Sieben und Zwanzigstes Kapitel.

[305] Wie wir aufs Eiland der Schlarfen kamen, und von dem Brummbrüder-Orden.


Dann kamen wir auf das Eiland der Schlarfen; die leben von nichts als Stockfisch-Supp. Wurden jedoch ganz wohl verpflegt und unterhalten von Benius dem Landeskönig, Dritten des Namens. Der führt' uns nach der Tränk herum und zeigt' uns ein ganz neues Kloster, nach seiner eignen Invention für die Brummbrüder auferbauet und hergericht, so hieß er seine Ordensmönch: denn, sprach er, auf dem festen Lande wohnten schon die kleinen Freund und Servus-Brüder der lieben Frauen, item die stattlichen Minores, als abbrevirte Bullen-Abbiß und Semibreviarier,[305] die eingeräucherten Picklingsbrüder-Minimi, und die Häkelbrüder-Minimi, und könnt man itzt das Wort nicht weiter minuiren als in Brummbrüder. Nach der Regel und Stiftungsbull so ihnen Quinta, die Keinem leicht den Spaß verdirbt, ertheilet, gingen sie männiglich wie die Mordbrenner angezogen, ausser daß, wie die Schieferdecker in Anjou sich die Knie mit Flecken bepletzen, sie also die Mägen bepflastert trugen; denn Magenpflaster stunden in hohen Ehren bey ihnen. Die Lätz an ihren Hosen waren pantoffelförmig und jeder trug ihrer zween, den einen vorn, den andern hinten; durch diese Doppellätzigkeit behaupteten sie allerley entsetzliche Mysterien auf das getreulichste fürzubilden. Sie trugen runde Schuh wie Näpf, nach der Façon wie sie die Leut die in dem Sand-Meer wohnen, tragen: im übrigen geschorene Bärt, und Nägel in den Sohlen. Und zum Zeichen daß sie um kein Glück sich kümmern, ließ er sie wie Schwein, am Hinterhaupt vom Scheitel an bis auf die Schulterblätter scheeren und rupfen; aber vorne vom Bregmatischen Bein an wuchsen ihnen die Haare frey und unverkürzt. So contrafortunirten sie als Leut die sich um keine Güter der Erde kümmeren. Zu fernerem Trutz wider das wetterwendische Glück, trugen sie ein schneidend scharfes Scheermesser; nicht, wie das Glück, in der Hand, sondern wie ein Rosenkranz im Gurt; das schliffen sie des Tags zweymal, und wetztens alle Nacht dreymal.

Auf seinen Füssen trug Jeder eine runde Kugel, weil, wie man spricht, Fortuna eine darunter führt. Die Deckel ihrer Kapuzen waren nicht hinten, sondern vorn angenäht,[306] mithin ihr Antlitz vermummelt; und so spotteten sie ungestört des Glückes wie der Glücklichen, just wie bey uns die Jungfern, wenn sie ihr Runzeldecklein fürgethan, ihr Nasenfutter wie ihrs nennt; die Alten heissens Liebeslärvlein, weil es an ihnen der Sünden Meng deckt. Hingegen hatten sie allezeit die Hinterköpf ganz frey und baar, wie wir das Antlitz. So kam es, daß sie nach Gefallen bald vorwärts und bald ärschlings gingen. Wenn sie ärschlings gingen, hättet ihrs für ihren natürlichen Gang gehalten, theils wegen ihrer runden Schuh, theils wegen des vorgehenkten Latzes: auch weil ihr hinterstes Gesicht ganz glatt geschoren und ein Maul und ein Paar Augen grob drauf gemalt war, wie ihr an Indischen Nüssen seht. Wenn sie vorwärts gingen, hättet ihr gedacht sie spielten Blindekuh. Man sah sein blaues Wunder an ihnen.

Ihre Lebensart war folgende: Sobald der helle Lucifer auf Erden an zu leuchten fing, stiefelten sie und spornten einander gegenseitig aus christlicher Lieb. Also gestiefelt und gespornt schliefen sie, oder schnarchten doch zum mindesten, und trugen im Schlaf die Nasen bebrillt, oder wenigstens halb beglasaugt.

Die Manier dünkt' uns fast wunderlich; doch gaben sie genügenden Bescheid darüber und führten an, daß am jüngsten Tag, wenn er einst käm, die Menschen ruhn und schlummern würden: um nun klärlich darzuthun daß sie dann nicht, wie die Glücklichen, sich zu erscheinen weigern würden, so blieben sie gestiefelt und gespornt und fertig zu Roß zu steigen, wenn die grosse Posaun erschöll.

Glock zwölf zu Mittag (merket hie daß ihre Glocken, sowohl an der Uhr als in der Kirch und im Rebender, sämmtlich nach dem Pontialischen Waidsprüchlein verfertigt waren, nämlich aus gesteppten feinen Flaumfedern, und der Klöppel ein Fuchsschwanz:) Glock zwölf also erwachten sie, und zogen Stiefel aus: wer wollt, der brunzt', und niest' und kotzt' wer wollt. All' aber nach ausdrücklichem Statut und strenger Vorschrift mußten ausführlichst gähnen was das Zeug hielt; Gähnaffen waren ihr Morgenbrod. Mir kam dieß Spektakel schnakisch für; denn nachdem sie ihre[307] Stiefel und Sporen an eine Leist gehangen, gingen sie in die Kreuzgäng, wuschen sich da fleissig Händ und Mund, setzten sich auf eine lange Bank und stocherten sich in den Zähnen, bis der Präfekt mit einem Pfiff in die hohle Hand das Zeichen gab. Itzt sperrt' ein Jeder was er konnt das Maul auf, und so gähnten sie bald eine halbe Stund, bald drüber oder drunter, jenachdem der Prior das Morgenbrod zum Fest des Tages proportionirt fand. Dann hieltens einen schönen Umgang mit zween Fahnen so dabey getragen wurden; auf der einen von diesen Fahnen war das Bild der Tugend, auf der andern das des Glückes fein gemalt zu sehn. Ein Brummer ging vorauf und trug die Glücks-Fahn, hinter ihm ein zweyter die Tugend-Fahn; und hielt dabey einen in Merkurialisch Wasser wie es Ovid in Fastis schildert, getunkten Wedel in der Hand, damit er jenen Brummer der das Glück trug, unablässig gleichsam drasch. – Die Ordnung, sprach Panurg, lauft wider Cicero und alle Akademiker, die die Tugend voraufgehn lassen, und das Glück nach. – Man belehrt' uns aber, sie könnten nicht anders, hinsichtlich ihre Absicht wär das Glück zu stäupen.

Auf dem Umgang brömmelten sie sehr melodisch ich weiß nicht was für Antiphonen zwischen den Zähnen, denn ihr Rothwelsch verstand ich nicht. Doch als ich näher hinhorcht', hört ich daß sie als mit den Ohren sangen. O schöne Harmoni! wie gut stimmt' sie zu ihrem Glockengeläut: da werd ihr nie einen Mislaut hören. Pantagruelen bracht ihr Umgang auf einen wundervollen Gedanken, und sprach zu uns: Habt ihr auch wohl die Schlauheit dieser Brummenden besehen und bemerkt? Ihr Umgang ging zu der einen Kirchthür 'naus, und zu der andern wieder 'rein. Sie haben sich wohl fürgesehn da wo sie ausgeschlupft sind, wieder einzuschlupfen. Meiner Treu, dieß sind mir schlaue, feine Leut, fein zum Vergulden, nadelfein, wie ein drähten Spinnweb; raffinant, nicht raffinat, und durch das Haarsieb getrieben wo's am feinsten ist. – Dergleichen Feinheit schlägt vielleicht, sprach Bruder Jahn, in die verborgne Philosophie? davon versteh ich den Henker. – Um so fürchterlicher ist sie, versetzt' Pantagruel, wenn man sie nicht versteht! Denn Feinheit errathen, Feinheit vorgesehn, Feinheit entdeckt,[308] verliert der Feinheit Wesen und Namen; man nennts Plumpheit. Ich setz euch meine Ehr zum Pfand, die könnens besser. –

Wenn der Umgang, als eine heilsame Leibesübung und Motion, geendigt war, verfügten sie sich in ihr Remder, und knieten unter den Eßtisch hin, wobey sie sich mit Brust und Magen auf eine Latern aufstemmten. Während sie knieten trat ein langer Schlarf mit einer Gabel in den Saal, womit er sie begabelfrühstückt', so daß sie ihr Essen mit Käs anhuben und mit Senf und Lattich schlossen, wie nach Martialis der Alten Brauch war. Zuletzt bekam noch Mann für Mann einen Teller Senf, und nach der Malzeit ward ihnen ferner Senf servirt. Ihr Speissezettel war wie folget: Am Sonntag assen sie Schlackwürst, Blunzen, Salsuzen, Fricandellen, Wellfleisch, Kalbsmagen, (allzeit den Käs zu Anfang und Senf zum Schluß nicht mitgerechnet.) Montags schöne Speck-Erbsen mit breitem commento et clossa interlineari. Dienstags Weihbrod, Wecken, Plaz, Kuchen, Zwieback die Hüll und Füll, Mittwochs Bauerngrob, will sagen schöne Schöpsköpf, Kalbsköpf, Dachsköpf, woran im Land kein Mangel war. Donnerstags Potagen, sieben Arten, und ewigen Senf dermang. Freytags nichts als Brummbeer'n, aber sie waren nicht einmal ganz reif, wie ich an ihrer Farbe sah. Samstags benagten sie die Knöchlein; und waren doch keineswegs arm oder Hungerleider, denn Jeder von ihnen hätt eine sehr fette Magenpfründ. Ihr Tischtrunk war ein Antifortunal, so hiessen sie eine Art Getränk des Landes. Wenn sie essen und trinken wollten, schlugen sie ihre Kapuzen vorn auf, und dienten ihnen statt Brusttüchlein. Zu End der Malzeit beteten sie ihr Gratias sehr ordentlich, und alles brummweis: übten sich dann den Rest des Tages, in Erwartung des jüngsten Tags, in Liebeswerken: Sonntags zausten sie einander: Montags setzt' es Nasenstüber: Dienstags krellten, Mittwochs rüffelten sie einander. Donnerstags zogen sie sich die Würm aus den Nasen: Freytags zwickten, Samstags fochtelten sie einander. Dieß war ihr Traktement wenn sie im Kloster waren. Gingen sie mit Urlaub ihres Priors aus,[309] war ihnen bey fürchterlichen Strafen streng untersagt Fisch anzurühren und zu essen wenn sie zu See, oder auf einem Flusse wären; noch Fleisch wie es auch heissen möcht, auf festem Land; daß alle Welt hieraus ersähe wie sie sich, im Besitz der Sachen, doch der That und der Begier enthielten und davon so ungerührt als der Marpesische Felsen blieben. Und alles was sie thaten, das begleiteten sie in einemfort mit dazu paßlich auserlesnen Antiphonen durch die Ohren, wie vorgedacht. Wenn sich die Sonn ins Meer verbarg, stiefelten und spornten sie einander wie oben, und legten sich bebrillnast schlafen. Um Mitternacht erschien der Schlarf, da warf sich alles flugs ins Zeug, wetzt' und schliff Messer, kroch unter die Eßtisch wenn der Umgang gehalten war, und's Schmausen ging von frischem an.

Bruder Jahn kam über diese Brumm-Narren und ihre Ordens-Disziplin aus aller Fassung, denn er schrie laut auf und sprach: Da seh mir eins den groben Tischbock! So helf mir Gott, den stech ich, und schab ab. O wär doch Priapus hier, wie weiland bey dem Nacht-Spuk der Canidia! daß er so recht aus vollem Wanst drein farzen und den Contrafurz drein brummen könnt. Itzt seh ich wahrlich daß wir im Land der Antichthonen und Antipoden sind. In Deutschland reißt man die Klöster ein, und zieht den Mönchen die Kutten aus; hie aber drehns den Spieß um und bauns im Gegentheil erst recht auf.

Quelle:
Rabelais, Franz: Gargantua und Pantagruel. 2 Bände, München, Leipzig 1911, Band 2, S. 305-310.
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