Fünfzehntes Kapitel

[503] Der alte Herr auf dem Lauenhofe litt in der Tat am Leben, und zwar in zwiefacher Beziehung. Erstens im allgemeinen, wie Frau Jane Warwolf aus Hüttenrode das ganz richtig aufgefaßt hatte, und zweitens im besondern, wie davon selbst dem Junker Hennig von Zeit zu Zeit eine dumpfe Ahnung aufging.

Es war ein schwerer Winter für den Chevalier, denn erstens war's auch für ihn keine Kleinigkeit, sich von seinem Zögling trennen zu müssen, und zweitens wurde, je näher diese Trennung rückte, seine Stellung gegen das Fräulein immer mißlicher und verdrießlicher.

Noch einmal hatte Adelaide von Saint-Trouin, Chevalière, Haute-Justicière usw. usw., sich gerüstet de cap en pied erhoben zum Kampf für ihren Zögling. Konnte sie auch das Verderben nicht vollständig von ihm abwehren, so trat sie doch noch einmal für sein besseres Bewußtsein ein, indem sie dasselbe vor der Abreise des Schlingels mit allem Hohen und Feinen bis zum Rande zu füllen strebte.

»Was wird der arme Junge in Halberstadt auszustehen haben, bis sie ihm das wieder aus dem Leibe und der Seele gedroschen haben!« stöhnte die gnädige Frau, und der Ritter von Glaubigern hielt es für seine Pflicht, ein ernstes Wort mit dem gnädigen Fräulein zu sprechen. Ein grades ernstes Wort ließ sich jedoch sehr übel mit dem Fräulein reden; denn sie nahm es stets krumm, und in ihrer jetzigen Stimmung nahm sie es natürlich außergewöhnlich krumm.[503]

»Mein Gnädiges, wenn ein Mensch von dem hohen Verdienst, welches Sie sich um unsern Knaben erworben, überzeugt ist, so bin ich dieser«, sprach der Chevalier. »Aber, mein Gnädiges, wenn ich mir je erlauben würde, Ihnen gegenüber von einer Danaidenarbeit zu reden, so würde ich es jetzo tun müssen. Ich bin der bescheidentlich anheimgegebenen Meinung, daß in Halberstadt alles wieder auslaufe.«

»Und ich, mein lieber Herr von Glaubigern, ich bin der Meinung, daß Sie seit längerer Zeit einen Ton gegen mich angenommen haben, den ich ignorieren muß, aber nie verzeihen werde«, erwiderte das Fräulein mit einem Lächeln süß wie Essig und fügte hinzu: »Ich fühle mich allen Anfechtungen gegenüber stark genug, meine Pflicht bis zum Äußersten zu tun, und ich werde sie tun, mein Herr Leutnant. Daß ich freilich auf jede Höflichkeit Ihrerseits, mein Herr von Glaubigern, zu verzichten habe, ist mir schmerzhaft, kann mich jedoch in meinen Vorsätzen nur bestärken. Ich bitte, sich also fernerhin nicht mehr durch mich und mein armes Kind irgendeinen Chagrin machen zu lassen; bitte übrigens auch, bei Gelegenheit an einem andern Orte diese meine Sentiments zu kommunizieren.«

Als der Ritter diese Sentiments wirklich andernorts mitteilte, ächzte die Frau Adelheid:

»Ich sage Ihnen, Alter, in meinem ganzen Leben nicht habe ich das heilige Osterfest so inbrünstig herbeigewünscht als diesmal. Ich habe den Jungen herzlich lieb, und es geht mir schwer ab, ihn in die Welt hinauszuschicken, aber ich will meinem Schöpfer auf den Knien danken, wenn er glücklich vom Hofe ist. Ich fange jedesmal an zu schwitzen, wenn er mir vor die Augen kommt, und nachher ist mir das Frölen mit seinem Wassereimer mehr als ungesund. O liebster Alter, machen Sie es wie ich und gehen Sie beiden soviel als möglich aus dem Wege! Ich versichere Sie, Ostern muß kommen! Und was man mit Geduld ausrichtet, das können Sie tagtäglich an mir lernen!«

Und endlich kam Ostern wirklich! Gleich einem zweiten jungen Ritter Sankt Georg zog der Junker zum Kampf mit dem[504] nichtswürdigsten aller Drachen, nämlich der »erbärmlichen Gegenwart«, aus.

»Und das will mein Junge sein! Und das schneidet Gesichter, wenn es in die weite Welt hinausgeht!« sprach die Frau Adelheid beim Abschiednehmen mit ziemlicher Entrüstung.

»Ich schneide keine Gesichter«, greinte der Junker Hennig; »aber mir sind genug geschnitten worden die letzte Zeit hindurch. Kein Mensch weiß, wie ich heimkommen werde, sagt das Frölen; aber mir ist zuletzt alles einerlei!«

»Der Junge könnte einen um den letzten Rest natürlicher Abschiedsrührung bringen!« stöhnte die gnädige Frau mit erhobenen Augen und Händen. »Jetzt trolle dich – der Wagen wartet – bleib gesund, sei brav und lerne was, auf daß du deinen Vorfahren einmal einen wirklichen richtigen Grund zur Verwunderung gibst!«

Was das Fräulein noch am Hoftor sprach, ist durch keine Feder dem vollen Wert und Inhalt nach wiederzugeben; der Chevalier sagte wenig oder eigentlich gar nichts; wir aber benutzen die hoffentlich im Leser durch diese Abschiedsszene hervorgerufene Beklemmung, um ihn zu versichern, daß wir im folgenden ihn nicht mit den Leiden und Freuden der sehr dankbaren, jedoch auch recht bekannten Schulgeschichten behelligen werden.

Der Junker Hennig von Lauen zeigte sich in den jetzt folgenden Jahren nicht besser und nicht schlimmer als die Millionen guter Jungen, die vor ihm diese Wege beschritten und denen man am Schluß ihrer irdischen Laufbahn das Lob mit in die Grube gab: Kein Licht, aber ein braver Kerl. Daß er seine Ahnen durch außergewöhnliche Gelehrtheit nicht in Verwunderung setzen würde, war seinen Lehrern bald klar; aber daß er ein wackrer Bursch sei, wurde ihnen ebenso schnell kund, und so rechneten sie, wie solches ebenfalls seit Jahrhunderten geschieht, eins ins andere und hielten ihn wert, wie es sich gebührte.

Daß die Frau Jane Warwolf ihr Wort einlöste und ihn ihrerseits in die große Welt einführte, gereichte ihm sehr zum Vorteil. Die Frau Jane kannte die große und die kleine Welt, und[505] viele der Mitschüler des Junkers beneideten ihn nicht wenig um diese Bekanntschaft und Freundschaft, obgleich er auch viel Hohn und Spott darum zu leiden hatte. Der Oberlehrer Krummholz, bei welchem dem Junker außer der körperlichen auch noch einige geistige Pflege kontraktlich ausgemacht worden war und der beim ersten Auftreten der würdigen Frau ziemlich bedenklich dreinsah, hatte bald nichts mehr gegen ihre Besuche einzuwenden und trat sogar, im Laufe der Zeit, selbst in ein freundschaftliches Verhältnis zu ihr.

Als der Knabe in den Sommerferien zum erstenmal nach Haus zurückkehrte, fand er sich in der schönsten Blüte der Flegeljahre dem Faktum gegenüber, das von jetzt an die Farbe und den Lauf unseres Berichtes bestimmt. Und daß er dasselbe unbefangen hinnahm, ohne es in seiner ganzen Bedeutung zu verstehen und ohne weiter darüber nachzudenken, versteht sich wohl von selber. Er kam nach Haus und fand die kleine Antonie Häußler in das tiefste Vertrauen und die innigste Zuneigung des Fräuleins Adelaide von Saint-Trouin aufgenommen! – – – Die Sache aber war in der Art zugegangen, daß selbst der Chevalier und die gnädige Frau, obgleich sie in mancher stillen Stunde den Kopf darob schüttelten und die Stirn rieben, nicht einen einzigen wirklichen Grund zur Verwunderung auffinden konnten.

Überreich an den schönsten Verheißungen war der Frühling am Fuße der Harzberge erschienen; und was der Frühling versprochen hatte, das erfüllte der Sommer im reichsten Maße. Wir haben bereits im vorigen Kapitel erzählt, in welcher Weise das Kind im Siechenhause die düstern wie die sonnenhellen Tage zu benutzen wußte und welche Schätze es von jedem Streifzug der alten Pflegemutter heimbrachte; so voll von Blumen, Licht und Wohlduft war die elende Hütte seit Menschenaltern nicht gewesen! Mit rührend listigen Sprüngen folgte das Kind dem leise lachenden Wandel der Natur, und keine Knospe konnte sich entfalten am Bach, am Waldrande, im Gebüsch und auf den Wiesen von Krodebeck, die es nicht vorausahnte, im Traume sah und am Tag pflückte, am sie liebkosend der Greisin in den Schoß zu werfen.[506]

Alles freudige Leben des Jahres schien sich dichter an das alte verwahrloste Haus zu drängen. Über den Zaun des Kirchhofs quollen die Blüten der Holunder- und Goldregenbüsche auf das morsche Dach. Dem Efeu und dem wilden Wein ließ sich nicht wehren, und die Vögel sangen zu Scharen auf dem First, setzten sich auf die Fensterbrüstung und hüpften vertrauter als je über die Türschwelle.

»Es ist ein Wunder, wie schön es auf der Erde ist!« sagte Hanne Allmann an jedem neuen Morgen. »Ach, ich habe nicht gewußt, wie leid es einem ums Fortgehen sein könne. Ja, das klingt im Sinn und flimmert vor den Augen und summt im Ohr; – wüßt ich nur, was mir noch im Ohr poltert – das ist, als schaufelten sie die ersten Schollen auf einen Sarg, als polterte ein Karren über den Knüppeldamm! Ja, wäre die Jane hier, die könnt ich fragen, denn sie hat manch ein gutes Mittel gegen mancherlei Gebresten; aber den Ton könnt sie doch nicht bannen. Da kommt das Kind aus der Schule mit den hellen Schweißtropfen vor der Stirn. Es sagt, und die Leute sagen, es sei ein heißer Sommer; aber die alte Hanne friert's bis tief in die Knochen. Freilich, die Jungen haben eine Sonne, und die Alten haben eine, und es bleibt doch ein und dieselbe. Die Reichen haben ein Leben, und die Armen haben ein Leben, und es ist doch ein und dasselbe; – o wieviel hat der Mensch zu bedenken, wenn er so alt geworden ist wie ich und in der letzten Stunde eine Hand einen Laden aufwirft wie in einer dunkeln Kammer! Ach, die Sonne, die Sonne! Ich hab sie so lange, lange vor der Tür, und nun ist's mir, als hätt ich nie mals darauf geachtet!«

»Du«, sagte das Kind, »der Schulmeister hat gesagt, hier hätten blinde Heiden gewohnt, wo wir jetzt wohnen; blinde Heiden, arme Leute vor tausend Jahren!«

»Davon hab ich auch vernommen, aber es ist lange vor meiner Zeit gewesen.«

»Und nachher haben große Könige regiert, die hat man Kaiser genannt, und Sachsen hat man sie genannt. So stehen sie aufgeschrieben. Sie haben ihre Burg dort an den Bergen gehabt;[507] aber sie haben bis nach Rom hinunter regiert. Das ist ein Land, da ist immer Sommer.«

»O Herrgott!« seufzte die Alte.

»Jawohl! Und die Apfelsinen wachsen da. Die hab ich in Hamburg gesehen, aber der Schullehrer weiß nichts; wäre Hennig hier, der sollte uns mehr von den Kaisern und dem Römerland und den Apfelsinen sagen.«

»Tonie, ich bin gar nicht zur Schule gegangen. Das war zu meiner Zeit noch nicht. Ich bin auch hier gesessen wie ein blinder Heide und weiß von nichts. Ja, die Jane Warwolf, die ist in der Welt herumgekommen, doch nicht bis in die Sommerländer, und die sagt, ich hab's gut gehabt! Gut gehabt! Und vielleicht ist's so, wenn ich es nur recht verstände. Ich verstehe nichts, und nun bist du gekommen, mein Kind; das Jahr ist so schön, und ich hab eine so große Freude und eine so große Angst; weißt du denn, wie ich's meine?«

»Ach ja! Das ist, wie wenn mir der gute Herr vom Hofe und das gnädige Fräulein begegnen. Da habe ich auch Freude und Angst zugleich. Heute aber ist mir das gnädige Fräulein allein begegnet und hat mich am Ohr gezogen. Da bin ich ausgerissen, und deshalb bin ich so heiß. Wenn ich dem guten Herrn begegne, will ich's ihm klagen.«

»O Himmel, tu das nicht, Kind! Hast du denn gar keine Furcht?«

»Nein! Weshalb sollte ich mich fürchten?« fragte Antonie dagegen.

»Ich habe immer Furcht gehabt! Mein ganzes Leben lang.«

»Jetzt bin ich bei dir; nun ist das andere alles vorbei. Hast du mich lieb? Ich habe dich sehr lieb, deshalb fürchte ich mich nicht; denn ich weiß, wohin ich laufen kann, wenn man mir nachspringt.«

Die Alte bedeckte die Augen mit beiden dürren Händen und sank kümmerlich in sich zusammen. Sie vernahm das Poltern und Rollen deutlicher als je, und als sie die Hände sinken ließ, murmelte sie schreckhaft:

»Tonie, und wenn ich jetzt auch fortginge?«[508]

»Das tust du nicht!«

»Doch.«

»Wohin?«

»Hinaus – hinunter – fort – zu deiner Mutter!«

»Nein«, rief das Kind mit vollster, lachendster Überzeugung, »das tust du nicht! Über dich sprechen sie lange nicht so schlimm im Dorfe wie über meine Mutter!«

Das seltsame Gespräch fand gegen Ende Mai statt; in den ersten Tagen des Juni wurde Hanne Allmann von einer großen Schwäche, verbunden mit leisem Fieber und starker Schlafsucht, befallen, und schon am vierten Juni konnte sie sich nicht mehr in der gewohnten Weise erheben, um für sich und das Pflegekind den kleinen Haushalt weiterzuführen.

Nun hätte es unter anderen Umständen wieder lange Zeit währen können, ehe das gute Dorf Krodebeck und selbst der Lauenhof von diesen Umständen Kenntnis erhalten hätte; denn die Greisin war schon häufiger schwach und krank gewesen und verlassen geblieben – man braucht eben nicht auf die Insel Juan Fernandez verschlagen zu werden und dort das Nervenfieber bekommen, um solche Erfahrungen zu machen. Die Frau Adelheid war ein sehr beschäftigtes Weib, und den Herrn Ritter von Glaubigern führte sein Spaziergang doch nicht immer unter dem Fenster des Siechenhauses vorüber. Ohne die Gegenwart des Kindes in der Hütte würde man vielleicht auch dies mal die alte Frau wochenlang nicht an der Tür oder am Fenster derselben vermißt haben, und diesmal nicht, um ein vergnügtes Wiedersehen mit Hm und Ha und einigem bedächtigen Kopfschütteln zu feiern. Diesmal würde man zu großem Aufsehen und unter noch größerem Geschrei die Alte, zur Mumie vertrocknet, auf ihrem Bett gefunden haben. Dann freilich wäre das ganze Dorf samt dem Lauenhof zum Besuch gekommen. Die gnädige Frau würde sich arge Gewissensskrupel gemacht haben und der Herr Ritter von Glaubigern noch ärgere; aber der Vorsteher Klodenberg hätte doch ziemlich gefaßt das kuriose Ereignis zu Protokoll genommen und dieses an die zustehende Behörde abgeliefert.[509]

»Sie hat's fast zu lange gemacht«, hätte ein würdiger Gemeinderat gesprochen. »Da sollt dem Geduldigsten der Geduldfaden reißen!« – Nachher hätte der Pastor Buschmann den Sterbefall in sein Amtsregister eingetragen, um bei Gelegenheit den Totenschein ausstellen zu können. Krodebeck hätte nun auch leider noch die Kosten des Begräbnisses zu tragen gehabt. Dann hätte das Siechenhaus zum erstenmal seit fünfzig Jahren leer gestanden, und die Geschichte Hanne Allmanns wäre regelrecht zu Ende gewesen, wenn nicht vielleicht Jane Warwolf aus Hüttenrode auf einem Marsch durch Krodebeck einen boshaften Lärm und dem Gemeinderat eine häßliche Stunde gemacht hätte. Vielleicht hätte aber auch Jane Warwolf sich nur für eine stille Stunde in der leeren Hütte hingesetzt, um sich zum erstenmal seit langen Jahren recht auszuweinen. Das letztere wäre wohl, alles in allem genommen, das Passendere gewesen!

Die alte Hanne sandte auch jetzt das Kind nicht selber zu den Freunden auf dem Gutshofe. Sie hatte eine gewaltige Meinung von sich und hielt fast zuviel auf das, was sich schickte; vielleicht war es aber auch nur der Instinkt des lieben Viehes, der sie verhinderte, um Hülfe zu rufen; für solch ein armes Tier schickt es sich eben nur, bei keiner Gelegenheit, und selbst beim Sterben nicht, einen unnötigen Lärm zu machen.

Also sagte Hanne Allmann zu Antonie Häußler:

»Ich weiß nicht, was das mit mir ist. Ich bin krank! Doch ich meine, so wohlauf bin ich in meinem Leben nicht gewesen. Aufstehen kann ich nicht, um uns die Suppe zu kochen; im Schrank liegt ein Brot für dich und ein Beutel mit trockenen Birnen im untern Fach. Einen Groschen hab ich auch in meiner Kleidertasche; den such und lauf ins Dorf um Milch. Sag aber nichts von mir, bring mir nur einen Krug voll frischen Wassers mit.«

»Jaja, ich weiß alles und bin mit allem zufrieden!« rief Tonie und tat, wie ihr geheißen. Sie aß das Brot und die gedörrten Birnen und trank die Milch; die Pflegemutter aber trank das Wasser und fiel aus einem Schlaf in den andern. So ging dieser Tag ganz gut vorbei; am Abend kroch das Kind ins Nest, und die Alte und die Junge verschliefen die Nacht ganz ruhig. Am[510] folgenden Morgen, also am fünften Juni, war das Kind früh auf, allein Hanne Allmann schlief weiter; Tonie wusch sich draußen vor dem Hause und kam glänzend zurück, half sich allein in die Kleider, aß den Rest des Brotes und trank jetzt ebenfalls Wasser. Die Alte verlangte nicht mehr nach dem irdenen Kruge, sondern schlief weiter, schlief immerzu, und das Kind saß den ganzen Tag hindurch still am Bette, sah dem Wege der Sonne durch die Stube zu, sah sie am Abend weichen, hatte am Tage einen Schutz vor den Gespenstern am Leben und Treiben auf der Landstraße, am Abend an dem Singen der jungen Dorfleute und fing erst dann an, im Innersten sich unbehaglich zu fühlen, als es wiederum in der vollen Dunkelheit in sein Bett kroch, und diesmal recht hungrig. Aber es schlief wieder schnell genug ein, schlief wiederum gesund und traumlos und erwachte erst, als die Sonne hell und hoch am Himmel stand. Das war der sechste Juni.

Die Sonne stand hoch und hell am Himmel; es war fast neun Uhr, als Tonie aufrecht auf ihrem Strohsack saß, mit beiden Händen sich fest aufstützte und nach der Pflegemutter hinübersah und horchte. Die Pflegemutter schnarchte; aber auf sonderliche Art. Ihr Kopf lag zurückgebogen, und sie hatte die Augen halb geöffnet, doch sah man nur das Weiße, und das war ganz schrecklich anzusehen.

»Mutter, Mutter!« rief das Kind; aber es war die eigene Mutter, nach der es nun in seiner plötzlichen, heftigen, zitternden Angst rief.

Hanne Allmann antwortete auf den Ruf nicht.

Nun stand Tonie auf bloßen Füßen neben dem Lager der Greisin und rief auch sie leise mit Namen und streichelte ihr zitternd den dürren Arm; Hanne Allmann antwortete nicht und regte kein Glied. Rückwärtsschreitend im immer heftigeren Entsetzen, zog sich das Kind, unverwandt den Blick auf das Bett heftend, gegen die Tür, und als es dieselbe erreichte, riß es sie mit Macht auf, warf sie mit einem erbärmlichen Schrei hinter sich wieder ins Schloß und stürzte hinaus aus dem Siechenhause von Krodebeck auf die sonnebeschienene Landstraße und lief,[511] von allen Schauern gejagt, dem Dorf und dem Gutshof zu. So kam der erste Schrecken, den Hanne Allmann auf ihrem Lebenswege einem Wesen einjagte, vollständig an das unrechte.

In dem chinesischen Pavillon auf der Terrasse des Gutsgartens aber saß Fräulein Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin, den schönen Morgen und Gressets »Vert-Vert« genießend. Sie sah entsetzt das Kind der schönen Marie nackt, im bloßen Hemde, mit aufgelöstem Haar und vorgestreckten Händen heranstürzen; sie sah es am Fuße der Treppe, die von der Terrasse auf den Fahrweg hinunterführte, zusammensinken; sie beugte sich über die Brüstung der Mauer und rief hinab:

»Mädchen, was soll das? Wie siehst du aus? Schäme dich! Steh auf, geh fort!... Du böses Kind, welch eine Unanständigkeit! Soll ich hinunterkommen und dir Beine machen?«

Und sie kam, als das Kind sich nicht aus dem Staube der Heerstraße erhob, wirklich herunter, langsam – grimmig-ernsthaft – ganz Porphyrogenneta, im Purpur Geborene, und wurde fünf Minuten später von dem Ritter von Glaubigern in dem chinesischen Lusthause gefunden, das Haupt Antoniens im Schoß und ihr energisch die Schläfen mit Kölnischem Wasser reibend.

In dem nämlichen Augenblick erwachte das Kind und rief wimmernd:

»Ich bin so sehr hungrig und – zu Hause – ist – ein Gespenst! Ich weiß mir nicht zu helfen!«

Quelle:
Wilhelm Raabe: Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Band 4, Berlin und Weimar 1964–1966, S. 503-512.
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