Zwölftes Kapitel

Julius Schminkert für immer! Schlaue Bemerkungen des Autors über die Damen im Kartenspiel

[458] Am folgenden Morgen schien freundlich die Sonne in das Zimmer des Polizeischreibers; nach vier Uhr hatte sich der Himmel geklärt, wenn auch der kalte, schneidende Wind immer noch anhielt. Es war ein Sonntag, und selbst Protokollführer Fiebiger war ein freier Mann, welcher sich den Teufel um das Büro Nummer dreizehn kümmerte, sondern es dem Staube und den Gespenstern der Registerbücher gern und willig überließ. In dem Büro Nummer dreizehn mochten die unheimlichen Geister soviel Tänze und Sprünge machen, wie sie wollten, ruhig saß der Polizeischreiber Fiebiger mit seinem »jungen Karaiben Freitag« alias Robert Wolf beim Frühstück und betrachtete durch die Wolken seiner Tabakspfeife still und unbemerkt seinen Schützling zum erstenmal beim hellsten Tageslicht, und was er sah, konnte ihm nicht mißfallen.[458]

Der Schmerz verleiht oft der gewöhnlichsten Physiognomie einen Reiz, von welchem sonst keine Spur in ihr zu finden ist; denn der wahre Schmerz erhebt über das Alltägliche und hat, wie die wahre Freude, eine verklärende Macht, die auch im Körperlichen zur Erscheinung kommt. Hier aber hatte der Schmerz sein Siegel auf ein schon von Natur schönes und geistvolles Gesicht gedrückt, und so war der energische Zauber unbeschreiblich.

»Sieh mich an, Robert«, unterbrach endlich der Schreiber sein stummes Studium, dem er sich fast mit Gewalt entreißen mußte. »Hätten wir gestern wohl gedacht, daß wir heute die Sonne so klar sehen würden? Es ist kaum eine Wolke zu erblicken. Sieh auf, Landsmann aus dem Winzelwalde!«

Der Knabe erhob matt das Gesicht; die Tränen traten ihm immer von neuem in die Augen.

»Ich werde es nie überwinden«, murmelte er.

»Das wirst du doch, mein Junge. Kind, du hast noch nicht erfahren, wieviel der Mensch überwinden kann und muß. Du hast erst den Kelch des Lebens an die Lippen gesetzt; jetzt betäubt dich der erste Schauder vor der Bitterkeit des Trankes; – hinunter damit – die Betäubung wird weichen. Es setzt doch niemand das Glas ab, ehe die Neige geleert ist; wer es vorher im Lebensüberdruß an die Wand geworfen hat, der ist nur in etwas hastigeren Zügen damit fertig geworden. Man erschießt sich nur, wenn der Topf leer ist.«

»Ich wollte, ich könnte Sie verstehen, aber ich kann es nicht. Mein Kopf schmerzt zu sehr, mein Hirn ist zu wüst. O bitte, schicken Sie mich in den Wald zurück, lassen Sie mich fort; ich kann mit ihr nicht die selbe Luft in dieser Stadt atmen. Was soll ich hier? Aus dem Hause darf ich nicht gehen; ich könnte ihr begegnen in den Gassen – o schicken Sie mich heim, schicken Sie mich zurück in den Wald!«

»Armes Kind, du weißt nicht, in welcher Einsamkeit du dich hier in diesem Menschengewimmel befindest. Glaube mir, deine heimatliche Wildnis wird dich und deinen Kummer nicht so gut vor den Menschen schützen und verbergen wie diese Wildnis[459] von aufgetürmten Mauersteinen. Was willst du den Leuten zu Poppenhagen sagen, wenn du heimkehrst? Wie willst du ihnen entgegentreten, wenn sie dir mit Geschrei und aufgehobenen Händen entgegenlaufen: Petz ist wieder da!? Werden sie dich in Ruhe lassen? Werden sie dir gestatten, ein Einsiedlerleben im Winzelwalde zu führen? Rufe dir im Geist alle deine Bekannten vor die Seele, die alten wie die jungen, das ganze Nest; dann denke darüber nach, was das Völklein sagen wird, wie es lachen, wie es dir Nasen drehen wird. Dein alter Freund, der Pastor, ist tot, du kannst dich nicht in sein stilles Studierstübchen, nicht hinter seine Bücher flüchten und verstecken.«

Der Knabe ließ das Gesicht in die Hände fallen und zog die Schultern zusammen. Er fühlte, wie sehr der Alte recht habe.

»Bleibe bei mir, Robert«, fuhr der Schreiber fort. »Ich kann dich besser verbergen und will es auch. Eine Tarnkappe sollst du über die Ohren ziehen; ich will deine Seele heilen und hoffe, daß es mir gelingen wird. In Poppenhagen wirst du sitzen wie ein Uhu auf der Stange und jedermann zum Gaudium und Aufstoß dienen.«

Der Alte stellte seine Pfeife fort und ging schnellen Schrittes in seinem langen Zimmer auf und ab. Noch mancherlei sagte er dem Knaben; aber dabei war er doch innerlich in großer Angst über die Frage, auf welche Weise er ihn über die erste Zeit einer so sehr veränderten Existenz hinwegheben sollte.

Da ließ sich auf der Treppe ein dumpfer Gesang hören; wohlbekannte Töne, bei welchen der Polizeischreiber sonst die Achseln zuckte, die ihn aber jetzt ärgerlich auffahren ließen. Er machte eine schnelle Bewegung gegen die Tür, um den Riegel vorzuschieben, kam jedoch zu spät; die Tür öffnete sich, und auf der Schwelle erschien Julius Schminkert, zerzaust und übernächtig, mit einem lieblichen Gedüft von allerlei Spirituosen und Tabakssorten in den Kleidern und den verwilderten Haaren.

»Sie hätten erst anklopfen sollen, Schminkert«, brummte der Alte ärgerlich.

»Unangemeldet tritt der Geist herein!« sprach pathetisch der Schauspieler.[460]

»Wohl wieder einmal die ganze Nacht nicht im Bett gewesen?«

»Richtig, edler Greis«, antwortete Julius mit beneidenswertem Gleichmut. »Würde auch sehr schwer gehalten haben in Anbetracht der Verhältnisse. Wäre eine recht schöne und löbliche Einrichtung, wenn die Herren vom Leihhause gestatteten, daß man daselbst – in jenen heiligen Hallen – mit den versetzten Sachen sein Quartier aufschlagen könnte.«

»Julius! Julius!« rief der Schreiber; aber der Tollkopf lachte.

»Sie reden immer von verschleuderter, verlorener Zeit, Mann der Ordnung. Wenn ich aber einmal einige Stunden der süßen Bewußtlosigkeit des Schlafs abgewinne, ist's Ihnen wieder nicht recht. O ihr Moralisten, was soll man mit euch anfangen? Übrigens habe ich Ihnen etwas mitzuteilen, würdiges Haupt. Eine Neuigkeit, eine schicksalhafte Neuigkeit will ich austauschen gegen eine Tasse Ihres mokkaähnlichen Gebräus, edler Römer. Gilt's?«

»Sie dauern mich, Julius. Es soll gelten – was haben Sie zu sagen?«

Schminkert warf einen Seitenblick auf Robert Wolf, griff nach dem Kaffeetopf und sprach:

»Die schöne Waldfee – Fräulein Eva Dornbluth – oh, noch etwas Zucker, wenn ich bitten darf – hat die Welt, die Stadt und eine hochlöbliche Theaterintendanz hinters Licht geführt. Sie ist – durchgebrannt.«

Der Schreiber ließ die Arme sinken. Robert Wolf, der bis jetzt teilnahmlos das Gesicht abgewendet hatte, sprang mit einem Schrei empor, starrte den liederlichen Julius einen Augenblick an und faßte dann mit eisernem Griff die Schulter desselben.

»Noch einmal! Was sagten Sie?«

Julius Schminkert befreite seine schmerzende Schulter von der kräftigen Hand.

»Donnerwetter! Los die Pfote, rötlicher junger Kymmerier. Ich will euch alles sagen; gebt mir aber erst eine Zigarre, ehrwürdigstes Überwachungsinstitut.«

Fiebiger deutete kraftlos auf die Zigarrenkiste im Bücherbrett;[461] Schminkert fühlte sich als Mann der Ereignisse und benutzte das Übergewicht, welches ihm seine Nachricht verlieh. Er machte es sich bequem in dem Sessel des Polizeischreibers, setzte den erlangten Glimmstengel in Brand, stieß einige behagliche Seufzer aus und gab den Bericht, dem die beiden andern mit krampfhafter Aufregung entgegensahen, so langsam als möglich von sich:

»Im trauten Freundeskreise hatte ich einen Teil der Nacht verbracht. Auch einige Freundinnen verschönten den Kranz als himmlische Blüten; reizende Jungfrauen – Priesterinnen der Sonne, Hofdamen aller Höfe der bekannten und unbekannten Welt, Nymphen, Elfinnen, Göttinnen. O Angelika, du warst nicht zugegen! Wäre nur das Getränk nicht so verteufelt billig gewesen! 's ist eine Schande; je größer der Genius, desto erbärmlicher gewöhnlich der Spiritus, durch welchen die heilige Flamme entzündet und genährt wird!«

»Ich bitte Sie um alles in der Welt, Schminkert; seien Sie verständig, seien Sie barmherzig, kommen Sie zur Sache!« rief der Schreiber in halber Verzweiflung.

»Bin ich nicht dabei?« fragte der Erzähler würdevoll. »Unterbrechen Sie mich nur nicht, altes Haus, und Sie werden allgemach eine vollkommen klare Einsicht in die Dinge gewinnen. Gut; wir haben einen Punsch angesetzt, und allgemeine Heiterkeit ist die Losung. Mit Rosen


Ist jede Stirn bekränzt, athen'scher Geist

Und heitrer Witz verschönt die schönsten Augen.


Ein wahres Symposion, meine Herren! Aristophanes, Sokrates, Xenophon, Aspasia, Lais, Diotima, Griechen und Griechinnen, Griechenlands edelste Geister waren zugegen. O Angelika Stibbe, du warst nicht da; auf weichem Pfühl der Nacht wiegtest du die zarten Glieder, o Angelika! Hellenisch ist der Punsch, hellenisch die Stimmung; da erscheint ein Mann aus späterer Zeit, Maecenas-Schwebemeier, ein Regenschirmfabrikant, jetzt Rentier und Hausbesitzer – schöne Seele – ausgezeichnet guter Magen – anerkennungswertes Vermögen. Trarararabumbum!«[462]

Nachdem der Nachtschwärmer so weit gekommen war, brach er ab, blickte eine geraume Zeit wehmütig in den leeren Kaffeetopf und sagte dann:

»In seinem Hause wohnt – wohnte die schöne Eva. Drittes Stockwerk.«

»Weiter! weiter!« rief der Schreiber.

»›Hinter den Kulissen‹ heißt unsere Gesellschaft; ihr Versammlungsort ist in der Weißen Lilie. Wir empfangen den Mäzen in der Lilie hinter den Kulissen mit Wonne und Jubel, und die jungen Damen gehen ihm mit Grazie um den Backenbart. Schwebemeier muß eine frische Bowle stellen, Schwebemeier stellt die Bowle; von neuem flammt das heilige Feuer auf, das Kapital hat untergeheizt. Wir trinken, wir singen, wir tanzen, und der holde Wahnsinn hält jedermann und jedes Fräulein mit Rosenketten gefangen. Auch die Möbeln fangen an, an unserer Lust teilzunehmen. Zweimal steckt die hochlöbliche Polizei mit der Visage eines Ihrer bärtigen Myrmidonen, teurer Greis, ihr warnendes Medusenhaupt in die Tür und schnüffelt in die Lilie. Wir lassen uns aber nicht versteinern; wir lachen der Polizei unter die Nase. Wir kennen die Herren von der Sicherheitsbehörde, nicht wahr, Alterchen?«

Der Erzähler machte abermals eine Kunstpause. Der Schreiber lief hin und her.

»Das ist unerträglich!« schrie er. »Julius, bei meinem Zorn –«

Sehr unvermutet und plötzlich hatte sich Julius aber an den atemlosen, zähnknirschenden Robert gewandt, mit der dringend ausgesprochenen Warnung:

»Jüngling, opfere den Grazien, es gibt sonst Augenblicke in deinem Leben, Augenblicke, wo sich vor deinen Augen und im Innersten deiner Seele alles dreht; wo du nicht gewiß bist, ob du auf dem Stuhle sitzest oder ob dein Stuhl auf dir Platz genommen hat; Augenblicke, in welchen es dir zweifelhaft ist, ob du die Götter verlassen hast oder ob die Götter dich aufgegeben haben, Augenblicke, in welchen du dich an allem halten willst, aber mit Schrecken merkst, daß alle andern Gegenstände ebenso schwankend sind wie du selber. Hüte dich, Jüngling, und achte[463] das Wort eines erfahrenen Mannes; die Erde dreht sich, aber der Mensch dreht sich auch manchmal. Oh, wie betrunken war Maecenas atavis! Was war aus den Damen geworden! Wir brechen auf, und wer allzu unselbständig geworden ist, bleibt und deckt den Walplatz schnarchend mit seinem Leibe. Wir aber, in denen das göttliche Licht der Vernunft nie ganz erlischt, stellen uns fest auf unsern Beinen, fassen den Bonhomme Schwebemeier unter die Arme und bringen – die Damen nach Haus. Wer den ersten überwältigenden Eindruck der frischen Nachtluft übersteht, ist gerettet aus den Banden der Unterirdischen; wir überstehen ihn alle und finden unsern Weg durch Sturm und Regen. Das bejammernswerteste Bild menschlicher Hinfälligkeit bietet Maecenas dar. Anfangs bezeigt er einige Lust, eine Laterne einzuwerfen, kann sich jedoch trotz aller moralischen Ermutigung, die ihm unsererseits zuteil wird, nicht auf die Höhe solch einer männlichen Tat erheben. Dagegen tritt bei ihm das Stadium unzurechnungsfähiger Krakeelsucht ein; aber noch ehe sich dasselbe unangenehm entwickeln kann, packt ihn die Reaktion mit kalter Faust – der Rentier wird weich! Meine Herren, ein betrunkener Hausbesitzer, der sich mit dem Theater, mit der Kunst in Verbindung gebracht hat und weich wird, ist ein merkwürdiges Schauspiel. Schwebemeier edite regibus zerfließt in Tränen, er beruft die Manen seines verstorbenen Weibes und beschwört die erregten Gefühle seiner gegenwärtigen Ehehälfte; er heult in allen Tonarten über die eigene Schlechtigkeit, Unsolidität, Immoralität; er macht den ihn geleitenden Damen vielen Spaß. Aber die Damen werden nach Hause gebracht; die übrigen Herren der heitern Gesellschaft verlieren sich gleichfalls in der Nacht oder vielmehr in dem grauenden Morgen; – dem gutmütigen Julius liegt der zerfließende Partikulier zuletzt allein auf den Schultern; – meine Herren, sollten Sie es für möglich halten, daß es mir selbst jetzt in solchem Augenblick unmöglich war, der zugeknöpften Hartnäckigkeit des Philisters ein kleines Darlehn auf die beste Sicherheit zu entlocken? Sollte man nicht an der Welt verzweifeln, wenn dem fühlenden Manne der brutale Instinkt dieser Tiermenschen[464] selbst in den rührendsten Augenblicken entgegenfletscht? Ich schleppe den Regenschirmfabrikanten wie weiland Atlas die Welt; wir langen nach Überwindung übermenschlicher Schwierigkeiten vor der Tür des Mannes in der Lilienstraße Nummer zwölf an und finden sie offen. Es ist vollständig Dämmerung, und die ersten Spuren wiederkehrender Menschenwürde werden an dem Rentier sichtbar. Er findet es unerklärlich, als er seine Halsbinde nicht mehr findet, und bedenkt nicht, daß er sich mehrmals in den Kanal stürzen wollte und jedesmal an der Krawatte zurückgehalten wurde. Ich schiebe ihn die Stufen seiner Haustür hinauf, und auf der Hausflur erschreckt uns eine Gespenstererscheinung. Beleuchtet vom Schein einer Küchenlampe, taucht dicht vor uns eine Person auf – die Erd' hat Blasen, wie das Meer sie hat –, eine Person, welche in sich alle Reize der drei Macbethschen Hexen vereinigt. Schwebemeiers Gattin ist's, und die Gräßlichkeit der Erscheinung ernüchtert den Gemahl sofort vollständig und macht auch auf mich trotz meiner männlichen Gelassenheit einen überwältigenden Eindruck. Sie stürzt sich auf uns, und der holde Strom ihrer Rede überfließt uns, alle Dämme der Rhetorik durchbrechend; schreckensbleich ducken wir die Köpfe, als sie zufaßt und den Mann ihres Herzens beim Kragen nimmt. Ich wich ihr denn auch, aber erst nachdem ich aus ihrem höllischen Gezeter noch entnommen hatte, was ich euch entgegenrief, ihr Herren: Fräulein Eva Dornbluth, der Stern des Waldes, die Fee aus der Wildnis, das große und schöne Rätsel der Stadt, hat in dieser ewig denkwürdigen Nacht in der Begleitung und unter dem Schutze eines hochgewachsenen Herrn mit rotblondem Backenbart ihre Wohnung und das Haus des Partikulier Schwebemeier verlassen und sich in einem himmelblauen, sterngestickten Zauberschleier den Augen der trauernden Menschheit entzogen; – warum, wozu und wofür, habe ich noch nicht erfahren können, doch


Im schnellen Fluge folgen sich die Stunden,

Der Tag ist da, die Wahrheit wird gefunden.« –
[465]

Robert Wolf knöpfte seinen Rock zu und sah sich nach seiner Mütze um, als wolle er auf der Stelle der flüchtigen Geliebten nachlaufen. Der Polizeischreiber aber hatte ein scharfes Auge auf ihn, lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür und rief im Innern alle Götter an, flehend, das Vernommene möge Wahrheit sein. Als der Knabe aus dem Walde die Hand auf den Türgriff legte, legte er seine Hand auf die des Knaben und rief mit spöttischem Lachen:

»Wohin willst du, mein Sohn? Willst du dich noch einmal von der Dame auslachen lassen? Ich dächte, jeder ordentliche Mann hätte an einem Male genug.«

Der Jüngling ließ unter der kalten Hand des Alten den Türgriff los und schlich zu seinem Stuhl zurück. Ein Männertritt ließ sich auf der Treppe vernehmen; Ludwig Tellering trat ein. Er trug den Brief in der Hand, welchen Friedrich Wolf in der vergangenen Nacht seinem Vater gegeben hatte. An die Überreichung desselben knüpfte er zugleich die Bitte, der Herr Polizeischreiber möge ihm – Ludwig Tellering – einen Atlas und ein Geographiebuch mit »recht viel über Italien, Paris und Amerika drin« leihen. Er erhielt das Verlangte und empfahl sich mit höflichem Gruße, um den ganzen Sonntag über eifrig sich dem Studium der Länder zu widmen, der Länder, nach welchen Marie Heil gegangen war.

Zweifelnd wog der Polizeischreiber das versiegelte Schreiben in der Hand, dann bat er in so ernstlicher Weise den gutmütigen Julius, sich zu packen, daß dieser der Bitte doch endlich nachkam. Nun erbrach der Alte den Brief; ein kleines Billett, gerichtet an Robert Wolf, fiel heraus; der Schreiber behielt es fürs erste noch in der Hand und vertiefte sich ganz und gar in die Lektüre des an ihn selbst gerichteten Briefes:

Das Schreiben lautete:


»Geehrter Herr!


Die Geschicke der Menschen, welche weit voneinander ihre Bahnen geführt werden, können sich kreuzen, und Verpflichtungen können entstehen, während die Beteiligten körperlich[466] vielleicht niemals sich nahe treten. Der letztere Fall ist zwischen uns beiden eingetreten, und der Bruder Robert Wolfs weiß nicht, wie er seinen Dank aussprechen soll für das, was Sie an jenem armen Knaben getan haben. Ich habe alles erkundet, was die Geschichte meines Bruders betrifft; ich bin ihm in den letzten Tagen näher gewesen, als er sich träumen ließ. Ich habe überlegt und bin zu der Gewißheit gekommen, daß ich nicht vor ihm und somit auch nicht vor Ihnen, teurer Mann, erscheinen darf. Der Knabe wird mich für den Zerstörer seines Glücks, für seinen Feind ansehen; ich will ihm ersparen, daß er einst die Stunde eines unzeitgemäßen Wiedersehens verwünsche. Die Jahre werden ihn beruhigen und ihm alles das, was er jetzt durch solch ein häßliches Medium sieht, in dem wahren Lichte zeigen; dann wird der Bruder dem Bruder freudig die Arme öffnen können. Eva Dornbluth, meine Braut, die unschuldige Ursache seines Schmerzes, führe ich mit mir fort, sie gehört mir an und wird nicht mehr dem armen Robert in den Weg treten. Auch sie sagt Ihnen ihren tiefgefühltesten Dank und küßt Ihnen die Hand, die Sie so barmherzig, so schutzreich über Robert Wolf ausgestreckt haben. Wenn Sie, geehrter Herr, diesen Brief durch den Meister Tellering empfangen, sind wir weit von hier entfernt; wir werden den Winter in Italien zubringen und im Frühling die See kreuzen. Von New Orleans werde ich Ihnen weitere Mitteilungen machen.

Ich habe vernommen, daß mein Bruder Fähigkeiten gezeigt und Kenntnisse erworben hat, ich will das Meinige dazu tun, daß ihm in Zukunft alle Wege zu letzteren offenstehen sollen. Nach hiesigen Begriffen bin ich ein reicher Mann; aber wie arm fühle ich mich, wenn ich bedenke, was Sie einem unglücklichen fremden Knaben, was Sie meinem Bruder geben! Einige Wechsel auf das Haus Wienand schließe ich bei und bitte, die Summen zur Erziehung und Ausbildung Roberts nach Belieben und bester Einsicht zu verwenden.

Eva schreibt einige Worte an Robert; ich kann mir sehr lebendig vorstellen, wie der Knabe den Brief der Armen behandeln wird.[467]

Leben Sie wohl; Sie sollen immer einen dankbaren treuen Freund finden an


Frederic Warner, alias Friedrich Wolf

aus Poppenhagen im Winzelwalde.«


Der Polizeischreiber Fritz Fiebiger nickte fünf Minuten lang mit dem Kopf; dann schloß er vorsichtig die Wechsel in seinen Schreibtisch. Dann nickte er wieder fünf Minuten hindurch mit dem Kopf, stopfte eine Pfeife, zündete sie an, betrachtete das Billett Eva Dornbluths, betrachtete den brütenden Robert Wolf und sagte zuletzt:

»Dein Bruder Fritz hat mir soeben geschrieben. Hast du gewußt, daß Fräulein Eva Dornbluth und er längst Verlobte waren, als du dich in das Mädchen verliebtest?«

Der Knabe zitterte an allen Gliedern und stammelte einige ziemlich unverständliche Worte.

»Sprich deutlich«, sagte der Schreiber.

»Ich habe es ihr nie geglaubt; sie waren ja noch Kinder, als sie zusammenlebten«, flüsterte Robert.

Der Schreiber zuckte komisch die Achseln:

»Und was bist du denn eigentlich, mein Junge – wenn ich fragen darf? Hier, da hast du einen Brief von der Dame; ich hoffe, du beträgst dich anständig und vernünftig.«

Robert Wolf griff nach dem Billett; aber schon als er die hastige und doch zierliche Handschrift erblickte, betrug er sich nicht anständig und vernünftig. Mit zitternder Hand zerriß er den Umschlag und las. Er wurde rot und bleich und murmelte zwischen den Zähnen: »Mein Bruder – sie – unschuldig – Freundschaft – Fluch ihnen!«

Er zerriß wirklich den Abschiedsbrief Eva Dornbluths! Er weinte aber nicht mehr; – jetzt war er das unbestrittene Eigentum des Polizeischreibers Friedrich Fiebiger geworden; auf wie lange, das war freilich eine andere Frage. Pique-Dame war aus dem Spiel; aber es gibt noch mehr Kronenträgerinnen zwischen den Karten; glücklich diejenigen, welchen Herz-Dame herausfällt und welche damit das Spiel gewinnen!

Quelle:
Wilhelm Raabe: Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Band 2, Berlin und Weimar 1964–1966, S. 458-468.
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