Viertes Kapitel

Gerechte Strafe

[537] Es war zwei Tage später. Da, wo der Chelly-Arm sich in den Rio San Juan ergießt, welcher auch den Namen Rio del Navajos führt, gab es auf der Landzunge zwischen diesen beiden Flüssen ein ganz bedeutendes Indianerlager. Es mochten da wohl an die sechshundert Navajos versammelt sein, und zwar nicht zur Jagd, weil man da Zelte mitgebracht haben würde, die jetzt aber fehlten, sondern es handelte sich um einen Kriegszug, denn alle Gesichter waren mit den Kriegsfarben bemalt.

Die Stelle war außerordentlich gut zum Lager geeignet. Sie bildete ein Dreieck, welches an zwei Seiten von den beiden Flüssen eingefaßt und beschützt wurde und also nur von der dritten Seite angegriffen werden konnte. Gras gab es mehr als genug, Bäume und Sträucher auch, und an Wasser war nun vollends gar kein Mangel.

An langen Riemen, welche von Baum zu Baum gezogen worden waren, hingen lange, dünn geschnittene Fleischstücke zum Trocknen, der notwendige Proviant für den beabsichtigten Kriegszug. Die Roten lagen entweder unbeschäftigt im Grase oder sie badeten in einem der Flüsse. [538] Andre dressierten ihre Pferde und noch andre übten sich im Gebrauche ihrer Waffen.

In der Mitte des Lagers stand eine Hütte, welche aus Strauchwerk errichtet worden war. Eine lange Lanze, welche neben der Thür in der Erde steckte, war mit drei Adlerfedern geschmückt; die Hütte war also die Wohnung von Nitsas-Ini, dem obersten Häuptlinge des Navajovolkes. Er befand sich nicht im Innern, sondern saß vor derselben. Er war wohl noch nicht ganz fünfzig Jahre alt, von kräftiger, ebenmäßiger Gestalt und hatte, was wohl auffallen mußte, sein Gesicht nicht mit Farbe bestrichen. Daher waren die Züge desselben deutlich zu sehen. Man konnte das Resultat einer Betrachtung dieser Züge in das eine Wort zusammenfassen: edel. In seinem Blicke lag eine ungewöhnliche Intelligenz, eine Ruhe und Klarheit, welche man an Indianern sonst nicht zu beobachten pflegt. Er machte keineswegs den Eindruck eines wilden oder auch nur halbwilden Menschen. Wenn man nach der Ursache davon suchte, so brauchte man nur auf die Person zu blicken, welche an seiner Seite saß und sich mit ihm unterhielt – – eine Squaw.

Das war unerhört! Eine Squaw im Kriegslager, und noch dazu an der Seite des Häuptlings! Man weiß ja, daß selbst die geliebteste Indianerfrau es nicht wagen darf, öffentlich an der Seite ihres Mannes zu sitzen, falls derselbe eine nur einigermaßen hervorragende Stellung einnimmt. Und hier handelte es sich um den obersten Häuptling eines Stammes, welcher noch heutigen Tages im stande ist, fünftausend Krieger zusammenzubringen. Aber diese Frau war keine indianische Squaw, sondern eine Weiße, ja sogar eine Weiße von deutscher Abstammung; sie war – kurz sei es gesagt, Schi-Sos Mutter, welche den Häuptling der Navajos zum Manne genommen und einen so glücklichen, bildenden Einfluß über ihn gewonnen hatte, wie schon früher einmal erwähnt worden ist.

Vor diesen beiden stand, an den Sattel seines Pferdes gelehnt, ein langer, hagerer, aber sehr kräftig aussehender Mann, dessen Vollbart eine glänzend eisgraue Farbe angenommen hatte. Man mußte es ihm auf den ersten Blick ansehen, daß er nie gewohnt gewesen war, die Hände in den Schoß zu legen, und wohl mehr erfahren und erlebt hatte als tausend andre. Diese drei Personen sprachen miteinander, und zwar in deutscher Sprache. Auch der Häuptling bediente sich derselben, was sich freilich nur dadurch erklären ließ, daß seine Frau eine Deutsche war.

»Ich beginne nun auch, Sorge zu haben,« sagte soeben der Eisgraue. »Unsre Kundschafter sind so lange fort, daß wir nun endlich eine Nachricht von ihnen haben müßten.«

»Es muß ihnen ein Unglück begegnet sein,« nickte die Frau.

»Das befürchte ich nicht,« meinte der Häuptling. »Khasti-tine ist der beste Kundschafter des ganzen Stammes und hat neun erfahrene Späher mitbekommen; da kann mir nicht bange um sie sein. Wahrscheinlich sind sie nicht auf Nijoras gestoßen und müssen nun lange suchen, um Spuren von ihnen zu finden. Dabei haben sie sich zu teilen, um verschiedene Richtungen abzustreifen und dann ist es nicht leicht, sich wieder zusammenzufinden; wenigstens vergeht eine längere Zeit dabei.«

»Wollen hoffen, daß es so ist! Also ich reite jetzt und darf mir einige Krieger mitnehmen?«

»Soviel wie du willst. Wer die Antilope jagen will, darf nicht allein reiten, sondern muß genug Leute haben, um sie müde zu treiben.«

»So lebe wohl, Nitsas-Ini!«

»Lebe wohl, Maitso!«

[547] Der Eisgraue bestieg sein Pferd und forderte im langsamen Fortreiten einige Indianer auf, mit ihm zu kommen. Sie waren gern bereit dazu, denn die Antilopenjagd ist ein Vergnügen, welches die Indianer jener Gegenden mit Leidenschaft betreiben. Er war von dem Häuptlinge Maitso genannt worden. Dieses Wort bedeutet in der Navajosprache so viel wie Wolf, woraus sich auch schließen ließ, daß dies der ursprüngliche deutsche Name dieses Mannes war. Denkt man daran, daß der junge Freund und Kamerad Schi-Sos Adolf Wolf hieß, so wird man leicht zu der Ahnung kommen, daß dieser Maitso der Onkel war, den Adolf aufsuchen wollte.

Der Graue ritt mit seinen indianischen Begleitern weit in die Ebene hinein, und es gelang ihnen, einige Antilopen zu erlegen. Auf dem Heimwege bemerkten sie, noch lange bevor sie das Lager erreicht hatten, drei Reiter, welche langsam aus östlicher Richtung geritten kamen; die Pferde derselben mußten einen langen und anstrengenden Weg zurückgelegt haben, denn man sah ihnen schon von weitem an, daß sie außerordentlich ermüdet waren.

Diese drei Reiter hielten, als sie den Trupp erblickten, ihre Pferde an, um zu beraten, ob es geraten sei, demselben zu trauen; dann kamen sie vollends herbei. Diese Leute waren Poller, Buttler und der Oelprinz.

»Guten Abend, Sir!« grüßte der letztere, da die Sonne schon tief im Versinken war. »Ihr seid ein Weißer, und darum kalkuliere ich, daß Ihr uns eine wahrheitstreue Auskunft geben werdet. Zu welchem Stamme gehören die Roten, welche da bei euch sind?«

»Zu den Navajos,« antwortete Wolf, indem er die ihm Unbekannten mit nicht eben günstiger Miene musterte.

»Wer führt sie an?«

»Nitsas-Ini, der oberste Häuptling.«

»Und Ihr? Wer seid Ihr? Ihr könnt doch unmöglich zu den Navajos gehören!«

»Warum nicht?«

»Weil Ihr ein Weißer seid.«

»Pshaw! Es kann auch weiße Navajos geben. Ich wohne [548] schon lange Jahre in ihrer Nähe und rechne mich auch zu ihnen.«

»Wo sind sie jetzt?«

»Hm? Warum fragt Ihr so?«

»Weil wir es wissen müssen.«

»Müssen? Das heißt, ich muß es Euch sagen? Kein Mensch muß, und ich muß erst recht nicht.«

»Und dennoch werdet Ihr mir Auskunft geben. Wir wollen Nitsas-Ini aufsuchen, um ihm eine sehr wichtige Nachricht zu bringen.«

»Von wem?«

»Von seinen Kundschaftern.«

Wenn er geglaubt hatte, den Alten damit sofort zu ködern, so hatte er sich geirrt. Dieser sah ihn vielmehr noch mißtrauischer als vorher an und sagte:

»Kundschafter? Wüßte nicht, wo wir Kundschafter hätten!«

»Verstellt Euch nicht! Ihr dürft Vertrauen zu uns haben. Wir bringen wirklich eine sehr wichtige Botschaft von ihnen.«

»Das von der Botschaft höre ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Ich setze den Fall, wir hätten wirklich einige Späher zu irgend einem Zwecke ausgesandt und diese hätten uns etwas zu berichten, meint Ihr, daß sie da auf den außerordentlichen Gedanken kommen würden, uns dies durch drei Bleichgesichter sagen zu lassen? Die würden uns wohl einen von sich schicken.«

»Ja, wenn sie könnten!«

»Warum sollten sie nicht können?«

»Weil sie gefangen sind.«

»Gefangen? Alle Teufel! Bei wem?«

»Bei den Nijoras.«

»Hole Euch der Kuckuck! Leute, wie unsre Späher sind, nimmt man nicht so leicht gefangen.«

»Sie sind es aber doch!«

»Wo?«

»Zwei Tagesritte von hier, aufwärts im Chellythale.«

»Wie viele sind's?«

»Acht Mann.«

»Stimmt leider nicht, stimmt wirklich nicht!«

»Donner und Doria, seid doch nicht so ungläubig! Ich weiß wohl, daß es zehn gewesen sind; aber es fehlen zwei, die von den Nijoras ausgelöscht worden sind.«

»Ausgelöscht? Hört, Master, seht Euch vor! Keiner von euch dreien hat ein Gesicht, welches mir gefallen könnte. Wenn Ihr uns etwas sagt, so sorgt ja dafür, daß es wahr ist, sonst kann es Euch schlimm ergehen!«

»Ganz wie Ihr wollt! Wir sind gar nicht so sehr darauf erpicht, Euch einen solchen Dienst zu erweisen und dafür Grobheiten und Beleidigungen einzuernten!«

»Begehrt nicht so auf! Ihr habt keine Waffen und seid also ohne jede Hilfe. Es gehört gar keine übergroße Phantasie dazu, euch für Vagabunden zu halten.«

»Weil wir Flüchtlinge sind!«

»Ach so! Woher kommt ihr denn?«

»Von den Nijoras, bei denen wir gefangen waren.«

»Hm! Mitgefangene unsrer Kundschafter also?«

»Ja. Zuckt immerhin mit der Achsel! Ihr werdet es uns doch noch Dank wissen, daß wir zu Euch gestoßen sind. Ist Euch vielleicht das Gloomy-water jenseits des Chelly bekannt?«

»Ja.«

»Nun, gar nicht weit davon ist Euer Khasti-tine von Mokaschi mit noch einem Kundschafter erschossen worden, und die acht übrigen wurden am Gloomy-water gefangen genommen und nach dem Chelly geschleppt. Dort gelang es uns dreien, die wir auch in die Hände der Nijoras geraten waren, zu entkommen. Nun glaubt mir oder glaubt mir nicht; es ist mir sehr egal!«

Jetzt, da Wolf den Namen Khasti-tine hörte, konnte er nicht länger zweifeln; er rief erschrocken aus:

»Khasti-tine erschossen? Ist das wahr? Und die andern Gefangenen? Alle Wetter, da steht es schlimm um sie!«

»O, es gibt noch andre, um die es ebenso schlimm steht!«

»Noch andre? Wen denn?«

»Winnetou, Old Shatterhand, Sam Hawkens und noch andre Westmänner; dazu eine ganze Gesellschaft deutscher Auswanderer.«

»Seid Ihr toll!« stieß Wolf hervor. »Old Shatterhand und Winnetou auch gefangen?«

Da nahm sich auch Poller des Gespräches an, indem er antwortete:

»Noch mehr, viel mehr. Schi-So ist auch dabei; er kommt aus Deutschland mit einem andern jungen Manne, welcher Adolf Wolf heißt.«

Da brüllte der Alte förmlich heraus:

»Adolf Wolf? Ein Deutscher? Wißt Ihr das genau?«

»Natürlich weiß ich es. Ich bin ja der Führer der ganzen Gesellschaft gewesen; ich kann deutsch sprechen und habe mir ihr Vertrauen erworben.«

»Mein Himmel! Da muß ich Euch sagen, daß ich der Oheim dieses Adolf Wolf bin. Er will zu mir. Also er gefangen, und Schi-So auch? Schnell, schnell, kommt zum Häuptling! Ihr müßt uns alles erzählen, und dann brechen wir sofort auf, um Hilfe zu bringen.«

Er gab seinem Pferde die Sporen und galoppierte davon, dem Lager zu. Die drei Weißen folgten ihm, indem sie verstohlen befriedigte Blicke unter sich wechselten. Den Schluß bildeten die Indianer. Es lag Poller, Buttler und dem Oelprinzen nur daran, sich hier bei den Navajos Waffen und Munition zu holen und dann schleunigst weiter zu reiten. Sie sagten sich natürlich, daß sie verfolgt würden, und hegten keineswegs die Absicht, sich ergreifen zu lassen. Da hatten sie nur mit zwei Möglichkeiten zu rechnen. Entweder gelang es ihnen, den Navajos bald, nachdem sie von diesen ausgerüstet worden waren, wieder zu entwischen, das war das Wünschenswerteste, oder man ließ sie nicht fort, sondern zwang sie, wieder umzukehren und mit gegen die Nijoras zu ziehen. In diesem Falle galt es vor allen Dingen, Zeit zu gewinnen, um eine passende Gelegenheit zur Flucht abzuwarten. Dies konnte aber nur dadurch geschehen, daß das Zusammentreffen der Navajos mit Old Shatterhand und seinen Leuten verhindert wurde. Wie dies anzufangen war, darüber dachte der Oelprinz jetzt während [549] des Rittes nach dem Lager nach. Erst wollte ihm nichts einfallen, schließlich aber kam ihm doch ein passender Gedanke: Old Shatterhand und Winnetou befanden sich mit ihren Begleitern auf der linken Seite des Chellyflusses; wenn man die Navajos veranlaßte, auf dem rechten Ufer zu bleiben, so wurde das Zusammentreffen jedenfalls um mehrere Tage hinausgeschoben, und es stand zu erwarten, daß sich während dieser Zeit eine Gelegenheit zum Entrinnen finden werde. Darum instruierte der Oelprinz seine beiden Freunde mit gedämpfter Stimme, so daß der voranreitende »Wolf« es nicht hören konnte:

»Laßt mich reden, wenn wir gefragt werden, und merkt euch vor allen Dingen das eine: Wir haben uns nicht am linken, sondern am rechten Ufer des Flusses befunden, und auf derselben Seite befindet sich auch Old Shatterhand mit seinen Leuten.«

»Warum das?« erkundigte sich Buttler.

»Werde es dir später erklären; jetzt ist keine Zeit dazu.«

Er hatte recht, denn die Reiter näherten sich eben jetzt dem Lager. Die in demselben befindlichen Indianer blickten verwundert auf die drei fremden Weißen, denn sie hatten in dieser abgelegenen Gegend und jetzt, wo das Kriegsbeil ausgegraben worden war, keine Bleichgesichter vermuten können. Wolf ritt mit diesen bis an das Zelt des Häuptlings, welcher wie vorher vor dem Eingange saß, stieg da von seinem Pferde und meldete:

»Ich habe diese weißen Männer getroffen und zu dir gebracht, weil sie eine sehr wichtige Botschaft für dich haben.«

Nitsas-Ini, der »Große Donner«, betrachtete die drei Ankömmlinge, welche auch aus ihren Sätteln sprangen, und fragte dann den Wolf:

»Hast du sie als Freunde begrüßt?«

»Ja.«

Da zog der Häuptling seine Stirn in Falten und meinte:

»Ein geübtes Auge sieht es schon dem Baume an seiner Rinde an, wenn er innerlich faul ist. Du hast deine Augen nicht offen gehabt.«

Die drei Weißen hatten also keinen guten Eindruck auf ihn gemacht; sie hätten taub sein müssen, um dies seinen Worten nicht anzuhören. Der Oelprinz trat nahe zu ihm heran und sagte in halb höflichem und halb vorwurfsvollem Tone:

»Es gibt Bäume, welche innerlich gesund sind, obgleich ihre Rinde krank zu sein scheint. Der ›Große Donner‹ mag erst dann über uns urteilen, wenn er uns kennen gelernt hat!«

Die Falten in der Stirn des Häuptlings vertieften sich, und seine Stimme klang streng abweisend, als er antwortete:

»Es sind mehrere hundert Sommer vergangen, seit die Bleichgesichter in unser Land gekommen sind; wir haben also Zeit genug gehabt, sie kennen zu lernen. Es gab nur wenige unter ihnen, welche Freunde der roten Männer genannt werden konnten.«

»Zu diesen gehören wir; das werden wir Euch beweisen.«

»Wenn ihr dies könnt, so wird es zu eurem Glücke sein!«

»Zu unserm Glücke? Ich denke, wir haben hier bei Euch nichts zu befürchten, weil Mr. Wolf uns freundlich aufgenommen hat!«

»Was er gethan und gesprochen hat, bindet die roten Männer nicht. Ich bin der oberste Häuptling der Navajos, bei denen ihr euch befindet, und euer Schicksal hängt nicht von seinem Willen ab, sondern von dem, was ich über euch bestimme.«

Bei diesen Worten wurde es den drei Männern bange; der Oelprinz ließ sich dies aber nicht merken, sondern fuhr in zuversichtlichem Tone fort:

»Ich habe gehört, daß der ›Große Donner‹ ein gerechter und weiser Anführer ist; er wird Krieger, welche zu ihm gekommen sind, um ihn und seine Leute zu retten, nicht feindlich behandeln.«

»Ihr uns retten?« fragte der Häuptling, indem er sein Auge abermals geringschätzig über ihre Gestalten gleiten ließ. »Wer gerettet werden soll, muß sich in einer Gefahr befinden.«

»Dies ist freilich der Fall.«

»So sagt, was für eine Gefahr es ist, aus welcher ihr uns erlösen wollt!«

»Die Gefahr vor den Nijoras.«

»Pshaw!« rief er unter einer wegwerfenden Handbewegung aus. »Die Nijoras sind Männer, welche wir zertreten werden!«

»Das denkest du, aber sie sind euch an Zahl weit überlegen.«

»Und wenn sie zehnmal hundert zählten, wir würden sie doch vernichten, denn ein Navajo ist so viel wie zehn Nijoras zusammen. Und ihr wollt uns helfen, ihr, die ihr keine Waffen habt? Nur ein Feigling kann sich sein Gewehr nehmen lassen.«

Das war eine Beleidigung. Hätte der Oelprinz sich dieselbe gefallen lassen, so wäre er allerdings feig gewesen, das sah er gar wohl ein, und darum antwortete er in zornigem Tone:

»Wir sind gekommen, euch Gutes zu erweisen, und du vergiltst uns diese Absicht mit beleidigenden Worten? Wir werden euch augenblicklich verlassen.«

Er trat zu seinem Pferde und gab sich den Anschein, als ob er wieder in den Sattel steigen wolle. Da aber sprang der Häuptling auf, streckte seine Hand gebieterisch aus und rief:

»Herbei, ihr Navajo-Krieger; laßt diese Bleichgesichter nicht von der Stelle!«

Diesem Rufe wurde augenblicklich Folge geleistet; als die drei Weißen von den Roten ringsum eingeschlossen waren, fuhr er fort:

»Meint ihr, daß man zu uns kommen und von uns gehen darf wie ein Prairiehase von und zu seinem Baue? Ihr befindet euch in unsrer Gewalt und verlaßt diesen Ort nicht eher, als bis ich es euch erlaube. Beim ersten Schritte, den ihr gegen meinen Willen thut, treffen euch die Kugeln meiner Leute!«

Das klang drohend und sah nicht weniger bedrohlich aus, denn eine Menge Gewehre waren auf die drei gerichtet. Doch auch jetzt ließ der Oelprinz seine Besorgnis nicht erkennen; er nahm den Fuß wieder aus dem Bügel [550] und die Hand vom Sattel weg und sagte in möglichst ruhigem Tone:

»Ganz, wie du willst! Wir sehen ein, daß wir in eure Hände gegeben sind, und müssen uns fügen; aber alle eure Gewehre sollen uns nicht zwingen, euch die Botschaft mitzuteilen, welche wir euch bringen wollten.«

»Die Botschaft? Ich kenne sie.«

»Nein!«

»Pshaw! Ihr wolltet mir sagen, daß die Hunde von Nijoras das Kriegsbeil gegen uns ausgegraben haben.«

»Nein. Das brauchen wir dir nicht zu sagen, denn das weißt du schon.«

»So wolltet ihr mir melden, daß sie schon aus ihren Hütten aufgebrochen sind. Aber dazu brauche ich euch nicht, denn ich habe Kundschafter ausgesandt, welche mich zur rechten Zeit benachrichtigen werden.«

»Da irrst du dich. Deine Kundschafter können dir keine Nachricht bringen.«

»Warum?«

»Weil sie gefangen sind.«

»Gefangen? Bei wem?«

»Eben bei den Nijoras.«

»Das ist eine Lüge! Ich habe die erfahrensten, die klügsten Männer ausgewählt, denen es nicht einfallen wird, sich ergreifen zu lassen. Ich durchschaue dich; ich errate alle deine Gedanken!«

»So? Wärst du wirklich so klug, dahin blicken zu können, wo meine Gedanken wohnen?«

»Ja. Du weißt, daß man Kundschafter aussendet, und kannst dir denken, daß wir dies auch gethan haben. Darum redest du von unsern Spähern, ohne aber etwas von ihnen zu wissen.«

»Meinst du? Es wäre allerdings besser für euch, wenn das, was ich weiß, nicht geschehen wäre. Ich will dir zeigen, in welchem Irrtum du dich befindest. Du hast zehn Späher ausgeschickt, deren Anführer Khasti-tine war. Ist es so oder nicht?«

»Uff! Es ist so,« gestand der Häuptling erstaunt.

»So höre weiter! Khasti-tine wurde mit noch einem Krieger erschossen – – –«

»Uff, uff! Von wem?«

»Von Mokaschi, dem Häuptling der Nijoras, eigenhändig; die andern acht wurden gefangen genommen, gerade so wie wir.«

»Gerade so wie ihr? Auch ihr seid in die Hände der Nijoras gefallen gewesen?«

»Ja. Es gelang uns, zu entfliehen, doch ohne Waffen, die man uns abgenommen hatte. Darum sind wir unbewaffnet hier angekommen. Du hältst uns aus diesem Grunde für Feiglinge. Wie nennst du da deine Kundschafter, die ihre Waffen auch hergeben mußten und nicht die Klugheit und Thatkraft besaßen, sich einen Weg zur Flucht zu öffnen?«

»Uff, uff, uff!« rief der Häuptling. »Meine Späher gefangen und Khasti-tine erschossen! Das erfordert Rache! Wir müssen sofort aufbrechen, um diese Hunde von Nijoras zu überfallen. Wir – –«

Er war außerordentlich aufgeregt, ganz gegen die sonstige Indianerruhe, und wollte in sein Zelt, um seine Waffen zu holen. Da ergriff Wolf, welcher bisher geschwiegen hatte, ihn beim Arm und sagte:

»Halt, warte noch! Du mußt doch erfahren, wo die Nijoras sich befinden, wenn du sie überfallen willst. Das werden dir diese Männer sagen. Sie wissen auch noch andre Dinge, welche sogar noch viel, viel wichtiger sind.«

»Noch wichtiger?« fragte der Häuptling, indem er sich wieder umwendete. »Was kann wichtiger sein, als daß Khasti-tine tot ist und unsre Kundschafter gefangen genommen worden sind?«

»Schi-So ist auch gefangen!«

»Schi – – – Schi – – – Schi – – –«

Er wollte den Namen seines Sohnes vollständig aussprechen, brachte aber nur die erste Hälfte desselben über die Lippen. Dann stand er steif, als ob er zu Stein geworden sei, und nur seine rollenden Augen zeigten, daß Leben in ihm war. Seine Krieger drängten sich näher herbei, doch ließ keiner einen Laut hören. Der Oelprinz sah ein, daß er den jetzigen Augenblick für sich ausnützen müsse, und sagte also mit weithin hörbarer Stimme:

»Ja, so ist es; Schi-So ist auch gefangen. Er soll am Marterpfahle sterben.«

»Und mein Neffe Adolf, welcher mit ihm aus Deutschland gekommen ist, befindet sich auch in der Gewalt der Nijoras!« fügte Wolf hinzu.

Da kehrte dem Häuptling die Fassung zurück. Er besann sich, daß es doch unter seiner Würde sei, merken zu lassen, wie sehr die Nachricht ihn getroffen hatte; darum zwang er sich zu äußerlicher Ruhe und fragte:

»Schi-So gefangen? Wißt Ihr das genau?«

»Sehr genau,« antwortete der Oelprinz. »Wir haben nicht nur in seiner Nähe gefesselt gelegen, sondern sogar mit ihm und allen seinen Begleitern gesprochen.«

»Wer befand sich bei ihm?«

»Ein junger Freund von ihm, welcher Wolf heißt, mehrere deutsche Familien, welche von drüben ausgewandert sind, und sodann eine ganze Schar berühmter Westmänner, von denen Ihr gewiß nicht denken werdet, daß sie sich so leicht gefangen nehmen lassen.«

»Wer sind diese Männer?«

»Old Shatterhand – – –«

»Old Shat – – – uff, uff!«

»Ferner Winnetou.«

»Der größte Häuptling der Apachen? Uff, uff, uff!«

»Sam Hawkens, Dick Stone, Will Parker, Droll, der Hobble-Frank, gewiß lauter Leute, welche du nicht zu den Feiglingen zählen wirst.«

Es erklangen rundum laute Rufe des Erstaunens, ja des Schreckens; dadurch fand der Häuptling Zeit, sich zu fassen, denn die Selbstbeherrschung hatte ihm abermals vergehen wollen. Er schob die ihm im Wege Stehenden auseinander und eilte in sein Zelt. Man hörte seine Stimme und diejenige seiner weißen Frau; dann kamen beide heraus, und die letztere rief, sich an die drei Bleichgesichter wendend:

»Ist es möglich, ist es wahr? Mein [551] Sohn befindet sich in den Händen der feindlichen Nijoras?«

»Ja,« antwortete der Oelprinz.

»So muß er schnell, schnell gerettet werden! Erzählt, was Ihr davon wißt, und sagt, wo sich die Feinde befinden! Wir müssen eilen. Also macht, redet, sprecht!«

Sie als Frau konnte ihre Aufregung natürlich viel weniger beherrschen, als der Häuptling. Sie hatte Grinleys Arm ergriffen und schüttelte denselben, als ob sie die gewünschte Auskunft dadurch beschleunigen könne; der Oelprinz aber antwortete in einem ruhigen Tone:

»Ja, wir sind allerdings gekommen, um Euch von dem, was geschehen ist, zu benachrichtigen; aber der Häuptling hat uns wie Feinde empfangen, und so wollen wir das, was wir wissen, doch lieber für uns behalten.«

»Hund!« fuhr ihn da der »Große Donner« an. »Du willst nicht sprechen? Es gibt Mittel, dir den Mund zu öffnen!«

»Nein,« behauptete der Oelprinz mit einem siegesgewissen Lächeln.

»Wir braten euch am Feuer!«

»Pshaw!«

»Wir binden euch an den Marterpfahl!«

»Pshaw! Wir sind tapfere Männer und wissen zu sterben.«

Da legte die Frau die Hände auf Schulter und Arme ihres roten Mannes und bat ihn in dringendem Tone:

»Sei freundlich mit ihnen! Sie haben uns benachrichtigen wollen und also nicht verdient, daß du sie als Feinde behandelst.«

»Ihre Gesichter sind nicht die Gesichter guter Männer; ich traue ihnen nicht,« antwortete er finster.

[561] Die Frau des roten Mannes aber fuhr fort zu bitten, und Wolf vereinigte seine Vorstellungen mit den ihrigen, weil ihm um seinen Neffen bange war. Auch ihm gefielen diese drei Weißen desto weniger, je öfter er sie anschaute; aber sie hatten ihm nichts Böses gethan, und er konnte auf Grund ihrer Aussage seinen Verwandten retten; das war für ihn Grund genug, auch Fürbitte einzulegen. Der Häuptling, welcher allerdings viel lieber Strenge angewendet hätte, konnte diesem doppelten Drängen nicht widerstehen und erklärte schließlich:

»Es soll so sein, wie Ihr wünscht; die Bleichgesichter mögen in Frieden sagen, was sie uns mitzuteilen haben. Also redet!«

Diese Aufforderung war an den Oelprinzen gerichtet. Wenn der Häuptling glaubte, daß dieser ihr sofort nachkommen werde, so irrte er sich, denn Grinley antwortete:

»Ehe ich deinen Wunsch erfülle, muß ich erst wissen, ob ihr unsre Wünsche erfüllen werdet.«

»Welche Wünsche habt ihr?«

»Wir brauchen Waffen. Werdet ihr uns welche geben, wenn wir euch den Dienst leisten, den ihr von uns verlangt?«

»Ja.«

»Jedem ein Gewehr und ein Messer?«

»Ja.«

»Auch Munition?«

»Ja.«

»Auch einen Vorrat von Fleisch, da wir nicht wissen, ob wir bald auf ein Wild treffen werden?«

»Auch das, obgleich es nicht notwendig ist, denn so lange ihr bei uns seid, werdet ihr nicht Not leiden.«

»Davon sind wir ja fest [562] überzeugt; aber wir können leider doch nicht lange bleiben.«

»Wann wollt ihr fort?«

»Nachher, sobald wir euch erzählt haben, was geschehen ist.«

»Das ist unmöglich.«

»Warum?«

»Ihr müßt bei uns bleiben, bis wir uns überzeugt haben, daß alles, was ihr uns erzählt habt, die Wahrheit ist.«

»Das ist ein Mißtrauen, welches uns beleidigen muß. Was für einen Grund hätten wir, euch zu täuschen?«

»Das weiß ich nicht. Es kann da viele Gründe geben.«

»Keinen einzigen. Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder sind wir eure Freunde oder eure Feinde. Im ersteren Falle kann es uns nicht einfallen, euch zu belügen, und im letzteren würden wir es niemals gewagt haben, euer Lager aufzusuchen.«

»Das klingt freilich so, als ob ich euch trauen dürfte; aber die Bleichgesichter haben doppelte Zungen; mit der einen reden sie so und mit der andern anders.«

»Das ist bei uns nicht der Fall. Wir waren Gefangene der Nijoras; sie wollten uns töten, und wir sind ihnen mit vieler Mühe und unter großen Gefahren entkommen. Du mußt uns glauben, wenn ich dir sage, daß wir uns an ihnen rächen wollen. Wir können dies aber nicht, weil wir zu schwach dazu sind. Darum sind wir zu euch gekommen.«

Der Häuptling wollte noch immer Widerspruch erheben; seine weiße Squaw aber bat ihn im dringenden Tone:

»Glaube ihnen, glaube ihnen doch, sonst vergeht die kostbare Zeit und wir kommen zur Rettung unsres Sohnes zu spät.«

Da Wolf sich dieser Bitte anschloß, so antwortete der »Große Donner«:

»Der Wind will nach seiner Richtung gehen, aber wenn er durch hohe Berge aufgehalten wird, muß er sich in eine andre Richtung wenden. Der Wind ist mein Wille und ihr seid die Berge; es soll so sein, wie ihr wollt.«

»Also wir dürfen fort, wann es uns beliebt?« fragte der Oelprinz.

»Ja.«

»Ihr legt uns kein Hindernis in den Weg?«

»Keins.«

»So ist unser Uebereinkommen getroffen und wir wollen die Pfeife des Friedens darüber rauchen.«

Da verfinsterte sich das Gesicht des Häuptlings plötzlich wieder und er rief aus:

»Glaubt ihr mir nicht? Haltet ihr mich für einen Lügner?«

»Nein. Aber in der Zeit des Krieges braucht man kein Versprechen zu halten, welches ohne den Rauch des Kalummets gegeben wurde. Ihr könnt die Friedenspfeife getrost anbrennen, denn wir meinen es ehrlich. Wir reden die Wahrheit und können es euch beweisen, wenn ihr es verlangt.«

»Beweisen? Womit?«

»Schon durch unsern Bericht an sich selbst. Sobald ihr ihn vernommen habt, werdet ihr überzeugt sein müssen, daß jedes Wort die Wahrheit enthält. Dann aber kann ich euch auch sogar ein Papier zeigen, dessen Inhalt alles bestätigen wird.«

»Ein Papier? Ich mag nichts vom Papiere wissen, denn es kann mehr Lügen enthalten, als ein Mund auszusprechen vermag. Auch habe ich nicht gelernt, mit den Zeichen zu sprechen, welche auf euren Papieren stehen.«

»So kann Mr. Wolf jedenfalls lesen; er wird dir sagen, daß wir ehrlich und offen sind. Willst du nun die Pfeife des Friedens mit uns rauchen?«

»Ja,« antwortete der Häuptling, als er den bittenden Blick seiner Frau bemerkte.

»Für dich und alle die Deinen?«

»Ja, für mich und für sie.«

»Dann nimm dein Kalummet, wir haben keine Zeit zu verlieren.«

Er hatte die Friedenspfeife an seinem Halse hängen, nahm sie herab, füllte den schön geschnittenen Kopf mit Tabak und brannte denselben an. Nachdem er die vorgeschriebenen sechs Züge gethan hatte, reichte er sie dem Oelprinzen, von dem sie an Buttler und dann an Poller überging. Als dies geschehen war, glaubte der Oelprinz sicher zu sein. Er dachte nicht daran, daß Wolf das Kalummet nicht erhalten hatte und also nicht an den Vertrag gebunden war.

Jetzt setzten sich alle auf den Boden nieder und Grinley begann zu erzählen. Er berichtete von dem Petroleumfunde, aber ohne den Ort zu nennen, von dem Verkaufen an den Bankier und von seiner Reise in die Berge. Natürlich verschwieg er die Wahrheit. Er sagte, er sei schon auf Forners Rancho mit Buttler und Poller und den Auswanderern zusammengetroffen, auch mit Winnetou, Old Shatterhand und den an dern Jägern; dann seien sie alle den Nijoras in die Hände gefallen, und bei diesen hätten sie die gefangenen Navajokundschafter vorgefunden und von diesen gehört, daß Khasti-tine von Mokaschi erschossen worden sei.

Die Navajos hatten bis jetzt schweigend zugehört, doch läßt sich denken, daß sowohl der Häuptling als auch seine Squaw innerlich nicht so ruhig waren, wie sie sich äußerlich zeigten; sie wußten ja ihren Sohn in großer Gefahr. Auch Wolf hing mit gespannter Aufmerksamkeit an den Lippen des Erzählers. Sie ahnten nicht, daß die Gefangenen sich befreit hatten und daß der Oelprinz um seines Vorteiles willen so arg log. Jetzt machte er eine Pause und der Häuptling benutzte dieselbe, zu fragen:

»Wie ist es euch denn gelungen, zu entfliehen?«

»Mit Hilfe eines kleinen Federmessers, welches die Nijoras nicht bemerkt hatten. Unsre Hände waren zwar gebunden, trotzdem aber konnte einer meiner beiden Gefährten mir in die Tasche greifen und das Messerchen herausnehmen und öffnen, und als er mir meine Fesseln zerschnitten hatte, konnte ich dies dann auch mit den ihrigen thun.«

Der »Große Donner« blickte eine Weile vor sich[563] nieder; dann hob er rasch den Kopf und fragte:

»Und dann?«

»Dann sind wir schnell aufgesprungen und zu den Pferden gerannt; wir bestiegen die drei ersten besten und jagten davon.«

»Wurdet ihr verfolgt?«

»Ja, aber nicht eingeholt.«

»Warum machtet ihr nur euch frei und nicht auch die andern?«

Das war eine verfängliche Frage, bei welcher er sein Auge scharf auf den Oelprinzen richtete. Dieser sah ein, daß er sich jetzt zusammennehmen müsse und antwortete:

»Weil wir keine Zeit dazu fanden. Einer der Wächter sah, daß wir uns bewegten; er kam herbei; da konnten wir natürlich nichts anders thun als davoneilen.«

Er glaubte eine genügende Erklärung gegeben zu haben und betrachtete es darum gar nicht als Hinterlist, als sich der Häuptling weiter erkundigte:

»Du hast das kleine Messer noch?«

»Ja.«

»Ihr habt neben den andern Gefangenen gelegen?«

»Ja.«

Er hätte jetzt viel lieber »nein« gesagt, das war aber nun nicht mehr möglich, da er vorhin das Gegenteil behauptet hatte. Er begann, die Absicht zu ahnen, welche der »Große Donner« verfolgte, und wirklich meinte dieser nun in einem sehr strengen Ton:

»Hätte ich nicht die Pfeife des Friedens mit euch geraucht, so würde ich euch jetzt in Fesseln legen lassen!«

»Warum?« fragte Grinley erschrocken.

»Weil ihr entweder Lügner oder feige Schurken seid.«

»Wir sind keins von beiden!«

»Schweig! Entweder belügt ihr jetzt uns, oder ihr habt euch gegen eure Mitgefangenen wie Schufte benommen!«

»Wir konnten sie nicht retten!«

»O doch! Und wenn nichts andres möglich war, so konntest du dem Nächsten, der bei euch lag, das kleine Messer geben.«

»Dazu war die Zeit zu kurz.«

»Lüge nicht! Und wenn du recht hättest, so mußtet ihr die Nijoras überlisten. Während sie euch verfolgten, mußtet ihr heimlich zurückkehren und die Gefangenen befreien.«

»Das war uns unmöglich. Wenn uns nun auch zwanzig oder dreißig folgten, die übrigen zweihundertsiebzig waren doch zurückgeblieben.«

Kaum hatte er dieses Wort gesagt, so bereute er es. Es zeigte sich auch gleich, daß er einen großen, einen unverzeihlichen Fehler begangen hatte, denn der Häuptling fragte:

»Also waren es dreihundert?«

»Ja.«

»Du siehst, daß wir viel mehr sind, und doch sagtest du vorhin, daß sie uns weit überlegen seien. Du hast zwei Zungen, hüte dich!«

»Ich hatte euch nicht genau gezählt,« entschuldigte sich Grinley.

»So öffne deine Augen besser! Wenn du bei Nacht siehst, wie groß die Zahl der Nijoras ist, mußt du jetzt am Tage doch viel besser wissen, wie viele Krieger hier beisammen sind. An welchem Ufer lagerten die Nijoras?«

»Am rechten.«

»Wann wollten sie aufbrechen?«

»Erst nach einigen Tagen,« log der Oelprinz, »weil sie noch weitere Krieger erwarteten.«

»Beschreib uns die Stelle genau!«

Er that es, so gut er konnte und fügte dann hinzu:

»Jetzt habe ich alles gesagt, was ich sagen konnte, und ich hoffe, daß du dein Wort halten wirst. Gebt uns Waffen und laßt uns weiter ziehen!«

Der »Große Donner« wiegte seinen Kopf bedenklich hin und her und antwortete nach einer Weile:

»Ich bin Nitsas-Ini, der oberste Häuptling der Navajos, und habe noch nie mein Wort gebrochen. Aber habt ihr denn auch bewiesen, daß eure Worte die Wahrheit enthalten?«

»Du mußt doch zugeben, daß alles stimmt, was ich gesagt habe!«

»Es stimmt, aber du kannst trotzdem ein Schurke sein.«

»So will ich euch den unumstößlichen Beweis liefern, welcher euer Mißtrauen vollständig zerstreuen wird.«

Er bemerkte oder beachtete nicht die warnenden Blicke, welche Buttler und Poller auf ihn richteten. Er griff in die Tasche und zog die Anweisung auf San Franzisko hervor, welche er von dem Bankier erhalten hatte. Indem er sie dem »Wolf« hingab, sagte er:

»Hier, werft einmal einen Blick auf dieses Wertpapier! Eine solche Summe wird, zumal unter solchen Umständen, doch nur einem ehrlichen Menschen angewiesen. Meint Ihr nicht?«

Wolf überflog das Dokument mit prüfendem Blicke und las es dann dem Häuptlinge vor. Dieser blickte, wie vorher schon einige Male, sinnend zu Boden und sagte dann:

»So ist also dein Name Grinley?«

»Ja.«

»Wie heißen diese deine beiden Gefährten?«

»Dieser hier Buttler und dieser andre Poller.«

Wolf wollte jetzt dem Oelprinzen die Anweisung zurückgeben, da aber nahm der Häuptling sie ihm schnell aus der Hand, legte sie in ihre Falten zusammen, schob sie sich in den Gürtel und fuhr in einem Tone, als ob er da gar nichts Besonderes gethan hätte, fort:

»Ich habe von einem Bleichgesichte gehört, welches Grinley heißt und der Oelprinz genannt wird. Kennst du den?«

»Der bin ich,« antwortete Grinley.

»Und ich hörte ferner von einem Bleichgesichte, welches Buttler heißt und der Anführer der Finders war. Kennst du den Mann?«

»Nein.«

»Dieser hier ist es nicht?«

»Nein.«

»Wo liegt die Oelquelle, welche du verkauft hast?«

»Am Chelly.«

»Das ist nicht wahr, dort gibt es keinen Tropfen Oel.«

[564] »Das ist richtig; ich wollte sagen in der Nähe des Chelly.«

»Aber wo?«

»Am Gloomy-water.«

»Ist auch nicht wahr.«

»O doch!«

»Sprich nicht dagegen. Es gibt keine Stelle, so groß wie meine Hand, die ich nicht betreten hätte. Es gibt kein Oel in dieser Gegend. Du bist ein Betrüger!«

»Donner und Wetter!« fuhr da der Oelprinz auf. »Soll ich mir – – –«

»Schweig!« fiel der Häuptling ihm in die Rede. »Ich habe es euch gleich angesehen, daß ihr keine ehrlichen Männer seid, und habe nur darum das Kalummet geraucht, weil ich dazu gedrängt wurde.«

»So willst du wohl eine Ausrede machen, um dein Wort brechen zu können?«

Der »Große Donner« machte eine unnachahmlich stolze Handbewegung und antwortete, indem ein höchst geringschätzendes Lächeln über sein Gesicht glitt:

»Solcher Menschen wegen, wir ihr seid, soll mir kein Mann nachsagen, daß ich mein Wort nicht gehalten habe.«

»So gebt uns Waffen, Munition und Fleisch, und laßt uns ziehen! Und gib mir mein Papier zurück! Warum hast du es eingesteckt?«

»Ich habe es nicht dir zurückzugeben, sondern dem, von welchem ich es genommen habe. Du hast das Bleichgesicht, welches die Oelquelle kaufte, in der kein Oel vorhanden ist, um dieses Geld betrogen. Der ›Wolf‹ wird wissen, was er zu thun hat.«

Er zog das Papier aus dem Gürtel und gab es Wolf mit einem bezeichnenden Winke zurück. Dieser schob es schnell in seine Tasche.

»Halt!« rief Grinley, indem seine Augen zornig blitzten. »Das Papier gehört mir!«

»Ja,« nickte Wolf, indem er ein sehr behagliches Lächeln zeigte.

»Also her damit!«

»Nein,« antwortete Wolf mit demselben behaglichen Lächeln.

»Warum nicht? Wollt Ihr an mir zum Diebe werden?«

»Nein.«

»Dann heraus damit!«

»Nein.«

»So seid Ihr ja ein Dieb, und ich – – –«

Da fiel Wolf ihm in einem ganz andern Tone in die Rede:

»Mäßigt Euch, Mr. Grinley! Wenn Ihr mich beleidigt, ist's um Euch geschehen. Ich bin kein Dieb.«

»Warum behaltet Ihr denn diese Anweisung, welche mir gehört?«

»Weil uns manches in eurer Erzählung nicht einleuchten will und weil ihr gar so rasch von hier fort wollt. Leute, welche mit genauer Not der Gefangenschaft und dem Tode entronnen sind, bedürfen der Ruhe und der Pflege. Dies könntet ihr hier haben; ihr wollt aber fort. Sodann würde jeder andre an eurer Stelle sich uns auf unserm Zuge gegen die Nijoras anschließen, um sich zu rächen; auch das wollt ihr nicht. Ihr wollt nur fort, nur fort, und zwar sehr schnell. Das sieht natürlich ganz so aus, als ob ihr vor jemand, der hinter euch her kommt, eine gewaltige Angst hättet.«

»Was wir denken und wollen, das geht Euch nichts an,« antwortete der Oelprinz protzig. »Ich habe mit dem Häuptling und durch ihn mit allen den Seinen die Pfeife des Friedens geraucht; er muß seine Versprechungen erfüllen, und es darf mir nichts genommen werden.«

»Ganz richtig, Sir! Der ›Große Donner‹ wird sein Wort ganz gewiß halten.«

»So gebt das Papier heraus!«

»Ich? Fällt mir nicht ein! Ich will es keineswegs stehlen, sondern nur aufheben.«

»Hölle und Teufel! Für wen?«

»Für diejenigen, welche nach euch kommen.« Und als der Oelprinz zornig aufbrausen wollte, schnitt er ihm das Wort mit dem sehr energischen Zurufe ab: »Haltet den Mund! Glaubt ja nicht, daß Ihr der Mann seid, von dem ich mich einschüchtern lasse! Wenn ihr ehrliche Leute seid, so könnt ihr ruhig bei uns bleiben. Ob ihr euch das Geld drei oder vier Tage früher oder später auszahlen laßt, das kann euch nicht an den Bettelstab bringen. Ich will euch sagen, was ich denke. Im ersten Augenblicke habe ich euch für Gentlemen gehalten; damit ist es aber vorüber, seit ich eure famose Erzählung gehört habe.«

»Sie ist wahr!«

»Unsinn! Ihr sagt, Old Shatterhand, Winnetou, Sam Hawkens und andre seien mit euch gefangen gewesen? Und ihr seid allein entkommen! Mr. Grinley, das ist außerordentlich auffällig. Ihr habt da Männer genannt, welche weit eher entkommen würden, als ihr. Vielleicht habt ihr sie in die Hände der Nijoras gespielt. Das mag nun freilich sein, wie es will; Winnetou und Old Shatterhand sind Leute, die für sich selber sorgen werden. Für mich ist die Hauptsache jetzt diese Anweisung. Wir werden die Gefangenen befreien und also mit ihnen zusammen kommen; oder sie befreien sich selbst und kommen hinter euch her; auch in diesem Falle treffen wir auf sie. Da werden wir natürlich diesen Bankier Mr. Rollins sehen und ihm die Anweisung zeigen. Ist Eure Sache eine ehrliche, so könnt Ihr getrost bei uns bleiben; seid Ihr aber ein Betrüger, so habt Ihr Euch dieses Mal umsonst bemüht.«

Da sprang der Oelprinz vom Boden auf und schrie:

»Das wollt Ihr thun? Das sagt Ihr mir? So wollt Ihr an mir handeln? Was geht es Euch an, daß ich schnell weiter muß! Habe ich nötig, Euch meine Gründe zu sagen? Ich bleibe dabei: die Friedenspfeife ist geraucht worden und niemand darf mich hier festhalten!«

»Das wird auch kein Mensch thun,« antwortete Wolf ruhig.

»Und ich muß bekommen, was man mir versprochen hat!«

[565] »Waffen, Pulver, Blei und Fleisch? Ja, das werdet Ihr erhalten.«

»Und mein Papier zurück! Es ist mein Eigentum!«

»Wenn dies erwiesen ist, erhaltet Ihr es allerdings zurück.«

»Nein, jetzt, sofort! Es darf uns nichts genommen werden, denn der Häuptling hat mit uns für sich und all die Seinen das Kalummet geraucht.«

»Das stimmt. Aber, Mr. Grinley, haltet Ihr mich etwa auch für einen Indianer, für einen Navajo?«

»Fragt nicht solchen Unsinn!«

»Schön! Ich gehöre also nicht zu dem ›Großen Donner‹ und den Seinen. Oder habe ich mit Euch das Kalummet geraucht?«

Grinley starrte ihm ins Gesicht und fand keine Antwort.

»Ja, so ist es,« nickte Wolf mit einem überlegenen Lächeln. »Ihr mögt sonst ein schlauer Fuchs sein; heute aber seid Ihr das Gegenteil gewesen. Man läuft hier im wilden Westen nicht mit Hunderttausenden in der Tasche herum und wenn man es dennoch thut, so behält man sie drin stecken und zeigt sie nicht vor. Nun habt Ihr gehört, was ich Euch zu sagen hatte: wir sind fertig.«

Er stand auf und wollte sich entfernen. Da packte ihn der Oelprinz am Arme und schrie ihn an:

»Das Papier heraus, oder ich erwürge Euch!«

Wolf schleuderte ihn mit einem kräftigen Rucke von sich ab, zog seinen Revolver, hielt ihm denselben entgegen und antwortete drohend:

»Wagt Euch noch einen einzigen Schritt an mich heran und meine Kugel fährt Euch in den Schädel! Bleibt bei uns, oder macht Euch fort, mir ist es ganz gleich; aber dieses Papier gebe ich nicht eher wieder her, als bis ich meinen Neffen befreit und mit dem Bankier gesprochen habe. Jetzt ist's genug!«

Er ging nun wirklich fort. Der Oelprinz mußte dies zähneknirschend sehen, ohne ihn halten zu können. Er wendete sich wutschnaubend an den Häuptling; dieser hörte ihn lächelnd an und antwortete dann in größter Seelenruhe:

»Der ›Wolf‹ ist ein freier Mann, er kann thun, was ihm beliebt. Wenn du bei uns bleibst, so bekommst du dein Papier wieder.«

[566] »Ich muß aber fort!«

»So mag es dir der Bankier nachsenden. Du hast uns eine Botschaft gebracht, und ich gebe dir Waffen, Munition und Fleisch dafür, obgleich sie wohl nicht wahr ist. Verlange nicht mehr von mir. Willst du bei uns bleiben?«

»Nein.«

»So sollst du jetzt gleich erhalten, was ausbedungen ist; dann könnt ihr weiter reiten.«

Er ging, um die nötigen Befehle zu erteilen, und auch seine Navajos zogen sich von den drei Weißen zurück wie Tauben, die auf dem Felde vor den Krähen weichen. Die Betrüger standen allein. Niemand hörte auf sie; darum konnten sie gegenseitig ihren Gefühlen ganz ungeniert Luft machen.

»Verfluchter Kerl, dieser Wolf!« knirschte Grinley. »Er gibt die Anweisung wirklich nicht heraus!«

»So etwas habe ich mir gleich gedacht, als ich sah, daß du sie vorzeigen wolltest,« antwortete Buttler. »Bist ein Dummkopf gewesen, wie es keinen zweiten gibt!«

»Schweig, Esel! Ich konnte nicht anders. Sie wollten mir nicht glauben, und da mußte ich mich legitimieren.«

»Legitimieren! Mit einer erschwindelten Anweisung! Hat man jemals so etwas gehört! Nun siehst du, wie schön dir diese Legitimation gelungen ist!«

»Das konnte ich nicht vorher wissen!«

»Aber ich hab's gewußt! Wo ist nun der Lohn für alle Mühe, die wir uns gegeben, für alle Gefahren, die wir durchgemacht haben? Ein einziger Augenblick hat uns um alles gebracht!«

So ging es eine ganze Weile fort, aber als Poller auch anfing, Vorwürfe zu machen, brachte Grinley ihn durch einige Grobheiten zum Schweigen und fuhr dann fort:

»Ich mag unvorsichtig gewesen sein, doch ist noch lange nicht alles verloren. Wir werden die Anweisung wiederbekommen.«

»Von diesem Wolf?« fragte Buttler mit einem Lachen des Zweifels.

»Ja.«

»Willst du etwa hierbleiben und warten, bis die Nijoras kommen oder gar Old Shatterhand und Winnetou?«

»Fällt mir nicht ein! Wir reiten fort.«

»Aber da geben wir doch das Papier auf!«

»Nein. Ich sage, wir reiten fort, aber nicht eher, als bis wir Wolf gezwungen haben, es herauszugeben.«

»Wie willst du ihn zwingen?«

»Denke daran, daß wir Waffen erhalten.«

»Also mit ihm kämpfen?«

»Ja, wenn er uns dazu zwingt.«

»Und die Roten? Wie werden die sich dazu verhalten?«

»Sie werden sich nicht einmischen. Wir haben die Friedenspfeife mit ihnen geraucht, und solange wir ihr Lager nicht verlassen, dürfen sie nicht Partei gegen uns und für ihn nehmen. Er hat ja erklärt, daß er nicht zu ihnen gehört. Etwas andres wäre es, wenn wir das Lager verließen und dann vielleicht zurückkehrten; dann hätte das Kalummet seine Kraft verloren. Seht, da bringt man uns das Fleisch! Die Gewehre und Messer werden bald folgen, und dann suche ich diesen Wolf auf. Ihr haltet doch zu mir?«

»Natürlich! Für eine solche Summe kann man schon etwas wagen. Wir können ja probieren, wie es geht. Wenn es gefährlich für uns werden will, ist es doch noch Zeit, von dem Kampfe abzusehen. Dort steigen mehrere Rote zu Pferde. Wohin mögen sie wollen?«

»Kann uns gleichgültig sein. Uns geht es wohl nichts an.«

Buttler irrte sich, als er dies dachte. Der Häuptling näherte sich mit einem Roten, welcher lange, dünne Stücke getrockneten Fleisches trug.

»Wann wollen die Bleichgesichter uns verlassen?« fragte er.

»Sobald wir bekommen haben, was uns versprochen worden ist.«

»Und wohin werdet ihr die Schritte eurer Pferde lenken?«

»Hier zum Bette des Rio Navajos hinab. Wir wollen den Colorado hinunter.«

»So könnt ihr sofort aufbrechen. Hier ist Fleisch.«

»Und das andre?«

»Werdet ihr auch erhalten. Seht ihr die Reiter dort?«

»Ja.«

»Sie haben drei Gewehre, drei Messer und Pulver und Blei für euch. Sie werden eine Stunde lang mit euch reiten und dann, wenn sie euch diese Sachen gegeben haben, wieder zu uns zurückkehren.«

Die drei sahen sich enttäuscht an. Der Häuptling bemerkte dies sehr wohl, that aber so, als ob es ihm entgangen sei.

»Warum bekommen wir das denn nicht jetzt?« fragte Buttler.

Da ging ein ganz eigentümliches Lächeln über das Gesicht des »Großen Donners«, und er antwortete:

»Ich habe vernommen, daß die Bleichgesichter die Gewohnheit haben, lieben Gästen das Ehrengeleite zu geben. Dies soll hier mit euch geschehen.«

»Wir nehmen es dankbar an; aber die Waffen können wir ja doch selber tragen.«

»Warum sollt ihr euch diese Mühe geben? Ihr braucht sie doch jetzt nicht. Seht, meine Leute brechen auf! Sie pflegen schnell zu reiten. Macht, daß ihr ihnen nachkommt, sonst erreichen sie vor euch die Stelle, an welcher sie euch die Waffen übergeben sollen, und wenn ihr dann nicht da seid, bekommt ihr sie nicht.«

Er machte mit der Hand die Bewegung des Abschiedes und wendete sich davon, indem sein Gesicht vor Schadenfreude förmlich glänzte. Er hatte sein Versprechen erfüllt und zugleich das Vorhaben der Weißen verhindert.

»Schlauer Fuchs, diese Rothaut!« stieß Grinley hervor. »Er scheint geahnt zu haben, was wir uns vorgenommen hatten.«

[567] »Ja,« stimmte Buttler bei. »Dieser rote Spitzbube ist eben auch ein Freund von Old Shatterhand und Winnetou, und wenn man es mit einem solchen Kerl zu thun hat, kann man gewiß sein und darauf schwören, daß man übertölpelt und betrogen wird. Nun ist für uns nichts mehr zu hoffen.«

»Pshaw! Ich gebe die Hoffnung noch lange nicht auf.«

»Wirklich? Denkst du, daß es möglich ist, noch etwas zu erreichen?«

»Ja.«

»Auf welche Weise?«

»Wir warten, bis die sechs Kerls fort sind und kehren dann um.«

»Um mit Wolf anzubinden?«

»Ja.«

»Das wäre wieder dumm, denn die Roten würden ihm alle helfen. Du hast ja selbst gesagt, daß wenn wir das Lager verlassen haben, das Kalummet keine Kraft mehr besitzt.«

»Ja, das wäre freilich eine Dummheit, wenn wir ihn offen anpacken wollten.«

»Also heimlich?«

»Ja. Ihr könnt euch denken, daß sie baldigst aufbrechen werden, um die vermeintlichen Gefangenen zu befreien, und wir wissen, daß sie am rechten Ufer aufwärts ziehen werden. Wir reiten ihnen nach, bis wir den Platz erreichen, wo sie für die Nacht lagern. Da belauschen wir sie, und es sollte mich wundern, wenn wir keine Gelegenheit fänden, uns an diesen Wolf zu machen.«

»Das mag richtig sein. Das ist ein Gedanke, welcher mir wieder Leben gibt. Hoffentlich hat der Kerl die Anweisung bei sich!«

»Wo sollte er sie sonst haben? Hier im Westen gibt es keine feuerfesten Tresors, in denen man das Geld, welches man nicht besitzt, aufbewahren kann.«

Sie stiegen auf ihre Pferde und ritten ohne Abschied davon. Wem hätten sie ade sagen können? Es schien sich kein Mensch um sie zu bekümmern; aber es schien auch nur so, denn in Wirklichkeit waren alle Augen heimlich auf sie gerichtet.

[575] Als der Oelprinz und seine beiden Genossen hinter der Böschung des Ufers verschwunden waren, kam Wolf wieder zum Vorschein. Er hatte sich hinter eine Baumgruppe zurückgezogen gehabt und schritt jetzt auf das Häuptlingszelt zu, vor welchem der »Große Donner« die hervorragendsten seiner Krieger zur Beratung zusammenkommen ließ. Die weiße Squaw befand sich in großer Sorge um ihren Sohn und trieb ihren Mann zum schleunigen Aufbruche, um die Nijoras zu überfallen. Er tröstete sie damit, daß Schi-So sich in Gesellschaft so berühmter, tapferer und erfahrener Krieger befände.

»Und,« fügte Wolf zur Beruhigung hinzu, »die Gefangenen werden erst nach beendetem Kriege, nach der Heimkehr in die Dörfer getötet; der Krieg hat aber noch gar nicht begonnen, und so braucht es Euch um Euren Sohn nicht angst zu sein, wie auch ich für meinen Neffen noch lange nicht die größeste Besorgnis hege. Vor allen Dingen müssen wir an das Nächste denken. Es muß ein Lauscher hinunter an den Fluß gelegt werden.«

»Wozu?« fragte der Häuptling.

[576] »Wenn mich meine Vermutung nicht trügt, so kehren die drei Weißen, nachdem sie die Waffen bekommen haben, wieder um und folgen uns nach. Eine so hohe Summe gibt man nicht auf, ohne geradezu alles zu versuchen, sie wieder zu erhalten.«

»Du meinst, daß sie dich zwingen wollen, das Papier herauszugeben?« fragte der Häuptling.

»Ja.«

»Sie mögen kommen! Sie haben unser Lager verlassen, und der Rauch des Kalummets kann sie also nicht mehr schützen. Sie würden unsre Kugeln schmecken.«

»Wenn wir sie sähen, ja. Sie werden sich aber hüten, sich sehen zu lassen, sondern uns im Verborgenen nachschleichen, um mich zu überfallen, wenn sich eine passende Gelegenheit dazu ergibt. Ich muß aus diesem Grunde zu meiner Sicherheit wissen, ob sie überhaupt umkehren. Darum bitte ich dich, einen berittenen Späher hinunter an den Fluß zu postieren.«

»Warum beritten?«

»Weil wir doch bald von hier aufbrechen und er uns ohne Pferd nicht leicht einholen könnte.«

Der Häuptling folgte diesem Rate, und dann konnte die Besprechung über den durch die Not so beschleunigten Zug gegen die Nijoras beginnen.

Eigentlich gab es gar nicht viel zu verhandeln. Es war zwar anzunehmen, daß Grinley, Buttler und Poller nicht die Wahrheit gesagt hatten in Beziehung dessen, was ihre Personen, ihre Absichten und Thaten betraf, aber daß sie gefangen gewesen waren, mußte geglaubt werden, weil sie keine Waffen gehabt hatten. Auch daß die Kundschafter der Navajos, Old Shatterhand und Winnetou nebst ihren Begleitern in die Hände der Nijoras geraten waren, durfte als wahr angenommen werden. Jedenfalls hatten die Nijoras auch Kundschafter ausgeschickt, und diese hatten das Lager der Navajos sicher erspäht, da sie von den Gegenkundschaftern nicht daran verhindert worden waren. Auf alle Fälle hatten die Nijoras beschlossen, zum Angriffe überzugehen, und diese Absicht war bestärkt worden durch die Flucht der drei Bleichgesichter, von denen die Nijoras sich sagen konnten, daß sie jedenfalls die Navajos aufgesucht hatten, um bei diesen Schutz zu suchen und sie zu benachrichtigen. Dies konnte nur durch einen schnellen Angriff wett gemacht werden, und so waren die Nijoras jedenfalls sofort gegen die Navajos aufgebrochen. Diese letzteren glaubten hinwiederum, den Angriff nicht abwarten zu sollen, sondern ihm zuvor- oder wenigstens entgegenzukommen. Darum rüsteten sie sich zum Aufbruche, welcher gerade in dem Augenblicke geschah, als die sechs Reiter zurückkehrten, welche Grinley, Buttler und Poller fortgeschafft hatten. Als sie befragt wurden, wie dieselben sich verhalten hätten, erklärten sie, daß die drei Weißen nach Empfang der Waffen und der Munition ruhig weiter geritten wären, ohne durch irgend etwas zu verraten, daß sie die Absicht hegten, umzukehren. Dennoch blieb der Späher unten am Flusse stehen und erhielt die Weisung, falls die Bleichgesichter zurückkehrten, sie erst vorüber zu lassen, eine Weile zu beobachten und sie dann in einem weiten Bogen zu umreiten, um seinen Kameraden nachzufolgen.

Der Zug ging natürlich am rechten Flußufer aufwärts, denn man hatte der Aussage des Oelprinzen, daß die Nijoras sich an diesem befänden, Glauben geschenkt; in Wirklichkeit kamen sie aber am linken herunter. Als der Tag sich zu Ende neigte, kam der Späher nach und meldete, daß die drei Weißen in der That umgekehrt seien und den Navajos auf deren Fährte folgten. Da man dies nun wußte, waren sie nicht zu fürchten.

Es wurde den ganzen Abend weiter geritten und erst gegen Mitternacht angehalten, da man nun, wie man fälschlicherweise annahm, jeden Augenblick auf die Nijoras treffen konnte. Man lagerte sich, brannte aber keine Feuer an, da diese zur Entdeckung führen konnten.

Eigentlich beabsichtigte man, nach rückwärts einige Posten auszustellen, um die drei Weißen abzuhalten; aber Wolf, auf den allein es diese doch abgesehen hatten, riet davon ab, da es nicht notwendig sei. Es stand mit Gewißheit zu erwarten, daß Buttler, Poller und Grinley nicht kommen würden, da es ihnen unmöglich gewesen war, in der Dunkelheit der Spur der Navajos zu folgen; der Mond war erst später aufgegangen.

Nach vorwärts aber wurden Wachen ausgestellt, denn das erforderte die allgemeine Sicherheit. Das Zelt des Häuptlings war aufgeschlagen worden, damit seine weiße Squaw in demselben schlafen könne. Sie hatte sich wohl auf die Decke hingestreckt, konnte aber aus Sorge für ihren Sohn keine Ruhe finden. Die Luft wurde ihr so schwül im Innern, daß sie nach einiger Zeit wieder aufstand und hinaus in das Freie ging.

Der Mond stand über den Uferbäumen und belächelte sein Bild, welches ihm aus dem hier schmalen, aber ziemlich tiefen Wasser des Flusses entgegenglänzte. Tiefe Stille herrschte ringsumher; nur zuweilen schnaubte eines der Pferde oder schlug mit dem Schwanze nach den Stechmücken, die es hier am Flusse gab; weiter war nichts zu hören. Wirklich weiter nichts? O doch, denn plötzlich klang es im Sechsachteltakte vom andern Ufer herüber:

»Fitifitifiti, fititi, fititi, fititi, fititi, fitifitifiti, fititi, fititi, ti!«

Die Indianer fuhren aus dem Schlafe empor und lauschten erstaunt. War das eine menschliche Stimme oder ein Instrument gewesen? Der Häuptling trat leise zu seiner Frau und fragte:

»Hast du es gehört? So etwas habe ich noch nie vernommen. Was mag es gewesen sein?«

»Es hat jemand die Violine nachgeahmt und einen Walzer geträllert,« antwortete sie.

»Violine? Walzer? Was ist das? Ich weiß es nicht.«

Sie wollte Auskunft geben, kam aber nicht dazu, denn es tönte von drüben herüber:

»Clililililili, lilili, lilili, Clililililili, lilili, lilili, lilili, li!«

»Das ist ja wieder anders!« flüsterte der Häuptling.

»Das war die Klarinette, welche nachgeahmt wurde.«

»Klarinette? Kenne ich nicht. Ich denke, daß da drüben – – –«

[577] »Trärärä tä – – tä – – tä – – trärärä tä – – tä – – tä – –!« wurde er drüben unterbrochen.

»Das war die Trompete,« erklärte die Squaw, welche auch nicht wußte, was sie denken sollte. Und ehe noch der Häuptling antworten konnte, erklang es weiter:

»Tschingtschingtschingtschingbumbum, tschingbumbum, tschingbumbum, tschingtschingtsching tschingbumbum, tschingbumbum bum –!«

»Das war die große Trommel mit dem Messingbecken,« sagte die Squaw, deren Erstaunen von Minute zu Minute gewachsen war.

»Trompete, Trommel, Becken?« fragte der »Große Donner«. »Das sind lauter Worte, welche ich nicht verstehe. Ist vielleicht ein böser Geist da drüben?«

»Nein, es ist kein Geist, sondern ein Mensch.«

»Weißt du das gewiß?«

»Ja. Er ahmt den Klang verschiedener Musikinstrumente mit der Stimme nach.«

»Aber das ist doch nicht Musik der roten Männer!«

»Nein, sondern der Bleichgesichter.«

»Sollte es ein Bleichgesicht sein?«

»Möglich.«

»Aber die sind doch gefangen! Ich werde einige Späher hinübersenden, welche dieses sonderbare Wesen beschleichen sollen.«

Eine Minute später schwammen weiter unten, wo sie von dem sonderbaren Instrumentisten nicht bemerkt werden konnten, vier Navajos über den Strom, stiegen drüben an das Ufer und schlichen sich dann flußaufwärts. Nach kurzer Zeit ertönte ein unterdrückter Schrei und hierauf kamen die Vier, einen menschlichen Körper halb über Wasser haltend, wieder herübergeschwommen. Als sie den Körper auf die Beine gestellt hatten, meldete einer von ihnen dem Häuptlinge:

»Dieses Bleichgesicht ist es gewesen; es lehnte an einem Baume und trommelte sich mit den Fingern auf den Bauch.«

Der »Große Donner« trat an die fremde Gestalt heran, betrachtete sie und fragte:

»Was treibst du hier mitten in der Nacht? Was bist du, und wer sind die, zu denen du gehörst?«

Er hatte halb englisch und halb indianisch gesprochen; der Gefragte verstand ihn nicht, ahnte aber, was man wissen wollte, und antwortete in deutscher Sprache:

»Guten Abend, meine Herren! Ich bin der Herr Kantor emeritus Matthäus Aurelius Hampel aus Klotzsche bei Dresden, was ein berühmter Sommerluftkurort ist. Es liegt an der Dresden-Zittauer und Dresden-Königsbrücker Eisenbahn und hat eine Restauration, in welcher es während der großen Sommersaison jede Woche einen Vortragsabend gibt. Warum haben Sie mich denn in meinem Studium gestört? Ich bin wahrhaftig ganz pudelnaß geworden!«

Die Roten verstanden kein Wort; aber man kann sich das freudige Erstaunen der weißen Squaw denken, als sie die bekannten Laute ihrer Muttersprache hörte. Sie trat eiligst auf den Emeritus zu und rief aus:

»Sie sprechen deutsch? Sie sind ein Deutscher, ein Kantor aus der Dresdener Gegend? Wie in aller Welt kommen Sie denn hierher an den Chellyfluß?«

Nun war das Erstaunen auf der Seite des Herrn Kantors. Er trat einige Schritte zurück und rief aus, indem er die Hände zusammenschlug:

»Die Laute meiner Muttersprache aus diesem Munde! Eine Indianerin, eine echte Indianerin, welche deutsch redet!«

»Sie irren sich; ich bin zwar jetzt die Frau eines Indianers, nämlich des Häuptlings der Navajos, aber von Geburt eine Deutsche.«

»Und Sie haben einen Indianer zum Manne genommen? Wie heißt denn Ihr Herr Gemahl?«

»Nitsas-Ini, der ›Große Donner‹.«

»›Großer Donner‹? Zu dem wollen wir ja!«

»Wirklich? Sie sagen ›wir‹; also sind Sie nicht allein?«

»Bewahre! Wir sind eine ganze Gesellschaft tüchtiger Westmänner und Helden beisammen, Winnetou, Old Shatterhand, Sam ...«

»Kann ich erfahren, wo ihre Gefährten sich jetzt befinden?«

»Sie sind den Nijoras nach.«

»Die wollen uns doch überfallen.«

»Ja, wenn ich mich nicht täusche, glaube ich, dies gehört zu haben.«

»Sie sagen mir da etwas für uns ganz außerordentlich Wichtiges. Wir sind nämlich den Nijoras entgegengezogen, um ihrem Ueberfalle zuvorzukommen.«

»Wie? Ihnen entgegen? Ich glaube, daß Sie sich da auf dem falschen Wege befinden, verehrteste Frau Häuptling.«

»Wieso?«

»Wieso? Weil die sich drüben am linken Ufer befinden.«

»Nicht hier am rechten?«

»Nein.«

»Wirklich nicht? Wissen Sie das auch gewiß? Es kommt uns nämlich sehr viel darauf an, daß Sie sich nicht etwa in einem Irrtum befinden.«

»Ein Irrtum ist gar nicht möglich. Wenn wir Jünger der Kunst einmal etwas wissen, so wissen wir es auch ordentlich und richtig. Wir sind ja eben von den Nijoras überfallen worden.«

»Das weiß ich. Drei von Ihnen haben sich gerettet.«

»Drei? Da denken Sie höchst wahrscheinlich an Buttler, Poller und den Oelprinzen. Die sind uns leider durchgebrannt.«

»Durchgebrannt? Also entflohen? Etwa Ihnen?«

»Ja.«

»Aber sie wollen doch Ihre Gefährten gewesen sein. Wie ist es da möglich, daß sie Ihnen entflohen sein können?«

»Es ist so. Glauben Sie es mir.«

»Das werden Sie mir noch deutlicher erklären müssen. Diese drei Männer erzählten, daß Old Shatterhand mit seiner Gesellschaft noch gefangen gewesen sei, als es ihnen gelang, sich zu retten.«

[578] »Das ist entweder eine Lüge oder ein Irrtum in der Zeitrechnung. Als sie sich davonmachten, waren wir schon längst wieder frei. Haben Sie denn diese drei Personen gesehen?«

»Sogar gesprochen haben wir mit ihnen.«

»Da will ich hoffen, daß Sie sich in acht genommen haben!«

»Warum?«

»Weil das Menschen zu sein scheinen, denen man nicht weiter trauen darf, als man sie sieht. Die haben den Schalk im Nacken, ja ja, den Schalk im Nacken. Es ist ihnen sogar gelungen, mich zu täuschen, mich, der ich ein Sohn der Musen bin. Das will doch gewiß viel heißen, sehr viel! Ich werde Ihnen das schon noch erzählen, Frau Häuptling.«

»Ja, später. Für jetzt möchte ich zunächst wissen, wo Old Shatterhand und Winnetou sich befinden.«

»Das weiß ich nicht.«

»Nicht? Aus Ihren früheren Worten schien aber doch hervorzugehen, daß Sie es wissen müssen!«

»Das mag sein. Aber einesteils bekümmere ich mich nicht eingehend um solche Sachen, weil meine Heldenoper alle meine Gedanken in Anspruch nimmt, und andernteils verhalten sich meine Gefährten nicht so mitteilsam gegen mich, wie Sie anzunehmen scheinen. Es ist dies eine sehr zarte Rücksichtnahme von ihnen, für welche ich ihnen wirklich dankbar sein muß. Sie wollen mich nicht mit diesen profanen Sachen belästigen, da ich weit Höheres zu schaffen habe. Ich weiß also nicht, wo Old Shatterhand und Winnetou sich in diesem Augenblicke befinden; ich kann nur sagen, daß sie hinter den Nijoras her sind. Wenn sie mich mitgenommen hätten, könnte ich Ihnen den Ort, wo man sie jetzt zu suchen hat, genau sagen.«

»Wann sind sie denn von Ihnen fort?«

»Noch vor Mittag heut. Sie haben niemand als nur Schi-So mitgenommen.«

»Schi-So? Was? Meinen Sohn?«

»Ihren Sohn? Wie? Er ist Ihr Sohn?«

»Ja. Wußten Sie das nicht?«

»Nein. Ich wußte nur, daß er der Sohn von Nitsas-Ini sei, ob aber auch der Ihrige, das war mir bis zum gegenwärtigen Augenblicke unbekannt.«

»Aber ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich die Frau des Häuptlings bin!«

»Das stimmt; aber wissen Sie, es ist für einen Jünger der Kunst nicht so leicht, sich in die Verhältnisse einer Familie hineinzudenken, bei der die Mutter weiß, der Vater aber von kupferner Farbe ist. Ich werde es mir aber sehr genau überlegen, und dann ist es sehr wahrscheinlich, daß Sie in meiner Oper einen Platz bekommen, etwa als rote Heldenmutter, denn eine weiße habe ich schon in der Person von Frau Rosalie Ebersbach.«

Der Kantor kam ihr etwas sonderbar vor. Sie schüttelte leise den Kopf und erkundigte sich dann:

»Was thaten Sie denn eigentlich vorhin da drüben, wo Sie sich befanden?«

»Ich komponierte.«

»Das heißt, Sie arbeiteten an Ihrer Oper?«

»Ja. Ich komponierte den Heldeneinzugsmarsch.«

»Aber so laut!«

»Das muß so sein; das geht nicht anders. Ich muß doch hören, wie die einzelnen Instrumente klingen.«

»Aber das kann Ihnen doch sehr leicht das Leben kosten!«

»Fällt ihm nicht ein!«

»O doch! Wie nun, wenn Feinde in der Nähe gewesen wären?«

»Es waren keine da.«

»Wußten Sie das?«

»Ja.«

»Woher?«

»Sam Hawkens hat es gesagt. Darum paßte er auch nicht sehr auf mich auf, und so gelang es mir, mich zu entfernen, ohne daß man acht darauf hatte. Ich ging so weit fort, daß sie mich nicht hören konnten, und probierte da die einzelnen Stimmen des Orchesters durch. Da wurde ich leider plötzlich unterbrochen. Man packte mich von hinten, schnürte mir die Kehle zu, so daß es mit dem Komponieren rein alle war, und transportierte mich hierher. Ich hoffe, daß man mich wieder hinüberschafft!«

»Das wird geschehen. Ist es weit bis zu Ihrem Lager?«

»Nun, eine tüchtige Viertelstunde wird man zu gehen haben, da ich mich so weit entfernen mußte, um nicht gehört zu werden.«

»Und wer befehligt dort?«

»Sam Hawkens hat den Oberbefehl. Old Shatterhand hat nur die Weisung gegeben, daß wir ihnen möglichst schnell auf ihrer Fährte nachfolgen sollten. Bei Anbruch des Abends mußten wir natürlich Lager machen, weil in der Dunkelheit die Fährte nicht zu sehen war.«

»So ist es gut für einstweilen; ich werde jetzt mit meinem Manne sprechen.«

Sie wollte sich nach diesen Worten von ihm abwenden; da hielt er sie am Arme zurück und bat:

»Vergessen Sie nicht, ihm zu sagen, daß ich ein Jünger der Kunst und ein Sohn der Musen bin! Man soll mich ja nicht wieder so durch das Wasser schleppen, wie es vorhin geschehen ist!«

Da trat Wolf, der von fern gestanden und zugehört hatte, zu ihm heran und sagte in barschem Tone:

»Da hätten Sie hübsch daheim bleiben sollen. Musensöhne gehören nicht hierher nach dem wilden Westen!«

»Warum?« fragte der Kantor.

»Weil sie, wenn sie Ihnen nur einigermaßen ähneln, ganz konfuse und verrückte Menschen sind.«

»Oho! Da muß ich denn doch bitten, in einem andern Tone mit mir – – –«

»Schweigen Sie! Was Sie gethan haben, ist eine ganz unverzeihliche Unvorsichtigkeit. Wenn Sam Hawkens geglaubt hat, daß keine Feinde hier sein können, so ist das ein Irrtum gewesen. Daß Sie sich aber aus dem Lager entfernt haben, ohne um Erlaubnis zu fragen, das konnte Ihnen allen leicht das Leben kosten. Wie nun, [579] wenn an unsrer Stelle sich die Nijoras hier befunden hätten?«

»Die sind drüben am linken Ufer!«

»Sie könnten auch herübergegangen sein. Dann wären Sie verloren gewesen. Uebrigens können wir Ihre Aussagen gar nicht als maßgebend betrachten. Wir sind gezwungen, einige Kundschafter fortzuschicken, um zu erfahren, was von Ihren Darlegungen falsch und was richtig ist.«

»Es ist alles richtig! Ich gebe Ihnen mein Wort darauf.«

»Ihr Wort gilt gar nichts. Sie kommen mir so verworren vor, daß ich diejenigen nicht beneide, welche sich mit Ihnen zu befassen haben. Wer weiß, was für Unheil schon von Ihnen angerichtet worden ist!«

»Nicht das geringste! Von der Kunst kann überhaupt nur Heil und Segen kommen.«

»Aber von ihren Jüngern nicht, wenn sie Ihnen gleichen.«

»Das ist eine Beleidigung, Herr! Wer sind Sie denn eigentlich? Sie reden deutsch. Sind Sie etwa ein Landsmann von mir?«

»Ja.«

»So sollten Sie höflicher sein. Wenn sich Landsleute so fern von der Heimat treffen, so sollten sie sich freuen, aber nicht einander ärgern!«

»Da haben Sie recht. Aber wer sich über so einen Konfusionsrat, wie Sie sind, nicht ärgert, der muß ein Engel sein. Sie bringen nicht nur die Sicherheit, sondern das Leben Ihrer Gefährten in Gefahr, und das geht mich auch etwas an, denn, wenn ich mich nicht irre, befindet sich bei Ihnen eine Person, welche meinem Herzen sehr nahe steht.«

»Wer könnte das sein? Etwa Frau Rosalie Ebersbach?«

»Unsinn! Ist nicht ein junger Deutscher bei Ihnen, welcher Wolf heißt?«

»Jawohl, Adolf Wolf.«

»Nun, ich heiße auch Wolf.«

»Ah, da sind Sie vielleicht gar der Onkel?«

»Woher vermuten Sie das?«

»Weil ich weiß, daß er zu seinem Onkel will. Sie heißen auch Wolf und sagen, daß er Ihrem Herzen nahe steht; da denke ich natürlich, daß er der Neffe ist.«

»So ist es auch. Da haben Sie gezeigt, daß Sie doch auch einmal logisch denken können, und das soll mich mit Ihnen aussöhnen. Setzen Sie sich nieder! Sie werden hier warten müssen, bis die Kundschafter zurück sind. Ich gehe selbst mit ihnen.«

Nun verdolmetschte er den Indianern, was er von dem Kantor erfahren hatte, und es wurde dann beschlossen, daß er mit noch zwei Roten über den Fluß schwimmen sollte, um das Lager der Weißen aufzusuchen.

Die drei waren gute Schwimmer; sie kamen leicht und schnell hinüber und wendeten sich dann links, um leise am Wasser hinschleichend, sich dem Lager zu nähern. Sie waren noch gar nicht weit gekommen, so hörten sie Schritte, welche sich ihnen näherten. Schnell versteckten sie sich hinter einige Büsche. Die Personen, welche kamen, sprachen miteinander, doch nicht laut. Wolf sah, als sie herangekommen waren, daß es zwei waren; sie blieben halten und lauschten.

»Das is doch wirklich een schrecklicher Mensch,« sagte der eine. »Der hat wahrhaftig gar keen bißchen Sitzefleesch; sobald wir Lager machen, schleicht er sich off und davon. Nu müssen wir uns in alle Richtungen komprimieren, [580] um ihn zu finden, und dürfen doch nich laut nach ihm rufen, weil een Ohr da herum schtecken könnte, was keene angenehmen Gesinnungen für uns im Busen trägt. Wenn wir ihn gefunden haben, so hängen wir ihn an. Meenste nich ooch, alter Droll?«

»Ja,« stimmte der andre bei. »Die Oper, die er mache will, is verrückt, und er selber is noch viel verrückter. Der kann uns noch in großen Schaden bringe. Es wird wirklich nich anders; wir müssen ihn anhänge!«

Wolf hörte, daß er es mit Deutschen zu thun hatte, und grüßte hinter seinem Busche hervor:

»Guten Abend, meine Herren, es freut mich sehr, Landsleute hier zu treffen.«

Aber er sah die beiden schon nicht mehr, er hörte nur das Knacken ihrer Gewehrhähne. Sie waren gleich beim ersten Worte, welches er gesprochen hatte, wie in den Erdboden hinein verschwunden.

[589] »Wo sind Sie hin?« fuhr Wolf fort. »Aus Ihrem Verhalten und Ihrer Schnelligkeit ersehe ich, daß Sie gute Westmänner sind; aber Ihre Vorsicht ist hier unnötig. Sie hören ja, daß ich auch deutsch spreche.«

»Das zieht bei uns nich,« lautete die Antwort hinter einem Gesträuch heraus. »Es gibt mehrschtenteels Schurken, die ooch zuweilen deutsch reden können.«

»Ich bin aber ein wirklicher Deutscher!«

Als er sich dann in kurzen Worten als Adolf Wolfs Onkel legitimiert und über das Zusammentreffen mit dem Kantor berichtet hatte, rief Hobble-Frank:

»Alle Wetter, is das so! Da is es gut, daß wir eenander nich erschossen haben! Also sind Sie der Onkel von Adolf Wolf? Da krauchen Sie doch mal nich länger dort im Busch herum, sondern kommen Sie raus, Sie alter deutscher Napoleum!«

»Gern; vorher aber noch ein Wort. Es sind zwei Navajokrieger bei mir. Wie werden Sie sich zu ihnen verhalten?«

»So freundlich, als ob sie meine zwee eenzigen Patenkinder wären. Die Navajos sind doch unsre Freunde!«

»Gut, so kommen wir!«

[590] Er trat mit den beiden Roten aus seinem Verstecke hervor und die beiden andern tauchten auch wieder wie aus der Erde auf. Der eine reichte ihm die Hand entgegen und sagte:

»Jetzt können wir off Ihren Gruß antworten. Guten Abend also und willkommen unter Freunden. Und damit Sie wissen, wer wir sind: Ich bin Herr Heliogabalus Morpheus Edeward Franke, genannt der Bärenjäger Hobble-Frank. Und hier mein Freund und Kamerad is die sogenannte Tante Droll, alias Herr Sebastian Melchior Pampel.«

»Es freut mich, zwei so tüchtige Westmänner persönlich kennen zu lernen. Wollen Sie mich nach Ihrem Lager führen?«

»Sehr gerne. Erlauben Sie mir, Ihr Cicero zu sein, aber sagen Sie mir dabei, wo eegentlich nun unser Kantor schteckt!«

»Er befindet sich in unserm Lager,« antwortete Wolf, »wir mußten ihn so lange festhalten, bis wir erfahren hatten, zu wem er gehörte.«

»Das kann ich Ihnen sagen: Unter die Narren gehört er. Der Mann hat uns schon sehr viel Unannehmlichkeeten und Emballagen bereitet.«

Als sie den Lagerplatz erreichten, befanden sich nur die Auswanderer mit ihren Frauen und Kindern dort; die andern waren fortgegangen, um nach dem Kantor zu suchen.

»Wie benachrichtigen wir sie nur?« fragte Frank. »Wir können sie doch nich holen, weil wir nich wissen, wo sie schtecken.«

»Schießen Sie ein Gewehr ab,« riet Wolf. »Da werden sie gleich kommen.«

»Aber es könnten doch feindliche Menschen sich in der Nähe befinden; die würden wir durch den Schuß anlocken.«

»Nein. Nun, da ich unser Lager und das Ihrige kenne, weiß ich sehr genau, daß wir nichts zu befürchten haben.«

Auf dieses Wort hin schoß Frank sein Gewehr ab. Dann horchten sie, ob sich das Geräusch der Nahenden bald hören lassen werde.

Die Auswanderer betrachteten die drei Ankömmlinge mit neugierigen Blicken; sie hatten vor den beiden Indianern erschrecken wollen, wurden aber durch den Umstand, daß Frank sie gebracht hatte, schnell beruhigt. Der Schuß brachte die beabsichtigte Wirkung hervor. Die Abwesenden kehrten in kurzer Zeit einer nach dem andern zurück. Es läßt sich denken, wie entzückt Adolf Wolf war, als sein Oheim sich ihm zu erkennen gab. Es gab eine Scene der Freude und der Rührung, an welcher auch die andern alle herzlichen Anteil nahmen. Gern hätten dann Onkel und Neffe sich von ihnen abgesondert, um über die Heimat, die Verwandten und über alles zu sprechen, was ihnen auf dem Herzen lag, doch gab es keine Zeit dazu; die Gefühle der einzelnen Personen mußten zurücktreten vor der Gefahr, in welcher sich alle befanden. Und da Wolf in diesem Augenblicke der Vertreter der Navajos war, so wurde er jetzt als solcher vor allen Dingen in Anspruch genommen.

Es waren ihm die Namen sämtlicher Anwesenden genannt worden, und er wendete sich zunächst an den Bankier:

»Wenn ich mich nicht irre, wurdet Ihr mir als Mr. Rollins aus Arkansas bezeichnet. Ist es so?«

»Ja, Sir,« antwortete der Gefragte.

»Seid Ihr etwa der Bankier dieses Namens?«

»Ja.«

»Habt eine Oelquelle gekauft?«

»Leider ja, die aber keine Oelquelle war.«

»Dachte es mir. Seid beschwindelt worden.«

»Und wie! Leider sind uns die drei Kerle entkommen. Ich hoffe aber, daß wir sie noch einholen werden.«

»Wollt sie also nicht laufen lassen?«

»Nein. Sie haben ja meine Anweisung bei sich und wollen nach Frisco hinunter, um sie dort in Gold umzusetzen.«

»Wenn's nur das ist, so laßt sie immer laufen!«

»So? Das ratet Ihr mir? Wie kommt Ihr auf diesen Gedanken?«

»Aus diesem Grunde hier. Wollt Ihr einmal sehen, was dies ist?«

Er zog einen Gegenstand aus der Tasche und reichte ihn Rollins hin. Als dieser einen Blick darauf geworfen hatte, rief er in froher Ueberraschung aus:

»Sir, was sehe ich da! Das ist ja meine Unterschrift, die Anweisung, welche ich in Grinleys Händen glaubte!«

»Wie Ihr seht, habt Ihr Euch da geirrt; er besitzt sie nicht mehr.«

»Sie ist's; sie ist es wirklich. Nun ist alles gut; nun habe ich diesen Verlust nicht mehr zu befürchten; das, was es mich bisher gekostet hat, will ich gar nicht rechnen.«

Dann mußte Wolf erzählen, wie er in den Besitz dieser Schrift gekommen sei.

Er that dies in kurzer Weise; als er dann sagte, daß Grinley, Buttler und Poller wieder umgekehrt seien, fragte Sam Hawkens:

»Wollen die Kerle etwa hinter Euch her, Mr. Wolf?«

»Natürlich, sie wollen die Gelegenheit, wenn ich mich einmal allein von den andern entferne, abwarten und mich überfallen, um mir das Papier wieder abzunehmen.«

»So ist es; so denke ich es mir auch. Soll ihnen aber nicht nur nicht gelingen, sondern sie werden sich dadurch in unsre Hände liefern.«

»Das hoffe ich auch.«

»Und dann werden wir kurzen Prozeß mit ihnen machen. Wenigstens entlaufen sollen sie uns gewiß nicht wieder. Wo habt ihr euch heut gelagert?«

»Eine Viertelstunde abwärts von hier am jenseitigen Ufer.«

»Denkt ihr, daß sie euch nahe sind?«

»Nein. Sie haben unsrer Fährte nur so lange, als es Tag war, folgen können; dann mußten sie warten. Wir haben also einen ziemlichen Vorsprung vor ihnen.«

»Schön, so fangen wir sie morgen.«

»Oder auch nicht!«

»Warum nicht?«

[591] »Weil wir da mit den Nijoras zu thun bekommen werden.«

»Hm, das ist wahr. Möchte wissen, was diese Halunken vornehmen werden, wenn sie euer voriges Lager erreichen und da sehen, daß die Vögel, die sie fangen wollten, ausgeflogen sind.«

»Das ist doch leicht zu denken.«

»Meint Ihr? Ich glaube es nicht.«

»Sie werden natürlich über den Fluß gehen und uns folgen.«

»Für so dumm halte ich Mokaschi nicht.«

»Dumm? Wieso würde dies eine Dummheit sein?«

»Weil ihr ihm weit überlegen seid. Er hat dreihundert Krieger bei sich und wird Kundschafter voransenden, welche euer Lager beobachten sollen. Wenn sie sehen, daß es verlassen ist, werden sie hinreiten, um das Terrain genau in Augenschein zu nehmen. Sie müßten blind sein, wenn sie da nicht sähen, daß ihr die doppelte Anzahl von Männern seid. Das melden sie dem Häuptling, und da wird er sich wohl hüten, seine Absicht, euch anzugreifen, auszuführen.«

»Und was meint Ihr, was er dann thun wird? Verzichten?«

»Nein. Er wird sich zurückziehen und eilende Boten heimsenden, welche Nachschub holen müssen. Ist dieser angekommen, dann geht er wieder angriffsweise vor.«

»Und uns soll er da die Dummheit zutrauen, so lange zu warten, bis er seine Krieger verdoppelt hat? Nein, nein, Mr. Hawkens; ich bin da ganz andrer Ansicht als Ihr.«

»So laßt sie hören! Nur wenn jeder seine Meinung sagt, kann man zur richtigen Klarheit kommen.«

»Die Sache liegt ganz anders, als Ihr annehmt. Euer Oelprinz hat uns belogen, indem er sagte, daß die Nijoras am rechten Flußufer abwärts kämen; die Absicht, die ihn dabei geleitet hat, ist leicht zu durchschauen.«

»Well. Er hat den Kampf zwischen den Navajos und Nijoras hinausschieben wollen, um Zeit zur Ausführung seines Vorhabens zu bekommen.«

»So ist es. Die Nijoras reiten am linken Flußufer hinab, um die Navajos zu überrumpeln, und diese reiten am rechten Ufer aufwärts, um jenen zuvorzukommen. Das ergibt ein Such- und Versteckensspiel, bei welchem gewiß so viel Zeit vergeht, als er braucht, um wieder zu seiner Anweisung zu kommen. Davon wissen aber die Nijoras nichts. Sie ahnen nicht, daß der Oelprinz bei uns gewesen ist und uns diese Lüge gesagt hat. Sie finden unser Lager verlassen; sie sehen unsre Fährte und werden derselben ungesäumt folgen, um plötzlich, wenn wir dies gar nicht ahnen, von hinten über uns herzufallen. Ein so ungeahnter Angriff, ein solcher Ueberfall vom Rücken her gleicht den Zahlenunterschied vollständig aus. Das werdet Ihr mir zugeben.«

»Kann nichts dagegen sagen; denke aber doch, daß sie sich hüten werden, das zu thun, was Ihr von ihnen annehmt. Uebrigens gibt es hier einen Umstand, den wir mehr als alles andre in Berechnung ziehen müssen.«

»Und der ist?«

»Old Shatterhand und Winnetou, welche uns mit Schi-So vorangeritten sind.«

»Daß dies geschehen ist, das habe ich erfahren; aber warum sie es gethan haben, das weiß ich noch nicht. Sie wollten wohl die Nijoras beobachten?«

»Eigentlich nicht. Einer solchen Beobachtung bedurfte es nicht, weil es als sicher anzunehmen war, daß sie direkt zu den Navajos reiten würden. Diese mußten von dem bevorstehenden Ueberfalle benachrichtigt werden.«

»Ah, so wollten die drei zu uns?«

»Ja.«

»Da mußten sie aber doch von den Nijoras gesehen werden, die sich zwischen uns und den dreien befanden!«

»Nein, denn Old Shatterhand beabsichtigte, einen Bogen zu reiten. Er und Winnetou haben die besten Pferde des ganzen Westens, und für Schi-So wurde von den andern Tieren das schnellste ausgewählt. Es stand also zu erwarten, daß sie die Nijoras rechtzeitig überholen würden.«

Da machte Wolf ein bedenkliches Gesicht und sagte:

»Es ist mir nicht lieb, daß sie auf den Gedanken gekommen sind, dies zu thun. Es war gar nicht notwendig, uns zu benachrichtigen.«

»Aber doch gewiß! Eure Kundschafter waren ergriffen worden; sie konnten euch also keine Nachricht bringen.«

»Aber unsre Posten waren aufmerksame Leute; sie hätten den anrückenden Feind gewiß bemerkt. Nun müssen wir grad auf die beiden Männer, auf welche wir uns sonst am meisten hätten verlassen können, verzichten, auf Winnetou und auf Old Shatterhand.«

»Verzichten? Das sehe ich denn doch nicht ein.«

»Aber gewiß. Wenn es ihnen auch gelingt, die Nijoras zu umreiten und ihnen zuvorzukommen, so treffen sie uns nicht an; sie finden das Lager verlassen und wissen nicht, was sie nun thun sollen. Hinter sich haben sie die Feinde, und wir sind fort. Sie werden dastehen und sich ansehen und ganz verwundert mit den Köpfen schütteln.«

Da lachte Sam Hawkens laut auf und rief:

»Dastehen, sich angucken, die Köpfe schütteln? Hihihihi! Was fällt Euch denn ein, Mr. Wolf! Ihr behauptet, diese beiden berühmten Männer zu kennen, und kennt sie doch ganz und gar nicht. Ich sage Euch, sie werden nicht dastehen, sich auch nicht ansehen und noch viel weniger verwundert die Köpfe schütteln. Ich möchte wissen, wann oder von wem sich einer von ihnen jemals hätte verblüffen lassen! Wenn Ihr das von ihnen denkt, so könnt Ihr mir leid thun, herzlich leid!«

»Ihr nehmt das, was ich gesagt habe, viel zu scharf, Mr. Hawkens. Ja, ich kenne diese beiden Männer, das darf ich gar wohl behaupten; und ich weiß, was sie geleistet haben und noch leisten können; es kommt eben kein andrer Westmann über sie. Aber sie sind doch auch nur Menschen, und es gibt Lagen, in denen selbst ein Ausbund von Klugheit Fehler machen würde.«

»Die zwei aber nicht; das sage ich Euch. Man [592] hätte wirklich oft denken mögen, daß sie allwissend seien. So eine Divinationsgabe, wie sie besitzen, habe ich noch nie bei einem andern Menschen bemerkt. Sie besitzen ein Ahnungsvermögen, welches fast an das Hellsehen streift. Das ist ihnen natürlich angeboren und durch viele, viele Uebung vergrößert und verfeinert. Ich bin überzeugt, daß sie trotz der vielen Eindrücke, welche eure Pferde beim Verlassen des Lagers gemacht haben, doch noch die Spuren von Grinley, Poller und Buttler entdecken. Sie werden sehen, daß diese hinter euch her sind, und wer weiß, was sie dann thun. Vielleicht etwas, woran kein andrer Mensch denken würde. Doch, da fällt mir ein: wir haben noch nicht von Khasti-tine und dem andern fehlenden Kundschafter gesprochen. Wißt ihr nicht, wo sie eigentlich stecken?«

»Ja.«

»Nun?«

»Es wurden zehn Kundschafter ausgesandt; acht sind bei den Nijoras gefangen; die beiden übrigen aber wurden ermordet.«

»Von wem?«

»Von den Nijoras natürlich.«

»Das vermutet ihr?«

»Wir vermuten es nicht bloß, sondern wir wissen es.«

»Von wem?«

»Von eurem Oelprinzen.«

»Ah! Der hat es euch gesagt?«

»Ja.«

»Und ihr habt es geglaubt?«

»Gewiß. Warum sollten wir es nicht glauben? Sie sind als Späher gegen die Feinde ausgezogen und von ihnen ertappt und erschossen worden. Das ist doch sehr einfach.«

»Nicht so einfach, wie ihr denkt. Ich habe doch gehört, daß besonders Khasti-tine ein ausgezeichneter Späher gewesen sein soll?«

»Nicht nur das. Er war trotz seiner Jugend ein Meister im Kundschaften.«

»So! Und da ist es euch nicht aufgefallen, daß er jetzt, wo er sich nicht allein befand, sondern neun Gefährten bei sich hatte, so unvorsichtig gewesen sein soll, sich erwischen zu lassen?«

Wolf sah Sam forschend in das Gesicht und fragte dann:

»Was beabsichtigt Ihr denn eigentlich mit Euren Worten?«

»Euch auf die Wahrheit zu bringen. Die Nijoras haben Eure Späher nicht getötet.«

»Wer denn?«

»Der Oelprinz.«

»Der – Oelprinz?« wiederholte Wolf im Tone des absolutesten Unglaubens.

»Ja, der Oelprinz,« bestätigte Sam.

»Das ist ein Irrtum. Wer hat Euch das weisgemacht?«

»Hört, Mr. Wolf, Sam Hawkens läßt sich nicht so leicht etwas weismachen!«

»Mag sein; so seid Ihr erbittert gegen den Oelprinzen, und diese Erbitterung hat Euch auf eine ungerechtfertigte Vermutung, auf eine falsche Berechnung gebracht.«

»Ich habe weder etwas vermutet noch etwas berechnet, sondern meine Behauptung gründet sich auf Thatsachen.«

»Alle Donner! So redet doch! Was sind das für Thatsachen?«

»Khasti-tine hat seine Sache ganz ausgezeichnet gemacht. Er beschlich den Häuptling der Nijoras so vortrefflich, daß dieser unbedingt in seine Hände fallen mußte; da aber kam ein andrer, ein ganz Unbeteiligter dazu und schoß ihn und seinen Gefährten hinterrücks nieder.«

»Und dieser Mörder soll – soll – euer Oelprinz gewesen sein?«

»Soll es nicht gewesen sein, sondern ist es gewesen.«

»Beweist es mir; beweist es!«

»Nichts ist leichter als das. Es waren Zeugen dabei, zwei Männer, die es verhindern wollten, aber nicht verhindern konnten, weil es zu schnell geschah. Und diese Zeugen sitzen hier bei uns.«

»Hier?« fragte Wolf, indem sein Blick suchend im Kreise herumging.

»Ja. Mr. Rollins und Mr. Baumgarten sind's. Fragt sie nur; laßt es Euch von ihnen erzählen.«

Er wollte es doch noch nicht glauben; aber als der Bankier [593] ihm den Vorgang genau und bis in das Einzelnste berichtet hatte, konnte er nicht länger zweifeln und rief nun um so grimmiger aus:

»Also dieser Kerl, dieser Schurke ist es wirklich gewesen! Und den haben wir bei uns gehabt! Er hat sich in meiner unmittelbaren Nähe befunden, so daß ich ihm das Messer in das Herz hätte stoßen können. Und wir haben nichts geahnt, nichts, gar nichts!«

»Ja, sogar bewaffnet habt ihr die Leute, hihihihi!« lachte Sam in seiner sonderbaren Weise. »Habt das sehr gut gemacht, wirklich außerordentlich gut!«

»Schweigt, Mr. Hawkens! Konnte man an so etwas denken? Ist so eine Frechheit für möglich zu halten? Kann ein Mensch, der unsre Kundschafter ermordet, sich dann zu uns wagen und Unterstützung von uns verlangen?«

»Daß es möglich ist, habt Ihr soeben erfahren. Gut nur, daß Ihr die Anweisung zurückbehalten habt. Den Kerl selbst freilich habt Ihr laufen lassen, ihn mit samt seinen beiden Helfershelfern.«

»Ja, das habe ich leider; aber ich bin überzeugt, daß dies nur für einstweilen gilt. Sie werden uns, und zwar vielleicht schon morgen, wieder in die Hände laufen.«

»Hm!« brummte Sam.

»Was brummt Ihr dazu?«

»O, ich wollte damit nur sagen, daß oft nicht alles so geschieht, wie man es wünscht.«

»Pshaw! Die Kerle sind ja hinter uns her und wir brauchen also nichts, gar nichts zu thun, als auf sie zu warten.«

»Ganz richtig! Aber wenn ihr nun nicht warten könnt? Es kann leicht etwas geschehen, was euch anderweit vollständig in Anspruch nimmt. Oder der Oelprinz kann sich besinnen und umkehren.«

»So jagen wir ihm nach und ruhen nicht eher, als bis wir ihn erwischen! Ich werde ihm morgen einige Kundschafter entgegenschicken, um darüber Gewißheit zu bekommen, ob er uns wirklich folgt oder nicht.«

»Und er sieht diese Kundschafter und macht sich aus dem Staube.«

»Das gewiß nicht, denn ich suche die besten meiner Leute aus. Also der, der ist der Mörder von Khasti-tine! Das muß der Häuptling erfahren, und zwar sofort! Er wartet überhaupt auf Nachricht. Ich muß ihn mit Euch zusammenbringen, damit wir uns wegen morgen beraten können. Wollt Ihr mitgehen?«

»Nein,« antwortete Hawkens. »Er mag kommen.«

»Aber bedenkt, daß er ein bedeutender Häuptling ist! Er darf wohl erwarten, daß Ihr so höflich seid, ihn aufzusuchen!«

»Wie? Was? Seid Ihr so weit verindianert, daß Ihr einen Roten für höher und besser erachtet, als einen Weißen?«

»Das nicht, aber er ist Häuptling.«

»Schön! Er ist der Anführer seiner roten Männer, und ich bin heut Anführer dieser weißen Ladies und Gentlemen. Ich darf überhaupt nicht fort, selbst wenn ich wollte.«

»Warum nicht?«

»Als Old Shatterhand heut mit Winnetou und Schi-So fortritt, sagte er mir, er würde mir den Ort, wo wir des Nachts lagern sollten, durch das Umknicken von drei jungen Baumstämmchen bezeichnen. Wir sind seiner Spur gefolgt und gegen Abend auf dieses Zeichen getroffen. Da haben wir zu bleiben.«

»Aber warum?«

»Er hat gewünscht, daß wir uns in dieser Nacht hier befinden. Nach seinen Gründen habe ich ihn nicht gefragt; jedenfalls aber hat er welche, und wenn so ein Mann Gründe hat, so sind sie gewiß gut und man hat sie zu achten. Es ist vielleicht gar möglich, daß er kommt.«

»Heute nacht?«

»Ja.«

»Das kann er nicht.«

»O, der kann, was er will!«

»Aber wenn er nach unserm letzten Lager geritten ist und dabei gezwungen war, einen Bogen um die Nijoras zu schlagen, so kann er in dieser Nacht nicht hier sein.«

[594] »Geht mich gar nichts an. Er hat seinen Grund gehabt, mir diesen Ort hier anzuweisen, sonst wäre es ja gar nicht nötig gewesen, mir eine Stelle zu bezeichnen. Wir dürfen nicht von hier fort. Schickt also nach dem ›Großen Donner‹; er mag kommen!«

»Wie Ihr wollt; ich will nicht in Euch dringen.«

Er erteilte den beiden Indianern, welche mit ihm gekommen waren, den Auftrag, ihrem Häuptlinge die betreffende Meldung zu machen, und sie huschten vom Lagerfeuer fort, um diesen Befehl auszuführen.

[603] Die Unterhaltung war bis jetzt in englischer Sprache geführt worden und da die deutschen Auswanderer derselben nicht mächtig waren, wußten sie nicht, wovon die Rede gewesen war. Darum bat Frau Rosalie den Hobble-Frank, ihr das Nötige mitzuteilen. Er that dies in deutscher Sprache. Als Wolf dies hörte, ging er auch vom Englischen auf das Deutsche über und machte hier und da einige Bemerkungen zu Franks Erklärungen.

Der Hobble schien ihm überhaupt zu gefallen. Es flogen Fragen und Antworten zwischen ihnen hin und her; das ernste Gesicht Wolfs erheiterte sich bei den sonderbaren Ausdrücken Franks immer mehr und endlich rief er lachend aus:

»Sie sind also wirklich das Original, wie es mir beschrieben worden ist. Ich wollte es nicht glauben.«

»Beschrieben worden? Von wem denn?« fragte der kleine Mann.

»Von Old Shatterhand.«

»Hat er sich dabei eenes mündlichen oder eenes schriftlichen Tones bedient?«

»Mündlich natürlich, mündlich.«

»Und wie hat er mich da genannt? Een Original?«

»Ja, oder wenigstens so ähnlich.«

»Aehnlich? Danke sehr vor Wurschtfett ohne Majoran! Ich bin nich ähnlich; ich bin überhaupt keenem Menschen ähnlich. Was ich bin, das bin ich ooch richtig, das bin ich ganz. Und wenn mein verehrter Old Shatterhand mich een Original genannt hat, so will ich es ooch sein, denn das is eene Ehre für mich. Es gibt unter zehn Menschen kaum drei oder viere, die man Originalersch [604] nennen könnte, denn nich jedermann hat den Origines schtudiert.«

Da blickte Wolf verwundert auf und fragte:

»Sie bringen den mit dem Worte Original zusammen?«

»Selbstverschtändlich!«

»Das ist ein Irrtum, Herr Franke!«

»Bitte, bewegen Sie sich ja nich in tiefern Luftschichten, während ich mit meiner Wissenschaft am höchsten Firmamente hinsegle! Ich kenne den Origines ganz genau – – –«

»Origenes wollen Sie sagen,« unterbrach ihn Wolf.

»Fällt mir nich im Troome ein!«

»Aber es heißt doch so, Origenes!«

»Das is eene ganz grundlose Vermutung Ihres irrtümlichen Gedankensystems. Origines war zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft der berühmteste Brillenfabrikant und zugleich noch das berühmteste Original. Seit jener Zeit werden alle originale Menschen nach ihm benannt, ohne daß sie gerade ooch Brillenmacher oder Optikusse zu sein brauchen.«

»Ich glaube aber behaupten zu müssen, daß Origenes ein berühmter Kirchenlehrer gewesen ist. Es gab auch noch einen andern Origenes, welcher Philosoph war.«

»So? Gab es denn nich ooch noch eenen dritten Origines, der Velocipedist gewesen ist? Es is doch höchst eegentümlich, daß, sobald zwee Deutsche sich zum erschten Male treffen, allemal die gelehrten Reibereien losgehen! Das is wirklich nur bei den Deutschen der Fall, denn es is mir noch niemals vorgekommen, daß mir een Araber oder Chinese widersprochen hat. Die haben mich schtets reden lassen!«

»Gut, so werde ich dasselbe thun,« lachte Wolf.

»Das is sehr weise von Ihnen gehandelt, denn dadurch erschparen Sie sich wissenschaftliche Demütigungen, denen Ihr kindlicher Geist noch nich gewachsen is. Schpäter, wenn wir uns erscht 'mal über die Schöpfung im allgemeenen und im besondern geeenigt haben werden, werde ich Ihnen een paar Bücher borgen, aus denen Sie die Anfangsgründe der diätetischen Weltanschauung kennen lernen können, wenn Sie Anlage dazu besitzen und sich die gehörige Mühe geben. Bis dahin aber wollen wir lieber von Dingen schprechen, welche nich so angreifend für Ihr sanftes Gehirn sind. Wenn Sie sich mit mir unterhalten wollen, so bin ich gar nich abgeneigt dazu, denn die wahre Bildung und Improvidenz beschteht darin, daß man sich mit Vergnügen zu dem geistig Schwächeren herunterläßt; aber da müssen wir een Thema suchen, wozu Ihr Nervensystem mehr heitere Minorität besitzt, als zu solchen hohen metallischen Konflikten.«

»Gut, Herr Franke,« lächelte Wolf. »Ist es Ihnen recht, wenn wir von dem reden, was uns am nächsten liegt, also von den Indianern?«

»Da schtimme ich bei, obwohl ich ooch da überzeugt bin, daß Sie mit Ihren Ansichten in die Käse fliegen.«

»In die Käse? Wieso oder warum?«

»Weil es Ihnen jedenfalls ooch da an der ausgedehnten Erfahrung und Expansation mangelt.«

»Expansion, meinen Sie?«

»Nee, ich meene Expansation. Sie müssen sich das een für alle Male merken, daß ich es schtets so meene, wie ich es sage. Wer es anders meent, der is keen Ehrenmann, ooch in Beziehung off die Fremdwörter nich!«

»Gut! Also Sie behaupten, daß es mir in Beziehung auf die Indianer an der Erfahrung mangelt?«

»Ja.«

»Ich weiß aber, daß ich mich schon weit länger im Westen befinde, als Sie.«

»Das thut nischt. Schtecken sie heut eenen fein dressierten arabischen Hengst in eenen Eselsschtall, so wird der Esel ooch denken oder gar sagen, er is länger da. Die Zeit thut's nich, sondern der Geist, das is die Hauptsache. Sie sind nur körperlich hier gewesen; ich aber habe meinen ganzen Geist in die indianischen Verhältnisse versenkt, und zwar so tief, daß ich ihn beinahe nich wieder herausgebracht hätte.«

»Er wollte also darin stecken bleiben?«

»Unsinn! Mein Geist bleibt niemals schtecken! Nee, er wollte durch, ganz durch, mitten durch und off der andern Seite wieder 'naus. Das wollte ich aber nich, weil ich doch nich wußte, wo ich da hingeraten würde. Ja, so is es; ich habe die Indianer förmlich schtudiert. Was für welche kennen denn Sie?«

»Alle Stämme, die hier in dieser Gegend wohnen.«

»Nur? Da reichen Sie mir mit Ihrer ganzen, langen Geschtalt nich 'mal 'rauf bis an meine Hosentasche. Ich bin bis hinauf zum Nationalpark gewesen, nämlich mit Old Shatterhand und Winnetou. Da haben wir ganz andre Schtudien machen können und ganz andre Indsmen kennen gelernt.«

»Ja, ich weiß es; ich habe es gehört. Sie haben es damals mit den Sioux zu thun gehabt.«

»Sogar mit den Ogallellah!«

»Die sind wohl schlimmer als die hiesigen Roten?«

»Schlimmer? Hm! Dieses Ausdruckes mag ich mich überhaupt nich bedienen. Für eenen tüchtigen Weißen is überhaupt keen Indianer schlimm; er haut sie alle in die Pfanne, wenn er nämlich wilde wird. Unsereenem gegenüber is es ganz gleich, ob's een Apache oder een Comanche oder een Dakota is, sie sind doch alle weiter nischt als bloße Senfindianer.«

»Senfindianer? Wieso?«

»Das wissen Sie nich?«

»Nein.«

»Na, da sagen Sie nun nich mehr, daß Sie die Indianer kennen!«

»Aber, Herr Franke, von einem Senfindianer habe ich wirklich noch nichts gehört.«

»Nich? Da hört doch alles off! Es gibt nich nur eenen, sondern sogar zwee Senfindianer. Und da kennen Sie wirklich keenen davon?«

»Nein.«

»Weder den alten noch den jungen?«

»Nein. Vielleicht sind Sie so gut, mich aufzuklären.«

»Ja, ich will die Güte haben.«

[605] »Wo leben denn diese beiden Senfindianer?«

»Das thut gar nischt zur Sache; es genügt für Sie, zu wissen, daß sie in Washington gewesen sind.«

»In Washington? So?«

»Ja, beim großen, weißen Vater. Sie wissen vielleicht, wer mit diesen Worten gemeent sein soll?«

»Ja. Die Indianer pflegen den Präsidenten der Vereinigten Staaten den ›großen, weißen Vater‹ zu nennen.«

»Richtig! Wie ich höre, sind Sie doch nich ohne alle Anlage zur Wissenschaft. Also diese beeden Indianer waren von ihrem Schtamme nach Washington gesandt worden, um dem großen, weißen Vater eenige Wünsche des Schtammes vorzutragen. Als Gesandtschaft mußten sie nobel und rücksichtsvoll behandelt werden, und darum wurden sie des Abends zum Supper, zum Abendessen beim Präsidenten eingeladen. Sie saßen da nebeneenander ganz unten an der Tafel, die fast zusammenbrach vor Flaschen, Schüsseln und Tellern, die darauf schtanden. Da gab's Schpeisen, die sie im Leben noch nich gesehen, noch viel weniger aber gegessen hatten; dabei lagen die Messer, Gabeln und Löffel, und sie mußten achtgeben, wie sie sich dabei zu benehmen hatten. Da raunte der Alte dem Jungen listig zu: ›Mein junger Bruder mag mit mir offpassen, wovon die weißen Gäste am wenigsten nehmen; das ist die teuerste und köstlichste Schpeise; da langen wir tüchtig zu.‹

Sie gaben also acht und bemerkten, daß am allerwenigsten genommen wurde von einer braunen Schpeise, die auf silbernen Untersetzern in kleenen, feinen Gläsern schteckte. In jedem Gläschen gab es eenen kleenen Löffel, der aus Schildkrötenschale gemacht war. Da meente der Alte wieder zu dem Jungen: ›In diesen Gläsern befindet sich das teuerste und köstlichste Gericht. Mein junger Bruder kann een solches Glas mit seiner Hand erreichen; er mag sich zuerst von der Schpeise nehmen.‹

Der junge Indianer zog sich das Glas herbei, nahm eenen gehäuften Löffel voll und rasch darauf noch eenen zweeten. Dabei blickte er sich um, ob man wohl bemerkt habe, daß er gleich zwee Löffel voll genommen hatte. Keen Mensch guckte her. Erscht nun begann er, die köstliche Schpeise mit der Zunge zu zerdrücken, und der Alte sah ihm dabei voller Schpannung in das Gesicht. Dieses Gesicht wurde nach und nach gelb, rot und blau, sogar grün, aber es blieb schtarr und unbewegt, denn een Indianer darf selbst bei den ärgsten Schmerzen nich mit der Wimper zucken. Die Oogen wurden schtarr und immer schtarrer und fingen an zu thränen, bis das Wasser schtromweise über die Backen runterlief. Da machte der junge Indsman eenen fürchterlichen, todesmutigen Schluck, und – hinunter war der Senf und es wurde ihm wieder besser, nur daß das Wasser noch immer in Schtrömen aus den Oogen lief. Darum fragte der alte Indsman neugierig: ›Warum weint denn mein junger, roter Bruder?‹

Dieser hätte um alles in der Welt nich eingestanden, daß ihm die köstliche Schpeise so off die Nerven und an das Leben gegangen sei, und darum antwortete er: ›Ich dachte eben daran, daß mein Vater vor fünf Jahren im Mississippi ertrunken is; darum weine ich.‹

Bei diesen Worten schob er dem Alten das Glas hin. Dieser hatte gesehen, wie schlau sein junger Bruder gewesen war, und machte es ebenso: er schob schnell hinter eenander zwee volle Löffel in den Mund und klappte ihn dann rasch zu. Aber dann gingen mit eenem Male die Lippen wieder auseenander und klappten auf und zu wie bei eenem Karpfen, der keene Luft bekommen kann oder wie wenn man eenen brennend heeßen Bissen in den Mund gesteckt hat und doch nich wieder herausnehmen kann. Dann zog es dem Alten die Schtirnhaut in die Höhe, und in der Gurgel quirlte es höchst verdächtig. Die Farbe seines Gesichtes veränderte sich wie bei eenem Chamäleon; der Schweeß sickerte aus allen Poren; die Oogen wurden rot und füllten sich mit eenem See von Thränen, welcher bald überlief und seine Fluten über die Backen herniedergoß. Das sah der Junge und fragte ihn: ›Warum weint mein alter, roter Bruder?‹

Da schluckte dieser mit Aufbietung seiner ganzen Willenskraft den Senf hinunter, holte tief und schtöhnend Atem und antwortete: ›Ich weine darüber, daß du damals vor fünf Jahren nich ooch gleich mit ersoffen bist!‹

So, Herr Wolf, das is die berühmte Geschichte von den zwee Senfindianern, die Sie noch nich kennen. Ich hoffe, daß Sie nun überzeugt sind, daß ich Ihnen ooch in diesem Fache weit überlegen bin!«

Ein allgemeines Gelächter war die Folge, ein Gelächter, in welches er selbst sehr kräftig einstimmte und welches bei der nächtlichen Stille, die rundum herrschte, wohl eine Viertelstunde weit zu hören war. Darum durfte es kein Wunder genannt werden, als vom Wasser her eine laute Stimme erschallte, welche im indianischen Englisch rief:

»Haben die Bleichgesichter den Verstand verloren, oder sind sie Weiber geworden, daß sie sich nicht beherrschen können? Jeder Baum kann einen Feind verbergen, wenn man nicht daheim in seinem Zelte ist.«

Es war Nitsas-Ini, welcher kam, gefolgt von einigen seiner besten Krieger. Auch seine weiße Squaw brachte er mit, wohl deshalb, weil die Boten gesagt hatten, daß hier auch Frauen seien. Die Lagernden erhoben sich, ihn zu begrüßen. Er blieb vor ihrem geöffneten Kreise stehen und ließ, jedem einen scharfen, musternden Blick zuwerfend, sein Auge in die Runde gehen. Als er Sam Hawkens sah, nahm sein ernstes Gesicht einen milderen Ausdruck an und er sagte, ihm die Hand reichend:

»Mein weißer Bruder Sam ist dabei? Dann weiß ich, daß diese laute Lustigkeit uns keinen Schaden bringen wird, denn Sam Hawkens läßt seine Stimme nicht hören, wenn ein Feind in der Nähe ist.«

Auch Dick Stone und Will Parker bekamen eine Hand, und dann wurden ihm die Namen der übrigen genannt. Von den Frauen nahm er nicht die geringste Notiz. Als ihm Adolf Wolf genannt wurde, legte er ihm die Hand auf den Kopf und sagte:

»Du bist der [606] Freund meines Sohnes und der Neffe meines weißen Bruders. Sei willkommen unter den Zelten der Navajos! Du wirst wie ein Kind unsres Stammes sein.«

Beim Anblicke des Hobble-Frank, dessen Name ihm auch genannt wurde, lächelte er ein wenig und sagte:

»Mein Bruder Frank kennt alle Geheimnisse des Himmels und der Erde. Wir werden sehr viel von ihm lernen können.«

»Das ist wahr,« antwortete Frank sehr ernst. »Es freut mich, daß der große Häuptling der Navajos dies weiß und anerkennt; darum werde ich ihm meine ganze Wissenschaft zur Verfügung stellen.«

Darauf machte der Hobble der weißen Squaw eine Verbeugung und sprach, indem er sich seiner Muttersprache bediente:

»Verehrte Dame, ich preise mich sehr glücklich, Ihre ergebenste Bekanntschaft zu machen. Wenn ich wüßte, daß Sie noch nischt von mir gehört hätten, so würde ich so freundlich sein, mich Ihnen mit meinem ganzen Namen zu – – –«

»Ist nicht nötig, Herr Franke,« unterbrach sie ihn mit einem heiteren Lächeln. »Ich kenne Sie schon sehr genau.«

»Wohl aus den Erzählungen meines Freundes Old Shatterhand?«

»Ja. Auch Winnetou hat zuweilen von Ihnen gesprochen.«

»Freut mich ungemeen; trotzdem aber gebe ich Ihnen parlamentarisch zu bedenken, daß die richtige Wirklichkeet oder die wirkliche Richtigkeet niemals von eener bloßen Erzählung oder Beschreibung erreicht werden kann. Was Sie jetzt von mir wissen, das is, sozusagen, een kleenes Laternenlicht. Lassen Sie mich aber erscht acht Tage bei Ihnen sein, so wird Ihnen in mir eene Sonne leuchten, bei deren Schtrahlen alle Fixschterne erbleichen müssen. Erlooben Sie mir gehorsamst, Sie mit den hiesigen Herrschaften bekannt zu machen! Hier is vor allen Dingen unsre wackere Frau Rosalie Eberschbach. Nachher –«

Er wollte zu einer andern Person übergehen; aber Frau Rosalie schob ihn mit den Worten fort:

»Was man eenmal macht, das muß man ooch richtig machen. Verschtehn Se mich! Ich werde die Vorschtellung selber besorgen. Dazu brauchen wir keenen Herrn, der zwar gelehrt sein will, sich aber nich 'mal eenen vollschtändigen Namen merken kann.«

»Na«, meinte er, »wollen Sie mir etwa gar zumuten, alle Ihre Namen herunterzuleiern, die Sie von der Wiege bis zum Grabe gehabt haben? Ich habe den richtigen genannt und der wird w