III.

Der Buschwebel

[382] Eine volle Woche war vergangen; sie hatte Abwechslung in das Dorf gebracht. Die Kunde von der Ermordung Franzens und der Blendung seines Vaters war bis zu der obersten Behörde gedrungen, welche einsah, daß mit den bisher verfügbaren Kräften dem Treiben der Verbrecher nur schwerlich Einhalt gethan werden könne. Man beschloß daher, energischere Maßregeln zu ergreifen und schickte ein Kommando Soldaten in die Berge, um im Anschluß an das Forst- und Grenzpersonal dem Waldkönig, auf dessen Ergreifung, todt oder lebendig, ein namhafter Preis gesetzt wurde, das Handwerk zu legen.

Frieder hatte sich gleich am andern Morgen wieder in den Forst begeben, um den Trichter einer möglichst genauen Untersuchung zu unterwerfen, war aber nicht auf die geringste Spur eines verborgenen Einganges gekommen. Von da ging er zum Förster, um ihm die gestern ausgesuchten Spannhölzer zu bezahlen.

»Weißt' auch, daß wir Besuch bekommen?« frug dieser, als das Geschäft abgeschlossen war.

»Was für einen?«

»Einen gar willkomm'nen für unsre Madels, Militär.«

»Ah! Wozu?«

»Weg'n dem Waldkönig. Ich hab' schon gestern die amtliche Benachrichtigung erhalt'n und war vorhin beim Vorstand, der's auch schon weiß und so eb'n die Quartierlist' angefertigt hat. Zu uns nach Finsterwalde kommen zwanzig Mann unter einem Feldwebel, der zum Feldbauer gelegt wird.«

»Zum Feldbauer? Warum zu dem?«

»Weil er da drauß'n möglichst unbeachtet wohnt und ihn net Jedermann belauern kann. Er selber hat darum gebet'n und kann also net ganz unbekannt hier sein.«

»Man wird wohl nur solche Leut' herschick'n, die in der Näh' zu Haus' sind; das ist bei ihrer Aufgab' ein großer Vortheil, den man net versäumen darf.«

»Es wird doch net der Buschwebel sein! Der Brief war unterschrieb'n, daß man den Namen gar net les'n konnt'.«

»Wer ist das, der Buschwebel?«

»Das ist der zweit' Sohn vom Buschbauer in Steinertsgrün. Er ist der wildest' Bub' gewes'n im ganz'n Gebirg und hatt' sich mit seinem Vater so vollständig zerschlag'n, daß er vor Aerger freiwillig zum Militär ging. Dazu hat er ganz gut gepaßt, immer lustig und fidel, leicht im Sinn aber gewandt im Dienst und dazu ein hübscher Bursch', dem Jeder gut sein muß, der die Wildheit net kennt, die still verborg'n in ihm wohnt. Im letzt'n Krieg ist er drauf und dran gegangen wie der böse Feind, und hat es auf diese Weis' bis zum Feldwebel gebracht.«

»Darum wohl nennt man ihn hier, den Nam' und Grad zusammenfassend, den Buschwebel?«

»Ja, darum! Bei seinen Vorgesetzt'n ist er hochbeliebt, weil sie wiss'n, daß er gradwegs in die Höll' hinuntergeht, wenn sie ihn schick'n, und darum hat man grad ihn und keinen Andern zum Grenzdienst auserles'n. Mir ist dies gar net sehr genehm, denn ich weiß vorher, daß ich net mit ihm verkomm', und doch gebietet's der Dienst, daß wir gar oft mit ihm verkehr'n.«

»So kennst' ihn schon persönlich?«

»So ziemlich. Er steht in der Kreisstadt und kam nach Steinertsgrün auf Urlaub. Sein Vater ist jetzt stolz auf ihn und hat sich völlig mit ihm ausgesöhnt. Dort hat er 'mal die Martha vom Feldhof gesehn, die da Gevatter war, und ist ihretweg'n herüber 'kommen auf ein paar Tag'. Da ist's gar sauber hergegangen in der Schenk; das Madel hat ihn net angesehn, und weil er da nun abziehn mußt', wird er jetzt die Gelegenheit ergreif'n, den Versuch nochmals zu mach'n.«[382]

»Das wird ihm der Feldbauer schon verleid'n!«

»Wer weiß! Der Buschhof in Steinertsgrün, der 'mal nur unter Zwei'n getheilt wird, ist seine sechzig tausend Thaler werth unter Brüdern, und sodann kann man ja net in die Verhältniss' blick'n, die bei solcher Sach' den Vorschub leist'n. Mich geht's nix an; die Hauptsach' ist, daß wir den Waldkönig los werd'n, und dazu sind nun alle Zügel angespannt. Auch das Waff'nverbot ist da. Wer mit Messer oder sonst'gem Gewehr in Wald und Flur betroff'n wird, kommt sofort zur Arretur, und greift er zur Waff', wird er augenblicklich niedergeschoss'n.«

»Wie nun, wenn ich durch den Wald geh und das Pistol bei mir trag' zur Vertheidigung, falls ich angegriff'n werd'?«

»So mußt' den Waff'npaß lös'n. Doch willst' das net, so bin ich ja da! Dein Bruder ist, als ich noch Substitut hier war, fast täglich mit uns ins Revier gegangen. Kannst's auch so halt'n, und bist allein 'mal drauß'n, so verantwort ich das Gewehr.«

»Ich nehm' das an, Förster, denn ohne Waff' geh ich net in den Wald von weg'n dem Haß, den der Waldkönig auf uns geworf'n hat.«

Zu Hause fand er die Mutter schon beschäftigt, sich auf die unterdessen angesagte Einquartierung vorzubereiten. Der Bachhof bekam zwei Mann, die am andern Tag eintrafen und eine Stube zugetheilt erhielten: der Feldwebel, der wirklich der Sohn des Buschbauers war, kam auf den Feldhof, und die Uebrigen wurden je nach dem Vermögen der Einwohnerschaft über das Dorf vertheilt.

Von jetzt ab machte sich eine rege Geschäftigkeit im Orte bemerkbar. Der Buschwebel rasselte mit seinem Schlepper auf und ab, drehte den Bart und brüstete sich wie ein General; seine Untergebenen folgten diesem Beispiele, und die Bauern ergaben sich mit Vergnügen unter den militärischen Pantoffel, denn sie hofften von ihm Befreiung von dem Unwesen der Pascher und Wilderer, und genossen dabei das ihnen so seltene Vergnügen, mit Uniformen verkehren zu können.

Dabei muß allerdings gesagt werden, daß das Kommando in dienstlicher Beziehung seine volle Schuldigkeit that. Der Tag war in regelmäßige Wachen getheilt, und es gab keinen Augenblick, in welchem die Grenze nicht unter der aufmerksamsten Aufsicht stand. Dieses hatte wenigstens den negativen Erfolg, daß der Waldkönig seine Manipulationen einstellte, vielleicht zu dem Zwecke, die Gegner erst gehörig kennen zu lernen und sie dabei einzuschläfern.

So war der Sonntag wieder gekommen, und es gab nach dem Gottesdienste auf dem Kirchhof doppelt so viel Gesprächsstoff als gewöhnlich. Frieder war heut keine neue Erscheinung mehr, und er konnte nach dem Grabe des Bruders gehen, ohne die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Was er halb gewünscht und halb geahnt hatte, das traf ein: Martha saß auf der Bank, grad wie vor acht Tagen. Er hatte sie seit dem Sonntagsabend nicht wieder gesehen und empfand über die Begegnung eine Freude, die sie deutlich in seinen Zügen lesen konnte.

»Martha, 'bist auch hier? Grüß Gott!«

»Grüß Gott, Frieder! Ich dacht' net, daß Du auch heut' zum Grabe kämst.«

Frieder lächelte glücklich bei dieser vom weiblichen Zartgefühle diktirten Entschuldigung und bot ihr die Hand.

»Also gehst' blos dahin, wo Du meinst, daß ich net bin! Drum bist' auch diese ganze Woch' net zu uns herein'kommen.«

»Ich war net ein einzig' Mal im Dorf. Ich konnt' net fort weg'n der Einquartirung, die uns gar sehr zu schaff'n macht. Der Vater ist ganz ausgewechselt. Er geht erst spät schlaf'n und sitzt mit dem Feldwebel so fest beim Wein oder Bier, daß ich net fort kann.«

»Also geht er net mehr um Acht zur Ruh?«

»Seit der Buschwebel da ist, nein. Heut' aber hat er's gleich früh gesagt, daß er wieder 'mal gehörig ausschlaf'n will. Der Webel ist net da am Abend, denn es gibt einen Fang.«

»Wie so?«

»Einer der Soldat'n hat in der Früh' auf dem Heimweg ein Billet gefund'n, das in der Nacht ein Pascher verloren hat; darauf steht geschrieb'n, daß heut punkt Neun eine große Meng' von Gütern bei der Schießhütt' über die Grenz' geschafft werd'n soll. Da will er nun seine ganz'n Leut dort aufstell'n und hat davon auch schon dem Offizier Nachricht geschickt, der in Steinertsgrün im Quartier liegt.«

»So denkt er wohl, den Waldkönig dort zu fangen?«

»Er ist ganz sicher drauf.«

»Ach so! Dann ist der Buschwebel ein gar kluger Bursch, wenn er Den schon nach so kurzer Zeit ertappt, nachdem hier Jahr' lang trotz aller Müh' vergebens gefahndet word'n ist. Aber paß auf, er kommt mit leeren Händen zurück!«

»Woher weißt' das?«

»Ich denk s mir,« antwortete er ausweichend.

»Ich wollt' aber doch, er bekäm' ihn gleich heut'!«

»Warum?«

»Dann käm' er wieder fort!«

»Das wünschest' wohl?«

»Von ganzem Herz'n. Er ist so – so eig'n mit mir, verfolgt mich Schritt um Schritt und weiß doch, daß ich dies net gern hab.«

»Woher soll er das wiss'n?«

»Ich hab's ihm selbst gesagt. Er war schon einmal hier in Finsterwalde und hat es ganz gleich so gethan, bis ich mir's verbat und ihm ausgewich'n bin.«

»Was sagt der Vater dazu?«

»Er gibt ihm Vorschub bei der Zudringlichkeit, und ich bekomm viel böse Wort', weil ich sie mir net gefallen lass'. Er fängt schon an, Gewalt zu brauch'n, denn er hat mir befohl'n, heut Nachmittag zum Tanz zu gehn. Der Webel hat ihn darum ersucht.«

»Und was wirst' thun?«

»Ich weiß net. Ich mag net hin, und dennoch muß ich wohl, wenn er darauf besteht. Ich dacht', ich wollt' Dich treff'n und Deinen Rath begehr'n.«[395]

Sie merkte nicht, daß sie sich jetzt widersprach. Also war sie doch zum Grab gekommen, weil sie Frieder hier zu finden hoffte.

»Warum den mein'gen, Martha?«

»Weil er der best' ist, den ich find',« antwortete sie einfach.

»So geh nur immer hin. Es wird Dir nix gescheh'n!«

»Aber wenn er mich zum Tanz auffordert?«

»Willst' wirklich net mit ihm tanz'n?«

»Um keinen Preis!«

»So sagst' ihm, Du seist schon versagt.«

»An wen?«

»An mich, Martha.«

»So wirst' auch dort sein?«

»Dir zu Lieb'. Oder willst' Dich lieber an einen Andern versag'n?«

»Nimmermehr! Ich hab' noch nie getanzt, und Du bist der Einz'ge, mit dem ich es versuch'! Nun aber muß ich fort, der Vater will das Mahl beizeit'n hab'n.«

Sie ging. Er blieb gedankenvoll stehen.

»Wie schlau er seine Sach' beginnt! Er macht den Buschwebel zutraulich und schiebt ihm sogar die schöne Tochter zu, um sein Vertrau'n zu erhalt'n und All's zu erfahr'n, was er vornimmt. Jetzt bleibt er auch vom Schlaf' weg, weil der Waldkönig gefeiert hat, und da dies doch net zu lang dauern darf, so hat er heut wieder einen Schlag beschloss'n. Der Zettel ist mit Fleiß in den Weg gelegt, um die Verfolger auf eine falsche Spur zu bringen, und während sie nach der Schießhütt' gehn, wird das Gut ganz wo anders über die Grenz' geschafft. – – Soll ich sie warnen? Nein, ich bin net ihr Spion und geh' meinen eig'nen Weg. – –«

»Das Mittagsmahl hat er so in der Früh bestellt, um heut eher als ein ander' Mal zum Stein hinauf zu kommen. Die ganze Woch' hat nix darunter geleg'n, doch heut find ich ganz sicher ein Papier und hab' auch die best' Gelegenheit, zu sehn, ob er's auch wirklich ist, der es darunter legt.«

Auch er ging jetzt, schützte daheim einen unaufschiebbaren Gang vor, bat, ihm das Mittagsmahl aufzuheben und begab sich auf einem noch weitern Umweg als vor acht Tagen in den Wald. Bei dem Steine angekommen, hob er ihn empor; es lag kein Zettel da, und nun verbarg er sich erwartungsvoll in seinem früheren Versteck.

Seine Vermuthung bestätigte sich gar bald. Der Feldbauer kam, suchte erst vorsichtig, doch ohne den Lauscher zu bemerken, die Umgebung ab und legte dann ein Papier unter den Stein, worauf er sich schleunigst entfernte. Schnell war Frieder beim Granit, hob ihn empor und las: »Beim alten Stollen um 9.«

Was nun geschah, konnte er sich denken; er verließ behutsam den Ort und ging nach Hause. Später besuchte er die Nachmittagskirche, um den Kantor an der Orgel abzulösen und begab sich dann, als nach beendigtem Gottesdienste die jungen Leute zu Tanze gingen, in die Schenke.

Als er dort eintrat, war die Stube von den Soldaten und Ortsbewohnern so gefüllt, daß kaum noch ein leerer Platz zu finden war. Der Bewohner des Gebirges kann der Natur ihre jährlichen Spenden nur unter doppeltem Schweiße und saurer Mühe abringen, und winkt ihm einmal das Vergnügen, so säumt er nicht, sondern giebt sich ihm ohne Zögern und Verweilen hin.

»Sind die Musikant'n bald da?« frug der Buschwebel, welcher am großen Tische präsidirte, den Wirth. »Wie lang soll man hier wart'n, bis es losgeht? Wenn die Glock' erklingt, geht's in die Kirch', und wenn der Tanz net sofort beginnt, werd' ich Euch läut'n!«

»Sie sind sogleich hinauf, und Madels sitz'n auch schon genug dabei,« lautete die Antwort.

»So trinkt aus und kommt in den Saal!«

Frieder konnte sich denken, daß Martha nicht gleich beim Beginn zugegen sein werde; er plazirte sich so, daß er ihr Kommen bemerken mußte, und wartete. Als er sie endlich erblickte, war's nicht allein, sondern die Mutter befand sich bei ihr. Einige Minuten später erhob er sich und ging hinauf. Sie saßen an einem kleinen Seitentische ganz allein, und eben jetzt brachte der Webel einen Stuhl herbei, um an ihrer Seite Platz zu nehmen.

Noch eine Seite des Tischchens war frei. Frieder schritt sofort hinzu, grüßte höflich und frug:

»Ist's erlaubt, mit Platz zu nehmen?«

»Nix ist erlaubt,« erwiderte der Webel. »Schaff' Dich auf die Seit', es ist noch Raum genug im Saal!«

Frieder maß ihn mit gleichmüthigem Auge vom Kopfe bis zu den Füßen herab.

»Mir scheint, Sie befinden sich nicht allein hier am Tische, Herr Feldwebel, und die beiden Damen haben jedenfalls das gleiche Recht, über meine Frage zu entscheiden. Die Brüderschaft aber bringen Sie bei Ihresgleichen in Anwendung; bei mir kommt sie an die unrechte Adresse!«

Er wiederholte seine Bitte den Frauen, und da diese zustimmend nickten, so winkte er dem Kellner, welcher eilig einen Stuhl herbeibrachte.

»Sind Sie schon für den nächsten Tanz versagt, Fräulein?« frug er Martha.

»Nein.«

»Darf ich es wagen, darum zu bitten?«

»Gern!«

»Und dann die Uebrigen?«

»Auch diese!«

»Dank! Ich werde Sie nicht ermüden, sondern von Ihrer Erlaubniß nur dann Gebrauch machen, wenn ich bemerke, daß Sie es wünschen.«

»Das geht net, das kann net gelitt'n werd'n!« fiel hier der Webel eifrig ein. Er kannte Frieder nicht, obgleich er von ihm gehört hatte, und war, da dieser sich in der Kleidung durch Nichts auszeichnete, der Meinung, einen gewöhnlichen Bauernburschen vor sich zu haben. »Kein Madel hat das Recht, sich für den ganz'n Tag an einen Einz'gen zu versag'n. Du hast den erst'n Tanz, und den zweit'n hol ich mir!«

»Ich bitte nochmals, das Du hinwegzulassen, Herr Feldwebel! Sie hören, daß ich Ihnen Ihre Ehre gebe, verweigern Sie aber, hier an dieser Stelle anständig zu sein, so werde ich dafür sorgen, daß eine nothwendige Aenderung eintritt!«

»Was, Kerl, Du willst mich von hier wegjag'n und hast Dich doch selber nur herzugedrängt? Soll noch vor dem Tanz das Geschlag' losgehn, so ist's am Best'n, es beginnt sogleich! Weich' fort, sonst schlag ich Dir das Seidel an den Kopf!«

Er hatte sich erhoben und griff nach dem Bierglase. Die beiden Frauen sprangen erschrocken auf, Frieder aber blieb ruhig sitzen und lächelte vornehm.

»Es fällt mir nicht ein, mich an des Königs Rock zu vergreifen; werde ich aber zur Abwehr gezwungen, so kommt die Verantwortung nur auf Sie.« Und sich zu Martha und ihrer Mutter wendend, bat er: »Bleiben Sie nur immer sitzen; es geschieht Ihnen nicht das Geringste! Ich verstehe es schon, mit solchen Herren umzuspringen, die nicht zu wissen scheinen, was sie ihrer Kleidung schuldig sind.«

»Was? Umspringen willst mit mir, mit dem Buschwebel, an den sich Keiner wagt? Da, hast' den Topf ins Gesicht!«

Er erhob das Glas zum Schlage. Im Nu aber hatte ihn Frieder beim Gürtel erfaßt, hob ihn hoch empor – ein lauter, vielstimmiger Schrei erscholl durch den ganzen Saal – der Webel flog in einem weiten Bogen zum Fenster hinaus, dessen Flügel offen standen. Der größte Theil der anwesenden Soldaten eilte aus dem Saale und zur Treppe hinab, um nach ihrem Vorgesetzten zu sehen; die Uebrigen jedoch machten Miene, die Niederlage desselben zu rächen. Sie drangen auf Frieder ein. Dieser trat ihnen furchtlos entgegen.

»Wer noch durch's Fenster will, der komm' herbei!«

Seine Augen blitzten, und seine Arme streckten sich drohend ihnen entgegen, von denen Keiner ihm bis an das Kinn reichte. Sie stockten; die klugen Musikanten fielen mit einem lustigen Walzer ein, und wirklich verfehlten die Töne auch hier ihre Wirkung nicht: die Angreifenden zogen sich zurück und wurden durch die antretenden und bald sich drehenden Paare zerstreut. Einige Augenblicke später befand sich kein Soldat mehr im Saale; sie standen alle unten beim Feldwebel, welcher Kriegsrath mit ihnen hielt. Er war in die Zweige eines grad unter dem Fenster stehenden Baumes gestürzt und zwar arg zerrissen und zerkratzt, innerlich aber nicht beschädigt worden.

»So 'was darf nur der Bachfrieder thun,« meinte er, die Spuren des Sturzes so viel wie möglich beseitigend. »Hätt' ich gewußt, daß er es ist, so wär' ich vorsicht'ger gewes'n und hätt' mich net so unvermuthet packen lass'n. Jetzt muß ich nach Haus', um die andre Uniform anzuthun, denn diese hier muß zum Schneider; nachher aber komm' ich wieder, und dann wird sich's find'n, was wir thun. Geht hinauf und wartet, bis ich zurückkehr'!«

Frieder saß ruhig bei den Frauen und unterhielt sich gut mit ihnen. Die Feldbäuerin war zwar eine hohe, früher wohl kräftige Gestalt, jetzt aber hatte das Leid sie geschwächt und gebeugt und den bleichen, einst jedenfalls schönen Zügen seine tiefen Spuren eingegraben. Sie besaß eine über ihren jetzigen Stand weit hinausgehende Bildung, deren segensvolle Wirkung er ja an der Tochter deutlich erkannt hatte, und war erfreut, einmal ein Gespräch führen zu können, welches bei dem einfachen Leben des Dorfes ihr einen seltenen Genuß bereitete.[396]

Er bemerkte, daß die Soldaten zurückkehrten, sah auch die Blicke, welche sie ihm zuwarfen und ahnte, daß der kaum beendete Streit eine Fortsetzung finden werde, doch ließ er die Frauen nichts davon merken.

Eben wurde ein sanfter Dreher angefangen.

»Willst' den tanz'n, Martha?« frug er, jetzt wieder in das trauliche Du und den heimischen Dialekt zurückfallend, welches Beides er in Gegenwart des Buschwebels aufgegeben hatte.

»Wenn Dir's recht ist, tanz' ich gar net, Frieder! Ich hab' keinen Wohlgefall'n hier dran und mag auch keinen Zank verschuld'n.«

»Das ist mir grad lieb, Martha. Ich tanz' auch net an solchem Ort und darf Dir's also noch viel wen'ger zutrau'n. Ich hab' vollauf Genüg' an unsrer Red', die mich anmuthet, als ob ich zu Haus' sei bei der Mutter.«

Die Bäuerin wollte dieses herzlich gemeinte Kompliment beantworten, doch erstarb ihr schon das erste Wort zwischen den Lippen. Vorn an der Thür war der restaurirte Feldwebel erschienen und hinter ihm der Feldbauer. Der Letztere hatte von dem Ersteren Alles erfahren, und nur die Wuth über das Gehörte konnte ihn bei dem Aussehen seines Gesichtes herbeigetrieben haben. Er warf einen schnellen Blick im Saal umher, ließ dann einen Tisch in die Ecke stellen, vier Stühle dazu und trat dann zu den Seinen.

»Steht auf und kommt herüber. Ich werd' Euch lehr'n, mit Lump'n zu verkehr'n!«

Die Frauen blickten erschrocken auf Frieder. Dieser nickte ihnen unbefangen lächelnd zu.

»Ich muß verzicht'n auf die Gesellschaft, aber auf das Andre net, Martha. Brauchst' Schutz, so bin ich da!«

»Der Schutz bin ich, Du Laff'; Du bist unnütz dazu; kein Mensch wird Dich gebrauch'n,« fuhr ihn der Bauer an, indem er den Arm der Tochter ergriff und diese über den Saal mehr stieß als führte. »Hier, Buschwebel, hast' die Tänz'rin, und wir woll'n Den sehn, der 'was dageg'n hat!«

»So tanz' ich gleich jetzt auf der Stell'. Vorwärts, Madel, und aufgepaßt, Kam'rad'n! Wer stört, der fliegt hinaus!« erwiderte dieser, indem er Martha aus der Hand des Stiefvaters nahm und sie an die Spitze der Kolonne stellte, die zum Tanze bereit stand.

Ein halblautes Murren erhob sich unter den anwesenden Burschen, theils über die Behandlung des schönen Mädchen und theils darüber, daß der Webel sich nicht an den ihm zugehörigen hinteren Platz, sondern voran stellte. Martha warf einen bittenden Blick auf Frieder, der sich schnell erhoben hatte. Sie wollte lieber mit dem Verhaßten tanzen, als den Jüngling einer Gefahr aussetzen. Aber schon stand dieser in der Mitte des Saals und winkte der Musik Schweigen. Dann schritt er auf den Webel zu.

»Die Tänz'rin ist mein; ich hab sie engagirt. Bitt', Martha, Deine Hand!«[397]

Der Feldwebel hielt das Mädchen fest und zog sie einige Schritte zurück.

»Herbei, Soldat'n, es geht los!«

Frieder trat zurück und wandte sich an die Dorfburschen.

»Wer hat Herz und hält zu mir? Herbei, wer 'was auf seine Tanz'rin giebt und sie sich net verschimpfiren lassen will!«

Im Nu waren die Jacken herunter und sämmtliche jungen Leute standen bei ihm.

»Kellner, die Thür weit auf!« gebot Frieder und trat auf seinen Gegner zu.

»Jetzt gilt's die Wahl, Herr Feldwebel. Sie hab'n den Krieg erklärt und er mag losgehn: Entweder bekomm' ich meine Tänz'rin oder« – er erhob mit deutlicher Bewegung den Arm – »erst durch das Fenster, jetzt durch die Thür!«

Die Soldaten sahen die nervigen Arme der Bauernburschen und die weit überlegene Zahl derselben, sie zogen sich langsam von dem Feldwebel zurück. Dieser bemerkte die Flucht, er erkannte, daß seine Partei trotz der Stärke des Feldbauers und auch seiner eigenen Unerschrockenheit den Kürzeren ziehen werde, und ließ die Hand von Martha.

»Schön, so gehts auch ohne Kampf,« meinte Frieder. »Wer blanke Knöpf' am Rock hat und in fünf Minut'n noch im Saal ist, wird exgeschafft. Ich will Euch zeig'n, was es heißt, sich unsern Madels aufzuzwingen und dazu zum Kampf zu blas'n! Vorwärts, angetret'n zum Tanz!«

Die Musik fiel ein; er tanzte mit Martha vor, die Anderen folgten, und die Soldaten schlichen Einer nach dem Andern aus dem Saal. Nur der Buschwebel blieb beim Feldbauer stehen. Als die gegebene Frist verlaufen war, trat Frieder zu ihm.

»Links schwenkt, marsch!«

Er faßte ihn beim Kragen. Da trat der Bauer an ihn heran.

»Den läßt gehn', sonst hast's mit mir zu thun!«

»Ich hab gesagt, daß ich Dir aus dem Weg geh', Feldbauer; doch komm' mir net in den meinen. Der Webel geht hinaus, und damit basta!«

»Er bleibt hier! Und mein Madel gibst' her; es hat Keiner ein Recht auf sie, als dem ich es geb'!«

»Was hast' für ein Recht zu vergeben? Bist' etwa der Vater oder der Vormund?«

»Der Vater bin ich und befehl', daß sie kommt!«

»Der Stiefvater bist', der Henker und Pein'ger. Aber das sag' ich Dir, Feldbauer, wenn die Martha über Dich klagt, daß Du ihr den Streit entgelt'n läss'st, so laß ich sie Dir von der Obervormundschaft fortnehmen! Sie soll hier bei der Mutter sitz'n, doch nur so lang es mir gefällt, net Dir! Jetzt nochmals vorwärts!«

Der Feldwebel legte die Hand an den Degen und machte Miene, ihn zu ziehen, sofort aber flog er unter die bereit stehenden Bursche hinein, diese schoben ihn weiter, Einer dem Andern zu, und er kam durch die Thür und zur Treppe hinab, ehe er nur den geringsten Widerstand zu leisten vermochte. Innerlich beschämt, doch ohne dies sich zuzugestehen, verließ er die Schenke, wo er zweimal nach einander die schmachvollste Niederlage erlitten hatte, und begab sich nach seinem Quartiere. Als er am Bachhof vorüberging, schüttelte er drohend die Faust gegen denselben.

»Das werd' ich dem Frieder gedenk'n! Er und der Waldkönig, sie sind mir verfall'n, der Ein' weg'n der Lieb' und der Andre weg'n der Ehr'!«

Rache brütend faß er in der ihm eingeräumten Stube des Feldhofes, bis der Bauer mit Martha und ihrer Mutter nach Hause kam. Dieser hatte sich auf dem Saale außerordentlich ruhig verhalten und kein Wort mit den Frauen gewechselt, sich auch auf dem Heimwege vollständig schweigsam gezeigt. Die Drohung Frieders, sich an die Obervormundschaft zu wenden, hatte ihre Wirkung nicht verfehlt. Ueberhaupt war es nicht die unvergleichliche Körperstärke des jungen Mannes allein, sondern in demselben Grade auch die geistige Ueberlegenheit desselben, was ihm imponirte, wenn er dies auch weder sich selbst noch einem Andern gegenüber Wort haben mochte.

»Nun, 'hast Dein Wort schön gehalt'n!« meinte er, als der Feldwebel zu ihm in die Wohnstube trat. Die Beiden hatten nicht lange gezaudert, Brüderschaft zu schließen. »Erst thust' als willst' ihn fress'n, und dann weichst' zurück und läss'st dich gar spedir'n. Ihr Soldat'n sind gar tapfere Leut' – aber blos mit der Zung', net mit der Faust!«

»Sei still! Wo ist denn Dein Beistand geblieb'n, den Du mir versproch'n hast? Als es zum Austrag kommen sollt', bist dagestand'n, als ob Dir die Ernt verhagelt sei. Dir schadet's nix, wenn Dein Gesicht ein paar Schwiel'n und Striemen weiter erhält, bei mir aber ist des anders. Was soll der Lieut'nant sag'n, wenn ich gezeichnet oder vielleicht gar zum Dienst untauglich gemacht werd'?«

»So steck' die Händ' in die Hos'ntasch', und ich will Dich in den Glasschrank setz'n; da bist' gut aufbewahrt! Aber nimm den Rath von mir, daß Du die Sach' zur Anzeig' bringst. Man hat sich an des Königs Rock vergriff'n, und da ist große Straf' darauf gesetzt!«

»Du redest wie ein Buch – aber was für eins! Die Martha hat sich versagt, und ich hab' sie auf Deine Aufmunterung net hergegeb'n, sondern vielmehr meine Leut' zum Kampf geruf'n. Ich allein bekomm' die Schuld und muß nur noch froh sein, wenn ich net selber angezeigt werd'. Und wer ist Schuld daran? Das Madel und Du! Sie ist in ihn vernarrt, das hab' ich gleich geseh'n, und Du hast den groß'n Mund aber die kleine Faust. So sind wir abgezog'n wie der Fuchs, der den Schwanz im Eis'n läßt!«

»In ihn vernarrt? Bist' recht gescheidt! Meine Tochter vernarrt in den Bachfrieder, dem ich das Gesicht und noch viel mehr verdank? Das wär' mir die Lotterie, in der er die große Niet' bekommt und Andres obendrein! Das weiß er auch, und das machst' nur Dir weiß, aber net mir!«

»Schon gut! Wirf sie ihm an den Hals und den Feldhof dazu. Der Buschwebel findet schon Eine, die zu seinen dreißigtausend Thalern paßt. Aber ich will, mich mit Dir gar net streit'n, ich hab' andre Ding' vor, denn wenn ich den König fang, so bekomm' ich die Prämie und steig' ganz sicher zum Lieutenant empor!«

»Dann bin ich der Erst', der Dir gratulirt,« meinte der Bauer mit zweideutigem Lachen. »Und dann wird auch die Martha anders sein. ›Herr Lieut'nant‹ klingt doch noch ganz anders als ›Buschwebel.‹ Mach nur schnell. Vielleicht ergreifst' ihn heut' an der Schießhütt', wenn Dir's glückt!«

»Es wird schon glück'n. Ich hab' meine zwanzig Mann, und der Offizier kommt mit zwanzig, das macht Vierzig, die Grenzer und Jäger gar net gerechnet. Er muß unser werd'n! Jetzt geh' ich fort zum Rendezvous; ich hab' net viel Zeit zu verlier'n.«

»Zum Rangtewuh? Was ist das für ein Kerl?«

»Feldbauer, Du bist ein Esel! Rendezvous ist französisch und heißt der Ort, wo man sich versammelt. Aber das kannst' ja net wiss'n, weil Ihr Bauern überhaupt die Klugheit net löffelweis' verschlungen habt!«

Er ging. Der Bauer sah ihm durch das Fenster nach.

»Feldbauer, Du bist ein Esel! So ist's gemeint? Ob er den Waldkönig wohl auch für einen Esel hält? Ich mein', der wird's ihm zeig'n, wer die Klugheit mit Löffeln verschlingt, er oder der Prahlwebel, der Alles fangen will und sich doch vom Saal fortwerf'n läßt!«

Er verzehrte sein Abendbrod und gab dann vor, schlafen zu gehen.

Frieder hatte nach ihm den Saal verlassen und war, um nicht bemerkt und abgehalten zu werden, vom Garten aus in den Bachhof getreten und hatte auch ungesehen sein Zimmer erreicht. Dieses war ganz wie das Studirzimmer eines Gelehrten eingerichtet, und auch die Möbels boten eine Bequemlichkeit, wie sie sonst auf dem Dorfe nicht gebräuchlich ist. Er zog sich um und steckte außer dem Revolver noch eine Maske zu sich, die er aus dunklem Stoffe sich heimlich angefertigt hatte.

»Die Larv' brauch ich heut, damit mein Gesicht net hell von der Umgebung absticht, und auch für den Fall, daß ich Jemand' begegne. Der Waldkönig darf net erfahr'n, daß ich nach ihm geh', sonst läßt er mich bewach'n und der Anstand wird mir doppelt schwer gemacht.«

Es gelang ihm, den Hof wieder unbemerkt zu verlassen, und eine halbe Stunde später war er vor dem Trichter angelangt. Der Abend hatte sein Dunkel bereits über den Wald gelegt, doch spendete die Sichel des abnehmenden Mondes so viel Helle, daß man einige Schritte weit zu sehen vermochte.

Er verbarg sich heut nicht am Rande des Einsturzes, sondern glitt die Senkung hinab bis an die Stelle, wo er das Licht hatte aufblitzen sehen. Dort gab es ein dichtes Himbeerstrauch- und Farrengewirr, in welches er sich verkroch. Die vorgebundene Maske machte es unmöglich, sein helles Gesicht zu erkennen, und so fühlte er sich trotz der Verwegenheit seines Unternehmens vollständig sicher. Die Pascher mußten hart neben ihm den Eingang suchen, und da er tief am Boden lag, so war anzunehmen, daß sich jede ihrer Bewegungen deutlich gegen den helleren Himmel abzeichnen werde.[398]

Der Erste kam und stieg hernieder. Nachdem seine Hand einen grad oberhalb Frieders Kopf liegenden Punkt berührt hatte, bückte er sich nieder; ein leises Rollen ließ sich hören, dann verschwand er, auf den Knieen kriechend, im Innern des Stollens.

Frieder rührte sich nicht. Auch der Zweite, der Dritte und Vierte kam – dasselbe Berühren der angegebenen Stelle und dasselbe langsame Verschwinden. So ging es beinahe eine Stunde fort, vom Fünften bis zum Neunzehnten, und selbst als dieser in das Versteck gedrungen war, veränderte der Lauscher seine Lage nicht, denn das geringste Geräusch konnte seine Anwesenheit verrathen.

Beinahe die gleiche Zeit wie vor acht Tagen mußte er warten, ehe die dunklen Männer der Erde wieder entstiegen. Hinter dem Letzten leuchtete auch heute der helle Schein für einen Augenblick und ließ die Linien des Viereckes, welches der Eingang bildete, mit großer Bestimmtheit erkennen; dann schloß sich der selbe, die Schritte verklangen, und es herrschte tiefe Stille ringsumher.

Er wartete noch einige Zeit und stand dann schon im Begriff sich zu erheben, als das Rollen nochmals erklang. Augenblicklich senkte er sich in seine vorige Lage zurück und hielt das Auge auf den sich wieder öffnenden Eingang gerichtet. Ein Mann kroch hervor und stellte sich neben ihm auf. Er trug, wie Frieder deutlich sah, langes, dunkles Haupthaar, welches bis auf die Schultern niederhing, und einen eben solchen Vollbart, den die vorgebundene Maske nicht zu verhüllen vermochte. In seinem Gürtel blitzte neben einigen Pistolenläufen eine offene Messerklinge, und mit der rechten Faust hielt er den oberen Lauf einer kurzen Stutzbüchse umschlossen.

Das war jedenfalls kein Anderer als der Waldkönig. Sollte Frieder ihn fassen? Sollte er ihn niederschießen? Ein Griff nach dem Revolver genügte dazu. Doch nein, sein ganzes Geheimniß mußte unverhüllt daliegen, ehe er ihn greifen wollte, und zwar mit der ganzen verbrecherischen Genossenschaft.

»Es ist gut dunkel, das paßt, um mir den Spießer zu hol'n. Sie sind All' bei der Schießhütt' und ich kann sicher geh'n!« murmelte der Vermummte, indem er sich anschickte, die Senkung zu ersteigen.

Als er fort war, richtete sich Frieder auf.

»Ja, es ist der Feldbauer! Hätt' ich net seine Stimm' gehört, die er hier net verstellt', weil er gemeint hat, allein zu sein, so hätt' ich ihn gar nimmer erkannt, so gut war er verkleidet. Er geht wildern und kommt nach mehr Stund'n erst zurück, das ist gewiß. Jetzt bin ich ungestört und werd' net wart'n bis früh, sondern den Stoll'n sofort untersuch'n. Er hat das Licht brennen lass'n; es schien hinter ihm her; sonst dürft ich's net wag'n.«

Er untersuchte nun den Verschluß mehr mit der Hand als mit dem Auge. Er bestand aus einem Steine, der jedenfalls auf Rollen ging, und war auf seiner Außenseite mit Moos bekleidet und über diesem von einer großblättrigen Pflanze bedeckt, welche es unmöglich machte, seine von der Umgebung gelösten Umrisse zu erkennen. Frieder versuchte, ihn nach Innen zu bewegen; es gelang ihm nicht trotz Anwendung aller seiner Kräfte. Daher erhob er sich wieder und prüfte die Stelle, nach welcher Alle, auch zuletzt der König selbst, so auffällig gelangt hatten. Es war eine aus der Erde stehende Wurzel, aber kalt und unbiegsam, jedenfalls, wie eine nähere Untersuchung ergab, aus Eisen künstlich nachgebildet und mit Naturfarbe überstrichen, so daß sie bei einer zufälligen Betrachtung nicht auffällig erschien.

Frieder versuchte sie zu bewegen; es gelang. Sie war in Gestalt eines Drehlings geformt, welcher sich durch eine Verbindungsstange in das Innere fortsetzte und dort voraussichtlich in einer Vorrichtung endete, welche das Schließen und Oeffnen bewerkstelligte. Jedenfalls bestand diese nur aus einer korrespondirenden Stange oder Schiene aus Eisen, welche sich, je nachdem man die Wurzel drehte, vor den Stein legte oder sich von demselben zurückzog.

Dies bekam Frieder erst nach vielem Probiren weg, dann stellte er die Wurzel, rollte den Stein nach Innen und kroch durch die jetzt entstandene Oeffnung, den Revolver in der Hand, in den Stollen.

Eine wohlgefüllte Thonlampe brannte am Boden, doch war, so weit ihr Schein reichte, kein lebendes Wesen zu bemerken. Der furchtlose junge Mann brachte den Stein wieder in seine vorige Stellung und bemerkte auch die vermuthete Eisenstange, welche er vorschob, um den Verschluß zu bewerkstelligen. Dann nahm er die Lampe vom Boden auf und untersuchte den Stollen zunächst in der Richtung nach seiner verschütteten Mündung zu. Er fand nichts Bemerkenswerthes und ging wieder zurück. Am Eingange jetzt vorüberschreitend, gelangte er bald an eine eingehauene Nische, in welcher mehrere Stufen aufwärts führten; doch war die früher jedenfalls über ihnen vorhandene Oeffnung vor kurzer Zeit, wie sich an dem Gemäuer erkennen ließ, wieder zugebaut worden.

»Das sind die Stuf'n, welche der Vater hinabgestieg'n ist damals, und feucht und kalt ist's auch, das stimmt. Hier ist die That gescheh'n, und hier wird auch meine Nach' über sie kommen wie der Blitz, den man net vorher ahnt und geg'n den es kein Entrinnen giebt!«

Nicht weit davon entfernt gab es eine starke, eichene Thür. Sie war geöffnet, doch hing in dem Haspen ein großes, eisernes Vorlegeschloß. Der Raum hinter ihr war niedrig und eng, und das auf dem Boden liegende faulige Stroh ließ ebenso wie der in der Ecke stehende halb zerbrochene Wasserkrug vermuthen, daß diese Höhlung als Gefängniß verwendet werde.

Frieder ging weiter und kam an eine Stelle, wo der Stollen künstlich erweitert worden war. Rohe Steinbänke standen ringsum; viele Nägel staken in den Wänden, und von der Decke hing eine Oellampe, deren Cylinder noch Wärme zeigte. Dies war allem Anscheine nach der Versammlungsort der Bande.

Von hier aus führte der Stollen eine lange Strecke immer in gerader Richtung unter der Erde fort, bis plötzlich eine querüber laufende Mauer ein unübersteigliches Halt gebot. Frieder untersuchte Zoll für Zoll derselben, ebenso den Boden, die Decke und die Seitenwände, fand aber nicht das Mindeste, was auf einen versteckten Durchgang schließen ließ. Er klopfte; der Ton klang hohl. Der Gang setzte sich also jenseits fort, doch war es allerdings möglich, daß er von den Schmugglern nicht benutzt werde.

»Aber wie ist der Waldkönig in den Stoll'n gekommen? Beim Stein da vorn net, sonst hätt' ich ihn ja bemerkt. Es muß noch[412] einen Zugang geb'n, den er nur für sich benutzt. Heut ist's zu spät, weiter zu forsch'n; ich werd' die nächst'n Tag' dazu benutzen. Jetzt muß ich fort, sonst wag' ich doch zu viel!«

Er ging zurück, setzte die Lampe auf derselben Stelle nieder, von welcher er sie aufgenommen hatte, schob die Eisenstange zurück, zog den Stein von der Oeffnung und stieg in das Freie. Nachdem er vermittelst der Wurzelkurbel den Eingang wieder verschlossen hatte, trat er den Nachhauseweg an. Er wußte sich vollständig sicher. Der König wilderte jedenfalls nicht in der Richtung des Dorfes; die Schmuggler waren nach der Grenze gegangen, und so hielt er es nicht für nothwendig, seine Schritte unhörbar zu machen.

Eben war er in die Nähe des Forsthauses gelangt, als er ein scharfes »Halt, steh, oder wir schieß'n!« vernahm, und zugleich sah er von vorn und der Seite mehrere Gewehrläufe auf sich gerichtet.

»Gut' Freund! Was soll's?« antwortete er, stehen bleibend.

»Wer bist'?«

»Der Frieder vom Bachhof.«

»Ah,« vernahm er die Stimme des Feldwebels, »sind Sie es, Herr Goliath junior? Darf ich bitt'n, die Mask' abzuleg'n!«

Frieder erschrak. Er dachte erst jetzt daran, daß er sie noch nicht vom Gesicht genommen hatte. Er band sie los. Der Feldwebel trat, während seine Leute die Gewehre noch immer im Anschlage hielten, auf ihn zu und sah ihm in das Gesicht.

»Ja, er ist's. Hab'n Sie Waff'n bei sich?«

»Ja, einen Revolver.«

»Gelad'n?«

»Vollständig.«

»So so! Da hätt'n wir ja einen von den Kerls, vielleicht gar den Herrn Urian, den Waldkönig selber. Her mit der Waff' und der Larv'.«

Frieder wußte, daß der Feldwebel in seinem Rechte handle und übergab Beides.

»Gut. Jetzt bist' mein Gefang'ner! Also darum ließ sich keine Flieg' bei der Schießhütt' sehn um Neun, weil der Zettel falsch war und uns verleit'n sollt'. Unterdess'n ist hier ein Putsch gescheh'n, und es ist nur gut, daß ich auf Patrouille ging, sonst wär' der Vogel glücklich heimgekommen. 'Wirst Niemand mehr durch's Fenster werf'n und net mehr oft mit der Martha tanz'n, mein Bursch'. Vorwärts marsch!«

»Oho, so weit sind wir wohl net! Warum ich die Larv' anthu, das ist meine Sach', und den Revolver darf ich trag'n.«

»Wer hat's erlaubt?«

»Der Förster.«

»Das wird sich find'n. Marsch vorwärts! sag' ich, sonst brauch' ich Gewalt!«

»Papperlapapp, die Gewalt kennt man schon! Wie weit sie reich'n darf, das weiß ich auch. Dort ist noch Licht im Forsthaus, und der Förster wird daheim sein. Jetzt geh' ich gerad'n Weg's zu ihm und Ihr dürft mitkommen. Wer mich aber anrührt, den schlag' ich zu Pulver. Ihr kennt mich, und damit Punktum!«

Er ging auf das Forsthaus zu, und der Webel folgte ihm mit den Seinen auf dem Fuße. Er getraute sich doch nicht, sich an dem »Goliath junior« zu vergreifen. Der Förster war eben erst von der Schießhütte nach Hause gekommen und blickte allerdings verwundert auf, als er seinen Freund unter solcher Begleitung bei sich eintreten sah.

»Frieder, Du? Wie kommst' zu dieser Stund' zu mir?«

»Er ist unser Gefang'ner,« schnitt der Feldwebel die Antwort ab. »Er gehört zu der Bande des Waldkönigs.«

»Der Frieder? Sind Sie bei Sinnen, Herr Feldwebel?«

»Sogar sehr! Wir hab'n ihn auf der That ertappt.«

»Auf welcher That? Wie kann der Frieder zum Waldkönig gehör'n, der seinen Bruder erschoss'n und seinen Vater geblendet hat!«

»Das geht mich nix an! Er hatt' eine Larv' im Gesicht und den gelad'nen Revolver bei sich, als wir ihn fand'n.«

»Und hat Ihnen Beides ohne Geg'nwehr übergeben?«

»Die Wehr hätt' ihm nix geholf'n!«

»Das muß ich sehr bezweifeln, wie ich ihn kenn'. Den Revolver hab' ich ihm erlaubt; er ist freiwillig mein Gehülf' im Forstwes'n[413] und darf in den Wald wenn und wie er will, bewaffnet oder net, ganz wie es ihm gefällt. Ich werds verantwort'n.«

»Da kann ich nix dageg'n sag'n. Aber die Larv'?«

»Das ist seine Sach'.«

»Oder auch net. Der König geht mit der Larv' und seine Leut' all' mit 'nander auch. Wer sich im Wald maskirt, wird arretirt.«

»Wo steht's geschrieb'n?«

»Das versteht sich von selber! Er soll mich net umsonst heut aus dem Fenster und aus der Thür geworfen hab'n. Er bleibt Arrestant und wird aufs Gericht transportirt!«

»Also net weg'n der Mask', sondern aus Rachsucht. Zeig'n Sie 'mal den Revolver und die Larv'!«

Der Buschwebel reichte ihm Beides hin. Er nahm die Gegenstände und gab sie dem Freunde, welcher der Verhandlung lächelnd zugehört hatte, zurück.

»Hier hast' die Sach'n, Frieder. Geh' nach Haus'. Und wer 'was dageg'n hat, der mag auch mich vor Gericht verlangen!«

»Halt,« gebot der Webel; »her mit dem Corpus delicti! Es gehört mir und der Gefang'ne dazu!«

Da legte ihm Frieder die Hand auf die Schulter.

»Feldwebel, jetzt will auch ich 'mal sprech'n! Sie hab'n gehört, was der Förster sagt. Er bürgt für mich, und das ist mehr als genug, denn er und ich, wir sind jederzeit zu find'n. Ich werd' vielleicht doch noch Wen durch's Fenster werf'n und mit der Martha tanz'n, wenn mir's paßt. Jetzt aber geh ich nach Haus', und wer nur die Mien' verzieht, mich d'ran zu hindern, der wird sogleich seh'n, was passirt. Ich lass' mich weder zur Schießhütt' noch ins Bockshorn jag'n. Merkts, und nun gut' Nacht!«

Er ging, und Keiner getraute sich, ihm den Weg zu vertreten. – – –

Quelle:
Der Waldkönig. Eine Erzählung aus dem Erzgebirge von Karl May. In: All-Deutschland! 3. Jg. 1879. Heft 11–16. Stuttgart (1879). Nr. 26, S. 412-414.
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Der Waldkönig
Der Waldkönig - Erzählungen aus den Jahren 1879 und 1880 (Reprint der Karl-May-Gesellschaft)

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