Nr. 174. Die Ratskatze.

[172] Im Jahre 1314 hat sich ein Planet gezeiget, der gar selten kömmet und dessen lange Jahre nicht zu finden gewesen ist. Da lebten die Leute auf Andreasberg in großen Angsten, was dieser Schweifstern, der hinten wie ein Besen geformt war, ihnen wohl bringen möchte. Auch kamen sie jeden Abend zusammen und wollten den Schweifstern sehen. Zwei Abende saßen sie in ihrem Rathause beieinander und warteten auf den Stern, aber er zeigte sich erst am dritten, und wie! In dem Rathause waren nämlich so viel Mäuse gewesen, daß es auf Andreasberg nicht Katzen genug gab, um sie wegzufangen. Da kamen die Andreasberger durch ein Schreiben aus Paris an eine gute Katze, die ließen sie sich mit Extrapost kommen und die Herren vom Andreasberg räumeten ihr das schönste Rathauszimmer ein, darinnen wurde sie in einer Stunde so groß und dick, daß sie nicht mehr zur Stubenthüre hinaus konnte. Als nun die Andreasberger zwei Abende vergeblich auf den Kometen gewartet hatten, da brachte sie am dritten Abende dreihundert Junge zur Welt. Nun hatte das Rathaus zu St.-Andreasberg dreihundert Fenster, und da saß in jedem von den dreihundert Fenstern des Rathauses eine junge Katzte. Zuletzt brachte die alte Katze noch einen[172] Ziegenbock zur Welt, und der hatte den erwarteten Kometen hinter sich. Da kamen die Leute aus ihrem Traume, was der Komet bedeutete. Aber er hatte doch noch mehr zu bedeuten als dies. Denn um dieselbige Zeit kamen viele Schneider nach Andreasberg, die hatten in Holland eine Rebellion gemacht und waren darum dort vertrieben. Weil aber auf dem Rathause kein Platz war, so wurden sie bei dem Ziegenbock in den Stall gesperrt. Da hatte aber am andern Morgen der Ziegenbock die vielen Schneider aufgefressen.

Seit dem großen Kometen essen die Leute auf dem Andreasberg das Fleisch vor der Suppe. Die Katze aber ist alt geworden 52 Jahr, 52 Wochen und 52 Tage und von den dreihundert jungen Rathauskatzen stammen noch jetzt die andreasberger Katzen ab.

Quelle:
Heinrich Pröhle: Harzsagen, zum Teil in der Mundart der Gebirgsbewohner. Leipzig 21886, S. 172-173.
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