Nr. 75. Köhler und Venediger.

[46] Ein Köhler kohlte oben am Brocken, da kam Jemand und bat um Nachtquartier, that sich auch an dessen Scheibensuppe (Brotsuppe) ordentlich etwas zu Gute. Danach sagte er: Nachts um 11 wollen sie auf eine Wiese gehen, wenn er ihn dann zuerst anrede, so solle er stehen bleiben, wenn er ihn aber wieder anrede, solle er mitgehen. Vorher schritt der Fremde dreimal um des Köhlers Meiler, damit das Feuer nicht ausging. Der Fremde zog im Walde ein Buch aus der Tasche und rührte ihn an. Er las im Buche und auf einmal wurde es Tag. Sie waren aber auf einer großen Wiese, da standen lauter Johannisblumen. Da sollte er pflücken, pflückte aber nur einen kleinen Strauß, der Fremde pflückte sich eine ordentliche »Wase.« Danach sagte der Fremde in der Köte: es würden dem Köhler in diesem Jahre noch 3 Pferde kaput gehen, er solle doch ja das Sträußchen (das er unter die Bank geworfen hatte) aufheben. Wenn die Pferde kaput gingen, solle er nach der Stadt gehen, sich einen ehernen Topf kaufen und dafür geben, was die Pöttcherfrau dafür fordere. Darauf solle er sich 3/4 Maß Braunbier kaufen, es in den Topf geben, das Sträußchen zerschneiden und den Topf in die glühenden Kohlen, die in der Köhlerhütte waren, roden, und 48 Stunden stehen lassen. Dann solle er sich ein Loch roden und den Topf acht Tage in die Erde stellen. Wenn er ihn dann aufmache, so würde er sein Glück schon sehen. Wirklich ging dem Köhler nach sechs Wochen ein Pferd kaput, und nach vierzehn Tagen wieder zwei. Er that aber Alles, wie der Fremde gesagt hatte. Als er den Topf aufmachte, war so viel Gold darin, als er Braunbier hineingegeben hatte. So[46] konnte er sich seine Pferde wieder kaufen, und jetzt ist er ein Ackermann. Die Stelle, wo die Blumen standen, war aber an einem dreieckten Pfahl zwischen der Brockenspitze und dem Borkenkruge. – Nach andern Erzählungen werden die Blumen erst unter's Dach gesteckt, ehe sie gekocht und zu Gold werden, und der Köhler kauft sich zuletzt ein Haus in Hohe-Geiß.

Quelle:
Heinrich Pröhle: Harzsagen, zum Teil in der Mundart der Gebirgsbewohner. Leipzig 21886, S. 46-47.
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