Sechstes Kapitel

[294] Es war ein Morgen, wie er dem Erdenwanderer nur zu häufig im Buche steht und jedesmal seine Kritik herausfordert, welchen Ständen er (der in ihn hinaus muß) angehören mag, ob den gelehrten, ob den ungelehrten. Nur pflegen die gelehrten Stände die bitterste Kritik zu üben, zumal wenn sie im Besitze eines Regenschirms sind und denselben mit einem Giftblick nach oben unausgespannt lassen in der vollen Gewißheit, daß die Feuchtigkeit heute auch von unten kommt und keine Abwehr dagegen ist.

Ein Dienstagmorgen, feucht, kalt, grau und verdrossen, und der Mann, der durch ihn ohne Schirm herwandelte, dem Anschein nach ganz zu ihm passend – ganz für ihn gemacht! Dem Anschein nach – auf eine Entfernung von zwanzig bis dreißig Schritten für einen Kurzsichtigen, für einen Weitsichtigen mehr.

Lassen wir ihn näher kommen.

Aus einem der Gasthöfe von untergeordnetem Range, deren Fremdenliste die Blätter nicht mitzuteilen pflegen, war er hervorgetreten, ein Mann auch noch in den besten Jahren, gleich dem Herrn Hofrat Dr. Brokenkorb, jedoch wirklich nicht vom besten Ansehen und in keiner Hinsicht zu vergleichen mit dem angenehmsten Mann in Berlin. Hochbeinig, breitschultrig, dauerhaft in Loden und Leder! Was die einzelnen Gliedmaßen anbelangte, wenigstens so ziemlich wohlerhalten! Daß er mit der rechten Backe dem Feuer etwas zu nahe gekommen sein mußte, da dieselbe vom Ohrzipfel bis über den Backenknochen schwarzgesengt war – daß das rechte Auge fehlte, hatte nicht viel zu bedeuten. Mit der Backe sah er nicht auf und in die Welt, sie wurde höchstens nur von der Welt dann und wann auf den übeln Zufall hin betrachtet; und was das mangelnde Sehorgan anbetraf, nun so besaß er ja noch ein ungemein klares, kluges, ja schlaues und bei aller Schlauheit doch fröhlich-heiteres linkes Auge, dem so leicht nichts von dem, was sich rundumher zutrug, entging. Dies beides ließ sich also ertragen; viel unangenehmer und für einen werkhaften Mann aus den nicht gelehrten Ständen[294] zuzeiten unbequem war's, daß der linken Hand der Zeigefinger, der Mittelfinger und der Ringfinger mangelten, aber –

»Was kann es helfen? Solange der Mensch noch einen Daumen übrigbehält, um ihn seinem tagtäglichen Verdruß aufzudrücken, soll er ja ganz zufrieden und still sein und höchstens mit 'nem richtigen Maulwerk nachhelfen, wo die Tatze nicht ausreicht«, sagte Peter Uhusen. Mit dem Namen haben wir den Mann näher kommen lassen und hoffen nunmehr, ihm bald so nahe als möglich kommen zu können. Ihn aus seines Freundes Albin nächtlichen jour-fixe-Träumereien völlig kennenzulernen, war, wie er selber – der schwarze Peter, der Schmied von Jüterbog – sich ausgedrückt haben würde, die reine blasse Unmöglichkeit. Was wußte gleich zum Exempel der Herr Hofrat von dem Schmied von Jüterbog, wie er jetzt nach jahrelangem Umhertreiben in der Welt von Wien nach Berlin kam? und weshalb? Wie konnte der Hofrat ahnen, wozu die Weltgeschichte und diese Geschichte den lang verschollenen Jugendfreund, den braven Peter, den schwarzen Peter, den – Schmied von Jüterbog der lübischen Jungen augenblicklich in Berlin nötig hatte? –

Wir haben wohl alle von dem Schmied von Jüterbog gehört und gelesen, wie er in seiner Kunst ein so erfahrener Meister war, der beste seiner Zeit, wie er mit dem Kaiser Friedrich dem Rotbart Mailand eroberte und in Apulien Krieg führte, wie er als hundertjähriger Greis den Tod und den Teufel fing und wie ihm der heilige Petrus drei Wünsche gestattete. Großmutter hat uns erzählt, wie er mit diesen drei Wünschen umgegangen ist und sich zum letzten statt der ewigen Seligkeit eine Feldflasche mit einem nimmer versiegenden guten Magentropfen erbeten hat. Wir wissen, daß ihn nachher weder die Hölle noch der Himmel gewollt hat und daß er zu seinem alten Herrn in den Kyffhäuser gegangen ist und dort des Kaisers Schlachtpferd und die Pferde der Prinzessin und ihrer reitenden Fräulein beschlägt, bis – die Raben nicht mehr um den Berg fliegen. Wie kam der Mann aus dem warmen, behaglichen, süßdämmerigen Märchenberg in den frostigen, unfreundlichen, trübseligen, großstädtischen Herbstmorgen?[295]

Er, Peter Uhusen, der Schmied von Jüterbog, hatte einfach eine Zerstreuung nötig gehabt und wollte seinen Freund Brokenkorb besuchen, wie man eben auch einen gleichgültig gewordenen Jugendgenossen, dessen Haus zufällig am Wege liegt, auf einer Erholungsreise aufsucht. Am Montagnachmittag war er am Orte angelangt, hatte die Wohnung des Hofrats richtig gefunden, aber ihn nicht in derselben. Er hatte seine Visitenkarte – wir wissen, was für eine – abgegeben und war seines Weges gegangen und wie der Jugendfreund ziemlich spät zu Bett gekommen. Recht gut hatte er sich bis in den Morgen hinein zu unterhalten gewußt, und zwar an mehr als einem Orte. Ohne die geringste Lokalkenntnis hatte er sich sofort zurechtgefunden, und nun war er von neuem da, als ob er nicht einen beträchtlichen Teil der Nacht, nach Schluß der Komödie, an seinem Tisch hinterm Glase allein, in tiefer Betrübnis und in heftigem Heimweh nach – Untermeidling gesessen habe. Wach, frisch, auf wackeren, vollkommen heilen und ganzen Beinen, blickte er aus seinem einen Auge klar und vergnüglich um sich herum, kümmerte sich um die Witterung und Temperatur keinen Pfifferling und summte eben, drei Gassen weit von seinem »Gasthof« und abermals auf dem Wege zum Freunde, im Vorgefühl des Behagens, welches er unzweifelhaft ihm mitbrachte, sich kitzelnd:


»We'll take a cup of kindness yet,

For auld lang syne;


na, warte, miin Jung, mit dir werde ich bei einem guten alten Tropfen hoffentlich auf die gute alte Zeit anstoßen, wie es sich gehört. Nach dem, was man in den Zeitungen von ihm liest, muß er fein in der Wolle sitzen und sich doch noch zu einem lieben, netten Menschen ausgewachsen haben.«

Er hatte, wie der Mensch häufig, wenn er sich am Morgen frisch und grün fühlt, keine Ahnung von dem, was der Tag auch für einen braven Mann wie er, Peter Uhusen, der sich weder vor dem Tod noch dem Teufel fürchtete, doch Überraschendes in seinem grauen Mantel tragen kann. Er, der eben noch ein Gesicht machte wie sein Namensvetter, als der den Tod[296] mit seiner Sense und dem Schoß voll Birnen im Birnbaum kleben sah, hatte nicht die geringste Ahnung davon, daß ihn bloß drei Häuser weiter Tod und Teufel – wieder einmal mit der Nase auf der Menschen mögliche Schicksale in dieser Welt stoßen sollten. – – –

Drei Häuser weiter ab führte durch eine offene, dunkle, niedere Tür eine ausgetretene, schmutzige Steintreppe in einen Keller hinunter. Über der Tür verkündete eine Inschrift den Leuten, daß hier um alles gehandelt werde, was Menschen nicht mehr gebrauchen können, aber dessenungeachtet doch noch gern zu verwenden wünschen: vorzugsweise ihre Knochen, ihre Lumpen und – ihr altes Eisen. Auf der Treppe aber, aus der Dämmerung ihres Geschäftsreiches halben Leibes in die Ober- und Gassenwelt hineinragend, stand die Inhaberin der Niederlage irdischer Abgängigkeiten, die Hände auf dem Rücken, in den Händen einen alten Infanterieoffiziersdegen, aus halb zugekniffenen Augen dem Anschein nach auch nur in das Wetter sehend.

Eine Frau von ungefähr sechzig Jahren! Das Haar, dem man es noch ansah, daß es seinerzeit sehr dunkel gewesen war, nicht grade salonmäßig frisiert, aber doch auch nicht ganz ungekämmt; – Augen, die, wenn sie einen voll ansahen, noch ebenso schwarz leuchteten wie an dem Tage, an dem sie zum erstenmal aufgemacht worden waren; – ein stattlich Unterkinn – die Gesichtsfarbe ziemlich ins Gelbe schlagend. Eine Frau von nicht geringem Leibesumfang, in blauschwarzem Wollkleide und zum Schutz gegen das morgendliche Vorwinterfrösteln mit einem buntfarbigen Tuch angetan, dessen Zipfel hinten über den breiten Hüften in einen festen Knoten geschlungen waren –

»Gibt es denn dies?« fragte Peter Uhusen, stehenbleibend und dem ersten kurzen Blick einen langen und zugleich die sonderbare Frage folgen lassend: »Ist es denn möglich?«

»Bei Gott ist alles möglich, bei den Menschen recht vieles; alles mögliche aber findet der Herr bei mir oder kann er bei mir noch einmal anbringen. Alte Lumpen, alte Knochen, zerbrochenes Glas, altes Eisen! Seinen ganzen alten Adam mit Zubehör im einzelnen und im ganzen zu den zivilsten Preisen. Ja aber, bei[297] Hekate, Herr, Maulaffenhandel treibt unsere Firma nicht! Wird dem Herrn unwohl oder wird ihm zu wohl in seiner Haut, so sage er es! Da – beide Hände frei für alles, was der heutige angenehme Morgen bringt!«

Die Dame hatte in der Tat ihre Hände frei gemacht, indem sie, ohne sich zu drehen, den Degen, den sie hielt, mit einem energischen Ruck des Handgelenks in die Tiefe ihres Gewölbes zurückgeschleudert hatte, wo er klirrend wahrscheinlich einen Haufen andern alten Eisens vermehrte. Und beide Arme in die Seite stemmend, war sie um eine Treppenstufe aufwärts mehr zutage getreten und stand dem verdächtigen Kunden auf dem Bürgersteige dicht Nase unter Nase.

»Signor, ich habe eine ziemlich ausgebreitete Bekanntschaft in der Welt. Wenn's auf keinen schlechten Witz hinauslaufen soll, mit wem könnte ich diesmal die Ehre haben – unter den Lumpen und – im alten Eisen?«

Dies war aber nun, wahrscheinlich weil die Frau sich ihren Mann bereits genauer betrachtet hatte, gänzlich ohne Mißtrauen und Zorn gesprochen. Im Gegenteil, es lag in Ton und Ausdruck eine so gutmütige Weltverachtung und unverwüstliche Heiterkeit, daß jedermann sofort merken mußte, hier habe er es mit einem vollkommen ungebrochenen Lebensmut und einem durchaus unproblematischen Charakter zu tun, wie auch, was das letztere anbetraf, der äußere Anschein und die Toilette der Dame dagegen zeugten.

Wer die Ehre hatte, das Weibsbild zu seiner ältesten Bekanntschaft zu rechnen, gleich Peter Uhusen, der freute sich unter allen Umständen, es noch einmal wiederzusehen in der großen Tragikomödie unter unseres Herrgotts Direktion. Und wie tief auch im Laufe der Zeiten und Menschenschicksale Frau Wendeline Cruse in die Lumpen und ins alte Eisen geraten sein mochte, der Schmied von Jüterbog oder – an dieser Stelle: Herr Schmied aus Jüterbog bot ihr vor allem herzlichst beide Hände: »Gnädige Frau, ich irre mich wahrhaftig nicht – ich habe die Ehre! Guten Morgen, Frau Direktorin Cruse! Ma'am! – Signora! – Mrs. Crusoe! Hamburger Berg, Lübeck – Celle – Brooklyn![298] Habe ich es mir nicht immer gedacht, daß wir zwei einander niemals für immer verlorengehen könnten?«

Wie kann ein Mensch seine Rede ausreden, wenn er plötzlich bei beiden Schultern gepackt, beim Tageslicht ganz genau besehen und eine ziemlich abschüssige Treppe hinunter in einen weniger dämmerigen als dunkeln »Produktenkeller« gerissen wird. Der schwarze Peter, Peter Uhusen, Herr Schmied aus Jüterbog, oder was für Namen sonst er auf Erden geführt hatte und noch führen mochte, fand sich taumelnd in der Düsternis, und es war noch ein Glück für seine gesunden Glieder, daß er sich auch noch eine geraume Weile in den Armen seiner eigentümlichen Freundin befand.

Die gleicherweise vielbenamsete Freundin holte den guten alten Bekannten nicht nur sofort zu sich herunter, sondern sie nahm oder riß ihm vielmehr das Wort vom Munde und rief, ihn wie einen Sack ihrer Handelsartikel zusammenrüttelnd und – schüttelnd: »Es ist der Junge, der tolle Uhusen aus Lübeck!... Ich kenne mich nicht, oder der Bursche ist es wirklich und wahrhaftig!... Mein Schmied! Mein Schmied aus Jüterbog!... Und das kommt da im Morgennebel heran, kommt die Straße her und läuft natürlich vorbei, wenn einen nicht der Zufall im rechten Moment vor die Tür stellt! Grade wo einem der Zufall... Menschenkind, gibt es einen Zufall? Da setzen Sie sich hin und antworten Sie! Vor allen Dingen aber sagen Sie ehrlich, Schmied, sind Sie es, oder sind Sie es nicht? Und wenn Sie es sind, weshalb haben sie sich so niederträchtig die halbe Maske ruinieren lassen?«

Der Schmied von Jüterbog, der schwarze Peter Uhusen, saß war hingesetzt worden. Eine Bank, ein Schemel oder ein Stuhl oder sonst dergleichen war's nicht, was er unter sich fühlte, nachdem man ihn hingesetzt hatte; aber – er saß weich auf einem Sack voll der Handelsprodukte der Frau Wendeline. Wahrscheinlich auf einem Quantum Ware aus dem anrüchigsten Geschäftsbetrieb der Groß- und Kleinhändlerin, auf einem Sack voll alter Kleider und sonstigen Lumpenzeugs.

Er mußte wohl ein Auge haben, das an den raschesten Wechsel[299] von Licht und Finsternis gewöhnt war; denn sofort sah er sich genau um und rief mit ernsthafter, verständnisvoller Billigung: »Sicherlich nahrhaft, gedeihlich, im allerbesten Flor! Aber – wie die Sache eigentlich möglich ist, möcht ich dazu wissen!«

Keine Fürstin konnte in ihrem Prunksaal mit einer graziösern Hand- und Fächerbewegung allem in der Nähe und in der Weite seine Grenzen andeuten; aber keine andere Dame konnte auch in derselben Weise wie Frau Wendeline Cruse hinzufügen: »Auf Sie als meinen Griffith habe ich natürlich bis heute morgen gewartet; nicht wahr, Schmied?«

Der zitierte Name klang ein wenig sonderbar im Lumpenkeller, allein am unrechten Orte im alten Eisen fand sich der wackere Marschall der Königin Katharina von England durchaus nicht, und der schwarze Peter fand nicht im geringsten etwas Merkwürdiges daran, ihm hier zu begegnen.

»Daß ich Sie sofort auf der Treppe da wiedererkannt habe, liebste Frau, ist doch schon etwas; nicht wahr, Frau Wendeline? Was könnte durch Feder und Papier der Welt Besseres über Sie verkündet werden als: noch ganz die alte! Ewig die große Frau, die Meisterin, die Königin, Isis, Rhea – o Isis und Osiris! O Mama, Mama, allen Umständen gewachsen! Vivat die Mutter Cruse!?«

»Sie lebe!« sprach die Dame mit Nachdruck. »Daß sie das Ihrige tut, um weiterzuleben, meine ich, sehen Sie recht deutlich, lieber Sohn. Ein reizendes Altenteil, was? Wie man's seiner Mutter wünschen möchte, wenn man ein guter Junge wäre. Jaja, so weit sind wir! Unten angekommen unter den Lumpen, abgenagten Knochen und im alten Eisen! Wie viele der jungen Enteriche, die sie ausgebrütet hat, schwimmen behaglich, und wer von ihnen hat sich beim Sonnenuntergang umgesehen nach der alten struppierten Henne am Ufer, der Mama Cruse?«

Peter Uhusen reichte fürs erste seine Hand herüber. Die Mutter Cruse faßte dieselbe trotz ihrer melancholischen Betrachtungen über den Undank der Welt rasch und zärtlich; da es aber die verstümmelte war, ließ sie sie fallen, doch um sie sogleich desto fester zu ergreifen und den Gast und guten Bekannten besserer[300] Tage in wahrhaft mütterlich-betroffener Sorge sich näher zu ziehen!

»Bitt um Entschuldigung, wenn ich im vorliegenden Fall zuviel gesagt haben sollte, Kind. Es ist freilich ein bißchen dunkel hier; – fehlt – fehlt noch etwas, armer Tropf? Daß dir eine Gesichtshälfte in der Lebensschlacht abhanden gekommen ist, habe ich leider schon bemerken müssen. Jetzt sagen Sie es aber gleich gradeheraus, auf was die Prinzipalin bei der Generalinventur nicht mehr zu rechnen hat. Armes Küken, hat dich der Habicht so arg in den Fängen gehabt, während es mit uns anderen im Lauf der Dinge wenigstens doch ganz gemütlich bergunter ging?«

»Zerzaust hat der Geier oder Habicht, oder wie Sie das Ding sonst nennen wollen, Ma'am, den Burschen genug«, lachte der Schmied von Jüterbog. »Aber der schöne Rest eines für deutsche Verhältnisse nicht unbedeutenden Stammkapitals von Lebensmut und gesunden Gliedmaßen ist heute noch ganz zu Ihrer Verfügung, Mama Cruse. Ich weiß nicht, wer sonst alles Ihnen Grund zum Verzweifeln an der Welt gegeben haben mag; ich für mein bescheiden Teil darf mir doch wohl schmeicheln, drüben in Brooklyn Ihren Segen mit auf den eigenen Weg durchs Dasein genommen zu haben.«

»Ein schöner Weg – und ein schöner Segen!« brummte Frau Wendeline. »Wie ist mir denn? Nicht wahr, eine gute Handvoll aus dem braunen Busch auf diesem Schädel da habe ich ja wohl auch von Ihnen beim Abschied zum Angedenken in der Hand behalten?«

»Ganz so schlimm war's wohl nicht«, grinste Herr Schmied aus Jüterbog. »›Wenn Sie's denn nicht besser haben wollen, so scheren Sie sich meinetwegen aus dem Tempel!‹ äußerten Sie sich, Mama Cruse. ›Ich kenne euch Tollköpfe ja. Wenn euch der Hafer sticht, so ist kein Halten. Na, Schmiedchen, laufen Sie nur ruhig in Ihr Verderben; Sie werden sich noch oft genug nach den Fleischtöpfen und den – Idealen der Mutter Cruse zurücksehnen.‹ Und – Mama – bei Thespis, William Shakespeare, Molière, Kotzebue, Goethe und allen, die sonst noch einen fahrenden Musenkasten[301] durch die langweilige Welt mitgeschoben haben, Sie hatten wie gewöhnlich recht. Nach Ihrer Naturalverpflegung habe ich oft das innigste Verlangen verspürt, und Ihre Ideale – haben mich gewärmt in des Lebens Frösten und kühl gehalten in des Da seins Hitze bis auf den heutigen Tag. So wahr ich, wenigstens noch teilweise, vorhanden bin, ich freue mich unendlich, Sie wiedergetroffen zu haben, und was noch von dem Kerl vorhanden ist, das steht zu Ihrer Verfügung, alte, brave Musenmutter. Ich wollte wie sonst nur, ich könnte es Ihnen alles so heimzahlen, wie Sie es mir seinerzeit gegeben haben von Lübeck an, wo ich Ihnen hinter dem Rücken meines braven Vaters und der Tante Gottliebe zum erstenmal des Spaßes wegen als Meerkater und Herr Schmied aus Jüterbog aus der Verlegenheit half, und zwar glorreich.«

Das alte Weib, dies Bündel von winterlich-warmen, aber keineswegs jour-fixe-fähigen Wollröcken mit seinem über dem breiten Busen gekreuzten und von vorn nach hinten gezogenen und zusammengeknoteten Jahrmarktshausmuttertuch machte von neuem eine Handbewegung, die der vornehmsten Dame würdig gewesen wäre. Dann aber klopfte sie, was noch besser war und ihr noch viel besser ließ, beinahe mütterlich-zärtlich dem wiedergefundenen guten Bekannten aufs Knie und rief: »Uhusen, ein guter Junge sind Sie immer gewesen, und als Sie im Ernst nachher in Celle als Herr Schmied aus Jüterbog und verunglückter weiland Königlich Hannoverscher Artilleriegefreiter zu mir kamen, habe ich Sie mit Vergnügen mitgenommen. Daß Sie mir in Brooklyn durch- und mit in den Sklavenkrieg gingen, das habe ich Ihnen im Grunde am allerwenigsten verdacht. So ein Durchgehen ist doch zuletzt mein eigenes ganzes Dasein gewesen. Für eine Tochter der gebildetsten Stände ist es hoffentlich einmal vor unserem Herrgott kein zu übel riechend Lob, daß sie so wohlbehalten zuletzt unter den Lumpen und im alten Eisen anlangte. Jaja, Schmied von Jüterbog, so spielen uns unsere Illusionen mit, und Sie – Sie sehen mir auch nicht aus, als ob Ihnen Ihre Ideale Wort gehalten hätten.«

»Wie Ihnen, Mutter Cruse!«[302]

»Dann bin ich schon zufrieden«, sprach die alte Dame ernsthaft, fragte aber sofort mit der heitersten Ironie: »Und wenn ich fragen darf, was haben sie, Ihre Träume vom Leben meine ich, im besonderen für Sie abgeworfen, Korporal Nym? Was war der Humor von der Katzenbalgerei? Kapitän bei Chickahominy natürlich! Major beim großen Laufen von Bull-Run – Colonel eines verdammten Niggerregiments bei Gettysburg – Brigadegeneral –«

»Und das alles hätte ich in Ihrer Schaubude bequemer und noch bei weitem großartiger haben können!« lachte der schwarze Peter Uhusen. »Hören Sie auf, Mama, wenn Sie auch annähernd recht haben! Beinahe war's so – bis auf den Major, den Colonel und den Brigadegeneral. Als Kapitän haben sie mich wirklich bei ihrer Artillerie gebrauchen können. Bevor ich der weiland königlich hannoverschen durchging und in Sankt Pauli – nicht in Celle – bei Ihnen einsprang, gnädige Frau, hatte ich wenigstens einen recht hübschen Grund auch hierzu gelegt. Als Lerse in Ihrer Bearbeitung des ›Götz von Berlichingen‹ für den Hamburger Berg und als Ritter Harold von Pappnasen in meinem eigenen Zugstück – wissen Sie noch? – ›Blankeneser Seeräuber‹ – war ich freilich noch größer.«

»Jetzt bitte, Schmied, hören auch Sie auf!« seufzte halb lachend, halb weinend die alte Frau im alten Eisen und schlug die Hände im Schoß zusammen. »Jawohl, so weit war die Wendeline Cruse damals schon nach ihrem letzten ›fliegenden Sommerglück‹ als Direktrice des Lübecker Stadttheaters bis hinunter zu Ihrem Pappnasenpiraten für den Hamburger Berg, Schmied aus Jüterbog. O Gott, wie leid hat es mir manchmal in stiller Nacht getan, daß Sie nicht in Wirklichkeit mein Junge waren, Kind! Geohrfeigt, geprügelt hätte ich Sie alle Tage dreimal nach Noten und ohne Noten; aber wenn Sie einmal Ihre Talente, wie die arme Wendeline die ihrigen, der albernen Welt in die Rapuse geben mußten, unter welchem Meßbudenschilde konnte das besser geschehen als unter dem meinigen?«

»Seit der Eröffnung des Theaters zu Blackfriars, seit dem Roten Ochsen, dem Phönix, dem Globus und dem Cockpit zu Drurylane[303] war keinem Hanswurst bessere Gelegenheit gegeben, aufs Seil zu gehen, als mir unter Ihrer Leitung, Mama Cruse.«

»Das Exemplar, aus dem ich euch den süßen William klarmachte, ihr Pappnasenritter und Affen, habe ich gerettet ins alte Eisen. Doch wir kommen ab von dem, was mir doch gegenwärtig die Hauptsache ist. Passen Sie auf Ihr Stichwort, Schmiedchen. Also, was haben Sie getrieben, wie ist es Ihnen ergangen, und wozu haben Sie es gebracht, seit ich Ihnen nicht mehr die Butterbrötchen strich und die Leviten las?«

Peter Uhusen erhob die verstümmelte Hand und zwinkerte heiter mit dem gesunden, dem sehr gesunden, klugen und klaren Auge:

»Was hätte ich weiter anderes treiben können als Dummheiten, Mama? Nach Ihren Fleischtöpfen habe ich mich dann und wann bitterlich zurückgesehnt, Ma'am! Nach Verdienst ist es mir natürlich ergangen, und als Sie mir den Namen Schmied aus Jüterbog in einer Ihrer liebenswürdigen Stimmungen anhingen, da hatte Ihnen unbedingt ein Gott das Wort auf die Zunge gelegt wie meinem Freunde Brokenkorb den Schmied von Jüterbog, mit dem er mich bei seiner gnädigen Frau Mutter in Mißkredit brachte. Ich bin der Schmied von Jüterbog, das heißt, ich habe in sein Geschäft hineingeheiratet und seine Tochter zur Frau genommen. Die liebe Sage weiß von dieser Tochter nichts; aber sie existierte, und ich habe sie ihm von der Seele genommen als das einzige, was ihm darauf lag, da er zum Kaiser Friedrich in den Kyffhäuser ging. Anderes hinterließ er nicht. Die Wundergaben hafteten natürlich nur an der Persönlichkeit. Sein Birnbaum wurde mit dem Garten hinterm Hause und dem Hause selbst subhastiert; und die Esel, die den Sack, in welchem man den Teufel fangen konnte, in den Kehricht warfen, wußten sowenig, was sie taten, wie die andern Esel, welchen das Tellertuch, der Däumling und der verrostete Pfennig der drei guten Rolandsknappen in die Hände fielen.«

»Die Leute können nicht alle für die Lumpen, die Knochen und das alte Eisen dieselben guten Augen haben wie wir, mein Sohn«, sagte kopfnickend Frau Wendeline Cruse. »Aber wie ist[304] mir denn? Sie selber? Weshalb haben Sie selber nicht Hand auf die Wunderstücke gelegt, junger Mann?«

»Mama, nicht taub werden!« rief der schwarze Peter. »Hab ich's Ihnen nicht gesagt, daß ich mir des Alten Tochter hingenommen habe aus seinem Nachlaß? Sollte das unter Umständen nicht genügen, um den Teufel und den Tod in die Falle zu locken?«

»Unter allen Umständen!« lachte die alte Dame. »Freilich ist's eine andere Frage: wem zum Profit? Und da müßte man doch wohl erst wissen, wie das Mädel war und wie die junge Frau sich machte. Lieber Schmied von Jüterbog, ich habe mehr als einen armen Tropf kennengelernt, der drei Tage nach der Hochzeit sich dem Teufel mit Vergnügen übergab und den Tod beschwor, seinem irdischen Dasein im häuslichen Glück so rasch als möglich ein Ende zu machen.«

Peter Uhusen saß eine Weile stumm, wie in tiefstes Nachsinnen über diese Worte versunken. Dann seufzte er schwer, und dann – blickte er auf und mit dem noch vorhandenen, glänzenden Auge auf die Mutter Cruse und sagte:

»In Wien – im Vorort Untermeidling liegt das Herze auf dem Kirchhof, seit dem Zehnten vorigen Monats. Wenn mir in diesem Moment jemand einen genügenden Grund dafür angäbe, weshalb ich hier sitze, so wäre ich ihm dankbar. Emerenz heißt sie, und die Raketenhülsen fürs nächstjährige erste große Praterfeuerwerk drehte sie noch mit. Mein Name ist Peter Uhusen aus Lübeck, alias Herr Schmied aus Jüterbog; aber meine Firma lautet: Pyrotechnisches Laboratorium von Hausrucker & Cie. Hausrucker bin ich, und Cie, war meine Frau.«

Quelle:
Wilhelm Raabe: Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Band 6, Berlin und Weimar 1964–1966, S. 294-305.
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