Meine Zusammenkunft mit Hartknopfen in einem Karthäuserkloster.

[141] Das war das letztemal, daß ich ihn in Erfurt sahe, und hier war es, wo er mir das letzte memento mori in die Seele rief, das seitdem nie wieder durch irgend einen Freudenschall daraus verdrängt ist.

Ob es denn etwa Karthäuser in der Welt geben mag, damit wir, weil doch alles vollständig seyn soll, auch ein lebendiges Bild des Todes vor uns haben, woran wir uns spiegeln sollen? – denn ein solches Bild ist ein Karthäusermönch, so wie sein Kloster das klare Bild des Grabes.

Es war am Festtage des heiligen Bruno, da wir uns von ohngefähr und doch auch nicht von ohngefähr, so wie die Nacht in den grünen Gängen nach den drei Brunnen, hier zusammentrafen. – Es war des Nachmittags – die Sonne schien hell ins Kirchfenster, und beleuchtete den[142] Kranz des Altarblattes, und die grünen Blätter der duftenden Citronenbäume, womit die kleine Kirche an diesem hohen Feste geschmückt war – Die Mönche saßen in zwei Reihen auf ihren erhabnen Sitzen, und vor jedem Sitze stand ein grüner Orangebaum in einem mit Erde gefüllten Behältnisse – Die Mönche saßen noch, ihre weiße Kappen über das Gesicht gezogen, in feierlicher Stille da, und die Bäume warfen einen sanften Schatten auf ihr langes weisses Gewand, dessen weite Ermel herunter hingen. –

Dumpf und traurig, in tiefen Tönen hub darauf ihr Gesang an – dann warfen sie sich auf ihr Antlitz nieder, und zogen indem sie anbeteten ihre Kappen über das Gesicht herunter. –

Da standen Greise mit kahler Scheitel, und Jünglinge mit blassen Wangen, die einst geblühet hatten. –

Vor dem Altar hängt von oben ein Seil herunter, woran die Glocke gezogen wird, und so wie der erste Mönch hereintritt, thut er den ersten Zug an dem Seile, und überreicht es denn seinem Nachfolger, der den zweiten thut, so daß alle an dem Läuten Theil nehmen, und alle in[143] diesem Tempel dienen, ohne sich dienen zu lassen. – Eben so ist es auch wieder beim Weggehen. –

Hartknopf war nicht umsonst hier, er besuchte einen neunzehnjährigen Jüngling, dem der Freund seiner Jugend an seiner Seite vom Blitz erschlagen war – und der dadurch einen Ekel an allen Freuden des Lebens bekommen hatte, welcher ihn hieher trieb, wo er dem Grabe entgegen welkte.

Bei ihm gelang es Hartknopfen das zerknickte Rohr wieder aufzurichten – er erhielt auf sein dringendes Anhalten, vom Prior die Erlaubniß, den Jüngling in seiner Zelle zu besuchen: und dieser ließ sich durch den erhabnen Ton seiner Stimme, durch seinen mitleidsvollen Blick, bewegen, ihn anzuhören – und da er ihn erst anhörte, so fesselte ihn Hartknopf schnell mit starken Banden der erbarmenden Liebe und Freundschaft. – Solch ein Ton war noch nie in des armen Jünglings Ohr gedrungen, seit er seinen Freund verlohren hatte. – Hartknopf brachte ihm diesen wieder, und sicherte ihm sein Daseyn, und nun wurde der Jüngling allmälig ruhig –[144] aber Hartknopf hütete sich wohl, bei den lebend Begrabnen den Reiz des Lebens zu sehr wieder anzufrischen – Er lehrte ihn, in sich selber, in tausend kleinen Beschäftigungen seine Glückseligkeit finden, die er vorher nicht gekannt hatte. –

Hartknopf folgte in der Behandlung dieses Jünglings der Natur, welche den Mangel des einen Sinnes dadurch einigermaßen zu ersetzen sucht, daß sie die ganze Kraft desselben in einen andern Sinn zusammendrängt, der dadurch bis zu einem ausserordentlichen Grade erhöhet wird – so suchte Hartknopf bei diesem Jüngling den Mangel des Entzückens, welches nur die Mittheilung gewährt, in dem Umgang mit seinem edlern Ich, in die großen Beschäftigungen mit seinem eignen Geiste zurückzudrängen – er lehrte ihn in sich eine Welt finden, da die Welt ausser ihm, auf immer vor ihm verschlossen war.

Trauben von den Dornen und Feigen von den Disteln lesen, war Hartknopfs Wahlspruch, so oft er etwas bemerkte, was aus dem großen Plane der Natur hinweggerückt zu seyn schien – Hier ist das Künsteln nöthig, sagte er, um das Verdorbne wieder gut zu machen. – Was ein[145] Unvernünftiger zu einem schlechten Endzwecke hervorgebracht hat, kann der Vernünftige immer noch zu einem bessern Endzwecke nützen – Die Unvernunft kann nichts so sehr verderben, daß die Vernunft es nicht sollte wieder gut machen können – Die Unvernunft reißt nieder, damit die Vernunft wieder etwas zu bauen habe, so bleibt alles in Thätigkeit.

Wer sich einmal lebendig begraben will, der thur doch immer noch am besten, wenn er sich in ein Karthäuserkloster begräbt, wo er sich doch sein Grab selbst nach Gefallen ausschmücken, und sich, wenn es ihm beliebt, darin umwenden kann, ob er gleich auch nicht wieder heraus darf.

Oft wenn ich aus meinem Stubenfenster über die alte Stadtmauer nach dem Karthäuserkloster hinüberblickte, fühlte ich eine geheime Sehnsucht nach diesen stillen Hütten – die ihren sehr guten Grund in meinem damaligen Verhältnisse gegen die Welt, und gegen die Menschen hatte.

Die Karthäuser wohnen nicht, wie andre Mönche in einem Hause, wo ein jeder seine besondre Zelle hat, sondern ein jeder Mönch hat hier sein eignes kleines Haus, das nur ein Stockwerk[146] hat, und mit einer hohen Mauer umgeben ist, innerhalb welcher ein kleiner Garten bei jedem dieser Häuser befindlich ist. Die einzelnen Häuser sind durch die hohen umgebenden Mauern so voneinander abgesondert, daß man durch keine Thüre aus einem ins andre, wohl aber aus allen gemeinschaftlich in die Kirche und den Speisesaal kommen kann. Auf diesen Gängen ist es also allein wo sich die Mönche begegnen, und sich durch ihr unverbrüchliches memento mori miteinander unterhalten.

Ein jeder hat in seinem Hause seine eigne kleine Einrichtung, bauet selbst seinen kleinen Garten, spaltet sich selber sein Holz zum brennen, hat auch wohl eine Drechsel- oder Hobelbank, womit er sich die Zelt verkürzt, und seinem Körper eine heilsame Bewegung giebt. Sein Lager ist auf der bloßen Erde, zu seinen Füßen steht ein Todtenskelet, und ein harter Block dient ihm zum Kopfküssen. Dreimal die Nacht über muß er sich des süßen Schlafs erwehren, wenn ihn bei vollem Einbruch der Finsterniß, um Mitternacht, und gegen Morgen die Stunde zum Gebete weckt –[147]

Einmal im Jahr am Fest des Ordensstifters bekömmt er Fleisch zu essen, und Wein zu trinken, der sonst nie seine Lippen berühren darf Ueber Tische herrscht ein unverbrüchliches Stillschweigen.

Keiner, der sich aus der Welt innerhalb dieser geweihten Mauern geflüchtet hat, darf eine Erlösung daraus hoffen, wenn ihn je sein Entschluß wieder gereuen sollte. Und wer es wagen wollte, diese Mauern zu überspringen, den würde, wenn man ihn ergriffe, ein schreckliches Schicksal erwarten, und wäre er vorher noch nicht lebend begraben gewesen, so würde er es dann seyn.

Hartknopf hatte sich diesen Karthäusermönch ausgesucht, um an ihm seine Weißheit zu versuchen – denn hier war es, wo sie die Probe halten mußte. – Wenn es eine wahre Weißheit giebt, so muß sie lehren, wie man auch als Karthäusermönch, sobald man es einmal ist, auf seine Weise glücklich seyn kann.

Freilich ist es besser, wenn sie einen vorher schon gelehrt hat, daß man nie ein Karthäusermönch[148] werden müsse – aber was hilft das besser, wenn das schlechter nun einmal da ist. –

Das Schlechtere was da ist, muß doch wohl mehr die Aufmerksamkeit des Weisen an sich ziehen, als das Beßre, was nicht da ist. – Aber die Afterweisen, die Weltreformatoren, die Hagebucks, schwärmen in den Zaubergefilden des Bessern was nicht da ist, mit ihrer müssigen Phantasie umher, und lassen indes auf dem verwilderten Acker des wirklichen festen Erdbodens, auf den sie treten, Dornen und Disteln wachsen.

Das that nun Hartknopf nicht – der suchte die Dornen und Disteln auszujähren, wo er sie nur fand; und aus der Seele des Jünglings hatte er einen sehr schmerzenden Dorn gezogen, indem er ihm seinen vom Blitz erschlagenen Freund wiedergab, und ihm in sich eine Welt zeigte, die ihn für die Ausschließung der äußern Welt schadloß hielt.

Dieser junge Mensch konnte nun mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit berechnen, daß er sein ganzes Leben hindurch keinen einzigen Tag Langeweile haben würde, wenn er den Weg verfolgte, den ihm Hartknopf vorgezeichnet hatte.[149]

Ja er mußte sich sogar ein ziemlich langes Leben wünschen, wenn er in diesem Leben einige beträchtliche Fortschritte thun wollte, die ihm dort zu statten kommen könnten.

Und das war es, was ihm fast immer Angst und Furcht gemacht hatte, nicht der Gedanke des Todes, der war ihm süß und erquickend, sondern der Gedanke an die unerträgliche Last des Lebens – an alle die leeren Stunden, die er mit nichts auszufüllen wußte, oder wo doch die Quellen mit denen er sie auszufüllen strebte, immer sobald versiegten.

Ach, in das einsamste voll der Welt abgeschiedenste Leben, das der Nacht des Grabes am nächsten kömmt, läßt sich noch, wie mich Hartknopf gelehrt hat, eine unnennbare Seligkeit des Genusses legen. –

Eben so wie dem die Ewigkeit nie zu lang werden könnte, der von den Millionen Welten, die aus dem Firmamente leuchten, eine nach der andern im ungehemmten Fluge bereiste, und die unendliche Verschiedenheit des Wesens der Bewohner aller dieser Welten nach und nach kennen lernte – eben so wenig kann dem die Dauer seiner[150] irrdischen Tage zu lang scheinen, der nur einen Blick in sich selbst, in seine innere Welt gethan, und die unermeßlichen Gefilde des Denkens überschaut, die sich da vor seinem Blicke eröfnen.

Und diese Wonne des Denkens, des in sich Blickens kann doch auch der dunkelste Kerker dem unsterblichen Geiste nicht rauben –

Selbst der Verlust des süßen Augenlichts kann den Tag nicht verfinstern, der noch immer in der Seele des Weisen und des Denkers strahlt –

Nicht den Tag, der in Homers, und Miltons, und Ossians Seele glänzte, da sie die Geschichte der Vorwelt sangen.

Hartknopf sprach: es werde Licht! und es ward Licht in der trüben Seele des Jünglings. Die Morgendämmerung des reinen Denkens brach hervor: die Nebel der Vorurtheile wälzten sich allmälig von dem hellen Horizont hinweg – und bei dem allen blieb feste Resignation in Ansehung dessen, was einmal nicht zu ändern war. Hartknopf lehrte den Jüngling die Reue überwinden – er ließ ihn einen Blick in die nothwendige[151] Verbindung der Kette der menschlichen Schicksale thun, welcher Trost in seine Seele goß. – Er sprach sich selber frei, ohne das Schicksal anzuklagen. – Er unterwarf sich der Nothwendigkeit, und lernte sie lieben. – –

Und Hartknopf sahe an, alles, was er hervorgebracht hatte, und siehe da es war sehr gut –

Darum glänzte sein Auge so heiter, da ich ihn am Feste des heiligen Bruno in der Kirche des Karthäuserklosters traf. – Er sahe in der Miene des Jünglings, edle Lebenslust, Entschlossenheit und Standhaftigkeit nicht nur auf den kommenden Tag, sondern auf kommende Jahre – und nun sahe er mich da stehen, in dem er seine neue Schöpfung angefangen, aber noch nicht vollendet hatte.

Er fand diesen Ort zu einem wichtigen Fortschritt schicklich – er sagte mir mit einer so kalten, festen, und trocknen Miene, daß ich sterben – sterben müsse – wie es mir noch nie in meinem Leben gesagt war, wie ich es mir selbst noch nie gesagt hatte – es war, als hätte er mich mit diesem Blick von Haut und Fleisch entblößt –[152]

Und indem er meine Hand dabei anfaßte, und schnell wieder fahren ließ – – –

Fuhr mir der Gedanke an die Verwesung durch die Seele, und erschütterte mein Innerstes –

Also – Staub, wie der, auf dey ich trete – ohne Gestalt, ohne Form, ohne Umriß – in der ganzen weiten Welt gleich – und eins die Todtenasche aller Sterblichen, wenn sie sich zusammen mischt –

Die Schaumblase ist zerplatzt – dem Bilde ist sein Umriß genommen –

Abgeschieden von der Welt, stehen sie hier die geweihten Opfer des Todes, in das weiße Sterbegewand gehüllt, und singen sich selbst ihren Grabegesang –

Hinweg mit dem täuschenden Schleier! Hier ist nicht der Jüngling mit der umgekehrten Fackel – hier ist schreckliche, schändliche Verwesung – das Meisterstück der Schöpfung liegt zertrümmert da, und der Wurm nagt an seinen Ueberresten – sind denn Augen, wodurch der Geist geblickt hat, weniger werth, als Augen von Glaß geschliffen? daß diese modern, wenn jene dauern?[153]

Ist es möglich, daß dieser Körper, den ich an mir trage, der so nahe in mein Ich verwebt ist, einst ein Auswurf der Schöpfung werde? – Nicht nur möglich, sondern gewiß; so gewiß, daß es itzt schon wirklich ist – und ich sollte nicht vor mir selber zurückbeben? vor mir selber?

Wer bin ich? Wo bin ich selber? Wo nimmt mein eigentliches Ich seinen Anfang? Wo hört es auf? Wo verschwimmt es sich in die umgebende Welt? Kann ich nicht alles mit in den Kreis meines Daseyns ziehen, und kann ich nicht alles wieder heraus denken? Wo nimmt mein Ich seinen Anfang?

Hartknopf faßte meine Hand, und ließ sie schnell wieder fahren, wie die Hand eines Todten. – –

Eins muß mir heraus helfen, oder ich bin auf ewig in diesem Labyrinthe verloren.

Das höchste Studium des Psychologen sind:


die Verba Auxiliaria.


Hab' ich denn eine Hand? Hab' ich einen Körper, so wie ich ein Kleid, und eine Wohnung habe? – Hab' ich eine Denkkraft?[154]

Wo hört denn das Haben auf? wo nimmt das seyn seinen Anfang?

Ich habe – ich bin.

Was hab' ich? was bin ich?

Das ist der Aufschluß:

Ich habe alles, was ich bin; aber ich bin nicht alles, was ich habe. – –

Haben ist der mehrumfassende Begriff – Haben bezeichnet: zusammenhängen; seyn bezeichnet den stärksten Grad des Zusammenhanges – den letzten Knoten, worin sich alles zusammenschlingt.

Das Haben nähert sich dem Seyn, je stärker der Zusammenhang wird –

Alles was ich mein nenne, oder was ich besitze, nenne ich deswegen mein, weil es in nähern Zusammenhange mit mir, als mit sonst irgend etwas in der Welt steht.

Das Kleid, das ich trage ist mehr mein, schmiegt sich näher an mein Ich, als das Haus, worin ich wohne, und der Körper wieder mehr, als das Kleid, das ich trage, und die Gedanken, womit ich mir meinen Körper vorstelle, wieder mehr als der Körper selbst.[155]

Der Zusammenhang wird immer fester, immer in sich gedrängter. –

Das Haben verliert sich unmerklich ins Seyn.

Das Seyn ist der Stift in dem Wirbel. Ohne Mittelpunkt ist kein Cirkel, ohne Seyn ist kein Haben.

Ich kann nicht so gut mehr sagen: ich habe eine Denkkraft oder ein denkendes Wesen, als ich sagen kann: ich habe einen Körper – Ich bin ein denkendes Wesen.

Könnte je der innere feste Zusammenhang meiner Gedanken aufgelößt werden, so wie der Bau meines Körpers zerstört wird, dann würde ich aufhören zu seyn –

Hartknopf faßte meine Hand, und ließ sie wieder fallen, wie die Hand eines Todten – – und ich schauderte nicht mehr zurück vor der Verwesung, denn ich fühlte mich in mich selbst zurückgedrängt, fest und unerschütterlich, mein Körper war ausser mir; war ein gleichgültiger Gegenstand meiner Betrachtung.

Je enger der Cirkel von aussen her um mich wird, je mehr diese Denkkraft in sich selber zurück, gedrängt wird, desto fester wird der innere Zusammenhang[156] meiner Gedanken in sich selber; desto fester und unerschütterlicher das Gefühl meines Daseyns.

Der Karthäusermönch, den Hartknopf die Weißheit des Lebens lehrte, war fast bis aufs Grab umschränkt, so wenig Zusammenhang mit der äussern Welt blieb ihm übrig, und er fand dennoch Fülle des Daseyns in sich selber.

Zu guter letzt lehrte mich Hartknopf noch ein Lied an die Weißheit, bei welchem Worte und Melodie so wahr, so passend, so aus der Seele gehoben; der sanfte Gang der Töne ein so lebhaftes Bild des ruhig abgemeßnen Lebensschrittes; und die Harmonie des Ganzen so Herzeindringend ist; daß einige Verse aus diesem Liede gesungen, gleich einem wohlthätigen Zauber, manchmal eine plötzliche Veränderung in meinem Gemüth hervorgebracht; und meine empörten Leidenschaften wieder besänftigt haben. Denn an jedes Wort, an jeden Ton in diesem herrlichen Liede, war mir irgend eine von Hartknopfs großen Lehren geknüpft, die nun alle mit einemmale in meiner Seele erwachten, und durch die einfache und doch gedankenvolle Melodie, in[157] ein simples System gebracht, so leicht und ohne Mühe von mir umfaßt werden konnten, wie die Wölbung meines Ohrs jeden sanften Ton auffing, den die berührte Saite meines Herzens, wie ein getreues Echo wieder gab –


Das Lied in die Weißheit, was mich Hartknopf lehrte, und das jetzt auch in einer wohlbekannten Sammlung steht, hieß:


O du, durch die wir auf der Bahn des Lebens

Zum großen Ziele freudig gehn,

Und einst am Grab, in Aussicht, nicht vergebens,

Den steilen Pfad erstiegen sehn.


Durch die ein beifallgebendes Gewissen

Uns Glück und stillen Frieden beut,

Und Blümchen lockt hervor zu unsern Füßen,

Und auf die Dornenpfade streut;


Geleite mich die Dornenbahn des Lebens

Getrost und muthig fernerhin,

Und lehre mich, daß ich zu Licht vergebens

Durch Licht nicht auserkohren bin![158]


Mein Leben sey ein steter sanfter Friede

Und Wohlklang, wie das Saitenspiel!

Nie meine Hand zum Bau des Tempels müde

Vollendung meiner Arbeit Ziel!


Geordnet sey mein Leben nach dem Maße

Des simplen Ganzen der Natur,

So wird die Müh auf dieser Wanderstraße,

Zur Freude einer Blumenflur.


Hell vor uns her blickt schon im Morgensterne

Elysium aus Mitternacht,

Auf meine Brüder, schaut froh in die Ferne,

Dir lohnend uns entgegen lacht!


Senkt nie den Blick auf die Beschwerden nieder

Dort ist der Quell, und dort ist Heil!

Der Geist streb' auf, kehr lichterhellter wieder

Und nehm' verklärt am Lichte Theil!


Die Weißheit, welche Hartknopf seine Schüler lehrte, ist einzig, fest, und unerschütterlich;

sie heißt:


Resignation.[159]


Der diese Weißheit lehrte, erprüfte sie, da er den Emeritus und den Gastwirth Knapp zu ihrer Hinrichtung auf den Rabenstein von Gellenhausen begleitete, den sie auf Satan Hagebucks Anstiften besteigen mußten.

Er versiegelte sie fünf Jahre nachher mit seinem Märtirertode. – –


Mors ultima linea rerum est.

Quelle:
Karl Philipp Moritz: Andreas Hartkopf. Eine Allegorie, Berlin 1786, S. 141-160.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Andreas Hartknopf. Eine Allegorie
Andreas Hartknopf. Eine Allegorie / Andreas Hartknopfs Predigerjahre

Buchempfehlung

Reuter, Christian

Der ehrlichen Frau Schlampampe Krankheit und Tod

Der ehrlichen Frau Schlampampe Krankheit und Tod

Die Fortsetzung der Spottschrift »L'Honnête Femme Oder die Ehrliche Frau zu Plissline« widmet sich in neuen Episoden dem kleinbürgerlichen Leben der Wirtin vom »Göldenen Maulaffen«.

46 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon