Drittes Kapitel

[275] »Der Herr will morgen früh wiederkommen.«

»Welcher Herr, Rupfer?«

»Der diese Visitenkarte für den Herrn Hofrat dagelassen hat«, sagte der Diener mit einem Grinsen, das jeder Beschreibung spottete.

Mit dem breitmäuligen stummen Lachen eines treuen Knechtes, der sich schon seit Stunden darauf vorbereitete und freute, seinen Herrn »mal richtig in Verwunderung zu setzen«, reichte er dem Hofrat das hin, was er eben eine Visitenkarte genannt hatte. Sein Herr aber hatte in der Tat Grund, den Gegenstand mit Verwunderung – mit Erstaunen entgegenzunehmen, ihn in den Händen zu wiegen und dann mit ihm rasch an den mit Schreibzeug, geschriebenem Zeug, gedruckten Büchern und dergleichen hoch bedeckten Arbeitstisch in das hellere Licht der Lampe zu treten.

Ein Stock!

Ein abgenutzter, abgelaufener Spazierstock oder vielmehr Wanderknüppel, ein höchst unfeiner und, wie es schien, schon[275] vor recht langer Zeit aus der Weißdornhecke geschnittener Wegbegleiter, mit einer Bocksfratze am Griff und mit einem derben Lederriemen, dem man es gleichfalls ansah, daß er bei mehr als einer andringlichen Gelegenheit fest um das rechte Handgelenk geschlungen worden sei.

»Was soll denn nun dieser Unsinn?... Was soll... mein Gott, ist es möglich?«

Die Knie schwankten wahrhaftig unter dem Mann. Er stützte sich mit der Linken schwer auf die Platte seines Schreibtisches, die seltsame carte de visite wie ein Kurzsichtiger (der er nicht war) vom Griff bis zu der eisernen Zwinge immer genauer und immer näher den Augen untersuchend, bis er plötzlich den jetzt seinerseits sehr erstaunten Rupfer am Kragen faßte und, mit dem unheimlichen Stabe bedrohlich nach rückwärts ausholend, rief:

»Mensch, wie sah der Mensch – der Herr, der dir dies gab, aus? Nimm dich zusammen, oder ich mache dich gleichfalls zu einem Spuk, einem Gespenst, einem – revenant!«

»Es war schon in der Dämmerung, als er die Glocke zog. Jawohl, so was von 'n Spuk mag er wohl an sich gehabt haben, aber so recht habe ich ihn mir in meiner Verblüffung nicht drauf ansehen können. Und seinen Namen hat er auch nicht nennen wollen, als ich ihm sagte, der Herr Hofrat seien nicht zu Hause. Da hat er mich nämlich erst mit dem Knüppel vor die Brust gestoßen und ihn mir dann zugereicht und dumpfig wie aus 'm Kirchhofe raus bemerkt, der Herr Hofrat würden schon wissen, und mehr sei nicht nötig. Morgen früh würde er wieder vorsprechen.«

»Schon gut! Morgen früh! Morgen früh will er wiederkommen«, sagte der Herr Hofrat matt. Er saß jetzt in dem Lehnstuhl vor seinem Arbeitstische mit dem Stabe des geheimnisvollen Fremden über den Knien. Eine ziemliche Weile wartete der Diener darauf, daß er noch einmal angeredet werde; da dieses aber nicht geschah, versuchte er es endlich lieber selber, die Unterredung noch einmal aufzunehmen.

»Der Herr Hofrat haben sonst nichts mehr zu befehlen?«

»Wie meinst du, guter Rupfer?«[276]

»Der Herr Hofrat wünschen vielleicht noch nicht zu Bette zu gehen; und so möchte ich mir erlauben –«

»Du kannst jedenfalls gehen und dich niederlegen. Gute Nacht! Ich werde mich allein auskleiden; ich bedarf deiner nicht weiter. Dieser Herr – der Herr, welcher diesen – diesen Stab – diesen Stock zurückgelassen hat, ist mir morgen zu jeder Zeit willkommen. Hörst du, Rupfer? Ich bin für ihn den ganzen Tag zu Hause – für jeden andern erst nach Anfrage; – verstehst du, mein guter Rupfer?«

»Zu Befehl, Herr Hofrat, und wünsche ich dem Herrn Hofrat eine recht wohlzuschlafende Nacht.«

Der treue Diener wendete sich zur Tür. Dort zögerte er, kam noch einmal zurück und flüsterte respektvoll vertraulich zuredend:

»Soll ich also nicht lieber den greulichen Schandprü-, den Stock – den Stab – mit hinaus – wenigstens mit auf den Vorplatz hinausnehmen?«

»Rege mich nicht noch mehr auf, Menschenkind«, seufzte Hofrat Dr. Albin Brokenkorb, unfähig, von neuem grob den Quäler anzufahren. Dieser aber meinte draußen vor der Tür kopfschüttelnd:

»Hat er einmal Haue damit gekriegt, oder soll er morgen welche damit haben? Na, die Zeit wird's ja wohl hoffentlich ausweisen! I je, was man doch alles in so 'ner feinen, ruhigen Junggesellenhauswirtschaft in Erfahrung bringen kann!«

Nachdem er dann in seiner Kammer die Lampe ausgeblasen und die Decke über den Kopf gezogen hatte, schlummerte er wie ein Kind ein, was sein Herr noch lange nicht tat.

Zu letzterem drang noch geraume Zeit hindurch aus dem Stockwerk unter ihm, bei Runne & Plate im Hause, das Geräusch, Stimmengesumm und Musikgetön der Abendgesellschaft, aus der er vorhin vor der sonst gewohnten Stunde unruhig und mißgelaunt, körperlich und geistig verstimmt, aber selbstverständlich mit dem unbedingt an der Tür geforderten Lächeln sich entfernt hatte. Er aber, der auch die feste Absicht gehabt hatte, so rasch als möglich sich zu Bett zu legen und die Decke über den Kopf zu[277] ziehen, nahm statt dessen über dem auf seinem Tische liegenden Memento den Kopf in beide Hände und hielt ihn so, bis – er ihn losließ und auf und ab ging – ja auf und ab lief im Gemache über dem dumpfen Weltgeräusch unter seinen Füßen.

Er saß, er ging, er lief, und er – Hofrat Dr. Albin Brokenkorb – nahm die bei seinem Diener Rupfer abgegebene Visitenkarte mit auf seiner nächtlichen Wanderung. Er schlang den Lederriemen dieses Stocks um das eigene Handgelenk und stieß mit der eisernen Zwinge dann und wann fest auf über dem jour fixe seiner Haus- und Lebensgenossen. Auf und ab schritt er mit dem Handwerksgesellenstabe über den weichen Teppich seines Studierzimmers, und er – Albin Brokenkorb, der da gemeint hatte, sehr müde nach Hause gekommen zu sein, hatte sich in Wirklichkeit müde zu laufen, ehe er von neuem in seinen Stuhl sinken und den Stock wieder vor sich auf den Tisch legen konnte.

»Uhusen!« murmelte er, als er so weit war. Wir, nachdem wir ihn so weit haben, sehen uns zuerst ein wenig genauer bei ihm um. Das ist in mehr als einer Hinsicht der Mühe wert. –

»O wie himmlisch, o wie reizend!« pflegten die Damen zu rufen, die Hofrat Dr. Brokenkorb dann und wann durch seine Wohnräume zu führen hatte, alle jene jüngeren und älteren, jungen und alten Damen, welche er in der Gesellschaft kennengelernt hatte oder welchen die Vergünstigung zuteil geworden war, ihn durch seine weit durchs deutsche Land gekannten und geschätzten Vorträge über die Symbolik des –, über die Mystik der –, über die Ästhetik des und der – kennen und verehren zu lernen. Und sie hatten vollkommen recht mit ihren Ausrufen. Ja noch mehr, es war nicht nur himmlisch und reizend, sondern es war auch im höchsten Grade behaglich um diesen allgemeinen Liebling der bessern und besten Kreise her. Auch Runne & Plate wußten das und schätzten es an ihm.

Als vermöglicher Junggesell von jener stillnervösen Sorte, die sich ebenso ungern stören läßt, als sie andere stört, befriedigte dieser Mieter alle Ansprüche an den Hausbesitzer um der lieben Ruhe willen und des bessern Geschmacks wegen aus eigenem Geldbeutel; und Runne & Plate würden in der Tat sehr anspruchsvoll[278] gewesen sein, wenn sie einen noch angenehmeren Bewohner ihres zweiten Stockwerks als diesen Hofrat für möglich gehalten hätten. Er aber hatte sich bei ihnen eingerichtet und ausgebreitet. Durch alle Räume zeugten Wände, Decken und Fußböden davon, daß er als Sammler und mit dem Talent zum Abstäuben geboren worden sei und daß er bis zu seinem jetzigen Lebensjahre nicht aufgehört habe, zusammenzutragen, mit zierlichem Verständnis zu ordnen und mit zarter Neigung Federwedel und – Wischtuch in Tätigkeit zu erhalten. Was sie nicht sagten, aber dachten (die den Mann mit Mama usw. besuchenden Damen nämlich), war: ›O wie schade, daß die in dieser Hinsicht entzückendsten männlichen Wesen sich nur zu häufig so schwer entschließen, unsere Hülfe dabei fürs Leben anzunehmen!‹

Und das ist richtig. Es ist eine der betrübendsten Tatsachen, daß Jünglinge, junge Männer, Männer in den besten Jahren, die es am meisten verdienen, zu heiraten und geheiratet zu werden, ihrem Glück im Dasein eben aus dem tiefsten Grunde ihrer Veranlagung zu dem, was den Damen gefällt, töricht oder bemitleidenswert sich entziehen.

Ein Spinnrad aus dem siebenzehnten Jahrhundert war eine Perle der Sammlungen des Hofrats Albin Brokenkorb; aber obgleich er auch über es und das Spinnen von den ältesten bis zu den neuesten Zeiten einen Vortrag im Frauenverein, in Dutzenden von Frauenvereinen durch halb Deutschland gehalten hatte, kam es ihm am wenigsten in den Sinn, wirklich eine spinnende Hausehre an dasselbe zu setzen.

Wo würden wir aufhören, wenn wir anfangen wollten, im einzelnen zu schildern? Schrank an Schrank, Fach über Fach in kunstgewerblichster Ausstattung durch alle Zimmer! Das Museum eines reichen Privatmanns von den ersten Siegel-, Briefmarken-, Käfer- und Schmetterlings-Sammlungen an bis zur echten Figur aus Tanagra! Mappen voll Kupferstiche, Radierungen, Holzschnitte ältester und neuester Meister! Mappen voll Handschriften berühmter, bekannter, berüchtigter Menschen aller Zeiten! Alles, was einen Zug ins Zierliche, Kleine und Kleinste hatte in Pastell, Aquarell, Wachs, Öl, Schmelz – auf Papier, Leinen, Kupfer,[279] Holz und Porzellan! Kuriositäten in Drechslerarbeit, Glasarbeit, Drahtarbeit! Graziöseste Waffen, Haushaltungs- und Schmuckgegenstände wildester außereuropäischer Nationen! Alte Globen aus Nürnberg und Augsburg. Bücher! Ja, Bücher! Für fast zu viele Fächer menschlichen Wissens die besten, ausgiebigsten, reichhaltigsten, kostbarsten Hülfsmittel zur Schonung der Befähigung des Menschen in Hinsicht auf Selbstfinden, Selbstdenken!

»O Gott!« pflegten die Besucherinnen zu sagen, wenn sie so höflich interessiert als möglich an dieser auserlesenen Bibliothek vorbei wieder zu Interessanterem zu gelangen suchten; und wir – wir sagen dasselbe.

»Uhusen!« hatte Hofrat Dr. Albin Brokenkorb gestöhnt; und es befand sich in seiner Bibliothek kein Werk, das er zu Rat und Trost hinter den Glasscheiben seiner eleganten Schränke auswählen und über die unheimliche Visitenkarte nachschlagen konnte. Sein reichhaltigstes Konversationslexikon, seine bändereichste, illustrierteste Enzyklopädie wußte nicht das geringste über das Wort, den Namen, den Menschen: »Uhusen«.

Quelle:
Wilhelm Raabe: Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Band 6, Berlin und Weimar 1964–1966, S. 275-280.
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