Erstes Kapitel

Der Khabir

[199] Die Sonne hatte ihren Tageslauf fast ganz vollendet; darum lag ich nach der heutigen glühenden Hitze etwas entfernt von dem Brunnen vollständig im Schatten meines Reitkameles, während sich die andern Mitglieder der Karawane rund um das brackige, schlecht schmeckende Wasser niedergelassen hatten und den überschwenglichen Reden meines Chaddam1 Kamil lauschten. Ich konnte jedes Wort verstehen, welches gesprochen wurde, und hörte mit heimlichem Vergnügen zu, welche Mühe er sich gab, alle meine unzähligen guten Eigenschaften in das richtige Licht zu stellen.

»Nicht wahr, du heißest Abram Ben Sakir und bist ein reicher Mann?« fragte er den neben ihm sitzenden Handelsherrn aus Mursuk. »Wieviel bezahlst du jedem deiner Begleiter auf dieser Reise für den Tag?«

»Zweihundert Kauris,« antwortete der Gefragte bereitwilligst. »Ist das nicht genug?«

»Für deinen Besitz, ja; aber mein Sihdi2 ist viel, viel reicher, als du bist. Er heißt Hadschi Kara Ben Nemsi, und in den Oasen seines Vaterlandes weiden 1000 Pferde, 5000 Kamele, 10000 Ziegen und 20000 Schafe mit fetten Schwänzen, die ihm gehören. Er giebt[199] mir täglich einen Abu Noqtah3, so daß ich reicher als du sein werde, wenn ich von ihm in mein Duar4 zurückgekehrt bin. Sag, was bist du gegen ihn?«

Der Aufschneider log gewaltig, denn ich zahlte ihm nicht täglich, sondern wöchentlich einen Mariatheresienthaler; er bekam also nach deutschem Gelde täglich ungefähr 50 Pfennige. Der sehr reiche Handelsherr antwortete:

»Allah giebt, und Allah nimmt; die Menschen können nicht alle gleich wohlhabend sein.«

»Du hast recht,« nickte Kamil, »und weil mein Sihdi der Liebling Allahs ist, hat er viel von ihm bekommen. Ahnest du vielleicht, wie berühmt der Name Hadschi Kara Ben Nemsi in allen Ländern und bei allen Völkern der Erde ist? – Er spricht alle viertausendundfünfzig Sprachen der menschlichen Zunge, kennt die Namen aller achtzigtausend Tiere und Pflanzen, heilt alle zehntausend Krankheiten und schießt den Löwen mit einer einzigen Kugel tot. Seine Mutter war die schönste Frau der Welt; die Mutter seines Vaters wurde der Inbegriff der Tugenden genannt, und die sechsunddreißig Frauen, welche er besitzt, sind folgsam, lieblich und nach Ambra duftend wie die Blumen des Paradieses. Er hat die Heere aller Helden besiegt; vor seiner Stimme zittert sogar der schwarze Panther, und wenn, um uns zu überfallen, die räuberischen Tuareg kämen, in deren Gebiete wir uns leider jetzt befinden, so genügte allein seine kleine Flinte, sie in die Flucht zu treiben. Blicke hin zu ihm! Siehst du, daß er zwei Gewehre hat, ein großes und ein kleines? Mit dem großen schießt er eine ganze Khala5 über den Haufen, und mit dem kleinen kann[200] er hunderttausendmal schießen, ohne zu laden; darum wird es eine Bundukije et tikrar6 genannt. Fast wünsche ich, daß diese Halunken kämen; dann solltet Ihr sehen – – –«

»Sei still, um Allahs willen!« unterbrach ihn da der Schech el Dschemali7 rasch. »Wenn du diese Mörder herbeiwünschest, so kann es dem Schaïtan8 leicht einfallen, sie wirklich herbeizuführen, und dann wären wir verloren!«

»Verloren? Wenn mein Sihdi hier ist und auch ich bei Euch bin?«

Er hätte in diesem Tone wohl weitergesprochen; da aber deutete der Schech el Dschemali auf die Sonne und sagte:

»Seht, ihr Männer, daß die Sonne den Horizont berührt! Das ist die Stunde des Abendgebetes. Gebt Allah Preis, Lob und Ehre!«

Sie sprangen alle auf, tauchten ihre Hände in das Wasser, knieten dann, mit dem Gesichte nach der Richtung von Mekka gewendet, nieder und beteten unter den vorgeschriebenen Verbeugungen und Handbewegungen dem alten Schech die heilige Fatcha nach.

Auch ich kniete währenddem im Sande und verrichtete mein christliches Abendgebet, natürlich ohne ihre Bewegungen nachzuahmen, denn ich hatte ihnen nicht verschwiegen, daß ich kein Mohammedaner sei. Ich war gestern, gleich nachdem ich mit meinem Kamil ihre Handelskarawane eingeholt hatte, so aufrichtig gewesen, ihnen das zu sagen, und sie hatten das nicht für einen Grund genommen, mir die Erlaubnis, mich ihnen anzuschließen, zu verweigern.[201]

Als das Gebet zu Ende war und wir uns von den Knieen erhoben hatten, sahen wir von Norden her einen einzelnen Kamelreiter kommen. Sein Hedschihn9 war ein vorzüglicher Schnellläufer, und seine Waffen bestanden aus einer langen, arabischen Flinte und zwei Messern, die er an Armbändern an seinen Handgelenken hängen hatte. Diese Art, die Messer zu tragen, ist für den Gegner sehr gefährlich: man umarmt ihn und sticht ihm dabei die beiden Klingen von hinten in den Rücken.

»Sallam!« grüßte er, bei uns angekommen, indem er, ohne sein Kamel niederknieen zu lassen, aus dem Sattel sprang. »Erlaubt mir, hier mein Hedschihn zu tränken und euch vor den Feinden zu warnen, denen ihr entgegengeht!«

Er war in einen langen, weißen Burnus gehüllt, unter dessen Kapuze sein dunkles, stark eingefettetes Haar hervorquoll. Groß und kräftig gebaut, hatte er ein ovales, volles Gesicht mit einer Abplattung in der Gegend der Backenknochen, eine kurze, fast stumpfe Nase, kleine Augen und ein rundes Kinn. Hätte er das Litham getragen, einen Gesichtsschleier, der nur die Augen frei läßt, so wäre ich überzeugt gewesen, einen Targi10 vor mir zu haben.

»Du bist uns willkommen,« antwortete der alte Schech, als das Tier des Ankömmlings von selbst zum Wasser lief, um zu trinken. »Wen aber meinst du, indem du von Feinden redest?«

»Die Imoscharh,« antwortete der Gefragte.

Dieses Wort ist gleich bedeutend mit Tuareg. Des letzteren Wortes bedienen sich nur die Araber, während[202] die Angehörigen des betreffenden räuberischen Volkes sich nie anders denn als Imoscharh bezeichnen.

»Du meinst die Tuareg? Befinden sich welche auf unserm Wege?«

»Nicht nur welche, sondern sehr viele und zwar in der Oase Seghedem.«

»Allah! Dorthin wollten wir in dieser Nacht reiten!«

»Das könnt ihr nicht. Wir waren eine Karawane von über dreißig Männern mit achtzig Kamelen. Wir kamen vom Bir Ishaya und hielten uns für sicher; kaum aber hatten wir Seghedem erreicht, so wurden wir von den Imoscharh, welche sich dort versteckt hielten, überfallen und trotz der tapfersten Gegenwehr niedergemetzelt. Ich bin der einzige, der entkommen ist.«

»Ia waili!« rief der Alte betroffen aus. »Diese Hunde hat uns der Schaïtan in den Weg geführt! Sie werden in Seghedem liegen bleiben. Was thun wir da? Sollen wir hier warten, bis sie fort sind, hier am Bir11 Ikbar, dessen Wasser für Menschen kaum zu genießen ist und für unsere Tiere kaum noch einen Tag ausreichen würde?«

Er sah sich ratlos im Kreise um. Abram Ben Sakir, der Handelsherr, machte ein bedenkliches Gesicht und fragte:

»Können wir die Oase Seghedem nicht umgehen?«

»Nein,« antwortete der Schech. »Nach Osten ist das unmöglich, denn der nächste Brunnen dorthin liegt drei volle Tagereisen von hier im Gebiete der Tibbu, und der Umweg nach Westen würde uns in die Berge der Magarat ess ßuchur12 führen, durch welche ich den Weg nicht kenne.«[203]

»Aber ich kenne ihn,« sagte der neu Angekommene.

»Du?« fragte der Schech erstaunt. »Da wärest du ja ein Khabir13, der diese Gegend weit besser kennt als ich, und doch zähle ich das doppelte deiner Jahre.«

»Es ist so; ich bin Khabir. Das Alter thut es nicht; ich kenne diese Gegend, weil ich mehreremale dagewesen bin. Ich war ja auch der Khabir der Karawane, welche von den Imoscharh überfallen wurde, und hätte mich nicht retten können, wenn der Wüstenweg mir unbekannt gewesen wäre. Ich bin ein Krieger der Beni Riah und werde Omar Ibn Amarah genannt.«

Der arabische Stamm der Beni Riah wohnt allerdings in Fezzan, aber es wurde mir schwer, diesen Khabir für einen Araber zu halten, zumal er die Tuareg nicht anders als Imoscharh nannte, was ein Araber nicht gethan hätte. Diesen meinen Zweifel hegte der Schech aber nicht, denn er sagte:

»Ich weiß, daß die Beni Riah Männer sind, welche den Weg von Mursuk nach Bilma genau kennen, und glaube also, daß du in den Magarat ess ßuchur gewesen bist. Also kennst du die Berge der Felsengrotten? Und du glaubst, daß wir auf diesem Wege die Oase Seghedem und die Tuareg umgehen können?«

»Ja; es ist leichter, als du denkst. Wenn wir von hier aus einen Bogen um diese Oase reiten, lassen wir die Gefahr rechts von uns liegen und kommen glücklich beim Bir Ishaya an. Ich will euch führen, denn ich denke, daß nicht du allein es wünschest, sondern daß auch alle deine Begleiter diesen Wunsch haben.«

»Sie haben ihn. Setze dich zu uns, und sei unser Gast! Wir werden jetzt essen und nach dem Abendgebete von hier aufbrechen.«[204]

»Ich bin bereit, euer Führer und Gast zu sein, doch wirst du mir nun sagen, wer die Männer sind, deren Schech el Dschemali du zu sein scheinest.«

»Das mußt du natürlich wissen. Du siehst hier Abram Ben Sakir, den Handelsherrn aus Mursuk, dem alle diese Diener und Lastkamele gehören; ich soll ihn von Bilma nach Mursuk bringen. Und dort stehen zwei Fremde, die sich erst gestern zu uns gesellt haben. Es ist Hadschi Kara Ben Nemsi, aus dem Abendlande, mit Kamil Ben Sufakah, der sein Diener ist.«

Der Khabir sah uns mit scharfem, stechendem Blicke an und fragte dann Kamil in grollendem Tone:

»Dein Name ist Kamil Ben Sufakah? Zu welchem Volke gehörest du?«

»Ich bin ein Beni Dscherar vom Ferkah14 Ischelli,« antwortete der Gefragte.

»Und als Moslem bist du der Diener eines Giaur, eines Ungläubigen geworden? Schande und Fluch über dich! Möge dich die Dschehennah15 verschlingen!«

Er spuckte ihn an, was sich mein Kamil sehr ruhig gefallen ließ, denn er war nur mit dem Munde tapfer, in der That aber ein Feigling, der seinesgleichen suchte. Das einzige, was er wagte, war, sich mit der vorwurfsvoll klingenden Frage an mich zu wenden:

»Sihdi, kannst du es dulden, daß dein treuer Diener so beleidigt wird, du, der Held aller Helden, der zwei Gewehre hat?«

»Der Held der Helden?« lachte der Khabir verächtlich. »Wie kann ein Giaur ein Held sein! Ich werde gleich zeigen, wie man mit so einem stinkenden Hunde zu sprechen hat.«[205]

Er kam auf mich zu, blieb drei Schritte vor mir stehen, funkelte mich mit lodernden Augen an und fragte:

»Also, du bist ein Christ, wirklich ein Christ?«

»Ja,« antwortete ich in aller Ruhe.

»Und da glaubst du, daß ich dich wirklich nach Mursuk bringen werde?«

»Nein!«

»Nicht?« klang es erstaunt. »Du hast es erraten. Ein gläubiger Sohn des Propheten wird sich nie dazu hergeben, der Khabir eines Christen zu sein, dessen Seele für die Hölle bestimmt ist.«

»Du irrst. So, wie du denkst, habe ich es nicht gemeint. Ich wollte nur sagen, daß es überhaupt nicht dein Wille sei, irgend jemand nach Mursuk zu führen.«

»Maschallah! Was hindert mich, dich für diese Beleidigung niederzuschlagen!«

»Laß dich nicht auslachen! Ein Targi, wie du bist, schlägt mich nicht nieder.«

Er hob schon die Faust zum Hiebe, ließ sie aber vor Erstaunen wieder sinken und fragte:

»Wie? Für einen Targi hältst du mich, für einen Krieger der Imoscharh? Warum denn?«

»Darüber habe ich dir keine Rechenschaft abzulegen; aber warum willst du jetzt nicht nach Bilma weiterreiten, sondern nach Mursuk umkehren? Warum bist du nicht gleich umgekehrt, als deine Karawane in der Oase Seghedem überfallen wurde, sondern eine ganze Tagereise bis hierher weitergeritten?«

»Weil – weil – – weil – – –«

Er stockte. Meine Frage brachte ihn so in Verlegenheit, daß er erst nach einiger Zeit fortfahren konnte:

»Weil die Imoscharh mir den Rückweg verlegt hatten.«[206]

»Das war kein Grund, einen ganzen Tag lang weiter zu reiten. Ich schenke keinem deiner Worte Glauben. Daß die Tuareg irgendwo stecken, daran will ich nicht zweifeln, in Seghedem aber wahrscheinlich nicht. Ich nehme vielmehr an, daß du uns erst zu ihnen bringen willst. Du bist ihr Mirsal16, ihr Gasuhs17, der uns in ihre Hände liefern soll. Wahrscheinlich stecken sie im Gebiete der Felsengrotte, weil du uns dorthin führen willst.«

Ich sagte das in einem so bestimmten, überzeugten Tone, daß er einiger Zeit bedurfte, seine Bestürzung zu überwinden; dann aber brach er los:

»Ia Allah! Ist es möglich! Ein Gasuhs werde ich genannt, ein Gasuhs, zum Danke dafür, daß ich diese Männer hier retten will! Hund von einem Giaur, du stinkst mich an wie ein Aas, in dem die Würmer wimmeln! Ich werde – – –«

»Halt!« unterbrach ich ihn. »Kein solches Wort weiter! Als Christ bin ich zu deinen Beleidigungen bisher ruhig geblieben; ich werde auch ferner ruhig bleiben, aber dafür sorgen, daß, falls du noch ein solches Wort aussprichst, du auch ruhig wirst! Hast du bis jetzt noch keinen Christen gekannt, so sollst du einen kennen lernen, und kein Prophet wird mich hindern, dir zu zeigen, daß du gegen mich ein Schwächling und ein Knabe bist!«

»Ein Knabe!« schrie er wütend auf. »Das sollst du büßen! Hund, da hast du beide Messer!«

Er that einen Sprung auf mich zu, indem er die Arme ausbreitete, um sie um mich zu schlingen und mir die Messer in den Rücken zu stoßen; aber meine Faust[207] kam ihm zuvor; ich schlug sie ihm von unten herauf unter das Kinn, daß er zurückflog und in den Sand stürzte. Im nächsten Augenblicke war er wieder auf und legte die Flinte, welche er festgehalten hatte, auf mich an; eben als der Hahn knackte, griff ich zu, riß sie ihm aus den Händen, sprang zwei Schritte zu rück, richtete den Lauf auf ihn und drohte:

»Keine Bewegung weiter, Knabe, sonst trifft dich deine eigene Kugel! Gehe heim zu den Deinen, und bitte deine Mutter um ein Spielzeug, welches besser für deine Hände paßt als diese Flinte!«

Ich drückte den Schuß ab und schlug dann den Kolben des Gewehres schief gegen den Boden, daß er abbrach. Bei dem kleinen Krach, den das verursachte, stieß der Khabir einen wilden Schrei aus und sprang abermals auf mich ein; er achtete nicht darauf, daß ich das Bein hob, und er bekam einen Fußtritt in die Magengegend, der ihn zu Boden warf. Sofort kniete ich auf ihm und gab ihm einen Fausthieb gegen die Schläfe, der ihn so ruhig machte, wie ich es ihm angedroht hatte; er rührte sich nicht. Der Zorn des Scheikes richtete sich jetzt voll gegen mich.

»Was hast du gethan!« fuhr er mich an. »Wir haben dich bei uns aufgenommen und dir erlaubt, mit uns zu reiten; du aber vergiltst uns diese Gastlichkeit damit, daß du den Mann tötest, der unser Retter sein will!«

»Nicht euer Retter, sondern euer Verderber will er sein. Uebrigens ist er nur betäubt. Untersuche ihn!«

Er kniete zu dem Khabir nieder und überzeugte sich, daß ich recht hatte, was aber seinen Zorn keineswegs minderte. Wieder aufstehend, sagte er:

»Er ist zwar nicht tot, aber du hast ihn geschlagen[208] und sein Gewehr zerbrochen; das fordert nach dem Gesetze der Wüste dein Blut. Wir werden über dich zu Gericht sitzen müssen!«

»Haltet lieber Gericht über ihn! Ich behaupte, daß er ein Targi ist, der euch verderben will; wenn ihr es nicht glaubt, so wird euch vielleicht schon der morgende Tag beweisen, daß ich mich nicht geirrt habe. Und um mein Schicksal habe ich keine Sorge; eure Entscheidung fürchte ich nicht. Wer will mich hindern, mich auf mein Hedschihn zu setzen und fortzureiten, wenn es mir beliebt? Ihr seid zusammen nur zwölf Männer. Diese beiden kleinen abendländischen Tabangat18, Revolver genannt, haben zweimal sechs Schüsse; das allein genügt, euch von mir fern zu halten, ohne daß ich zu den Gewehren greife. Und wie ich vermute und sehe, bist du der einzige, der sich mir wirklich feindlich gesinnt zeigt. Abram Ben Sakir kann nicht die Absicht haben, sein Leben und die Ladungen seiner Kamele in die Hände der Tuareg fallen zu lassen, und seine Leute werden damit einverstanden sein!«

»Sprich, was du willst! Du wirst die Folgen doch nicht anders machen. Faßt an, ihr Leute! Wir wollen den Khabir zum Brunnen tragen und sein Gesicht mit Wasser befeuchten, daß seine Seele zurück in das Leben kehrt.«

Sie schafften ihn hin. Mich ging er für den Augen blick nichts mehr an; ich setzte mich wieder bei meinem Hedschihn nieder und nahm, um auf alles gleich vorbereitet zu sein, einen der Revolver zur Hand. Kamil hatte sich neugierig mit hingemacht und schaute zu, was ihre Bemühungen für einen Erfolg haben würden. Sie[209] bildeten einen Haufen von Menschen, in dem man jetzt, da es dunkel geworden war, eine Einzelbewegung nicht mehr erkennen konnte. Dann bemerkte ich, daß der Khabir zu sich gekommen war und sie beratend um ihn saßen. Zwei standen abseits und sprachen leise miteinander; es war mein Kamil, welcher mit dem Handelsherrn redete und ihm, wie ich dann erfuhr, gesagt hatte, daß ich klüger als alle die andern sei und er ja nicht auf sie, sondern auf mich hören solle, denn wenn ich einmal den Khabir für einen Targi gehalten hätte, so dürfe gar nicht daran gezweifelt werden, daß er auch wirklich einer sei. Seine eifrigen Worte fanden Gehör, denn Abram Ben Sakir kam zu mir und sagte:

»Sihdi, dein Diener sagt, daß ich mich nicht auf den Schech el Dschemali, sondern auf dich verlassen solle. Ist es wirklich wahr, daß du diesen Mann für einen Spion der Räuber hältst?«

»Ja. Ich habe dazu mehrere Gründe, welche du, falls ich sie dir auch mitteilte, doch nicht verstehen würdest. Ich will dir nur sagen, daß ich nicht zum erstenmale in es Sahar19 bin und auch außerhalb derselben mit Menschen seines Schlages oft Erfahrungen gemacht habe. Ich habe nicht die mindeste Lust, mit nach den Bergen der Felsengrotte zu reiten und dort den Tuareg in die Hände zu fallen.«

»Allah, wallah, tallah! Was soll ich thun? Ich habe versprochen, mich nach den Anordnungen des Schech el Dschemali zu richten; das wurde ausgemacht, als ich ihn mietete, und meine Leute haben mehr Vertrauen zu ihm als zu dem, was du sagst. Man wird mich überstimmen, und ich werde meine Zustimmung geben müssen,[210] daß wir von dem Khabir geführt werden. Willst du die Güte haben, Sihdi, mir eine Bitte zu erfüllen? Verlaß mich nicht, wenn ich mit nach den Felsen muß!«

»Du hast aber ja gar nicht nötig, um meine Hilfe zu bitten; du brauchst nur ganz einfach zu erklären, daß du nicht dorthin, sondern unbedingt nach Seghedem willst!«

»Man wird mich überstimmen. Diese Leute sind ja nicht eigentlich Diener, sondern ich habe sie nur für diese Reise gemietet, und du wirst vielleicht wissen, daß nach dem Brauche der Wüste die Stimme des Gehorchenden in Zeiten der Gefahr von ganz derselben Wichtigkeit ist, wie die Stimme des sonst Befehlenden. Also verlaß mich nicht.«

»Ich will mir die Sache überlegen.«

»Ja, überlege sie dir, und laß mich dann hören oder sehen, was du beschlossen hast! Ich möchte dem Khabir trotz deines Verdachtes auch jetzt noch trauen, denn ich halte es für unmöglich, daß ein gläubiger Moslem einen so gräßlichen Meineid schwören kann.«

»Es ist aber doch kein gläubiger Muhammedaner, das kann ich beweisen. Wir haben gebetet, als die Sonne in das Sandmeer tauchte, der Khabir hat nicht gebetet, denn er war während der Gebetszeit unterwegs; er ist nicht von seinem Dschemel20 gestiegen, um niederzuknieen, denn er kam, als unser Gebet eben beendet war. Wer das vorgeschriebene Gebet versäumt, ist kein gläubiger Anhänger des Propheten, und wer das nicht ist, dem darf man wohl einen falschen Schwur zutrauen. Meinst du nicht?«

»Sihdi, du bist scharfsinniger als ich!«[211]

»Und warum hat er nicht am Kampfe teilgenommen, als, wie er behauptet, seine Karawane überfallen wurde? Warum sitzt er jetzt ruhig dort am Wasser und führt nur Reden gegen mich, während er zu Thaten den Mut nicht besitzt? Im Zorne ja, da hat er mich vorhin angegriffen, nun dieser aber verraucht ist, verzichtet er darauf, sich selbst an mir zu rächen, er weiß, daß er sich leicht und ohne Gefahr für sich rächen kann, wenn wir ihm in die Grottenberge folgen. Da werden wir überfallen, und wenn wir dann gefangen sind, kann er mich töten, ohne für seine Tuareghaut den kleinsten Ritz zu riskieren. Das ist sein Gedanke, und darum läßt er klugerweise mich einstweilen in Ruhe.«

»Wenn man dich so sprechen hört, Sihdi, muß man unbedingt denken, daß du das Richtige triffst. Das Klügste würde wohl sein, dich zum drittenmale zu bitten, mich unter deinen Schutz zu nehmen.«

»Wenn ich das thue, begebe ich mich höchst wahrscheinlich in eine Lage, in welcher ich selbst des Schutzes bedarf. Deine Bitte ist also eine Aufforderung an mich, mich deinetwegen einer Gefahr auszusetzen – –«

Ich wurde in meiner Rede unterbrochen, denn in diesem Augenblicke ertönte die laute Stimme des Schech el Dschemali:

»Auf, ihr Gläubigen, zum Nachtgebete, denn es ist dunkel geworden, und der letzte Schein des Tages versank vollständig hinter den Enden der Erde!«

Die Männer knieten, nach der Gegend von Mekka gerichtet, abermals nieder, befeuchteten Hände, Brust und Stirn mit Wasser und beteten ihm nach. – – –[212]

Quelle:
Auf fremden Pfaden. Illustrierte Reiseerzählungen von Karl May, Band XVIII, Freiburg i.Br. 1910, S. 199-213.
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