Erstes Kapitel

Solange der Mensch auf seiner Erde Geschichten hört oder dergleichen selber erzählt, teilt er sie gewöhnlich ein in solche, die gut anfangen und böse endigen, und solche, die schlimm beginnen, aber zu einem wünschenswerten Ende kommen.

Darüber wäre nun manches zu sagen; denn so recht begriffen und ausgerechnet hat eigentlich noch keiner, wo bei den Geschichten dieser Erde der Anfang und wo das Ende ist, wo das Wünschenswerte beginnt und das Gegenteil davon endet, oder umgekehrt. Ich für mein Teil hüte mich wohl, mich hierüber des weitern auszulassen, ich halte mich einfach an des Menschen uralt hergebrachte Anordnung und Abfachung seiner Erlebnisse und seiner Schicksale und verkünde nur, zu eigener Erleichterung tief aufatmend, daß vorliegende Geschichte nach menschlichem Ermessen ziemlich gut ausgeht.

In eigener Sache frei aufatmen oder in der anderer Leute: für den rechten Erzähler läuft das auf ein und dasselbe hinaus, geradeso wie für den rechten Zuhörer. –

Es war, um mitten in der unruhvollen Wirklichkeit im altgewohnten Märchenton zu beginnen, an einem trüben Sonntagmorgen im Spätherbst noch vor dem Kirchenglockengeläut. Ach, es rüsteten sich eben nur zu viel mitleidige Seelen, gute Leute, die man für diesmal gern an anderer Stelle lieber gesehen hätte, zum Kirchgange. In der ganzen, großen Stadt Berlin hatte niemand von denen, die helfen konnten – auch keine Frau –, eine Ahnung davon, was sich nebenan ereignen sollte, der Zeit nach gerechnet von diesem Sonntagmorgen bis zum Morgen des nächsten Mittwochs.

Nebenan, das ist wohl ein etwas enger Begriff für eine so[263] weitläufige Stadt wie die Stadt Berlin; aber alle diejenigen, die nachher zuerst in den Zeitungen durch den Doktor Berg von dem Vorgefallenen zu lesen bekamen, hatten doch sämtlich das Gefühl, daß die Geschichte dicht neben ihnen selber an passiert sei. So sagten sie auch alle, indem sie sich des gewohnten fremdländischen Wortes für ihren innerlichsten Schauder ob des unbemerkten Vorbeigleitens des Trauerspiels ruhig bedienten.

Was war denn nun aber eigentlich so besonders Außergewöhnliches vorgefallen neben uns an in der mächtigen Stadt? Was war es, das nachher, als es laut wurde, alles Glockengeläut und jede Predigt überschrie?

Nur zwei Kinder hatte man während der Zeit vom Sonntagmorgen bis zum Dienstagabend neben ihrer Mutter allein gelassen – einen Jungen von dreizehn und ein Mädchen von acht Jahren. Die Mutter war am Sonntag bald nach Tagesanbruch gestorben – ein Fall, der so häufig eintritt, daß es nur die ihm anhaftenden Umstände sein konnten, welche später alle Leute so sehr erschreckten. Wir aber können heute auch nichts Besseres tun, als so genau als möglich wie Doktor Berg niederzuschreiben, was auch wir nachher in Erfahrung brachten.

Bei Bewußtsein war die Frau nicht mehr gewesen, als die Kinder durch ihr letztes schweres Atmen erweckt wurden. Sie hatte nicht mehr ihre letzten Verfügungen treffen, auch nicht mehr ihren Sohn zum letztenmal nach dem Arzt schicken können.

»Bleib liegen, bleib still liegen; ich bin gleich wieder da«, hatte der Junge zu dem Schwesterchen gesagt. »Bleib untergekrochen, Paulchen, und rufe nicht nach Mama, bis ich wieder hier bin. Der Herr Doktor kommt wohl noch einmal zu uns, wenn er heute morgen in unsere Gegend kommt.«

Der junge Bezirksarmenarzt hätte, auch wenn er sofort vorgefahren wäre, die Kranke nicht auf ihrem Wege aufgehalten. Als er kurz vor dem Kirchengeläut eintraf, fand er sie nicht mehr gegenwärtig, nicht mehr zu Hause, und konnte ihre Abreise ihren Kindern und dem Armenvorsteher des Bezirks nur durch Ausfüllung des vom Staat und dessen Sterblichkeitslisten vorgeschriebenen Frage- und Antwortbogens bescheinigen.[264]

Er hatte nachher den Knaben unterm Kinn genommen und gesagt:

»Tapfer, mein Junge! Mußt ein guter Junge sein. Verwandte habt ihr nicht? Keine alte Tante, die so ein bißchen nach dem Rechten sehen könnte?«

»Nein, Herr Doktor.«

»Hm ... Nun, man wird euch schon beispringen, den Zettel gib aber so bald als möglich heute morgen an Ort und Stelle ab. Man wird schon nach euch sehen, und auch ich werde euch im Auge behalten. Daß du mir auf die Kleine da achtgibst, armer Tropf, und mir keinen Unsinn machst, bis – eure Angelegenheiten geordnet sind! Ich selber kann mich nun nicht länger bei euch aufhalten; also noch einmal, sei ein verständiger Junge, bis man dir zu Hülfe kommt; und was deine Mutter betrifft –«

Er vollendete den Satz nicht, die gewohnten beruhigenden Wortverbindungen erschienen ihm gänzlich überflüssig im gegebenen Fall, den diesmaligen Hinterlassenen gegenüber. Und er hatte recht, und es zeugte mehr von seinem braven Herzen, daß er, statt zu reden, sich noch einmal in dem leeren oder vielmehr ausgeleerten Raum umsah und bei sich dachte:

›Die Sache müßte einem wieder einmal von Rechts wegen den ganzen Tag verderben!‹ – Wir können nicht sagen, auf was für ein besonderes Behagen er für diesen Tag rechnete. –

Es war an einem Sonntagmorgen noch vor dem Kirchengeläut, und die beiden Kinder waren neben der Leiche allein mit dem Blatt Papier, welches der Doktor zurückgelassen hatte und welches fürs erste allen Trost und jede Hülfe der Welt, die ihnen eben versprochen worden waren, in sich faßte.

Aus der nächsten Nachbarschaft, aus dem Hause selbst ließ sich niemand blicken, obgleich der Arzt beim Herabsteigen der Treppen jedem ihm in den Weg geratenden erwachsenen Mitbewohner mitgeteilt hatte, daß »die Frau da oben soeben gestorben und daß nach den Kindern sofort zu sehen sei«.

»O du mein Je«, sagten die Frauen, während die Männer sich, meistens stumm verhielten, nur durch eine Schulterbewegung[265] antworteten und erst, nachdem der junge Herr aus Hörweite war, ihre Ansicht äußerten: »Daß sich keines eher da hereinmischt, als bis die Polizei dagewesen ist und die Sache auf ihr Risiko genommen hat. So ein Doktor wäscht sich bloß die Hände, geht hin, wenn er sein Wort gesprochen hat, und kümmert sich um uns erst wieder, wenn er sagen kann: ›Habe ich's nicht gesagt, daß das Ding mit dem, einen Fall noch nicht aus und zu Ende war?‹«

Und alle Ärzte und Sanitätsräte der Welt hätten kommen können und hätten es der Nachbarschaft doch nicht eingeredet, daß die Frau da oben nicht an der giftigsten Krankheit gestorben sei und jedes Nahegehen nicht sofortige Ansteckung durch die Seuche und gleichfalls den bittersten Tod verbürge. Und sie hatten wirklich schon genug mit sich selber zu schaffen. Die Nachbarn nämlich, sowohl die im Hause als auch die in den Häusern zu beiden Seiten und gegenüber. Und sie hielten merkwürdigerweise auf ihr Leben wie die wohlgestelltesten Mitbürger und Mitbürgerinnen in den anständigsten Stadtteilen. Und da sie hier herum allesamt von ihrer Hände Arbeit von einem Tag zum andern lebten, so hatten sie nicht unrecht, wenn sie ihre Gesundheit soviel als möglich zu Rate hielten, vorzüglich die, welche nicht bloß für sich selbst sorgen mußten: es war mit die kinderreichste Gegend der Stadt – selbstverständlich!

Natürlich auch die elternreichste! Und – in dieser kinder- und elternreichen Gegend diese beiden Kinder ihrer Aufgabe gegenüber allein!...

Ihrer Aufgabe?

Jawohl, der Aufgabe, die Mutter zu begraben. In dem Folgenden ist zu lesen, wie sie auf sich selber angewiesen waren und wie sie sich zu helfen suchten. –

»Das hat eben der Doktor an den Herrn geschrieben, wo ich das Geld jeden Monat holte, Paule«, sagte der Knabe. »Vorhin haben sie mir auf der Treppe gesagt, sie wollten uns einen Topf Kaffee und Brot vor die Türe setzen. Weiter können sie sich nicht trauen; sie haben alle Angst. Hast du Angst, Paulchen, wenn ich jetzt noch einmal für einen Augenblick weglaufe?«[266]

»Mama! Meine Mama!« schluchzte die Kleine, mit beiden Fäustchen vor den Augen.

Ein Schauder, ein Zittern lief auch durch den Körper des Knaben, als sich das Schwesterchen so mit zugehaltenen Augen dichter an ihn drängte; aber er reckte sich doch mit den Schultern auf und biß die Zähne zusammen, um seiner Angst, seinem Schmerz, seiner Ratlosigkeit nicht durch ein noch lauteres Weinen Luft machen zu müssen. Er sah, als er das Kind fest umfaßte, nach der toten Mutter hin. Er überwand den großen Schrecken vor der Leiche, indem er mit dem Fuße aufstampfte und die Fingernägel sich in das Fleisch der Hand drückte und nun, wie die Schwester schluchzend, rief:

»Tapfer – ein tapferer Junge! Das hat schon Mama gesagt. Ja!... Und ich will ein tapferer Junge sein, und ich will ein guter Junge sein, wie Mama es gewollt hat und es mir anbefohlen hat bis – bis zuletzt... Ich will, ich will keine Furcht haben. Sie ist auch so unsere liebe Mama, Paule! Ich will sehen, was ich tun kann für Mama und für uns, für dich und für mich, Paulchen!«

Er war noch kein großer Junge, aber er hatte sich zu der Schwester doch niederzubeugen, als er sie in die Arme nahm und flüsterte:

»Ich muß weit und schnell laufen, und du hast noch so kleine Beine. Willst du wieder unterkriechen und wieder einschlafen, oder kannst du – willst du zu Mama dich setzen?«

»Zu Mama setzen!« schluchzte das Kindchen; und von der Tür aus sah noch der Mann in der Familie, wie es zu Häupten des Leichnams sich auf die schlechte Matratze kauerte, dicht neben das stille, beruhigte Gesicht der Mutter. –

Wie die Zeitungen davon geschrieben haben, werden wir seinerzeit Genaueres mitteilen, wenn es uns noch nötig scheinen sollte; wie jede zuständige Behörde ihre Pflicht getan hat, wie alles nur auf unglückliche Umstände und Mißverständnisse hinauslief, werden wir, wenn wir es nicht vergessen, auch sagen. An diesem Sonntagmorgen ist jetzt der Knabe mit dem Schein des Armenarztes zu dem Armenvorsteher des Bezirks gelaufen[267] und hat ihn glücklicherweise noch zu Hause getroffen. Es war aber wirklich eben noch Zeit; Frau und Tochter haben bereits ungeduldig im Nebenzimmer gewartet mit den Gesangbüchern auf dem Frühstückstische; und schon mit dem Hute auf dem Kopfe hat der Herr den zweiten Schein – den Schein für den Sarg – ausgefertigt und, indem er den Jungen damit zu dem Bezirksarmenschreiner schickte, abermals Eile anempfohlen.

Er ist durchaus nicht unfreundlich dabei gewesen. Im Gegenteil, er hat dem kleinen, keuchenden Boten ganz zärtlich und bedauernd auf die Schultern geklopft: »Armes Kerlchen! Nun, lauf nur jetzt. Es wird sich schon alles ordnen; wir werden schon nachsehen.«

Und gelaufen ist der Junge wiederum, einen weiten Weg zu dem Meister Tischler, der nur gebrummt hat:

»Hm, auch wieder 'n Geschäft!«

Dann ist er nach drei Stunden atemlos und im Schweiß nach Hause gekommen und hat die unmündige Schwester der Mutter das Gesicht waschend und die Haare kämmend gefunden, aber den Kaffee und das Brot der Nachbarn noch unangerührt draußen vor der Tür.

Er hat den Topf und den schwarzen Laib mit in die Kammer gebracht, aber beides zitternd auf den Boden niedergesetzt, als er das noch unmündigere Geschöpf so am Werke erblickte.

»O Paulchen!«

»Oh, Mama hat es gestern auch noch von mir gelitten. Sie hat es immer sich von mir tun lassen, seit sie krank war.«

»Nun bleibe ich bei dir und helfe dir bei allem. Am Dienstag um elf Uhr kommt der Wagen für Mama, Paulchen!«

»Oh, und wir fahren mit?«

»Ja, Paulchen, und nachher in die weite Welt, von der Mama immer erzählt hat. Wie brav du gewesen bist, während ich fort war! Aber haben sie nicht angeklopft und es durchs Schlüsselloch hereingerufen, daß sie dir zu essen und zu trinken vor die Tür setzten?«

»O doch; aber ich mochte nicht hinausgucken, ich mochte[268] mit Mama allein nichts essen und trinken; aber nun bin ich hungrig.«

»Mama weinte am meisten, wenn wir nichts hatten. Sie sah uns so gern essen. Und nun wollen wir Kaffee trinken. Komm, ich setze mich zu dir und Mama. Sie wird sich freuen, wenn sie sieht, daß sie uns so bei sich sitzen hat. Und des Großpapas Degen habe ich ja auch noch. Den nehme ich übermorgen mit in die Welt. Mit dem haue ich uns schon raus, und es soll uns keiner viel anhaben.«

Die Kleine rückte auf dem Strohsack der Toten, und der Bruder kauerte sich neben sie. Sie hatten den schlechten irdenen Topf vor sich auf dem Fußboden und das Brot auf dem Schoß. Sie aßen und tranken, und als sie satt waren, hatten sie den ganzen Tag über nichts mehr zu tun, und ebenso den nächsten Tag, den Montag durch. Wolf Wermuth aber hielt ritterlich mit dem Degen des Leutnants Wolfram Hegewisch die Leichenwache.

Quelle:
Wilhelm Raabe: Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Band 6, Berlin und Weimar 1964–1966, S. 263-269.
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