Vorwort.

Dieses Buch kann als Begleiter auf der Rheinreise von Mainz bis Köln (Worms bis Cleve), soll aber besonders als Jugendschrift dienen.

»Rheinlands schönste Sagen und Geschichten«, so lautet sein Titel. Die Geschichte ist ausgeschlossen, nicht so die »Geschichten.« Dazu gehört die alte, tiefernste aber wenig bekannte Geschichte von Adalbert dem Landmann nach dem rheinischen Antiquarius. Sie klingt an alte Sagen an, welche Dante, dem Dichter der Hölle, bekannt gewesen sein müssen. Auch die Schwänke in Hebels Manier können zu den »schönsten Geschichten« wenigstens wegen ihrer in diesem Buche unerläßlichen sittlichen Reinheit gerechnet werden. An dem einzigen ausführlich erzählten Gebrauche, dem Rochusfeste, wird sich nicht bloß der Goethefreund, sondern auch schon die reifere Jugend erfreuen, während die Kinder für sie mehr passende Sagen und Legenden genug in diesem Buche finden werden. Denn die eigentlichen Sagen sind und bleiben die Hauptsache in demselben.

Daß mein Name im Verlaufe von dreißig Jahren auf dem Gebiete der Märchen- und Sagenlitteratur nicht ganz unbekannt geblieben ist, glaube ich besonders meinen »Harzsagen« zu verdanken. Sie sind in erster Linie eine wissenschaftliche Arbeit, deren neueste Auflage der nach dem Tode Jakob Grimm's von Wilhelm Scherer geltend gemachten Auffassung, der deutschen Mythologie gerecht zu werden, und Mannhardt's Bestreben, die Konzentration der Sagenforschung auf die Wald- und Korndämonen durch eine Hinweisung auf die Walpurgisnacht zu erweitern, daher der Brockensage, eine neue Seite abzugewinnen sucht. Indem ich nun aber die Sagen auf eine eigentümliche Weise zu erzählen mich bemühte, wurde ich auch als Volks- und Jugendschriftsteller betrachtet. Lag mir doch[5] als Schulmann das Gebiet der Jugendschrift nicht fern. So gab ich denn auch den »Märchenstrauß« heraus, der aus der Kinderstube meines Hauses hervorging. Zu ihm steuerte einige gut geschriebene und in der Ausführung auf feiner Beobachtung beruhende Märchen meine Frau bei, die für das vorliegende Buch die Geschichte des guten Gerhards von Köln nach Simrocks 1847 bei Brönner in Frankfurt a.M. erschienener Dichtung in Prosa aufgezeichnet hat. Auch die Sage von dem Dombaumeister Gerhard von Rile ist von ihr, meist nach Weyden, bearbeitet.

Die Sage des Harzes, welcher später als die Rheinlande, wenn auch nicht so spät als das Vaterland der Edden, zum Christentum bekehrt wurde, und dessen Städte nur klein sind, trägt einen bäurischen Charakter. Daß ich ihr denselben zu erhalten suche, rechne ich mir zum Verdienste an. Einige »mündliche« Rheinsagen habe ich während meines einjährigen Aufenthaltes in der Rheinprovinz gesammelt: sie stehen in meinen »Deutschen Sagen« und sind im vorliegenden Buche nicht wiederholt, wohl aber in Trog, »Rheinlands Wunderhorn«, aus welchem ich andere Stücke als Material meinen Bearbeitungen zu Grunde zu legen nicht umhin konnte. Die Ufer des Rheines sind reich an alten und großen Städten: der Charakter der Rheinsage bildet einen Gegensatz zu dem der Harzsage. Ich will nicht mit einer wohlfeilen Redensart sagen: die Rheinsage ist international; aber obgleich ich sie nur bis Worms aufwärts vorführe, so sieht man doch aus diesem Buche, welches großartige Völkerleben in ihr erscheint. Die Geschichte und das Christentum überwiegen, Heldengedicht und Volksbuch suchten sie bereits zu gestalten, und die neueren Dichter schlossen sich unmittelbar an. Die »Rheinsagen« unseres unvergeßlichen Karl Simrock, von denen 1883 bei Julius Flittner in Bonn die neunte Auflage erschien, sind Gedichte Verschiedener, von denen außer Hermann Grieben vielleicht keiner mehr am Leben ist. In einer Jugendschrift ängstlicher zu Werke gehen, als diese Dichter, die als Hauptvertreter der Rheinsage dastehen, war nicht möglich. Wie ich Eginhard und Emma als »Novelle« bezeichnete, so habe ich auch in Genovefa erst die Verbindung zwischen Trier und der Umgegend des Laacher Sees hergestellt.[6]

Unter den neueren Quellen in Prosa, die ich benutzte, fand ich außer bei Goethe (Rochusfest) die vollendetste Darstellung vor in dem Prachtwerke »Der Rhein. Von W. O. von Horn. Dritte Auflage. Wiesbaden, Niedner. 1881.« Andere Schriften, welche ich benutzte, waren Otto Lehmann's Rheinsagen, Hülle's Drachenfels und seine nächsten Umgebungen, dann »Der Drachenfels« (Bonn 1852), Schneegans' Beschreibung Kreuznach's und besonders der rheinische Antiquarius, sowie das sinnige Buch: Kölns Vorzeit von Weyden (1826). Die Legende von der heiligen Ursula erzählte ich nach Schade's Schrift, zu der ich selbst einst einen hier nicht wiederholten Beitrag gegeben hatte.

Alles in dieser Sammlung ist in verschiedener Weise, je nachdem die Quellen sind, aus Büchern bearbeitet. Die wissenschaftliche Sagenkunde dabei bereichert zu haben, behaupte ich nicht. Doch sind meines Wissens die Rheinsagen, die ich aus dem rheinischen Antiquarius unter den Überschriften »Die Hoacht« und »Die Überfahrt nach Remagen« mitteile, in der Sagenlitteratur als neu zu betrachten, ebenso vielleicht die aus den Schriften von Wegeler (1854) und Steinbach (1879 oder 1880) gezogenen Sagen der Gegend von Laach, wenn man dabei von Genovefa und von Schlegels Gedichte absieht. Nach Steinbach's beachtenswerter Bemerkung finden sich dort noch ungedruckte Sagen.

Die einzige im grunde sehr umfassende Sammlung von Rheinsagen, die ganz in Jakob Grimms Geiste veranstaltet ist, findet sich zusammenhangslos in J.W. Wolfs niederländischen, deutschen und hessischen Sagen, wo sie noch dazu jedesmal nicht topographisch, sondern nach mythologischen Gesichtspunkten geordnet und daher fast ganz übersehen sind. Ich schöpfte aus Wolfs niederländischen Sagen die beiden letzten meiner Sammlung, in denen Cleve genannt wird.

Wenn in obiger Aufführung der Quellen ein Schriftstellername übergangen ist, so bitte ich um Entschuldigung: es ist absichtslos geschehen. Ich habe den Umstand nicht unbenutzt gelassen, daß mir in Berlin sehr zahlreiche Druckschriften als Quellen für diese Arbeit zugänglich waren, da einerseits die königliche Bibliothek einen umfassenden Katalog über alle ihre[7] Schriften aus der Rheinprovinz besitzt, andererseits die Universitätsbibliothek die Büchersammlung von Jakob und Wilhelm Grimm erworben hat. Manche Bücher, die auf meinem Arbeitstische lagen, enthielten handschriftliche Bemerkungen meines teuren Lehrers Jakob Grimm. Die Zeit, um diese Schätze für den mir von der Verlagsbuchhandlung gewordenen Auftrag auszubeuten, war allerdings etwas kurz; dafür trat ich aber auch nicht als Neuling an die Sache heran und war seit einem Menschenalter mit der Sagenlitteratur, seit meinem Aufenthalte in der Rheinprovinz mit der Rheinsage wohl bekannt.

Auf den hohen wissenschaftlichen Wert der in Berlin von mir benutzten Bücherquellen wird bei dieser Jugendschrift kein großes Gewicht gelegt werden können, eher aber darauf, daß ich die rheinischen Heldengedichte und Volksbücher ungefähr in der Weise meiner verstorbenen Freunde Ferdinand Bäßler und Karl Barthel bearbeitet und den Inhalt derselben am Rheine sehr zugänglich gemacht habe. Übrigens halte ich die Rheinsage, wie ich sie hier charakterisiert habe, für vorzugsweise geeignet, der deutschen Volkssage und der ganzen volkstümlichen Litteratur mehr und mehr Boden bei der Erziehung und dem Unterrichte der Jugend zu gewinnen und so manches Fremde wieder daraus zu verdrängen. Die Gedanken unserer Mädchen und Knaben bewegen sich gerade jetzt seit der Herstellung des deutschen Reiches weit mehr in dem Ideenkreise Schneewittchens und der Zwerge in den vaterländischen Gebirgen als in dem der Rothäute. Wie die Alten sungen, die bei Richard Wagners Opern dicht gedrängt vor der Bühne sitzen, so zwitschern auch die Jungen – und sie haben in diesem Falle vielleicht noch mehr recht als die Alten. Möge denn für Jung und Alt dies Buch mit den Rittergeschichten und mit den Legenden »Der Drachenfels und die Einführung des Christentums«, so wie mit den Kölnischen Legenden vom Bischof Hildebold und anderen eine willkommene Gabe sein!


Berlin, den 2. Oktober 1886.


Heinrich Pröhle.[8]

Quelle:
Heinrich Pröhle: Rheinlands schönste Sagen und Geschichten. Berlin 1886.
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