er wurde von dem Lieutenant mit erstaunten Blicken betrachtet.

»Mensch, was macht Er denn hier hinter dem Uhrkasten?«

»Ich wollte sehen, welche Zeit es für ihn ist.«

»Was soll das heißen?«

»Werdet es sehen! Ja, ich bin der Richtige, den Ihr sucht, das will ich gern gestehen; aber wer ich eigentlich bin, das weiß noch Keiner von Euch. Der Herr Kamerad mag seiner Durchlaucht, dem Fürsten von Dessau, und Seiner königlichen Hoheit, dem Kronprinzen von Preußen sagen, daß es nicht so leicht ist, als wie sie es sich denken, den Junker Erich von Seeström, Lieutenant in Seiner schwedischen Majestät Regiment ›Gustav Adolf‹ unter die preußischen Rekruten zu stecken. Nun weiß Er wer ich bin. Dieser Hausknecht hier ist der Feldwebel Klas Baldauf in meiner Kompagnie. Wir empfehlen uns!«

Ein Schlag seiner Faust traf den Lieutenant, so daß dieser zusammenstürzte, und ein zweiter brachte auch den Korporal zu Falle.

»Hast Du etwas mitzunehmen, Klas?«

»Die Papiere hat der Herr Junker. Weiter brauche ich nichts.«

»Dann vorwärts! Es ist hier nicht mehr recht geheuer.«

Sie traten aus dem Zimmer, stiegen die Treppe hinab und verließen ungehindert das Haus. Auch durch die noch im Entstehen begriffenen neuen Straßen kamen sie ohne Belästigung, aber als sie die Stadt im Rücken hatten, sahen sie, daß die Umgebung von zahlreichen militärischen Trupps durchzogen wurde, denen man entweder nur zu Pferde oder unter dem Schutze der Nacht entkommen konnte. Es war lauter Infanterie, und nur zwei einzige Männer saßen zu Pferde. Der eine kam von links und der andere von rechts dahergeritten, und unweit der Stelle, an welcher sich die Flüchtlinge befanden, mußten sie sich begegnen.

»Der Fürst!« meinte Seeström besorgt.

»Und der Kronprinz!« fügte der Feldwebel hinzu. »Wir sind verloren!«

»Noch nicht. Sie sind im ersten Augenblick nur zwei gegen zwei.«

»Aber da hinter uns kommt eine Truppe.«

»Himmel-Donnerwetter! Was ist zu thun?«

Da glitt über das sonnverbrannte, dunkel behaarte Gesicht des Feldwebels ein halb entschlossener, halb lustiger Zug.

»Ich habs!«

»Was?«

»Sieht der Herr Junker die beiden Krautpopel.«

»Du meinst die Vogelscheuchen?«

»Ja. Hier zu Lande heißt es Krautpopel. Schnell hinein, den einen nieder, und der Herr Lieutenant an seine Stelle!«

»Ah, hm! Und Du?«

»Der Fürst kennt mich. Der Herr Junker werden schon sehen was ich will: jetzt ist keine Zeit zu Weitläufigkeiten. Vorwärts, hinein.«

Sie standen vor einem umfangreichen Waizenfelde. Die Aehren desselben waren bereits gelb vor Reife, und um die gefräßigen Vögel von ihnes abzuhalten, hatte der Besitzer zwei Vogelscheuchen mitten in das Feld gesetzt, welche riesenhafte menschliche Figuren[58] bildeten. Seeström bückte sich zur Erde nieder und kroch zwischen die Halme hinein, auf die nächste Figur zu. Sie bestand aus einer Strohpuppe welcher man einen gigantischen Dreispitz aufgesetzt und einen langen Rock mit Bratenschößen, von dem die Fetzen hingen, angezogen hatte. Seeström legte seinen eigenen Hut ab, setzte den andern auf, warf sich den alten Rock über, erhob sich dann langsam und streckte die beiden Arme gerade so wie sein Vorgänger aus.

Der Feldwebel war unterdessen langsam weiter getrollt.

Leopold und der Kronprinz, beide noch immer in Civil, hatten sich in der Stadt getrennt, um außerhalb derselben die Patrouillen schneller instruiren zu können. Hier trafen sie sich wieder.

»Etwas bemerkt?« frug Friedrich Wilhelm.

»Nein.«

»Ich auch nicht. Wer ist der Mensch, der da kommt?«

Leopold drehte sich um.

»Hausknecht im Gasthof, ›zum Leopold‹. Kommt auf uns zu und macht ein verteufelt wichtiges Gesicht. Heda, Klas, was schnobbert Er hier herum?«

Der Angerufene trat heran und zog den Hut unter einer linkischen Referenz, wobei sein Gesicht ein sehr verschmitztes Lächeln versuchte.

»Durchlaucht suchen einen Flügelmann?«

»Was soll die Frage?«

»Der im Wald davongekommen ist? Ich habe ihn.«

»Donnerwetter, ists wahr?«

»Ein Kerl, gerade sieben Fuß hoch, blond, himmelblaue Augen.«

»Stimmt, stimmt wie Rhabarber! Kerl, Du kriegst hundert Thaler, wenn es wahr ist und wenn wir ihn bekommen!«

»Danke! Die hundert Thaler sind mein. Aber ehe ich sage, wo er ist, müssen mir Durchlaucht eine Bitte gewähren!«

»Gut, eingestanden! Aber welche?«

»Er steckt in meinem Herrn seinem Felde. Reiten es Durchlaucht doch nicht nieder!«

»Ah, im Felde? Gut, wir werden es schonen. Also, nun heraus damit!«

»Sehen die Herren dort den Krautpopel im Waizen?«

»Nun?«

»Das ist der Richtige.«

»Kerl, Er ist verrückt!«

»Nein, Durchlaucht. Ich bin meiner Sache sicher. Ich war bei den Kartoffeln daneben und hatte mich niedergebückt, um sie zu untersuchen. Da kam er hier den Rain entlang. Er hat die beiden Herren kommen sehen und im Augenblicke kein anderes Mittel gewußt sich zu retten. Er kroch zu dem Krautpopel hin, setzte sich den Hut desselben auf, zog den Rock desselben an und – nun, da steht er.«

Die Arme Seeströms mochten ermüden; er ließ den einen ein wenig sinken, hob ihn aber sofort wieder empor. Der Fürst hatte es bemerkt.

»Gott stehe mir bei, es ist wahr! Dieser Krautpopel ist ein Mensch! Seht Euch einmal sein Gesicht an, Königliche Hoheit, und er hat mit dem Arme gewackelt.«

»Wirklich!« meinte der Kronprinz. »Der ist verloren!«

»Unbegreiflich!« eiferte Leopold. »Der Kerl muß doch Gottstrampach noch weniger Verstand im Kopfe haben wie sein Ideal, von dem er sich Hut und Rock geborgt hat. Na, Bursche, warte, ich werde Dich bekrautpopeln! Komme Er einmal her Klas, und halte Er unsere Pferde! Wir werden unser Wort respektiren und nicht in das Feld seines Herrn reiten. Aber hineinsteigen werden wir dennoch müssen, wenn auch nur ein kleines Bischen.«

Auch der Kronprinz stieg ab und übergab dem Feldwebel die Zügel seines Pferdes.

»Durchlaucht,« meinte er, »wir thun gar nicht dergleichen, als ob wir etwas ahnten. Wir umgehen das Feld, Ihr rechts und ich links, und dann spazieren wir gerade auf ihn zu. Nachher kann er uns ja gar nicht auskommen.«

»Versteht sich! Wir thun, als ob wir Kornblumen suchen. Auf diese Weise bringe ich meiner Annaliese einen Feldstrauß mit nach Hause. Also vorwärts, Hoheit!«

Sie stiegen von dannen und umgingen, Kornblumen pflückend das Feld, bis sie die unbewegliche Vogelscheuche gerade zwischen sich hatten.

»Los!« rief jetzt der Kronprinz und rannte vorwärts in den Waizen hinein.

»Halloh, haben ihn!« rief der Fürst und folgte von der entgegengesetzten Seite seinem Beispiele.

Seeström rührte sich nicht eher, als bis sie beide auf drei Schritte herangekommen waren. Da aber flog dem Prinzen der alte Rock um den Kopf und dem Fürsten der Hut in das Gesicht. Der Schwede raffte den seinigen auf und sprang in mächtigen Sätzen davon. Leopold stand einige Augenblicke ganz verblüfft; der vor Schmutz starre Hut hatte seinem Gesichte nicht sehr wohlgethan; auch der Prinz war eine Minute lang beschäftigt seinen Kopf aus dem Rocke zu bringen. Da war der Flüchtling bereits über zwanzig Schritte von ihnen entfernt, und bei den tigerähnlichen Sätzen, welche er machte, war keine Hoffnung, ihm zu Fuße nachzukommen.

»Halt ihn auf, halt ihn auf!« brüllte der Fürst. »Her, schnell her mit den Pferden, Klas.«

»Gleich!« rief dieser.

Im Nu saß er auf dem einen Thiere und im nächsten Augenblicke der Lieutenant auf dem andern.

»Gute Verrichtung, meine Herren!« rief der letztere. »Seid so gut und vergeßt den Lieutenant Seeström nicht.«

»Und auch seinen Feldwebel Klas Baldauf nicht!« rief der Hausknecht.

Im Galoppe, so daß die Ackererde hinter den Hufen der Pferde aufflog, ging es über Stock und Stein, durch Dick und Dünn davon.

»Straf mich Gott, der Seeström ists gewesen!« knirschte Leopold.

»Hol mich der Teufel, er war es, und sein verdammter schwarzer Feldwebel dazu!« sekundirte der Kronprinz. »Ihr mußtet auch so albern sein und vom Pferde steigen!«

»Seid Ihr klüger gewesen, he?«

»Aber Ihr habt den Vorschlag gemacht!«

»Nicht raisonniren, Hoheit, sonst soll das Donnerwetter dreinschlagen! Mit Maulaffen Feilhalten kriegen wir die Höllenhunde nicht wieder. Still über unsern albernen Streich, und rasch in die Stadt. Alle Pferde, die es dort gibt, müssen her. Tausend Thaler dem, der mir diesen schwedischen Satan fängt!«[59]

Quelle:
Der Scheerenschleifer. Originalhumoreske von Karl Hohenthal. In: Für alle Welt! 5. Jg. 1881. Heft 1–5. Stuttgart (1880). Nr. 4, S. 56-60.
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