Neunzehntes Kapitel.

[139] Der Morgen war nun soweit vorgeschritten, daß man dreist von vollem Tageslicht reden konnte; aber es blieb grau, und die Helle brachte diesmal nicht den Trost, die Beruhigung, die sie sonst wohl der geplagten und gejagten Menschheit nach der »Angst in der Nacht« bringen kann. Im Gegenteil!

Das Liebespaar – die Kinder schliefen jetzt zwar in ihrer Erschöpfung und Betäubung: Monsieur Wille auf dem Bett des Pastors Störenfreden, Jungfer Holtnicker in der Kammer und in den noch warmen Federn der Winnefeldschen, aber die Wackerhahnsche blieb wach und lachte nur, als Ehrn Emanuel ihr zuredete, wenigstens ein Stündchen lang ihren alten Gliedern, wenn auch nur in seinem alten Lehnstuhl oder auf der Ofenbank, Ruhe zu gönnen.

»So mit dem Feind rundum?« fragte sie und – ging auf Kundschaft aus im Dorfe. Vorher aber hielt sie noch die Ameliethsche mit der Botschaft des Derenthaler Pfarrherrn an den Boffzener auf.

»Haben wir nicht schon genug an den Franzosen um uns und vor uns, Herre? Sollen wir uns noch unsere Altsche, ich meine mit Respekt unsere liebste Frau Mutter und Tante, dazu auf den Buckel laden, ich meine zur Wildfangsjagd auf uns invitieren? Wenn wir um Mittag wiederum auf dem Marsch zum Herzog Karl sein werden, mögen der Herr Cousin Ihrem Herzen auch in der Hinsicht keinen Zwang weiter antun und alle Beruhigungen weserwärts rapportieren, ob in Person[140] oder durch die Botenfrau. Von Blankenburg aus schreiben wir selber nach Hause und bitten nochmals um Pardon für alles, was wir gesündiget haben und wofür wir nichts für konnten. Ja, ja, Pastor Störenfreden, so geht's in der Welt im Kriege! Malbrouck s'en va-t-en guerre – Miroton, miroton, mirotaine. Wollen die großen Potentaten ihren Willen haben, so haben wir kleinen eben den unserigen, und was dabei auf den höchsten Willen unseres Herrgotts kommt, wer will das sagen? Ich nicht.« –

Sie stapfte ab auf Rekognoszierung und blieb nicht lange aus.

»Es geht nicht anders; wir müssen sobald als möglich weiter. Im Kruge sitzt es voll von ihnen – elsässisch Volk, mit dem sich schon ein Wort reden ließ –«

»Sie haben der Mutter Voges ihren Jochen, der auch mit dem engelländischen Heere fort mußte, mit einem Strick ums Handgelenke bei sich. Sie haben ihn diesen Morgen mit dem frühesten aus dem Bette geholt!« jammerte die Ameliethsche.

»Saufen aber jetzo schon in aller Freundschaft mit ihm auf gute Kameradschaft, das römische Reich und den König Louis von Frankreich, Gevattersche,« grinste die Wackerhahnsche. »Der Himmel gibt es wohl, daß sie zu Mittage so besoffen sind, daß wir vor ihnen weiter können. Bis nach Dassel sollen sie das Land abstreifen. Von da an nimmt der Einbecksche Kommandante für den Herrn Herzog von Richelieu die Sachen und Geschäfte in die Hand. Was finge nun die Mutter Wackerhahn mit einer Krabbe auf jedem Arm an, wenn sie vor Jahren nicht einmal die Försterin fürs Amt Hunnesrück hier im Walde gewesen wäre? Jetzt wird's sich in Wahrheit ausweisen, wie ihr guter Ruf sich bei der Kameradschaft in Grün gehalten hat, und wer für sie aus alter Bekanntschaft oder vom Hörensagen aus Vaters Zeit her im Notfall die Büchse von der Wand langt und das Weidmesser in der Scheide lockert!«[141]

Sie war unbeschränkte Herrin im Derenthaler Pfarrhause und Ehrn Emanuel grade so weiches Wachs in ihren Händen wie der Fürstenberger Blumenmaler Pold Wille. Doch nun kam sie mit dem Anliegen heraus, ob welchem Pastor Störenfreden doch beide Arme über das Haupt erhob, die Hände zusammenschlug und gegen die Wand zurückwich.

»Wir sind im Kriege, Ehrwürden, und alla guerra come alla guerra, sagten wir in Sizilien: ich habe sie zu Dutzenden auf der Trommel zusammengeben sehen für Zeit und Ewigkeit auf solchem Marsche und zu solcher Zeit, wie wir jetzt gehen, ich mit meinem Jungen und Mädchen. Da wird's mir auf ein arm lieb Pärlein mehr nicht ankommen. Sie liegen mir bis Schloß Blankenburg noch manche Nacht auf dem Stroh beieinander, und es dünkt mich schicklicher, und wenn wir der Frau Herzogin in ihrem Asyl mit unserer jämmerlichen Geschichte zu Füßen fallen, wird's auch der wohl schicklicher dünken, wenn sie ihr den Trauschein schon mitbringen. Sie soll eine gar fromme, ehrbare und züchtige Dame und Hausfrau sein und Seiner Durchlaucht, unserem Herrn Herzog in allen Dingen, als was sie darzu tun kann, zum löblichen Exempel vorangehen. Nun tut ein gottgefällig Werk, Pastor Störenfreden; sprechet Euern Segen über uns und traget uns ein in Euer Derenthaler Kirchenbuch, und ich verspreche Euch: das Blatt wird Euch noch in Euren ältesten Tagen das Herze wärmen, wenn Ihr bis zu ihm zurückeblättert!«

»Ein gottgefälliges Werk, Weib?!« rief Ehrn Emanuel. »Ohne der Eltern Einwilligung? Ohne Abkündigung von der Kanzel? Und ich? ... Frau, Frau, ich, ich? Bedenket die Frau Försterin wohl recht, was Sie da geredet hat und wo und an wen Sie Ihr Verlangen stellt?«

»An den geistlichen Herrn von Derenthal, Pastor Störenfreden,« sagte die alte Frau, die greisen Augenbrauen mit einem halb grimmigen, halb mitleidigen Seitenblick auf den[142] jungen bebenden Mann zusammenziehend. »Wie liefe ich heute mit den Kindern im bitteren Winter in die weite Welt hinein, wenn Er ihnen nicht zu unrechter Zeit in ihren Blumengarten geraten wäre? Ich weiß alles, was Ihr hiegegen einwenden und wem Ihr die größere Schuld hieran auflegen könnet, Pastor Störenfreden; aber es hilft Euch nicht zur Ruhe in Eurem Gewissen! Und Ihr werdet sagen: die Mutter, die das Kind von der Straße aufgenommen hat, hatte Recht, hatte ihr Recht an ihm, und der Dirne bitteres Unrecht und eine Todsünde von ihr war's, lieber auf bloßen Füßen dem rechten Liebsten durch den Schnee bis in den Tod zu folgen, als zu Hause in der Liebe und am warmen Ofen bei Vater und Mutter zu verbleiben. Ich aber sage, schlaget doch nach im Buch. Was stehet hierüber in der Bibel geschrieben? Das Weib wird Vater und Mutter verlassen und wie es weiter heißt, und wie ich es in meinen Blumenjahren auch so gemacht und verbrochen habe, und habe bis zum heutigen Tage in mein verkommenes Alter herein noch keine reuige Stunde darum gehabt, wohl aber in den vergrelltesten, giftigsten, bösesten nur einen lachenden Trost in dem Angedenken. Und was das hochehrwürdige Konsistorium in Wolfenbüttel und sein vorgeschrieben Herunterschmeißen der Brautleute von der Kanzel anbelangt, so ist das eben der Krieg, der Krieg, der Krieg, der Euch jedwede geforderte Exkuse in die Hände gibt, und dazu weiß ja auch keiner, ob der jetzige Oberbefehlshaber dorten bei den Herren, der Herr Marquis le Voyer d'Argenson noch ein Ding an Ort und Stelle gelassen hat. Lust hatte er, da sie mit der Kontribution nicht gleich parat waren, das ganze Nest in Feuer aufgehen zu lassen. Hauptmann Uttenberger im Boffzener Pastorhaus wollte aus bester Kundschaft wissen, daß neulich nur der Kommandante Monsieur de Negre die Sache aus angeborener Herzensgüte noch mal hintertrieben habe. Aber was jetzt, wo sich das bei Stade durch den Herzog Ferdinand so verändert hat, morgen geschieht,[143] das weiß keiner. Kapitän Uttenberger meint, dieser Krieg werde sich nur nach Jahren, Jahren, Jahren berechnen lassen, und da ist meine Meinung, wann dann der Friede wieder mal aus, getrommelt, -posaunt und -geläutet sein wird, dann wird auch das Wolfenbüttelsche Konsistorium, wenn es noch bestehen sollte, auch von dem Herrn Pastor in Derenthal in seiner Verlegenheit jedwede Entschuldigung gelten lassen und ihm noch dazu dankbar sein, daß er damals nach dem Rechten gegriffen hat.«

Sie mußte Atem schöpfen. Ehrn Emanuel lag in seinem Lehnstuhl wie ein durchs Rad Gebrochener. Seine Winnefeldsche und die Ameliethsche standen zitternd und bebend und hatten so was wahrhaftig noch nicht erlebt in einem christlichen Pfarrhause, und bis zu dieser Stunde für menschenmöglich halten können.

Zu ihnen aber wandte sich zu ihrem nicht geringen Schrecken die Wackerhahnsche, nachdem sie Atem geschöpft hatte, jetzt, und zwar mit dem eisenbeschlagenen Wanderstab in der Faust und über ihren Köpfen in der Luft und mit Grinsen und Zähnefletschen. Wahrlich nicht, als führe sie als Brautmutter ein Liebespaar zum Altar, sondern als steige sie eben, vom Blocksberg kommend, vom Besenstiel oder der Ofengabel.

»Wer ich bin und wie ich heiße, wisset Ihr, Gevattersche Winnefeld, und Sie, Ameliethsche. Was für Lurren und Lügen über mich umlaufen unter den Leuten, weiß ich; aber was das Wahre an mir ist, das will ich Euch jetzt sagen. Daß ich den Kühen die Milch verhexe, daß ich den Kindern die Scheuerchen und den Alten die fallende Sucht in den Leib wünsche, daß ich bei Nacht, wo es mir beliebt, huckepack auf dem gluhen Marten den Bauern im Schornstein heruntergeritten komme, das ist nicht das Richtige; aber wahr ist, daß ich in meiner jungen Zeit die Försterin im Barwalde gewesen bin und nachher dem König von Hispanien in Sizilien und in Neapel und auch sonst noch[144] in der Welt gedient und mir in beiden Ämtern mehr als einmal Blut von den Händen oder einen Blutfleck aus dem Rock und Unterrock gewaschen habe. Was ich dem, der mir gegen meinen Willen ist, antun kann, darnach fragt um, meinetwegen hier im Solling oder im Königreich Neapolis! Also – nur das eine Wort: Keiner hat eine bessere Freundin an der Alten aus dem Turm am Bruckfelde, als wer ihr was zuliebe tut; keiner aber auch des Satans feurige Krallen so am Halse, als wer ihr Feind wird. Wer von euch zweien darüber Laut gibt im Dorf, daß heute Hochzeit im Derenthaler Pastorenhause ist, dem gnade Gott! Schlage ich ihm nicht gleich die Knochen im Leibe kaputt, so findet er sich ganz gewiß morgen, übermorgen oder über acht Tage im Wald an einem Ast hängend, mit einem Messer im Stamm, wie sie's drüben im Westfälischen machten und machen, wenn sie Recht über Unrecht ergehen lassen, Carracho! Cospetto! Mille millions tonnerres!«

Die beiden armen, armen Weibsen, vor solchem Ansturm völlig in die Kniee rutschend, schwuren bei ihrer armen Seele, bei unserem Herrgott, auf die heilige Bibel und ihre ewige Seligkeit, daß durch sie weder ein Bauer noch ein Franzos in Erfahrung bringen solle, was jetzo durch »Frau Förstern« ins Werk gerichtet werden möchte.

»Ja, ja, so spielt die Hexe aus dem Landwehrturm Kinderfrau, da sie zuletzt denn auch dazu berufen worden ist,« seufzte die Alte in sich hinein; aber sich nunmehr wieder zu dem betäubten Ehrn Emanuel im Lehnstuhl niederbeugend, flüsterte sie:

»Und wissen der Herr Pastor, wenn Sie auch nur der Frau Tante in Boffzen zuliebe jetzo nach meinem Rate die heilige Amtsverrichtung auf Sich nehmen wollten?!«

»Meiner Tante – Tante Holtnicker zuliebe?« stammelte Emanuel, nunmehr gänzlich aus aller Fassung gebracht, doch die Wackerhahnsche klopfte ihn jetzt vertraulich wie eine andere alte, liebe, wohlmeinende Base auf die Schulter:[145]

»Jawohl, grade der zuliebe! aus Barmherzigkeit! Der Eimer ist ihr in den Brunnen gefallen, und weder der Herr Pastor mit seinem Herrn Kabinettprediger, noch Kapitän Uttenberger mit seinem kuriosen Buch von Schafen, Schäfern und Schäferinnen helfen ihr aus ihrer Verlegenheit. Bei Serenissimus in Blankenburg, oder vielleicht besser und leichter noch bei der durchlauchtigsten Frau Herzogin, besorgt die Försterin aus dem Barwalde, wenn wir durchkommen, die Sache; aber bei der Frau Pastorn von Boffzen müssen Herr Pastor Störenfreden das Beste tun. Ich kenne uns Weiber: Hebe uns von den Füßen und stelle uns wieder drauf! heißt's von uns armen, schwachen Geschöpfen in unseres Herrgotts allerbester Welt. Mit dem Trauschein ihrer Immeke helft Ihr nicht nur der wieder zu ihrer Ehre in ihren Gedanken, sondern auch Euch selber bei ihr aus der Verachtung und dem Verdruß und dem Ärgernis heraus und in ihre Zuneigunge herein. Jetzt könnten der Herr Pastor wirklich zeigen, daß Sie auf Schulen und beim Herrn Abt Jerusalem in Braunschweig mehr gelernet haben, als was in den Büchern steht: des Menschen Herze in der wilden Welt in seiner Angst bei seiner Eitelkeit zu taxieren! Und – denket, liebster, bester Herre, wie auch der der Herr Vater – unser lieber armer Herr Papa in Boffzen Euch danken wird, daß Ihr auch für ihn mit das Beste gefunden habt, was unter so eiligen laufenden Umständen und Zeiten zu finden war, Pastor Störenfreden!«

Quelle:
Wilhelm Raabe: Sämtliche Werke, 3 Serien, 18 Bände, 3. Serie, Band 6, Berlin o. J. [1916], S. 139-146.
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