Drittes Kapitel

[567] Es hatte während der Nacht heftig und anhaltend geregnet und das Stolpeflüßchen trieb seine trüben, angeschwollenen Wasser durch die leise Dämmerung des anbrechenden Morgens. Die Straßen und Gassen der Stadt schwammen im Wasser und die Wege vor derselben waren fast bis zur Bodenlosigkeit aufgeweicht.

Wer die Thore des Ortes verließ, um das freie Feld zu erreichen, der wurde sicher entweder von der Noth oder von irgend einer dringenden Geschäftsangelegenheit hinausgetrieben. Und doch war es weder der eine noch der andere Grund, wegen dessen sich heute bei grauendem Tage verschiedene Personen zum Aufbruche rüsteten.

Drei Häuser waren es, in denen Regsamkeit und Leben herrschte, während die Bewohner der übrigen noch in tiefem Schlummer lagen.

An derselben Stelle, an welcher Jungfer Adelheid gestern dem Kommen des heimlich Geliebten gelauscht hatte, stand sie auch jetzt und horchte mit angehaltenem Athem nach unten, von woher sich schallende Hammerschläge vernehmen ließen. Der Klang, welchen sie verursachten, war dumpf und hohl; sie konnte ihn nicht deuten, aber sie wußte, daß es sich jedenfalls um etwas Furchtbares handle. Noch am vergangenen Abende hatte sie von dem Burschen des Lieutenants vernommen, daß der Letztere den Spezereikrämer auf Tod und Leben gefordert habe. Der Schlaf war von ihren Augen gewichen, ihr Herz klopfte laut und stürmisch vor Angst um den theuren Mann, fast so laut und kräftig, wie die Schläge unter ihr im Flur der Hauses.

Sie konnte es nicht länger aushalten, sie mußte hinab, um zu erfahren, was das Unheil verkündende Pochen zu bedeuten habe.

Als sie hinunterkam, fand sie den Diener mit dem Unteroffizier Wildebrandt beschäftigt, einen großen, hölzernen Kasten zusammenzunageln. Er war lang und schmal, gerade als ob ein Mensch in ihm Platz finden sollte.

»Was baut Ihr denn da zusammen?« frug Adelheid ahnungsvoll.

»Einen Sarg, gnädiges Fräulein.«

»Einen Sarg? Für wen denn?«

»Für den Schützengildenlieutenant Hiller.«

»Für wen?! Ist er denn gestorben?«

»Noch nicht. Aber nachher wird er erschossen!«

»Er meint wohl im Duell von dem Herrn von Blücher?«

»Ja.«

»Das ist ja fürchterlich, das ist ja entsetzlich! Giebt es denn kein Mittel, diesen unmenschlichen Handel rückgängig zu machen?«

»Keins!«

»Weiß Er das genau?«

»Sehr genau. Und wenn Ihr mir nicht glauben wollt, dürft Ihr nur den Herrn Lieutenant selbst fragen.«

»Ist er in seinem Zimmer?«

»Ja.«

»So melde Er mich doch einmal an,« bat sie nach einem kurzen Besinnen.

Als sie bei dem Offizier eintrat, fand sie ihn mit den beiden Reiterpistolen beschäftigt, welche an der Wand zu hängen pflegten.

»Verzeihung, Herr Lieutenant! Die Sorge im Ihr Wohl treibt mich so ungewöhnlich früh schon zu Ihnen.«

Er kannte seine Wirthin; er hatte sie täglich am Fenster stehen und den gegenüberliegenden Laden beobachten sehen; er war von ihrer stillen, jungfräulichen Neigung überzeugt und wußte, welche Sorge sie zu ihm trieb.

»Ich danke Ihnen! Was macht Sie denn so besorgt um mein Wohl?«

»Ich erfuhr, daß Sie im Begriffe stehen, eine böse[567] Ehrensache auszufechten und habe so große Angst, daß Ihnen dabei etwas Schlimmes passiren könnte.«

»Beruhigen Sie sich, mein bestes, gnädiges Fräulein! Ich gebe Ihnen mein Wort, daß mir nichts Uebles widerfahren wird.«

»Aber ich habe doch gehört, daß bei solchen Begegnungen Blut fließen muß!«

»Da haben Sie allerdings recht gehört!«

»Aber, mein Gott, mein guter, mein bester Herr Lieutenant, es muß doch für einen Christenmenschen geradezu unmöglich sein, den Nächsten so mir nichts dir nichts um's Leben zu bringen!«

»Das ist wahr! Aber ich setze den Fall, dieser Nächste will es nicht anders? Und übrigens habe ich gar nicht die Absicht, den Herrn Spezereihändler umzubringen. Ich werde auf ihn schießen und dann ist es seine Sache, wohin er sich von meiner Kugel treffen läßt.«

»O, ich bin sicher, daß Sie ihn grade in die Brust oder in die Stirn treffen werden! Herr Lieutenant, mein liebster, mein bester Herr Lieutenant, thuen Sie doch das nicht!«

»Warum nicht?«

»Weil ich Sie nicht als Mörder sehen kann.«

»Oder weil Sie wünschen, daß dem Herrn Nachbar da drüben nichts geschehe. Habe ich Recht, gnädiges Fräulein?«

Sie schlug unter dem scharfen, forschenden Blicke des großen, blauen Auges die Wimpern schamvoll nieder und fand keine Antwort auf diese militärisch gerade und unverhohlene Frage.

Er trat ihr näher und legte ihr die Hand schwer auf die Schulter.

»Lassen Sie mich offen zu Ihnen reden! In Augenblicken, in denen man dem Tode nahe steht, kennt man keine alltäglichen Höflichkeiten, sondern geht ohne Seitenwege auf sein Ziel los. Der Herr Spezereihändler ist Bräutigam?«

»Bräutigam?« rief sie erblassend. »Nicht möglich! Wissen Sie es genau?«

»So genau, wie ich auch weiß, daß Sie ihn lieb haben. Er ist seit vorgestern mit der Tochter des alten Stadtkassirers Pappermann versprochen, der ihm sein Kind für ein Reitpferd verhandelt hat. Der Schwiegervater hat es mir selbst erzählt; er war gestern hier und kaufte mir einen Apfelschimmel ab. Das arme Mädchen ist einem Andern herzlich gut. Sie kennen ihn auch; es ist der Unteroffizier Wildebrandt, welchen Sie draußen im Flur getroffen haben. Nur die Empörung über diesen Menschenschacher ist es, welche das heute stattfindende Duell herbeigeführt hat.«

»Was ich da höre!« jammerte sie, die Hände zusammenschlagend.

»Ich habe dem Wildebrandt versprochen, daß er sein Mädchen bekommen solle und darum werde ich seinem Nebenbuhler eine Kugel zu kosten geben, die er wohl nicht gleich wieder verdauen wird.«

»Nein, Herr Lieutenant, schießen Sie ihn nicht todt! Es ist wahr, ich denke oft und viel an ihn und würde kein Opfer scheuen –«

Sie unterbrach sich. Die Angst um den gleichgültigen Geliebten hatte sie rückhaltsloser sprechen lassen, als es sonst ihre Gewohnheit zu sein pflegte.

»Bitte, vollenden Sie Ihre Rede,« mahnte er. »Vielleicht ist es möglich, eine Aenderung zum Guten herbei zu führen.«

»Wirklich?«

Sie athmete erfreut auf.

»Ich wollte sagen, daß ich viel, sehr viel darum geben würde, wenn –«

»Nun, wenn?«

»Wenn – wenn – hundert Thaler, zweihundert, dreihundert – ach, ich weiß vor Angst ja gar nicht, was ich sagen soll!«

»Ich weiß genug, mein gnädiges Fräulein! Sie geben dem armen Unteroffizier dreihundert Thaler zur Einrichtung, wenn er die Tochter des Wachtmeisters Pappermann heirathet. Sie sind wohlhabend, Sie können das, zumal wenn ich Ihnen ein ähnliches Versprechen gebe, wie es Wildebrandt von mir bekommen hat.«

»Ein ähnliches Versprechen –? Ach so!« meinte sie erröthend. »Ja, ich gebe diese Summe, ich gebe sie gern, wenn Sie Wort halten.«

»Ein Mann, ein Wort; schlagen Sie ein. Topp!«

Sie legte ihre Hand in die dargebotene Rechte und verabschiedete sich dann um ein Bedeutendes ruhiger, als sie gekommen war.

Er blickte ihr lächelnd nach. Daß er ihr ein Versprechen gegeben hatte, von dem er noch nicht wußte, wie es zu lösen sei, machte ihm keine Sorge; er hätte auch nicht Zeit gehabt, sich mit einer solchen zu quälen, denn ein nahendes Sporengeklirr machte ihn auf das Erscheinen der Kameraden aufmerksam, welche kamen, um dem ungewöhnlichen Morgenritte beizuwohnen.

Auch im Hause Pappermanns herrschte frühzeitiges Leben. Er war eben aus dem Holzschuppen, in welchem bei Ermangelung eines Stalles der gestern erhandelte Apfelschimmel einstweilen untergebracht worden war, herbeigekommen und in das Zimmer getreten, wo er sich anschickte, die Stücke einer Husarenuniform anzulegen, welche er als ein heilig gehaltenes Andenken an seine ehrenvoll zurückgelegte Militärzeit aufbewahrt hatte.

Anna schlief. Sie durfte nicht ahnen, zu welchem ernsten Gange der Vater sich rüstete. Die Frauen sind ja ohne Verständniß für solche wichtige Dinge und erschweren durch ihr Jammern und Wehklagen nur das nothwendige Handeln. Als er den alten, nur mit großer Mühe blankgeputzten Schleppsäbel umgegürtet hatte, betrachtete er seine martialische Gestalt wohlgefällig im Spiegel.[568]

»Ich bin doch ein Himmel-Mohren-Elements-Wachtmeister!« sagte Pappermann, sich selbstgefällig im Spiegel betrachtend. »Als ich noch bei den Belling-Husaren stand, war ich der schönste Mann im ganzen Regimente und noch heute, wenn ich des Königs Rock anhabe, sehe ich aus wie Einer, vor dem die Andern Respect haben müssen. Und nun noch der Apfelschimmel! Die Offiziere laufen bei diesem Wetter sicher nicht in den Wald hinaus und so wird es mir, da ich einmal das Pferd habe, auch nicht einfallen, mir müde und schmutzige Beine zu machen. Ich komme ebenso stolz zu Rosse wie sie. Der Hiller, denn ich abholen muß, mag sehen, wie er durch den Sand und Schlamm zur Stelle kommt.«

Er schritt leise, um die Tochter nicht aufzuwecken, die Treppe hinab, zog den Schimmel auf die Straße, setzte sich auf und trabte mit stolzer Miene in den grauenden Morgen hinein.

Bei dem Spezereihändler angekommen, fand er denselben in fürchterlicher Angst und Unruhe seiner wartend.

»Nun, wie steht es, ist Er parat?«

»Ja,« antwortete der Gefragte kleinlaut.

»So! In diesem Anzuge will Er, der Oberlieutenant von der Schützencompagnie, sich mit einem Offizier von den Belling-Husaren schlagen? Ist Er von Sinnen?«

»Soll ich vielleicht zu der Menschenschlächterei gar noch meinen theuern, blauen Staatsrock anziehen?«

»Auf seinen Staatsrock ist es nicht abgesehen, sondern auf seine Uniform.«

»Auf meine Uniform? Die mich ein so schweres Geld gekostet hat? Die soll ich anlegen? Bei diesem Wetter? Fällt mir gar nicht ein!«

»Es wird ihm schon einfallen. Wer bei so einem Rencontre seine Charge verleugnet, darf sich auch nicht wundern, wenn er als ordinärer Mensch angesehen und behandelt wird!«

»Aber wenn ich erschossen werde, so wird ja der schöne Waffenrock ganz mit Blut und Schmutz bespritzt!«

»Das ist ihm dann ganz egal. Jetzt holt Er gleich die Uniform, sonst mag Er sich nur immer nach einem andern Secundanten umsehen!«

Hier war nicht länger zu widerstehen. Hiller legte seine Schützengildenuniform an und trat dann mit dem strengen Schwiegervater hinaus auf die Straße.

»Ich glaube gar, Ihr wollt zu Pferde hinaus!« meinte er, als er den Apfelschimmel erblickte.

Die Sorge um sein kostbares Leben hatte ihn so gleichgültig gegen alles Andere gemacht, daß er das Thier vorher weder gehört noch gesehen hatte. Auch jetzt bemerkte er nicht, daß da drüben in dem gegenüberliegenden Hause Jemand am Fenster stand und mit bleichem Angesichte herunter auf die Gasse schaute.

»Das versteht sich ganz von selbst. Ein ehrenvoll verabschiedeter Wachtmeister von den Belling-Husaren setzt sich zu Pferde, wenn er eine solche Ehrensache mit zu verhandeln hat. Bei Ihm ist das etwas ganz Anderes. Er ist Mitglied der Schützencompagnie und muß zu Fuß gehen. Vorwärts marsch!«

Er war aufgestiegen, setzte seinen Schimmel in Bewegung und ritt in gemüthlichem Schritte dem Thore zu. Hiller stieg in einer unbeschreiblichen Stimmung neben ihm her und ärgerte sich nicht wenig über den sonderbaren Umstand, daß er, als der eigentliche und rechtmäßige Besitzer des Pferdes, gezwungen war, die Beine zu gebrauchen, während der Stadtkassirer vornehm und ganz in der Haltung eines Generals der Kavallerie hoch oben im Sattel thronte.

»Aber, Herr Stadt – Herr Ritt – Herr Wachtmeister,« brummte er, als sie in das Freie gelangt waren; »das geht doch eigentlich nicht, daß Ihr auf meinem Schimmel reitet, und ich laufe wie ein Schulbube hinter Euch her, werde bis an den Federstutz voll Schmutz bespritzt und mache mir meine kostbare Uniform zu Schanden!«

»So? Warum geht es denn nicht? Er sieht es ja ganz deutlich, daß es geht. Und was Er da von Seinem Pferde sagt, das kann ich nun gar nicht verstehen. Es ist doch mein, Er hat es mir gekauft!«

»Da seid Ihr ganz außerordentlich im Irrthum, Herr Wachtmeister. Ich habe es für mich gekauft und Euch nur zum Gebrauche überlassen.«

»Dagegen will ich allerdings Nichts sagen, denn wenn Er es mir zum Gebrauche überläßt, so ist es ja mein Eigenthum so lange als ich es benutzen will.«

»Ihr werdet Euch aber doch besinnen, daß ich vorgestern die Bedingung machte, daß ich es auch auf ein Stündchen bekommen kann, wenn ich es besteigen will.«

»Besteigen? Nein, Er hat nur vom Fahren gesprochen, jetzt aber wird geritten.«

»Ihr seht doch wohl jedenfalls ein, daß ich hier unten im Schlamme ersticken muß, wenn es so fortgeht. Laßt mich wenigstens ein Bischen mit aufsitzen!«

»Was will Er?« frug Pappermann ganz erstaunt. »Zu mir heraufsetzen will Er sich?«

»Ja. Es ist kein Mensch in der Nähe, und Niemand wird es sehen, daß wir zu zweien reiten. Nehmt doch Rücksicht auf den miserablen Weg, den ich bis an die Kniee durchzuwaten habe. Ich habe mich Euch doch auch gefällig erwiesen!«

»Hm, da hat Er nicht so ganz Unrecht! Der Schimmel ist stark und kann uns Beide eine Strecke weit tragen. Na, da komme Er, und setze Er sich hinter mich. Aber halte[581] Er sich fest an, damit Er mir nicht wieder hinunter in den Mehlbrei rutscht!«

»Nach einigen vergeblichen Versuchen gelang es dem Spezereihändler und Schützengildenlieutenant hinter seinem Schwiegervater Platz zu nehmen. Es war das erste Mal, daß er ein Pferd bestieg; er zog die Beine so weit wie möglich in die Höhe, klammerte sich mit den beiden Armen ängstlich an den Stadtkassirer und gab sich im Verlaufe des ungewöhnlichen Rittes alle erdenkliche Mühe, die kostbare Balance nicht zu verlieren.«

»Drücke Er mir nur nicht die Rippen ein,« mahnte Pappermann, als sie eine kurze Strecke vorwärts gekommen waren. »Er sitzt mir ja auf dem Nacken, wie ein alter Infanterietornister!«

»Kann ich dafür?« frug Hiller. »Der Schimmel wirft ja die Beine als wolle er in die Wolken steigen, und ich rutsche dabei immer weiter über den Schwanz hinunter. Mir wird's ganz jämmerlich zu Muthe, grad' wie Einem, der auf dem Kirchthurme sitzt und den Krampf in die Beine bekommt!«

»Das hätte Er sich gleich erst denken können! Ein Apfelschimmel ist kein Kanapee und ein Schützengildist noch lange kein Kosakenhäuptling. Mache Er sich wieder herunter, sonst bekommt Er die Seekrankheit und fällt mir in die Buttermilch, aus welcher ich Ihn zeitlebens nicht wieder herauskriege! – Mache Er rasch,« fügte er hinzu; »dort aus dem Seitenwege scheint Jemand zu kommen, und das wäre mir eine schöne Geschichte, wenn man uns beisammen auf dem Pferde träfe!«

»Ihr könnt doch auch absteigen. Die Reihe, zu laufen, ist nun an Euch! Dann sitze ich besser und werde den Schwindel los. Ein Oberlieutenant mit Epauletten gehört doch wohl eher auf den Schimmel als ein Wachtmeister, der keine – – –«

»Ah, guten Morgen, meine Herren!« ließ sich in diesem Augenblicke eine helle Stimme vernehmen. Blücher kam mit seinen Begleitern zwischen den am Wege stehenden Büschen dahergesprengt, und sein schnelles, unerwartetes Erscheinen hatte den Beiden nicht Zeit gelassen, ihre Fußgängerangelegenheit in Ordnung zu bringen. »Ah,« rief er lachend, »wie fein und lieblich ist es, wenn Brüder einträchtiglich bei einander wohnen!«

»Ja,« meinte der lange Venske mit einem Blicke, der fast noch spitzer war als seine Nase; »eine Umarmung zu Pferde und zwar von hinten. Es passiren merkwürdige Neuigkeiten in der Welt!«

Der alte Wachtmeister kam in eine ganz schauderhafte Verlegenheit. So eine Blamage war ihm noch niemals widerfahren. Er drehte sich zurück und gab dem Krämer einen Stoß, der denselben bald vom Apfelschimmel geworfen hätte.

»Will Er wohl nun endlich einmal zusehen, daß Er hinunter und auf die Beine kommt, Er Himmel-Mohren-Elementer Er! Drei Dutzend Mal habe ich's Ihm schon gesagt, Er aber scheint heut' gar keine Ohren mehr zu haben!«

»Das Pferd ist mein; ich bleib sitzen!« erklärte Hiller, indem er sich bemühte, seine halbverlorene Stellung wieder zu gewinnen. Er durfte sich unmöglich vor den Herren Offizieren von dem Stadtkassirer demüthigen lassen.

»So lange ich es brauche, ist es mein!« behauptete dieser. »So ist es ausgemacht, und so muß es auch gelten. Wenn Er nicht sofort und auf der Stelle absteigt, nehme ich das Thier vorn in die Höhe, und dann wird Er ja wohl erfahren, wie weich es sich im Schlamme sitzt!«

»Lassen Sie den Herrn Oberlieutenant immerhin bleiben, wo er sitzt,« suchte Rudorf zu begütigen. »Sie haben das Pferd gekauft und er hat es bezahlt; also haben Sie gleiche Rechte und müssen zu zweien reiten. Vorwärts, Kinder!«

»Ja, vorwärts!« stimmte Blücher bei, indem er seiner Fuchsstute den Schenkel zu fühlen gab. »Die Zeit vergeht und Ihr wißt, daß ich heut' Blut sehen muß!«

Er strich dem Apfelschimmel über die Nase, schnalzte mit dem Finger und schoß dann im Galopp davon. Dies war das alt gewohnte Zeichen für das ausrangirte Husarenpferd. Es spitzte die Ohren, schnaubte einige Male wie beistimmend in die Nüstern und flog dann mit seinen beiden Reitern in weiten Sätzen der Stute nach.

»Mein Jesses, Herr Wacht – Herr Stadt – Herr Ritt – Herr Schwiegervater, haltet mich fest, sonst fliege ich in die Luft!« brüllte Hiller, indem er die Arme um seinen Vordermann schlug, als wolle er ihn erwürgen.

»Hab – keine – Zeit!« rief dieser athemlos zurück. »Der Schimmel – hat – den Teufel – im Leibe. Fliege Er – wohin er will! Als ich – noch bei – den Belling-Husaren stand – da hatte – ich einmal – – –«

Die Rede blieb ihm im Munde stecken. Blücher hatte jetzt vom Wege abgebogen. Der Ritt ging grad mitten in die Büsche hinein, und die Zweige schlugen dem Wachtmeister klatschend um die Ohren. Er konnte weder sehen noch hören; das Sprechen verging da ganz von selbst. Er mußte alle frühere Geschicklichkeit herbeisuchen, um nur sitzen zu bleiben und konnte sich also unmöglich um das Schicksal des Spezereihändlers bekümmern. Dieser schloß die Augen, zog die Beine in die Höhe, und schlang sie um die Hüften des Wachtmeisters. So lange dieser sich hielt, war auch er gesichert, das stand fest, und so braußte die verwegene Jagd prasselnd und knackend durch Strauch und Busch, bis endlich Blücher auf einem freien Platze hielt, auf welchem zwei Männer standen, welche die Kommenden erwartet hatten.

Es waren der Bursche und Wildebrandt. Sie hielten neben dem vorhin gezimmerten Kasten vor einem tiefen Loche. Hacke und Schaufel in ihren Händen zeugten, daß sie es eben erst aufgeworfen hatten.

Sobald der Schimmel stand, machte Hiller Miene, schleunigst herabzuklettern, doch das in seine alten Gewohnheiten fallende Thier schlug hinten in die Höhe und ließ ihn[582] nicht eher herunter, als bis Blücher mit der erhobenen Hand ein Zeichen gab.

»Was ist denn das für ein Loch?« frug Pappermann, sich den rinnenden Schweiß von dem Gesichte wischend. »Das Himmel-Mohren-Elements-Vieh hätte mich ja beinahe hinein geworfen!«

»Es ist für Ihren Herrn Schwiegersohn bestimmt,« antwortete Blücher gleichmüthig, indem er abstieg und an die Grube trat, um ihre Weite mit der Größe des Kastens zu vergleichen. »Einer von uns Beiden wird fallen, das versichere ich Ihnen, und wer es sein wird, darüber kann ja gar kein Zweifel sein!«

»Für meinen Schwiegersohn?« Er sah mit einem Gesichte drein, welches schwer zu beschreiben war. »Wollen Sie ihn denn geradezu todtschießen?«

»Das versteht sich ganz von selbst! Wenn es Einer von der Schützencompagnie wagt, einen Husarenoffizier zu fordern, so wird von dem Letzteren die Sache natürlich so scharf wie möglich genommen. Das müssen Sie als alter Cavallerist sehr gut wissen!«

»Also nicht blos ein Wenig angeritzt, sondern wirklich erschossen soll er werden! Nachher in den Kasten und dann in das Loch? So gefährlich für ihn habe ich es mir allerdings nicht vorgestellt. Als ich noch bei den Bellings-Husaren stand, habe ich wöchentlich wenigstens sechs bis acht Rencontre's gehabt, aber getödtet, eingekastet und begraben ist dabei Niemand worden.«

»Das mag sein. Doch beginnen wir; die Zeit ist verflossen!«

Auch die andern Offiziere, welche den drei Reitern auf dem Fuße gefolgt waren, stiegen ab. Wenn sie auf den Spezereihändler blickten, fiel es ihnen schwer, den nothwendigen Ernst zu bewahren. Er hatte das Gespräch Pappermanns mit dem Lieutenant angehört und stand auf dem Platze wie Einer, über den das jüngste Gericht hereinbricht. Der Federhut war ihm während des Parfocerittes verloren gegangen; die Haare hingen ihm wirr um das hagere, angstbleiche Gesicht, und seine Hände lagen gefaltet in einander, als erwarte er schon jetzt die tödtliche Kugel.

Treskow trat vor. Er war der Zeuge Blüchers und begann den üblichen Versuch zu einer friedlichen Ausgleichung der Sache.

»Schon gut!« schnitt ihm Blücher, indem er die Pistole hervorzog, kurz die Rede ab. »Ersparen wir uns alle unnützen Worte und schreiten wir lieber zur That. Herr Wachtmeister, messen Sie die Distanze ab, fünfzehn Schritt, nicht zu weit; ich werde einstweilen versuchen, ob meine Hand heut sicher ist. Da oben die einzelne Zapfe an der Tannenspitze soll herunter. Aufgepaßt!«

Der Schuß krachte und die Zapfe flog zerschmettert in die Luft.

»So, es geht! Will der Herr Oberlieutenant nicht vielleicht auch einen Probeschuß thun?«

Dieser schüttelte nur verneinend mit dem Kopfe. Es war ihm nicht wie Schießen, es war ihm überhaupt wie gar Nichts, er wußte kaum, daß er noch lebte. Er hatte noch niemals ein Mordgewehr in der Hand gehabt und Blücher hatte aus so bedeutender Höhe das kleine Ziel herabgeholt. Es gab ja gar nichts Anderes zu erwarten, als den Tod! Der omiöse Kasten stand ja schon bereit und daneben gähnte das furchtbare Loch, welches bestimmt war, einen armen Oberlieutenant von der Schützencompagnie zu verschlingen, welcher keinen Schuß zu hören vermochte, ohne in Ohnmacht zu fallen.

»Also sind Sie Ihres Armes sicher? Das ist mir lieb. Treten wir also an!«

Die Pistolen wurden geladen. Jeder der beiden Contrahenten erhielt eine derselben in die Hand, und nun war der fürchterliche Augenblick endlich gekommen.

Hiller mußte an seinen Platz geschoben werden. Es war ihm vollständig schwarz vor den Augen und in den Ohren tobte und toste es ihm, als brande die ganze Ostsee in ihnen.

»Herr Lieutenant,« rief Pappermann in bittendem Tone; »ich ersuche Sie ganz gehorsamst um eine möglichst milde – – –«

»Sparen Sie alle vergebliche Mühe, Herr Wachtmeister! Ich weiß ganz genau, was ich zu thun habe, und einen Schwiegersohn bekommen Sie allemal wieder. Also, Herr Oberlieutenant, auf Commando Beide zugleich schießen. Zielen Sie genau, ich werde es auch thun!«

Er hob die Waffe; Hiller that es ihm mechanisch nach. Sie zitterte in seiner Hand. Er raffte sich mit aller Gewalt zusammen, und legte den Finger an den Drücker der Pistole.

Das Zeichen wurde gegeben. Zwei Schüsse krachten zu gleicher Zeit.

»Mein Jesses, Herr Wacht – ich – – ich bin – – – ich bin todt!« schrie der Spezereikrämer, mit den bei den Händen sich krampfhaft nach der Brust fahrend. Dann brach er auf der Stelle, wo er gestanden hatte, leblos zusammen.

Pappermann eilte herbei und knieete an seiner Seite nieder. Die Offiziere warfen sich Blicke zu, aus denen eine nur mühsam unterdrückte Lachlust blitzte.

Hiller hatte gradauf gen Himmel geschossen, Blücher aber auf einen Baumstamm losgedrückt, der auch getroffen worden war.

»Er ist todt, ganz und gar todt, fürchterlich todt!« wehklagte der Stadtkassirer. »Aber – aber – ich bemerke doch keine Wunde!«

»Er ist todt!« wiederholte Blücher. »Das sagte er selbst, und das sagen auch Sie, Herr Wachtmeister; folglich wird er sofort begraben, damit keine Spur von unserm immerhin gefährlichen Handel zu finden sei!«

»Ja, todt ist er, der arme Teufel, und den Apfelschimmel, Gott sei Dank, den habe ich! Aber wo ist denn eigentlich Ihre Kugel eingedrungen?«

»Da er todt ist, so ist diese Untersuchung vollständig überflüssig. Wildebrandt, die Leiche gehört jetzt Ihnen!«[583]

»Zu Befehl, Herr Lieutenant! Machen Sie Platz, Herr Wachtmeister!«

»Das geht nicht so schnell, wie Er es meint! Es ist Menschenpflicht und Christenpflicht und ganz besonders auch meine Pflicht, hier so sorgfältig wie nur möglich zu verfahren. Ich sehe keine Wunde. Vielleicht ist er nur vor – vor – vor Anstrengung umgefallen!«

»Ob er in Folge der Anstrengung umgefallen oder von dem Schusse getroffen worden ist,« meinte der lange Venske, »das ist hier ganz und gar gleichgültig. Er selbst hat in seinem letzten Augenblicke erklärt, daß er todt sei; und ein Sterbender sagt niemals eine Lüge. Legt ihn in den Kasten und werft ihn in das Loch. Es giebt noch genug Spezereikrämer in der Welt!«

»So!« rief Pappermann zornig werdend. »Vielleicht giebt es auch der Lieutenants genug!«

»Das ist möglich,« antwortete Blücher; »aber jedenfalls sind sie mehr werth, als alle möglichen Krämer und Wachtmeister zusammengenommen!«

Der Stadtkassirer erhob sich überrascht.

»Soll das vielleicht eine Beleidigung sein, Herr von Blücher?«

»Wie Er's nimmt!«

»Er?« Das war dem alten Bramarbas noch nicht widerfahren; in dieser Weise war er seit langen Jahren nicht angeredet worden. Er wußte nur zu gut, daß Blücher den Streit mit dem Spezereihändler vom Zaune gebrochen hatte. Wollte er vielleicht mit ihm ein Gleiches thun?

»Wenn ich es nun nicht als eine solche nehme?«

»Das ist Seine Sache! Wir sind hier sechs Personen, welche Seinen Schwiegersohn für todt erklären. Er als der Siebente ist nicht berechtigt, eine andere Meinung durchzusetzen. Der Todte wird begraben!«

»Meinetwegen! Jedenfalls aber nicht eher, als bis auch ich von seinem Tode vollständig überzeugt bin. Daß Sechs gegen mich sind, macht mich nicht furchtsam. Als ich noch bei den Belling-Husaren stand, bin ich einmal ganz allein mitten in eine feindliche Batterie hineingeritten, habe die Bedienungsmannschaft sammt der ganzen Bedeckung niedergesäbelt und die vier Kanonen nachher zu meiner Schwadron gebracht. Ich erhielt für diesen Streich damals eine Medaille; sie ist mir aber später einmal wieder verloren gegangen. Solcher Abenteuer könnte ich viele erzählen; glauben Sie da etwa, daß ich mich vor sechs Leuten fürchte, die in Summe kaum so alt sind, wie ich allein es bin?«

»Nein, das glauben wir nicht; aber ein Aufschneider ist Er, wie es keinen zweiten wieder giebt.«

»Herrrrrr –!« brauste der Alte auf. »Soll das etwa wieder eine Beleidigung sein?«

»Wie Er's nimmt! Er wird es aber jedenfalls wieder als keine solche gelten lassen!«

»Meinen Sie. Wenn ich es nun als eine Beleidigung nehme?«

»So weiß Er als ehrenvoll verabschiedeter Veteran, was Er zu thun hat. Wer ganz allein eine Batterie erstürmt, der muß trotz der verlorenen Medaille seine Ehre vertheidigen, sobald sie angegriffen wird.«

»Gut; ich fordere Sie!«

»Schön! Ich bin jetzt einmal im Zuge, und im Kasten ist vielleicht grad noch Platz genug für ihn.«

»Wir wollen erst abwarten, wer von uns Beiden hineinkommt. Denken Sie denn, daß es mir einfällt, mich mit Ihnen zu schießen? Nein, die Säbel müssen blitzen!«

»Darüber zu entscheiden ist wohl nicht Seine, sondern meine Sache! Aber ich will Ihm den Gefallen thun und den Degen wählen.«

»Schön! Und Ort, – Zeit?«

»Jetzt, aber nicht hier! Er hat sich gestern den Schimmel gekauft, und ich will Ihm Gelegenheit geben, uns zu zeigen, daß Er keinen schlechten Handel gemacht hat. Wir fechten zu Pferde und reiten deshalb hinaus in's freie Feld.«

»Angenommen!« zwang sich der Wachtmeister zu sagen. Es war ihm doch nicht ganz wohl zu Muthe. Er sah ein, daß der Lieutenant zu seinem ungewöhnlichen Verhalten durch eine ganz besondere Absicht getrieben werden müsse und daß er als der Aeltere und Erfahrenere mehr Vorsicht und Bedachtsamkeit hätte zeigen müssen.

»So setze Er sich auf!«

»Nicht eher, als bis ich hier den Todten gehörig untersucht habe!«

»Das kann unterbleiben! Ich gebe Ihm mein Ehrenwort, daß Sein Spezial nur dann begraben wird, wenn er wirklich todt sein sollte. Lebt er noch, so soll er mit der größten Sorgfalt behandelt werden. Genügt ihm das?«

»Gegen Ihr Ehrenwort kann ich natürlich keine Einwendung machen. Aber wie steht es denn mit dem Secundiren. Wird einer der Herren mir die Ehre erweisen?«

»Das versteht sich ganz von selbst. Das kann Er aber auch ausmachen, wenn wir am Platze sind. Jetzt also auf die Pferde und vorwärts, fort von hier!«

Dieser Aufforderung wurde Folge geleistet. Als sie das Gebüsch hinter sich hatten, wandte sich Blücher an Treskow.

»Jetzt gilt's Deine fünfzig Dukaten. Hältst Du das Geländer am Mühlwasser für feste Barrière?«

»Jedenfalls.«

»Gut! Es ist wohl einige Zoll noch über fünfeinhalb Fuß hoch. Mach Dich gefaßt zum Zahlen!«

»Du wirst doch nicht etwa gar bei der Ausführung Deines Planes einen so gefährlichen Sprung wagen! Bedenke doch, daß Du den Wachtmeister ganz ohne alle Tollkühnheit dahin bringen kannst, wo – – –«

»Ah bah! Ich brauche die fünfzig Füchse grad nothwendig und verdiene sie heut besser und lieber als morgen. Also Ihr reitet sofort zum Müller und laßt ihm das Wasser abstellen!«[584]

»Wie es ausgemacht ist!« meinte Treskow mit einem vergnügten Seitenblick auf Pappermann, welcher von der Unterhaltung kein Wort gehört hatte.

Blücher drängte jetzt sein Pferd an den Schimmel, strich diesem über die Nase und schnalzte wie vorhin mit dem Finger.

»Was soll diese Zärtlichkeit mit meinem Thiere?« meinte der Wachtmeister. In der Erinnerung an den halsbrecherischen Ritt durch den Busch begann ihm die Ahnung aufzusteigen, daß hinter dem Verhalten des Lieutenants irgend Etwas stecken möge.

»Das wird Er gleich sehen!« antwortete dieser, gab seinem Pferde die Sporen und setzte dasselbe in Galopp.

Der Apfelschimmel warf den Schwanz in die Lüfte, wieherte freudig auf und griff dann mit den Beinen aus, als wolle er seinen Reiter in vierundzwanzig Stunden um die Erde tragen. Die Jagd begann von Neuem und zwar mit einer Schnelligkeit und Ausdauer, daß in kurzer Zeit eine ganz bedeutende Strecke zurückgelegt wurde.

Sie ging einer Gegend zu, in welcher der Stolpefluß eine nicht unansehnliche Erweiterung erleidet, in deren Nähe damals eine große Mühle lag. Dieser Ort war es, den Blücher bei seinen früher mit Wildebrandt unternommenen Ausflügen als Ziel gewählt hatte, um sich mit den Pferden im tiefen Wasser zu erlustigen. Er kannte das Letztere sehr genau und wußte, daß es oberhalb des Mühlenwehres eine Bodenerhöhung unter demselben gab, welche die sonstige Tiefe auf nicht ganz Manneshöhe reduzirte.

Er sprengte grad auf diese Stelle zu. Als der Wachtmeister die glatte, schimmernde Fläche des trügerischen Elementes erblickte, begann es ihm unheimlich zu werden. Je näher er ihr kam, desto mehr bemerkte er aus der Richtung, welche Blücher einhielt, daß dieser einen Sprung in's Wasser vorhabe, und gab sich Mühe, sein Pferd zu pariren. Aber der Schimmel ließ sich nicht mehr lenken; er hatte das Wasser gerochen, blies die Nüstern sehnsüchtig auf und setzte in weiten Griffen nur immer hinter der Fuchsstute her, die ihm hier so oft eine wackere Führerin gewesen war.

»Herr Lieutenant!« rief der wasserscheue Mann. »Herr Lieutenant, ich bitte Sie um aller Welt willen, Sie wollen doch nicht etwa gar – –!«

Die Stimme versagte ihm. Sein Pferd griff mit den Hinterhufen fast über die vorderen hinaus, und bei jedem Zusammenwerfen der Beine war es dem Reiter, als sitze er auf einer Kugel, die sich mit ihm in die Fluthen rollen wolle.

Schon war das Geländer zu erkennen. Es war stark gebaut, fest und hoch. Darüber konnte Niemand hinwegkommen! Und doch ließ Blücher seinen Fuchs laufen, was er nur laufen konnte.

»Herr Lieutenant, Herr Lieutenant! Halten Sie doch Ihre infame Stute an! Himmel-Moren-Element, da – da – da – –!«

Mit einem mächtigen Satze war der kühne Husarenlieutenant über die Barrière weg. Das Wasser schlug schäumend über ihn und sein Roß zusammen. Der Schimmel strengte alle seine Sehnen an und folgte.

»Herr Lieutenant –! Alle gute Geister – –! Gott sei meiner armen Seele – – –!«

Das über ihm zusammenschlagende Wasser verschloß ihm den Mund. Nach einigen Sekunden erschien er mehrere Schritte von seinem Pferde entfernt, pustend, sprudelnd und mit Händen und Füßen um sich schlagend wieder auf der Oberfläche. Die Tragkraft des Wassers hatte ihn aus dem Sattel gehoben. Blücher bemerkte es, glitt vom Pferde, schwamm auf ihn zu und faßte ihn beim Schopfe. Die Fuchsstute strebte dem wohlbekannten Landungsplatze zu, wo sie stets aus der Fluth gestiegen war, und der Schimmel folgte ihr mit treuer Anhänglichkeit, wie er es aus früherer Zeit noch im Gedächtniß hatte. Rudorf, Treskow und der lange Venske waren, nachdem sie das Gelingen des Riesensprunges mit bewundernder Anerkennung beobachtet hatten, unbekümmert um die vier schwimmenden Wesen seitwärts abgeritten und in der Richtung nach der Mühle zu bald verschwunden.

Pappermann bemerkte von dem allen Nichts, er wußte nur das Eine, daß er sich in der Stolpe befinde und daß nun seine letzte Stunde gekommen sei. Das Wasser drang ihm durch Ohren, Mund und Nase; er stieß es gurgelnd von sich und wehrte sich halb bewußtlos und in krampfhaften Bewegungen gegen den fürchterlichen, unnatürlichen Tod, dessen nasse und eiskalte Schwingen ihn erbarmungslos umrauschten.

»So halte Er doch still!« tönte die befehlende Stimme Blüchers wie aus meilenweiter Entfernung an sein Ohr; »sonst lasse ich Ihn los und Er mag meinetwegen ertrinken!«

Jetzt erst fühlte er, daß ihn Jemand bei den Haaren gefaßt hielt. Der Gedanke an eine Möglichkeit der Rettung ließ seine bereits schwindenden Lebensgeister zurückkehren und, gehorsam dem Gebote, verhielt er sich so ruhig, wie es ihm die unendliche Angst seines Herzens gestattete.

»So, jetzt kann Er festen Fuß fassen. Trete Er auf und öffne Er die Augen, damit Er sieht, wo Er sich befindet!«

Er wurde bei der Schulter gefaßt und mit den Füßen kräftig niedergedrückt. Sie berührten den sichern Grund, aber das Wasser ging ihm so hoch, daß es ihm den Athem[597] versetzte und seine zitternde Gestalt immer wieder in die Höhe hob.

»Herr Lieutenant,« rief er, die Augen noch geschlossen, und die Arme grad emporstreckend, »Sie bringen mich um, Sie haben mich gemordet, Sie haben mich schmählich ersäuft. Ich werde Sie beim Oberkommando anzeigen!«

»Thue Er das, Herr Wachtmeister, wenn es Ihm gelingt, sich aus dem Wasser heraus zu arbeiten! Inzwischen will ich Ihn nicht weiter belästigen. Lebe er wohl!«

Die Arme, welche ihn bisher unterstützt hatten, wichen von ihm.

»Halt, halt, mein bester Herr von Blücher, bleiben Sie, gehen Sie nicht fort, ich muß ja sonst bei lebendigem Leibe jämmerlich ertrinken! Ich – kann nicht – schwimmen!«

»So hat Er die beste Gelegenheit, es zu lernen!«

»Nein, nein, ich danke für diese Gelegenheit, ich mag es nicht lernen, ich – ich will – – ich will hinaus!«

»Dann mache Er endlich die Augen auf, damit wir mit Seiner Forderung in's Reine kommen, denn eher kommt Er nicht von dannen!«

»Mit meiner Forderung? Ich fordere Nichts, gar Nichts als nur mein armes Bischen Leben. Ich habe Niemand gefordert, ich bin der friedfertigste Mensch, den es nur geben kann!«

»Rede Er keine Dummheit! Er hat mich in Gegenwart von fünf Zeugen auf Säbel verlangt, das kann Er als ehrenvoll verabschiedeter Wachtmeister gar nicht leugnen und jetzt befinden wir uns auf der Stelle, welche ich mir zum Kampfplatz ausgesehen habe.«

Der Schreck über diese Worte riß ihm endlich die Augen auf. Er sah ringsum Wasser, Nichts als Wasser, welches in stillen, hinterlistigen, heimtückischen Wellen auf ihn einfluthete, es wurde ihm grün und gelb vor dem erstarrenden Blicke, und die erschrockenen Lider schlossen sich ebenso schnell, wie sie sich geöffnet hatten.

»Kampfplatz?« zeterte er. »Hier? Mitten im Wasser? Das ist unmöglich, das ist gradezu ganz und gar unmöglich. Ich thue nicht mit!«

»So lasse ich Ihn hier allein, und Er mag stehen und warten, bis ihn die Frösche und Kröten anbeißen!«

Bei dieser Vorstellung zog der Geängstigte unwillkührlich die Beine in die Höhe. Sofort fuhr er mit dem Kopfe unter das Wasser. Blücher hob ihn empor und brachte ihn in seine vorige Stellung zurück.

»Da sieht Er, wie es Ihm geht, wenn Er auf Seiner Weigerung beharrt. Aber so mache Er nur einmal ordentlich die Augen auf, sonst kann Er versichert sein, daß ich die Geduld verliere und Ihn Seinem Schicksale überlasse. Er ist doch kein Kind, und ein ehrenvoll verabschiedeter Wachtmeister von den Belling-Husaren wird sich doch vor ein paar Tropfen Wasser nicht fürchten!«

»Ein paar Tropfen –« jammerte er, »ein paar Tropfen sollen das sein! Es wibbelt und kribbelt von Eidechsen, Fröschen und Kröten um meine Beine, das Wasser geht mir bis an den Hals, und das sollen nur ein paar Tropfen sein! Da bleibt mir doch gradezu der Verstand stille stehen!«

»Da halte Er ihn nur so fest wie möglich, denn Er wird ihn noch sehr nothwendig gebrauchen können! Wenn das Wasser jetzt bis an Seinen Hals reicht, so wird es Ihm in kurzer Zeit bis an den Mund gehen, und dann ist es aus mit Ihm. Bemerkt Er nicht, daß es immer höher und höher steigt? Der Müller hat den Schützen geschlossen, und so wird es in zehn Minuten vielleicht gar schon über Ihn zusammen gehen.«

»Herr Lieutenant, Sie sind ein ganz entsetzlicher Mensch! Sagen Sie doch nur schnell, was ich eigentlich thun soll!«

»Die Augen richtig offen halten und dann den Säbel ziehen!«

»Aber wozu denn nur um des Himmels willen? Ich bin doch kein Haifisch, daß Sie mir zumuthen, mich hier im Wasser mit Ihnen herum zu wälzen!«

»Aber ein Mann ist Er, dem es ganz miserabel steht, zu jammern und zu klagen, wenn es gilt, seine Ehre zu vertheidigen!«

»Ich will sie ja auch vertheidigen, aber nur nicht hier in dieser gräßlichen Sündfluth, in der ich mich nicht bewegen kann, ohne zu ertrinken.«

»Es kommt ja ganz auf Eins heraus, ob Er ertrinkt oder ob ich Ihn da draußen niederstoße, denn mir ist Er doch nicht gewachsen, das weiß Er nur zu gut. Ziehe Er blank, sonst schlage ich Ihn ohne Gegenwehr nieder!«

Der Sprecher zog den Degen und ließ ihn drohend vor der Nase Pappermanns funkeln.

»Also hier soll ich elend umkommen! Von den Fischen und Wasserratten soll ich aufgefressen und verzehrt werden! Als ich noch bei den Belling-Husaren stand, hätte ich an so Etwas gar niemals gedacht! Giebt es denn kein Mittel, diesem abscheulichen Tode zu entgehen? Ich will ja gern Alles thun, was Sie wollen, nur schaffen Sie mich aus diesem nassen Jammerthal hinüber an das Ufer!«

»Hm, Er ist mir ein schöner Hasenfuß, daß Er vor dem Bischen Brühe hier so zittert! Aber wenn es Sein Ernst ist mit dem Versprechen, so will ich Rücksicht auf unsre bisherige Freundschaft nehmen und mich billig finden lassen.«

»Gut! Also was verlangen Sie?«

»Ich muß Ihn zuvor um Etwas fragen. Weiß Er denn schon, daß Hiller den Apfelschimmel wieder verkauft hat?«

»Nein. Aber das ist ja gar nicht möglich; ich habe ihn ja noch!«

»Aber nur für kurze Zeit. Nach der Hochzeit wird er wieder abgeholt.«

»Das kann ich nicht glauben.«

»Wenn es Ihm der Lieutenant von Blücher sagt, so wird Er wohl die Gewogenheit haben, es zu glauben! Der Pferdehändler Ganzow hat es meinem Burschen noch gestern Abend erzählt; er kennt den Schimmel und hat ihn also im Sacke kaufen können. Der Krämer hat Ihn mit dem[598] Thiere nur aufs Eis geführt, er ist zu geizig, Ihm zu Liebe eine solche Ausgabe zu machen, und sobald das Mädchen sein ist, geht der Apfelschimmel flöten.«

»Da soll dem Himmel-Mohren-Elementer doch gleich – aber der Zorn hilft mir auch Nichts mehr. Da ist der Kerl ja ein ganz armseliger Lügner und Betrüger!«

»Ich begreife auch nicht, wie Er sich so gewaltig in ihn verschameriren konnte. Da ist mir der Wildebrandt doch ein ganz anderer Mann für Seine Tochter, und Er kann sich gratuliren, ihn zum Schwiegersohn zu bekommen!«

»Ich –? Den –? Zum Schwiegersohn –? Daran denkt kein Mensch!«

»Dann wäre also auch ich kein Mensch, denn ich denke sehr daran und grad jetzt am Meisten. Der Wildebrandt wird Sein Schwiegersohn; ich gebe Ihm mein Ehrenwort darauf. Das ist ja eben die Bedingung, unter welcher ich Ihm einzig und allein nur aus der Tinte helfe.«

»Einzig und allein? Das wäre ja schauderhaft, denn ich kann unmöglich darauf eingehen. Der Wildebrandt ist mir zuwider; er hat mich ganz außerordentlich beleidigt!«

»Spreche Er nur ja nicht von Beleidigung! Was der gesagt hat, das ist wahr; Er pflegt bei Seinen Erzählungen den Mund ganz ungeheuer voll zu nehmen und ist immer selber Schuld, wenn Seine Angaben Mißtrauen erregen. Jetzt geht Ihm das Wasser schon bis beinahe an den Mund; da kann Er ihn noch einmal voll nehmen, und das wird wohl das letzte Mal sein.«

»Aber der Wildebrandt ist ein Habenichts und blos Unteroffizier. Ein Soldat, welcher noch im activen Dienste steht, ist kein Mann für meine Tochter, und es kann noch lange Jahre dauern, bis er eine Anstellung erhält und eine Frau ernähren kann. Himmel-Mohren-Element, ich kann nicht mehr stehen; das Wasser reißt mich um. Schaffen Sie mich doch um aller Heiligen willen aus dieser unglückseligen Ueberschwemmung heraus. Der Müller muß auch grad jetzt des Teufels sein und das Wehr zustellen. Ich muß wahrhaftig schon Wasser schlucken, und Sie sehen doch ein, daß ich nicht, um auf den Beinen zu bleiben, die ganze Stolpe austrinken kann!«

»Ist auch nicht nöthig. Gebe Er nur Seine Zustimmung zu meinem Vorschlage, der annehmbarer ist als Er meint! Der Wildebrandt ist kein Habenichts; er hat dreihundert Thaler bei meiner Wirthin und fünfzig Dukaten bei mir stehen. Beim nächsten Geburtstage des Königs, an welchem die gewöhnlichen Jahresavancements stattfinden, wird er Wachtmeister, ich weiß dies ganz genau; er steht schon auf der Liste. Und was die Anstellung betrifft, so wird er sicher eine finden; ich selbst werde dafür Sorge tragen. Entscheide Er sich schnell. Entweder sagt Er ja oder wir schlagen uns. Ich warte keine Minute länger!«

»Aber ich habe doch dem Hiller mein Wort gegeben, und das darf ich nicht brechen, so lange er selbst den Vertrag hält, wenn der arme Teufel überhaupt noch lebt!«

»Er hat ihn durch den heimlichen Verkauf des Schimmels schon gebrochen. Uebrigens kann ich Ihm sagen, daß er noch lebt; er ist aus reiner Angst umgefallen, Schande genug für Ihn als Schwiegervater! Er wird Ihm heut noch sein Wort zurückgeben.«

»Ist das wahr?«

»Wenn ich es Ihm versichere, so ist es wahr! Also, den Säbel oder Seine Zustimmung?!«

»Sind Sie denn wirklich so hart und unerbittlich, Herr Lieutenant? Giebt es keine andre Hülfe? Ich kann es wahrhaftig keinen Augenblick länger hier aushalten, ich bin ja schon über die Hälfte ertrunken!«

»Es giebt keine andre Rettung und das ist nun mein letztes Wort. Bekommt der Wildebrandt die Anna? Ja oder Nein!«

Wieder blitzte der Säbel drohend vor den Augen Pappermanns, der jetzt bis an den Schnurrbart in Wasser stand. Er mußte den Kopf heben, um es sich nicht in den Mund dringen zu lassen.

»Schauderhaft!« sprudelte er. »Ich muß wohl ja sagen, denn ich kann nicht anders, wenn ich nicht elend und jämmerlich vom Wasser zerplatzt werden soll. Schaffen Sie mich hinaus; er soll das Mädchen haben!«

»Schlage Er ein!«

»Auch noch! Ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht unter dem Wasser eingeschlagen, weder als ich bei den Belling-Husaren stand, noch vor- oder nachher. Hier ist meine Hand!«

Blücher griff zu.

»Abgemacht also! Und heut Abend ist die Verlobung, was?«

»Meinetwegen schon heut Vormittage noch, aber nur beileibe nicht hier im Wasser!«

»Das will ich Ihm gern zugestehen. Jetzt aber wollen wir Seinen Apfelschimmel rufen, damit Er dann aufsteigen kann!«

»Ja, was wird denn nun mit dem? Der Hiller bekommt nun die Anna nicht, und so wird es mit dem Spazierenreiten seine guten Wege haben.«

»Reichen denn Seine Mittel aus, um das nöthige Futter beschaffen zu können?«

»Ich denke ja, wenn ich mich sonst ein Wenig einschränke. Wenigstens möchte ich es versuchen.«

»Dann soll Er ihn behalten dürfen!«

Er ließ einen scharfen, lauten Pfiff erschallen. Die Fuchsstute, welche mit ihrem vierbeinigen Kameraden ruhig am Ufer weidete, hob den Kopf und ging auf eine Wiederholung des Signales gehorsam in das Wasser. Der Schimmel spitzte die Ohren, schlug mit dem Schwanze einen kurzen Wirbel und sprang ihr dann nach. In kurzer Zeit und nach einiger Mühe, welche Pappermann dem Lieutenant bereitete, befanden sich Beide außerhalb des Wassers auf dem Trockenen.

»So!« meinte Blücher, sich seiner früheren, höflichen Redeweise wieder bedienend. »Jetzt reiten Sie schnell nach[599] Hause und suchen sich zu erwärmen, damit Ihnen das kalte Bad keinen Schaden bringt. Ich muß die Kameraden aufsuchen, welche in der Mühle eingekehrt sind!«

»Darf ich zuvor eine Bitte aussprechen, Herr Lieutenant?« frug der Wachtmeister, dessen pudelnasse Gestalt es an allen Gliedern schüttelte. Die Zähne klapperten ihm hörbar im Munde, und von den Spitzen des trübselig herabhängenden Schnurrbartes floß das Wasser in großen, schweren Tropfen hernieder.

»Thun Sie es!«

»Lassen Sie doch Niemandem Etwas von der heutigen Affaire erfahren! Es wäre sofort um meine ganze Ehre und Reputation geschehen, wenn die Sache ruchbar würde, und ich dürfte mich in der Stadt nie wieder sehen lassen.«

»Schön! Auf unsre Discretion können Sie sich verlassen; nur geben Sie wohl acht, daß Sie nicht selbst zum Verräther werden. Wir sehen uns heut noch wieder. Bis dahin leben Sie wohl!«

Er wandte sein Roß von dem triefenden Stadtkassirer und ritt der Mühle zu. Dort fand er die Drei, mit Spannung seiner wartend. Sie hatten schon im Begriffe gestanden, nach ihm zu sehen, weil sein »Wasserständchen,« wie der lange Venske sich ausdrückte, ihnen »einige Ellen zu lang gedauert hatte.«

»Wie ist es abgelaufen?« frugen sie im Vereine.

»Gut, sehr gut!« lautete seine Antwort. »Der Wildebrandt kann zufrieden sein.«

Dann wandte er sich zum Müller.

»Ich habe Ihm einen Anzug für mich zustellen lassen. Führe Er mich an einen Ort, wo ich mich umziehen kann und besorge Er dann etwas Warmes. Seinen Schützen kann Er nun wieder aufziehen!«

Bald darauf trabten die Offiziere wohlgemuth der Stadt wieder zu. Treskow hatte seine Wette verloren und sich zur Zahlung der fünfzig Dukaten bereit erklärt. War es ihm schon wunderbar, daß Blücher mit seiner Fuchsstute die fünfeinhalb Fuß überwunden hatte, so schien es ihm ganz und gar unbegreiflich, daß auch der alte Apfelschimmel hinübergekommen war. Blücher lachte.

»Es war ein Jugendstreich von dem guten Thiere, der ihm zum zweiten Male wohl nicht wieder gelingen dürfte. Deine Dukaten bekommt Wildebrandt zur Beisteuer!«

Schon hatten sie eine bedeutende Strecke zurückgelegt und standen im Begriffe, aus dem Busche auf offenes Terrain zu biegen, als der lange Venske, welcher voranritt, sein Pferd parirte.

»Halt!« kommandirte er. »Die da draußen brauchen uns nicht zu sehen!«

»Wer?« frug Treskow.

Statt der Antwort deutete Venske mit der Rechten nach der Mündung des Holzweges, welchen sie ge kommen waren. Eine Schwaderon Husaren war zu sehen, welche trotz des lockern, aufgeweichten Bodens in scharfem Trabe über das freie Feld fegte.

»Ah,« meinte Rudorf, »der Rittmeister von Platow mit seinen armen, geplagten Teufeln. Der muß hinaus und wenn es Heringstonnen schneit!«

»Gebt einmal genau Achtung,« erinnerte Blücher, welcher der Hinterste gewesen war und sich von den Andern die Aussicht verdeckt sah, »ob Ihr unsern tapfern Schimmel mit dem alten Pappermann dabei bemerkt!«

»Wieso soll der dabei sein?«

»Ich denke mir's nur so. Der Apfelschimmel kann keinem Signale widerstehen, und wenn er Kavallerie sieht, so muß er dabei sein, da bringt ihn weder Sporen noch Zügel ab. Es sollte mich wundern, wenn der Wachtmeister der Schwadron nicht begegnet wäre!«

»Ja, ja, richtig,« lachte der lange Venske, »dort reitet er mitten drin in Reih und Glied. Na, Pappermann, jetzt kannst Du Etwas erleben!«

»Den hat der Platow mit dem größten Vergnügen aufgefischt, und ich kann mir ganz lebhaft vorstellen, was es für eine Teufelshetze geben wird. Der arme Kerl ist naß bis auf die Haut und vielleicht auch noch ein Wenig weiter hinein, aber ich wette Hundert gegen Eins, daß er in einer Viertelstunde vor Hitze siedet!«

Sie ließen die Schwadron vorüber und setzten dann ihren Weg weiter fort. In der Stadt angekommen, suchte ein Jeder seine Wohnung auf.

Als Blücher die seinige erreichte, kam ihm Jungfer Adelheid mit angstvollem Gesichte entgegen.

»Mein liebster, mein bester Herr Lieutenant, wie ist es denn abgelaufen? Ich war sehr in Sorge um Sie!«

»Danke, meine Gnädige! Diese Sorge war wirklich unbegründet. Der Streit ist auf die zufriedenstellendste Weise beigelegt.«

»So habe ich mich getäuscht!« rief sie, sichtlich erleichtert. »Als Ihr Bursche und Wildebrandt den Kasten durch die hintere Pforte brachten, glaubte ich zu bemerken, daß sie schwer trugen, und da ich bisher den Herrn Spezereikrämer nicht zurückkehren sah, so mußte ich fast annehmen, daß ihm ein Unglück widerfahren sei.«

»Beruhigen Sie sich! Er befindet sich so wohl, als läge er in Abrahams Schooß. Ich glaube sogar, Sie bekommen ihn heut noch zu sprechen.«

»Ist's möglich, Herr Lieutenant? O, ich danke Ihnen für diesen Trost, der mir die verlorene Ruhe wiedergiebt. Seien Sie ja auch versichert, daß – daß ich mein Wort halten werde, wenn – wenn – –«

»Wenn ich das meinige halte? Ich gab noch niemals ein Versprechen, welches ich nicht auch erfüllte. Adieu jetzt, gnädiges Fräulein, ich bin nun sehr beschäftigt!«

Er trat in sein Zimmer. Sie stieg die Treppe empor nach dem ihrigen. Es war ihr wie heller, lichter und warmer Sonnenschein in dem Herzen, dessen Himmel bisher stets ein bewölkter und trüber gewesen war.[600]

Jungfer Adelheid setzte sich wie immer an das Fenster und beobachtete das gegenüberliegende Haus, ob der heimlich Geliebte nicht erscheinen wollte. Der Vormittag verging, ebenso der Nachmittag; der Abend kam, und noch hatte sich das hagere, gelbbleiche Gesicht nicht am Fenster des Ladens sehen lassen. Es wurde ihr doch wieder bange und schon überlegte sie, ob es nicht gerathen sei, den Lieutenant noch einmal ernstlich zu fragen, als es an die Thür klopfte und beim Oeffnen Blüchers Bursche vor ihr stand.

»Verzeihung, gnädiges Fräulein! Darf ich fragen, ob Sie ein wenig Zeit haben?«

»Mit dem größten Vergnügen darf Er das! Ja, ich habe Zeit. Weshalb fragt Er?«

»Weil mich mein Herr zu Ihnen schickt. Er läßt Sie bitten, einmal hinab in den Keller zu kommen, dessen Schlüssel ich Ihnen, wie mir eben einfällt, noch gar nicht wieder eingehändigt habe.«

»Bitte sehr, bitte sehr! Aber warum nicht in seine Wohnung, sondern hinab in den Keller?«

»Weil er Ihnen dort Etwas zu zeigen hat.«

»Schön; ich eile, ich komme gleich!«

Der Bursche entfernte sich und stieg in denselben Raum hinab, nach welchen er die Wirthin beschieden hatte. Dieser war von einer Laterne nothdürftig erleuchtet. In seiner Mitte stand der Kasten, welcher heute früh mit im Busch gewesen war. Blücher, Rudorf, Treskow und der lange Venske waren anwesend und beobachteten, wie Wildebrandt sich mit dem Oeffnen des improvisirten Sarges beschäftigte.

Der Deckel, welcher mit mehreren Luftlöchern versehen war, gab dem Drucke leicht nach, und nun erkannten die Umstehenden eine menschliche Gestalt, welche darin gelegen hatte. Die Augen waren geschlossen, Die Wangen tief eingefallen, die Hände gefaltet; der Mann sah wirklich aus wie eine Leiche. Es war der Spezereihändler und Schützengilden-Oberlieutenant Hiller.

Blücher faßte ihn bei den Armen und rüttelte ihn. Er gab kein Lebenszeichen von sich.

»Er wird doch nicht etwa gar erstickt sein,« meinte Rudorf.

»Fällt ihm gar nicht ein! Der Puls geht fühlbar und der Athem auch,« lautete die Antwort. Dann fügte der Sprecher in lautem, befehlendem Tone hinzu: »Aufgestanden, wenn es beliebt, Herr Oberlieutenant!«

Der Angerufene rührte sich nicht. Man nahm ihn aus dem Kasten und versuchte, ihn auf die Beine zu stellen. Er blieb steif und bewegungslos. Den Andern wollte es fast ängstlich werden, Blücher aber bemerkte unbesorgt:

»Laßt nur mich machen, ich erwecke ihn schon von den Todten!«

Er zog ein Pistol hervor und feuerte es ab. Ein Schrei erschallte von der Kellertreppe herab, und zu gleicher Zeit sprang Hiller, wie von Spannfedern getrieben, vom Boden auf. Mit weit aufgerissenen Augen blickte er um sich.

»Wo bin ich? Ist das schon die Hölle?«

»Nein, sondern erst das jüngste Gericht. Setze Er sich nieder; Er soll Sein Urtheil hören!«

Ganz mechanisch, ohne zu wissen, was er thue und wer die Umstehenden seien, folgte er sofort dem Befehle und ließ sich auf den Rand des Kastens nieder.

»Kennt Er mich?«

»Nein!«

»So sehe Er mich einmal genauer an!«

Hiller erhob die Augen.

»Nun! Wer bin ich?«

»Sie sind – der – der Herr – der Her Lieutenant von Blücher.«

»Gut, daß Ihm endlich die Besinnung kommt! Weiß Er, was heut mit Ihm passirt ist?«

»Ja.«

»Was denn?«

»Sie haben mich erschossen!«

»Und nachher?«

»Nachher bin ich begraben worden.«

»Und jetzt?«

»Jetzt – jetzt – – ja, das – – – das weiß ich selber nicht!«[613]

»Er ist ein Esel, ein altes Weib, über das man zu gleicher Zeit weinen und lachen könnte! Lebt Er denn noch oder ist Er wirklich gestorben?«

»Ja, Herr – Herr Lieutenant, das – das – – das kann ich nicht sagen. Ich glaube, ich bin todt!«

»Schön! So muß Er auch wieder begraben werden. Wildebrandt, legen Sie ihn in den Kasten zurück!«

»Nein, nein, ich bin lebendig, ich bin nicht gestorben!« rief angsterfüllt der Krämer, als er sich von zwei derben Fäusten gepackt fühlte.

»Gut, so mag Er einstweilen noch sitzen bleiben! Aber in den Kasten kommt Er doch wieder, denn Seine Augenblicke sind gezählt.« Er wandte sich an den Diener, dem er die abgeschossene Pistole übergeben hatte. »Hast Du wieder geladen?«

»Zu Befehl, Herr Lieutenant!«

»So gieb ihm die Waffe!«

Der Diener drückte sie dem Spezereihändler in die Hand. Dieser sah fragend und bestürzt empor.

»Was soll ich denn mit dem Gewehre thun?«

»Das fragt Er noch? Heut Morgen war ausgemacht, daß geschossen werden solle, bis einer von uns Beiden gefallen sei. Wir leben Beide noch, folglich beginnen wir jetzt von Neuem!«

»Von Neuem? Nein, ich thue nicht mit! Sie erschießen mich sonst zum zweiten Male und wenn ich wieder aufwache, gar noch zum dritten und vierten Male!«

»Das werde ich nun freilich thun, und darum ist es eine ganz unbegreifliche Dummheit von Ihm, daß Er immer wieder lebendig wird. Stehe Er jetzt auf und nehme Er Distanze, damit wir fertig werden!«

»Ich stehe nicht auf, ich mag von keiner Distanze Etwas wissen, ich will von Ihnen gar nicht fertig gemacht werden. Ich bin froh, daß ich wieder lebendig bin, ich mag nicht wieder in den fürchterlichen Kasten, wo ich gar nicht mehr gewußt habe, wer ich bin!«

»Er muß, denn Er hat mich gefordert!«

»Ich nehme meine Forderung zurück. Ich bitte Ihnen Alles ab, Alles, Alles, den Burgunder, die Rechnung, das Mahnen, Alles, Alles, was Sie nur wollen!«

»Das ist nun zu spät. Stehe Er auf, sonst schieße ich Ihn ohne Gegenwehr zu Boden!«

»Das wäre der reine Todtschlag, der reine Mord. Wenn ich Abbitte thue, so müssen Sie mich leben lassen!«

»Herr Lieutenant!« ließ sich da eine leise bittende Stimme vernehmen, und eine Hand legte sich begütigend auf seinen Arm. »Schießen Sie ihn nicht todt; lassen Sie Gnade für Recht ergehen! Ich wäre ja selbst gleich des Todes, wenn hier in meinem Hause so eine furchtbare That geschehe!«

Jungfer Adelheid war es. Sie war vorhin vor Schreck über den Schuß auf der Kellertreppe niedergesunken, hatte sich aber wieder erholt und kam nun herbei, um womöglich den Geliebten zu retten.

»Hm, das ist wahr! Ihr Haus, mein gnädiges Fräulein, käme in einen bösen Ruf, wenn es ruchbar würde, daß um mitternächtige Zeit ein todtgeschossener Spezereihändler darin sein Wesen treibe. Daran habe ich allerdings gar nicht gedacht, und ich möchte wohl gern auf Sie Rücksicht nehmen. Aber was haben Sie und ich davon, wenn wir ihn leben lassen?«

»Ich –?« frug sie verlegen. »Sie wissen ja, mein bester Herr von Blücher, daß – daß ich – – daß ich gern – –«

»Ja, ich weiß, daß es besser wäre, wenn ich ihm eine Kugel durch den Kopf jagte, denn dann würde das arme Mädchen von ihm erlöst, das er mit Gewalt an sich bringen will.«

»Mit Gewalt!« warf Hiller ein. »Ich thue Niemandem Gewalt an, ich habe sie nicht gezwungen, ihr Vater hat mir das Jawort freiwillig gegeben. Wegen ihm lasse ich mich nicht über den Haufen schießen!«

»Und grad wegen ihm muß Er sterben! Ich habe es hier dem Wildebrandt versprochen, daß er die Anna bekommt, und wenn Er nicht freiwillig von ihr läßt und die Verlobung aufgiebt, so putze ich Ihn hier mit der Pistole weg.«

»Ich mache nicht mit, ich laß mich nicht ermorden, mein Leben ist mir lieber als sie, ich mag von ihr gar Nichts mehr wissen!«

»Ist das Sein Ernst?«

»Ja.«

»Würde Er das auch dem Wachtmeister sagen?«

»Wenns nicht anders ist, ja.«

»Gut, ich halte Ihn beim Worte, und Er wird nachher mit zu Pappermanns gehen, wenn ich ja noch auf das Duell verzichte. Sein Leben hängt noch von einer Bedingung ab, die ich Ihm zu machen habe.«

»Noch eine Bedingung? Das nimmt ja gar kein Ende. Was ist's denn für eine?«

»Wenn Er aus Rücksicht auf meinen Willen die Anna aufgiebt, so halte ich es für meine Pflicht, Ihm eine andre Frau zu verschaffen.«

»Eine andre Frau? Ich mag keine, ich will nicht das Geringste mehr von den Weibern hören; sie bringen lauter Unheil, lauter Mord und Todschlag in die Welt!«

»Da irrt Er sich. Man muß nur Eine nehmen, die Einem gut ist und die zu Einem paßt. Und da weiß ich nun allerdings eine Dame, die für Ihn grad wie geschaffen ist.«

»Da wäre ich doch begierig, sie zu sehen.«

»Das kann Er!« antwortete Blücher, sich nach der Jungfer umdrehend. Er erblickte sie nicht mehr. Sobald sie gemerkt hatte, daß sich das Gespräch auf ihre Person lenken wolle, war sie in züchtiger Schamhaftigkeit verschwunden. Darum fuhr der Sprecher fort: »Gehe Er nur hinauf zu Fräulein Adelheid, die ist Ihm schon längst gewogen, besitzt ein anständiges Vermögen und steht im gleichen Alter mit Ihm. Das ist eine ganz andre Parthie für einen Mann[614] der Oberlieutenant bei der Schützengilde ist, als die arme Wachtmeisterstochter.«

»Die Fräulein Adelheid? Die? Die wäre mir gewogen?« frug Hiller. Er war ganz erstaunt; daß er eine so wohlhabende Frau bekommen könne, hatte er, dessen Anfang ein kleiner und armer gewesen war, niemals geglaubt. Da hatte Blücher allerdings Recht: Das war eine ganz andre Parthie für ihn. »Ist es wahr, was Sie mir da sagen?«

»Hält Er mich etwa für einen Lügner?«

»O nein, nein, Herr Lieutenant; ich zweifle gar nicht!« Er hatte schon Angst vor einer neuen Drohung.

»So ist Er also mit mir einverstanden?«

»Das versteht sich! Ich bin einverstanden, vollkommen einverstanden, ganz und gar einverstanden!«

»So erkläre Er es laut und feierlich hier vor diesen Zeugen!«

»Ich erkläre es!« rief der Krämer, im Eifer beide Hände in die Höhe streckend.

»Schön! Nun habe ich blos noch eine Bedingung, unter der ich meine Pistole wieder zurücklege.«

»Wahrhaftig, wieder eine! Nimmt denn das gar kein Ende?«

»Es ist die letzte und auch die leichteste. Sie betrifft den Apfelschimmel.«

»Den? Soll ich etwa mit ihm herumgaloppiren, bis er schwarz wird? Ich mag von der infamen Bestie gar Nichts mehr hören!«

»Darum hat Er sie wohl auch schon wieder verhandelt?«

»Verhandelt? Woher wissen Sie denn das?«

»Ich habs aus einem sichern Munde; aber Er wird den Kauf wohl rückgängig machen, denn der Pappermann will den Schimmel behalten.«

»Der ist gar nicht so dumm! Den Apfelschimmel behalten, wenn ich seine Tochter nicht heirathe! Nein, das geht nicht!«

»Es geht ganz prächtig; denn wenn Er ihm das Thier nicht läßt, so schieße ich mich doch noch mit Ihm und Er kommt hier in den Kasten.«

»Sie sind ein ganz fürchterlich grausamer Mensch, Herr von Blücher!«

»Das denkt Er blos! Die reiche Heirath, welche Er macht, bringt Ihm den Apfelschimmel hundertmal wieder ein.«

»Aber ich weiß doch noch gar nicht, ob sie auch wirklich zu Stande kommt!«

»Das Fräulein sagt sofort ja, das versichere ich Ihm. Also der Wachtmeister behält das Pferd?«

»Na, da mag er es haben; ich wünsche ihm Glück zu dem wahnsinnigen Viehzeuge, das mir alle Knochen im Leibe zusammengeschüttelt hat!«

»Auch das erklärt Er feierlich vor diesen Zeugen?«

»Ich erkläre es! Aber nur unter der Bedingung, daß Ihre Bedingungen nun einmal ein Ende haben!«

»Es war ja meine letzte. Jetzt gehe Er hinauf zu meiner Wirthin und werde Er einig mit ihr. Dann kommt. Er in meine Wohnung; ich werde auf Ihn warten!«

»Darf ich zuvor um Etwas bitten?«

»Nun?«

»Erzählen Sie Niemandem Etwas von dem, was heut geschehen ist!«

»Ich werde es nicht an die große Glocke hängen. Es kommt ganz auf Sein Verhalten an, ob wir schweigen oder reden. Es ist ein gar schönes und kostbares Ding um die Ehre eines Oberlieutenants von der Schützengilde; wenn Er selbst zu schweigen versteht, so wird sie nicht sehr in Gefahr kommen!« –

Der ehrenvoll verabschiedete Wachtmeister und lobesame Stadtkassirer Pappermann saß wieder auf seinem Stuhle am Fenster und lugte in den dunklen Abend hinaus. Er wußte, daß Blücher sein Wort halten und kommen werde. Anna saß bei der Lampe am Tische und war mit einer weiblichen Arbeit beschäftigt. Sie konnte gar nicht begreifen, was heut vorgegangen sein mußte, denn der Vater befand sich in einer Stimmung, die sie noch nie an ihm beobachtet hatte.

»Ich möchte nur eigentlich wissen, wenn er kommen wird! Ein Lieutenant sollte doch etwas schneller sein können! Ja, wenn es ihm so in den Beinen juckte, wie meinem alten Apfelschimmel! Denke Dir, Anna, heut bin ich über eine Barrière hinweggesetzt, die über zwölf Ellen hoch war, und zwar gradewegs hinein in's Wasser. Der Lieutenant von Blücher war dabei und wäre bei einem Haare ertrunken, wenn ich ihn nicht herausgezogen hätte. Als ich noch bei den Belling-Husaren stand, habe ich manch einen schönen Sprung gemacht, aber so einen gewaltigen doch nicht!«

Das Mädchen nickte ihm beistimmend zu. Es war das Beste, was sie thun konnte.

»Und nachher begegnete ich der Schwadron des tollen Rittmeisters von Platow. Mit dem habe ich gewettet, daß er mit sammt seiner ganzen Schwadron mich und den Schimmel nicht fangen könne. Wir sind drei Stunden lang herumgejagt, und ich habe die Wette gewonnen. Ich glaube aber nicht, daß er mir das Geld bezahlen wird. Solche Herren sind in dieser Beziehung sehr vergeßlich!«

Er ritt mit seinem Stuhle an das nächste Fenster.

»Hm, fast scheint es, als ob er gar nicht – doch, da kommt Einer! Anna, nimm die Lampe und leuchte dem Herrn die Treppe herauf!«

»Wer ist es denn?«

»Der Herr Lieutenant von Blücher; ich hör's am Gange und am Degenklirren; er hat eine ganz eigene Art, auf der Straße daher zu rasseln.«

Er hatte richtig gehört. Blücher kam die Treppe heraufgestiegen, grüßte das Mädchen freundlich und trat dann in die Stube.

»Guten Abend, Herr Wachtmeister! Haben Sie sich erholt?«

»Erholt?« frug der Alte mit einem Seitenblicke auf die Tochter. »Wovon soll ich mich denn erholt haben? Ein Wachtmeister von den Belling-Husaren braucht sich niemals[615] zu erholen, denn es giebt Nichts, was ihn ermüden und angreifen könnte!«

»Ganz meine Meinung! Der Herr Rittmeister von Platow läßt Sie grüßen. Er möchte gern wissen, ob – –«

»O, mein bester Herr Lieutenant,« fiel ihm Pappermann mit demselben Seitenblicke auf die Tochter in die Rede, »hat Nichts zu sagen, hat Nichts zu sagen; ich kenne den Herrn und werde nicht dringlich sein.«

»Schön!« antwortete Blücher lächelnd, da er diese Seitenblicke zu würdigen wußte. »Wie steht es denn mit dem Apfelschimmel?«

»Ganz prächtig! Er steht im Schuppen und kaut Hafer. Werde ich ihn behalten können?«

»Ja. Der Spezereihändler wird es Ihnen selbst versichern.«

»Kommt er vielleicht heut noch?«

»Ganz sicher. Ich glaube, da ist er schon. Ach nein, es ist einstweilen ein Anderer.«

Die Thür hatte sich geöffnet. Wildebrandt trat ein und wandte sich in meldender Haltung an den Offizier.

»Eingetroffen, Herr Lieutenant, zur Rücksprache mit dem Herrn Wachtmeister.«

»Recht so! Sagen Sie ihm, was Sie auf dem Herzen haben!«

Der Unteroffizier trat dankend zurück und wandte sich an Pappermann:

»Herr Wachtmeister, ich hatte schon einmal die Ehre, Ihnen zu sagen, daß ich und Anna uns lieb haben. Sie waren gegen unsre Neigung. Seit dem heutigen Rencontre aber ist Ihre Ansicht wohl eine andre geworden, denn nach dem prachtvollen Sprunge in's Wasser haben Sie dem Herrn Lieutenant aus – –«

»Halte Er einmal ein!« rief der Stadtkassirer, indem er mit seinem Stuhle um einige Ellen vorwärts ritt und einen besorgten Blick auf die Tochter warf. »Ich habe gar Nichts gegen Ihn, und wenn das Mädchen ja sagt, so ists mir auch recht, vorausgesetzt, daß alles Versprochene gehalten wird. Das Rencontre braucht Er gar nicht zu erwähnen, und der Sprung in die Stolpe war erst recht eine Lappalie, die ein ehrenvoll verabschiedeter Wachtmeister von den – –«

»Guten Abend!« ertönte es schüchtern unter der Thür. Hiller stand auf der Schwelle. Er hatte die maltraitirte Uniform mit dem Staatsrocke vertauscht.

»Nur immer herein!« ermunterte ihn Blücher. »Es ist grad die rechte Zeit zur Gratulation!«

»Das will ich auch thun!« antwortete der Spezereihändler. »Herr Wachtmeister, ich habe Euch Einiges zu sagen!«

»Und ich Ihn Einiges zu fragen! Hat Er den Schimmel verkauft?«

»Ich hatte ihn wieder verkauft, weil – weil – – weil – – «

»So! Er ist ja ein ganz außerordentlicher Himmel-Mohren-Elementer!«

»Verzeihung, Herr Wachtmeister, es ist anders geworden; Ihr könnt den Apfelschimmel behalten. Und was Eure Tochter betrifft, so – so – so – –«

»Nun? So – so – so – –?«

»So könnt Ihr sie auch behalten!«

»Ah, sehe Er doch einmal an! Sie gefällt Ihm wohl nicht mehr, seit Er todtgeschossen worden ist? Wie ist es Ihm denn eigentlich ergangen, seit – –«

»Ich bin verlobt,« unterbrach ihn Hiller vorsichtig, »und habe von meiner Braut den Auftrag bekommen, dem Unteroffizier Wildebrandt hier diese dreihundert Thaler zum Angebinde auszuhändigen!«

»Und ich,« setzte Blücher hinzu, »füge dieser Summe fünfzig Dukaten bei, die ein Freund des Unteroffiziers ihm schenken will. Hier sind sie!«

»Himmel-Mohren-Element!« rief Pappermann und machte mit seinem Stuhle einen Satz, als wolle er durch die Stubendecke reiten, »wenn es in dieser Weise von allen Seiten Geld regnet, so ist mir der Schwiegersohn natürlich willkommen!«

»Die dreihundert Thaler nehme ich an,« meinte Wildebrandt, am ganzen Gesichte lachend. »Was aber die fünfzig Dukaten betrifft, so ist der Schimmel mit bei dem Preissprunge gewesen. Erlauben der Herr Lieutenant, daß sie ihm zu Gute kommen?«

Blücher nickte zustimmend.

»Hier, Herr Schwiegervater, sind die Füchse. Bauen Sie den Schuppen aus und kaufen Sie Futter und Streu für das gute Thier!«

Der Satz, welchen Pappermann jetzt mit seinem Stuhle machte, war vollständig unbegreiflich; er hätte ihn auf dem Apfelschimmel nicht kühner und höher machen können.

»Ist's wahr, Wildebrandt, Goldkerl?« frug er aufspringend und die Arme ausbreitend. »Komm an mein Herz, Junge, ich muß Dich küssen!«

Er schob den Schnurrbart auf die Seiten und gab dem Unteroffizier, ihn herzlich an sich drückend, einen schallenden Schmatz. Dann faßte er die Tochter am Arme und schob sie dem Geliebten zu.

»Da habt Ihr Euch, Ihr Himmel-Mohren-Elementer! Herr Lieutenant, Sie haben Ihr Wort ganz prachtvoll gehalten. Als ich noch bei den Belling-Husaren stand, gab es wohl auch Offiziere, die sich gewaschen hatten, aber wie den Herrn von Blücher habe ich keinen gekannt. Der Hiller hat Seine, der Wildebrandt hat Seine und ich – ich habe auch Meinen, nämlich den Apfelschimmel, und der ist mir lieber als alle Medaillen, die ich bekommen habe; sie sind mir doch wieder verloren gegangen. Wenn ich Etwas zu befehlen hätte, Herr Lieutenant, so wären Sie in zwei Jahren Oberst, in vier Jahren General und in sechs Jahren Feldmarschall. Der richtige Kerl sind Sie dazu. Amen!«[616]

Quelle:
Husarenstreiche. Ein Schwank aus dem Jugendleben des alten »Feldmarschall Vorwärts« von Karl May. In: Frohe Stunden. 2. Jg. Dresden, Leipzig (1878). Nr. 39, S. 613-617.
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