Vierzehntes Kapitel

[138] Es war nur ein Gerücht, daß der große Reisende, Naturforscher und Kammerherr Seiner Majestät des Königs Friedrich Wilhelm des Vierten sich einst in der Schneidergesellenherberge unserer Residenz persönlich nach einem andern großen Reisenden umgesehen und, als er den Gesuchten nicht vorfand, seine Visitenkarte mit umgebogenem Rande für denselben zurückgelassen habe. Es war nur ein Gerücht; aber dieses Gerücht erhielt sich mit Zähigkeit in allen den Kreisen des Türkenviertels, welche durch die populäre illustrierte Literatur des Tages die Bekanntschaft jenes berühmten Mannes gemacht hatten, und wem anders konnte der große Alexander von Humboldt einen Besuch zugedacht haben als dem Herrn Felix Zölestin Täubrich, der auch sein Wanderbuch aufzuweisen hatte und den man weit über das Türkenviertel hinaus unter der Bezeichnung »Täubrich-Pascha« kannte und zu schätzen wußte?

Sein Vater war ein Schornsteinfeger gewesen, ein dunkler Ehrenmann, welcher zu einem solchen Sohne kam, ohne zu wissen wie; seine Mutter, vordem eine gebildete Putzmachermamsell, hielt alles Klettern. Kriechen und Kratzen in anderer Leute Feueressen und Rauchfängen für sehr gemein und für völlig unverträglich mit eigener Reinlichkeit und den zartern Regungen der Seele: ihr hatte die Welt vorzüglich die Bildung dieses Charakters zu danken, der denn freilich die höchsten Schornsteine der Erde tief unter sich ließ. Täubrich-Pascha glaubte an die Visite des Herrn von Humboldt so fest wie an seine eigene Existenz; wie fest er aber an seine eigene Existenz glaubte, kann nur durch einen längern und genauern Verkehr mit ihm deutlich gemacht werden.

Weiß und zart und zierlich erblickte er das Licht der Welt und begrüßte es mit einem schrillen Stimmchen. Der schwarze Vater und dessen schwarze Gesellen begrüßten ihn mit kopfschüttelnder Verwunderung und nannten ihn einen »ganz kuriosen Fisch«. Gegen alle Erwartung gedieh er unter der sorgsamsten mütterlichen Pflege vortrefflich, wie denn auch die gütige Mutter Natur[138] bestens für ihn sorgte, indem sie ihn mit einem sehr reizbaren Nervensystem, einem dünnen rötlichen Haarwuchs und einer erklecklichen Menge Sommersprossen begabte, ihm aber die Zierde des Mannes, den Bart, welchen er als geborener Damenschneider doch nicht gebrauchen konnte, gänzlich vorenthielt. Er wurde ein Damenschneider, allem Gebrumm und Gepolter des Erzeugers zum Trotz; – grollend stieg der Alte, welcher allmählich für seinen Beruf viel zu fett geworden war, in seinen eigenen Schornstein hinauf, blieb in demselben stecken, wurde längere Zeit vergeblich gesucht und spät am Tage entdeckt, als er dem Rauche des Feuers, welches man zur Bereitung der Abendsuppe anzündete, den Weg versperrte. Man zog ihn an den Füßen herab, ohne daß er sich für die Gefälligkeit bedankte; ein Schlagfluß hatte ihn getroffen und ihn allen Erdensorgen schnell entrückt. Seine Witwe erhielt sich noch einige Jahre als sehr belesene Eigentümerin einer kleinen, aber ausgewählten Leihbibliothek, starb dann gleichfalls, und zwar in ziemlich bedrängten Umständen, worauf Felix Zölestin, aller schönen und romantischen Gefühle voll, auf die Wanderschaft ging gleich unserm Freunde Hagebucher, weit über Konstantinopel hinauskam und wie jener lange Zeit zu den Verschollenen gerechnet wurde.

Gleich jenem kam aber auch er zurück, und zwar auf kläglich durchgelaufenen Sohlen und von Jerusalem. Da er erst vor einigen Tagen dem Mann aus Abu Telfan einen Bericht über diese Heimkehr abstattete, so setzen wir auch hier mit Vergnügen seine eigene Relation an die Stelle der unsrigen.

»O in Jerusalem ist es schön!« rief er mit Begeisterung. »Adrianopel, Konstantinopel, Smyrna, Brussa und Jaffa haben auch ihre Annehmlichkeiten; aber Jerusalem geht dem gefühlvollen Menschen über alles! Da ist blauer Montag das ganze Jahr durch bei Juden und Christen von allen Sorten, bei Heiden und Türken und die letztern haben die Polizei. Sie sind nicht in Jerusalem gewesen, Sidi, sonsten würden Sie auch davon erzählen können oje, oje! Da habe ich zwei Jahre in Kondition gestanden bei einem Meister aus Böblingen im Württembergischen, und leider nur als Mannsschneider; denn das schöne Geschlecht hab ich schon[139] in Adrianopel mit Tränen an den Haken hängen müssen. Hab's auch ganz gut gehabt bei dem Böblinger bis zum Osterfest neunundfünfzig, da veruneinigte ich mich mit ihm, denn solches ist der Stilum: am heiligen Osterfest veruneinigt sich alles miteinander in Jerusalem, und schon eine Woche vorher exerziert der Musselim, der Gouverneur, die türkische Garnison auf die Karbatsche ein, alles zum Besten der frommen Pilger. So ist es, man muß überall erst des Landes Sitte kennenlernen, um keinen Anstoß zu geben, und als im ersten Jahre am Grünen Donnerstag der Meister bockig wird und mich aus lauter Zerknirschung einen herrgottssträflichen Lump und keinnutzigen Strahlnarr heißet, da denke ich: Täubrich, mäßige dich und fang keinen Skandal an diesen heiligen Stätten an, und in dieser Zeit will es sich gar nicht schicken. Bon – im nächsten Jahre kenne ich mich schon aus, und als mein Schwab mich diesmal einen norddeutschen Windbeutel tituliert, da geht's drunter und drüber, und 's wird ein Trubel im Atelier wie an der Tür der Grabeskirche, und naturellement schmeißt man mich heraus und mein Felleisen mir nach, und da wär's mir schlimm gegangen ohne einen guten Bekannten. Das ist ein Mönch gewesen aus dem Kloster Mar Saba, welches im Tal Kidron, dem Toten Meer zu, liegt, und der trifft auf mich, wie ich mit verbundenem Kopf auf einem Eckstein sitze, und rechter Hand liegt ein toter Esel und linker Hand ein betrunkener Pilgrim, und der, will sagen der Mönch, hat mich nach dem Fest mit sich genommen in sein Kloster auf die Stör, was man heißt auf Arbeit mit Kost und Schlafstelle. Da habe ich die ganze Garderobe für die Heiligen aufbessern müssen, und auch die Brüder hatten genug zu flicken: das war eine schlechte Arbeit, aber die Verpflegung war gut. So nähre ich mich hier in der Wüste und der frommen Einsamkeit gradsogut vom Handwerk wie in Hanau oder Offenburg, bis auch diesem Vergnügen wiederum sein Ende mit dem Knüppel gemacht wird, und ist das das Merkwürdige am Orient, daß hierfür niemand zu keiner Zeit sicher ist; es wäre auch sonst zu schön! Kommt also ein Mann aus Nebi Musa zu unserm Abt und gibt an, er wisse einen Schatz im Wadi en Naar, dem Feuertal, welches gleichfalls zum Kidrontal gehört,[140] und, Sidi, wie da das Kloster an zu lecken fing, das ist unglaublich zu erzählen. Wo und wie, wie und wo? ging das durcheinander, und der Beduin wußte auf alles einen Bescheid. Ein Christ habe den Schatz vergraben, und nur ein Christ vermöge ihn zu heben, und in der nächsten Nacht sei die rechte Zeit; denn da sei der Dschinn abwesend zu einer Vergnügungsfahrt auf Bahr Lut, dem Toten Meer, und halte mit seinesgleichen einen Schmaus bei Ain Djidi an der Säule des Salzes. Das hätte man nun wohl nicht geglaubt zu Offenburg, Hanau oder Frankfurt am Main; aber in Mar Saba glaubte man es mit Vergnügen, und in der folgenden Nacht haben wir richtig den Schatz gehoben. Das halbe Kloster samt dem Abt ist unter der Führung des Beduinen ins Feuertal gezogen, in eine Schlucht wohl tausend Fuß tief. Und als wir drin sitzen und fast kein Ausweg ist, geht es los, als ob der Geist des Christen Unrat gemerkt habe und schleunigst heimgekehrt sei, um nach seinem Recht zu sehen. Erst regnet es von allen Seiten Steine aus der Höhe, und dann regnet es Prügel aus nächster Nähe. Auf allen Seiten wird's zu unserm Jammer lebendig; denn von vier Meilen in der Runde, aus Mird, aus Nebi Musa, aus Khan Hudrur, ja aus Gilgal und vom Dschebel al Fureidis, dem Frankenberge, ist die Bevölkerung herbeschieden, um den Spaß durch ihre Gegenwart zu verschönen. Wer einen Prügel halten konnte, hat sich damit ins Versteck gelegt und geduldig seit Sonnenuntergang auf unsere Ankunft gewartet. Vergebens hat der Abt erst seine Heiligen und dann den Gouverneur von Jerusalem angerufen, die einen konnten sowenig als der andere zu Hülfe kommen: das letzte, was ich in dieser Mondscheinnacht erblickte, war ein mir wohlbekannter Kollege, der Schneider aus Mird, welcher aus Brotneid und künstlerischer Eifersucht einen faustgroßen Kieselstein in sein Turbantuch geknüpft hatte und mich damit an den Schädel traf, daß es mir schwarz wie seine Seele vor den Augen wurde und ich besinnungslos zu denjenigen meiner geistlichen Freunde sank, welche bereits am Rande des Baches Kidron am Boden zappelten. Das war ein sehr romantisches Abenteuer, Sidi, aber ein noch größeres Wunder ist es gewesen, daß ich mich beim Erwachen aus meiner Betäubung nicht[141] etwa im Wadi en Naar oder im Kloster Mar Saba oder im Spital zu Jerusalem, sondern hier in meiner Vaterstadt, hier im Türkenviertel, hier am Eingang der Kesselstraße wiedergefunden habe!«

»Was?!« hatte der Mann aus dem Tumurkielande, der doch auch manches erlebte, gerufen, als der Schneider bis zu diesem Punkte seiner Erzählung gekommen war; aber Täubrich-Pascha hatte kühl gesagt:

»Ja, es ist ein Mirakel; aber fragen Sie nur unten im Hause, ob die Sache sich nicht so verhält; oder noch besser, hier haben Sie mein Wanderbuch, Hadschi Hagebucher; darin steht's beschrieben, wie es zugegangen ist.«

Es stand wirklich darin zu lesen, und zwar in englischer Sprache:

»Wir, die Unterzeichneten, Lehrer und Prediger des Wortes, wie es enthalten ist in dem Buche Mormon, Elders of the church of Jesus Christ of Latter-day Saints, sind gezogen in das Land, aus welchem gekommen ist Lehi, der Vater des Volkes, so da sein wird im Herrn, und sind geritten Von der heiligen Stadt Jerusalem bis zu dem Fluß Jordan, zu holen Wasser, zu taufen und zu weihen die Kinder des goldenen Buches. Haben wir geschöpfet ein jeglicher ein Fäßlein, enthaltend 50 Quart, und sind abwärts gefolget dem Laufe des Flusses bis zum mare mortuum seu salsum, die Stätte des Zornes zu erkennen, und sind von da wieder geritten aufwärts entlang den Bach, so da genennet wird Kidron, mit unsern Brüdern und unserm Gefolge. Und als es geschah, daß wir kamen an den Ort Wadi en Naar, das Feuertal, haben wir gefunden den, welchem eignet dieses Büchlein, und haben ihn aufgehoben und, weil noch Leben in ihm war, auf einer Eselin mit uns geführet gen Jerusalem. Da haben wir ihn gelassen.


J. J. Johnstaff,

J. W. Smithfield

,

beide Sendboten und Geheiligte

der Kirche des Letzten Tages«


»Freilich haben sie mich da gelassen«, fuhr Täubrich-Pascha in seiner Erzählung fort; »aber andere haben mich weiterbefördert,[142] wie des Spaßes halber, und alle haben ihren Namen in mein Wanderbuch gezeichnet, und hier steht von einem Wiener Doktor in Jaffa geschrieben, ich sei ein kurioser Kasus, frisch auf den Beinen, aber konfus im Kopf, und hier ist mein Passagezettel von Beirut aus, und so bin ich von Triest ab auf den europäischen Schub gekommen; da konnte ich denn natürlich nicht mehr verlorengehen, selbst wenn ich es gewollt hätte. Sehen Sie, Sidi, da fehlt kein Stempel und keine Polizeikralle: da kann ich mich vor jedermann und jeder Behörde ausweisen, obwohl ich, wie gesagt, erst in der Kesselstraße auferwachte, als mir der letzte Gendarm den Kragen aus der Hand ließ. Was sagen Sie dazu?«

»Wunderbar, höchst wunderbar!« hatte Herr Leonhard Hagebucher gesagt; aber kein Wunder war's, daß er sich aufs innigste zu diesem seltsamen Wanderer hingezogen fühlte, zumal da die Aufnahme desselben in der Kesselstraße nach seiner Rückkehr aus dem Gelobten Lande gleichfalls eine große Ähnlichkeit mit seinem eigenen Empfang in Nippenburg und Bumsdorf besaß. Auf die Tage des Erstaunens und der Verwunderung war die Zeit der Gleichgültigkeit und der Verachtung gefolgt. Der verrückte Schneider war bald aus der Mode gekommen, trotz dem großen Alexander von Humboldt, und seit dem Frieden Von Villafranca an ein langsames Verhungern so sehr gewöhnt, daß er sich kaum noch etwas daraus machte und imstande war, einen vollen Magen als etwas ganz Anormales zu achten. Über seine Kunst war die Mode ebenfalls hinweggeschritten, und so fristete er kümmerlich sein Dasein, halb als ein elendiger Flickschneider, halb als ein arg gehänselter Botenläufer und Lohndiener, und fühlte sich unendlich glücklich. Hätte der Kollege aus Mird geahnt, welche Magie in seinem Kiesel aus dem Bache Kidron stecke, so würde er noch fester oder gar nicht zugehauen haben: und wäre es manchem achtbaren, verständigen und würdigen Manne von Herzen zu wünschen und zu gönnen, daß er von seinem besten Freunde einen ähnlichen Schlag um die Ohren erhalte wie Herr Felix Zölestin Täubrich, genannt Täubrich-Pascha. – – –

Ein Stuhl, ein Tisch und eine Matratze nebst Wolldecke in einer hölzernen Bettlade bildeten, einige Kleinigkeiten abgerechnet,[143] das ganze Meublement des Jerusalemer Schneiders in der Kesselstraße, und das einzige Fenster seines Zimmers gewährte ihm einen nicht allzu holden Blick auf das stehende Gewässer eines versumpften Kanals ohne Abfluß.

In der Tasche seiner Beinkleider, welche hinter der Tür am Nagel hingen, befanden sich nur noch zwei Silbergroschen und einige Kupfermünzen, beides Geldsorten, auf welchen die Fürsten der Erde ihre Porträts nicht zum Abdruck bringen lassen; und auf drei Meilen in der Runde gab es keinen zweiten Menschen, der sich so leicht und so wohl fühlte wie Herr Zölestin Täubrich, genannt Täubrich-Pascha.

Er saß mit übereinandergeschlagenen Beinen auf seinem Lager wie Mohammed Abulkassim ibn Abdallah auf seinem Ehrensitz im siebenten Himmel. Er trug einen Fes, einen echten Fes, gekauft von Abul Abdallah ibn Mohammed im Basar zu Beirut; er saß in einer blau und gelb geblümten Kalikojacke und gelben Flanellunterhosen, trug einen wollenen Schal als Leibbinde und rauchte eine Pfeife, die leider keine türkische war. Kein Pascha in seinem Harem hatte es besser als Täubrich-Pascha in seiner Dachkammer, kein Opiumesser, so weit die Fahne des Propheten wehte, sah, fühlte und roch größere Delikatessen und war den Armseligkeiten, Mühen und Entbehrungen des gemeinen Lebens weiter entrückt –

»Täubrich!...«

Es war unser Freund Leonhard Hagebucher, der, von seinem Spaziergang früher als gewöhnlich nach Hause zurückkehrend, sogleich an die Tür seines Freundes geklopft hatte und ihn jetzt an beiden Schultern hielt, um ihn in die schlechte Wirklichkeit zurückzuschütteln.

»Täubrich, erwachen Sie nur für fünf Minuten – nur fünf Minuten, Täubrich, für einige Bemerkungen und einige Fragen! Ich bin soeben der Baronin von Glimmern begegnet.«

Der Schneider seufzte tief, wie jemand, den man im besten Schlafe stört, hob die schweren Augenlider halb empor, um einen wäßrigen Blick umherzuwerfen, blies eine ganz dünne Rauchwolke wie die Quintessenz seines Wesens von sich und sagte:[144]

»Sie ist vorgestern mit dem Herrn Gemahl von der Hochzeitsreise heimgekehrt – Florenz – Rom – Neapel – Paris, wie es die Sitte so mit sich bringt. Ja, gutes Wetter und gute Wechsel helfen beide zu einem angenehmen Fortkommen zu Land und Wasser – o Je-ru-salem! Haben sich hoffentlich ausgezeichnet amüsiert unterwegs? Der Herr von Glimmern sind ein sehr angenehmer Gesellschafter.«

Der Afrikaner zog den einzigen Stuhl, dessen sich der träumende Schneider als seines Eigentums zu rühmen hatte, dicht an das Lager oder vielmehr den Sitz des seltsamen Freundes klopfe demselben vertraulich auf das spitze Knie und flüsterte eindringlichst:

»Täubrich, Sie wissen bereits, daß ich einiges Interesse an der Dame nehme; ich bitte Sie, erwachen Sie noch ein wenig mehr: Was halten Sie von dem Baron Glimmern? Sagen Sie mir Ihre Meinung über diesen Mann.«

Täubrich öffnete jetzt die Augen sehr weit, um sie sodann völlig zu schließen, sein Hals kroch fast grauenhaft lang hervor und zuckte blitzschnell wieder zurück. Er öffnete abermals die Augen und sprach verhältnismäßig munter:

»Ich würde mich wohl hüten, jedem beliebigen auf ähnliche Fragen die rechte Antwort zu geben; es wäre für einen armen Teufel in meiner Stellung nicht ungefährlich und könnte mancherlei Folgen haben; Ihnen jedoch, Sidi –«

»Erzählen Sie mir Von dem Leben des Mannes«, rief Leonhard ungeduldig. »Sie haben hinter so manchem Stuhle gestanden und wissen so gut in allen übrigen Angelegenheiten und Verhältnissen der Stadt Bescheid, daß Sie sicherlich auch in diesem Falle mehr Erfahrung besitzen als viele Leute, die nicht soviel zu bedenken haben als – wir beide.«

»So ist es!« sagte der Schneider kläglich. »Ich habe freilich in den letzten Jahren hinter so manchem Stuhle gestanden und werde tagtäglich von so vielen Menschen zum Narren gehalten, daß ich wohl Bescheid wissen muß. O Je-rusalem, wie sieht das aus in meinem Kopf, und welch eine Plage ist es, sich immer von neuem darauf besinnen zu müssen, ob das Schwarze schwarz und[145] das Weiße weiß ist. Ist das meine Nase, oder ist sie's nicht? Bin ich Abul Täubrich ibn Täubrich, Pascha von Damaskus, oder bin ich es nicht? Ja, der Herr Baron wird genauer wissen, was er ist, und Allah segne ihm sein Verständnis. Nach Merseburg schnürt man sein Bündel, und nach Smyrna gerät man, und im Schlaf wird man wieder abgeladen in der Kesselstraße, wie der schnurrige Abu Hassan, von welchem der Erzähler im Chan zu Jericho erzählte. Da stehen die Leute im Kreis um einen her und lachen, und jedes Stück Brot kriegt man nur auf Kosten seiner Selbstästimation zu essen: die Kinder laufen einem in den Gassen nach, und die Alten treiben in den Häusern ihr Spiel mit einem. So macht man sich denn seine Stellung zurecht, und je weiter man die Augen aufreißt, desto blinder wird man, und je fester man sie schließt, desto klarer wird einem, wer man ist und wo man eigentlich zu Hause ist. Da hört man das Leben nur wie ein Gesumm um sich her: was geht es einen an, man sitzt ja in seinem eigenen Kiosk und –«

»Bismillah! Die seidene Schnur Ihnen um den Hals!« fuhr der Afrikaner den armen Pascha von Damaskus, außer sich vor Ungeduld, an. »Von dem Baron von Glimmern und nicht von dem schnurrigen Abu Hassan sollen Sie mir erzählen. Weder ich bin der Sultan Shahriar noch Sie die kluge Scheherezade; jetzt nehmen Sie sich zusammen; was wissen Sie von dem Baron Glimmern?«

Täubrich-Pascha faltete die Hände über dem Magen und sprach das Folgende mit dem Ton und Ausdruck eines abschnurrenden Uhrwerkes:

»Der Herr Baron begannen ihre Karriere im hiesigen Leibbataillon als Fähnrich und avancierten baldigst zum Leutnant; in dieser Stellung hatten sie die Ehre, das Vertrauen Seiner Hoheit des Prinzen Reinald in hohem Grade zu gewinnen, und Seine Hoheit waren ein großer Liebling ihres Herrn Onkels, des Höchstseligen regierenden Herrn; also haben die beiden jungen Leute sich das Leben am hiesigen Ort recht angenehm gemacht, es ist eine lustige Zeit gewesen und viel Geld in den eigenen Taschen und noch mehr Geld in den Taschen anderer Leute; das rollte[146] und klang an allen Ecken und Enden, und wer etwas dagegen zu sagen hatte, der tat am besten, wenn er sich mit einem Achselzucken begnügte; denn es haben sich einige nicht geringe Herrschaften in jenen fidelen Tagen die Finger böse verbrannt: aber davon bekommt selbst unsereins nicht die letzte Wahrheit heraus, weil zu viele sind, denen dran liegt, daß ein recht hübscher dichter Schleier drübergeworfen werde, und also zum Exempel, Sidi, wenn die Frau Hofrätin Fehleysen selber Ihnen nicht ihre Geschichte und die des Herrn Hofrats und des Herrn Leutnants Viktor erzählt hat, so kann ich Ihnen auch nicht helfen. Als ich aus dem Orient heimkam, da hatten Seine Hoheit der Prinz Reinald längst sich die schöne, berühmte Dresdener Ballettänzerin, Fräulein Armida, an die linke Hand antrauen lassen und lebten mit ihr in Paris, da waren die Frau Hofrätin und der Herr Sohn lange verschollen; aber der Herr von Glimmern waren noch vorhanden: es ist nicht seine Schuld gewesen, daß der Prinz Reinald die schöne Armida heiratete, sondern er hatte sein möglichstes getan, es zu verhindern, und es wäre sehr unrecht, ihm zum Beispiel auch den Tod des Rats Fehleysen schuld zu geben: o Jerusalem, in Syrien ist's schön, aber hierzulande läßt es sich doch auch leben; ja, und der Herr von Glimmern sind immer weiteravanciert, auch unter dem jetzt regierenden Herrn – Kapitän, Major, Oberstleutnant und nun zu guter Letzt Exzellenz und Intendant des Fürstlichen Hoftheaters und ehelicher Gemahl des schönen Fräuleins von Einstein. Jaja, ich hab mir häufig dahinten in der Wüste oder sonst im Orient gedacht: Täubrich, das wär so was, wenn dir jetzt auf einmal der Herr Viktor Fehleysen begegnete; es hat sich aber nicht gemacht, er soll mit vor Sebastopol zugrunde gegangen sein. Sie sagen mir, Sidi, die alte Mutter glaube nicht daran, daß der junge Herr tot sei; aber ich glaube es, trotzdem ich in der Wüste auf ihn wartete; es kommt jedoch nichts darauf an, und dem Herrn Baron von Glimmern wird's auch einerlei sein, der hat das Glück gehabt und die Braut heimgeführt; alte Liebe rostet nicht, und man behauptet in den Kreisen, welche es wissen können, jung seien die jungen Leute nicht mehr: freilich, freilich, es ist in der Tat etwas Merkwürdiges, wie alt[147] die Menschen geworden sind in der Zeit, daß man abwesend war unter den Palmbäumen! Wie ein neugeboren Kind kommt man sich manchmal vor, linden Sie das nicht auch, Sidi Hagebucher?«

Der träumende Schneider hatte durch diese letzte Frage nunmehr den Mann aus Abu Telfan zu wecken.

»Jawohl, Sie haben ganz recht, Täubrich!... Was sagten Sie?« rief er, aus einem Gewebe des verworrensten Denkens und Träumens mit Mühe sich losreißend; aber im nächsten Augenblick schlief Täubrich-Pascha wieder gleich einem Hasen mit offenen Augen oder hatte sich vielmehr schleunigst von neuem unter die Palmen der Levante zurückgezogen.

»Guten Abend!« sagte Hagebucher.

»Selam aleikum!« sprach Täubrich, den Oberkörper vorneigend.

Vor seinem eigenen Gemache, jenseits des dunkeln Ganges, der seine Tür von jener des Schneiders trennte, fand der Afrikaner einen Offiziersburschen mit einem sehr höflichen Billett von dem Major Wildberg, welcher im eigenen Namen und dem seiner Majorin Seine Wohlgeboren den Herrn Leonhard Hagebucher für den folgenden Tag zum Mittagessen einlud.

Quelle:
Wilhelm Raabe: Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Band 4, Berlin und Weimar 1964–1966, S. 138-148.
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