Seiner fürstlichen Durchlaucht

Meinem Hochwürdigsten Gnädigen Herren Odet Cardinal von Chastillon.

[3] Eurer Durchlaucht ist geziemend hinterbracht, von wieviel hohen Personen ich um Fortsetzung der Pantagruelischen Mythologien sollicitiret, requirirt und bestürmt bin worden, ja täglich noch werd; aus Ursach weil schon viele sieche, preßhafte oder sonst betrübte untröstliche Leut mit Lesung derselben ihr Bekümmerniß zerstreut, ihr Zeit und Weil ergötzlich verbracht und neue Freud und Trost daraus gewonnen hätten. Welchen ich gemeiniglich zur Antwort geb daß, wie ich dieselben zum Spiel verfaßt, ich damit auf der Welt kein Lob noch Ruhm gesucht hab, sondern einig mein Ziel und Absehn dahin ging, die wenige Lindrung die ich vermöcht, den Kranken und Bekümmerten in Schriften aus der Fern zu reichen, wie ich gern nah und gegenwärtig denen die meine Kunst befragen, wenn Noth ist, damit zu Diensten bin.[3]

Bisweilen halt ich ihnen auch in langen Unterredungen für, wie Hippokrates an mehreren Orten, und sonderlich im sechsten Buch von Seuchen (wo er die Abrichtung des Arztes seines Schülers beschreibt) Soranus der Ephesier, Oribasius, Cl. Galenus, Hali Abbas und mehr Authores nach ihnen gleichfalls, ihn in Gesten, Anstand, Bewegung, Sittsamkeit, Schick, Blick, Gebährden, Reinheit des Gesichtes, Kleidern, Haaren, Bart, Mund, Händen, ja bis auf Verzeichnung der Nägel fürgebildet haben, als ob er in einer erlesnen Comödi den Buhlen oder Freyersmann spielen, oder mit einem mächtigen Feind zum Kampf in die Schranken treten sollte. Auch vergleichet Hippokrates in Wahrheit die Praxin der Aerzt gar schicklich einem Treffen oder Lustspiel zu drey Personen aufgeführt, dem Arzt, dem Kranken, und der Krankheit. Bey welcher Abrichtung mir öfters wann ich sie las, die Antwort beyfiel, die Julia dem Octavianus Augustus ihrem Vater gab. Eines Tages war sie vor ihm in prunkend frechen und üppigen Kleidern erschienen, das ihm höchlich mißfiel, wiewohl er ihr kein Wort drum sagt': Tages darauf verändert' sie ihre Tracht und zog sich sittsam an, wie sich die ehrbaren Römischen Frauen damals trugen. Also gekleidet erschien sie wieder vor ihm. Er, der Tags zuvor sein Mißvergnügen über ihre unnütze Kleidung mit Worten nicht verrathen hätt, konnt itzt die Freud nicht bergen, sie so umgewandelt[4] vor ihm zu sehn, und sprach zu ihr: o wieviel feiner und löblicher steht doch diese Tracht Augustus Tochter! Hurtig war sie mit ihrer Ausflucht bey der Hand, und entgegnet': heut hab ich mich für meines Vaters Angen gekleidet, gestern meinem Gemahl zu lieb. Deßgleichen möcht auch wohl der Arzt, in Tracht und Mienen so verstellet, zumal wenn er den reichen lustigen Staatsrock mit vier Aermeln anhätt, wie sonst die Mod war und Philonium, nach Peter Alexandrinus in 6. Epid. hieß, denen antworten, die etwann den Mummschanz seltsam finden dürften: Also hab ich mich angethan, nicht mich zu brüsten noch aufzublasen, sondern dem Kranken zu lieb, den ich besuch, dem ich durchaus gefallen, ihn mit nichts ärgern noch kränken möchte.

Ja noch mehr. Ueber eine Stell des alten Vaters Hippokrates im oben angeführten Buch disputiren und grübeln wir daß uns schwitzet: nicht, ob des Arztes mürrisch-herbe, griesgrämlich-finstre, Catonische, verdroßne, sauertöpfische und strenge Mien den Kranken betrüb, und ob sein frohes, heitres, offnes, liebreiches, holdes Angesicht den Kranken erfreu, dieß ist ganz klar und ausser Zweifel: sondern, ob solche Freud und Trübsinn herrühr aus der Besorgniß des Kranken, der, wenn er an seinem Arzt dergleichen Affekten wahrnimmt, aus denselben auf seiner Krankheit Katastrophe und Ausgang schliesset, nämlich aus den frohen auf fröhligen und erwünschten, aus den trüben auf betrübten und grausigen; oder von Transfusion der hellen oder finstern, luftigen oder erdigen, fröhligen oder melancholischen Geister vom Arzt auf die Person des Kranken, wie Plato[5] und Averroes meinen. Vor allem haben ernannte Authores dem Arzt besondre Regeln ertheilet, welcher Wort, Ausdrück, Gespräch und Unterredungen er mit Kranken die ihn berufen, pflegen soll, als welche sämmtlich dieß einige Ziel verfolgen und erstreben müssen, auf Gott wohlgefällige Weis ihn zu erheitern, mit nichts zu betrüben. Wie denn Herophilus den Arzt Kallianax hart tadelt, welcher einem Patienten der ihn frug und ausforscht' ob er sterben würd, die unverschämte Antwort gab:


Ging doch Patroclus selbst zur ew'gen Ruhe,

Und war ein weit gescheit'rer Mann als du.


Einem Andern der wissen wollt wie es um seine Krankheit stünd und mit des edeln Patelin's Worten ihn consultirt':


Und seht ihr nicht

An meinem Wasser daß ich sterbe?


antwort' er dummdreist: nein, wofern du der Sohn Latonens bist; (der schönen Kinder Diana und Phöbus Mutter.) Deßgleichen verübelts auch Cl. Galenus lib. 4. Comment. in 6. Epidem. höchlich seinem Lehrer Quintus in der Arzeneykunst, daß er, als ein angesehener Kranker in Rom einst zu ihm sprach: ihr seyd auch nicht mehr nüchtern, lieber Meister, denn euer Othem riecht nach Wein, ihm ungeschliffen darauf erwiedert': und deiner riecht nach Fieber: wessen Ruch und Duft ist nun köstlicher, des Fiebers oder Weines?[6]

Aber die Verleumdung etlicher misanthropischer Kanibalen und Agelasten war über mich so grimmig und sinnlos hergefahren, daß die Geduld mir schier zur Neig ging, und weiter auch kein Jota mehr davon zu schreiben mir fürgesetzet. Denn ihrer geringsten Schmähungen eine war: daß sothane Bücher sämmtlich voll arger Ketzereyen stäken. Und haben doch gleichwohl auch nicht Eine an keinem Ort darinn aufweisen können. Voll heitrer Scherz, Gott und dem König wohlgefällig, allerdings! (dieß eben ist dieser Bücher alleiniger Fürwurf und Thema); voll Ketzereyen, mit nichten: man müßt denn verkehrterweis und wider alle gesunde Vernunft und gemeinen Red-Brauch daraus deuteln was ich für tausend Tod, wenn anders man ihrer so viel erleiden möcht, nicht wollt damit gemeinet haben. Als wie, wenn einer Brod für Stein, Fisch für Schlangen, Eyer für Skorpionen verstehen wollt. Darüber ich zuweilen mich in Euerm Beysein beklagend, Euch ganz frey gesagt hab: daß, wo ich mich selbst nicht für einen bessern Christen hielt als sie an ihrem Teil sich weisen, und wo ich in meinem Leben, Schriften, Reden, ja Gedanken auch nur ein Fünklein Ketzerey verspürt', sie nicht so gräulich in die Schlingen des tückischen Verleumder-Gei stes oder Διάβολος fallen würden, der mir durch ihren Dienst und Werkzeug dieß zum Verbrechen macht. Ich selbst wollt nach des Phönix Beyspiel ja das dürre Reisig zusammenlesen, und selbst zuerst das Feuer zünden das mich zu Staub verbrennen sollte.

Drauf habt Ihr mir gesagt wie solche Calumnien[7] schon dem seeligen König Franz unsterblichen Angedenkens ruchbar worden, und wie Derselbe, nachdem er fleissig durch den Mund und Fürtrag des gelahrtesten getreuesten Anagnosten des Reiches eine deutliche Fürlesung sothaner meiner Bücher (ich sag es, weil man mir deren böslicherweis etliche falsche und schändliche beymessen wollen) angehört und vernommen, nicht eine einige verdächtige Stell darinn erfunden, vielmehr vor einem Schlangenfresser sich entsetzt hab, der auf ein E so durch der Drucker Schuld und Unfleiß verschoben worden, hochnothpeinliche Ketzerey fundiret hätt.

Also hats auch Sein Sohn gehalten, unser so gütiger, tugendhafter, und vom Himmel gesegneter König Heinrich, welchen uns Gott noch lang erhalten woll, und hat für mich Euch einen Freybrief ausgestellet und Seine besondre Protection wider die Calumnianten verheissen. Dieß Evangelium ist mir dann durch Eure Huld von neuem zu Paris, und erst vor kurzem noch bestätigt worden, als Ihr jüngst bey Monseigneur dem Cardinal von Bellay einspracht, welcher sich zu seiner Wiederherstellung von langer und beschwerlicher Krankheit nach Sainct Maur begeben hätt, dem Wohnplatz (oder eigentlicher und besser zu reden) dem Paradies der Heilkraft, Anmuth, Labsal, Lust, Behaglichkeit und aller edeln Vergnügungen des Ackerbaues und ländlichen Lebens.[8]

Mit diesem Trost, Erlauchter Herr, zieh ich auch itzo meinem Kiel ganz unverzagt die Seegel auf, verhoffend daß Ihr, nach Eurer milden Gunst, mir gleichsam ein andrer Gallischer Herkules wider die Lästrer, an Weisheit, Einsicht und Beredsamkeit seyn werdet: ein Alexikakos an Tugend, Macht und Ansehn; von welchem ich mit Wahrheit sagen kann was vom grossen Israelitischen Propheten und Hauptmann Moses der weise König Salomo Ecclesiastici am Fünfundvierzigsten sagt: »ein Mann, der Gott fürchtet und liebt, der aller Welt werth war, und beyde Gott und Menschen ihm hold waren, deß Name hoch gepreiset wird. Gott hat ihn auch geehret wie die heiligen Väter und hoch erhaben, daß ihn die Feinde fürchten mußten, thät ihm zu Lieb viel Zeichen und Wunder. Er macht' ihn herrlich vor den Königen und gab ihm Befehl an sein Volk und ließ sein Licht durch ihn leuchten. Er hat ihn erkohren zum heiligen Stand um seiner Treu und Sanftmuth willen, und ihn aus allen Menschen erwählet. Er ließ sie hören durch ihn seine Stimm, auf daß er denen, die im Finstern wandelten das Gesetz des Lebens und der Weisheit verkündigen sollte.«

Im übrigen Euch angelobend daß ich Alle die mir zu diesen muntern Schriften Glück wünschen möchten, beschwören will, den ganzen Dank, die einige Verpflichtung Euch dafür zu zollen und unsern Herrgott um Erhaltung und Mehrung dieser Eurer Ehren stets anzuflehn: mir selber nichts zuschreibend als pflichtschuldigste Ergebenheit und freyen Gehorsam unter Eure milden Gebot. Denn Euer mir[9] so ehrenvolles Ermahnen gab mir erst Muth und Erfindung; ohn Euch wär mir das Herz schwach worden und meiner Lebensgeister Springquell versiechen gangen. Unser Herrgott erhalt Euch in Seinem heiligen Schutz.

Paris, vom 28sten Jenner 1552.


Euer

treuergebenster und allerunterthänigster

Diener

Franz Rabelais,

Arzt.


Quelle:
Rabelais, Franz: Gargantua und Pantagruel. 2 Bände, München, Leipzig 1911, Band 2, S. 3-10.
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