Fünfzehntes Kapitel.

[129] Vom achten September Siebenzehnhunderteinundsechzig war die Verordnung des Marschalls Duc de Broglio datiert, durch welche »allen Behörden, Beamten, Untertanen der von den Truppen Sr. Allerchristlichsten Majestät in Besitz genommenen Hannöverschen und Braunschweigischen Lande befohlen wurde, in ihren bisherigen Aufenthaltsorten zu verbleiben und sich vor allen Dingen nicht mit ihren Pferden und Vieh in die Wälder und auf die Berge und auch nicht – unter die Erde zu flüchten.« Der Strick stand drauf, wie schon gesagt worden ist, und das Edikt war am fünften November des genannten Jahres mehr denn je in Kraft zwischen der Weser und der Hube bei Einbeck. Magister Buchius, der letzte Kollaborator von Kloster Amelungsborn, hatte aber dessenohngeachtet die feste Absicht, ihm zu trotzen, alle Konsequenzen auf sich zu nehmen und sich so tief als möglich bei den Unterirdischen zu verkriechen.

Er hatte mit seinen Begleitern wohl ebenso guten, triftigen Grund dazu wie jeder arme Bauer mit Weib und Kind und der letzten magern Kuh.

Wenn er aber den Nebel über dem Odfelde noch ausnutzen wollte, so war's die höchste Zeit. Es kam schon eine Bewegung in ihn hinein; ein Heben und Senken, ein Zerren und Zupfen. Es kam ein hartes, nasses, kaltes Wehen aus Osten, das den Dampf von dem Schlachtfelde und dem Wodansfelde gegen den Vogler trieb, und bald die Welt und ihre Kreatur, ihr wimmelnd[130] Gewühl, ihre Blutlachen, zerfahrenen Wege, zerstampften Felder noch einmal im trüben Herbstmorgenlicht bloßlegen und – den Magister Buchius, des Herrn Klosteramtmanns Schimmel mit dem Knecht Heinrich und der Hausmagd Wieschen drauf, und Mamsell Selinde jeglichem mörderischen Zugreifen Allerchristlichster Majestät oder auch der hohen Alliierten auf offener Heide preisgeben mußte.

»Könnten wir den Roten Stein erreichen, so wären wir wohl geborgen, Thedel«, meinte der Magister.

»Wenn wir noch Platz und nicht ganz Holzen – das ganze Dorf mit Kind und Kegel drin untergekrochen fänden«, lachte der Schüler. »Denen geht's jetzt am hitzigsten über die Kappen, und sie kennen die Ortsgelegenheit und sind ihr am nächsten. Hört, wie es grade ihnen über den Köpfen gewittert! Wir treiben dort diesmal keine Schatzgräberei im Bauche der Erden, Herr Magister.«

Magister Buchius schüttelte das Haupt und wies die seltsame Erinnerung an frühere, ruhigere Zeit fast unmutig von sich. Dieses erinnerte ihn wieder nur zu sehr an sein Museum in der Zelle des Bruders Philemon. Er hatte freilich auch aus der Höhle am Roten Stein, wenn auch keine Schätze, so doch allerlei sich geholt: bronzene Lanzenspitzen, Steinhammer, Knochen von unbekannten Tieren, ja auch Menschenknochen – Knochen von armen Sündern, so auch testes diluvii, Zeugen der Sündflut, gewesen sein mochten. Und Mamsell Fegebanck hing ihm fast zu schwer am Arm, zumal da es nun schon bergauf und in den Wald hinein ging.

»Wir sind unterm Vogler am Kappenberg; ich weiß einen überwachsenen Erdfall an ihm«, ächzte der verwundete Knecht von des Herrn Klosteramtmanns Schimmel herunter. »Wann ich auf den Beinen wäre und noch das Leben hätte, wollte ich in einer Viertelstunde da sein, zehn Klafter tief unter dem Walde.«[131]

»Aber wir laufen da gradaus den Bergschotten in die Messer«, rief Thedel von Münchhausen. »Horch, horch! Hört das Gequieke! Das sind ihre Dudelsäcke, so wahr ich jetzo noch das Leben habe.«

»Käme der durchlauchtigste Herr und Herzog Ferdinand diesen Morgen auf meine Stube zu Amelungsborn, so fände er dorten seinen ganzen Feldzugsplan sauber auf den Tisch gemalet. Er hat die Weser mit seiner Kreide hingezogen, Schelze; ich habe mir das übrige danach zusammengerechnet. Der große Kriegesheld schiebt seine Heeresscharen wie einen Riegel zwischen die Herzogtümer Göttingen und Grubenhagen und das Fürstentum Hildesheim und die Stadt Braunschweig. Er kann dem Broglio nicht seinen bösen Willen lassen.«

»Nun fängt auch der Regen wieder an«, jammerte Mademoiselle. »Nichts auf dem Leibe und nichts im Leibe«, stöhnte sie ganz unsentimentalisch. »Und in Dreck bis übers Knie –«

»Zieh, Schimmel, zieh!« seufzte der junge Kavalier, den Zügel des Gauls fester fassend und sich nach der klagenden Inamorata angstvoll zurückwendend. »Ja, der Reim paßt auch so ziemlich:


Morgen woll'n wir Hafer dreschen,

Den soll unser Schimmel fressen. –


O Allerschönste, das Herz frißt's mir ab, Sie so zu sehen. Mein Blut gäb' ich für ein Schälchen Koffee, so ich es präsentieren dürfte.«

»Ach rede Er mir nicht so, Er dummer Junge. In meiner Kammer hätt' Er mich lassen sollen. Was hab' ich nun von Seinem Heldenmut und meinem Klettern über Leitern und Dach? Währet dieses noch lange so, so kehre ich noch allein um und gehe auf meine eigene Hand durch Freund und Feind nach Hause, nach Amelungsborn. Sie wären wohl nicht schlimmer mit einer Dame umgegangen, die zu parlieren weiß, als wie es mir jetzt unter Seinen Händen oder groben Fäusten passieret ist, Er unvernünftiger Hanswurst.«[132]

»Ach Mamsell, so möchte ich doch nicht zu meinem armen Heinrich hier vor mir reden«, rief Wieschen von ihrem Sitz im Sattel herunter.

»Was schnattert Sie, Sie dumme Gans?« grollte Selinde am Arm des Magisters. »Es ist doch wohl schon übergenug, daß ich hier hinter Ihr durch den Kot laufe, wo Sie wie im Triumph mit Ihrem Bauernflegel einhergeführt wird. Ja, merci, Musjeh von Münchhausen. Ich danke Ihnen auf das Höflichste, daß Sie meinethalben meinen Herrn Onkel um seinen letzten Gaul gebracht haben.«

Magister Buchius, trotz des kalten, nassen, magenleeren, frostigen, bellonaumdonnerten Novembermorgens, fühlte augenblicklich Mamsell Fegebanck an seinem Arm als das Schwerste, was er zu tragen oder besser zu schleppen hatte. Aber als eingefleischter, geborener Ireniker versuchte er auch itzo abzulenken.

»Seinen Reim, Herr von Münchhausen, haben sie schon zu anderer, früherer Zeit gesungen. In meiner Stube steht auf einer Fensterscheibe eingegraben:


Fleuch, Tylli, fleuch,

Aus Untersachsen nach Halle zu,

Zum neuen Krieg kauf neue Schuh!

Fleuch, Tylli, fleuch.«


Der Knecht Heinrich Schelze hatte sich nunmehr im Arm seines Mädchens zusammengerappelt und ermuntert, daß er auch sein Wort in die Unterhaltung geben konnte. Mit matter Stimme sprach er aus dem Sattel herab:

»Meine Großmutter am Rade hinterm Ofen hatte auch so'n Reim:


Zeuch, Fahler, zeuch!

Balde woll'n wir Tille dreschen,

Woll'n sie geben im Kraut zu fressen,

Zeuch, Fahler, zeuch!«
[133]

»Und da sind wir am Berg! Und da im Ost guckt der Till heraus aus dem Gewölk. Hinter ihm ist der Pikkolominigrund. Da soll der Herr Feldmarschall Tilly ja wohl auch vordem eine große Bataille gewonnen und dem Berg seinen Namen gegeben haben!« rief Thedel von Münchhausen.

»Es hat mein Vorfahrer in meiner Stube zu Amelungsborn, der Bruder Philemon, den Vers wohl nicht in die Fensterscheibe gegraben. Der letzte Mönch und Bruder Cistercienser, der ist wohl nach der Schlacht bei Breitenfeld vielleicht auch gewandert auf der Flucht, grade auf diesem Pfade der Wildnis. Der hat wohl auch das Seinige hinter sich lassen müssen, dachlos, herdlos, hauslos, wie der alte Buchius. Eine heulende Wüstenei ist auch heute wieder das arme Teutschland, und wir Kinder des Landes gehen ratlos in der Irre zwischen den blutigen Fremdlingen –«

»Ja, hört! horcht! Hört ihr den Dudelsack? Da quinkelieren sie her! Das sind der Bergschotten Dudelsäcke. O Herr Magister – Mademoiselle, jetzt wird's erst ganz lustig. Hinter uns König Louis, vor uns König George, und wir mitten drunter, Seelen-Selindchen, mitten zwischen den Kerlen mit den nackten Beinen, Seehundsbeuteln, Umschlagetüchern und Federmützen; ihre Messer, Pistolen und Flinten ganz ungerechnet. Vivat der Herzog Ferdinand von Braunschweig, Lüneburg und Bevern! wie ich aber da den Herrn Vetter und seine hannöverschen Jäger herausfinden werde, das möchte ich wissen! Hussa – nec timor, nec pavor; nur keine Angst und Bange! und da ist es Tag – und da haben wir die ganze Bescherung vor uns – unter uns. Den ganzen Kuchen auf der Platte!«

Dem war so. Wie ein Teppich wurde der Nebel von unsichtbaren Händen aufgerollt. Es regnete nicht stark, aber es kam doch ziemlich feucht herunter. Und die Flüchtlinge von Amelungsborn, die noch unter der schützenden Hülle, ohne ihre Schritte zu messen, fort und fort durchs Unwegsame hier[134] hinunter, dort hinauf gewandert waren, erfuhren jetzo erst vom Waldrande aus, daß sie wohl halbwegs der Höhe der Vorhügel des Voglers sich befanden. Und sie waren alle außer Atem und der Schimmel des Herrn Klosteramtmanns mehr als sonst einer von ihnen. Sie keuchten, und er schnob und zitterte in den Knieen, und der Dampf ging aus seinen Nüstern wie ein anderer Nebel.

Aber sie hatten sich alle mit den Gesichtern nach rechts gewendet und auch den Gaul herum gedreht. Bis auf den letzteren hatte keiner bei dem Schauspiel, das sich ihnen bot, Zeit, auf seine Erschöpfung zu achten. Selbst Mademoiselle Selinde vergaß ihre zerfetzten Falbeln und ihren leeren Magen und, was ihr sonst noch fehlte oder zu viel war, um den Anblick.

»Ach, barmherziger Gott! ach, Herr Magister – ach – Thedel – liebster Musjeh Thedel!« rief sie.

Sie hatten das Odfeld unter sich, den Zug der Heere um sich und die Schlacht so dicht neben sich, daß sie allgesamt, den jungen Herrn von Münchhausen ausgenommen, sich zusammendrückten und duckten im Buschwerk vor ihrem Brüllen und heißen Hauchen.

Wenn der Herr Generalleutnant von Hardenberg noch zur rechten Zeit kommen wollte, so war's Zeit. Wenn er's aber noch möglich machte und kam, so zog er den Sack nicht bloß um die Herren von Rohan-Chabot, Poyanne und Stainville, sondern auch um den Magister Buchius, das Wieschen, den Knecht Heinrich, den Junker Thedel und die wunderschöne Mamsell Fegebanck zusammen.

»Es ist wie geschrieben stehet,« murmelte der Magister –


»Krup unner, krup unner,

De Welt is di gram!«


lachte der wilde Münchhausen.

»Alsdann, wer in Judäa ist, der fliehe auf das Gebirge; und wer mitten darinnen ist, der weiche heraus; und wer auf dem Lande ist, der komme nicht hinein«, fuhr Magister Buchius fort, ohne auf die Unterbrechung zu merken.

Quelle:
Wilhelm Raabe: Sämtliche Werke, 3 Serien, 18 Bände, 3.Serie, Band 4, Berlin o. J. [1916], S. 129-135.
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