1.

Aqua benedetta

[369] Friedrich der Zweite hatte sich auf den Thron Preußen's gesetzt. Seine Politik modelte er nach den Satzungen des heute noch geheimnißvollen »Testamentes des großen Kurfürsten«. Zunächst richtete er sein Augenmerk auf einen Neutralitätsvertrag mit Frankreich. Zu diesem Zwecke sandte er den Baron von Langenau nach Versailles, um Ludwig den Fünfzehnten für seine Pläne günstig zu stimmen.

Der Baron war zwar noch jung, besaß aber das vollste Vertrauen seines Königs und sah auch seine Bemühungen von einem solchen Erfolge gekrönt, daß eine baldige Unterzeichnung des Vertrages in sicherer Aussicht stand. Heute war er wieder zu einer Audienz nach Versailles befohlen und deßhalb zu Wagen von Paris herbeigekommen, um wo möglich seine Aufgabe zur letzten Entscheidung zu bringen.

Er fuhr nicht bis an das Schloß selbst heran, sondern ließ bereits in ziemlicher Entfernung von demselben halten und stieg aus. Zu Fuße begab er sich unbemerkt nach der Umzäunung des Parkes und schritt an derselben hin bis zu einer Pforte, an welcher er sich halblaut räusperte. Sofort klirrte ein Schlüssel in dem Schlosse; es wurde von innen geöffnet, und er sah sich einer Dame gegenüber, deren Schönheit allerdings geeignet erschien, einen so außergewöhnlichen Schritt zu erklären.

»Amély!«

»Charles!«

Er nahm ihre kleine Hand, bückte sich auf dieselbe nieder und küßte in galanter Courtoisie die Fingerspitzen ihrer seidenen Handschuhe.

»Tausend Dank, ma belle amie, daß Sie so gütig sind, meine Bitte zu erfüllen! Schließen wir die Pforte?«

»Ja, wir schließen sie, mon ami. Sie können unmöglich ohne Wagen an dem Portale erscheinen und müssen also durch den Park Entrée nehmen. Allerdings begebe ich mich durch die Erfüllung Ihres Wunsches in große Gefahr, denn der König promenirt soeben im Parke, doch schien es mir nöthig, Ihnen vor Ihrer Unterredung mit dem Monarch Nachricht über die Erfolge meiner Thätigkeit zu geben.«

»So haben Sie wirklich Erfolge zu verzeichnen, Amély?« frug er, ihren Arm nehmend und in einen schmalen Seitenpfad einbiegend.

»Allerdings, wenn auch nicht nach der Seite hin, auf welche Sie mein Augenmerk zu richten strebten. Allerdings ist meine Tante als Freundin und erste Hofdame der Marquise de Pompadour nicht ohne Ein flußauf diese und ma chére tante hat mich zu lieb, als daß sie mir einen erfüllbaren Wunsch abschlagen könnte, doch – doch – – –«

»Nun, meine Theure, doch – doch – – –?«

»Darf ich aufrichtig sein, lieber Freund?«

»Vollständig; ich bitte darum! Sie scheinen mir etwas zu sagen zu haben, von dem Sie annehmen, daß es mich verletzen könnte; aber bedenken Sie, daß es mir ohne vollständige Klarheit vielleicht unmöglich sein würde, meine schwierige Aufgabe zu lösen, und ein zu reges Zartgefühl also nicht am Platze sein dürfte!«

»Nun wohl! Tante kann nichts für Sie thun, weil – weil – – –«

»Weil – – –? Ich bitte wirklich dringend, fortzufahren, Amély!«

»Es fällt mir schwer, doch sei es gesagt: die allmächtige Marquise scheint eine Antipathie zu hegen, deren Gegenstand – –«

»Deren Gegenstand ich bin; ist es nicht so?«

»Allerdings, mein Freund. Natürlich bin ich der festen Ueberzeugung, daß diese Abneigung oder – sagen wir lieber – diese Idiosynkrasie eine vollständig ungerechtfertigte ist; aber Sie haben das Unglück gehabt, die Hand der Marquise beim Audienzkusse mit drei statt nur mit zwei Fingern zu berühren, und für solche Dinge hat sie ein Gedächtniß, welches nur höchst selten zum Vergeben geneigt ist.«

»Bon! Ich werde also auf ihre Zuneigung verzichten müssen. Aber, sprachen Sie nicht von einer anderen Seite?«

»Von einer Seite, auf welcher sich ein Einfluß auf den König zu Gunsten Ihrer Mission geltend zu machen sucht – – gegen die Ansichten der Marquise. Sie verstehen mich?«

Der Baron machte eine zustimmende Geberde, und die Dame sprach leise weiter: »Freilich hat sich der König in dem Grade von der Marquise abhängig gemacht, daß schließlich ihre Stimme[369] doch siegen könnte. Schlagen wir nun eine andere Richtung ein, mein Lieber. Dieser Pfad führt nach der großen Fontaine, und wenn wir ihm weiter folgen, so laufen wir Gefahr, der Majestät mit sämmtlichen Herren und Damen des Hofes zu begegnen!«

Sie hatte mit diesen Worten Recht, denn von dem berühmten Bosquet de Fosan aus bewegte sich eine lange Reihe von einzelnen Gruppen nach der großen Fontaine zu, voran der König, an der Seite der Marquise von Pompadour, und zunächst hinter ihm in der Mitte einiger hervorragenden Hofdamen die erste Dame der Marquise, Madame d'Hausset an der Seite der durch ihre weiten Reisen und ihre diplomatischen Antecedentien wohlbekannten Gräfin von Gergy.

Die Marquise ging am Arme des Königs. Sie trug eine Robe von schwarzer Soie de Lyon, ein rundes Jagdmützchen auf dem Kopfe und stützte sich mit der Hand auf einen massiv elfenbeinernen Stock, dessen Griff reich mit Brillanten und Rubinen verziert war. Ihr Gespräch mit Louis quinze schien einen Gegenstand zu betreffen, welcher geeignet war, das höchste Interesse der beiden hochgestellten Personen in Anspruch zu nehmen.

»Kennen Sie seine Abstammung, Madame?« frug der König.

»Sie ist ein Geheimniß, Sire, über welches er die tiefste Verschwiegenheit beobachtet, und ich glaube, daß selbst Ew. Majestät Fragen hier ohne Erfolg sein würden,« antwortete die berüchtigte Frau, welche ihren Einfluß auf einen unsittlichen Herrscher so klug zu verwenden verstanden hatte, daß sie die eigentliche Gebieterin Frankreich's war.

»Dann hat er sicherlich Gründe, seine Vergangenheit zu verbergen. Er ist aber trotzdem ein höchst sehenswerther Abenteurer.«

»Der dem Staate von unendlichem Nutzen sein kann,« fügte die Pompadour angelegentlich hinzu. »Es scheint sicher zu sein, daß ihm die Fabrikation edler Steine und Metalle wenig Schwierigkeiten verursacht. Er hat während der kurzen Zeit seines Hierseins die bewundernswerthesten Kuren vollbracht und besitzt ein Elixir, welches die Einwirkungen des Alters vollständig aufhebt.«

»Also ein Adept, ein Wunderdoctor!«

»Mehr, viel mehr als dies, Sire! Er zeichnet und malt genial, ist Virtuos verschiedener musikalischer Instrumente, singt zum Entzücken, modellirt gleich einem Künstler und spricht außer französisch, englisch, deutsch, italienisch, spanisch, portugiesisch und den sämmtlichen alten Sprachen auch arabisch, türkisch, persisch und chinesisch. Der Mann ist auf alle Fälle ein Mirakel.«

»Und zwar eins von denen, deren Bewunderung dann schließlich in Enttäuschung übergeht.«

Die Marquise schüttelte mit dem Kopfe; sie war sichtlich bemüht, die Zweifel des Königs zu beseitigen.

»Dann müßte die Enttäuschung längst eingetreten sein, Sire, denn der Graf von St. Germain ist eine Berühmtheit, welche nicht erst seit zwanzig oder dreißig Jahren von sich reden macht.«

»Ah! Dann besitzt er ein hohes Alter?«

»Nein, denn er wird nie alt. Ich hatte bereits die Ehre, sein Elixir zu erwähnen, welches ewige Jugend und Gesundheit verleiht. Man erzählt von ihm, daß er bereits vor mehreren hundert Jahren, ja vielleicht schon vor tausend Jahren gelebt habe.«

»Madame!« rief Ludwig in beinahe verweisendem Tone. »Hat er selbst es gewagt, Ihnen diese Unwahrheiten zu erzählen?«

»Unwahrheiten, Sire? Wenn ich nicht die vollständige Ueberzeugung hätte, daß ich von Thatsachen spreche, so würde ich nicht wagen, den Grafen zum Gegenstande des Gespräches zu machen. Uebrigens gibt er niemals irgend eine Auskunft über sich und seine Verhältnisse, sondern Alles, was man von ihm weiß, ist erst durch Andere und zwar durch vollgültige Zeugen bekannt geworden.«

»Nach dem, was ich von Ihnen hörte, Madame, dürfen sich diese Zeugen wohl keiner allzugroßen Zuverlässigkeit rühmen.«

»Doch, doch, Sire! Mir wenigstens gilt zum Beispiele das Wort der Gräfin von Gergy als höchst vertrauenswerth.«

»Die Gräfin Gergy?«

»Deren verstorbener Gemahl vor nun bereits fünfzig Jahren Gesandter in Venedig war.«

»Sie ist mir gewissermaßen selbst ein Räthsel. Ich kenne sie beinahe seit zwei Dezennien und sehe nicht, daß sie in dieser langen Zeit nur einen Tag gealtert hätte.«

»Gestatten Ew. Majestät, die Gräfin zu rufen!«

Sie wandte sich zu dem Gefolge zurück und winkte. Die Wittwe des einstigen venetianischen Gesandten beeilte sich, der Aufforderung Folge zu leisten, und trat mit einer tiefen Verneigung an die linke Seite des Königs.

»Seine Majestät wollen das Nähere über Ihr Zusammentreffen mit dem Grafen von St. Germain in Venedig erfahren, meine Liebe,« erklärte die Marquise.

Die Gräfin verbeugte sich zustimmend.

»Darf ich fragen, wie alt mich Ew. Majestät schätzen?« begann sie ihren Bericht.

Der König lächelte über diese Frage, welche eine Dame nur in der sichern Erwartung eines Complimentes auszusprechen pflegt. Er befand sich bei gnädiger Laune und beschloß, die Gräfin durch eine möglichst hohe Ziffer zu ärgern. Er schätzte sie fünfzig und hielt es für unmöglich, daß ihr Gemahl vor eben dieser Zeit in Venedig gewesen sein könne, antwortete aber schnell und kurz:

»Sechzig!«

Jetzt war es Frau von Gergy, welche lächelte.

»Sire, mein erstes Zusammentreffen mit dem Grafen von St. Germain fällt um volle fünfzig Jahre zurück,« antwortete sie, »und damals zählte ich einige Jahre über dreißig.«

»Nicht möglich!« rief Ludwig. »Dann wären Sie ja über achtzig Jahre alt!«

»Das bin ich auch, Sire. Ich habe in Bezug auf mein Aeußeres jenes Alter von dreißig Jahren ein volles Vierteljahrhundert hindurch unverändert behalten, und zwar in Folge eines Trankes, welchen mir der Graf von St. Germain damals gab, und selbst als der letzte Tropfen dieses köstlichen Elixirs verbraucht war, hat sich seine Wirkung bis auf den heutigen Tag erstreckt. Ich bin langsamer alt geworden als Andere, habe nie das leiseste Unwohlsein gespürt und hege die feste Ueberzeugung, daß ich auch heut nur dreißig Jahre alt erscheinen würde, wenn mir jener Wundertrank nicht ausgegangen wäre.«

»Und der Graf? Er selbst braucht natürlich auch dieses Zaubermittel?«

»Augenscheinlich, denn er hat seit jener Stunde, in welcher ich ihn vor fünfzig Jahren zum ersten Male sah, nicht um einen Augenblick gealtert.«

»Erzählen Sie uns von Ihrer zweiten Begegnung! Sie muß voller Ueberraschung gewesen sein.«

»Ich traf ihn ganz unerwartet bei Madame,« berichtete die Gräfin mit einer Verneigung gegen die Marquise Pompadour, »und glaubte, einen dem Vater außerordentlich ähnlichen Sohn vor mir zu sehen. Ich trat auf ihn zu und bat ihn, mir zu sagen, ob nicht sein Vater um das Jahr 1700 in Venedig gewesen sei.«

»Was antwortete er?«

»Nein, Madame,« antwortete er gelassen; »es ist schon viel länger her, daß ich meinen Vater verlor; aber ich selbst wohnte zu Ende des vorigen und zu Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts in Venedig. Ich hatte die Ehre, Ihnen dort einiges Interesse einzuflößen, und Sie waren gütig genug, einige Barcarolen meiner eigenen Composition, welche wir zusammen sangen, hübsch zu finden.«

»Verzeihen Sie, aber das ist unmöglich,« warf ich ein; »denn der Graf von St. Germain, den ich damals kannte, war wenigstens fünfundvierzig Jahre alt, und Sie haben jetzt höchstens erst das gleiche Alter!«

»Madame,« sagte der Graf lächelnd, »ich bin schon sehr alt, so alt vielleicht, daß ich den Tag meiner Geburt längst vergessen habe.«

»Aber dann müssen Sie ja nahe an hundert Jahre zählen!«

»Finden Sie das unmöglich?«

»Und nun erzählte er mir eine Menge kleiner, näherer Umstände, welche sich auf unsern gemeinschaftlichen Aufenthalt in Venedig bezogen, und von denen nur ich und St. Germain wissen konnten. Sein außerordentliches Gedächtniß erinnerte sich nicht nur der unbedeutendsten Einzelnheit, sondern jedes Wortes, welches damals zwischen uns gesprochen wurde, und um mich gänzlich zu überzeugen, zeigte er mir eine kleine Narbe an seiner Hand, welche dadurch entstanden war, daß er sich einst an meiner Sticknadel blutig riß.«

»Hat er Sie hier besucht?« frug der König.[370]

»Nein, Sire; seine Zeit ist ganz außerordentlich in Anspruch genommen. Alles, was ich erreichte, war die Erlaubniß, auf einige wenige Minuten bei ihm vorsprechen zu dürfen.«

»Und Sie thaten es?«

»Sicher. Ich durfte mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, den berühmten Mann chez soi même zu sehen.«

»Wie fanden Sie es bei ihm?«

»Wenn ich erwartet hatte, einen Einblick in die ganze Enfilade seiner Wohnräume zu gewinnen, so fand ich mich getäuscht, denn ich durfte nur ein einziges Zimmer betreten, und dieses zeigte nicht die geringste Merkwürdigkeit. Doch brachte er aus den Nebenräumen Manches, was mich in Erstaunen versetzte, zum Beispiel seine Diamantensammlung, welche mich geradezu an Aladin's Wunderlampe erinnerte. Sie ist viele, viele Millionen werth.«

»So ist er reich?«

»Ich bin davon überzeugt, obgleich man sich seinen Reichthum auf keinerlei Weise zu erklären vermag. Er hat keine Güter, keine Renten, keine Banquiers, keine feste Einnahme irgend einer Art; Karten und Würfel berührt er nie, und dennoch führt er einen großen Haushalt, hat Bediente, Pferde und Wagen und eine ungeheure Menge von Edelsteinen in allen Größen, Gattungen und Farben. Man weiß wahrhaftig nicht, was man von dem Allen denken soll!«

»Er ist jedenfalls ein geschickter Charlatan; man wird ihm vielleicht einmal begegnen,« meinte Ludwig.

Er konnte nicht gestehen, daß er schon längst von dem Grafen gehört hatte und mehr an das Erzählte glaubte, als er sich merken ließ. War es denn nicht vielleicht möglich, daß er bei dem »geschickten Charlatan« Hülfe gegen die immerwährende Ebbe in seinen Kassen finden konnte? Dieser Gedanke hatte ihn bereits viel beschäftigt, und deßhalb hatte er es über sich gewonnen, dem Grafen just für die jetzige Stunde ein scheinbar zufälliges Rendezvous andeuten zu lassen.

Diese Andeutung war verstanden und befolgt worden. Eben als man um eine Ecke bog, war ein Mann zu erblicken, welcher eine Rose in der Hand hielt und sie so sorgfältig betrachtete, daß er das Nahen des Hofes nicht zu bemerken schien. Das Auge des Königs glitt forschend über die Gestalt des Fremden und leuchtete dann mit zufriedenem Blick auf. Er hatte den Erwarteten erkannt. Dessenungeachtet aber frug er mit zorniger Miene:

»Wer ist dieser Mann? Es ist ja bekannt, daß während Unserer Anwesenheit Niemand Zutritt finden soll!«

Die Gräfin von Gergy hatte die Situation sofort begriffen.

»Sire,« antwortete sie, »es ist der Graf von St. Germain. Er ist gewohnt, mehr als Andere wagen zu dürfen. Gestatten Ew. Majestät, ihn vorzustellen?«

Der König nickte zurückhaltend.

»Wir wollen Uns geneigt finden lassen, Uns einige Minuten mit ihm zu unterhalten.«

Frau von Gergy trat zu dem wunderbaren Manne, begrüßte ihn und führte ihn dann dem König zu.

Er war von mittlerer Größe und sehr elegantem Benehmen, hatte regelmäßige Züge, eine tiefbraune Gesichtsfarbe und schwarzes Haar. Seine Kleidung war einfach, aber geschmackvoll. Der einzige Luxus, welchen er zeigte, allerdings auch ein außerordentlich ungewöhnlicher, bestand in einer großen Menge von Diamanten, welche er an allen Fingern, an der Uhrkette und statt der Knöpfe trug. Die Schuhschnallen allein würde jeder Kenner auf mindestens 200,000 Francs geschätzt haben.

Ludwig nahm dessen ehrerbietigen Gruß mit freundlichem Kopfnicken entgegen und begann, wie er es fast stets zu thun pflegte, die Unterredung ohne alle Einleitung:

»Man sagt, Sie seien mehrere Jahrhunderte alt. Ist das wahr?«

»Sire,« antwortete St. Germain mit einem Ausdrucke in Stimme und Gesicht, welcher nur Leuten von Geist eigen ist, »ich belustige mich zuweilen damit, nicht glauben zu machen, sondern glauben zu lassen, daß ich schon in den ältesten Zeiten gelebt habe.«

»Doch die Wahrheit, Graf, ist – – –«

»Die Wahrheit ist häufig unergründlich,« antwortete er ausweichend.

»Nach der Versicherung mehrerer Personen von denen Sie schon unter der Regierung meines Großvaters gekannt worden sind, scheint es, als ob Sie über hundert Jahre zählen.«

»Das wäre ja nicht einmal ein sehr überraschendes Alter. Im Norden von Europa habe ich Menschen gesehen, welche 160 Jahre und darüber alt waren.«

»Ich weiß es, daß es deren gibt; aber Ihr jugendliches Aussehen ist es, welches alle Forschungen der Gelehrten über den Haufen wirft. Ich würde mich freuen, den Beweis zu erhalten, daß Sie schon im vorigen Jahrhunderte lebten.«

»Das wird sehr leicht sein, Sire!«

Er zog ein in gothischer Art gebundenes Souvenir aus der Tasche, öffnete es und nahm eins der zahlreichen Blätter, welche es enthielt, heraus.

»Wird ein Zeugniß des großen Montaigne genügen, Majestät?«

»Wie?« frug der König erstaunt; »Sie wollen Montaigne persönlich gekannt haben, der im Jahre 1592 gestorben ist?«

»Ich stelle diese Behauptung auf und bitte, sie beweisen zu dürfen!«

»Geben Sie das Blatt der Marquise!«

Der Graf folgte diesem Befehle, und Frau von Pompadour las die Zeilen des damals für unübertroffen geltenden Philosophen vor:


»Il n'est homme de bien qui mette a l'examen des lois toutes ses actions et pensées, qui ne soit pendable six fois en sa vie; voire tel qu'il serait dommage et très injuste de punir.

A son ami, le comte de Saint-Germain.

M. Eyquem de Montaique«1


Der erstaunte Monarch griff nach dem Zettel und überzeugte sich, daß Moutaigne ihn im Jahre 1580 mit eigener Hand geschrieben hatte.

»Das ist merkwürdig, höchst merkwürdig!« rief er und wandte sich zu seinem Gefolge: »Kommen Sie her, meine Herren, und sehen Sie hier den Grafen von St. Germain, welcher so alt ist, daß er Montaigne persönlich kannte!«

Der Herzog von Brancas, der Herr von Gontout, der Abbé Bernis und Andere traten näher, nahmen Einsicht in die Zeilen und vermochten nicht, ihre Verwunderung zurückzuhalten. Ihr Erstaunen wurde noch größer, als sie die Edelsteine bemerkten, welche der Graf an sich trug. Der König bemerkte es und frug:

»Sie scheinen ein großer Freund von Steinen zu sein?«

»Ich pflege mich viel mit ihnen zu beschäftigen, Sire. Besonders ist es ihre Entstehung und ihr Wachsthum, welches mich lebhaft interessirt.«

»Das heißt, Sie halten es für möglich, daß ein Mensch so tiefen Einblick in diese Entstehung gewinnen kann, daß es ihm gelingt, solche Steine beliebig hervorzubringen?«

»Der Wissenschaft ist Alles möglich, Majestät, nur daß sie an die Entwickelung unsers Wissens gebunden ist und nur selten einen ihrer Jünger in der Weise bevorzugt, daß sie ihm einen deutlichen Einblick in die Schöpfungswerkstätten der Natur gestattet.

»Vielleicht sind Sie selbst ein solcher bevorzugter Liebling der Wissenschaft. Vermögen Sie, aus kleinen Diamanten große zu machen?«

»Wer dieses vermöchte, Sire, der würde sicher mit seiner Kunst zurückhaltend sein,« lautete die ausweichende Antwort. »Eher darf man davon sprechen, Perlen wachsen zu lassen.«

»Ist Ihnen das möglich?«

»Ja. Ich gebe ihnen die fünf-, ja zehnfache Größe und verleihe ihnen dabei denjenigen Grad von Wasser, welcher mir beliebt.«

»Das ist viel. Haben Sie schon davon gehört, daß es fleckige Diamanten gibt?«

Ueber die geistreichen Züge des Grafen glitt ein feines, fast schonendes Lächeln.

»Ich habe deren sehr oft selbst gehabt. Wer eine Aufmerksamkeit, wie die meinige, den Steinen widmet, kennt jede einzelne[371] ihrer Sonderheiten. Die Flecken lassen sich fast stets entfernen.«

»Wie, Sie hätten wirklich das Geheimniß entdeckt, nach dessen Enthüllung die Kunst bisher vergebens strebte?«

»Die Lösung ist nicht schwer, Sire. Gelang sie Andern nicht, so lag es nicht an der Kunst, sondern an den Künstlern.«

»Wenn ich nun die Wahrheit Ihrer Behauptung einer Prüfung unterwerfe?«

»Ich werde sie bestehen.«

Diese Antwort klang so stolz und zuverlässig, als handle es sich um die Entfernung eines Weinfleckes aus einem Stücke Seidenzeug. Auf den König schien dieses Selbstvertrauen Eindruck zu machen. Er zog einen Diamanten hervor und bewies damit augenscheinlich, daß er auf das Zusammentreffen mit St. Germain vorbereitet sei.

»Sehen Sie diesen Stein! Er würde 4000 Francs mehr werth sein, wenn er rein wäre.«

Der Graf betrachtete den Diamanten aufmerksam.

»Der Fleck ist etwas groß, aber ich werde ihn den noch fortbringen. Wollen Ew. Majestät den Stein mir anvertrauen?«

»Sie dürfen ihn mitnehmen. Mein Juwelier, der ihn jetzt auf 6000 Francs schätzt, versichert, 10,000 für ihn zahlen zu können, wenn er den Fleck nicht hätte.«

»In vierzehn Tagen gebe ich mir die Ehre, ihn vollständig rein zurückzubringen.«

»Man wird dann Grund haben, Ihre Geschicklichkeit anzuerkennen. Aber sagen Sie einmal aufrichtig, Graf; man spricht von einem Lebenselixir, von einem Aqua benedetta, welches Sie zu bereiten verstehen, und durch welches Freunde von Ihnen Schutz vor den Einwirkungen des Alters gefunden haben sollen.«

»Die Natur ist ewig jung, Sire. Wer ihre Lebenskraft zu extrahiren und in den menschlichen Organismus überzuführen versteht, kennt kein Alter und keinen Tod. Er kann Tausende von Jahren gelebt haben, ohne davon zu sprechen.«

»Sie weichen mir aus und geben dennoch Ihr Eingeständniß. Sie selbst haben sich außerordentlich gut conservirt und danken diese immerwährende Jugend jedenfalls nur der Wirkung dieses Zauberwassers.«

»Krankheit und Tod lassen sich nicht durch einen bloßen Wunsch, sondern nur durch Waffen besiegen, Majestät.«

»Und stehen diese Waffen nur Ihren speziellen Freunden zu Gebote?«

»Nur. Das Aqua benedetta wird unter einer Constellation der Gestirne bereitet, welche für die rechte Wirkung des Trankes eine innige Sympathie zwischen dem Verfertiger und demjenigen, welcher sich des Mittels bedient, voraussetzt.«

»So sind für die Zubereitung dieser Lebenstinktur auch astrologische Kenntnisse von Nöthen?«

»Ich leugne es nicht und gestehe, daß diese Kenntnisse nicht schülerhafte sein dürfen. Die Gestirne werden von derselben Kraft gehalten, welche wir, so lange sie im Leibe des Menschen thätig wirkt, das Leben nennen. Aus dem Laufe der Sonnen und Sterne ist sie berechenbarer als aus den Bewegungen unserer Glieder, und so schwer diese Berechnungen sind, es ist nothwendig, sie zu Rathe zu ziehen, wenn man das kühne Unternehmen wagt, die ewige Kraft in den vergänglichen flüssigen Tropfen zu bannen.«

»Sichert dieser Trank auch gegen die Folgen äußerer Verletzung?«

»Nein, Sire. Das Leben, welches mit ihm in den Organismus strömt, kann durch gewaltsame Angriffe vernichtet werden. Die Aufgabe, ein Elixir zu bereiten, welches selbst den Streich einer tödtlichen Waffe unschädlich macht, ist noch keinem Sterblichen zu lösen gelungen, doch hoffe ich« – und dabei ging ein siegesbewußtes Lächeln über seine Züge – »auch diese Schwierigkeit noch zu überwinden.«

»Sie sind kühn in Ihren Hoffnungen, Graf!«

»Ein Mann, welcher nicht genau weiß, was er zu leisten vermag, ist kein Mann, Sire; er wird nie zur vollständigen Entwickelung der Kräfte gelangen, welche ihm von dem gütigen Schöpfer verliehen sind.«

»Sie mögen Recht haben, Graf. Wir finden überhaupt Wohlgefallen an Ihrer Unterhaltung. Lassen Sie sich wieder sehen. Man wird Ihre Gegenwart nicht ungern bemerken.«

»Dann ersuche ich Ew. Majestät, mir gütigst die Stunde bestimmen zu lassen, in welcher ich erscheinen darf.«

»Man wird dies in der Voraussicht thun, daß Uns durch Ihre Kenntniß der Naturgeheimnisse nach den Anstrengungen Unsers schweren Berufes eine Stunde besserer Erholung bereitet werde.«

Mit einem huldvollen Neigen des königlichen Hauptes wurde der Graf entlassen. Er entfernte sich und schritt einer entlegenen Partie des Parkes zu. Eben stand er im Begriffe, um eine künstliche Felsengruppe zu biegen, als hinter derselben der Baron von Langenau hervorkam. Dieser hatte seine Unterredung mit Fräulein d'Hausset beendet und wollte sich nach dem Schlosse verfügen, als ihn diese unerwartete Begegnung mit einer Ueberraschung erfüllte, welche sein offenes Gesicht nicht sofort zu verbergen vermochte. Auch über das Angesicht des Grafen glitt ein Zug, welcher fast die Folge eines Schrecks genannt werden konnte, doch hatte sich der seltene Mann so in der Gewalt, daß seine Miene schon im nächsten Augenblick einen ruhigen Ausdruck annahm.

»Ah, der Herr Baron von Langenau, wenn ich mich nicht irre!« meinte er mit einem beinahe gnädigen Nicken seines stolz erhobenen Kopfes.

»Sie irren sich allerdings nicht, Herr Ritter von Schöning, Graf Tzarogy oder wie Ihr eigentlicher Name lauten mag. Sagen Sie einmal aufrichtig, mein Herr, mit welcher Magie operirt man in Versailles besser, mit der schwarzen oder mit der weißen?«

Es klang eine unendliche Bitterkeit aus seinem Tone. Der Graf blickte ihm jetzt kalt und starr in das Angesicht und antwortete:

»Je nach dem Erfolge, welchen man zu erzielen beabsichtigt, mein Herr. Und dieser Erfolg ist immer ein sicherer, wenn man sich nicht Leuten anvertraut, welche zu schwach sind, Großes ertragen zu können. Wie befindet sich Ihr Vater, Herr Baron?«

»Ich danke; sehr wohl!«

»Das heißt?«

»Das heißt, daß er keine Gelegenheit mehr hat, sich schlecht zu befinden. An dem Tage, an welchem Sie die Güte hatten, uns ohne Abschied zu verlassen, bemerkte er, daß er sich an den Bettelstab laborirt hatte. Ihre bewundernswerthe Kunst hatte ihn von sämmtlichem Gold und Silber befreit und ihm nichts gelassen, als ein Stück armseliges Blei in Kugelform. Leider verstand er mit demselben besser umzugehen, als mit Gaunern und Betrügern. Statt dem Schwindler, welcher mit unserer sämmtlichen Habe von dannen zog, auch dieses Blei noch anzubieten, behielt er es für sich selbst. Der Schuß gelang, mein Herr, und es lebt nun ein Zeuge Ihres Talentes weniger.«

»Das thut mir leid, obgleich es vorauszusehen war, da Ihr Vater meinen wohlgemeinten Rathschlägen niemals Gehör schenkte. Er war ein Schüler, welcher unbedingt nach der Mahnung seines Meisters hätte handeln sollen. Wer aus seinem physischen Dasein heraustritt, um mit den Geistern zu verkehren, muß den Muth haben, sie sich unterthan zu machen, sonst überwältigen sie ihn, und er ist verloren. Der Fall thut mir nun Ihretwegen leid. Kann ich Ihnen hier in irgend einer Weise dienlich sein?«

»Ich muß auf Ihre Gefälligkeiten verzichten, da ich nichts besitze, um sie mit meinem Ruin bezahlen zu können!«

»Ich bin sehr nachsichtig, mein Herr, aber wahren Sie dennoch Ihre Zunge! Der Graf von St. Germain, welcher soeben eine vertrauliche Unterredung mit dem König hatte, fühlt sich keineswegs gezwungen, die grundlosen Malicen des Barons von Langenau ruhig anzuhören.«

»Graf von St. Germain? Lassen Sie mich Ihnen zu diesem neuen Titel gratuliren! Auch ich habe heute Einiges mit dem König zu besprechen und werde nicht versäumen, ihm den Herrn Grafen zur Regelung seiner Finanzen zu empfehlen.«

»Daß heißt, Sie wollen sich mir als Feind gegenüber stellen? Welcher vorsichtige Mann wünscht sich einen überlegenen Gegner! Erlauben Sie mir, Ihnen eine höchst werthvolle Lehre zu geben: Ein kluger Diplomat – und dieser Carrière scheinen Sie sich ja doch zugewandt zu haben – bekämpft seinen Feind stets nur im Stillen und aus wohlgedeckter Stellung; er verräth deßhalb um keinen Preis und mit keiner Miene seine innere Gesinnung, denn diese Unvorsichtigkeit kann ihm seine Ziele leicht in unerreichbare Ferne rücken.«[372]

»Ich habe Ihre höchst werthvolle Lehre angehört, um ganz in die Tiefe Ihres menschenfreundlichen Herzens blicken zu können, habe aber leider nicht die Intention, sie zu beherzigen. Wir Deutschen sind ein ungelecktes Volk, welches gewohnt ist, auf starken Sohlen seinen geraden Weg zu wandeln und auch dem überlegenen Feinde sich Auge in Auge zu stellen. Herr Graf von St. Germain, ich verachte Sie und werde dafür sorgen, daß Ihre Künste hier keine Opfer finden!«

Mit einer verächtlichen Handbewegung wandte er sich ab und schritt von dannen.[373]

Der Graf blieb stehen. Trotz seines braunen Teint war deutlich die Blässe zu bemerken, welche sein Gesicht überzog. Nach einigem Besinnen kehrte er in den Park, welchen er zu verlassen im Begriffe gestanden hatte, wieder zurück und schritt nach dem Schlosse. Hier erfuhr er, daß die Marquise von Pompadour ihre Gemächer bereits wieder betreten habe. Er war schon öfters bei ihr gewesen, hatte die Erlaubniß zum beliebigen Zutritt erhalten und ließ sich anmelden.

Die Marquise, bei welcher Frau d'Hausset, ihre erste Dame, war, empfing ihn mit außerordentlicher Liebenswürdigkeit.

»Willkommen, mein lieber Graf! Ich vermuthete nicht, Sie so schnell wieder bei mir zu sehen.«

»Durfte ich Versailles verlassen und nach Paris gehen, Madame, ohne Ihrer Güte zu danken, welche mir gestattete, den größten Monarchen unseres Jahrhunderts zu sehen und zu sprechen?«

»Diese Güte ist nicht ohne Eigennutz. Man profitirt dabei durch Ihren Unterricht über Außerordentlichkeiten, welche bisher für unmöglich galten. Werden Sie den Diamanten des Königs wirklich von seinem Flecken zu befreien vermögen?«

»Es wird ganz sicher geschehen; ich werde Ihnen das beweisen, Madame. Sehen Sie diese Steine!«

Er zog eine Schachtel aus der Tasche und öffnete sie. Es befanden sich Topase, Smaragde, Saphire und Rubine von ganz bedeutendem Werthe in derselben. Frau von Pompadour vergaß ganz die Würde, welche sie sich sonst zu eigen zu machen strebte, und schlug in heller Verwunderung die Hände zusammen.

»Welch' ein Reichthum in so kleinem Behältnisse! Graf, Sie sind wirklich ein Phänomen!«

Er nahm diese Bewunderung sehr gleichgültig hin und antwortete mit einem leichten Achselzucken:

»Diese Schachtel enthält nur die geheilten Patienten aus meiner Sammlung. Diese Alle hatten Flecken, die ich ihnen jedoch genommen habe. Sie besitzen dadurch einen doppelten Werth. Diese Kleinigkeit mag als Beweis dienen!«

Er warf ein massiv goldenes Kreuz mit grünen und weißen Steinen auf den Tisch. Es war von außerordentlich guter Arbeit, und ein Schmuckhändler hätte wenigsten 1500 Francs dafür geboten. Die Marquise nahm den Schmuck und zeigte ihn, nachdem sie ihn betrachtet hatte, ihrer Kammerdame.

»Hausset, treten Sie näher und sehen Sie dieses prachtvolle Kreuz. Müssen Sie nicht den Glanz der Steine und die Feinheit der Fassung bewundern?«

Die Dame nahm das Kreuz und hielt es, einen Blick in den Spiegel werfend, unwillkürlich wie zur Probe an den Hals.

»Prachtvoll, Madame, wirklich ein Cabinetstück!« antwortete sie.

»Ich bitte, Frau d'Hausset, es als ein Geschenk von mir anzunehmen!« bat der Graf.

Die Kammerdame erglühte vor freudigem Schreck.

»Das kann Ihr Ernst doch nicht sein, Graf. Ein so kostbares Stück verschenkt man nicht so pour passer le temps!«

»Warum nicht? Es ist ja nur eine Bagatelle!«

»Nehmen Sie es immerhin, meine Liebe,« redete die Marquise ihr zu. »Der Graf will es ja, und Sie hören aus seinem eigenen Munde, daß er damit nicht das mindeste Opfer bringt!«

Trotz des Entzückens, welches eine jede Frau bei einem solchen Geschenke empfinden wird, machte Frau d'Hausset doch eine Bewegung, als wolle sie das Kreuz seinem früheren Besitzer wieder einhändigen, aber ein eigentümlicher Blick desselben bewog sie, den bereits ausgestreckten Arm wieder an sich zu ziehen.

»Ich acceptire Ihr Geschenk,« meinte sie, »als ein Souvenir an den Tag, an welchem der Fürst von Frankreich dem Fürsten der Brillanten begegnete.«

Er konnte doch in seinen Mienen einen Zug nicht unterdrücken, welcher verrieth, daß er sich geschmeichelt fühlte.

»Alle Steine dieses Kreuzes hatten Flecken,« erklärte er, »und ebenso wie sie wird auch der Diamant des Königs von seiner Trübung geheilt werden. Fragen Sie den Grafen de Lancy, welcher mir einen Smaragd übergab, der einen bedeutenden dunklen Punkt besaß und jetzt sich wieder vollständig fehlerfrei in seiner Hand befindet.«

»Den Grafen de Lancy? Apropos, bei seinem Namen fällt mir ein, daß die kleine zehnjährige Comtesse Lancy2 eine Probe[385] von Ihrem wunderbaren Aqua benedetta bekommen haben soll. Hat man mich recht berichtet?«

»Man hat Ihnen die Wahrheit gesagt. Ich begleitete einige italienische Arien, welche die Comtesse sang, und war von ihr so entzückt, daß ich beschloß, ihr das glückliche Loos der Schönheit, welche sie besitzen wird, durch meinen Trank zu verlängern.«

»Sie wissen, daß auch der König von Ihrem Aqua gehört hat. Er wünscht, daß ihm der gegenwärtige Zustand seiner Gesundheit so lange wie möglich erhalten bleibe.«

»Das soll geschehen, so weit es in meiner Macht liegt, Madame,« antwortete der Graf.

Er brachte zwei geschliffene Flaconetten zum Vorschein, welche mit einer krystallhellen Flüssigkeit gefüllt waren, und reichte sie der Marquise dar.

»An der Erfüllung dieses Verlangens hängt das Glück und die Wohlfahrt einer ganzen Nation. Dieses Aqua benedetta wird Frankreich seinen Monarchen und Ihnen, Madame, Ihre Schönheit und Jugend erhalten.«

Die Marquise griff mit sichtlicher Begierde zu und rief freudig:

»Ich danke Ihnen sehr, mein lieber Freund! Allerdings darf man einen Grafen von St. Germain nicht nach dem Preise dieses unbezahlbaren Elixir fragen, doch bitte, bestimmen Sie selbst, was ich für Sie thun kann!«

»Ich begehre als einzigen Lohn nur Ihr dauerndes Wohlwollen, Madame, und die Erlaubniß, mit Hülfe der Sterne über Ihnen und dem Wohle des Königs wachen zu dürfen.«

»Der Schutz Ihres Genius ist uns natürlich hoch willkommen. Ich bat Sie ja schon, die Sterne über mich zu befragen. Ist Ihnen noch nicht eine Antwort geworden?«

»Ich erhielt sie, heut' in der Mitternacht.«

»Und wie lautet sie?«

»Sie war so klar und offen, daß ich die Geister der Weltgegenden gar nicht erst zu Rathe zu ziehen brauchte. Ich darf sie darum wohl auch ebenso offen mittheilen?«

»Nun?«

»Ich stand um Mitternacht unter den Sternen und sah den Himmel Deutschland's erglänzen; ein großer Stern stieg strahlend in die Höhe; eine kleine Schnuppe flog von ihm ab, schoß über die Grenze herüber und stieß an den Stern von Frankreich. Da troff Blut herab vom Firmamente; es wurde Nacht in den Lüften, und die Erde erzitterte unter dem Fußgestampfe kämpfender Cohorten. Ich sah keine Person, ich bemerkte keinen Namen, Madame; ich erblickte nur Thatsachen. Die Sterne haben mich noch niemals getäuscht; die Lösung ist mir nicht gegeben; ich muß sie Ihnen überlassen.«

Die Marquise war unter der Schminke leichenblaß geworden, während Frau d'Hausset seitwärts eine Miene machte, als ob sie sich auf den Grafen stürzen wolle, der sie vorher doch so fürstlich beschenkt hatte.

»Oh, ich weiß, wer dieser Stern in Deutschland ist,« meinte endlich die Marquise. »Dieser König von Sansouci glaubt ja schon längst, daß er unter die Himmlischen zu rechnen sei. Aber die Schnuppe, Graf, hatte sie nicht eine Farbe, eine Gestalt, aus welcher sich etwas Sicheres schließen ließe?«

»Ich glaube, die Gestalt eines L erkannt zu haben, doch steht mir der Zutritt zu den chambres diplomatiques nicht offen, und ich kenne also auch keine Persönlichkeit, auf welche ich eine Hindeutung aussprechen möchte. Nur das muß ich bemerken, daß die große, drohende Gefahr keine zukünftige ist, sondern schon morgen, heut oder gar jetzt hereinbrechen kann; es sind also schleunige Maßregeln erforderlich, sie abzuwenden.«

»Meine Ahnung hat mich nicht betrogen!« rief die erregte Marquise. »Ein L –? Dieser preußische Baron von Langenau ist mit einer Sendung betraut, deren Zweck mich unangenehm berührt. Frankreich soll sich nicht dem noch sehr neuen Königshof in Brandenburg gefällig zeigen, und die Physiognomie dieses Barons hat mir gleich vom ersten Augenblicke an einen unbesiegbaren Widerwillen eingeflößt. Er soll mit dem König sprechen? Ich werde dafür sorgen, daß diese und eine weitere Unterredung gar nicht stattfindet. Ich vertraue Ihren Sternen, Graf, und der Preuße soll noch heute nach seiner barbarischen Heimat zurückgeschickt werden!«

Als nach einer Viertelstunde sich der Baron von Langenau zur Audienz meldete, wurde er nicht vorgelassen, sondern an den Minister des Aeußern gewiesen, von welchem er eine versiegelte Schrift mit der Bemerkung empfing, daß diese eine ausführliche Erklärung des Königs auf seinen Antrag enthalte und schleunigst nach Berlin zu befördern sei, weßhalb man bereits Befehl ertheilt habe, ihm bis an die Grenze Relais zu legen.

Damit war deutlich genug gesagt, daß seine Mission gescheitert sei. Er verließ das Schloß und schritt der Stelle zu, an welcher sein Wagen noch immer auf ihn wartete. Noch ehe er dieselbe erreichte, hörte er das Rollen von Rädern hinter sich und trat zur Seite, um die Carrosse an sich vorüber zu lassen. Er kannte sie sammt den sechs Schimmeln, welche vorgespannt waren; es war das Geschirr der Marquise von Pompadour, mit welchem sie die Entfernung zwischen Paris und Versailles zurückzulegen pflegte. Aber diesmal saß nicht sie in den rothseidenen Kissen, sondern eine männliche Gestalt, bei deren Anblick ihm das Blut in den Adern zu sieden begann – der Graf von Saint-Germain, welchen die Marquise nach der Hauptstadt fahren ließ.

Auch der Graf erkannte seinen Gegner. Was kein Mann von adeliger Gesinnung gethan hätte, er that es: er gab dem Kutscher ein Zeichen und ließ just an der Stelle, wo Langenau stand, halten.

»Ah,« frug er mit ironischem Erstaunen, »der Stellvertreter Seiner Majestät von Preußen zu Fuße auf der Landstraße?«

Der Baron gab keine Antwort und hob den Fuß, um seinen Weg fortzusetzen.

»Herr Baron!« klang es da mit einer Stimme, deren Ton Langenau bewog, sich nochmals umzuwenden.

»Nur Eines, ehe Sie gehen, mein »ungeleckter« Preuße!«

Der Graf bog sich, um von Kutscher und Domestiken nicht gehört zu werden, weit über den Wagenschlag herüber und raunte dem Baron zu: »Abgeblitzt wie ein Schulbube, nicht wahr? Ein Stück »Blei in Kugelform« wäre wohl auch für Sie das Beste!«

Das Gesicht Langenau's erglühte vor Zorn, und er erhob den Arm wie zum Schlage, ließ ihn aber, sich beherrschend, wieder sinken und trat näher an den Wagen heran.

»Herr Graf von Saint-Germain, das Blei, welches meinen Vater traf, befindet sich in meiner sorglichsten Verwahrung, denn es hat einem gerechten Zweck zu dienen: auch Sie werden an demselben sterben!«

Er wandte sich und schritt vorwärts, den Wagen gar nicht beachtend, welcher jetzt an ihm vorüber rollte. Er bestieg alsbald den seinen und fuhr ganz langsam nach. Noch aber war er nicht weit gekommen, so hörte er abermals Pferdegetrappel hinter sich und erblickte, sich zurückwendend, Amély zu Pferde, gefolgt von einem berittenen Diener.

»Herr Baron,« meinte sie erröthend, als sie ihn erreicht hatte, »meine Isabella ist heute so wenig artig, daß ich Sie fragen muß, ob Sie einen Platz für mich übrig haben. Mein Weg ist auf eine Strecke hin der Ihrige.«

Im Nu stand er auf der Erde, hob sie vom Pferde, dessen Zügel der Diener ergriff, und half ihr in den Wagen steigen. Dieser setzte sich in Bewegung, und der Diener folgte mit dem Reitpferde.

»Sie werden fortgeschickt, mein Freund?«

»So ist es!« knirschte er.

»Und wissen Sie, was Schuld ist?«

»Meine Offenheit – – –!«

»O nein, ein wenig Aqua benedetta. Lassen Sie sich erzählen, was ich soeben von meiner Tante erfuhr!«

Als die junge Dame nach kurzer Zeit den Wagen verließ, um ihr Pferd wieder zu besteigen, trennten sich die Beiden mit einem innigen Händedruck und einem herzlichen Blick, welcher deutlich verrieth, daß sie sich wiedersehen würden. – – –[386]

Quelle:
Ein Fürst des Schwindels. Nach authentischen Quellen von Ernst von Linden. In: Deutscher Hausschatz in Wort und Bild. 6. Jg. 1879/80. Heft 9–10. Regensburg, New York, Cincinnati 1880. Nr. 25, S. 385-387.
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