Zwölftes Kapitel

[346] Der tapfere Mann und Lebensveteran, der gute Peter Uhusen, dem sie so manchen Spottnamen aufgehängt hatten auf seinen Kriegszügen durch das Menschenschicksal von der ersten Schulbank an, saß in dem bequemen Sessel an dem Schreibtische des Freundes und hatte anfangs schwer beide Hände auf beide Knie fallen lassen. Er hatte gestern abend, als er den Stock aus der Erbschaft der Tante Gottliebe und den Händen der Möllner Tante als Wahrzeichen hineinschickte und zurückließ, sich das Wiederzusammentreffen wahrlich ein wenig spaßiger vorgestellt, als es nun ausfiel. Wie häufig geschieht das, und wie sonderbar, daß selbst Menschen wie dieser dumme Peter sich immer doch von neuem darüber wundern, wenn die lustigen, klaren Wellen, die von Phantasieland herüberrollen, vor ihren Füßen als trübstes Spülwasser des Erdendaseins anlangen!

Der Schmied von Jüterbog, als Verfasser der »Seeräuber von Blankenese«, schlug mit den flachen Händen einen Marsch auf seinen Knien, aber es war ein melancholisch-trauerhaft Tempo, mit dem er seine Gedanken so begleitete. Er nickte vor sich hin, blinzelte mit dem gesunden Auge um sich her, schüttelte den äußerlich so zerfetzten und innerlich so heilen und ganzen Kopf und murmelte:

»Was soll das nun? Was können wir voneinander haben? Wär's gestern auf einen närrischen Abend bei einer Zigarre und einem Glase Wein hinausgelaufen, so hätte es wenigstens das sein können, was der Deutsche gemütlich nennt – ein sauber Wort für mancherlei oft recht unsaubere Dinge. Da hätt ich ihm lachend den Knüppel zwischen die Beine geworfen und mein Vergnügen an seiner Eselhaftigkeit gehabt. Jawohl, Peter Uhusen, ob die Kleine da in Untermeidling unter ihrem grünen Hügel wohl nicht ein wenig an dem alten Stück Eisen beteiligt ist, das dir selber jetzt zwischen die Beine geraten ist und worüber du hierhin, in des Lebens Behaglichkeit, gestolpert bist?... Was hilft er mir in seinen Hosen hier an seinem Frühstückstisch und[346] in seinem Pelz draußen im schlechten Lebenswetter? Und doch – er ist nun so gut wie ich darin – von allem Sonnenschein und Mondenlicht über den Türmen von Lübeck und den Wellen der Lübischen Bucht her! – Und – mit muß er jetzt, allein freß ich diesen sauergewordenen süßen Kinderbrei nicht! Beim Satan, er nimmt auch seinen Löffel, mag er wollen oder nicht.«

Der schwarze Peter selber nahm aber trotz dieses grimmigen Stoßseufzers zuerst doch, wenn auch ganz mechanisch, die Zeitung. Anfangs hielt er sie verkehrt, dann auch mechanisch als gebildeter Mann leserecht. Anfangs las er nicht, sondern sah nur Buchstaben; aber wieder ganz mechanisch setzten sich in ihm diese Buchstaben zu Worten, Namen und Begriffen zusammen. Nun packte er mit beiden Händen, sowohl der gesunden wie der verstümmelten, das Blatt und rückte sich zurecht im Stuhl.

Er vertiefte sich in ein »Referat« über den Freund, in eine ausführliche Besprechung der letzten öffentlichen Leistung desselben. . .

Und wie er vorhin beim Überschreiten der Schwelle: »Donnerwetter, wie gemütlich!« gerufen hatte, so murmelte er jetzt von Zeit zu Zeit, und dann und wann einen Blick nach dem Schlafzimmer nebenan werfend, wo der betäubte, verstörte Albin noch immer mit seiner Toilette beschäftigt war: »Mag er wollen oder nicht; mit muß er! Er weiß alles ja ganz genau! – Er redet zu gut! – Und sein Thema!? Das Kind, das Weib und der Mann auf der Erde!. .. Du liebster Himmel, wie wird der Mensch als Mann auf der Erde meistens im Blindekuhspiel herumgeführt! Da versitze ich vorgestern den ganzen Abend und die halbe Nacht im königlichen Schauspiel – ›Das Leben ein Traum‹ – und nachher einsam mit dem müden Kopf auf beiden Fäusten in den Kaiserhallen, und drei Schritt abseits redet dieser Mensch und Charakter so zur Sache! Den armen Kerl triffst du immer noch früh genug zu Hause, Uhusen, denke ich gestern abend noch und lasse ihm meinen Knüppel des Spaßes wegen als Wahrzeichen zurück, und nun sitze ich so und sage nichts weiter als: ›Gott ist groß, und Mohammed ist sein Prophet!‹ Aber beim Zeus, dem bewölkten und unbewölkten, diesen Mr. Propheten des alten[347] Allah kaufe ich mir jetzt wieder mal mehr denn je und nehme ihn erbarmungslos mit zur Richtigstellung des Verhältnisses von Mann, Weib und Kind zu dieser Erde. Bestellen Sie dreist eine Droschke, Rupfer; ich bin gleich mit dem Artikel fertig und der Herr Hofrat hoffentlich bald mit seinem Kakao.«

»Zeit wird es wohl dafür«, bemerkte Rupfer für sich. »Es geht scharf in den Nachmittag hinein und an die Tabledothe ran.«

In diesem Augenblick schlug die Uhr über dem Schreibtische des Hofrats dreimal.

»Na?« sagte Peter Uhusen aufblickend. »Habe ich so lange Zeit an seinem Lager und jetzt eben hier über der Aufzählung seiner Verdienste versessen?«

Drei! klang es sonor von einer Rokokokonsole hinter dem Rücken des langen Peters. Drei! klang es fein silbern aus dem Nebengemach und noch einmal und noch einmal und noch einmal, bald näher, bald ferner, bald lauter, bald leiser, aus allen Zimmern.

»Das reine Kloster San Juste!« sprach kopfschüttelnd der Schmied von Jüterbog. »Na, na, ob dieser Kaiser Karl der Fünfte da nebenan in seiner Schlafkammer vor seinem großen Stehspiegel wohl genauer als der andere von seinen vielen Uhren erfährt, was es für den Menschen an der Zeit ist? Nun, Gott sei Dank, da ist er wenigstens noch einmal außerhalb seines Katafalks, der wohlgepflegte, blondbärtige, gut erhaltene, mittelalterliche gelehrte Germane, der Liebling seines Publikums und, weiß der Teufel wie's zugeht, mir auch noch immer eine meiner angenehmsten Erinnerungen aus den Tagen der Vergangenheit.«

Hiermit legte der Freund dem Freunde beide Hände auf die Schultern, und so standen beide Männer noch einmal im Leben einander vertraulich gegenüber und unterwarfen jeder den andern einer kurzen, aber scharfen Prüfung. Und sie hatten beide das Gefühl, daß weder der Ernst noch der Scherz, weder die Lust noch der Schrecken der Sterblichkeit sie noch einmal so Brust an Brust, Schulter an Schulter zusammenführen werde. Sie hatten beide die volle Gewißheit, daß die gespenstische Klinge, dieser Degen des Leutnants Wolf Hegewisch, nimmer in den halbvergessenen[348] Schlachten so scharf zugeschlagen habe wie heute an diesem grauen Herbsttage, in dieser stillen, behaglichen Arbeitsstube.

»Wenn der Herr Hofrat wirklich sich wohl genug fühlen, so hält der Wagen unten vor der Tür«, meldete Rupfer mit einem bedenklichen Blick auf den unheimlich gesunden Gast mit dem Stock, dem Säbel, dem einen Auge und den anderthalb Fäusten, der »so ganz tat, als ob er überall zu Hause sei, aber hier bei uns am allermeisten«.

»Wir fühlen uns wohl genug«, sagte Uhusen, ohne auf etwas anderes als auf den Jugendgenossen zu achten. »Sie können gehen, junger Mann; ich werde dem Herrn Hofrat selber in den Pelz helfen. Alle Wetter, wie häufig habe ich mich vergeblich in den Winternächten im Kriege und im Frieden des Lebens nach einem ähnlichen gesehnt. Ja, dem geschorenen Schaf sänftigt Gott den Wind, das ist auch so eine von den vielen schönen Redensarten, wie sie der Mensch, sehr wenig zu seinem eigenen Trost, erfindet.«

Immer mehr wurde der Liebling des gebildeten Publikums wie Wachs unter den Händen des rauhen Patrons, der aus seinen »Winternächten des Lebens« her alles, was er redete, tat, riet, für das unbedingt Richtige, das ganz selbstverständlich Sachgemäße und Zeitgemäße nahm. Wie in den Lübecker Kindheits- und Jugendtagen stand Peter Uhusen an der Spitze, half dem feinen Albin über den Zaun, drückte ihn an die Wand, schlug sich für ihn im Einzelkampf wie im Massenturnier und half auch wohl ihm selber durch ein paar tüchtige Rippenstöße zu einem bessern Verständnis von Welt und Leben in den Gassen der Stadt, an den Ufern der Trave und am Strande der Lübischen Bucht.

Etwas Jungenshaftes hatte er noch immer an sich, in seiner offenen, regenfeuchten Joppe aus breiter Brust blasend und schnaufend. Der Hofrat, der seine Reden im Konzept ausarbeitete und sie nachher drucken ließ, war ihm sonderbarerweise auch auf dem Felde mündlicher Äußerung durchaus nicht gewachsen, und nur mühsam und unbeholfen kam er aus seiner Betäubung heraus zu einer Kundgebung seinerseits.[349]

»Du mußt mir wirklich verzeihen, mein bester Freund, wenn ich immer noch nicht recht weiß, was du eigentlich von mir willst«, stotterte er. »Ich gehe wie ein Traumwandler. Du trittst aus dem Gewölk, aber mich hüllst du vollkommen in ein solches ein. Was hast du mit mir vor? Was sollte mir dein Spazierstock gestern abend, und was soll mir nun dieser Degen des alten Narren, des Leutnants Hegewisch? Du sprichst mir über Leben und Tod in deinen eigenen Angelegenheiten wie über etwas Gleichgültiges, dich kaum Betreffendes, und du wirfst mir diesen freilich etwas unheimlichen Säbel auf das Bett und holst Dinge aus der Vergangenheit hervor, deren Erinnerung uns beiden nur unangenehm und verdrießlich sein kann. Wozu dieses? Ich bitte dich, um Gottes willen, wozu dieses? Das liegt doch alles so weit hinter – mir, hinter uns beiden. Was haben wir erfahren, erlebt, errungen seit jenen Jahren! Was willst du nun mit diesen verjährten, kindischen Erinnerungen, liebster, bester Uhusen? Was soll mir noch der Degen des Leutnants Hegewisch und sein allerliebstes, leichtsinniges, spatzenköpfiges Kind? Ich bitte dich um alles in der Welt, guter Peter, laß doch die Toten ihre Toten begraben haben, und vor allen Dingen sei mein Gast heute an der Wirtstafel im Hôtel de Rome. Ich glaube, daß ich dich da in eine auch dir höchst interessante Gesellschaft einführen kann. Du wirst Leute kennenlernen, die in unserm heutigen Gesellschaftsleben ihre Rollen merkwürdig gut zu spielen wissen. Ich nenne dir nur-«

»Weiß Bescheid um das Volk«, brummte Herr Schmied aus Jüterbog. »Habe mitgespielt auf beiden Hemisphären, und zwar unter einer besseren Direktion als der deinigen – nimm mir das nicht übel, Albin, es schickt sich nicht, verächtlich von dem Degen des Leutnants Hegewisch zu sprechen – wie du es auch mit seiner Tochter halten magst. Ich habe jetzt mehr als zuvor die feste Absicht, dir von dem Zauber, der in dem närrischen alten Eisen liegt, deinen Teil abzugeben, ob du willst oder nicht. Wir gehen heute gewiß zusammen und zuerst zu der Frau Direktorin Cruse. Du erinnerst dich unserer Frau Wendeline aus dem Salon deiner Frau Mutter her? Menschenkind, Nüchternster aller Lieblinge[350] des Publikums, wie rauschte, um bei ihren Worten zu bleiben, voreinst ihre Schleppe durch unser junges Leben! Wir werden zusammen, Arm in Arm, erfahren, wohin die närrische Klinge von Idstedt, Bau und Fridericia weist. Wenn ich mein Gewissen beruhigt haben werde und weiß, wo diesmal die Toten ihre Toten begraben haben, und wenn dann die Zeit noch langt, bin ich bereit für deine Tischgenossenschaft im Römischen Hof und nehme deine Einladung zu allen Genüssen, geistigen und leiblichen, mit Vergnügen an.«

»Rupfer«, seufzte der Hofrat, »wir – der Herr und ich – speisen jedenfalls heute abend hier zu Hause. Sorgen Sie für das Nötige.«

»Hm«, brummte Peter, »lasset die Toten ihre Toten begraben. Man soll den Abend nicht vor dem Tage loben; aber, einerlei, sicher ist wenigstens, daß aus Abend und aus Morgen immer ein neuer Tag wird.«

Er nahm nicht den Degen des Leutnants Hegewisch, sondern seinen eigenen vertrauten Wanderstock aus den Schwartauer Hecken unter den Arm, und Rupfer überreichte seinem Herrn den Regenschirm.

Auf der ersten Treppenstufe sagte der unwiderstehlichste, das heißt zudringlichste aller »Jugendbekannten« gemütlich ermunternd:

»Siehst du, alter Junge, der Mensch kann alles, wenn ihm sein Nachbar im Trübsal unter die Arme greift. Jawohl, so schläft man in die Tage hinein, wenn sie einem zu behaglich gemacht werden. Ein bißchen übernächtig siehst du freilich noch aus, aber dem werden wir bald auf die wirkungsvollste Weise abhelfen. Wir, die wir nur zu oft durch die Trommel oder das Horn aus der süßen Selbstvergessenheit aufgerufen wurden, wissen nur zu wohl, was es um einen traumlosen Schlaf ist, und stören niemand daraus auf ohne dringende Notwendigkeit.«

»Aber ich habe die Nacht in der Tat übel zugebracht«, sagte der Hofrat klagend, und zwar mit einem Blick nach der Korridortür des Kommerzienrats in der Erinnerung an den Lichtschein auf der Schulter und dem Haupte der jungen Dame unter dem[351] Kronleuchter der gnädigen Frau und – an die Visitenkarte seines jetzigen rauhen Führers, die ihm Rupfer nach seiner Rückkehr aus dem Gesellschaftsabend seiner Hausgenossen abgeliefert hatte. Er sagte aber von beiden nichts.

»Ist es nicht schon ein Segen, daß du dich wenigstens noch einmal wieder auf den Beinen findest?« meinte Peter Uhusen weiter. »Wie lange ist's her? Vor zwei Stunden – da lagest du – nicht tot von den Toten begraben, aber scheintot von dem Leben mit Kissen und Kopfweh zugedeckt, in Nervenschwäche verpackt, durchaus nicht fähig, dich selbst deines Ruhmes unter den Lebenden zu erfreuen, und nun ahnst du sowenig wie ich, zu was für einer göttlichen Komödie und zu welchem wundervollen Motiv für spätere objektive Darstellung für Redebühne und Druckerpresse ich dich aus dem Bett zu holen hatte, und zwar mit dem Degen des Leutnants Hegewisch!«

In der Gasse vor dem offenen Wagenschlage seufzte er noch:

»Wahrhaftig, die frische Luft wird dir gut tun. Und mir auch«, setzte er hinzu.

»Da fährt er mit ihm ab wie der Satan mit der armen Seele!« grinste Rupfer, dem Wagen mit bedientenhafter Schadenfreude nachsehend. Der Schmied von Jüterbog aber befand sich mit seinem Jugendgenossen eben auf dem Wege nach dem »Lumpen-, Knochen- und Alteisenkeller« der großen Dame – der guten, alten, tapfern Mama Cruse, ihrer beiderseitigen guten, alten Bekanntschaft, deren königliche Gewänder einst so wundervoll durch ihr junges Dasein gerauscht waren und geglänzt hatten.

Quelle:
Wilhelm Raabe: Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Band 6, Berlin und Weimar 1964–1966, S. 346-352.
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