Vier und Funfzigstes Kapitel.

[161] Aufschrift des grossen Thors zu Thelem.


Hie kommt nicht her ihr Gleisner und Zeloten,

Meerkaterpfoten, feiste Schleckerbruth,

Duckmäuser-Roten dämischer denn Gothen,

Und Ostrogothen, Gog- und Magogsboten,[161]

Lotter-Bigoten, Kuttner weich beschuht

Im Bettelhut, Maulbrocker von der Knut,

Arm Blut voll Wuth, Wellbinder fauler Streich,

Kramt, Schinder, hie nicht aus eur Schelmenzeug.


Eur Schelmenzeug

Erfüllt mein Reich

Mir mit Gestank.

Wie falscher Sang

Verstimmt mein Geig

Eur Schelmenzeug.


Hie kommt nicht her Hay-Schlund und Praktikant,

Vogt, Bazochant Blutegel der Gemeine,

Kein Pharisäer, Schreiber, Offiziant

Mit hohler Hand, der mir das arme Land

Gleich Hunden spannt und zauset an der Leine.

Hol er das Seine sich am Rabensteine,

Hang dort und greine! hie ist kein Exzeß

Für eure Küch, hie braucht man nicht Prozeß.


Prozeß und Streit

Hie nicht gedeiht,

Wo wir uns letzen

Euch müssen hetzen

Die Läng und Breit

Prozeß und Streit.


Hie kommt nicht her, Filz, Lollhart, Wucher-Pack

Mit Heller-Plack, ihr die ihr scharrt und schabt,

Kreck-Kater, Knauser, satt vom Nebelschmack,

Krumm-Nack, Platt-Nasen, die an tausend Pack

In Topf und Sack nicht zur Genüge habt,

Euch nimmer labt wenn man euch drin begrabt

Und voll begabt; dem Teufel in die Tatzen,

Ihr Memmen fahrt mit euern Hungerfratzen.


Fratzen von Solchen

Nicht Menschen, Molchen[162]

Weiset von hier

Fort zum Barbier.

Denn wir erdolchen

Fratzen von Solchen.


Hie kommt auch nicht ihr tollen Köder her

Von Ungefähr, Brummbär und Eifersüchter,

Ihr Spukgesichter kommet nimmermehr,

Kobolde, Währwölf, Hahnreys Meuterheer,

Zu fürchten mehr als Krokodillgelichter;

Ihr räudgen Wichter bis ins Mark voll Gichter:

Für eure Trichter andre Tonnen sucht,

Grindkrustige voll Schund und Schandenzucht.


Zucht, Lust und Preis

Gehn sie im Gleis.

Im fröhligen Bund

Sind All gesund,

Krönt ihren Fleiß

Zucht, Lust und Preis.


Hie aber kommt und tretet frey herein

Ihr Ritter fein, ihr edeln Herrn zumal!

Hie ist der Saal wo man die Renten sein

Wohl mag verleihn, auf daß wir Groß und Klein

Erhalten seyn bey Tausend an der Zahl.

Ihr mein Spezial und meines Herzens Wahl,

Froh, cordial, freysam in That und Rath,

Mit Einem Wort, erlesne Kamarad.


Kamrad erlesen,

Von munterm Wesen,

Mit lauterm Sinn

Freun sich hierinn

An Ernst und Spässen

Kamrad erlesen.


Hie kommet her die ihr des Herren Wort

Dem Feind zum Tort mit flinkem Geist verkündet.

Hie sollt ihr haben feste Burg und Hort,

Wenn Geistermord mit Glossen fort und fort

Die Gnadenpfort uns zuschließt und verspündet.[163]

Kommt! gründet hie den Glauben, weckt und zündet!

Alsbald verschwindet, wann ihr schreibt und sprecht,

Was sich verschworen wider Gottes Recht.


Recht Gottes dauern

In heilgen Mauern

Wird sofortan.

Wo Weib und Mann

Den Feind belauern,

Muß Gott-Recht dauern.


Hie kommt ihr hohen Frauen auch genaht,

Auf frischer That! Glück sey mit euerm Chor,

Ihr Schönheitsflor, der Himmelsäuglein hat;

So kerzengrad, sittsam in Mien und That:

Auf diesem Pfad sprießt Ehre nur hervor.

Für euch erkor der Meister dieses Thor

Und Haus zuvor. Was ihr euch wünscht und wollt

Erfrug er, und begabt' es reich mit Gold.


Mit Gold beschenket,

Nicht schmollt noch kränket

Man den ders beut.

Den Edeln freut

Wenn man sein denket

Mit Gold beschenket.

Quelle:
Rabelais, Franz: Gargantua und Pantagruel. 2 Bände, München, Leipzig 1911, Band 1, S. 161-164.
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