I.

Der Goliath

[347] Auf der hoch im Gebirge gelegenen Endstation war der aus der Kreishauptstadt kommende Zug signalisirt. Die in saubere Hausknechtskleidung gehüllten Gasthofshyänen, welche auch dieser Erdenwinkel aufzuweisen hatte, schritten, erwartungsvoll auf ihre Beute lauernd und einander mit mißgünstigen Blicken musternd, auf dem Perron auf und ab, während einige biedere Gebirgsbewohner, welche zur Begrüßung irgend eines Angehörigen zugegen waren, sich in halb scheuer Bescheidenheit unter den Eingang zurückgezogen hatten. Der einfache Sohn der Berge kann sich nur schwer an jenes sichere, zuweilen auch anspruchsvolle Auftreten gewöhnen, welches man selbst am kleinsten Halteorte zu bemerken pflegt.

Ihre Aufmerksamkeit war getheilt zwischen dem Treiben auf dem Perron und einem leichten Wagen, welcher vor dem Bahnhofe hielt. Ein derber, bausbäckiger Knecht stand vorn bei den muthigen Braunen, denen das geduldige Harren schwer zu werden schien, und am offenen Schlage lehnte eine Gestalt, welche die Aufmerksamkeit eines Vorübergehenden auf sich ziehen mußte. Sie war von wahrhaft riesigen Proportionen, die eine außergewöhnliche Körperstärke bekundeten. Der Mann ragte, wie einst Saul, um eines Kopfes Länge über alles Volk empor; seine breiten Schultern, nur von einer kurzen Tuchjacke bekleidet, der starke Nacken, welcher unverhüllt aus dem zurückgeschlagenen Hemdenkragen hervorsah, die hochgewölbte Brust, die gewaltigen Arme, welche die ganze Aermelweite ausfüllten, die kräftigen Schenkel, von einer engen Lederhose umschlossen, die sich in die weit heraufgezogenen Aufschlagestiefel verlor, sie bildeten eine beredte Warnung, mit dem Besitzer dieser Vorzüge nicht in eine feindselige Körperberührung zu kommen. Doch wurde diese Warnung bedeutend abgeschwächt durch einen Umstand, welcher zu der Furcht das Mitleid gesellen mußte: Der Mann war blind. Zwei große, glanzlose Augen blickten starr unter den buschigen Brauen hervor; die ursprünglich weiße Hornhaut zeigte eine dunkle, körnige Färbung, und auch über die übrigen Gesichtstheile zog sich ein tüpfeliges Blauschwarz, welches ihm ein beinahe schreckliches Aussehen verlieh.

Einer der Bahnbeamten war unter den Eingang getreten.

»Wer ist der Herkules dort?« frug er die Dastehenden.

»Kennt Ihr ihn net?« lautete die Antwort. »Aber gehört habt ihr von ihm! Es ist der Goliath aus Finsterwalde.«

»Der Goliath?«

»Ja, der Bachbauer, den sie den Goliath heiß'n, weil ihn kaan Mensch zu überwind'n vermag. Der Waldkönig hat ihm das Aug'nlicht hinweggeschoss'n.«

Der Frager warf einen theilnehmenden Blick auf den Riesen und eilte dann davon. Das schrille Heulen der herbeieilenden Lokomotive belehrte ihn, daß der erwartete Zug nahe.

Als derselbe zum Halten gebracht war, fand jeder der Harrenden seinen Gegenstand. Der Bachbauer blieb am Wagen gelehnt, aber trotz der Verunstaltung seiner Züge konnte man in ihnen die Ungeduld erkennen, mit welcher er auf die ihn umwogende Geschäftigkeit horchte.

»Kommt er noch net, Baldrian?« frug er den Knecht.

»Hab noch Nix von ihm gesehn. Ich kenn' ihn doch auch gar net!«

»Wirst ihn schon gleich kennen: Krauskopf, rothe Backen, Sammetrock und lackirte Stulp'nstiefel, ein roth und weiß' Verbindungsband mit goldner Klunker auf der West' und die grüne Student'nmütz hoch droben im Pfiff.«[347]

»Ja, dort steht nun einer, der ist so lang und breit wie Ihr. Krauskopf und Stulp'nstiefel, das ist richtig, aber Rock, Mütz', Band und Klunker, das will net pass'n. Jetzt kommt er grad auf uns herbei!«

Der junge Mann, welchen Baldrian meinte, war aus einem Coupé zweiter Klasse gestiegen und hatte sich suchend auf dem Perron umgesehen. Als er dort kein bekanntes Gesicht erblickte, schritt er dem Ausgange zu und gewahrte das Geschirr, bei welchem die Beiden standen. Einen Moment lang verschärfte sich sein Blick, dann flog es wie ein heftiger Schreck über sein hübsches, jetzt tief erbleichendes Gesicht. In der nächsten Sekunde stand er vor dem Goliath.

»Vater!«

»Frieder!«

Sie lagen sich in den Armen. Aus der Innigkeit der Umarmung konnte man auf die herzliche Liebe schließen, welche die Beiden verband.

»Endlich, endlich bist Du wieder da, Frieder!« seufzte der Bauer auf. »Ich lass' Dich nun auch gar nimmer wieder fort. Net wahr, Du bleibst, Du böser Wandervog'l?«

»Ja, Vater! Und wenn ich Dich und die Mutter auch nicht gar so lieb hätte, ich müßte doch die Stelle des Bruders ausfüllen, der – – –«

»Laß' gut sein jetzt, Frieder; das ist Zeit bis nachher später!« Das Gesicht des Sprechers legte sich in düstre Falten. »Net wahr, 'hast nie gedacht, mich so zu find'n wie heut?«

»Nie! Ich kann Dir gar nicht sagen, wie es mir das Herz zerreißt, das zu sehen, was zu lesen mir schon so entsetzlich war. Gebe Gott, daß noch Hülfe für Deine lieben Augen möglich ist.«

»Nix ist mehr möglich, gar nix! Ich bin bei allen Doktor'n und Professor'n gewes'n und hab um Hülf gefleht wie ein Nestling, der zur Erd' gefallen ist, aber umsonst. Komm, steig' ein. Ich erzähl' Dir die Geschicht unterwegs!«

»Laß mich erst den Koffer besorgen!«

Nachdem dieser von dem Knecht geholt und auf den Bock befestigt worden war, stiegen Vater und Sohn ein; die Braunen zogen an, und der Wagen rollte der nahen Landstraße zu, welche höher hinauf in das Gebirge führte.

Schweigend saßen sie neben einander. Der Bauer rang mit den finstern Regungen seines Innern, mit denen er seit seiner Erblindung so viel und so vergeblich gekämpft hatte und die sich jetzt von Neuem mit doppelter Gewalt in ihm aufbäumten, da er sich verurtheilt sah, auf den so lange entbehrten Anblick des geliebten Sohnes für immer verzichten zu müssen. Und Frieder, wie der Gebirgler sich den Namen Friedrich gern zurechtlegt, konnte kein Auge von der Zerstörung wenden, welche dem Gesichte des Vaters den einst so freundlichen und intelligenten Ausdruck geraubt hatte. Es wallte in ihm von Gefühlen, welche ihm heiß und feucht in das Auge traten und ihm die Hände ballten, als müsse er den unheilvollen Urheber solcher Leiden zwischen ihnen zermalmen. Der Betreffende wäre in einer solchen Lage nichts weniger als zu beneiden gewesen, denn Frieder besaß, wie der Knecht vorhin ganz richtig bemerkt hatte, die Natur des Vaters und war diesem an jugendlicher Gewandtheit jedenfalls noch überlegen. Zwischen den Bergen rechnet man mehr mit den physischen Kräften als auf dem städtereicheren Lande, wo das geistige Vermögen den bevorzugten Faktor bildet.

»So hast' also den Brief erhalt'n?« frug endlich der Bauer, als der Wagen schon längst die Stadt verlassen hatte und beinahe geräuschlos zwischen den bewaldeten Höhen dahinfuhr.

»Ja, ein fürchterlicher Brief!«

»Er war kurz aber schlimm. Ich konnt ihn net aufsetz'n, weil das Aug'nlicht net mehr vorhand'n war, und so hat ihn die Mutter auf's Papier gesetzt, die mit der Feder niemals viel zu Weg' gebracht hat.«

»Aber warum habt Ihr mir denn nicht vorher gemeldet, daß der Bruder gestorben ist?«

»Gestorb'n? Ja, gestorb'n ist er, aber wie und woran! Ich hab Dir es net kund gethan, weil ich Dir das Leid auf welche Zeit ersparen wollt' und weil ich ganz andre Ding' im Kopfe trug, als Feder und Papier. Aber jetzt sollst All's erfahr'n jetzt mußt' All's wiß'n, denn jetzt bist daheim und der Mund kann sag'n, was die Tin't net zu erzähl'n versteht.«

Sein ausdrucksloses Auge starrte leer in die Weite; seine Lippen zitterten unter der Qual des Erlebten und doch noch nicht Ueberstandenen, und seine Hände drückten sich auf die hochgehende Brust, als wolle er den darin wüthenden Schmerz gewaltsam niederdrücken. Dann fuhr er fort:

»Vom Waldkönig hast gehört?«

»Nein. Ich war volle fünf Jahre von der Heimath abwesend, habe die weite Welt durchstreift und diese ganze Zeit von zu Hause Nichts vernommen als die letzte Botschaft, welche mich veranlaßte, schleunigst heimzukehren.«

»So muß ich die Geschicht ganz von vorn anfangen! Du weißt von Kind her, daß vor vielen Jahr'n der Grenzmeister 'mal sein Wes'n hier in den Berg'n trieb. Er hatt' alle Wilderer und Schmuggler unter sich, die ihn net verrieth'n, weil sie selber nicht wußt'n, wer er eigentlich war, und weil sie die Straf' fürchteten, die er Jedem gab, den er für seinen Feind hielt. Wie Viel' von ihm erschoss'n, erstoch'n oder aufgehängt word'n sind, das ist eigentlich gar niemals herausgekommen; es hat bei ihm weder Gnad' noch Barmherzigkeit gegeb'n und kam 'mal unschuldig einer in seine Händ', so ist ihm das Aug' geblendet word'n, damit er net im Stand' sei, den Ort und die Personen wieder zu kennen. Nachher ist er aber doch entdeckt word'n und hat ein schmählich End' genommen. Weißt' noch die Geschicht'?«

»Ja. Der Schmuggel ist eine von jenen Sünden, die vom Volke durch allerhand Trugschlüsse und Spitzfindigkeiten beschönigt werden, so daß man die Pascher mit dem Heldennimbus umgiebt und vorzieht, ihnen allen möglichen Vorschub zu leisten, statt sie der wohlverdienten Strafe zu überliefern.«

»Hast Recht, Frieder, und wenn es auf mich ankäm', so müßt'n sie All' am Stricke hangen. Aber thu' mir doch den Gefall'n und sprich net so vornehm wie bisher, sondern red die Sprach', die wir daheim sprech'n, sonst kommst mir fremd vor und ich weiß net, ob Du auch wirklich der Frieder bist! – Also grad wie damals mit dem Grenzmeister ist's auch jetzt mit dem Waldkönig, nur daß dieser noch viel schlimmer ist als jener. Was jetzt in einer Woch' über die Grenz' geschafft wird, das ist sonst in vielen Jahr'n net hinüber und herüberkommen, und das Wild ist beinahe ganz ausgestorb'n, weil der Waldkönig es hinwegputzt, grad wie der Bauer die Flieg'n. Ganz große Schmuggelzüg' gehn hin und her, die Leut' sind bewaffnet bis an die Zähn'; der Grenzer, der es wagt, mit ihnen anzubind'n, ist verlor'n, und wer ihnen unglücklicher Weis' begegnet, wird unschädlich gemacht, wie und womit, das sieh'st Du an mir.«

»Schrecklich! Und die Obrigkeit, Vater?«

»Die Obrigkeit? Die ist ganz gut und giebt sich alle Müh', aber vergebens. Hat sie mir das Aug' beschützt? Kann sie mir das Licht zurückgeb'n in der Finsterheit, die mich umgibt, wie das weite Meer den Mann, der am Strohhalm hängt? Wo soll man den König suchen und wie kann man ihn greifen und pack'n? Niemand weiß, wer er ist und wo er wohnt, er ist nirgends und doch überall, und seine Leut' sind ihm unterthan und gehorsam auf's Wort und auf den Wink. Die Förster und die Grenzer hab'n sich zusammengethan und ihm Urfehd' geschwor'n; er lacht sie all' mit 'nander aus. Niemand hat solche List und Stärk' wie er; er ist der Fuchs und der Tiger zugleich; das ist der Grund, warum ihn Keiner fängt.«

»Sollt' es wirklich Niemand geb'n, der ihm die Faust auf den Nacken legt, Vater?« frug Frieder mit einem beinahe selbstbewußten Lächeln.

»Keinen! Die Bachbauern sind seit Menschengedenk'n ein stark Geschlecht gewes'n, und auch ich hab' mir auf meine Kraft viel zu gut gewußt. Der Feldbauer ist der Einz'ge, der mir fast gewachsen war, und doch sind wir Beid' unterlegen, Dein Bruder Franz und ich. Freilich weiß ich net, auf welche Weis' sie über ihn gekommen sind, und bei mir sind es gar viel gewes'n, sonst hätt' meine Faust sich schon Raum verschafft.«

»Wie ist's gekommen, Vater?«

»Das war so: Der Franz hat stets gut Freundschaft gehalt'n mit dem Förster, und sie sind Beid' sehr oft mit 'nander auf die Pürsch gegangen. Eines Nachts nun kommen sie net wieder heim, und am andern Morgen findet man sie an einen Baum gebund'n, der Eine hüb'n, der Andre drüb'n, und Jeder todt, die Kugel in der Brust. Die Erd' und das Gestrüpp sind rings umher zerstampft und zertreten, als hätt' ein gewalt'ger Kampf stattgefund'n, und in der Tasch steckt bei ihnen ein Zettel, darauf steht geschrieb'n: ›Zur Strafe vom Waldkönig.‹ Als sie mir nachher den Franz herbeibracht'n, ist mir's gewes'n, als ob mich einer mit der Keul' erschlüg; ich hab' alle Sinn' verlor'n, mich eingeschloss'n und nix gewußt von dem, was um mich vorgegangen ist. Erst nach dem Begräbniß hat mich die Mutter wieder hervorgebracht, und ich bin hinausgegangen auf den Friedhof zu meinem Sohn, der tief unter der Erd' gelegen hat, wo ihn mein Aug' net erreichen konnt'. Da hab ich das Gelübd' gethan, net zu ruhn und net zu rast'n, bis der Waldkönig unter mir liegt wie der Tiger unter dem Elephant, der ihn mit einem einz'gen Tritt vernichtet und zermalmt.«[348]

Die letzten Worte waren pfeifend zwischen den knirschenden Zähnen hervorgestoßen, und über das Gesicht des Erzählers zuckte ein Grimm, der alle seine Glieder erbeben machte. Frieder hatte seine beiden Hände ergriffen.

»Vater,« rang es sich aus seiner hochgehenden Brust hervor, »grad so denk' und fühl' auch ich in diesem Aug'nblick, und was Dir net gelungen ist, das werd' ich um so sich'rer erreich'n; das schwör' ich Dir. Hier hast Du meine Hand darauf!«

»Du – –? Geh, Bub'! Was denkst' von Dir und ihm? Du bist der kleine Student, der mir net an die Schulter reicht und dem das Studium das Mark aus Leib und Seel' genommen hat. Ich hab' es nimmer gern gehabt, Dich als hochgelehrt zu sehen, aber Du hast gute Wort' gegeben und die Mutter auch, und so ist Euch Euer Will' geschehen. Jetzt nun bin ich blind, der Franz ist todt und das Geschlecht der Bachbauerries'n stirbt aus. Ich war der Stärkst' von All'n, drum nennt man mich den Goliath; wie[349] aber wird man Dich heiß'n, Knirps?« Trotz der nichts weniger als lustigen Stimmung des Augenblickes zuckte ein heiteres Lächeln um das Bärtchen, welches die Lippen Frieders beschattete.

»Fünf Jahr', hast's gehört, Vater, fünf volle Jahr' war ich net daheim! Denkst net, daß ich in dieser Zeit ein wenig gewachs'n bin?«

»Ein wenig, ja. Aber der ächte Bachbauer wirst nie sein; der Bücherwurm hat Dir die Kraft verzehrt und die Courasch' dazu.«

»So werd' ich wieder stark zu Haus'; denn nun der Franz todt ist, nehm ich die Arbeit über mich. Der Bachhof steht mir höher als die Gelehrsamkeit, es ist ja meine Heimath, und die hält man hoch.«

»Frieder,« rief der Bauer, »so hör' ichs gern, und Niemand wird sich mehr darüber freu'n, als wie die Mutter! Du sollst das Aug' werd'n, mit dem ich schau und wirst auch die Hand sein, mit der ich schaff' und arbeit'. Hab Dank für dieses Wort!«

Ein kräftiger Händedruck, der jeden Andern zu einem Laut des Schmerzes veranlaßt hätte, besiegelte diesen Bund; dann fuhr der Vater fort:

»Es ist nachher für mich eine gar regsame Zeit gewes'n. Bei Tag hab' ich im Hof und auf dem Feld geschafft, und bei Nacht bin ich hinaus in den Wald gegangen, den Haß im Herz'n und die Büchs' auf der Schulter. Ich hab' gehorcht und gelauscht vom Abend bis zum Morg'n und nix gesehn und nix erfahr'n, als daß die Nachbarn all' die Rach' gekannt hab'n, die in mir kochte Tag und Nacht. Nur einer hat kein Mitleid mit mir gehabt, sondern über mich gelacht und gespottet, der Feldbauer, der mein Rival gewes'n ist von Jugend auf. Er trägt es mir noch heut' nach, daß die Mutter mich genommen hat und net ihn, und wo er es nur kann, da fügt er mir Verdruß und Kränkschaft bei. Die erste Frau hat er ins Grab geärgert, und die Zweit', die er als Wittwe bekommen hat, wird wohl das gleiche Loos erleiden müss'n. Mich dauert nur das arme Kind, die Martha, die er so stief behandelt, weil er der Stiefvater ist, und dennoch ist sie das schönst' und gutest' Madel weit und breit. Sie ist trotz der Feindschaft ihres Vaters 'kommen und hat der Mutter bei der Pfleg' geholf'n, als ich unter Schmerz und Qual darniederlag. Das werd' ich ihr nimmer vergess'n, so lang ich lebend bin, denn ihr Wort und Trost war grad so mild und lind wie die Hand, mit der sie mir das Aug' verbund'n hat. Und ich hab' ihn gebraucht, den Zuspruch und den Trost, denn es war, als hätt' die Höll' in mir gebrodelt und gekocht, viel schlimmer noch als damals, als ich das Gelübd' am Grabe that.«

Er holte tief Athem. Die Erinnerung stürmte auf ihn ein, und es dauerte lange, ehe er wieder ruhiger zu erzählen vermochte.

»Es war in einer Mondnacht, beinah' so hell wie der Tag, als ich drunten auf der Halde saß, wo sie vor langer Zeit den alt'n Stollen zugeschüttet hab'n. Da knackt es im Gebüsch, und als ich aufschau, steht einer vor mir, breit und stark wie der Herkules, bewaffnet bis an die Zähn' und mit einer Larv' vor dem Gesicht.«

»Der Waldkönig!« ruf' ich und spring empor, um die Büchs' anzuleg'n. Der aber sagt kein Wort, sondern schnellt zurück, legt den Finger an den Mund und pfeift. Ich will grad losdrück'n, doch in demselben Aug'nblick werd' ich von hint'n und von der Seit' gefaßt und zu Boden geriss'n. Sie sind über mir wie die Wölf' um das einz'ge Roß; ich schlag um mich, so viel ich kann, schüttle sie ab und spring empor, werd' wieder niedergeworf'n, und so geht der Kampf wohl zehn Minuten fort, bis ich endlich ermüdet bin und gefesselt werde. Es sind wohl an die zwanzig Mann, jeder mit der Mask' vor dem Gesicht. Ein Tuch wird mir um die Aug'n gelegt, und ein Knebel mit Gewalt in den Mund gesteckt, dann geht es fort, wohin, das weiß ich net. Halb getrag'n, halb gestoß'n und geschob'n werd' ich über eine halbe Stund weiter gezerrt, bis es wie Strauch und Dornzeug raschelt und ich eine Trepp' hinuntersteig'n muß. Dort ist's feucht und kalt; ich werd' zu Boden gelegt; und dann beginnt mit leiser Stimm' die Verhandlung über mich. Ich hör' nix als das letzte Wort davon:

»Es ist genug, daß der Franz die Kugel bekam. Der Tod ist net so schlimm als wie das Andre und gibt auch keine größere Sicherheit. Er soll den Waldkönig net fangen, dafür wird gesorgt!«[350]

»Die Stimm' kommt mir bekannt vor, obgleich sie unter der Larv' erklingt und auch ganz nach Verstellung lautet, aber noch heut' kann ich mir net sag'n, wo ich sie schon 'mal vernommen hab'. Ich hör' ein Geräusch, als werd' ein Gewehr gelad'n, und dann nimmt man mir die Bind' vom Aug' hinweg. Ich blick' auf, aber da blitzt und kracht es grad vor meinem Gesicht los und ich brech' zusammen wie vom Blitz erschlag'n. Der Lauf war nur mit Pulver gelad'n; schau her, ich hab' ein gut Theil davon noch heut im Aug' und im Gesicht! Das Weit're kannst Dir denk'n! Der Schmerz, den ich hab', wird verlacht und verhöhnt; man faßt mich an, schleppt mich empor und schafft mich in das Dorf, wo ich endlich mit Gewalt die Fesseln herunter bring' und dann auch den Knebel fortnehm'. Der Wächter kommt herbei und führt mich nach Haus'. – Das ist die Geschicht', Frieder; das Andre will ich net erzähl'n. Aber wenn ich schlaf'n geh und wenn ich erwach', so ist mein einzig Gebet, daß der liebe Gott die Gnad' und Barmherzigkeit haben mög', den Waldkönig mir in die Hand zu führ'n. Das Gewehr taugt nix mehr in meiner Hand, aber diese Hand, Frieder, diese Hand, wenn sie ihn erst ergriff'n hat, sie läßt net wieder los, er mag sich wind'n wie eine Schlang' und krümmen wie ein Wurm, sie hält ihn fest und malmt ihn zusammen wie Papier, das man zerknillt und dann zur Erde wirft! Das ist mein Gebet, mein höchster Wunsch. Der Waldkönig ist mein Gedanke am Tag' und mein Traum bei Nacht; jeder Biss'n, den ich genieß', und jeder Schluck, den ich trink', schmeckt nach ihm, jeder Laut, den ich vernehm', mahnt mich an ihn, ich hab' weder Ruh noch Rast und vermag net zu sterb'n, eh' ich weiß, daß er den Lohn bekommen hat!«

Trotzdem der Wagen in raschem Trabe auf der Straße dahinrollte, hatte er sich in demselben erhoben. Er streckte die muskulösen Arme aus, als könne er den Todfeind jetzt mit ihnen erfassen; die Faust öffnete und ballte sich abwechselnd, ein sprechendes Bild der Zermalmung, von welcher er gesprochen hatte; seine Zähne mahlten hörbar aneinander; ihr Elfenbein blickte drohend zwischen den grimmig sich spaltenden Lippen hervor, und die Augen strebten starr aus ihren Höhlen, als wolle die leidenschaftlich angeregte Kraft des unverletzten Sehnerven den geblendeten Augapfel durchdringen, um auszublicken nach dem geheimnißvollen Dämon, der so viel Unglück verschuldet, so unversöhnlichem Hasse das Dasein und – vielleicht auch die Berechtigung gegeben hatte.

Frieder war in die Ecke zurückgesunken. Seine Glieder wurden nicht wie diejenigen des Vaters bewegt von der gewaltigen Gährung, welche auch in seinem Innern herrschte. Aber in seinen Augen glühte es wie ein eingeschlossener Brand, welcher nur der geringsten Oeffnung bedarf, um vernichtend emporzulohen, und seine Lippen preßten sich zusammen unter dem Bestreben, diese[363] Flamme zurückzuhalten und hinabzuringen in die Tiefe, wo er die glühenden Wasser kochen fühlte, wie in einem Vulkane, über dessen Krater eine purpurne Aureole schwebt zum Zeichen, daß das Verderben in ihm wohne.

Dem Knechte war kein einziges Wort der Unterhaltung entgangen. Dem guten Menschen stand das Wasser in den Augen. Er wußte, was sein Herr gelitten hatte und heut noch litt; das griff ihm in das treue Herz hinein, und wie sehr er sich räusperte, wie oft er sich auch mit dem Aermel über das Gesicht fuhr, die Tropfen erneuten sich immer wieder, so daß er endlich, zwischen Aerger und Beschämung kämpfend, auf die Braunen einhieb, daß sie förmlich auf der Straße dahinflogen. An einer Stelle, wo ein Vizinalweg von der Seite her in die Chaussee mündete, drehte er sich um.

»Grad aus oder links?«

»Fahr links ab. Wir kommen näher!« antwortete der Bauer, obgleich er den Weg nicht zu sehen vermochte. Er wußte, daß er gemeint sei und war ihn früher selbst stets gefahren, um einen guten Bruchtheil Zeit abzuschneiden.

So ging es weiter. Der Wald lichtete sich zur offenen Haide, zwischen welcher das Geleis schmal und holperig dahinführte, und schon senkte sich der Weg bergab zum Dorfe, als Baldrian sich nochmals nach rückwärts wandte.

»Dort kommt Einer geritt'n. Es muß der Feldbauer sein!« Er war gewohnt, dem Blinden jede Begegnung zu melden, damit dieser die Begrüßung nicht verfehle.

Der Reiter, welchen er meinte, kam ihnen in scharfem Trabe entgegen. Es war eine breite, nicht zu hohe aber massive Gestalt, an welcher der nicht mehr zu junge Schimmel gerade genug zu tragen hatte. Grad vor ihnen parirte er mitten auf dem Wege das Pferd, so daß auch Baldrian zum Halten gezwungen war.

»Holla, wer ist denn das? Das ist ja der Goliath mit dem Student'n, der in die weite Welt 'gangen ist, weil ihn zu Haus' Niemand gern leid'n mag! Fahrt seitwärts ab, damit anständ'ge Leut' vorüber können!«

»Ihr könnt uns eher ausweich'n als wir Euch, Feldbauer,« meinte der Knecht. »Reitet ab!«

»Ich Euch, Grünschnabel? Fällt mir gar net ein! Marsch auf die Seit', sonst helf ich nach!«

Als Baldrian keine Miene machte, dem Gebote zu folgen, bekam der Schimmel die Sporen, der Reiter hielt im nächsten Augenblicke neben dem Wagen und zog dem Knechte mit der Peitsche einen kräftigen Hieb über das Gesicht herüber.

»So, Hallunk', da hast' was Du brauchst, um ein ander Mal zu wiss'n, wer Meister ist, Du oder ich!«

»Was ist das, Feldbauer?« frug da der Blinde. »Du wagst es, mein Gesind' zu schlag'n! Könnt' ich noch sehn, so wollt' ich Dich schon heimleucht'n!«

»Du mir heimleucht'n? Denkst' vielleicht, ich fürcht' mich vor Dir? Da, hast' den Hieb grad auch so wie der Knecht!«

Er holte aus zum Schlage, kam aber nicht dazu. Mit einem gedankenschnellen Sprunge war Frieder aus dem Wagen und griff dem Schimmel in die Nüstern, daß er vorn emporstieg und zwar so kerzengrad, daß der Reiter zu Boden fiel. Sofort kniete der junge Mann auf diesem, entriß ihm die Peitsche und bearbeitete ihn mit derselben scheinbar so mühelos, als habe er einen Schulknaben unter sich liegen.

»Frieder, Frieder, was machst'?« rief der Blinde angstvoll, welcher nicht anders glaubte, als daß die so hörbaren Schläge dem Sohne gälten.

»Ich lehr' ihn Achtung vor den Bachbauern, Vater. Hab' keine Sorge um mich!«

Der Feldbauer strengte seine ganze Kraft an, sich emporzubäumen und den Gegner abzuwerfen; es gelang ihm nicht. Die thatendurstige Erbitterung, welche die Erzählung des Vaters in dem Herzen Frieders hervorgerufen hatte, war durch die diesem gewordene Beleidigung zum Ausbruche getrieben worden. Der Jüngling hielt die Arme des Feindes unter den Knieen fest, drückte ihm mit der Linken die Kehle wie zwischen einem Schraubstocke zusammen und ließ mit den unaufhörlich niedersausenden Peitschenhieben nicht eher nach, als bis er fühlte, daß die Widerstandskraft des Feldbauern vollständig erlahmt sei.

»So, da hast genug und bist gezeichnet für lange Zeit! Ich will Dich lehr'n, den Knecht zu schlag'n und den Vater zu schimpfir'n. Die Peitsch' nehm' ich mit zum Zeich'n, daß der Student, den Niemand leid'n mag, weit über den Feldbauer kommt, der der Liebling ist vom ganz'n Dorf. Willst' sie wieder hab'n, so kannst' sie vom Bachhof hol'n, nachher sollst' sie bekommen, aber anders net!«

Er gab dem Schimmel einen Schlag, daß dieser laut wiehernd das Weite suchte, und sprang, ohne den Ueberwundenen eines weiteren Blickes zu würdigen, schnell in den Wagen, der seinen Weg unverzüglich fortsetzte.

»Frieder!« stieß der Blinde voller Erstaunen hervor.

»Wunderst Dich wohl, Vater? Der Feldbauer mag Dir beinah' gewachs'n sein, wie Du vorhin gemeint hast, mir aber net! Willst' mich nun noch den ›Knirps‹ heiß'n?«

»Nun sicher net! Ich hab' Dich vor mir geschaut immer nur grad so, wie Du vor fünf Jahr'n gewes'n bist, und es ist wahr, Du bist gewachs'n, Frieder. Aber einen Feind hast' Dir erworben, der Dir die Zücht'gung niemals vergeben wird!«

»Ich fürcht' ihn net und nehm's mit Zweien auf von seinem Schlag!«

Als der Wagen in den Bachhof, welcher der erste und größte des Dorfes war, einfuhr, stand die Bäuerin schon zum Empfange bereit.

»Komm her, Anna, und nimm den Sohn wohl auf,« meinte der Blinde. »Er hat die grüne Mütz und die Klunker abgelegt und will für immer bei uns bleib'n. Ich sag' Dir, daß er ein Bachbauer werd'n wird, wie's noch keinen gegeb'n hat, denn der Mensch ist ein Ries', noch dreimal größer als der Goliath!« – –

Quelle:
Der Waldkönig. Eine Erzählung aus dem Erzgebirge von Karl May. In: All-Deutschland! 3. Jg. 1879. Heft 11–16. Stuttgart (1879). Nr. 23, S. 363-364.
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Der Waldkönig
Der Waldkönig - Erzählungen aus den Jahren 1879 und 1880 (Reprint der Karl-May-Gesellschaft)

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