Zehntes Kapitel

[325] Sie aßen und tranken, und als sie satt waren, hatten sie den ganzen Tag über nichts mehr zu tun, und den nächsten Tag, den Montag, auch.

So ging ja wohl das erste Bruchstück dieses Berichts, und zwar das, welches bis jetzt von den Hauptpersonen handelte, zu Ende? Und nun – von wieviel Leuten und Dingen, Verhältnissen, Gegenständen, Um- und Zuständen haben wir reden müssen, ehe es uns jetzt gegönnt wird, zu dem schaurigen Anfang zurückzukehren und mehr davon zu sagen, was die Worte zu bedeuten hatten: und den nächsten Tag, den Montag, auch...

Den ganzen Sonntag und den Montag auch hatten die zwei[325] Kinder nichts zu tun. Es kam keiner aus dem Hause zu ihnen; aber man schob ihnen wieder Brot und Kaffee vor die Tür, und zu Mittag klopfte es sogar an derselben, und als der Junge draußen nachsah, fand er auf der Schwelle einen Napf mit warmer Suppe und einem Stück Fleisch darin. Sie lebten sowohl am Sonntag wie am Montag sehr gut. So gut wie seit lange nicht! Und der Junge sagte das auch. Es ist aber doch nicht wiederzugeben, wie diese Zeit eigentlich hinging; die beste, die sonnigste, die grimmigste Phantasie von uns Erwachsenen verliert sich da über alle Grenzen des Nachempfindens hinaus in unbestimmte Reiche des Grauens.

Morgen und Abend; Nacht, Morgen und Abend und wieder Morgen! Wie das da über dem Durcheinander der Hunderttausende in der leeren Kammer, so voll von Schrecken, Dämmerung und Nacht und zu seiner Zeit wiederum Dämmerung und Tag geworden ist: es können wohl Mütter bei der Vorstellung ihre Kinder fester an sich drücken und nur verworren denken:

›Lieber nähme ich euch mit, ja – schickte euch – voraus!‹

Je länger diese tote Mutter nicht sprach, desto mehr fürchtete sich ihr jüngstes Kind vor ihr und wagte nicht, nach ihr hinzusehen. Da war es sehr nützlich, daß die ältere Waise, daß der Junge in den Gassen aufgewachsen war und schon mehr tote Menschen gesehen hatte und wußte, daß die Toten nicht reden. Aber noch besser war es, daß er, wenigstens an diesen beiden Tagen und in diesen zwei Nächten, den Degen seines Großvaters noch zur Abwehr besaß und ihn im linken Arm hielt, mit der tapfern rechten Faust am Griff, wenigstens wenn die kleine Schwester schlief. Wenn sie wachte, mußte er freilich die mit dem linken Arm umfassen und ihren Kopf an seine Brust drücken; aber dann legte er jedesmal die alte Waffe aus dem schleswigholsteinschen Kriege, den seinerzeit viele Leute für etwas sehr Bedenkliches, sehr Aufregendes, sehr Schreckliches hielten, über seine und ihre Knie und hielt auch so die rechte Hand am Griff.

Wie verschollen das für uns ist, diese an die alte Klinge sich knüpfenden Historien, die schlimmen Geschichten aus den Jahren achtundvierzig, neunundvierzig und fünfzig, die nachher[326] doch auch zu einem ganz guten Ende gekommen sind! Wie das fernher klingt von dem offenen Brief Christians des Achten, von den Generalen Wrangel, Bonin und Willisen, von dem Waffenstillstand zu Malmö, dem Frieden von Berlin, dem Londoner Protokoll! Bau, Kolding, Gudsö, Fridericia, Idstedt und Friedrichstadt: wer vernimmt den verklungenen Gefechtslärm noch unter dem Nachhall des wirklichen Schlachtendonners, der jenen Namen gefolgt ist? Und Sieger haben auch damals und dort gejauchzt und Besiegte geweint oder mit den Zähnen geknirscht; und der Degen von Bau, Fridericia und Idstedt war ein guter Degen, obgleich er einem Besiegten angehört hatte, einem Unterlegenen, nicht bloß in jenen winzigen Schlachten, sondern auch in einem grimmigern Kampfe, dem um des Menschen Dasein auf Erden überhaupt.

Und die gute, edle Klinge tat ihre Pflicht auch in der Hand des neuen Erdenkämpfers – durch den Sonntag und den Montag, bei Tage und in der Nacht, bis sie auch ihm entwunden wurde und in das alte Eisen geriet, wir wissen schon, wann und wo.

»Sei nur still, Paule«, sagte der Knabe, »solange ich den hier habe, tut uns keiner was. Ich fürchte mich vor der Mama gar nicht, und für die andern hat sie mir ja grade diesen aufgehoben und ihn nicht mit unsern andern Sachen verkauft. Du weißt, wie blank er blitzt, wenn die Sonne scheint, und, guck, ich halte ihn mit ausgestrecktem Arm schon eine Minute lang, ohne mit der Hand zu zittern. Wenn ihn der Großpapa aus der Scheide gezogen gehabt hat, haben auf dem Schlachtfeld viel Tausend Tote um ihn her gelegen. Schlafe du nur ruhig wieder ein, Paulchen; ich bin wie auf Wache bei dir und auch bei der Mama. Sie kann ja nichts dafür, daß sie dir Angst macht, und sie hat gesagt, daß sie sich auf mich verläßt und daß ich ein tapferer Held für dich sein soll.«

»Und wenn sie die Mama im Wagen abholen, so fahren wir auch mit aus?«

»Sie haben es mir versprochen. Aber nachher gehen wir in die weite Welt, und es ist mir einerlei, was sie in der Schule sagen,[327] wenn der Lehrer mich aufruft und einer von uns Jungens sagt: ›Er ist nicht da; seine Mutter ist gestorben und hat ihm seine Schwester anempfohlen, und sein Großpapa war ein berühmter Offizier in den größten Kriegen, und er ist mit seiner kleinen Schwester und seines Großvaters Degen in die weite Welt gegangen‹...«

Die gute Klinge hatte im hellsten Sonnenschein auf keinem der winzigen Schlachtfelder diesseits und jenseits des Danewerks je einen solchen Glanz gegeben wie an diesen dunkeln Tagen, in diesen schrecklichen Nächten! Wie alle guten, echten Schwerterklingen hatte sie, obgleich sie zuerst nur von einem »Enthusiasten«, einem »Phantasten«, einem »halbwegs närrischen armen Menschen« geführt worden war, etwas von dem Zauber an sich, der Gram, Mistelteier, Mimung und Balmung, der der Joyeuse des Kaisers Karl, dem Durandel Rolands des Paladins und dem Flamberg Richards von Montalban zu einem Leuchten bis in unsere Tage verholfen hat. Wer weiß, wieviel jene Helden, so jene Degen führten, von ihrer Begeisterung, ihrer Phantasie und ihrer »Unzurechnungsfähigkeit« an den armen, törichten Leutnant im Heerbann der meerumschlungenen Herzogtümer Schleswig und Holstein weitergegeben hatten? Wir lassen keinen Spott auf die Vererbung menschlicher Würden, Eigenschaften und Eigentümlichkeiten von den Ahnen her, was die Gelehrten Atavismus nennen, kommen und sind herzlich froh und sehr dankbar in betreff dessen, was diesmal von dem Großvater auf den Enkel übergegangen ist mit dem alten Eisen von Bau, Kolding und Fridericia.

Welcher Lebende war je unter den Toten des ausgedehntesten Schlachtfeldes so allein und so angewiesen auf den Schwertsegen im Dasein, auf den Zauber im alten Eisen, wie dieser unmündige Knabe, der eben sagte:

»Kriech nur dichter mit unter meine Jacke. Du mußt dich nicht fürchten vor der Mama. Wenn du nicht schlafen kannst, will ich dir wieder eine schöne Geschichte erzählen, bis du einschläfst.« –

»Ja, eine schöne Geschichte, von der Mama ihren –«

»Ja, von der Mama ihren –!«[328]

Das Wort ist immer von neuem wieder gesprochen worden zwischen den beiden Unmündigen – ein wunderwirkendes Wort von den Geschichten, welche die Mütter zu erzählen wissen. Die tote Frau hatte es nicht geahnt bei ihrem Leben, wieviel sie gewußt, wieviel sie weitergegeben hatte von ihren Geschichten, ihren schönen Geschichten. Da jedoch alles so weitergegeben wird, was beklagen die Lebendigen die Toten? Es sind aber auch nur die Vernünftigen, die das tun; die zwei Kinder, die beiden Waisen dieser stumm gewordenen Mutter, taten es nicht.

»Fürchte dich bloß nicht! Der Mama und dem Großpapa ist's auch oft schlimm ergangen in der Welt; aber sie haben sich doch durchgeholfen. Und ich helfe dir und mir auch durch, Paule, mit des Großpapas Kriegsdegen«, sagte der Knabe.

Er hätte hinzusetzen können:

›Und mit der Mama schönen Geschichten aus ihrem schlimmen Leben‹; aber zu denen gehörte er und sein Schwesterchen ja selber, und so konnte er diesen Zusatz nicht machen. Welch ein wundervolles Kindermärchenbuch würde das werden, wenn wir jetzt nachschreiben könnten, was alles die arme Erdwine ihren Kindern erzählt hatte, alles, womit sie sie in den Schlaf und über Hunger und Kälte, Mißhandlungen draußen und im Hause, über Trotz und Tränen weggesungen hatte! Nun lag und schlief sie selber und wußte selbst nichts mehr von Hunger und Kälte, Mißachtung, Trotz und Tränen und hörte auch nicht mehr, wie ihre Geschichten, ihre schönen, wunderschönen Geschichten, nachklangen in der Welt und nochmals Hunger und Kälte, Angst und Grauen, Trotz und Tränen überwältigten. Nun kam es in diesen Nächten und Tagen zum Vorschein, wieviel von ihres Vaters Überspanntheit, seinem »Beruf für die tausend und eine Nacht«, seiner »Unzulänglichkeit im praktischen Leben« zum Segen für ihre Kinder auf die übergegangen war. Was alles hat sie mit dem närrischen alten Eisen von den Unglücksstätten bei Bau, Fridericia, Idstedt weiterzugeben gehabt an ihren Sohn und Erben von seinem Großvater her!

Der Mutter Märchen und Geschichten haben die Kinder lebendig erhalten; wir aber erzählen nur eine von den letzteren nach,[329] wie sie Form, Farbe und Gestalt angenommen hat in dem tapferen Jungen, der bis zum Dienstagmorgen sein Schwesterchen mit dem Degen des Leutnants Hegewisch in der Faust beschützte.

»Mama ist auch tapfer gewesen und hat sich ihr ganzes Leben durch nicht gefürchtet. Sie ist auch lustig gewesen, dem Großpapa schon zuliebe, wie sie mit uns lustig gewesen ist, wenn es mit uns nicht gar zu schlimm ging und der Papa nicht zu krank und zu ärgerlich war. Und der Großpapa ist der Beste aller Menschen gewesen und niemals ärgerlich. Und er ist auch der Klügste von allen Menschen gewesen, das hat sie aber noch nicht mal vor dem Papa sagen dürfen, denn der hat sie damit ausgelacht; ich habe es wohl gemerkt. Aber der Papa hat wohl nichts dafür gekonnt, denn es hat ja niemand gewußt, wie klug und weise der Großpapa sei. O der hat Geschichten gewußt, noch viel schöner als der Mama ihre, weißt du, sagt die Mama, aber das kann doch auch eigentlich keiner glauben! Aber die Menschen und wir Kinder müssen an die Geschichten glauben, sonst bleibt es dummes Zeug, und so ist es dem armen Großpapa gegangen. Weil keiner ihm geglaubt hat, ist er auch arm gewesen und hat mit der Großmama und der Mama, als sie so klein war wie wir, in der weiten Welt herumziehen müssen; denn alle seine Tapferkeit in den Schlachten und seine Klugheit und seine Weisheit hat ihm nichts geholfen; denn es hat keiner von dem Krieg, in welchem er gewesen ist, nachher was wissen wollen. Und die Großmama zuletzt auch nicht, obgleich sie ihn zuerst darum so liebgehabt hat wie die Mama uns, dich und mich und den seligen Papa, von dem du nichts mehr weißt, Paule.«

»Er war böse mit mir und hat mich geschüttelt, wenn ich des Nachts geweint habe; und Mama hat mir nichts singen dürfen.«

»Er ist krank gewesen, so schlimm krank, Paule, daß er seine Geige nicht mehr spielen und nicht mehr anhören konnte; und in ihrer Krankheit wußte auch Mama manchmal nichts mehr von mir und dir. Ich habe mir nichts daraus gemacht, wenn er krank nach Hause gekommen ist und mich geschlagen hat; denn wenn er nachher eingeschlafen ist, hat mich die Mama am liebsten auf den Schoß genommen und mir die schönsten Geschichten erzählt.[330] Die Mama hat so sehr viel in ihrem Leben erlebt, denn sie ist ja schon vier Jahre vor dem Kriege geboren, in welchem der Großpapa die größten Heldentaten verrichtet hat und Offizier und Leutnant geworden ist, und ich will auch viel erleben. Und ihre Mama, unsere Großmama, ist eine so sehr vornehme Frau gewesen, und sie sind alle so weit in der Welt herumgezogen, und weil sie so viele Not gelitten haben und keiner dem Großpapa geglaubt hat, ist die Großmama wieder mit ihnen nach Hause gezogen, wo ihre Eltern einst unmenschlich reich gewesen sind und sie viele andere reiche und vornehme Leute zu Freunden gehabt hat. Wir haben die Stadt in der Schule schon in der Geographie gehabt, sie heißt Lübeck und liegt an dem Fluß Trave, und der geht in die Ostsee, und auf die See gehe ich auch, wenn es mir nicht auf dem Lande glücken will; aber dir baue ich vorher ein hübsches Haus in einem Ort, der heißt Travemünde, dicht am Wasser, wo man alle Schiffe, die ein- und ausfahren, sehen kann und wo du auch mich ein- und ausfahren sehen kannst. Es gibt auch Seeoffiziere auf Schiffen mit vielen hundert Kanonen. Die Großmama mit dem Großpapa und Mama hat aber nicht dicht am Meer in Travemünde gewohnt, sondern bei der Stadt Lübeck in einem wunderhübschen kleinen Hause mit einem wunderschönen kleinen Garten, so wie wir zwei es uns gar nicht denken könnten, wenn Mama nicht davon immer erzählt hätte.«

»Ja, und sie hat selber einen kleinen Garten gehabt, und die ganze Welt hat ihr gehört, und Stachelbeeren und Blumen hat sie selber pflücken dürfen. Und alle Geschichten hat sie da selber erlebt, von Hans und Grete und dem Däumerling und dem Hühnchen, das sich an einem Nußkern verschluckt hat, und alles andere.«

»Das hat ihr der Großpapa erzählt, sonst hätte sie es auch nur aus Büchern gewußt, wie hier in der Stadt alle anderen Kinder. Ohne den Großpapa und dem seine Freunde wäre es doch nicht so schön gewesen, als sie so jung wie wir gewesen ist. Ich habe auch ein paar gute Freunde in der Schule, und das ist gut, und ohne das wäre es schlimm. Wir helfen einander; und dem Großpapa sein bester guter Freund hat ihm auch geholfen, und[331] er hat Herr Uhusen geheißen und hat in einem gradeso kleinen Hause und Garten nebenan gewohnt, und es ist nur die grüne Hecke zwischen ihnen gewesen.«

»O ja! voll Käfer, goldene, grüne, rote und bunte, und bunte Schmetterlinge –«

»Und mit einem Loch in ihr, wo man hat durchkriechen können, wenn man nicht herüberspringen wollte, wie der Mama bester Freund, des Großpapas besten Freunds sein Junge – so einer wie ich, wenn ich es mir fest vornehme und nicht lüge und nicht – stehle und nicht bettle und – mich – nicht – fürchte...«

An dieser Stelle ist doch des Kindes Stimme in ein krampfhaft niedergeschlucktes Schluchzen übergegangen, und es ist ein Segen gewesen, daß das Schwesterchen gesagt hat:

»Mama hat auch Schwarzer Peter mit uns gespielt, und wenn sie dir einen schwarzen Schnurrbart gemalt hat, hat sie gesagt, du solltest ein rechter schwarzer Peter werden und so groß wie ihr schwarzer Peter, der in ihrem schönen Garten mit ihr gespielt hat.«

»Sieh mal, Paulchen, das behalt nur, weil du es noch weißt! Ich will's auch in meinem Gedächtnis behalten, weil ich es der Mama versprochen habe und ich noch mehr davon weiß als wie du. Sie haben ihn auch den langen Peter genannt und noch viele andere Namen gegeben. Er hat sich aber nichts daraus gemacht; er ist immer vergnügt gewesen und hat sich nicht hinter den warmen Ofen gesetzt, auch wenn er im Winter immer einen gehabt hat. Aber er ist nicht der einzige Spielkamerad der Mama gewesen – wir kennen sie nicht alle; aber noch einer ist dabeigewesen, der ist wieder dem Peter sein guter Freund gewesen und ein vornehmer, reicher Junge, und er ist immer zu dem Peter gekommen, weil er ohne ihn nichts hat anfangen können, und der lange schwarze Peter hat den andern immer unter seinen Schutz genommen. Er hätte die ganze Welt unter seinen Schutz genommen, hat die Mama gesagt; – den Namen des andern weiß ich nicht, den hat sie uns nicht miterzählt; er ist gewiß nicht so gut gegen sie gewesen wie der lange Peter und nicht so vergnügt und hat nicht so die ganze Welt und Nachbarschaft,[332] alle Jungen zusammen, bezwingen können. Der Mama ihr guter Freund ist nach dem Großpapa der tapferste Mensch in der Welt gewesen, und wenn er dabeigewesen ist, hat Mama auf dem Lande und auf dem Wasser – denke nur, Paule, dort geht ja schon das große Wasser, das Meer, an! –, hat Mama tun und lassen können, was sie wollte.«

»Erzähle noch mal die Geschichte von dem bösen Hund«, sagte das Kind.

»Die Geschichte von dem tollen Hund, der in den Garten gekommen ist, Paulchen? Ja, das war eine von der Mama ihren letzten Geschichten, und dieser hier ist auch dabeigewesen!«

Hierbei ist der Erbe des Leutnants Hegewisch aufgesprungen und hat neben dem Schwesterchen und der Leiche der Mutter gestanden und sein einziges, sein letztes Erbstück, den guten Degen, erhoben und ihn geschüttelt, als sei nichts Böses, Grimmiges, Tolles auf der Erde und in seinem Schicksal, was er nicht gleichfalls damit siegreich zu Boden strecken könne.

»Es ist nur die Mama und der Großpapa, der tapfere, schwarze, lange Peter und der andere, dessen Namen die Mama nicht miterzählt, zu Hause gewesen. Aber der Großpapa hat mit kranken Füßen in einem Lehnstuhl in der Laube gesessen und hat sich nicht rühren können, als der Hund in den Garten gekommen ist.«

»So einer, wie auch bei uns hier in der Straße totgeschlagen ist, wo alle Leute so schrien und in die Häuser liefen?«

»Gradeso einer! Man sieht es ihnen gleich an, das Gift läuft ihnen aus dem Maule, und sie lassen die Zunge heraushängen und torkeln herum und schnappen nach jedem, der ihnen in den Weg kommt, und wen sie beißen, der ist auf ewig verloren und muß eines schrecklichen Todes sterben. Sie haben das alle gewußt, nur die Mama nicht, die ist dem Vieh mit Lachen entgegengelaufen, und es ist nur das einzige Glück gewesen, daß der lange Peter da war und daß der Großpapa eben wieder von seinen Kriegen erzählt hat, denn dazu hat ihm der lange Peter jedesmal seinen Offiziersdegen aus seiner Kammer über dem Bett weg heruntergeholt und ihm übers Knie gelegt, daß er die Geographienamen von den Schlachten nicht verwechsele, denn[333] zuletzt hat er sich gar nicht mehr recht genau darauf besinnen können, der arme Großpapa.«

Nun ist der Junge in die leere Kammer hineingelaufen und hat mit lebendigster Phantasie gedeutet:

»Da hat der Hund gestanden – da hat der Großpapa gesessen – hier ist die Hecke gewesen, wo der andere, dessen Namen Mama uns nicht gesagt hat, in seiner Angst hinübergesprungen ist und sich in Sicherheit gebracht hat, und – hier hat der tapfere kluge Peter die Mama aufgehoben und sie dem andern auch über die Hecke zu ihrer Sicherheit nachgeworfen. So große Besinnung hat er gehabt, und so große Besinnung muß jeder haben, der sich gut durch die Welt helfen will, hat die Mama gesagt, und solche Besinnung will und muß ich auch haben, denn ich will dir und mir auch durch die Welt helfen, Paule. Und die Mama hat gesagt, die ist noch schlimmer als ein toller Hund.«

»Aber Mama hat geschrien und aus der Nase geblutet, weil sie so hoch aus der Luft heruntergefallen ist, hat die Mama gesagt.«

»Das ist ganz einerlei. Da laß ich dich auch schreien, wenn ich nur den tollen Hund vor dir totsteche, ehe er dich beißt. Das ist die Besinnung, die einer haben muß, der dem andern helfen will, hat die Mama auch gesagt. Der Großpapa hat nicht einmal schreien und um Hülfe rufen können; er hat stillsitzen müssen in seinem Schrecken, weil er sich mit seinen Beinen nicht rühren konnte. Die Drachen aus der Mama ihren Märchengeschichten sind nicht so schrecklich wie ein toller Hund! Ohne den langen Peter lebte die Mama nicht mehr und der Großpapa auch nicht –« (ja, so sagte, so rief der arme Junge, fortgerissen von der Erinnerung an die Geschichte der toten Mutter!) –, »sie hätten elend umkommen müssen ohne den tapfern Peter. Der aber hat dem Großpapa seinen Degen – diesen hier, der nun mir gehört – aus der Hand gerissen, und es ist nachher in die Zeitung gekommen, wie er ihn gebraucht hat und wie er mit dem Giftvieh gestritten hat wie der Ritter Siegfried mit dem feuerspeienden Drachen.«

Hätte die tote Mutter aufwachen können, sie würde erwacht sein von dem bittern, grimmigen, edeln, siegessichern Ernst, mit[334] dem ihr Sohn die gute alte Klinge ihres Vaters, des Leutnants Wolf Hegewisch, in den Boden stieß und schluchzend rief:

»So will ich auch sein, Paule. Fürchte dich nur nicht; es tut dir keiner was, solange ich so Schildwacht vor dir stehe! Schlafe du ganz ruhig bei unserer lieben, lieben Mama, bis wir in die weite Welt gehen und in den blutigen Krieg, wie der Großpapa mit der lieben Mama und der Großmama.«

Quelle:
Wilhelm Raabe: Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Band 6, Berlin und Weimar 1964–1966, S. 325-335.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Im alten Eisen
Im Alten Eisen; Eine Erzahlung
Sämtliche Werke: Raabe, Wilhelm, Bd.16 : Pfisters Mühle; Unruhige Gäste; Im alten Eisen: Bd 16 (Raabe, Samtliche Werke)

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Der Waldsteig

Der Waldsteig

Der neurotische Tiberius Kneigt, ein Freund des Erzählers, begegnet auf einem Waldspaziergang einem Mädchen mit einem Korb voller Erdbeeren, die sie ihm nicht verkaufen will, ihm aber »einen ganz kleinen Teil derselben« schenkt. Die idyllische Liebesgeschichte schildert die Gesundung eines an Zwangsvorstellungen leidenden »Narren«, als dessen sexuelle Hemmungen sich lösen.

52 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon