Vierter Teil

Vorrede

[331] (1790)


Dieser vierte Teil von Anton Reisers Lebensgeschichte handelt so wie die vorigen eigentlich die wichtige Frage ab, inwiefern ein junger Mensch sich selber seinen Beruf zu wählen imstande sei.

Er enthält eine getreue Darstellung von den mancherlei Arten von Selbsttäuschungen, wozu ein mißverstandener Trieb zur Poesie und Schauspielkunst den Unerfahrnen verleitet hat.

Dieser Teil enthält auch einige vielleicht nicht unnütze und nicht unbedeutende Winke für Lehrer und Erzieher sowohl als für junge Leute, die ernsthaft genug sind, um sich selbst zu prüfen, durch welche Merkzeichen vorzüglich der falsche Kunsttrieb von dem wahren sich unterscheidet.

Man sieht aus dieser Geschichte, daß ein mißverstandener Kunsttrieb, der bloß die Neigung ohne den Beruf voraussetzt, ebenso mächtig werden und eben die Erscheinungen hervorbringen kann, welche bei dem wirklichen Kunstgenie sich äußern, welches auch das Äußerste erduldet und alles aufopfert, um nur seinen Endzweck zu erreichen.

Aus den vorigen Teilen dieser Geschichte erhellet deutlich: daß Reisers unwiderstehliche Leidenschaft für das Theater eigentlich ein Resultat seines Lebens und seiner Schicksale war, wodurch er von Kindheit auf aus der wirklichen Welt verdrängt wurde und, da ihm diese einmal auf das bitterste verleidet war, mehr in Phantasien als in der Wirklichkeit lebte – das Theater als die eigentliche Phantasiewelt sollte ihm also ein Zufluchtsort gegen alle diese Widerwärtigkeiten und Bedrückungen sein. – Hier allein glaubte er freier zu atmen und sich gleichsam in seinem Elemente zu befinden.

Und doch hatte er hiebei ein gewisses Gefühl von den reellen Dingen in der Welt, die ihn umgaben, und worauf er auch ungern ganz Verzicht tun wollte, da er doch einmal so gut wie die andern Menschen Leben und Dasein fühlte.

Dies machte, daß er mit sich selbst im immerwährenden Kampfe war. Er dachte nicht leichtsinnig genug, um ganz den Eingebungen seiner Phantasie zu folgen und dabei mit sich selber zufrieden zu sein; und wiederum hatte er nicht Festigkeit genug, um irgendeinen reellen Plan, der sich mit [332] seiner schwärmerischen Vorstellungsart durchkreuzte, standhaft zu verfolgen.

Eigentlich kämpften in ihm so wie in tausend Seelen die Wahrheit mit dem Blendwerk, der Traum mit der Wirklichkeit, und es blieb unentschieden, welches von beiden obsiegen würde, woraus sich die sonderbaren Seelenzustände, in die er geriet, zur Genüge erklären lassen.

Widerspruch von außen und von innen war bis dahin sein ganzes Leben. –

Es kömmt darauf an, wie diese Widersprücke sich lösen werden!


[333] Sowie nun Reiser die Türme von Hannover aus dem Gesicht verloren hatte und mit schnellen Schritten vorwärts ging, atmete er freier, seine Brust erweiterte sich – die ganze Welt lag vor ihm – und tausend Aussichten eröffneten sich vor seiner Seele.

Er dachte sich den Faden seines bisherigen Lebens gleichsam wie abgeschnitten – er war nun aus allen Verwickelungen auf einmal befreiet – denn hätte er auch die Universität in Göttingen bezogen, so hätte ihn auch dort sein Schicksal hin verfolgt; die ganze Zeitgenossenschaft seiner Jugend hätte auch dort wieder auf ihn gedrückt, und sein Mut hätte ganz erliegen müssen.

Denn so lange, wie er in jenen Kreis hingebannt war, konnte er kein Zutrauen zu sich selber fassen – und wenn sein Mut sich erholen sollte, so mußte er so bald die Menschen nicht wieder sehen, die vielleicht unvorsetzlich ihm die Tage seiner Jugend verbittert hatten.

Nun war er aus diesem Kreise ganz geschieden. – Der Schauplatz seiner Leiden, die Welt, worin er die Schicksale seiner Jugend durchlebt hatte, lag hinter ihm – er entfernte sich mit jedem Schritt von ihr und konnte, so wie er sich eingerichtet hatte, acht Tage wandern, ohne daß ihn ein Mensch vermißte.

Nun fand er eine unbeschreibliche Süßigkeit in dem Gedanken, daß außer Philipp Reiser niemand um sein Schicksal und um den Ort seines Aufenthalts wußte, daß selbst dieser einzige Freund sich bei seinem Abschiede nicht sehr bekümmert hatte; daß er nun außer allen Verhältnissen und allen Menschen, zu denen er kam, völlig gleichgültig war.

Wenn das gänzliche Hinscheiden aus dem Leben durch irgendeinen Zustand kann vorgebildet werden, so muß es dieser sein. –

Sowie nun die Hitze des Tages sich legte, die Sonne sich neigte und die Schatten der Bäume länger wurden, verdoppelte er seine Schritte und machte denselben Nachmittag die drei Meilen bis Hildesheim ununterbrochen, wie einen Spaziergang; auch betrachtete er es völlig wie einen Spaziergang; denn er war nun in Hildesheim so gut wie in Hannover zu Hause.

Als er an das Stadttor kam, schlug er sich vorher den Staub von den Schuhen, brachte sein Haar in Ordnung, nahm eine kleine [334] Gerte in die Hand, mit der er im Gehen spielte, und schlenderte auf die Weise langsam über die Brücke, auf der er zuweilen stehen blieb, als ob er jemanden erwartete oder nach etwas sich umsah. – Und da er überdem in seidenen Strümpfen ging, so hielt ihn niemand in diesem Aufzuge für einen Reisenden, der über vierzig Meilen zu Fuß zu wandern im Begriff ist.

Keine Schildwache fragte ihn, und er wanderte mit den Einwohnern der Stadt, die auch von ihren Spaziergängen zurückkehrten, in die Tore von Hildesheim. – Und der Gedanke war ihm wiederum äußerst beruhigend und angenehm, daß er diesen Leuten gar nicht als fremd auffiel, niemand nach ihm sich umsah, sondern daß er gleichsam zu ihnen mitgerechnet wurde, ohne doch zu ihnen zu gehören. –

Da ihn nun niemand von allen diesen Menschen kannte und niemand sich um ihn bekümmerte, so verglich er sich auch mit keinem mehr; er war wie von sich selbst geschieden; seine Individualität, die ihn so oft gequält und gedrückt hatte, hörte auf, ihm lästig zu sein; und er hätte sein ganzes Leben auf die Weise ungekannt und ungesehen unter den Menschen herumwandeln mögen. –

Als er nicht weit vom Tore einen Gasthof suchte, kam ihm die Straße bekannt vor, und er erinnerte sich wieder an die Zeit, als er vor vier Jahren mit dem Rektor, bei dem er wohnte, am Fronleichnamsfeste hier war, und an die ängstliche und peinliche Lage, in der er sich damals befand, weil er von der Gesellschaft, mit der er ging, weder ausgeschlossen war, noch eigentlich dazugehörte. – Es wälzte sich ihm wie ein Stein vom Herzen weg, da er sich das alles nun als gänzlich vergangen dachte.

In dem Gasthofe, worin er nun einkehrte, empfing und bewirtete man ihn nach seiner Kleidung, und er hatte nicht den Mut, es von sich abzulehnen, sondern ließ es sich gefallen, daß man ihm ein Abendessen zubereitete, ein Bette zum Schlafen anwies und ihm am andern Morgen seinen Kaffee brachte. – Den trank er noch in Ruhe und las im Homer dazu, als er auf einmal wie aus einer Art von Betäubung erwachte, da er sich lebhaft vorstellte, daß er mit seiner Barschaft, die aus einem einzigen Dukaten bestand, nicht [335] nur über vierzig Meilen weit reisen, sondern notwendig an Ort und Stelle noch etwas davon übrig haben müßte.

Er bezahlte schnell seine Zeche, die ihn um nicht weniger als den sechsten Teil seines ganzen Vermögens ärmer machte, erkundigte sich nach der Straße, die auf Seesen führte, und wanderte mit sorgenvollen Gedanken und schwerem Herzen aus dem Tore von Hildesheim.

Es war noch früh am Tage – der Weg führte ihn durch eine angenehme Gegend, wo Wald und Flur miteinander abwechselten und der Gesang der Vögel ihm entgegentönte, indes die Morgensonne auf die grünen Wipfel der Bäume schien. –

Sowie er nun schneller vorwärts ging, fühlte er auch nach und nach wieder sein Gemüt erleichtert; heitere Gedanken, reizende Aussichten und kühne Hoffnungen stiegen allmählich wieder in seiner Seele auf, und nun entstand in ihm ein Vorsatz, der ihn auf einmal über alle Sorgen hinwegsetzte und der ihn auf seiner ganzen Wanderung reich und unabhängig machte.

Er durfte nur seine ganze Nahrung auf Brot und Bier einschränken, auf der Streu schlafen und niemals wieder in einer Stadt übernachten, um seinen Unterhalt während der Reise mit wenig mehr als einem Groschen täglich zu bestreiten. Auf die Weise konnte er länger als einen Monat unterwegens sein und war am Ende der Reise doch noch nicht ganz entblößt.

Sobald er diesen Vorsatz, den er von dem Tage an standhaft ausführte, gefaßt hatte, fühlte er sich wieder frei und glücklich wie ein König – selbst diese freiwillige Entsagung aller Bequemlichkeiten und diese Einschränkung auf die allernötigsten Bedürfnisse – gab ihm eine Empfindung ohnegleichen; er fühlte sich nun beinahe wie ein Wesen, das über alle irdische Sorgen hinweggerückt ist, und lebte deswegen auch ungestört in seiner Ideen- und Phantasiewelt, so daß dieser Zeitpunkt bei allem anscheinenden Ungemach einer der glücklichsten Träume seines Lebens war.

Unmerklich aber schlich sich denn doch ein Gedanke mit unter, der sein gegenwärtiges Dasein, damit es nicht ganz zum Traume würde, wieder an das vorige knüpfte. Er stellte sich vor, wie schön es sein würde, wenn er nach einigen Jahren in dem Andenken [336] der Menschen, worin er nun gleichsam gestorben war, wieder aufleben, in einer edlern Gestalt vor ihnen er scheinen und der düstere Zeitraum seiner Jugend alsdann vor der Morgenröte eines bessern Tages verschwinden würde.

Diese Vorstellung blieb immer fest bei ihm – sie lag auf dem Grunde seiner Seele, und er hätte sie um alles in der Welt nicht aufgeben können; alle seine übrigen Träume und Phantasien hielten sich daran und bekamen dadurch ihren höchsten Reiz. – Der einzige Gedanke, daß er dieselben Menschen, die ihn bis jetzt gekannt hätten, niemals wiedersehen würde, hätte damals alles Interesse aus seinem Leben hinweggenommen und ihm die süßesten Hoffnungen geraubt.

Als nun der Mittag herannahte, so kehrte er in einem Dorfe in einem geringen Wirtshause ein, wo er ohnedem außer Bier und Brot auch für Geld nichts hätte haben können und also der Fall nicht eintrat, daß man ihm eine bessere Bewirtung angeboten und er sie hätte ablehnen müssen.

Es machte ihm nun unbeschreiblich Vergnügen, daß er für wenige Pfennige ein so großes Stück schwarzes Brot erhielt, welches ihn den ganzen Tag gegen den Hunger sicherstellte. Er brockte sich einen Teil davon ins Bier und hielt auf die Weise das erste Mittagsmahl nach seinen eigenen strengen Gesetzen, von welchen er von nun an während der Reise nicht abging.

Er eilte denn aber, daß er schnell wieder aus der dumpfigen Gaststube ins Freie kam, wo er unter einem schattigten Baum sich niedersetzte und zur Mittagserholung in Homers Odyssee las. – Mochte nun dies Lesen im Homer eine zurückgebliebene Idee aus Werthers Leiden sein oder nicht, so war es doch bei Reisern gewiß nicht Affektation, sondern machte ihm würkliches und reines Vergnügen – denn kein Buch paßte ja so sehr auf seinen Zustand als grade dieses, welches in allen Zeilen den vielgewanderten Mann schildert, der viele Menschen, Städte und Sitten gesehen hat und endlich nach langen Jahren wieder in seiner Heimat anlangt und dieselben Menschen, die er dort verlassen hat und nimmer wiederzusehen glaubte, auch endlich noch wieder findet.

[337] Der Weg ging nun immer bergauf, bergab. – Die Hitze war ziemlich groß, und Reiser löschte seinen Durst, sooft er einen klaren Bach antraf, aus welchem ihm umsonst zu schöpfen freistand.

In dem Dorfe, wo er die erste Nacht blieb, war die Gaststube voller Bauern, die einen großen Lärm machten, so daß es ihm nicht möglich war zu lesen; er beschäftigte sich also mit seinen Gedanken; und eine steinalte Frau, die im Lehnstuhle saß und mit dem Kopfe bebte, zog seine ganze Aufmerksamkeit auf sich. –

Diese Frau war hier erzogen, hier geboren, hier alt geworden, hatte immer die Wände dieser Stube, den großen Ofen, die Tische, die Bänke gesehen – nun dachte er sich nach und nach in die Vorstellungen und Gedanken dieser alten Frau so sehr hinein, daß er sich selbst darüber vergaß und wie in eine Art von wachenden Traum geriet, als ob er auch hier bleiben müßte und nicht aus der Stelle könne. – Ein solcher Traum war bei der plötzlichen Veränderung, die sein Zustand gelitten hatte, sehr natürlich – und als seine Gedanken sich sammleten, fühlte er das Vergnügen der Abwechselung, der Ausdehnung, der unbegrenzten Freiheit doppelt wieder – er war wie von Fesseln entbunden, und die alte Frau mit bebendem Haupte war ihm wieder ein gleichgültiger Gegenstand.

Diese Art aber, sich in die Vorstellungen anderer Menschen hineinzudenken und sich selbst darüber zu vergessen, klebte ihm von Kindheit an – es war einer seiner kindischen Wünsche, daß er nur einen Augenblick aus den Augen eines andern Menschen, den er vor sich sahe, möchte heraussehen und wissen können, wie dem die umstehenden Sachen vorkämen.

Zum ersten Male legte er mit weit aussehenden Gedanken auf die Streu sich nieder; seinen Degen legte er neben sich und deckte sich mit seinen Kleidern zu. – Seine Gedanken aber ließen ihm keine Ruh, die Zukunft wurde immer glänzender und schimmernder vor seinen Blicken; die Lampen waren schon angezündet, der Vorhang aufgezogen und alles voll Erwartung, der entscheidende Moment war da. –

Darüber kam bis nach Mitternacht kein Schlaf in seine Augen; und als er am Morgen erwachte, war auf einmal der Schauplatz [338] ganz verändert; die öde Gaststube, die Bierkrüge, das schwarze Brot und erschlaffende Müdigkeit – hier rächten sich seine reizenden Phantasien an ihm mit schrecklichem Unmut und Lebensüberdruß, der über eine Stunde währte.

Er legte sich mit dem Kopf auf den Tisch und suchte vergeblich wieder einzuschlummern, bis die ermunternden Strahlen der Sonne, die ins Fenster schienen, ihn wieder zum Leben weckten, und sobald er sich nur erst auf den Weg gemacht hatte und aus der dumpfigen Gaststube war, verschwand auch schnell sein Unmut wieder, und das reizende Ideenspiel begann von neuem.

Er lebte auf die Weise gleichsam ein doppeltes Leben, eins in der Einbildung und eins in der Wirklichkeit. Das Wirkliche blieb schön und harmonierte mit dem Eingebildeten bis auf die Gaststube, das Gelärm der Bauern und die Streu – dies aber wollte sich nicht recht dazu reimen – denn es war auf die unbegrenzte Freiheit am Tage eine zu große Beschränkung am Abend; weil er doch nun bis zum andern Morgen in keiner andern Umgebung sein konnte als in dieser.

Freilich hatten die äußern Gegenstände einen immerwährenden Einfluß auf die inneren Gedankenreihen; mit dem Horizonte erweiterten sich auch gemeiniglich seine Vorstellungen, und an die Aussicht in eine neue Gegend knüpfte sich immer gern eine neue Aussicht in das Leben.

Einmal war er lange mühsam bergan gestiegen, als auf einmal eine weite Ebene vor ihm dalag und er in der Ferne ein Städtchen an einem See erblickte – dieser Anblick frischte auf einmal alle seine Gedanken und Hoffnungen wieder auf. – Er konnte seine Augen von dem Gewässer in der Ferne nicht verwenden, das ihn mit neuem Mut beseelte, die Ferne aufzusuchen. –

Seine Reiseroute von Hildesheim ging nämlich über Salzdethfurt, Brockenem und Seesen auf Duderstadt, von wo er denn über Mühlhausen geradezu nach Erfuhrt und von dort auf Weimar gehen wollte, welches das Ziel seiner Wünsche war.

Dort glaubte er nämlich die Ekhofsche Schauspielergesellschaft vorzufinden, und seine Schauspielerlaufbahn sollte dort beginnen. – Nun spielte er unterwegens auf seinen Wanderungen alle [339] die Rollen in Gedanken durch, die ihn dereinst mit Ruhm und Beifall krönen und seinen mannigfaltigen Kummer belohnen sollten. –

Er glaubte, es könne ihm nicht fehlschlagen, weil er jede Rolle tief empfand und sie in seiner eigenen Seele vollkommen darzustellen und auszuführen wußte – er konnte nicht unterscheiden, daß dies alles nur in ihm vorging, und daß es an äußerer Darstellungskraft ihm fehlte. – Ihm deuchte, die Stärke, womit er seine Rolle empfand, müsse alles mit sich fortreißen und ihn seiner selbst vergessen machen. –

Dies geschahe auch wirklich, denn während dem Gehen seine Einbildungskraft immer erhitzer wurde – und er denn endlich auf dem Felde, wo er sich ganz allein glaubte, mit Beaumarchais laut zu toben, mit Guelfo zu rasen anfing.

Dieser Guelfo aus Klingers Zwillingen war vor seiner Abreise aus Hannover eine seiner Lieblingsrollen geworden; denn er fand sein Hohngelächter über sich selber, seinen Selbsthaß, seine Selbstverachtung und Selbstvernichtungssucht dennoch mit Kraft vereint in dem Guelfo wieder. Und der Akt, wo Guelfo nach dem Brudermord den Spiegel, in welchem er sich sieht, zerschmettert, war Reisern ein wahres Fest. – Alle dies überspannte Schreckliche hatte ihn gleichsam berauscht – er taumelte in dieser Trunkenheit über Berg und Tal – und wo er ging, da war sein Schauplatz unbegrenzt. –

Clavigo, der ihm so viel Tränen gekostet hatte, war ihm nun zu kalt, und Beaumarchais trat an seine Stelle. – Dann kamen Hamlet, Lear, Othello an die Reihe, die damals noch auf keiner deutschen Bühne vorgestellt wurden, und die er seinem Philipp Reiser ganz allein in schauervollen Nächten vorgelesen und alle diese Rollen selbst durchgespielt, selbst durchempfunden hatte.

Nun gesellte sich hierzu die Dichtkunst; so sanft und melodisch floß sein Vers dahin, und so bescheiden und doch voll edlen Stolzes war seine Muse, daß sie die Zuneigung aller Herzen ihm sicher gewinnen mußte. – Er wußte zwar noch nicht eigentlich, was dies nun für ein Gedicht sein sollte, aber im ganzen war es das [340] schönste und harmonischste, was er sich denken konnte, weil es getreuer Abdruck seiner vollen Empfindungen war.

Mitten in einem solchen lyrischen Schwunge seiner Gedanken war es, als er dicht bei Seesen einen Fußpfad ging, der ihn von der Straße ab über eine Wiese führte, wo gerade ein Scheibenschießen war, das allen seinen schimmernden Aussichten in die Zukunft beinahe ein plötzliches Ende gemacht hätte: denn eine Flintenkugel sauste ihm dicht vor dem Kopfe vorbei, während daß alles ihm zuschrie, er solle von dort weggehen – er eilte schnell durch Seesen durch und wanderte ruhig weiter, bis er in einem kleinen Dorfe wieder übernachtete.

Am zweiten Tage seiner Wanderung kam nun Reiser über einen Teil des Harzgebürges, und es war noch früh am Tage, als er zur Rechten an der Heerstraße die Mauren einer zerstörten Burg auf einer Anhöhe liegen sah; er konnte sich nicht enthalten hier hinaufzusteigen, und als er oben war, verzehrte er sein Stück schwarzes Brot, das er sich zum Frühstücke mitgenommen, in den Ruinen dieses alten Rittersitzes und sah dabei auf die Heerstraße durch den Wald hinunter. –

Daß er nun als ein Wanderer in diesem alten zerstörten Gemäuer wieder sein Morgenbrot verzehrte und an die Zeiten dachte, wo hier noch Menschen wohnten, die auch auf diese Heerstraße durch den Wald hinuntersahen – dies machte ihm einen der glücklichsten Momente – es schallte ihm immer wie eine Prophezeiung aus jenen Zeiten, daß diese Mauren einst öde stehen, daß der Wanderer sich dabei ausruhen und an die Tage der Vorzeit sich erinnern würde.

Sein Stück schwarzes Brot war ihm hier oben eine festliche Mahlzeit – er stieg gestärkt wieder hinunter und wanderte frohen Mutes seine Straße fort, indem er die höhern Harzgebürge linker Hand liegen ließ.

Das Wandern ward ihm nun so leicht, daß der Boden unter ihm eine Welle schien, auf der er sich hob und sank, und daß er so von einem Horizont zum andern sich fortgetragen fühlte – er verhielt sich bloß leidend, und immer stieg eine neue Szene vor seinem Blick empor.

[341] Die Mittagseinkehr in der unangenehmen Gaststube war bald vorüber, und er befand sich wieder in der freien offenen Natur. – Diese Einkehr aber war ihm doch beschwerlich, und er dachte schon darauf, sich auch von dieser zu befreien, als er einmal über ein Kornfeld ging und ihm die Jünger Christi einfielen, welche am Sonntage Ähren aßen.

Er machte sogleich den Versuch, eine Handvoll Körner aus den Ähren herauszustreifen, aus welchen Körnern er das Mehl sog und die Hülsen ausspuckte. Indes aber bleib das Nahrungsmittel doch immer mehr ein Zeitvertreib, als daß es ihm eigentlich das Einkehren hätte ersparen sollen. – Das Angenehme dieses Nahrungsmittels lag vorzüglich in der Idee davon, welche den Begriff von Freiheit und Unabhängigkeit noch vermehrte.

Da er nun wieder eine Tagereise vollendet hatte, kehrte er ohnweit Duderstadt in einem kleinen Dorfe ein, wo in dem Wirtshause niemand zu Hause war.

Es war noch vor der Dämmerung – der Torweg zum Hofe bei dem Wirtshause stand offen – und auf dem Hofe war eine Laube, in welcher ein Tisch aber weder Stuhl noch Bank stand. –

Reiser, um sich auszuruhen, legte sich also auf den Tisch, und weil er zum Lesen noch sehen konnte, so las er in der Odyssee die Stelle von den Menschenfressern, die in dem ruhigen Hafen die Schiffe des Ulysses zerschmettern und seine Gefährten ergreifen und verzehren. –

Auf einmal war der Wirt zu Hause gekommen und sahe, da es schon anfing dunkel zu werden, einen Menschen in seinem Hofe in der Laube auf dem Tische liegen und in einem Buche lesen.

Er redete Reisern erst ziemlich unsanft an; da dieser sich aber aufrichtete und der Wirt in ihm einen wohlgekleideten Menschen sah, so fragte er ihn sogleich, ob er ein Jurist sei, welches in diesen Gegenden die gewöhnliche Benennung für einen Studenten ist, weil die Theologen größtenteils in Klöstern studieren und schon als Geistliche betrachtet werden.

Dem Wirt war seine Frau gestorben, und außer ihm war niemand im ganzen Hause. Der Mann war aber gesprächig, und Reiser [342] hielt seine Abendmahlzeit, die wie gewöhnlich aus Bier und Brot bestand, in seiner Gesellschaft.

Der Mann erzählte ihm von vielen sogenannten Juristen, die bei ihm logiert hätten, und Reiser ließ ihn dabei, daß er auch im Begriff sei, nach Erfurt zu gehen, um dort zu studieren.

Alle dergleichen Unterredungen, die an sich unbedeutend gewesen wären, erhielten in Reisers Idee einen poetischen Anstrich durch das Bild von dem homerischen Wanderer, welches ihm immer vor der Seele schwebte, und selbst die Unwahrheiten in seinen Reden hatten etwas Übereinstimmendes mit sei nem poetischen Vorbilde, dem Minerva zur Seite steht und wegen seiner wohlüberdachten Lüge ihm Beifall zulächelt.

Reiser dachte sich seinen Wirt nicht bloß als den Wirt einer Dorfschenke, sondern als einen Menschen, den er nie gekannt, nie gesehen hatte und nun auf eine Stunde lang mit ihm zusammentraf, an einem Tische mit ihm saß und Worte mit ihm wechselte.

Dasjenige, was durch die menschlichen Einrichtungen und Verbindungen gleichsam aus dem Gebiete der Aufmerksamkeit herausgedrängt, gemein und unbedeutend geworden ist, trat durch die Macht der Poesie wieder in seine Rechte, wurde wieder menschlich und erhielt wieder seine ursprüngliche Erhabenheit und Würde.

Der Mann war nicht einmal eingerichtet, eine Streu zu machen, weil selten jemand hier übernachtete; und Reiser schlief auf dem Heuboden, der ihm ein angenehmes Lager gewährte.

Am andern Morgen früh setzte er seine Reise weiter fort, und der Aufenthalt in diesem Hause mit dem Wirt ganz allein blieb ihm eine seiner angenehmsten Erinnerungen.

An diesem Tage ging es in seiner innern Gedankenwelt besonders lebhaft zu. – Er hatte sich nun um ein Merkliches seinem Ziele genähert, und die Besorgnis trat doch nun bei ihm ein, was er auf den Fall tun würde, wenn seine Aussichten zu unmittelbarem Ruhm und Beifall ihm mißlingen und die Entwürfe zu seiner theatralischen Laufbahn gänzlich scheitern sollten.

Nun traten auf einmal die Extreme auf, ein Bauer oder Soldat zu werden, und auf einmal war das Poetische und Theatralische [343] wieder da, denn seine Ideen vom Bauer und Soldat wurden wieder zu einer theatralischen Rolle, die er in seinen Gedanken spielte.

Als Bauer entwickelte er nach und nach seine höhern Begriffe und gab sich gleichsam zu erkennen; die Bauern horchten ihm aufmerksam zu, die Sitten verfeinerten sich allmählich, die Menschen um ihn her wurden gebildet.

Als Soldat fesselte er die Gemüter seiner Schicksalsgenossen allmählich durch reizende Erzählungen; die rohen Soldaten fingen an, auf seine Lehren zu horchen: das Gefühl der höhern Menschheit entwickelte sich bei ihnen; die Wachtstube ward zum Hörsaale der Weisheit.

Indem er also glaubte, daß er gerade auf das Entgegengesetzte vom Theater sich gefaßt gemacht habe, war er erst recht in vollkommen theatralische Aussichten und Träume wieder hineingeraten.

Es lag aber für ihn eine unbeschreibliche Süßigkeit in dem Gedanken, wenn er Bauer oder Soldat werden müßte, weil er in einem solchen Zustande weit weniger zu scheinen glaubte, als er wirklich wäre.

Während er sich mit diesen Gedanken beschäftigte, kam er durch Stadt Worbes, wo ihm einige Franziskanermönche aus dem dasigen Kloster begegneten, die ihn freundlich grüßten.

Als er vor dem Kloster vorbeiging, hörte er inwendig den Gesang der Mönche, die da nun von der Welt abgeschieden, ohne Sorgen, Pläne und Aussichten lebten und alles das, was sie sein wollten, auf einmal waren.

Dies machte zwar einigen Eindruck auf sein Gemüt, aber lange nicht so stark als nachher der erste Anblick eines Kartäuserklosters, dessen Einwohner durch ihre Mauern gänzlich von der Welt geschieden auch nie mit einem Fuße den Schauplatz wieder betreten, den sie einmal verlassen haben.

Durch die wandernden Franziskanermönche aber wurde die Idee von Abgeschiedenheit kleinlicht und abgeschmackt. – Der schnelle Gang vertrug sich nicht mit dem Ordenskleide, und das Ganze hatte auch nicht einmal poetische Würde.

[344] Übrigens tönte die hochdeutsche Sprache der Leute in diesen Gegenden immer angenehm in Reisers Ohren, weil dadurch die Idee seiner nunmehrigen Entfernung von dem plattdeutschen Lande immer lebhaft wieder in ihm erweckt wurde.

Nun war diesen Tag auch sehr schönes Wetter gewesen, und Reiser kehrte den Abend in einem Dorfe namens Orschla ein, um den andern Morgen von dort aus nach der Reichsstadt Mühlhausen seinen Weg fortzusetzen.

Das Dort ist katholisch; und als er an den Gasthof kam, stand eine Menge Leute vor der Türe, unter denen sich der Schulmeister des Orts befand, welcher ihn mit den Worten anredete: esne litteratus? (ob er nicht ein Gelehrter wäre?)

Reiser bejahte dies wieder in lateinischer Sprache, und auf Befragen, wohin er ginge, sagte er wieder: er ginge nach Erfurt, um dort die Theologie zu studieren; denn dies schien ihm immer das Sicherste zu sein.

Während der Zeit standen die Bauern umher und horchten zu, wie ihr Schulmeister mit dem fremden Studenten lateinisch sprach. Der Sohn des Schulmeisters kam auch dazu, der in Hildesheim studiert hatte und jetzt seinem Vater adjungiert war.

Reiser ging nun in die Stube und legte zu noch mehrerem Beweise, daß er ein Literatus sei, seinen Homer auf den Tisch, welchen denn auch der Schulmeister gleich kannte und den Bauern auf deutsch sagte, daß das der Homer wäre.

Mit Reisern aber fuhr er immer fort Latein zu sprechen, so gut es gehen wollte, wobei denn viel Komisches mit unterlief; da er sehr viel von seinem gelehrten Unterricht sprach, so fragte ihn Reiser, ob er auch mit seinen Schülern die Kirchenväter läse? worüber er erst ein wenig in Verlegenheit geriet, sich aber doch bald wieder faßte und sagte: alternatim.

Er nahm nun Abschied von Reisern, der den andern Morgen früh schon weiter gehen wollte, und warnte ihn, sich vor den kaiserlichen und preußischen Werbern in diesen Gegenden in acht zu nehmen und sich durch keine Drohung schrecken zu lassen, wenn sie etwa äußerten, daß sie ihn mit Gewalt nehmen wollten.

[345] Reiser lege sich auf seine Streu ruhig schlafen – als er aber am andern Morgen erwachte, regnete es so stark, daß er in seiner Kleidung mit Schuhen und seidenen Strümpfen nicht aus dem Hause gehen, viel weniger seine Reise fortsetzen konnte, da überdem hier ein leimigter Boden ist, der bei jeder Nässe das Gehen auf der Landstraße ganz außerordentlich beschwerlich macht.

Dies war nun freilich etwas Unvermutetes für Reisern – er hatte dem Wetter in dieser Jahreszeit zuviel zugetrauet und war auf diesen Fall nicht vorbereitet, da er weder mit Stiefeln, noch sonst mit Kleidung zum Regenwetter versehen war und sein beständiger Anzug auch seinen ganzen Kleidervorrat ausmachte.

Hier war also nichts zu tun als auszuharren, bis der Himmel sich wieder aufklären und das Erdreich sich wieder trocknen würde. – Es hörte aber diesen und den folgenden Tag nicht auf zu regnen. –

Nun kam schon in aller Frühe ein kaiserlicher Unteroffizier in die Gaststube, der in diesem Orte auf Werbung lag, sich mit seinem Krug Bier ganz vertraulich neben Reisern an den Tisch setzte und vom Soldatenleben erst von weitem mit ihm zu sprechen anfing, bis er nach und nach immer zudringlicher wurde und ihm endlich geradezu versicherte, daß er doch vor den preußischen und kaiserlichen Werbern nicht über Mühlhausen kommen würde und sich also lieber nur gleich von ihm für sieben Gulden Handgeld anwerben lassen möchte – so daß es den Anschein hatte, als wenn nun der Soldat in Reisers Phantasie, ehe als er gedacht hatte, realisiert werden könnte.

Als der Soldat hinausgegangen war, trat der Schulmeister wieder herein, der Reisern einen guten Morgen bot und ihn heimlich warnte, sich vor dem Werber in acht zu nehmen, ob er gleich selbst das Soldatenleben für so schlimm nicht hielte; denn sein Sohn sei auch zwei Jahr in Mainzischen Diensten gewesen, und wer keinen Paß habe, könne hier schwerlich durchkommen.

Reiser versicherte ihm, daß er alles Nötige, um sich zu legitimieren, bei sich habe. Dies war nämlich der lateinische Anschlagbogen von dem Schulaktus in Hannover, da er am Geburtstage der Königin von England eine Rede hielt, und worauf sein Name [346] nicht Reiser sondern Reiserus gedruckt stand. Und außerdem noch den gedruckten Prolog zu dem Deserteur aus Kindesliebe, worauf sein Name als Verfertiger stand, nebst einem Gedicht auf die Einführung eines Lehrers, wo sein Name unter den übrigen Primanern gedruckt mit aufgeführt war.

Er wollte diese sonderbaren Dokumente zuerst nicht gerne vorzeigen, bis es ihm äußerst nahegelegt wurde und man ihm nicht undeutlich merken ließ, daß man ihn für einen Landstreicher hielte.

Nun brachte er seine gedruckten Zeugnisse zum Vorschein, die eine bessere Wirkung taten, als er anfänglich geglaubt hatte, weil er sie nach und nach vorlegte.

Zuerst legte er den großen lateinischen Anschlagbogen auseinander und zeigte auf seinen Namen Reiserus. – Der Schulmeister hatte hier wieder Gelegenheit, seine Stärke in der Latinität zu zeigen, indem er den Anschlagbogen ins Deutsche übersetzte; und so hatte Reiser schon viel bei ihm gewonnen.

Darauf zog er den Prolog hervor und wies die Anwesenden auf seinen deutsch gedruckten Namen; dies stimmte also überein, und der Schulmeister erzählte bei der Gelegenheit, daß er auch auf der Jesuitenschule mit Komödie gespielt und sein Name gedruckt worden sei.

Zuletzt legte Reiser noch das Gedicht vor, wo sein Name aufs neue in der Liste aller seiner Mitschüler gedruckt erschien und nun vollends aller Zweifel verschwand, daß er der nicht wirklich wäre, der seinen Namen so oft und auf so verschiedene Weise gedruckt aufzeigen konnte. Der Werber selbst wurde stille und schien vor Reisern einigen Respekt zu bekommen.

Dies verschaffte ihm Ruhe. Er ließ sich Feder und Papier geben und fing an, eine von den Hymnen des Homers in deutsche Hexameter zu übersetzen. Den Abend kam der Schulmeister wieder und unterhielt sich mit ihm: so ging dieser Tag vorüber, und Reiser legte sich ruhig schlafen.

Als er aber am andern Morgen erwachte, den Himmel wieder ebenso trübe wie gestern sahe und den Regen ans Fenster schlagen hörte, fing ihm an der Mut zu sinken. – [347] Er stand von seiner Spreu auf und setzte sich traurig an den Tisch; es wollte mit den homerischen Hymnen nicht vorwärtsgehen – er stellte sich ans Fenster und sahe zu, ob der Himmel sich noch nicht ein wenig aufklären wollte, als der Soldat schon wieder hereintrat, um ihm seine Morgenvisite zu machen.

Da nun Reiser sich ankleidete und sein Haar in einen Zopf flochte, fing der Kriegsmann wieder an, ihm über seine Größe und über die Länge seines Haars sehr viele Komplimente zu machen, und wie schade es um ihn sei, daß er nicht in den Kriegsstand treten wolle.

Der Schulmeister kam nun auch dazu; sie hatten seit gestern überlegt, daß alle die vorgezeigten Dokumente kein Siegel gehabt hatten, und brachten nun diesen Umstand gegen Reisern vorzüglich in Anregung, daß er doch vor den Werbern nicht durchkommen würde, und daß er sich also lieber dem gönnen sollte, der doch die ersten Ansprüche auf ihn hätte.

So dauerte es nun den ganzen Tag über, welcher für Reisern, der nicht fort konnte, einer der traurigsten war, bis es gegen Abend sich aufklärte und auf einmal sein Mut wieder erwachte.

Er nahm alle seine Überredungskraft zusammen, um die Leute durch die nachdrücklichsten Vorstellungen zu überzeugen, daß es wirklich sein Vorsatz sei, in Erfurt zu studieren, wovon ihn nichts in der Welt abbringen könne, daß diese ihm endlich zu glauben schienen.

Der Schulmeister sagte ihm auf lateinisch, wenn er morgen früh auf Mühlhausen zureiste, so würde ihm der Wirt von diesem Gasthofe begegnen, der auch lateinisch spräche und verreist gewesen sei, um die Seinigen (suos) zu holen.

Der Soldat aber versprach Reisern zu seinem Schrecken, ihn den andern Morgen zu begleiten und ihn durch ein Gehölz auf den Weg zu bringen.

Den andern Morgen in aller Frühe war der Soldat schon wieder da, um ihn zu begleiten, und wollte im Gasthofe Reisers Zeche bezahlen, welches dieser aber mit Gewalt nicht zugab.

Sie gingen nun aus dem Dorfe Orschla auf Hähnichen zu eine [348] Anhöhe herauf, der Soldat sprach kein Wort, und da sie durch ein Gehölz kamen, so erwartete nun Reiser jeden Augenblick die Entscheidung seines Schicksals, dem er doch nicht entgehen könnte.

Auf einmal stand der Soldat still und hielt Reisern eine ordentlich pathetische Anrede, er sollte sich noch einmal prüfen, ob er sich wirklich getraute, nicht in die Hände anderer Werber zu fallen; denn das einzige würde ihn nur ärgern, wenn er hörte, daß Reiser doch Soldat geworden wäre und ihn also gleichsam betrogen hätte: wenn es aber sein wirklicher Vorsatz sei zu studieren und nicht Soldat zu werden, so wünsche er ihm Glück zu seinem Vorhaben und eine glückliche Reise.

Hiermit ging er fort, und Reiser traute immer noch nicht recht, bis er erst eine ganze Strecke gegangen war und ihm nichts Auffallendes begegnete, außer einem pucklichten Mann, der zwei Schweine vor sich hertrieb und ihn lateinisch anredete, weil er ihn für einen Studenten hielt.

Dies war der Gastwirt aus Orschla, wovon der Schulmeister gesagt hatte, daß er (suos) die Seinigen holte, welcher aber (sues) Schweine geholt hatte, die der Schulmeister in Orschla nach der zweiten Deklination dekliniert und sie dadurch zu den Seinigen erhoben hatte.

Sobald sich nun Reiser wieder im Freien sahe und niemand gewahr wurde, der ihm aufgelauert hätte, so war ihm dies ein unerwartetes Glück – die Gefahr aber, welcher er entronnen war, machte doch, daß er im Gehen sehr ernsthaft über sein künftiges Leben nachdachte.

Er erwog, daß es ihm bei allen Leuten ein ehrliches Ansehn gab, wenn er sagte, daß er auf die Universität gehen und studieren wolle. Die Idee war ihm auch selber nicht zuwider; dies dauerte aber nur so lange, bis die Kulissen mit den Lichtern in seiner Einbildungskraft wieder hervortraten und alle andern Aussichten weichen mußten.

Er wanderte bis gegen Mittag auf eine ziemlich unbequeme Weise, weil der Boden noch nicht trocken war, wobei nun zu seinem Schrecken seine Schuh zu leiden anfingen, die unter seinen Umständen [349] gewissermaßen einen unersetzlichen Teil seines Selbst ausmachten.

Er fühlte den drohenden Verlust mit jedem Schritte, den er tat, als um die Mittagsstunde der Himmel sich wieder mit Wolken umzog, die einen neuen Regenguß prophezeieten, welcher sich auch sehr bald einstellte und Reisers Wanderschaft zum zweitenmal unter brach.

Zum Glück erreichte er bald ein Jägerhaus, das mitten auf einem rund umher mit Wald umgebenen Felde lag, und wo er ebenso voller Zutraun einkehrte, als er höflich und gut aufgenommen und bewirtet wurde.

Es war, als ob sein Empfang schon vorbereitet wäre, so freundschaftlich nahmen ihn die Leute in dieser einsamen Wohnung auf.

Es war, als ob es sich bei diesen Leuten von selbst verstände, daß man in einem solchen Wetter einen Wanderer aufnehmen müsse. Es hörte den ganzen Tag nicht auf zu regnen, und die Leute nötigten ihn selber, die Nacht zu bleiben.

Als sie ihn nun zum Abendessen nötigten, verbat es sich Reiser, weil er nicht hinlänglich mit Gelde versehen sei, um diese Bewirtung zu bezahlen; indem er eine weite Reise vor sich habe und sich außerordentlich einschränken müsse; worauf der Jäger aber mit einer Art von Unwillen ihn an den Tisch zog.

Es war für Reisern ein Gefühl ohnegleichen, sich von ganz unbekannten Menschen so wohl aufgenommen zu sehen.

Er fand sich hier wie zu Hause; man wies ihm die Nacht ein gutes Bette an, das ihm nun zum ersten Male auf seiner Wanderung wieder geboten wurde.

Am andern Morgen weckte man ihn zum Frühstück und nötigte ihn, den ganzen Tag dazubleiben, weil es noch immerfort regnete.

Der Mann ging ins Holz und verwies Reisern auf seine Bibliothek, daß er sich während der Zeit damit unterhalten sollte.

Diese Bibliothek bestand aus einer großen Sammlung von alten Kalendern, Totengesprächen, der Geschichte eines göttingschen Studenten und einem erfurtischen Wochenblatt, der Bürger und [350] der Bauer, wo der Bauer im thüringschen Dialekt sprach und der Bürger ihm in hochdeutscher Sprache antwortete.

Reiser amüsierte sich herrlich mit diesen Sachen und gab von Zeit zu Zeit wieder seinen Gedanken Raum; denn sein gütiger Wirt und Wirtin waren von wenigen Worten und nicht im geringsten neugierig, sondern fragten ihn nicht einmal, wohin er ginge und woher er käme, so daß er also durch nichts in seinen Gedanken gestört wurde.

Diese gastfreundliche Stube mit dem kleinen Fenster, wodurch man weit übers Feld nach dem Holze sahe, indes der Regen sich draußen stromweise ergoß, blieb eins der angenehmsten Bilder in Reisers Gedächtnis.

Am dritten Morgen hatte sich der Himmel aufgeklärt; und als Reiser nun von seinen Wohltätern Abschied nahm, suchten sie ihm sogar noch den Dank zu ersparen, indem sie eine nicht nennenswerte Kleinigkeit an Gelde als eine Bezahlung für die dreitägige Bewirtung von ihm annahmen und, da er wegging, nicht einmal nach seinem Namen fragten.

Das Andenken an diese Leute machte Reisern während dem Gehen noch manche frohe Stunde und gab ihm zugleich wieder Mut und Zutrauen zu den Menschen, unter die er sich nun wie in einem Ozean verlor.

Der Weg war zuerst von dem gestrigen Regen noch ziemlich beschwerlich; weil aber die Sonne heiß schien, so trocknete der Boden bald wieder, und Reiser erreichte noch gegen Mittag die Reichsstadt Mühlhausen, welche nun als ein neuer ungewohnter Anblick mit ihren Türmen vor ihm lag.

Hier stand ihm nun, wie er gewarnt war, die meiste Gefahr von den Werbern bevor. – Er gab sich also diesmal alle mögliche Mühe, ehe er ins Tor ging, sorgfältig seine Toilette zu machen; und die schon einmal versuchte Rolle eines unbefangnen Spaziergängers gelang ihm auch diesmal wieder ebenso gut wie in Hildesheim, so daß er, ohne von einer Schildwache befragt zu werden, glücklich durchs Tor in die Stadt kam.

Durch die Stadt eilte er so schnell wie möglich, erkundigte sich nach dem Tore, aus welchem der Weg nach Erfurt geht, und verdoppelte [351] seine Schritte, sooft er etwas einer Soldatenkleidung Ähnliches nur von fern erblickte.

Wie froh schüttelte er den Staub von seinen Füßen über diese Stadt, als er den letzten Schlagbaum zurückgelegt hatte und keinen preußischen Werber hinter noch neben sich sahe.

Die grünen Turmspitzen blieben das einzige Bild, was er von diesem Häuserhaufen mit sich nahm; alles übrige war verloschen; so schnell war seine Einbildungskraft über die Gegenstände hinweggegleitet.

Er näherte sich nun immer mehr dem Ziele seiner Reise und betrachtete das Zurückgelegte mit stillem Vergnügen, wobei ihm besonders seine Sparsamkeit und harte Lebensart einen süßen Triumph gewährten, da nun die Beschwerlichkeiten beinahe überstanden waren. Demohngeachtet aber fühlte er wiederum eine Art von Ängstlichkeit, je kleiner der Zwischenraum zwischen ihm und seinen ungewissen Aussichten wurde.

Denn das, was in der Einbildungskraft keinen Anstoß gelitten hatte, sollte nun zur Wirklichkeit kommen und mit Hindernissen kämpfen, die sich schon im voraus darstellten. Es deuchte Reisern nun viel leichter, mit schönen und angenehmen Aussichten in die weite Welt zu wandern, als an Ort und Stelle selbst zu sein und diese Aussichten wahr zu machen.

Drum hätte sich nun Reiser gerne das Ziel noch weiter weggewünscht, wenn er imstande gewesen wäre, seine Wanderung weiter fortzusetzen. Eine traurige Bemerkung aber, die er an seinen Schuhen machte, deren Verlust für ihn in den Umständen, worin er sich befand, unersetzlich war, hemmte auf einmal alle seine weiten Aussichten wieder und machte, daß er ernsthaft über seinen Zustand nachdachte.

Es ist merkwürdig, wie die verächtlichsten wirklichen Dinge auf die Weise in die glänzendsten Gebäude der Phantasie eingreifen und sie zerstören können und wie auf eben diesen verächtlichen Dingen eines Menschen Schicksal beruhen kann.

Reisers Glück, das er in der Welt machen wollte, hing jetzt im eigentlichen Sinne von seinen Schuhen ab; denn von seinen übrigen Kleidungsstücken durfte er nichts veräußern, wenn er mit [352] Anstande erscheinen wollte: und doch machten zerrissene Schuhe, die er durch neue nicht ersetzen konnte, seinen ganzen übrigen Anzug unscheinbar und verächtlich.

Dies versetzte ihn, indem er auf dem Wege nach Langensalza begriffen war, in traurige und schwermütige Gedanken, bis ein Bauer und ein Handwerksbursch, die eben desselben Weges gingen, sich zu ihm gesellten und ihn mit Gesprächen unterhielten.

Der Handwerksbursch erzählte von seinen Reisen in Kursachsen, und der Bauer hatte eine Klagesache, die er selbst in Dresden bei dem Kurfürsten anbringen wollte.

Es war kurz nach Mittag und eine drückende Hitze. Dem Handwerksburschen drückten seine Stiefeln – Reiser sahe mit jedem Tritte seine Schuhe sich verschlimmern, und der Bauer klagte über entsetzlichen Durst, als sie auf dem Felde einige Arbeitsleute antrafen, die einen Eimer Wasser neben sich stehen hatten und den drei ermüdeten Wanderern zu trinken gaben.

Eine solche Szene, wo unbekannte, voneinander entfernte Menschen auf einmal sich nahe zusammenfinden, gemeinschaftliches Bedürfnis und gemeinschaftlichen Trost und Zuspruch aneinander haben, als ob sie nie unbekannt und entfernt voneinander gewesen wären; so etwas hielt Reisern für alles Unangenehme auf seinen Wanderungen wieder schadlos, und er konnte sich mit innigem Vergnügen daran zurückerinnern.

Seine Gefährten verließen ihn vor der Stadt Langensalza, in der er sich nicht aufhielt, sondern noch den nächsten Ort zu erreichen suchte, wo er übernachten wollte.

Er kam spät in dem Gasthofe an, wo er nun die letzte Nacht vor seiner Ankunft in Erfurt zubrachte. – Als er am andern Morgen erwachte, so war sein erster Gedanke an einen Schuster; und wie groß war nun seine Freude, als er an diesem Orte einen fand, der um wenige Groschen, während daß er darauf wartete, seine Schuh wieder in dauerhaften Stand setzte, und er dadurch auf einmal aus der größten Verlegenheit befreit war.

Nun ging er also rasch auf Erfurt zu. – So wie er gekleidet war, durfte er nun vor jedermann erscheinen, und so hatte er wieder Mut und Zutrauen zu sich selber.

[353] In dem letzten Dorfe vor Erfurt ließ er sich einen Trunk Bier geben. – In dem Gasthofe war es sehr lebhaft. Man bemerkte schon die Nähe der Stadt, aus welcher sich viele Einwohner hier befanden, unter denen auch ein Gelehrter war, mit dem die andern von seinen Werken sprachen.

Von diesem Dorfe aus bekam denn Reiser endlich die Stadt Erfurt zu Gesichte mit dem alten Dom, den vielen Türmen, den hohen Wällen und dem Petersberge. – Das war nun die Vaterstadt seines Freundes Philipp Reisers, wovon ihm dieser so viel erzählt hatte. – Auf dem Wege nach der Stadt zu waren Kirschbäume gepflanzt. – Die Hitze der Mittagssonne hatte sich schon gelegt – die Leute gingen vor dem Tore spazieren – und als Reiser auf diesem Wege an Hannover zurückdachte, so war es ihm auch gerade, als habe er von dort bis hieher einen leichten Spaziergang gemacht, so klein deuchte ihm nun der Zwischenraum, den er zurückgelegt hatte.

Eine so große Stadt wie diese hatte er nun noch nicht gesehen; der Anblick war ihm neu und ungewohnt; er kam durch die breite und schöne Straße, welche der Anger heißt, und konnte sich nicht enthalten, noch ein wenig in der Stadt umherzugehen, ehe er seinen Stab weiter setzte; denn er wollte noch bis zum nächsten Dorfe gehen, das auf dem Wege nach Weimar liegt.

Bei diesen Wanderungen durch die Straßen von Erfurt kam er in eine der Vorstädte und kehrte, weil es noch nicht spät war, in einem Gasthofe ein.

Hier saß der Wirt, ein dicker Mann, am Fenster, und Reiser fragte ihn, ob die Ekhofsche Schauspielergesellschaft noch in Weimar wäre? Nichts! antwortete er, sie ist in Gotha! Reiser fragte weiter, ob Wieland noch in Erfurt wäre? Nichts! antwortete jener wieder, er ist in Weimar! Das Nichts! sprach er jedesmal mit einer Art von Unwillen aus, als ob es ihn verdrösse, Nein! zu sagen.

Und dies harte Nichts! in der Antwort des dicken Wirtes verrückte auf einmal Reisers ganzen Plan. – Nach Weimar war eigentlich sein Sinn gerichtet – da, glaubte er, würden sich unerwartete Kombinationen finden – er würde da den angebeteten [354] Verfasser von Werthers Leiden sehen. – Und nun klang auf einmal Gotha statt Weimar in seinen Ohren.

Er ließ sich aber auch dies nicht irren, sondern stand eilig auf, um sich noch denselben Abend auf den Weg nach Gotha zu begeben und, um von seiner strengen Regel nicht abzuweichen, im nächsten Dorfe zu übernachten.

Ehe die Sonne unterging, hatte er Erfurt schon wieder im Rücken, und ehe es ganz Nacht wurde, erreichte er noch das erste Dorf auf dem Wege nach Gotha. – Der Dom und die alten Türme von Erfurt machten nun ein neues Bild in seiner Seele, das er mit sich heraustrug und das ihn zur Wiederkehr in diesen Ort einzuladen schien.

In dem Dorfe aber, wo er einkehrte, hatte er noch zu guter Letzt auf seiner Streu sehr unruhige Nachbaren. Dies waren nämlich Fuhrleute, die von Zeit zu Zeit aufstanden und sich in einem sehr groben Dialekt miteinander unterhielten, worin besonders ein Wort vorkam, das höchst widrig in Reisers Ohren tönte und immer mit einer Menge von häßlichen Nebenideen für ihn begleitet war: die Bauern sagten nämlich immer: ›er quam‹ anstatt ›er kam‹. Dieses ›quam‹ schien Reisern ihr ganzes Wesen auszudrücken; und alle ihre Grobheit war in diesem ›quam‹, das sie immer mit vollen Backen aussprachen, gleichsam zusammengedrängt.

Kaum daß Reiser ein wenig eingeschlummert war, so weckte ihn dies verhaßte Wort wieder auf, so daß diese Nacht eine der traurigsten war, die er je auf einer Streu zugebracht hatte. Als der Tag anbrach, sahe er die schwammigten, aufgedunsenen Gesichter seiner Schlafkameraden, welche vollkommen mit dem ›quam‹ übereinstimmten, das ihm noch in den Ohren gellte, als er den Gasthof schon verlassen hatte und nun am frühen Morgen mit starken Schritten auf Gotha zuwanderte.

Weil er die Nacht wenig geschlafen hatte, waren seine Gedanken auf dem Wege nach Gotha eben nicht sehr heiter, wozu noch kam, daß mit jedem Schritte seine Aussicht nun enger wurde und seine Phantasie weniger Spielraum hatte.

Es war an einem Sonntage, und ein Schuster, der die Woche aufs [355] Land gegangen war, um Schulden einzufordern, kehrte mit ihm nach Gotha und sagte ihm unter andern, daß es dort sehr teuer zu leben sei.

Diese Nachricht war für Reisern sehr bedenklich, der nun ohngefähr noch einen Gulden im Vermögen hatte und dessen Schicksal in Gotha sich also sehr bald entscheiden mußte. –

Das Gespräch mit dem Schuster, der ihm als ein Einwohner von Gotha seine Not klagte, war für ihn gar nicht unterhaltend und stimmte seine Ideen sehr herab, da er nun das wirkliche Leben in so einer Stadt sich dachte, wo noch kein Mensch ihn kannte, und wo es noch sehr zweifelhaft war, ob irgend jemand an seinem Schicksal teilnehmen und auf seine Wünsche merken würde.

Diese unangenehmen Reflexionen machten, daß ihm der Weg noch beschwerlicher und er mit jedem Schritte müder wurde, bis sich die beiden kleinen Türmchen von Gotha zeigten, wovon ihm der Schuster sagte, daß der eine auf der Kirche und der andre auf dem Komödienhause stände.

Dieser angenehme Kontrast und lebhafte sinnliche Eindruck machte, daß sein Gemüt sich allmählich wieder erheiterte und er durch verdoppelte Schritte seinen Gefährten wieder in Atem setzte.

Denn das Türmchen bezeichnete ihm nun deutlich den Fleck, wo der unmittelbare laute Beifall eingeerntet und die Wünsche des ruhmbegierigen Jünglings gekrönt würden.

Dieser Platz behauptete dort seine Rechte neben dem geweihten Tempel und war selbst ein Tempel der Kunst und den Musen geweihet, in welchem das Talent sich entwickeln und alle und jede Empfindungen des Herzens aus ihren geheimsten Falten vor einem lauschenden Publikum sich enthüllen konnten. –

Da war nun der Ort, wo die erhabene Träne des Mitleids bei dem Fall des Edlen geweint und lauter Beifall dem Genius zugejauchzt wurde, der mit Macht die Seelen zu täuschen, die Herzen zu schmelzen wußte.

Mitleid den Toten und Ehre den Lebenden war hier die schöne Lösung – und Reiser lebte und webte schon in diesem Elemente, wo alles das, was die Vorwelt empfand, noch einmal nachempfunden [356] und alle Szenen des Lebens in einem kleinen Raume wieder durchlebt wurden.

Kurz, es war nichts weniger als das ganze Menschenleben mit allen seinen Abwechselungen und mannigfaltigen Schicksalen, das bei dem Anblick des Türmchens vom Gothaischen Komödienhause sich in Reisers Seele wie im Bilde darstellte, und worin sich die Klagen des Schusters, der ihn begleitete, und seine eigenen Sorgen wie in einem Meere verloren. –

Mit seinem einzigen Gulden in der Tasche fühlte sich Reiser beglückt wie ein König, solange dieser Reichtum von Bildern ihm vorschwebte, die die Spitze des Türmchens in Gotha umgaukelten und Reisern einen schönen Traum in die Zukunft aufs neue vorspiegelten.

Da sie nicht mehr weit von der Stadt waren, ließ Reiser seinen Gefährten vorangehen und setzte sich gemächlich unter einen Baum, um so gut wie nur irgend möglich seine Kleider in Ordnung zu bringen und auf eine stattliche Weise in Gotha seinen Einzug zu halten.

Dies gelang ihm so gut, daß einige Handwerksleute, die eben vor dem Tore vor Gotha spazieren gingen, wie vor einem vornehmen Manne den Hut vor ihm abzogen, welches Reisern nicht wenig in Verwunderung setzte, der auf seiner ganzen Reise mit den Fuhrleuten auf der Streu geschlafen und eine gar nicht glänzende Figur gespielt hatte.

Er kam nun durch das alte Tor von Gotha in eine etwas dunkle Straße, die er hinaufging und bald zur rechten Seite den Gasthof zum goldnen Kreuze ansichtig wurde, wo er denn einkehrte, weil dieser Gasthof ihm keiner der glänzendsten zu sein schien.

Als er eben hereintrat, fand er gleich vorn in der Gaststube einen Schwarm von Handwerksburschen, die schrien und lärmten; und er wollte schon wieder umkehren, als der alte Wirt zu ihm kam, der ihn freundlich anredete und fragte, ob er etwa hier logieren wolle? Reiser erwiderte: dies sei wohl eine Herberge für Handwerksburschen? Das täte nichts, sagte der Wirt, er solle mit seinem Logis schon zufrieden sein, und hierauf nötigte er Reisern in seine eigene wohleingerichtete Stube, wo ein alter Hauptmann, [357] ein Hoflakai und noch einige andere wohlgekleidete Leute waren, in deren Gesellschaft Reiser von dem Wirt introduzieret und auf das höflichste behandelt wurde. Denn man tat keine einzige unbescheidene oder neugierige Frage an ihn und bewies ihm doch dabei eine schmeichelnde Aufmerksamkeit.

In diesem Zimmer stand ein Flügel, auf welchem ein junger Mann, namens Liebetraut, sich hören ließ. Dieser Liebetraut war auch erst vor kurzem zufälligerweise in eben diesen Gasthof eingekehrt und mit den alten Wirtsleuten bekannt geworden, auf deren Zureden, weil sie sich gerne in Ruhe setzen wollten, er den Gasthof in Pacht übernommen hatte, so daß er also eigentlich der Wirt war, obgleich die Alten ihm noch immer Anweisung geben und sich mit um die Wirtschaft bekümmern mußten.

Dieser junge Liebetraut ließ sich sehr bald mit Reisern in ein Gespräch über schöne Wissenschaften und Dichtkunst ein und zeigte sich als ein Mann von feinem Geschmack und Bildung, und was das Sonderbarste war, so schien er nicht undeutlich darauf anzuspielen, daß Reiser wohl hierher gekommen sei, um sich dem Theater zu widmen.

Dieser ließ sich für jetzt nicht weiter aus, und ihm wurde nun auch eine Stube angewiesen, wo er allein sein konnte. Hier sammelten sich nun seine Gedanken wieder, und er machte sich nun einen Plan, wie er am andern Tage seinen Besuch bei dem Schauspieler Ekhof machen und dem sein Anliegen vortragen wollte.

Während er auf seiner Stube allein mit diesen Gedanken beschäftigt war und am Fenster stand, kamen die Chorschüler vor das Haus und sangen eine Motette, die Reiser während seiner Schuljahre in Wind und Regen oft mitgesungen hatte.

Dies erinnerte ihn an jenen ganz trüben Zeitraum seines Lebens, wo immer Mißmut, Selbstverachtung und äußerer Druck ihm jeden Schimmer von Freude raubte, wo alle seine Wünsche fehlschlugen und ihm nichts als ein schwacher Strahl von Hoffnung übrig blieb.

Sollte denn nun, dachte er, nicht endlich einmal die Morgenröte aus jenem Dunkel hervorbrechen? – Und eine trügerische täuschende Hoffnung schien ihm zu sagen, daß er dafür, daß er so [358] lange sich selber zur Qual gewesen, nun auch einmal werde Freude an sich selber haben, und daß die glückliche Wendung seines Schicksals nicht weit mehr entfernt sei.

Sein höchstes Glück aber war nun einmal der Schauplatz; denn das war der einzige Ort, wo sein ungenügsamer Wunsch, alle Szenen des Menschenlebens selbst zu durchleben, befriedigt werden konnte.

Weil er von Kindheit auf zu wenig eigene Existenz gehabt hatte, so zog ihn jedes Schicksal, das außer ihm war, desto stärker an; daher schrieb sich ganz natürlich während seiner Schuljahre die Wut, Komödien zu lesen und zu sehen. – Durch jedes fremde Schicksal fühlte er sich gleichsam sich selbst entrissen und fand nun in andern erst die Lebensflamme wieder, die in ihm selber durch den Druck von außen beinahe erloschen war.

Es war also kein echter Beruf, kein reiner Darstellungstrieb, der ihn anzog: denn ihm lag mehr daran, die Szenen des Lebens in sich als außer sich darzu stellen. Er wollte für sich das alles haben, was die Kunst zum Opfer fordert.

Um seinetwillen wollte er die Lebensszenen spielen – sie zogen ihn nur an, weil er sich selbst darin gefiel, nicht weil an ihrer treuen Darstellung ihm alles lag. – Er täuschte sich selbst, indem er das für echten Kunsttrieb nahm, was bloß in den zufälligen Umständen seines Lebens gegründet war. – Und diese Täuschung, wie viele Leiden hat sie ihm verursacht, wie viele Freuden ihm geraubt!

Hätte er damals das sichere Kennzeichen schon empfunden und gewußt, daß, wer nicht über der Kunst sich selbst vergißt, zum Künstler nicht geboren sei, wie manche vergebene Anstrengung, wie manchen verlornen Kummer hätte ihm dies erspart!

Allein sein Schicksal war nun einmal von Kindheit an, die Leiden der Einbildungskraft zu dulden, zwischen welcher und seinem würklichen Zustande ein immerwährender Mißlaut herrschte, und die sich für jeden schönen Traum nachher mit bittern Qualen rächte.

Nach seiner langen Wanderschaft brachte nun Reiser wieder die erste Nacht in Gotha in sanftem Schlummer zu, und als er am andern [359] Morgen früh erwachte, so war es, als ob aus Lisuart und Dariolette ihm der Schluß aus einer Arie, welche die verwünschte Alte singt, entgegentönte:


Vielleicht ist dies der Morgen,

Der aller meiner Sorgen

Erwünschtes Ende bringt.


Während daß diese Zeilen ihm immer in Gedanken schwebten, zog er sich an und erkundigte sich bei seinem jungen Wirt, wo Ekhof wohnte, dem er nun diesen Vormittag seinen Besuch machen wollte.

Zu dem Ende hielt er nun seinen gedruckten Prolog in Bereitschaft, den er in Hannover verfertigt und Iffland gesprochen hatte, und durch welchen er hier vorzüglich Eingang zu finden hoffte.

Der junge Gastwirt Liebetraut nötigte ihn noch vorher mit ihm zu frühstücken und schien an seinem Umgange ein besonderes Vergnügen zu finden, indem er zugleich anfing, ihn zum Vertrauten seiner Herzensgeschichte zu machen, welche darin bestand, daß er den Gasthof gepachtet habe, um ein junges Frauenzimmer, das er liebte, je eher je lieber heiraten zu können.

Reiser ging nun zu Ekhof, und auf dem Wege dahin drängten sich alle seine Entwürfe, die er vom Anfang seiner Wanderung an gemacht, noch einmal wieder in seine Seele zusammen, da er sich so nahe am Ziel seiner Reise sahe; die Melodie und der Vers aus Lisuart und Dariolette tönten noch immer in seine Ohren, und diesmal wenigstens täuschte ihn seine Hoffnung nicht. – Ekhof empfing ihn über Erwartung gut und unterhielt sich beinahe eine Stunde mit ihm.

Reisers jugendlicher Enthusiasmus für die Schauspielkunst schien dem Greise nicht zu mißfallen – er ließ sich mit ihm über Gegenstände der Kunst ein und mißbilligte es gar nicht, daß er sich dem Theater widmen wollte, wobei er hinzufügte, daß es freilich gerade an solchen Menschen fehlte, die aus eigenem [360] Triebe zur Kunst und nicht durch äußere Umstände bewogen würden, sich der Schaubühne zu widmen.

Was konnte wohl aufmunternder für Reisern sein als diese Bemerkung – er dachte sich schon im Geist als einen Schüler dieses vortrefflichen Meisters.

Nun zog er auch seinen gedruckten Prolog hervor, der Ekhofs vollkommnen Beifall erhielt und den sich derselbe sogar von ihm ausbat und bemerkte, wie nahe das Talent zum Schauspieler und zum Dichter miteinander verwandt sei und wie eins gewissermaßen das andere voraussetze.

Reiser fühlte sich in diesem Augenblick so glücklich, als sich ein junger Mensch nur fühlen konnte, der vierzig Meilen weit bei trockenem Brote zu Fuße gereist war, um Ekhof zu sehen und zu sprechen und unter seiner Anführung Schauspieler zu werden.

Was nun sein Engagement anbeträfe, sagte Ekhof, so müsse er sich deswegen vorzüglich bei dem Bibliothekarius Reichard melden, mit welchem er selbst auch Reisers wegen sprechen wolle.

Reiser versäumte keinen Augenblick dieser Anweisung zu folgen und ging von Ekhof, der in einem Bäckerhause wohnte, nach dem Hause des Bibliothekarius Reichard, der ihn zwar auch höflich empfing, aber sich doch nicht so viel wie Ekhof mit ihm einließ. Indes machte er ihm zu einer Debütrolle Hoffnung, welches Reisers höchster Wunsch war, denn wenn er nur dazu käme, zweifelte er nicht, seinen Endzweck zu erreichen.

Mit Heiterkeit im Gesichte kehrte er nun zu Hause, weil er diesen Anfang seiner Unternehmung für höchst glücklich hielt und unter diesen günstigen Umständen sich so viel zutraute, daß nun sein Wunsch ihm nicht mehr fehlschlagen könne.

Und ob er sich gleich seinem Wirt nicht ganz entdeckte, so schien dieser doch gar nicht mehr daran zu zweifeln, daß er nun in Gotha bleiben und seine theatralische Laufbahn hier antreten würde.

Voller Zutrauen zu sich selbst und seinem Schicksale brachte nun Reiser in der Gesellschaft des alten Hauptmanns, des Hoflakaien und seines Wirts den Mittag höchst angenehm zu; und voll von schimmernden Aussichten, worin ihn alles bestärkte, überschritt er durch dies Mittagsessen zum erstenmal im Taumel der Freude [361] den Bestand seiner Kasse und dünkte sich nun dadurch um desto fester an diesen Ort und an die hartnäckigste Verfolgung seines Plans gebunden.

Er machte nun fast täglich bei Ekhof seinen Besuch, und dieser riet ihm, fürs erste die Proben im Schauspielhause fleißig zu besuchen, welches Reiser tat und den alten Ekhof hier ganz in seinem Elemente sahe, wie er auf jede Kleinigkeit aufmerksam war und auch den ersten Schauspielern noch manche Erinnerung gab. Auch wurde Reisern erlaubt, die Komödie unentgeltlich zu besuchen, wo das erste Mal ein gewisser Bindrim mit dem Vater in der Zaire debütierte.

Weil nun dieser keinen besondern Beifall fand und Reiser in sich fühlte, wie bei den meisten Stellen der Ausdruck hätte ganz anders sein müssen, so spornte ihn dies noch mehr an, nun selber so bald wie möglich in einer Debütrolle den Schauplatz zu betreten, und er lag Ekhof dringend an, daß in einem der nächstaufzuführenden Stücke ihm eine Rolle möchte zugeteilt werden.

Und da das nächstemal die Poeten nach der Mode aufgeführt wurden, so tat Reiser den Vorschlag, die Rolle des Dunkel zu übernehmen, welches ihm aber Ekhof aus dem Grunde widerriet, weil er selbst diese Rolle spiele und es für einen angehenden Schauspieler nicht ratsam sei, sich gerade in einer Rolle zuerst zu zeigen, die man schon von einem alten geübten Schauspieler zu sehen gewohnt wäre.

So verschob sich nun sein Debüt von einem Spieltage bis zum andern, während daß seine Hoffnung dazu immer genährt wurde und auf dieser Entscheidung nun sein ganzes Schicksal beruhte.

Bei Ekhof holte sich nun Reiser immer Trost und neue Hoffnung, sooft er anfing verzagt zu werden; denn daß dieser sich gerne mit ihm unterhielt, flößte ihm wieder Selbstzutrauen und neuen Mut ein.

Demohngeachtet aber waren auch ein paar Äußerungen von Ekhof äußerst niederschlagend für ihn; denn als einmal von seinem Engagement die Rede war und Reiser sich auf einen jungen Menschen berief, der in den Poeten nach der Mode die Rolle des[362] Reimreich gespielt hatte, so sagte Ekhof, man habe diesen vorzüglich seiner Jugend wegen angenommen, und schien dadurch zu verstehen zu geben, daß dieser Beweggrund bei Reisern nicht mehr stattfinde; der damals doch auch erst neunzehn Jahr alt war, aber, wie es schien, von jedermann für weit älter gehalten wurde; so daß bei dem Verlust aller Freuden der Jugend auch nicht einmal der Anschein der Jugend geblieben war.

Und ein andermal, als von Goethen gesprochen wurde, sagte Ekhof, er sei ohngefähr von Reisers Statur, aber gut physiognomiert, welches ›aber‹ allein schon den Schauspieler in Reisern ganz vernichtet haben würde, wenn nicht Ekhof gleich darauf zufälligerweise ihm wieder etwas Aufmunterndes gesagt hätte, indem er ihn fragte, ob er außer dem Prolog sonst nichts gedichtet habe? welches Reiser bejahte und, sobald er zu Hause kam, seine Verse, die er auswendig wußte, niederschrieb, um sie Ekhof zu überbringen.

Er brachte wohl ein paar Tage mit dieser Arbeit zu, und sein Wirt geriet auf den Gedanken, daß Reiser ein dramatisches Werk für die Schaubühne verfertigte. – Dies ließ er sich auf keine Weise ausreden und wünschte Reisern schon im voraus Glück zu der glänzenden Laufbahn, die er nun betreten würde.

Als Ekhof die Gedichte gelesen hatte, bezeigte er Reisern seinen Beifall darüber und sagte, er wolle sie auch dem Bibliothekarius Reichard zu lesen geben. Dies war für Reisern eine Aufmunterung ohnegleichen, weil er sich immer noch an Ekhofs ersten Ausspruch erinnerte, wie nahe der Schauspieler und der Dichter aneinander grenzten.

Er zweifelte nun nicht, daß diese Gedichte ihm seinen Weg zum Theater noch mehr bahnen und ihn bald seinem Ziele näher bringen würden. Dazu kam noch, daß der Schauspieler Großmann, welcher sich damals in Gotha aufhielt und Reisern einmal auf der Straße begegnete, ihm neuen Mut zusprach, indem er den Grund anführte, daß man ihn gewiß nicht würde so lange aufgehalten haben, wenn man nicht gesonnen sei, ihn vielleicht ohne Debüt für das Theater zu engagieren; denn es war nun schon in die dritte Woche, daß Reiser sich hier aufhielt.

[363] Diese tröstenden Worte und die freundliche Anrede von Großmann waren damals ein wahrer Balsam für Reisern, der bei dem Schlosse, wo gebauet wurde, einsam auf und nieder ging und gerade mit finsterm Unmut über sein noch ungewisses Schicksal nachdachte.

Reiser ging nun mit guter Hoffnung zu Hause und brachte den Tag bei seinem Wirt noch sehr vergnügt zu.

Am andern Morgen ging er in die Probe, und man führte den Tag gerade die Operette der Deserteur auf, worin ein fremder Schauspieler, namens Neuhaus, den Deserteur und dessen Frau die Lilla spielte.

Ekhof bewies sich bei der Probe besonders geschäftig, und Reiser stand hinter den Kulissen und sahe mit Vergnügen zu, wie durch Anstrengung und Aufmerksamkeit eines jeden einzelnen das schöne Werk entstand, das am Abend die Zuschauer vergnügen sollte.

Er dachte sich lebhaft die Nähe, in der er sich nun bei diesen reizenden Beschäftigungen fand, und daß auf eben diesem Schauplatze mit seinem Spiele sich auch zugleich sein Schicksal entscheiden und seine Existenz auf diesem Flecke sich entwickeln würde. –

Denn auf diesen engumschränkten Schauplatz waren nun nach der weiten Reise alle seine Wünsche beschränkt; hier sah er sich, hier fand er sich wieder. – Hier schloß die Zukunft ihren ganzen reichen Schatz von goldenen Phantasien für ihn auf und ließ ihn in eine schöne und immer schönere Ferne blicken. – –

So hatte er schon oft zwischen den Kulissen in Gedanken vertieft gestanden und stand auch diesmal wieder so, als er auf einmal den Bibliothekarius Reichard auf sich zukommen sah, von dem er schon seit einigen Tagen eine entscheidende Antwort erwartet hatte.

Die Miene desselben verkündigte schon nichts Gutes, und er redete Reisern mit den trocknen Worten an, es täte ihm leid, ihm sagen zu müssen, daß aus seinem Engagement beim Theater nichts werden und daß er auch zur Debütrolle nicht kommen könne. – Mit diesen Worten gab er Reisern die geschriebenen[364] Gedichte zurück, indem er gleichsam zum Trost hinzufügte, es herrsche eine leichte Versifikation darin und er solle dies Talent ja nicht vernachlässigen.

Reiser, der an Leib und Seele gelähmt war, konnte kein Wort hierauf antworten, sondern ging hin, wo das Theater mit seinem letzten Vorhange ganz am Ende an die kahle Mauer grenzt, und stützte sich verzweiflungsvoll mit dem Kopfe an die Wand. Denn er war nun wirklich unglücklich und doppelt unglücklich. –

Der eingebildete und der würkliche Mangel traten in fürchterlicher Eintracht zusammen, um sein Gemüt mit Schrecken und Grauen vor der Zukunft zu erfüllen.

Er sahe nun keinen Ausweg aus diesem Labyrinthe, in welches seine eigene Torheit ihn geleitet hatte – hier war nun die kahle öde Mauer, das täuschende Schauspiel war zu Ende.

Er eilte vors Tor hinaus und ging in der Allee, wo er sich schon oft mit den angenehmsten Vorstellungen beschäftiget hatte, verzweiflungsvoll auf und nieder; die Menschen gingen kalt vor ihm vorbei; niemand wußte, daß er in diesem Augenblick die einzige Hoffnung seines Lebens verloren hatte und einer der verlassensten Menschen war.

Und sonderbar war es, daß gerade in diesem allerverlassensten Zustande sich ein unbekanntes Gefühl von Liebebedürfnis in ihm regte, da seine Verzweiflung in Mitleid mit seinem eigenen Zustande sich verwandelte und ihm nun ein Wesen fehlte, das dieses Mitleid mit ihm haben könnte.

Er getrauete sich den Mittag nicht zu Hause zu gehen, sondern aß nicht und kehrte erst den Nachmittag wieder zurück – und am Abend ging er in die Komödie, wo nun die Operette der Deserteur aufgeführt wurde, die ihm den Tod seiner Hoffnungen bezeichnete.

Nie aber in seinem Leben ist seine Teilnahme an einem fremden Schicksale stärker gewesen, als sie es gerade diesen Abend an dem Schicksale der Liebenden war, welche durch den drohenden Todesstreich getrennt werden sollten. Es traf bei ihm zu, was Homer von den Mädchen sagt, die um den erschlagenen Patroklius weinten, sie beweinten zugleich ihr eigenes Schicksal.

[365] Selbst die Musik rührte ihn bis zu Tränen, und jeder Ausdruck erschütterte sein Innerstes. Am stärksten aber fühlte er sich durch die Szene bewegt, wo der Deserteur, der schon sein Todesurteil weiß, im Gefängnis an seine Geliebte schreiben will und sein betrunkener Kamerad ihm keine Ruhe läßt, weil er ihn ein Wort soll buchstabieren lehren.

Reiser fühlte es hier tief, wie wenig ein Mensch den andern Menschen ist, wie wenig den andern an seinem Schicksal liegt; und sein Freund mit der Hutkokarde stand wieder vor seiner Seele da. Weswegen putzte aber jener seine Hutkokarde, als um seinem Mädchen, der einzigen zu gefallen, die damals seine Göttin war, in der er sich wiederfinden und wieder von ihr geliebt sein wollte.

Das Schauspiel endigte sich froh, die Unglücklichen wurden getröstet, das Weinen verwandelte sich in Lachen, das Trauren in Fröhlichkeit – aber betrübt und mit schwerem Herzen ging Reiser in seine Wohnung – vor ihm war alles dunkel, und er sahe nun keinen Strahl von Hoffnung mehr.

Als er zu Hause kam, legte er sich sogleich zu Bette – seine Sinne waren stumpf – seine Gedanken wußten keinen Ausweg mehr zu finden – und der Schlaf war das einzige, was ihm übrig blieb. – Es war ihm, als ob er aus diesem Schlafe nicht wieder erwachen würde – denn alle Lebensaussichten waren ihm abgeschnitten, und er hatte keine Hoffnung mehr, wozu er erwachen sollte.

Der Gedanke von Auflösung, von gänzlichem Vergessen seiner selbst, von Aufhören aller Erinnerung und alles Bewußtseins war ihm so süß, daß er diese Nacht die Wohltat des Schlafes im reichsten Maße genoß – denn kein leiser Wunsch hemmte mehr die gänzliche Abspannung aller seiner Seelenkräfte; kein Traum von täuschender Hoffnung schwebte ihm mehr vor – alles war nun vorbei und endigte sich in die ewigstille Nacht des Grabes.

So wohltätig reicht die Natur den Hoffnungslosen auch schon die Schale dar, aus der er Vergessenheit seiner Leiden trinken und alle Erinnerungen an irgend etwas, das er wünschte oder wornach er strebte, aus der Seele verwischt werden sollen.

Als Reiser am andern Morgen spät aus seinem tiefen Schlafe erwachte, [366] fühlte er sich wunderbar an Leib und Seele gestärkt – er fühlte Kraft in sich, alles zu unternehmen, um auch selbst unter diesen Umständen noch zum Ziel seiner Wünsche zu gelangen.

Es stieg ein Gedanke in ihm auf, sich hier um Unterrichtsstunden zu bewerben; sich durch seinen eigenen Fleiß zu nähren und auf dem Theater umsonst zu dienen. – Dieser Entschluß wurde immer lebhafter bei ihm, und er traute seinen Kräften alles zu, sobald er nur wieder einen Schimmer von Hoffnung vor sich sahe, sein Ziel zu erreichen.

Während dieser Gedanken zog er sich an und ging zu Ekhof, dem er seinen Entschluß entdeckte und dessen Rat er sich ausbat, indem er versicherte, daß er für sich selbst leben könne, ohne doch von der Art, wie er zu leben dächte, sich etwas merken zu lassen.

Ekhof lobte und billigte seine Standhaftigkeit und sagte ihm, er zweifle nicht, daß dies Anerbieten werde angenommen werden. Der Bibliothekarius Reichard, welchem Reiser eben diesen Entschluß bekannt machte, versprach ihm den andern Tag Bescheid darauf zu geben.

Und nun kehrte Reiser voll neuer Hoffnung wieder zu Hause – sein ganzes Beginnen kam ihm nun selber noch ehrenvoller vor, weil er mit der Kunst zugleich den Fleiß in nützlichen Geschäften und nährendem Erwerb verband – und alle seine übrigen Stunden der Kunst zum Opfer brachte.

Er aß nun diesen Mittag wieder voll Zutrauen bei seinem Wirt – und fühlte in sich einen unwiderstehlichen Mut, der Kunst zuliebe das Härteste im Leben zu ertragen, sich auf die notwendigsten Bedürfnisse einzuschränken und Tag und Nacht nicht zu ruhen, um sich in der Kunst zu üben und zugleich seine Unterrichtsstunden gehörig abzuwarten.

Mit diesen Entschlüssen, die ihm einen recht heroischen Mut einflößten, kam er am andern Morgen wieder zu Reichard und hörte nun sein Endurteil, daß man sich auch auf sein Anerbieten, umsonst auf dem Theater zu dienen, nicht einlassen könne und jetzt schlechterdings kein neues Engagement bei diesem Theater mehr stattfinden solle. – Wenn Reiser einige Wochen eher gekommen [367] wäre, so hätte sich etwas für ihn tun lassen, nun aber sei alles vergeblich. –

Diese ganz unerwartete zweite abschlägige Antwort versetzte Reisern in eine Art von innerer Erbitterung – er fing in diesem Augenblicke an, sich selbst zu hassen und zu verachten, und fragte: ob er denn nicht etwa Souffleur oder Rollenschreiber oder Lichtputzer beim Theater werden könne? – Reichard antwortete: es täte ihm leid, da Reiser so viel Feuer fürs Theater verriete, daß sein Unternehmen ihm hier mißlungen wäre, indes würde es ihm vielleicht anderwärts gelingen.

Reiser ging nun in tiefen Gedanken von Reichard weg, und ging bei dem Bau am Schlosse auf und nieder, wo einige in Schiebkarren Steine zuführten, andere sie ordneten. – Er stand wohl an eine Stunde da und sahe immer dieser Arbeit zu – dabei entstand eine sonderbare Begierde in ihm, sein gutes Kleid auszuziehen und mit den übrigen Tagelöhnern auch Steine zu diesem Bau auf den Schiebkarren herbeizuführen.

Es war schon gegen Mittag, und die Sonne schien immer heißer. – Die Hände der Arbeiter wurden laß – sie ruheten sich aus und verzehrten auf der Erde ihr Mittagsmahl. – Reiser gab sich mit dem einen ins Wort und fragte ihn, wie viel sein Tagelohn betrüge. Es war eine Anzahl Groschen, die Reiser nicht mehr in seinem Vermögen hatte; und das Geld konnte in einem Tage verdient werden.

Der Entschluß, um diesen Tagelohn zu arbeiten, war in dem Augenblicke bei Reisern schon so gewiß, daß er innerlich lachen mußte, daß der Arbeiter, während er mit ihm sprach, die Mütze vor ihm abnahm und nicht wußte, daß sie vielleicht morgen Kameraden sein würden.

Das einzige, was seine Erbitterung und Selbsthaß und Selbstverachtung mildern konnte, war dieser Entschluß, worin er sich selbst wieder ehrte. Denn nun wollte er seinen wahren Zustand seinem Wirt entdecken, seinen Degen, sein Kleid ihm für die Bezahlung lassen und dann beim Schloßbau Steine zuführen.

Während nun dies in seinen Gedanken vorging, glaubte er selbst, es sei sein wahrer Ernst, und wußte nicht, daß seine Einbildungskraft [368] ihn wieder täuschte und daß er schon wieder in Gedanken eine Rolle spielte.

Denn als Handlanger beim Schloßbau war er nun das Niedrigste, was er nur sein konnte; diese selbstgewählte freiwillige Niedrigkeit hatte einen außerordentlichen Reiz für ihn – er lebte nun wie die übrigen von seinem Stande, ging des Sonntags fleißig in die Kirche und war ein stiller religiöser Mensch – in einsamen Stunden ergötzte er sich denn mit Shakespeare und Homer und hatte dasjenige reelle Leben in sich, was er nicht außer sich haben konnte.

Besonders rührend war ihm bei dergleichen Vorstellungen immer der Gedanke, daß er am Sonntage fleißig in die Kirche gehen und dem Prediger recht aufmerksam zuhören würde. – Denn hierdurch vernichtete er gleichsam sich selbst, weil er alles, was auch der schlechteste Prediger ihm sagen würde, doch für sich noch sehr lehrreich hielt, und nicht klüger als der einfältigste Mensch sein wollte.

Er dachte sich nun wieder in dem Zustande, worin er als Hutmacherbursch gewesen war, wo er den Prediger, der ihm gefiel, wie ein Wesen höherer Art und selbst die Chorschüler auf der Straße mit Ehrfurcht betrachtete. Vom Theater durfte er in diesem Zustande kaum einen Begriff haben – und doch war es ihm wieder, als ob eben dieser Zustand auf eine wunderbare Weise ihn seinem ersten Wunsche vielleicht wieder näher bringen könnte.

Ehe er sich nun aber um die Stelle eines Tagelöhners bei dem Bau am Schlosse wirklich bewarb, konnte er doch nicht unterlassen, noch einmal zu Ekhof zu gehen, um ihm Lebewohl zu sagen und ihm zugleich zu erzählen, daß auch seine letzte Hoffnung gescheitert sei.

Er konnte diese Erzählung nicht ohne Beklemmung und Rührung vorbringen, weil er sich seinen ganzen nunmehrigen Zustand und also weit mehr dabei dachte, als er sagte. –

Der gute Ekhof redete ihm zu: er solle den Mut nicht sinken lassen; drei Meilen von hier in Eisenach sei jetzt die Barzantische Truppe; es würde ihm nicht fehlen, bei dieser Truppe angenommen zu werden; er solle sich bei derselben nur erst eine Weile zu [369] üben suchen und dann wieder nach Gotha kommen, wo vielleicht günstigere Umstände sich für ihn ereignen und seine Aufnahme desto leichter sein würde, wenn er schon eine zeitlang bei einer Truppe gestanden hätte – er könne dies ja leicht versuchen und den Weg von Gotha bis Eisenach auf der Chaussee wie einen Spaziergang machen.

Mit dieser Anrede von Ekhof war auf einmal das ganze Projekt mit dem Steinezuführen und dem Arbeiten ums Tagelohn aus Reisers Gedanken verschwunden. – Denn das Ziel, wohin er doch am Ende wollte, sahe er auf einmal wieder nahe vor sich, und alle Bedenklichkeiten hörten auf, da er sich den Weg von Gotha nach Eisenach wie einen Spaziergang dachte, wodurch er gar keine Untreue an seinem Wirt beging, dem er von Eisenach als Schauspieler doch eher und leichter wie von seiner Tagelöhnerarbeit bezahlen konnte.

Er ging also, da es hoch Mittag war, aus Ekhofs Hause, so wie er war und ohne sich umzusehen, gerade auf Eisenach zu. Und dieser Weg wurde ihm nun auch würklich so leicht wie ein Spaziergang. Denn alle die erstorbenen Hoffnungen waren nun auf einmal in seiner Seele wieder erneuert und machten einen lebhaften und angenehmen Kontrast gegen die melancholischen Ideen, womit er sich an diesem Vormittage noch zum Tagelöhner hatte verdingen wollen.

Er dachte sich immer nahe bei Gotha, und wie er am andern Tage zurückkehren und seinem Wirte eine angenehme Nachricht bringen würde. Dies machte, daß die Schönheiten der Natur ihn wieder ergötzten; er wandelte mit innigem Vergnügen durch die romantischen Täler zwischen den Bergen hin, und als er die Türme der alten Wartenburg, von der er schon in seiner Kindheit gehört hatte, zuerst erblickte, so umfaßte sein Gemüt die Gegenstände umher mit einer Wärme und Anschließung, die ihm alles doppelt schön machte; es war ihm, als ob er in einem süßen Traume schwebte, worin, was er ehmals gedacht hatte, eins nach dem andern sich ihm nun würklich darstellte.

Es war ihm, als ob er allenthalben sein könnte, wo er wollte, da er sich so auf einmal in wenigen Stunden von Gotha nach Eisenach [370] versetzt sahe, woran er den Morgen desselbigen Tages noch gar nicht gedacht hatte.

Seinen Überrock und andre Sachen, die er sonst bei sich trug, hatte er zu Hause gelassen und wanderte in seinem besten Anzuge mit dem Degen an der Seite, so wie er bei Reichard und Ekhof seinen Besuch gemacht hatte, in Eisenach ein. Zufälligerweise steckten seine geschriebenen Gedichte und der lateinische Anschlagbogen, worauf sein Name stand, noch in seiner Rocktasche, der Homer aber und ein Teil der Wäsche, die er bei sich trug, war samt dem Überrocke zurückgeblieben.

Als er in die Stadt kam, schien ihm alles ein frohes und heiteres Ansehn zu haben; die Menschen schienen gleichsam zur Freude gestimmt zu sein, so daß er mit lauter frohen Ahndungen in den Gasthof trat, wo er die Nacht bleiben wollte und sich, nachdem er sich kaum niedergesetzt hatte, erkundigte, ob diesen Abend nicht etwa Komödie gespielt würde?

Welch ein Donnerschlag war es für ihn, als man ihm antwortete: die Barzantische Schauspielergesellschaft sei gerade diesen Morgen nach Mühlhausen abgereist! – Also war es nun, als ob ein feindseliges Schicksal ihm immer auf dem Fuße nachfolgte und ordentlich wie mit Absicht alle seine Hoffnungen vereitelte.

Dazu kam nun wieder, daß er nicht nur in der Einbildung, sondern wirklich und doppelt unglücklich war, weil die einzige Hoffnung, seinen Unterhalt zu finden und zugleich seine Schuld in Gotha zu tilgen, auf seiner Annahme bei der Barzantischen Truppe in Eisenach beruhte und diese nun gerade an demselben Tage ihren Weg ebendahin genommen hatte, wo er hergekommen war.

Sein Zustand brachte ihn der Verzweiflung nahe und machte, daß er zum erstenmal sich über sein Schicksal wegsetzte und in eine Art von Vergessenheit seiner selbst geriet, welche ihn dem Anscheine nach froh und aufgeräumt machte. – Dabei war es ihm, als ob er durch diesen gar zu unerwarteten und hämischen Streich des Schicksals von allen Verbindungen losgesprochen wäre und sich nun selbst wie ein vernachlässigtes und verworfenes [371] Wesen ansehen dürfe, das in gar keinen Betracht mehr kömmt.

Er hatte den ganzen Tag nichts genossen und ließ sich den Abend Bier und Brot und auf die Nacht ein Bette geben, wo er des sanftesten Schlafes genoß, weil er auf keine Zukunft mehr rechnete und von keinem einzigen Gedanken an die Zukunft oder an sein eigenes Schicksal mehr gestört wurde, denn nun war er mit seinen Aussichten ganz am Ende.

Am andern Morgen aber fühlte er, daß dieser wohltätige Schlaf aufs neue seine schlummernden Kräfte erweckt hatte – er fühlte wieder statt der Lähmung einen gewissen Trotz und Erbitterung gegen das Schicksal, wodurch er Mut bekam, noch einmal alles zu dulden und alles zu wagen, um seinen Endzweck dennoch zu erreichen: er entschloß sich, der Barzantischen Schauspielergesellschaft nachzureisen und von Eisenach bis Mühlhausen denselben Weg, den er gekommen war, wieder zurückzugehn.

Nachdem er nun in dem Gasthofe seine Zeche bezahlt hatte, so blieben ihm von seinem ganzen Vermögen noch fünf oder sechs Dreier übrig, womit er auf die Wartenburg stieg und von da die weite und schöne Gegend vor sich übersahe.

Der Unteroffizier auf der Wartenburg redete Reisern sehr höflich an und fragte ihn, ob er nicht die Merkwürdigkeiten besehen wollte? worauf Reiser erwiderte: er würde den Nachmittag mit einer Gesellschaft wiederkommen, jetzt wolle er sich nur in der Gegend ein wenig umsehen.

Er fühlte sich, indem er um sich her blickte, auf diesem Standpunkte über sein Schicksal erhaben; denn aller Widerwärtigkeiten ohngeachtet war er doch bis auf diesen Fleck gekommen, und diesen schönen Moment einer reizenden Aussicht in die umgebende Natur konnte ihm doch niemand rauben. Er sammlete sich gleichsam Stärke zu der Mühe und sorgenvollen Wanderschaft, die er nun aufs neue wieder antreten wollte.

Sein Plan, den er sich hiezu entworfen hatte, bestand in nichts Geringerm, als die wenigen Dreier, die ihm noch übrig waren, bloß zu Schlafgeld anzuwenden und bei Tage sich von den Wurzeln auf dem Felde zu nähren, denn er hatte es auf dem Herwege[372] von Gotha schon einmal versucht, ein paar Wurzeln auf dem Felde auszuziehen, die ihm, da er den ganzen Tag nichts genossen hatte, eine sehr angenehme Erquickung gewährten.

Hieran hatte er sich hier gleich den Morgen beim Erwachen erinnert, und dies war es vorzüglich, was ihm den Trotz gegen das Schicksal einflößte, von dem er sich nun beinahe ganz unabhängig dachte.

Er fing noch an diesem Tage an, seinen Entschluß mit eben dem Selbstgefühl durchzusetzen, womit er auf seiner ersten Wanderung sich auf den bloßen Genuß von Bier und Brot beschränkte, und fühlte sich nun doppelt so unabhängig wie damals; denn während daß der Unteroffizier auf der Wartenburg ihn mit der Gesellschaft zurückerwarten mochte, um ihm die Merkwürdigkeiten des Schlosses zu zeigen, verzehrte Reiser schon auf dem Felde sein Mahl von rohen Wurzeln, die er sich mit einem alten Einlegemesser, das er noch von seinem Freunde Philipp Reisern besaß, in Scheiben schnitt und sie mit dem größten Wohlgeschmack verzehrte.

Nun war er aber, weil er sich zu lange auf der Wartenburg aufgehalten hatte, kaum erst eine Meile von Eisenach, und ihn überfiel, da er seine Wurzeln verzehrt hatte, eine unwiderstehliche Trägheit, so daß er mitten auf dem Felde einschlief und erst am Abend bei Sonnenuntergang wieder erwachte.

Da er nun nach dem nächsten Dorfe zugehen wollte, so kam er vom rechten Wege ab und erreichte erst spät einen Gasthof, wo er nichts verzehrte, sondern am andern Morgen bloß die Streu bezahlte.

Von diesem Dorfe aus verirrte er sich am andern Tage wieder zwischen den Feldern, wo er Wurzeln suchte, die gestrige Trägheit überfiel ihn wieder, die Hitze war drückend, und wo er den Schatten eines Baumes fand, da legte er sich nieder, und sogleich überfiel ihn der Schlaf; so daß er auf dem Wege von Eisenach bis Gotha, den er auf der Hinreise in wenigen Stunden zurückgelegt hatte, beinahe vier Tage zubrachte.

So labyrinthisch wie sein Schicksal war, wurden auch nun seine Wanderungen, er wußte sich aus beiden nicht mehr herauszufinden; [373] vor Gotha schien sich seine Straße zurückzubiegen, und er mußte doch wieder durch, wenn er seinen Weg nach Mühlhausen fortsetzen wollte; und weil er nun die gerade Straße scheute, so war es ihm gewissermaßen lieb, wenn er sich verirrte.

Sein lateinischer Anschlagbogen half ihm auf diesem Wege zweimal durch; einmal, da man ihn für eine verdächtige Person hielt, weil er keinen Paß vorzeigen könnte; und ein andermal, da man einen Paß von ihm verlangte, daß er nicht aus einer Gegend käme, wo damals die Viehseuche herrschte; er zeigte seinen lateinischen Anschlagbogen vor und fügte hinzu, daß er ein Student sei und deswegen einen lateinischen Paß bei sich führe. – Der Dorfrichter oder Schulze des Orts, welcher sich gegen seine Frau und die andern Bauren das Ansehen geben wollte, als ob er Latein verstände, las mit einer wichtigen Miene den Anschlagbogen durch und sagte, es sei recht gut!

Während nun Reiser diese Tage in einer Art von Betäubung gleichsam wie in der Irre umherging, herrschte bloß die Imagination in ihm; denn da er nun auf dem Felde lebte, so schien er sich an gar nichts mehr gebunden und ließ seiner Einbildungskraft den Zügel schießen.

Nun war ihm aber sein Schicksal nicht romanhaft genug. Daß er hatte Schauspieler werden wollen und sein Wunsch ihm mißlungen war, das war eine abgeschmackte Rolle, die er spielte – er mußte irgendein Verbrechen begangen haben, das ihn in der Irre umhertrieb; ein solches Verbrechen dachte er sich nun aus: er stellte sich vor, daß er mit dem jungen Edelmann, den er in Hannover unterrichtete, die Universität in Göttingen bezogen und von diesem im Trunk zum Zweikampf genötigt worden wäre, wo er sich bloß verteidigte und jener wütend in seinen Degen gerannt sei, worauf er die Flucht genommen habe, ohne zu wissen, ob jener tot oder lebend sei.

Diese von ihm selbst gemachte Erdichtung drängte sich ihm bei seinem Herumirren im Felde fast wie eine Wahrheit auf; er träumte davon, wenn er einschlief; er sah seinen Gegner im Blute liegen, er deklamierte laut, wenn er erwachte, und spielte auf die[374] Weise mit seiner Phantasie mitten auf dem Felde zwischen Gotha und Eisenach die Rollen durch, welche man ihm auf dem Theater verweigert hatte.

Und dies allein war es, was ihn von der Verzweiflung rettete; denn hätte er sich seinen Zustand völlig so leer und abgeschmackt gedacht, wie er wirklich war, so würde er sich selbst ganz weggeworfen haben und in Schmach versunken sein.

Nun aber wurde ihm das Bitterste erträglich: am zweiten Tage auf seiner Rückkehr von Eisenach nach Gotha war es gerade Sonntag und eine drückende Hitze. Reiser kam vom Felde durch ein Dorf und suchte Schatten, den er nicht anders finden konnte als auf einem grünen mit Bäumen bepflanzten Platze gerade der Kirche gegenüber. Er ließ sich in einem Bauerhause erst ein Glas Wasser geben; dann legte er sich unter den Bäumen nieder, während daß in der Kirche gegenüber gesungen wurde; unter dem Singen schlief er ein und wachte nicht eher wieder auf, als bis der Prediger aus der Kirche kam, mit dem sein Sohn ging, der auch erst von der Universität zurückgekommen war. Beide gingen auf Reisern zu und fragten ihn, woher er käme und wohin er ginge? er gab verwirrte Antworten und gestand endlich, daß er wegen eines Duells, das er in Göttingen gehabt habe, flüchtig sei. Es war ihm selber, als ob ihm dies Geständnis äußerst schwer würde, und der Gedanke an die Unwahrheit der Sache fiel ihm fast gar nicht mehr bei: denn da er einmal bloß in der Ideenwelt lebte, so war ihm ja alles das wirklich, was sich einmal fest in seine Einbildungskraft eingeprägt hatte; ganz aus allen Verhältnissen mit der wirklichen Welt hinausgedrängt, drohte die Scheidewand zwischen Traum und Wahrheit bei ihm den Einsturz.

Der Prediger nötigte ihn in sein Haus und wollte ihn bewirten. – Reiser aber, gleichsam wie von Angst getrieben, entfernte sich so bald wie möglich wieder. – Denn er mußte in seinem imaginierten Zustande die Gesellschaft der Menschen fliehen. –

Nahe vor Gotha nötigte ihn wiederum ein Prediger in sein Haus, der sich wohl einen halben Tag lang mit ihm unterhielt und ihm erzählte, daß vor ein paar Jahren auch so zu Fuße und wohlgekleidet ein reisender Gelehrter hier durchgekommen, der sich lange [375] mit ihm unterhalten; er habe sich den Tag im Kalender bemerkt und zweifle fast nicht, daß es der Doktor Barth gewesen sei.

Nun erzählte dieser Prediger Reisern seine Geschichte, wie er sich erst lange als Hofmeister herumgetrieben und hier nun endlich in dieser alten Pfarre eine Ruhestätte gefunden habe, wo er dem, was in der Welt vorginge, nur so ganz von ferne zusähe.

Reiser erzählte nun dem Prediger auch seine eigene imaginierte unglückliche Geschichte, wobei ihm der Prediger in einem Kaffeeschälchen einige Erfrischungen von eingemachtem Obst vorsetzte und ihm dabei Mut zusprach, daß er sein Verbrechen vielleicht noch wieder gutmachen könne; dabei sah er auf die weiße Scheide von dem Degen, welchen Reiser trug, und fragte ihn, ob eine solche Degenscheide denn wirklich das Zeichen der Freimäurer und ob Reiser nicht in diesem Orden sei? – Je mehr dieser es verneinte, desto fester glaubte der Prediger, demohngeachtet einen Freimaurer vor sich zu sehen, der sich ihm nur in diesem Punkt nicht entdecken wollte.

Dieser Prediger betrachtete Reisern manchmal vom Kopf bis zu Fuß und schien sich überhaupt sonderbare Vorstellungen von ihm zu machen. – Er hielt ihn für einen Menschen, der viel mehr verschwieg als er sagte, und mit dem er nicht recht wußte, wie er dran war. – Demohngeachtet konnte er nicht unterlassen, immer noch Fragen an ihn zu tun, bis Reiser endlich, da die Sonne sich schon zum Untergange neigte, von ihm Abschied nahm und der Prediger ihm noch die Ermahnung mit auf den Weg gab, vorzüglich sein Verbrechen durch Reue zu büßen.

Durch die lange Unterhaltung mit dem Prediger und durch dessen Ermahnungen war Reisers Imagination noch mehr erhitzt. – Er kam in der Abenddämmerung in Gotha an und ging in einer Art von hartnäckiger Betäubung und Fühllosigkeit dicht vor dem goldnen Kreuze vorbei, wo er logiert hatte, aus dem Tore wieder heraus, in welches er das erstemal nach Gotha gekommen war, und nahm wieder den Weg auf Erfurt zu, um dann von da nach Mühlhausen zu gehen und endlich die Barzantische Schauspielergesellschaft zu erreichen.

Denn als er nur erst wieder durch Gotha war, verschwand auch [376] allmählich die imaginierte Geschichte, die ihn drei Tage vor Gotha in der Irre herumgetrieben hatte, die erste Aussicht öffnete sich noch einmal wieder; Gotha lag wieder hinter ihm und war wieder der Mittelpunkt seiner Bestrebungen; so wie von Eisenach, hoffte er auch von Mühlhausen und zwar mit besserm Glück dorthin zurückzukehren.

Nun war es aber schon dunkel, ehe er ein Dorf erreichen konnte, und er verirrte sich und ging beinahe eine Meile um; indes kam er zuletzt doch wieder auf die rechte Straße und langte in demselben Gasthofe an, wo er auf seiner Hinreise von Erfuhrt nach Gotha eine der widerwärtigsten Nächte in der Gesellschaft von den groben Fuhrleuten zugebracht hatte, deren Quam ihm noch in frischem Andenken war.

In diesem Gasthofe fand er noch alles lebhaft und einen Handwerksburschen unter den Bauern auf dem Flur sitzend, denen er seine Reisen in Kursachsen erzählte. Gerade als Reiser in den Gasthof kam, trat der Wirt herzu und gebot dem Erzähler Stillschweigen, weil es schon spät in die Nacht und Zeit sei, sich schlafen zu legen.

Der Handwerksbursch und die Bauern legten sich nun auf die Streu, die schon zubereitet war und worauf auch Reiser Platz nahm. – Der Handwerksbursch konnte sich über die Grobheit des Wirts gar nicht zufrieden geben und gar nicht darüber einschlafen, indem er unzähligemal versicherte, daß ihm in ganz Kursachsen noch keine solche Grobheit von irgendeinem Wirt widerfahren sei.

Als Reiser nun hier am andern Morgen seinen Dreier Schlafgeld bezahlt hatte, war sein Vermögen bis auf neun Pfennige geschmolzen; und nun fing er an, auf einmal sich so erschöpft zu fühlen, da rohe Wurzeln schon seit mehrern Tagen seine einzige Kost gewesen waren, daß der Gedanke an eine Meile, die er gehen sollte, ihn mit Schrecken erfüllte; denn er fühlte sich diesen Morgen wie gelähmt, und der Raum zwischen Mühlhausen und hier kam ihm wie eine furchtbare Wüste vor, durch die er ohne einen Labetrunk und ohne Stärkung reisen sollte.

Der Handwerksbursch, der den Abend vorher von seinen Reisen [377] in Kursachsen bis in die späte Nacht erzählt hatte, machte sich nun auf den Weg nach Erfurt und fragte Reisern, ob er auch des Weges ginge? Dieser bejahte es, und sie wanderten in einem nicht übereilten Schritt miteinander fort.

Der Handwerksbursch, welcher ein Buchbindergeselle und schon ziemlich betagt war, fragte Reisern nach seiner Profession, und dieser antwortete: er sei ein Schuhknecht, und fand ordentlich eine Art von Würde darin, indem er sich einen Schuhknecht nannte; denn als ein solcher war er doch etwas, als einer, der ein bloßes Blendwerk seiner Phantasie verfolgte, war er nichts.

Der Buchbindergeselle schien seiner Erzählung nach schon seit vielen Jahren aus dem Reisen ein eigenes Geschäft gemacht zu haben und war gegen seinen Gefährten mit seinen Erfahrungen nicht zurückhaltend, indem er ihn unterrichtete, wie man besonders im Sommer und in der Obstzeit mit einem halben Gulden sehr weiter Touren machen könne, ohne doch dabei Not zu leiden.

Obst, meinte er, würde einem nirgends versagt und Brot auch nicht leicht; auf die Weise brauche man des Tages oft nur wenige Pfennige zu verzehren. – So sei er schon mehrmalen ganz Kursachsen durchgereist und habe sich wohl dabei befunden; kurz, er hielt Reisern würdig, in seinen Orden initiiert zu werden, dessen Vorzüge und Annehmlichkeiten er ihm auf die reizendste Art beschrieb, weil es ein Leben voll immerwährender Veränderung und Unabhängigkeit war. –

Reiser aber fühlte seine Knie wanken, und seine Müdigkeit nahm so sehr bei jedem Schritte zu, daß er in diesem Augenblick das einförmigste und abhängigste Leben sich gerne hätte gefallen lassen, wenn sich ein ruhiger Aufenthalt ihm dargeboten hätte.

Sein Gefährte schien seinen Kummer zu merken und suchte ihm Trost und Mut einzusprechen, als sie schon nahe vor Erfurt an einen kühlen und klaren Quell kamen, der dem Buchbindergesellen schon bekannt war und wo sie bei der drückenden Hitze beide ihren Durst löschten.

Nicht leicht kann diese wohltätige Quelle, die den Einwohnern von Erfurt wohlbekannt ist, für einen Wanderer erquickender [378] gewesen sein, als sie es für Reisern war, der sich ganz erschöpft daran niederwarf und den Labetrunk, den er oft von Menschen kaum zu fordern wagte, nun unmittelbar aus dem Schatz der Natur empfing. –

Und dann erhielt so etwas für Reisern einen doppelten Wert, weil er das Poetische mit hinzutrug, das nun bei ihm wirklich wurde und wovon man sagen könnte, daß es die einzige Schadloshaltung für die notwendigen Folgen seiner Torheit war, für die er selbst nicht konnte, weil sie nach natürlichen Gesetzen in sein Schicksal von Kindheit auf sich notwendig einflechten mußte.

Als nun die alten Türme von Erfurt wieder aus dem Tale emporstiegen und Reiser nun hoffnungslos dahin zurückwanderte, wo er noch vor kurzem mit dem jugendlichen Schimmer der ersten Hoffnung ausgereist war, so fiel es ihm sonderbar auf, da sein Gefährte, der Buchbindergeselle, auf einmal zu ihm sagte: er glaube nicht, daß Reiser ein Schuhknecht sei, sondern hielte ihn für einen Studenten, der auf der Universität in Erfurt studieren wolle.

Reiser, der schon wieder bis zum Hinsinken ermattet war, fühlte sich durch diese zufälligen Worte des Buchbindergesellen wie ins Leben zurückgerufen.

Sobald er in dieser Stadt, die so nahe vor ihm lag, studieren und bleiben wollte, war sie das Ende seiner mühseligen Wanderung; sie war der Endzweck, das Ziel seiner Reise, das er nun so nahe vor sich sahe, und wo er noch dazu auf eine ehrenvolle Weise mit seinem Plane umwechseln konnte. Je mehr seine Müdigkeit zunahm, je reizender und wünschenswerter wurde ihm der Gedanke an den Aufenthalt in dieser weiten Stadt, worin doch auch, wie er dachte, noch wohl ein Plätzchen für ihn sich finden würde.

Dieser hoffnungslose traurige Zustand des Umherirrens, worin er sich nun schon seit mehrern Tagen befand, konnte durch keinen Reiz einer angespannten erhitzten Einbildungskraft mehr übertragen werden, sondern der Gedanke der gänzlichen Hülflosigkeit ermüdete ihn mit jedem Schritte noch mehr, und die Müdigkeit vermehrte wieder den Gedanken der Hülflosigkeit, die [379] vorzüglich aus dem Sinken seines Mutes und aus der Erschöpfung seiner Kräfte entstand.

Sie kamen nun in die Stadt vor einem Bäckerhause vorbei, wo auf dem Laden eine Menge Brote aufgetürmt lagen: Reiser wollte sich eins darunter aussuchen, und als er es kaum berühret hatte, schoß beinahe der ganze Haufe von Broten auf die Straße herunter. – Die Leute im Hause fingen einen großen Lärm an, und Reiser mußte mit seinem Gefährten sich nur schnell um eine Ecke wenden, um den Schmähungen zu entgehen. So verfolgte Reisern sein widriges Geschick bis aufs äußerste.

Sie kehrten nun in einem Gasthofe ein, wo Reiser dem Durst nicht widerstehen konnte und für die letzten neun Pfennige, die er noch übrig hatte, sich Bier geben ließ. Für diesen einen Trunk hatte er also sein Schlafgeld auf noch drei künftige Nächte ausgegeben, und ihm blieb nichts weiter übrig, als ganz unter freiem Himmel zu wohnen.

Bei diesem Gedanken war es ihm, als ob er nun mit dem Trunk Bier die Vergessenheit alles Künftigen und Vergangenen trinke und von allem Kummer auf einmal befreiet werden sollte. Denn nun gab er sich ganz seinem Schicksale hin und betrachtete sich wieder wie ein fremdes Wesen, für das er nicht mehr denken könnte, weil es unwiederbringlich verloren war; so schlummerte er ein und schlief eine Stunde lang.

Als er erwachte, war es noch eine Stunde vor Mittage, sein Gefährte war weggegangen, und er saß, den Kopf auf die Hand gestützt, in stummer Verzweiflung da, als ein Mann, der gerade gegen ihm über saß, ihn anredete und sich erkundigte, ob er nicht ein fremder Student sei?

Als dies bejahet wurde, erzählte der Mann, gleichsam als ob er um Reisers Zustand gewußt hätte, daß der jetzige Prorektor der Universität, der Abt vom Benediktinerkloster auf dem Petersberge, ein äußerst menschenfreundlicher Mann sei, der erst vor kurzem einem jungen Manne, der auch mit Nichts hiehergekommen sei, sogleich Unterstützung verschafft und sich seiner auf das menschenfreundlichste angenommen habe. Wenn Reiser diesen Prälaten besuchen wollte, so solle er nur dreist zu ihm gehen; [380] er würde gewiß eine gütige Aufnahme bei ihm finden. Hierauf kamen andere Leute, mit denen der Mann sich ins Gespräch gab.

Reiser aber, den die gänzliche Erschlaffung aller seiner Seelen- und Körperkräfte und der wohltätige Schlummer, der hievon eine Folge war, schon wieder etwas gestärkt hatten, fühlte sich auf einmal wieder mit neuer Hoffnung und neuem Mut beseelt, da er sich den Prälaten im Benediktinerkloster auf dem Petersberge dachte.

Er machte sich sogleich auf den Weg und erkundigte sich nach dem Petersberge; ein junger Student, der ihm begegnete, gab ihm nicht nur höflich Bescheid, sondern begleitete ihn sogar eine Strecke, um ihn gehörig zurechtzuweisen. Dies war ihm ein gutes Omen. Er stieg den befestigten Petersberg hinauf, und die Wachen ließen ihn ungehindert durch. –

Er kam in der Wohnung des Prälaten an, dessen Bedienter ihn mit einem freundlichen Gesicht empfing, und sobald er sagte, daß er ein Student sei, ihn sogleich bei dem Prälaten zu melden versprach. –

Er ward eine Treppe hoch in einen großen Saal geführt, in welchem Gemälde hingen, unter denen das eine den Petrus vorstellte, wie er sich in des Hohenpriesters Hause am Feuer wärmt. – Indem Reisers Blicke noch auf dies Gemälde geheftet waren, trat der Prälat in seiner schwarzen Ordenskleidung mit dem Brevier in der Hand heraus, und Reiser richtete eine kurze lateinische Anrede an ihn, die er sich beim Hinaufsteigen auf den Petersberg ausgedacht hatte, und deren Inhalt war, daß er vom widrigen Glück umhergetrieben nach Erfurt gekommen sei und hier einige Unterstützung zu finden hoffte, um auf irgendeine Weise sein angefangenes Studium hier fortzusetzen.

Der Prälat fragte ihn mit großer Leutseligkeit wieder in lateinischer Sprache, ob er katholisch sei oder sich zur Augspurgischen Konfession bekenne, und als Reiser das letztere bejahte, so antwortete ihm der Prälat fast mit seinen eigenen Worten wieder: es täte ihm zwar leid, daß Reiser vom widrigen Glück umhergetrieben sei, doch sähe er noch kein Mittel, wie er gerade auf dieser [381] Universität Unterstützung finden würde. Indes wolle er ihm die Hoffnung nicht dazu benehmen.

Hierauf fragte er nach Reisers Geburtsort, und da dieser Hannover nannte, so fuhr der Prälat fort: er gäbe ihm den Rat, sich an den Doktor Froriep zu wenden, weil dieser gewissermaßen sein Landsmann sei. Bei dem möchte er sich also melden und dann wieder zu ihm kommen. Mit diesen Worten drückte er Reisern ein Stück Silbergeld in die Hand und fügte hinzu: er möchte mit diesem kleinen Mittagsmahl vorliebnehmen.

Wenn ja etwas den Mut des Zerschlagenen wieder aufrichten und den völlig Gesunkenen von der Verzweiflung retten kann, so ist es die Miene und der Ton, womit der Prälat Günther damals Reisers Bitte beantwortete und ihm seinen Rat erteilte.

Von dieser Behandlung beinahe bis zu Tränen gerührt eilte Reiser fort und glaubte zu träumen, da er wieder draußen vor der Türe stand, sein Stück Geld besahe und sich auf einmal wieder im Besitz von einem halben Gulden sahe; da es ihm kurz vorher noch an einem Dreier für ein Nachtlager fehlte. – Dieser halbe Gulden dünkte ihm jetzt ein unschätzbarer Reichtum, und war es auch würklich für ihn, weil er ihm wieder den Mut einflößte, woran sein ganzes Schicksal hing.

Er ging nun nach einem Speisehause und genoß zum ersten Male wieder warmes Essen. Gleich nach Tische aber erkundigte er sich nach der Kaufmannskirche, bei welcher der Doktor Froriep wohnte. Er traf ihn gerade, da er eben um zwei Uhr des Nachmittags ein Kollegium lesen wollte, und redete ihn auf eine ähnliche Weise wie den Abt Günther lateinisch an.

Da der Doktor Froriep von Reisern hörte, daß er aus Hannover sei, nahm er ihn außerordentlich freundlich auf und führte ihn mit sich in seinen Hörsaal, wo die Studenten schon mit den Hüten auf den Köpfen saßen, welches für Reisern ein ganz ungewohnter Anblick war; um so viel mehr, da er merkte, daß man sich über ihn aufhielt, weil er nicht auch bedeckt blieb.

Er sahe sich also nun auf einmal in Erfurt in dem Hörsaale eines Professors mitten unter Studenten sitzen, da er am Morgen eben [382] dieses Tages noch weiter nichts als das offne Feld, das er durchwanderte, zu seinem Aufenthalt vor sich sahe.

Der Doktor Froriep las Kirchengeschichte, wobei auch manche lustige Anekdote mit unterlief, die das Auditorium aufmunterte und von den Musensöhnen oft mit einem schallenden Gelächter begleitet wurde. Dies alles war Reisern noch wie ein Traum. Er erinnerte sich an die Jahre seiner Kindheit, wo ihm der Hörsaal der Schule schon heilig war, und itzt fand er sich auf einmal in einem akademischen Hörsaale, über dem nun nichts Höhers mehr war.

Als das Kollegium zu Ende war, nahm der Doktor Froriep Reisern mit sich auf seine Stube und fragte ihn um seine Geschichte, der er nun die neue Wendung gab, daß er sich in Hannover durch eine Schrift, die übel ausgedeutet sei, den Haß eines vornehmen Mannes zugezogen und von dort habe weggehen müssen. – Da er nun weiter keine Aussicht gehabt, so sei er auf die Gedanken gekommen, sich dem Theater zu widmen, nach reiflicher Überlegung aber habe er diesen Entschluß fahren lassen, weil er wohl einsehe, daß er sich auf immer für die Zukunft durch diesen Schritt schaden würde; und darum habe er nun gedacht, sich in Erfurt aufs neue dem Studieren zu widmen.

Nun war es merkwürdig, wie Reiser diese Lüge, die er sich während dem Kollegium des Doktor Frorieps ausgedacht, sich selbst, ehe er sie sagte, in Wahrheit zu verwandeln suchte und wie jesuitisch er sich dabei selber täuschte. Er suchte sich nämlich in seinen Gedanken zu überzeugen, daß er nun wirklich die Torheit seines Unternehmens vollkommen einsehe und daß er nun ganz freiwillig seinen Entschluß geändert habe und fest bei diesem Vorsatz bleiben würde, wenn sich ihm auch gleich jetzt die beste Gelegenheit den Schauplatz zu betreten von selbst darböte.

Und was die erste Hälfte seiner Lüge anbetraf, so suchte er sich einzubilden, daß in seiner Rede, die er an der Königin Geburtstage gehalten, wirklich einige verfängliche Stellen wären, die wohl jemand zu seinem Nachteil ausgedeutet haben könnte. Ob dies nun wirklich geschehen sei, das berührte er nun nicht weiter, [383] sondern beruhigte sich diesmal bei der Möglichkeit, weil er sich nicht anders zu helfen wußte.

Denn er durfte nicht sagen, daß er aus Neigung zum Theater aus Hannover gegangen sei, wenn sein Trieb zum Studieren wahrscheinlich bleiben sollte, und die Duellgeschichte paßte hier auch nicht her.

Der Doktor Froriep schien ihm zwar nicht recht zu glauben, allein er faßte eine höhere Idee von Reisern, als dieser erwarten konnte, indem er ihn für einen Sohn angesehener Eltern hielt, mit denen er sich entzweiet habe und deren Namen er nur verschwiege. Reiser fand es für sich schmeichelhaft, daß man eine solche Meinung von ihm hegen konnte, die ihm um desto lieber war, weil sie auf die gefälligste Art seine Lüge zudeckte, indem der Doktor Froriep die Unwahrheit, welche er selbst nicht glaubte, doch am besten entschuldigte.

Und was nun kam, war über alle seine Erwartung. – Der Doktor Froriep redete ihm zu, er möchte nur gutes Mutes sein; er wolle fürs erste Tisch und Wohnung für ihn besorgen. Reiser, der am Morgen eben dieses Tages sich noch von aller Welt verlassen sahe, trauete den tröstenden Worten kaum, die er jetzt vernahm, und glaubte in dem Doktor Froriep in dem Augenblick seinen Schutzengel vor sich zu sehen. –

Dieser schrieb ihm nun ein paar Zeilen, womit er am andern Morgen wieder zu dem Abt Günther gehen sollte, der ihn auf Frorieps Bitte umsonst als Student immatrikulieren würde.

Ein so glücklicher Wechsel des Schicksals versetzte Reisern in einen Zustand, der ihn aller seiner Widerwärtigkeiten vergessen machte, so daß ihn seine Wanderung auf das Ungewisse gar nicht mehr gereuete, da sie ihn einen solchen Zeitpunkt erleben ließ, von dem sich wohl niemand eine vollkommne Vorstellung machen kann, der nicht auch einmal in seinem Leben von aller Hülfe entblößt und an Körper und Seele gelähmt ohne Aussicht und ohne Hoffnung war.

In der Freude seines Herzens eilte er in den Gasthof, wo er die Nacht bleiben wollte, ließ sich Papier holen und fing an, seine eigenen Gedichte, die er auswendig wußte, nacheinander wieder [384] aufzuschreiben, um sie am andern Tage dem Doktor Froriep zu bringen und sich dadurch einigermaßen seiner Aufmerksamkeit wert zu zeigen.

Er schrieb bis in die Nacht und wurde mit einigen Heften fertig. Am andern Morgen früh stieg er nun wieder voll ganz anderer Gedanken als gestern den Petersberg hinauf; und der gutmütige Abt Günther freute sich, ihn wiederzusehen, gewährte ihm gern seine Bitte und fertigte ihm sogleich die Matrikel aus, wobei er ihm die akademischen Gesetze gedruckt übergab und deren Befolgung durch einen Handschlag sich angeloben ließ.

Diese Matrikel, worauf stand: Universitas perantiqua, die Gesetze, der Handschlag waren für Reisern lauter heilige Dinge, und er dachte eine Zeitlang, dies wolle doch weit mehr sagen, als Schauspieler zu sein. Er stand nun wieder in Reihe und Glied, war ein Mitbürger einer Menschenklasse, die sich durch einen höhern Grad von Bildung vor allen übrigen auszuzeichnen streben. Durch seine Matrikel war seine Existenz bestimmt: kurz, er betrachtete sich, als er wieder vom Petersberge hinunterstieg, wie ein anderes Wesen.

Gegen Mittag zeigte er dem Doktor Froriep die erhaltene Matrikel vor und brachte ihm zugleich seine Gedichte, die diesmal weit mehr Glück machten, als er erwartet hatte. In Erfurt war nämlich das Studium der schönen Wissenschaften unter den Studenten noch etwas Seltenes, und dem Doktor Froriep war es lieb, einen mehr zu haben, der in diesem Fache den andern einigermaßen zum Beispiel diente.

Diese Gedichte bewürkten also, daß Reisers neuer Gönner sich nun noch weit mehr für ihn interessierte und ihn keine Nacht mehr im Gasthofe ließ, sondern sogleich dem Universitätsquartiermeister, der zugleich Fechtmeister war, den Auftrag gab, ihm ein Logis zu verschaffen. Dieser quartierte ihn dann fürs erste bei einem alten Studiosus Medicinä ein, welcher bei ihm im Hause wohnte, und weil er zugleich die Besorgung des Freitisches für die Studenten hatte, so zog er ihn fürs erste an seinen eigenen Tisch.

Bei diesen glücklichen Umständen wurde nun Reiser wieder auf [385] manche Stunde lang der unglücklichste Mensch von der Welt, weil ihn seine Erziehung und der Kummer von seinen Schuljahren drückten. Die Idee von den Freitischen, die er als Schüler hatte genießen müssen, lag wie eine Last auf ihm, und er fühlte sich im Grunde weit unglücklicher, wie er nun an den Tisch des Fechtmeisters gehen sollte, als wie er auf dem Felde zwischen Gotha und Eisenach rohe Wurzeln aß.

Dies machte, daß er bei den Studenten, welche auch mit ihm bei dem Fechtmeister aßen, für einen timiden und blöden Menschen gehalten wurde; und da sein Wirt, der mit Studenten nach ihrer Art umging, auch nicht viel Umstände mit ihm machte, so wurde dadurch sein Zustand noch unerträglicher; er schien sich auf einmal aus der unbegrenzten Freiheit in die niederträchtigste Abhängigkeit wieder versunken zu sein.

Ohngeachtet seines scheuen Wesens aber war man schonend gegen ihn, und dies hatte er wiederum seinen aufgeschriebenen Gedichten zu danken, wovon der Doktor Froriep zu verschiedenen Leuten gesprochen hatte, und die ihm, ohne daß er selbst es wußte, unter den Studenten in Erfurt schon einen gewissen Namen gemacht hatten, so daß man nun sein sonderbares Wesen auf Rechnung seiner Dichtergabe schrieb.