Sechsundzwanzigstes Kapitel

[622] Wer Wagram erreicht hat, der wird auch wohl nach Wien kommen. Hinter Floridsdorf zeigte es sich, daß der Kahlenberg immer noch an seiner Stelle lag, und die Zigeunerbande auf dem Bahnhofe hielt noch immer den Radetzkymarsch für das zur Erquickung und Ermunterung der Reisenden geeignetste Tonstuck. Der Sommerabend war sehr schön, die Landschaft in den letzten Strahlen der Sonne unendlich grün und leuchtend, und – dort guckte der Stephansturm aus dem Grün wie jeder andere Kirchturm hervor – »Bassama, wär das auch übergestanden! Sind wir da, und wünsch fernerhin glücklichen Reis‹!« sagte der alte ungarische Dorfpastor. Mit Sonnenuntergang war man in der Tat in Wien angelangt.

Der alte dicke ungarische Dorfpastor, welcher von Brünn an dem Junker von Lauen die treffliche Vorlesung über die ungarischen Flüche gehalten hatte und welcher sich zur Belohnung und als einzige Gegenleistung für seine Gefälligkeiten in Hinsicht auf seinen Zwetschgenbranntwein und seinen ausgezeichneten Tabak ausgebeten hatte, der Herr möge ihm einmal einen preußischen Taler – einen »wirklichen preußischen Taler mit dem Alten Fritz drauf« zeigen, hatte den jungen Mann seiner väterlichen Obhut und Führung entlassen. Der junge Prager Geistliche, welcher in Hinsicht auf Gesichtsfarbe, Gesichtsausdruck und Haltung so sehr dem teuern Kandidaten der Theologie Franz Buschmann glich und den braven Ungar seiner »Weltgewandtheit« wegen für einen lutherischen Priester hielt, war in dem Gewühl des Nordbahnhofes verlorengegangen, ohne eine Spur hinterlassen zu haben. Hennig nahm höflichst Abschied von der jungen hübschen Dame, die in Gänserndorf einstieg und so sehr freundlich und zuvorkommend gegen ihn war und, wie es schien, recht gern eine recht deutliche Spur auf ihrem ganzen Wege bis in die innere Stadt, bis zu ihrem Nestchen in der Entengasse hinterlassen hätte. Es war sehr heiß in Wien, heiß und staubig. Die Bäume vor dem Bahnhof standen weiß[622] bepudert, und das Menschengewühl, die Fiaker und Omnibus trugen nicht dazu bei, die Atmosphäre zu klären.

Der Junker zündete auf dem Wiener Boden die erste der glücklich durchgeschmuggelten Zigarren an – eine Zigarre der Unentschlossenheit und Unbehaglichkeit. Die leichten Wölkchen, die sich den lieben langen Tag auf den Wiesen und Feldern von Krodebeck emporkräuselten, waren ganz andere als die, welche sich hier in der schwülen, stauberfüllten Luft verloren; da war er denn, der Junker von Lauen, und hatte nicht einmal Eile, einen Gasthof zu erreichen.

Er hatte überhaupt keine Eile in irgendeiner Beziehung, und doch fühlte er sich im höchsten Grade unruhig und sorgenvoll. Die lange Fahrt dieses Tages von Prag her konnte nicht allein die Schuld dieser Abspannung tragen; wie eine Drohung von Unheil, Verdruß und großen Widerwärtigkeiten schwebte es über ihm, es überkam ihn plötzlich ein Gefühl, als hab er sich von jetzt an machtlos, willenlos einem übellaunigen harten Meister zu fügen. Es war ihm, um seine eigenen liebenswürdigen Ausdrücke zu gebrauchen, als werde ihm der Sattelgurt viel zu fest angezogen und als reite ihn jemand, der um Sporn, Trense und Kandare teufelsmäßig gut Bescheid wisse. Andere Leute pflegen derartigen Stimmungen in andern Bildern Ausdruck zu geben, allein die Sache bleibt unter allen Umständen dieselbe. –

Die Korrespondenz, welche der Lauenhof diese Jahre hindurch mit Antonie Häußler geführt hatte, gab keinen Grund zu irgendwelcher Besorgnis in dieser Richtung. Ein Brief aus Wien war im Gegenteil stets ein Anlaß zum hellern Aufflackern aller Lebensgeister auf dem Hofe gewesen, und wenn der Herr von Glaubigern mit einem solchen zierlichen Blättchen in der Hand erschien, hatte selbst die gnädige Frau, im eilfertigen Lauf ihre Hände in der Schürze trocknend, häufig ihren Schuh auf dem Wege in das gelbe Zimmer verloren. Eine sehr betrübte, tränenreiche Antwort war freilich auf das Schreiben zurückgekommen, in welchem der Chevalier dem Kinde den Tod der Frau Adelheid meldete; allein, was diese Antwort auch an[623] seltsamen, verworrenen Andeutungen und dunkeln, unverständlichen Klagelauten enthalten mochte, der Anlaß dazu war so natürlich gegeben, daß der Ritter von Glaubigern nur bemerkte:

»Sie nimmt es sich mehr zu Herzen als irgend sonst jemand; – ich hab's mir wohl gedacht, es war immer ihre Art so. Übrigens, bei meiner Ehre, ich könnte wahrhaftig nächstens einmal an den Meister Dietrich schreiben, um ihn wegen meiner schlimmsten Befürchtungen um Verzeihung zu bitten.«

Das letztere hatte der Ritter nun doch nicht getan; aber welch ein Teil der Schuld an der jetzigen Fahrt des Herrn von Lauen auf ihn fiel, wollen wir nicht weiter erörtern.

»Es soll mich wundern, wie ich sie finde, ob sie noch hübscher geworden ist und was der Schuft, ihr vornehmer Herr Großpapa, sonst aus ihr gemacht hat!« murmelte Hennig, seine Zigarre fortschleudernd und einen Lohnkutscher heranwinkend. Er war nicht mehr der Knabe, der Krodebecker Bauerjunge, welcher mit dem wilden Pflegekinde der alten Hanne Allmann sich im Kuckelrucksholze umhertrieb und welcher später mit der schönen Tonie Häußler unter den Hecken der Heimat Veilchen suchte und dann und wann die größte Lust verspürte, den albernen, rohen Franz Buschmann mit Ohrfeigen und Fußtritten aus der Idylle hinauszujagen.

Er dachte wirklich an den Pastorenfranz, als er sich in die Kissen seines Wagens zurücklegte, und dann dachte er an den Freund Fröschler, dem er nicht nur den Lauenhof, sondern auch den Chevalier von Glaubigern und das Fräulein von Saint-Trouin zur Verwaltung anvertraut hatte, und dabei mußte ihm irgend etwas ungemein komisch erscheinen; denn plötzlich lachte er hell und laut auf. Dann schlug er beide Hände auf die Knie und rief:

»Und hier bin ich – und es ist, als wenn man eine uralte, verquollene Rokokoschranktür mit Stöhnen und Angstschweiß zugezwängt hätte. – Hurra! Es ist doch angenehm, hier zu sein, und auf die Kleine freue ich mich unmenschlich! Ob sie wohl noch gewachsen ist? Ich glaube es nicht. Tonie, Tonie, es ist, bei den Göttern, ein hübscher Name, ein Name wie helle Glocken –[624] selbst wenn die Mutter ihn in Haus und Hof und Garten hineinrief, klang er wie Musik. Wie das alles vorübergeht! Nie hätte ich gedacht, daß ich einmal so fremd an Krodebeck denken könnte wie in diesem Augenblick. Da bin ich hier, und in acht Tagen bin ich in Venedig – selbst der Edle von Haußenbleib, unser Herr Großvater, ist mir auf einmal zu einem viel realern Gegenstand geworden als alles, was ich vor drei Wochen am Fuße des alten Blocksbergs zurückließ. Nun glaube ich auch wirklich daran, daß ich den Vesuv und den Ätna erklettern werde, und hier sind wir vor dem National-Gasthof. Bei Gott, es ist doch nicht alles Sattelgurt, Hafer, Roggen, Kartoffeln und Krodebeck in der Welt! O Tonie Häußler, ich meine, du wirst auch dein Vergnügen an der alten Freundschaft haben; und morgen bei guter Stunde werden wir dem alten braven Mädel in großer Gala unsere Aufwartung machen und unsere Kreditivbriefe aus dem Rokokoschrank nicht dabei vergessen!«

Für alle Zeit sollte er sich des Zimmers, welches man ihm in dem Hotel in der Taborstraße anwies, erinnern. Was er auch noch erleben mochte, an keinen Ort knüpfte sich soviel für ihn als an diese Wände, an diesen Teppich, auf welchem er eine Nacht nach der andern ruhelos, schlaflos hin und her schritt in einer Welt, die eine andere geworden war, mit brennenden Augen, klopfenden Pulsen und geballten Händen. Für jetzt nahm er ein Bad, speiste mit ausgezeichnetem Appetit zu Abend, legte sich mit einer neuen Zigarre ins Fenster und sah behaglich in die Taborstraße hinunter. Er glaubte für alles Zeit zu haben und glaubte in allen Dingen sich die gehörige Ruhe gönnen zu können.

Es war vollständig Abend geworden, die Gasflammen in der Straße und in den Läden wurden angezündet, und es war in der Tat kein geringes Behagen, nach den Anstrengungen und passiven Mühen des heißen Reisetages vorerst aus sicherer Höhe eine friedliche halbe Stunde lang in das Getümmel von Ahaliba hinabzusehen, ehe man durch seine eigene Person das Gewühl vermehrte und alle Folgen davon auf sich zu nehmen hatte.

Wir wissen, daß der Junker von Lauen dann und wann das,[625] was man im gewöhnlichen Leben ein beschauliches Gemüt zu nennen pflegt, in einem ziemlich hohen Grade betätigen konnte; und beschauliche Gemütlichkeit war die einzige richtige Bezeichnung für seinen augenblicklichen Seelenzustand.

Im Anfang sah er wohl noch ein wenig verquer und stumpf in das Leben der großen Stadt, allein das dauerte nicht lange; er gehörte gottlob nicht zu den nervösen Leuten, die in der jeglicher Aufregung folgenden Betäubung sich tagelang abzuzappeln haben. Seine Vergleichung des Lauenhofes mit einem zugezwängten Rokokoschrank kam ihm von neuem in den Sinn, und er konnte von neuem darüber lachen.

Dann sagte er:

»Wenn der Himmel doch geben wollte, daß er grade jetzt wieder Verona Verproviantierte!«, und er meinte hiermit nicht den Rokokoschrank; aber auch diese Vorstellung vergnügte ihn sehr, und er fuhr fort:

»Ja, das wäre das beste. Da hätten wir uns allein, wahrhaftig, ich könnte viel drum geben, wenn er augenblicklich wieder einmal Verona Verproviantierte. Ihm würde es Vergnügen machen, und mir wäre es eine wahre Herzenserleichterung! Da könnten wir zusammensitzen in diesem Wien wie einst in der Fliederlaube in unserm Garten. Ihr würde es gewiß ebenfalls recht sein, denn wie hat sie oft den armen Franz angeblitzt, wenn er um die Hecke schob, der – Esel!«

Jetzt näselte er dem gottseligen Franz nach:

»Hennig, ich sehe, auch du hast den Weg zur Gnade noch nicht gefunden!« und lachte hell auf:

»Es ist zu gut! Wenn ich mich nicht zu sehr auf morgen freute, möchte ich wohl den Buschmann an meine Stelle wünschen und mich hinter die Türritze; da würden wir wohl vernehmen, ob sie von dem fraglichen Wege mehr weiß als ich.«

»Hm«, fügte er nach einer Weile hinzu, »wenn ich an jene Nacht denke, in welcher der Chevalier an mein Bett kam, seinen leeren Geldbeutel bejammerte und der Welt und dem Herrn von Haußenbleib sein Pflegekind mit seinem Herzblut abkaufen wollte, wird's mir doch ganz wunderlich. Holla, und in diesem[626] Augenblick fährt sie vielleicht dort unten vorüber, und ich bin wahrscheinlich nur deshalb hier in Wien, um auf es aus dem Fenster zu glotzen wie auf einen Krodebecker Düngerhaufen? ›Das sieht ihm ganz ähnlich!‹ würde meine Mutter gesagt haben. O Tonie, Tonie, Tonie, wenn er doch Verona verproviantierte!«

Eilfertig griff er nach dem Hut und stürmte, als ob er bereits das Beste versäumt habe, hinaus in den Abend, in das fremde Leben; und der Reiz, aufs Geratewohl durch die Lichter und Schatten einer großen unbekannten Stadt zu solcher Stunde zu schreiten, bemächtigte sich seiner bald im vollsten Maße. Er geriet an die Ferdinandsbrücke und wußte genug von der Topographie des Orts, um überlegen und wählen zu können zwischen einem Gang und Glas Eis im Prater und den Geheimnissen und nächtlichen Reizen der innern Stadt. Der Stephansturm, der schwarz durch die Dämmerung herübersah, gewann natürlicherweise schnell die Oberhand in einem Menschen, welcher daheim der schönen Natur zur Genüge hatte und der mit der allerschönsten Natur stets nur körperlich durch die trefflichste Gesundheit in Gefühlsverwandtschaft gestanden hatte.

Also kreuzte Hennig diese kleine Donau, irrte ein wenig auf dem Glacis umher und die Trümmer der alten Basteien entlang und fand endlich seinen Weg durch die Kärntnerstraße in immer höherer Stimmung.

»Es ist doch eine vornehme Stadt«, brummte er. »Schade, daß wir sie nicht an unser Berlin anhängen können, wir würden dann, glaube ich, jedes andere Nest rund um den Erdball herum um mehrere Nasenlängen schlagen!«

Nun fiel ihm eine alte Melodie aus der alten, lustigen, längstvergessenen Posse, den »Wienern in Berlin«, ein, und er summte sie im Weiterschlendern behaglich vor sich hin. So verwöhnt war er nicht, daß er nicht sein Behagen genommen hätte, wo er es fand, und es war in der Tat ein Behagen, sich hier in Wien zu finden, den Chevalier, das Fräulein von Saint-Trouin und den Freund Fröschler in Krodebeck sitzend zu wissen, Geld zu haben, mit der schönen Jugendfreundin dieselbe Luft einzuatmen und[627] ein Freiherr in der angenehmsten und tiefsten Bedeutung des Wortes zu sein.

»Am Ende ist es mir auch höchst gleichgültig, ob er Verona verproviantiert oder nicht. Was kümmert mich das, worüber die Alten daheim die Köpfe schütteln? Da fällt einer nach dem andern heraus, und selbst meine arme Mutter hat herausfallen müssen, und das Leben mit seinen Lichtern und Wagenrollen und Kling und Klang geht weiter, und jedermann hat doch nur mit seiner eigenen Gegenwart abzurechnen. Es lebe die Gegenwart! Da wäre ich doch ein Narr, wenn ich mich in Wien an einem Haar ekeln würde, das die andern Vor einem Menschenalter in Krodebeck in der Suppe fanden! Und die Tonie hat ja in jedem Briefe gemeldet, daß es ihr wohl gehe und daß ihr kaum etwas zu wünschen übrigbleibe. ›Le Nozze di Figaro‹? Ob das der ›Barbier von Sevilla‹ ist? Hören wir dem Herrn von Häußler zu Ehren noch einen Akt von diesem Barbier! Zum Teufel, in der richtigen Stimmung kann man alles in Musik setzen, selbst den Barbier von Krodebeck !«

Er geriet wirklich noch zum Finale der »Hochzeit des Figaro« in das Opernhaus und erfuhr, wie man in Österreich Silber mit Silber zahle. Dazu machte er einige recht freundliche Bekanntschaften, welche ihm allerlei Dinge wiesen, die nur den Ortseingeborenen und den von diesen unter die Flügel Genommenen bekannt zu werden pflegen, und vergnügte sich durchgängig vortrefflich. Seine Laune wurde immer besser; mit sich selber war er recht zufrieden, und mit dem Universum fand er sich im vollkommensten Einklang. Einige Offiziere – Norddeutsche im Dienste des Hauses Habsburg –, welche mit Bereitwilligkeit die Landsmannschaft hatten gelten lassen, geleiteten ihn weit nach Mitternacht nach der Leopoldstadt zurück. Sie wußten von dem Edlen von Haußenbleib, kannten ihn jedoch nicht persönlich, wenn sie ihn gleich als eine sehr bekannte Persönlichkeit darstellten. Im National-Gasthof konsumierte der Junker von Lauen noch ein bedeutendes Quantum Sodawasser und schlief den Schlaf der Glücklichen bis tief in den hellen Sommermorgen hinein.[628]

Quelle:
Wilhelm Raabe: Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Band 4, Berlin und Weimar 1964–1966, S. 622-629.
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